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Aktuelles Heft 04-05/2008

Grünbuch.

Politische Ökologie im Osten Europas

Editorial | 7

Das globale Prinzip Verantwortung

Daniel Hausknost | 9

Rasender Stillstand

Die simulierte Nachhaltigkeitsrevolution

Dietrich Böhler | 20

Mitverantwortung für die Menschheitszukunft

Die Aktualität von Hans Jonas

Naturbegriff und Umweltgeschichte

Julia Obertreis | 37

Der „Angriff auf die Wüste“ in Zentralasien

Zur Umweltgeschichte der Sowjetunion

Alla Bolotova | 57

Die Geologen: Kolonisatoren am Lagerfeuer

Selbstbild und Naturverständnis in der UdSSR

Andreas Guski | 69

Die Stimme der Opfer

Vom Umgang mit Katastrophen in Russland

Felix Philipp Ingold | 81

Naturraum und Weltbild eines Imperiums

Reflexionen zur russischen Metageographie

Vera Meyer | 95

Idyll, Ware, Ökosystem

Der Wald in der russischen Literatur

Ressourcenraubbau und Verschmutzung

Aleksej Jaroschenko | 107

Angriff auf die grüne Lunge

Der Wald und die Forstwirtschaft in Russland

Regine Richter, Karsten Smid | 117

Raubbau an der Natur

Ölförderung in Westsibirien und auf Sachalin

Michael Bradshaw | 131

Kein Rauch ohne Feuer

Der Konflikt um das Ölprojekt Sachalin II

Jörg Stadelbauer | 151

Goldbergbau in Kirgisistan

Umweltbedrohung und ökonomische Notwendigkeit

Artem Ermilov | 165

Atomtests, Uranförderung und Ölindustrie

Strahlenbelastung und -schutz in Kasachstan

Vladimir Tschuprov | 177

Problemanreicherung

Russlands Uranhexafluorid-Importe

Energie- und Klimapolitik

Martin Konecný, Keti Medarova-Bergström | 189

Falsche Weichenstellung

EU-Kohäsionspolitik zu Lasten von Klima und Umwelt

Jörg Stadelbauer | 205

Russland und der globale Klimawandel

Auswirkungen, Modelle und Szenarien

Tobias Münchmeyer | 217

„Weniger Geld für Pelzmäntel“

Ignoranz und Arroganz in Russlands Klimapolitik

Iryna Stavtschuk | 237

Ukraine: Doppelter Klimawandel

Treibhausgase senken, Wissen vermehren

Jens Boysen | 251

Erneuerbare Energien vor dem Durchbruch?

Energiesituation in Ostmittel- und Südosteuropa

Grzegorz Wisniewski | 265

Grüne Evolution

Perspektiven für erneuerbare Energien in Polen

Vladimir Tschuprov, Aleksej Grigor’ev | 275

Energiezwerg Russland

„Erneuerbare“ im Land der ungenutzten Potentiale

Manana Kochladze | 287

Tradition vor Innovation

Stromproduktion und Energiepolitik in Georgien

Michael Krug | 295

Anstoß zur Nachhaltigkeit

Energieversorgung in Kaliningrad

Lutz Mez, Mycle Schneider | 315

Der Mythos der Wiedergeburt

Atomenergie im 21. Jahrhundert

Vladimir Slivjak | 329

Zeit zum Abschalten

Russlands Atomindustrie hat unrealistische Pläne

Verkehrspolitik

Weert Canzler, Andreas Knie | 337

Auf dem Weg zur Autogesellschaft

Der Personen- und Güterverkehr in Osteuropa

Valerija Bitjukova, Ekaterina Sokolova | 351

Vor dem Kollaps

Moskaus verkehrter Verkehr

Helen Byron, Malgorzota Górska | 359

Kollision im Rospuda-Tal

Polen: Natur und Verkehr im Widerstreit

Erich Forster, Armin Engler Alexandra Krones | 373

Freie Bahn für die Bahn

Die ÖBB und der Personenverkehr über Grenzen

Umweltpolitische Ansätze

Jochen Lamp | 383

Die Ostseepipeline

Ein transnationales Infrastrukturprojekt als Prüfstein internationaler Umweltstandards

Dorota Metera | 393

Wachstumsmarkt

Ökologische Landwirtschaft in Polen

I. Rudenko, U. Grote, J.P.A. Lamers, Ch. Martius | 407

Wert schöpfen, Wasser sparen

Effizienzsteigerung im usbekischen Baumwollsektor

Martin Müller | 419

Schutzgebiete in Russland

Katalysatoren nachhaltiger Entwicklung?

Antonina Kuljasova | 439

Russlands globaler Wald

Waldzertifizierung als Schutz vor Raubbau

Geir Honneland | 447

Kooperation an der Barentssee

Umweltschutz zwischen Russland und Norwegen

Anna Malgorzata Ehrke | 459

Der Markt, die Umwelt und das Image

Chemieindustrie in Polen und der Ukraine

Aleksandr Gnedov | 475

Tonnen für die Tonne

Abfallwirtschaft in Belarus

Christina Gehrlein | 481

Abfall verbindet

Die Umweltpartnerschaft Ludwigshafen–Sumgait

Abstracts | 487
  • Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.):
  • Grünbuch. Politische Ökologie im Osten Europas
  • 496 Seiten, 30 Karten, 40 Abb.
  • Berlin (BWV) 2008
    [= Osteuropa 4–5/2008]
  • Preis: 28,00 €
  • ISBN: 978-3-8305-1493-0

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Daniel Hausknost

Rasender Stillstand

Die simulierte Nachhaltigkeitsrevolution

Das Bekenntnis zu einer nachhaltigeren Zivilisationsform wird immer nachdrücklicher. Politiker aller Couleur opponieren geschliffen gegen den Klimawandel. Doch dem Plädoyer für Nachhaltigkeit und radikalen Wandel folgen ungenügende Taten. Indikatoren wie der „ökologische Fußabdruck“, der den Verbrauch der Biokapazität der Erde durch den Menschen misst, weisen in die falsche Richtung. Die politischen Systeme in Ost und West sind bislang nicht fähig, die größte Herausforderung der Gegenwart zu bewältigen: den Übergang vom fossilen ins postfossile Zeitalter. Die Menschheit muss ihr gesamtes Reproduktionssystem und ihren Stoffwechsel neu konstruieren.



Dietrich Böhler

Mitverantwortung für die Menschheitszukunft

Die Aktualität von Hans Jonas

Als engagierter, zeitsensibler Denker rekonstruierte Hans Jonas in seinem Werk die Selbstbejahung und die innere Werthaftigkeit des organischen Lebens. Jonas erspürte mit „Furcht und Zittern“ die umweltzerstörerischen Folgelasten nicht nur der Hochtechnologie, sondern der etablierten technisierten Lebensform. Gegen beider Absolutheits­anspruch und die zugrundeliegende Verdrängung einer praktischen, moralisch verbindlichen Vernunft durch bloße technische Rationalität setzt Jonas /das/ /Prinzip Verantwortung./ Daran können und sollen sich unser Alltagsverhalten und die Gefahrendiskurse orientieren.



Julia Obertreis

Der „Angriff auf die Wüste“ in Zentralasien

Zur Umweltgeschichte der Sowjetunion

Um die Umweltgeschichte der Sowjetunion zu schreiben, gibt es mehrere Forschungsansätze. Technikkult, ein spezifisches Fortschrittsverständnis und Infrastrukturpolitik müssten mit der ökologischen Diskussion und dem Selbstverständnis verschiedener Expertenlobbys zusammen betrachtet werden. Der Baumwollanbau und die Bewässerungspolitik in Turkmenistan und Usbekistan lassen sich so rekonstruieren. Die 1950er und 1960er Jahre erscheinen als zentrale Phase einer radikalen Moderne, die schnell ökologische und wirtschaftliche Schäden verursachte, aber auch einen sowjetischen Umweltdiskurs hervorbrachte.



Alla Bolotova

Die Geologen: Kolonisatoren am Lagerfeuer

Selbstbild und Naturverständnis in der UdSSR

Im Bild des Geologen kristallisierte sich das Verhältnis der sowjetischen Gesellschaft zur Natur. In der frühen UdSSR galten die Geologen als Helden, die die Natur dem Menschen untertan machen. Von revolutionärer Romantik war nicht mehr viel zu spüren, als unter Stalin vor allem Häftlinge auf Expedition in Taiga und Tundra geschickt wurden. In der späten Sowjetunion hatten die klassischen Naturvorstellungen von Schönheit und Freiheit großes Gewicht. So spielten die Geologen eine zentrale Rolle in der sowjetischen Industrialisierungspolitik und waren zugleich eine Keimzelle dissidentischen Bewusstseins. Im postsowjetischen Utilitarismus, aber auch in den neuen russländischen Ökobewegungen lebt ihr zwiespältiges Erbe fort.



Andreas Guski

Die Stimme der Opfer

Vom Umgang mit Katastrophen in Russland

Viele Kulturen kennen das Opfer als religiöse Kategorie. Mit der Säkularisierung rückte der Begriff in Europa in die juristische Sphäre. In Russland konnten sich öffentliche Debatten und Opferdiskurse kaum entfalten. Vor allem Umweltkatastrophen, die auf natürliche und soziale Ursachen zurückzuführen sind, wurden unter den Zaren und dem Sowjetregime verschwiegen und heruntergespielt. Unter Präsident Putin setzte sich diese Praxis fort. Doch heute verschaffen sich die individuellen Stimmen der Opfer von Katastrophen mehr Gehör in den digitalen Medien.



Felix Philipp Ingold

Naturraum und Weltbild eines Imperiums

Reflexionen zur russischen Metageographie

Auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR umgreift die Russländische Föderation das weltweit größte Staatsterritorium. Die Weite des Raums und des russischen Charakters sind zur unabdingbaren Prämisse der „russischen Idee“ und zum Generator zahlreicher Metaphernbildungen geworden. Spätestens seit dem Zwist zwischen Slawophilen und Westlern hat sich in Russland ein bis heute andauernder vielstimmiger metageographischer Diskurs entfaltet, der in erster Linie der nationalen Selbstvergewisserung dient.



Vera Meyer

Idyll, Ware, Ökosystem

Der Wald in der russischen Literatur

Der Wald ist ein zentrales Motiv der russischen Literatur. In ihm spiegeln sich zeittypische Vorstellungen von der Beziehung zwischen Mensch und Natur. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist der Wald Ort der Selbstfindung des Individuums. Darüber wird er gleichsam selbst zum Individuum. Auf dieser Basis entwickelt sich ein ökologisches Verständnis, das in der Literatur aber erst zum Durchbruch kommt, als der aufkommende Kapitalismus den Wald zur Ware und dann zum Objekt eines rücksichtslosen Raubbaus macht. Obwohl der sozialistische Roman die Aneignung der Natur durch den Menschen feiert oder den Wald zur Metapher für das Kollektiv macht, verschwindet das Thema Waldschutz nicht aus der Literatur. Offizielle Werke zur Unterstützung der stalinschen Wiederaufforstungskampagne wie auch kritische Romane der Brežnev-Zeit wenden sich gegen die Waldzerstörung.



Aleksej Jarošenko

Angriff auf die grüne Lunge

Der Wald und die Forstwirtschaft in Russland

Ein Viertel der Waldflächen der Welt liegt in Russland. Von diesen Wäldern wiederum wird ein Drittel forstwirtschaftlich genutzt. Die Forstressourcen in den besten Gebieten sind erschöpft, weil mehr geschlagen als wiederaufgeforstet wird. Der Druck wächst, wertvolle Primärwälder für Fällungen freizugeben. Der illegale Holzeinschlag ist ein ernstes Problem. Mindestens 25 Prozent des offiziellen Holzein­schlags werden kriminell gefällt. Begünstigt wird dies durch die Folgen bürokratischer Umstrukturierung. Seit 2005 sind die Wälder faktisch ohne Aufsicht, sind Kompetenzen widersprüchlich und die Mittel für Brandschutz unzureichend. Das Ökosystem Wald ist gefährdet.



Regine Richter, Karsten Smid

Raubbau an der Natur

Ölförderung in Westsibirien und auf Sachalin

Die Welt ist abhängig vom Öl und Russland ist einer der Hauptlieferanten des „Schwarzen Goldes“. Daher verschließen die Verbraucher des fossilen Rohstoffs die Augen davor, dass die Ölförderung in Russland verheerende Folgen für die Umwelt hat. Veraltete Förderanlagen und undichte Pipelines führen dazu, dass jährlich Hunderttausende Tonnen Rohöl im russländischen Boden versickern und Flüsse, Seen und das Grundwasser verseuchen. Bauarbeiten an Bohrinseln bei Sachalin gefährden die letzten Pazifischen Grauwale. Obwohl die Ölkonzerne gewaltig von der Produktion profitieren, unternehmen weder sie noch Russlands Regierung etwas gegen die Zerstörung der Natur.



Michael Bradshaw

Kein Rauch ohne Feuer

Der Konflikt um das Ölprojekt /Sachalin II/

Ein internationales Konsortium unter Führung von /Shell /versuchte, das weltweit größte integrierte Gas- und Ölvorkommen vor der Insel Sachalin auszubeuten. Gegen die Kreditfinanzierung von „Sachalin II“ durch internationale Finanzinstitutionen machten NGOs weltweit mobil: Das Projekt verletze grundlegende Umweltstandards. Unterstützung fanden die Umweltschützer plötzlich im Kreml. Dieser entzog dem Konsortium /Sakhalin Energy/ die bereits erteilte Umweltgenehmigung. Doch dies könnte ein Pyrrhussieg sein. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass das nun von /Gazprom /kontrollierte/ /Konsortium dem Umweltschutz größere Aufmerksamkeit widmen wird, als es die internationalen Investoren getan hatten.



Jörg Stadelbauer

Goldbergbau in Kirgisistan

Umweltbedrohung und ökonomische Notwendigkeit

Internationale Unternehmen bauen in Kirgisistan Gold ab. Der Goldbergbau ist ein wichtiger Faktor für die Volkswirtschaft und den Staatshaushalt des Landes. Der Abbau des Goldes kann aber auch zur Umweltbelastung werden. Dies zeigt ein Cyanidunfall vor zehn Jahren. Betreibergesellschaften, Staat und Bevölkerung müssen sich arrangieren, um den widerstreitenden Interessen Rechnung zu tragen.



Vladimir Čuprov

Problemanreicherung

Russlands Uranhexafluorid-Importe

Bei der Urananreicherung fallen weltweit jährlich Tausende Tonnen hochtoxisches, radioaktives Uranhexafluorid an. Dieser Atommüll ist eines der ungelösten Probleme der Nuklearindustrie. Doch Russland naht als Retter: Es betrachtet Uranhexaflourid als Wertstoff, der in Schnellen Brütern eingesetzt werden kann. Diese Reaktoren müssten allerdings erst in großer Zahl gebaut werden. Das ist unrealistisch, weil die Brütertechnologie nicht ausgereift ist, so dass die meisten Staaten sie verworfen haben. Gleichwohl importiert Russland Uranhexafluorid und wird für die teure Entsorgung aufkommen müssen. Abgesehen von den Gefahren bei Transport und Lagerung des Stoffes droht ein finanzielles Fiasko, da aus den Einnahmen für die Aufbereitung des Stoffes keine ausreichenden Rücklagen für die Entsorgung des verbleibenden Atommülls gebildet werden.



Martin Konečný, Keti Medarova-Bergström

Falsche Weichenstellung

EU-Kohäsionspolitik zu Lasten von Klima und Umwelt

Die EU-Finanzierung bis 2013 ist eine einmalige Gelegenheit, die neuen Mitgliedstaaten in Ostmitteleuropa auf einen umweltfreundlichen Entwicklungsweg zu bringen. Doch eine Analyse der EU-Fonds und der staatlichen Planungen zeigt, dass die Fördermittel nur zu einem Bruchteil in Energieeffizienz, erneuerbare Energien und ökologisch nachhaltige Mobilität fließen. Der Verkehrssektor zählt zu den am schnellsten wachsenden Verursachern von Treibhausgasen. Ungeachtet dessen investiert die EU überwiegend in Straßen- und Autobahnbau und konterkariert so die eigenen Anstrengungen für eine Klima- und Verkehrswende.



Jörg Stadelbauer

Russland und der globale Klimawandel

Auswirkungen, Modelle und Szenarien

Der Klimawandel bringt für Russland große Herausforderungen mit sich. Nach einem mittleren Szenario werden sich die Landschaftszonen verschieben. Die Vor- und Nachteile für die Landwirtschaft werden sich in etwa die Waage halten. Bedrohlicher ist der Rückgang des Permafrostbodens. Dadurch werden zusätzlich Kohlenstoffdioxid und Methan freigesetzt. Auch die Infrastruktur wird gefährdet. Zusatzkosten für den Bau und Unterhalt sind zu erwarten. Russlands Politik und Wirtschaft schenken der Brisanz der Probleme bislang nicht die erforderliche Aufmerksamkeit.



Tobias Münchmeyer

„Weniger Geld für Pelzmäntel“

Ignoranz und Arroganz in Russlands Klimapolitik

Der Zusammenbruch der sowjetischen Wirtschaft hatte ein Gutes: Russland konnte danach eine prima Klimabilanz vorweisen, weil die Emission von Treibhausgasen drastisch gesunken war. Doch von einem Musterknaben der Klimapolitik kann nicht die Rede sein. Russland ist hinter den USA und China der drittgrößte Emittent von Treibhausgasen der Welt, die Volkswirtschaft ist so energieintensiv und emittiert soviel CO_2 wie kaum eine zweite, und in Politik und Gesellschaft ist das Wissen über den Klimawandel erschreckend gering. Der Mythos, Russland profitiere vom Klimawandel, ist weit verbreitet. Dabei sind die negativen Folgen und materiellen Kosten bereits heute zu spüren. Eine der zentralen internationalen Herausforderungen ist es, Russland als aktiven Partner für den globalen Klimaschutz zu gewinnen.



Iryna Stavčuk

Ukraine: Doppelter Klimawandel

Treibhausgase senken, Wissen vermehren

Die Ukraine gehört weltweit zu den 20 größten Emittenten von Treibhausgasen. Die Volkswirtschaft ist ineffizient, die Energieverschwendung groß. Die wissenschaftliche Expertise über die Folgen des Klimawandels ist kaum vorhanden, das Bewusstsein in Politik und Gesellschaft schwach entwickelt. Dies bietet NGOs jedoch eine Chance, weil sie nicht gegen gefestigte Ansichten ankämpfen müssen. Auf staatlicher Ebene wie in der Bevölkerung ändert sich das Klima: Die Sensibilität wächst, dass auch die Ukraine ihren Beitrag zur Reduzierung der Treibhausgase leisten muss, um den Klimawandel zu bekämpfen.



Jens Boysen

Erneuerbare Energien vor dem Durchbruch?

Energiesituation in Ostmittel- und Südosteuropa

Klimaschutz und Versorgungssicherheit sind die zentralen Anforderungen an eine nachhaltige Energiepolitik. Die Lösung ist der Ausbau erneuerbarer Energien und die Steigerung der Energieeffizienz. Dies erkennen auch die EU-Staaten an und haben sich auf die Reduktion des Treibhausgasausstoßes und eine Erhöhung des Anteils regenerativer Energien verständigt. Daran sollen auch die osteuropäischen Mitgliedstaaten mitwirken. Die baltischen sowie die südosteuropäischen Staaten haben bereits heute einen hohen Anteil erneuerbarer Energien. In Polen steht jedoch die Kohle, in Tschechien und in der Slowakei zusätzlich auch die Atomkraft weiter hoch im Kurs. Die Potentiale können nur dann besser genutzt werden, wenn die Staaten ihre Förderprioritäten ändern.



Grzegorz Wiśniewski

Grüne Evolution

Perspektiven für erneuerbare Energien in Polen

Polens oberstes energiepolitisches Ziel ist eine geringe Abhängigkeit von Energieträgerimporten. Doch die heimische Steinkohle verträgt sich nicht mit dem Klimaschutz. Die Lösung lautet: erneuerbare Energien. Polen hat sich bereits verpflichtet, deren Anteil bis 2020 auf 15 Prozent des Endenergieverbrauchs zu erhöhen. Seit 2001 werden regenerative Energien gefördert. Doch bislang geschieht zu wenig. Vor allem sollte in die Erzeugung „grünen“ Stroms aus Biomasse, Wind und Sonne investiert werden. Angesichts der langfristigen Vorteile sind auch die hohen Investitionskosten von ca. 15 Milliarden Euro vertretbar.



Aleksej Grigor’ev, Vladimir Čuprov

Energiezwerg Russland

Erneuerbare Energien im Land der ungenutzten Potentiale

Das Potential ist riesig, ausgeschöpft wird es kaum: Erneuerbare Energien spielen in Russland bei der Strom- und Wärmeproduktion fast keine Rolle. Dies liegt zum einen daran, dass der Reichtum an fossilen Energieträgern und die vorhandene Infrastruktur ein energiepolitisches Umdenken nicht notwendig erscheinen lassen. Hinzu kommt, dass dem zentralistischen politischen Denken das Prinzip der dezentralen Versorgung fremd ist, auf dem regenerative Energien beruhen. Mit ökonomischer und ökologischer Nachhaltigkeit hat die Energieversorgung Russlands allerdings nichts zu tun.



Manana Kochladze

Tradition vor Innovation

Stromproduktion und Energiepolitik in Georgien

Obwohl der Kaukasus reich an Energiereserven ist, haben nicht alle Menschen in Georgien Zugang zu genug Gas und Strom. Grund dafür sind hohe Energiepreise und defekte Leitungen. Das Land hat ein enormes Potential an erneuerbaren Energien, doch die Regierung setzt nach wie vor eher auf riesige Staudammprojekte statt auf kleine, dezentrale Wasserkraftanlagen, Windparks, Biomasse, Erdwärme und die Sonne. Die internationale Gemeinschaft, von deren Geld und Expertise die Entwicklung erneuerbarer Energien in Georgien abhängt, sendet zweideutige Signale.



Michael Krug

Anstoß zur Nachhaltigkeit

Energieversorgung in Kaliningrad

Das Gebiet Kaliningrad gehört zu Russlands dynamischsten Regionen. Der Energieverbrauch steigt kontinuierlich und dieser Trend wird sich fortsetzen. Doch die Versorgung der Exklave mit Strom und Wärme ist durch Abhängigkeit und Engpässe gekennzeichnet. Anstatt die Effizienz der Umwandlung und Nutzung von Energie zu verbessern und so eine ökologisch nachhaltige Energieversorgung zu verfolgen, setzt die Gebietsverwaltung auf den Ausbau der Erzeugungskapazitäten durch Atomkraft oder ökologisch bedenkliche Energieträger wie Kohle und Torf. Ein von der EU gefördertes Projekt versucht, die Entwicklung einer nachhaltigen Energieversorgung auf der regionalen und kommunalen Ebene anzustoßen. Im Vordergrund stehen die effiziente Energieumwandlung und Verteilung sowie die rationelle Energienutzung.



Lutz Mez, Mycle Schneider

Der Mythos der Wiedergeburt

Atomenergie im 21. Jahrhundert

Die Rede von der Renaissance der Atomenergie macht die Runde. In 31 Ländern sind 439 Atomkraftwerke in Betrieb. Sie decken 16 Prozent der globalen Stromerzeugung ab. Das ist weniger als der Beitrag aus erneuerbaren Energiequellen. Zwei Drittel der installierten Atomkraftwerksleistung entfallen auf die USA, Frankreich, Japan und Deutschland, ganze vier Prozent auf Schwellen- und Entwicklungsländer. Bis 2030 müssten 339 Reaktoren ersetzt werden, um die AKW-Leistung von heute am Netz zu haben. Die Branche steht wegen des überalterten Personals, fehlender Ausbildungskapazitäten und der Produktionsengpässe vor kaum lösbaren Problemen. Neue Atomkraftwerken sind wegen der Liberalisierung der Stromwirtschaft kaum mehr zu finanzieren. Der behauptete Vorteil beim Klimaschutz ist fraglich. Zumindest in Europa ist die Renaissance der Atomkraft ein Mythos.



Vladimir Slivjak

Zeit zum Abschalten

Russlands Atomindustrie hat unrealistische Ausbaupläne

Nach zwei Jahrzehnten der Stagnation hat Russlands Atomindustrie ihre Wiedergeburt angekündigt. Finanziell scheint dies sogar möglich, da das Ölgeschäft Milliarden in den Staatshaushalt schwemmt. Doch gibt es zahlreiche Hindernisse, die einer Renaissance des Atoms im Weg stehen. Mangelnde Kapazitäten beim Anlagenbau sind noch das geringste. Ein viel größeres Problem sind die gigantischen Altlasten der Atomindustrie, für die es kein überzeugendes Entsorgungskonzept gibt. Sie sind auch der Grund, weshalb der Bau neuer Atomkraftwerke auf einen so großen gesellschaftlichen Widerstand stoßen wird, dass dieser selbst im autoritär regierten Russland nicht zu ignorieren ist.



Weert Canzler, Andreas Knie

Auf dem Weg zur Autogesellschaft

Trends im Personen- und Güterverkehr Osteuropas

Der Verkehrsträger Straße wird künftig auch in Osteuropa dominieren. Die Verkehrsmenge und die Wahl der genutzten Verkehrsmittel folgen dem nordamerikanischen und westeuropäischen Muster. Die nachholende Modernisierung und der wachsende Wohlstand führen in den näch­sten Jahrzehnten zu wachsendem Autoverkehr und damit auch zu neuen Infrastruktur- und steigenden Umweltbelastungen. Nur der Güterverkehr in Russland bildet eine Ausnahme. Bis 2020 wird er sich verdoppeln, doch primär von der Bahn abgewickelt werden.



Viktorija Bitjukova, Ekaterina Sokolova

Vor dem Kollaps

Moskaus verkehrter Verkehr

Moskau erstickt im Verkehr. Der rasante Zuwachs an Autos hat zu einer völligen Überlastung der Straßen geführt. Die Folge ist eine extrem hohe Schadstoffbelastung der Luft. Hinzu kommen Lärm und Bodenkontamination mit Schwermetallen. Die Situation wird durch die Hyperzentralisierung und das ungünstige Straßennetz verschlimmert. Die sternförmig vom Zentrum ausgehenden Ausfallstraßen werden nur durch wenige Ringe verbunden. Dies macht die Wege lang, insbesondere wo Gleiskörper oder Indus­triegebiete Querverbindungen im Weg stehen. Doch statt den öffentlichen Nahverkehr zu stärken, baut die Stadt immer neue Straßen, die alsbald durch noch mehr Autos wieder verstopft sind. Nicht einmal von dem Ringsystem hat sich die Verkehrsplanung abgewandt.



Helen Byron, Małgorzata Górska

Kollision im Rospuda-Tal

Polen: Natur und Verkehr im Widerstreit

Der Ausbau der /Via Baltica/, die Warschau mit Helsinki verbindet, ist in Polen umstritten. Umweltschützer protestieren gegen die Pläne der Regierung, die /Via Baltica/ durch mehrere Naturschutzgebiete zu führen. Lärm und Verschmutzung durch Verkehr würden den Tieren, Pflanzen und Lebensräumen großen Schaden zufügen. Der Streit um den Verlauf der /Via Baltica/ ist ein Präzedenzfall. Er wird zeigen, ob verkehrs- und umweltpolitische Interessen vereinbar sind und ob die EU stark genug ist, Umweltrecht auch gegen Widerstand durchzusetzen.



Erich Forster, Armin Engler, Alexandra Krones

Freie Bahn für die Bahn

Die ÖBB und der Personenverkehr über Grenzen

Seit dem Fall der Mauer ist der grenzüberschreitende Bahnverkehr zwischen Österreich und seinen Nachbarn im Osten und Südosten sprunghaft gewachsen. Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) haben im Nah- und Fernverkehr alte Zugverbindungen ausgebaut, neue aufgenommen, in Infrastruktur und Technik investiert und auch durch eine intelligente Preispolitik neue Kunden in Ost und West gewonnen. Das alles bringt mehr Fahrgäste, umweltpolitische Vorteile und fördert nebenbei das Zusammenwachsen Europas.



Jochen Lamp

Die Ostseepipeline

Ein transnationales Infrastrukturprojekt als Prüfstein internationaler Umweltstandards

Die von der Gesellschaft /Nord Stream /geplante Erdgaspipeline durch die Ostsee ist nicht nur politisch umstritten. Sie ist auch eine umweltpolitische Herausforderung. Umweltschäden können bei der Querung von Schutzgebieten oder durch tiefgreifende Bodenveränderungen entstehen. Welches Risiko militärische und chemische Altlasten auf dem Ostseegrund darstellen, ist ebenfalls noch nicht geklärt. Vor dem Bau der Pipeline wird eine staatenübergreifende Umweltverträglichkeitsprüfung nach der Espoo-Konvention durchgeführt. Dieses Verfahren sorgt für hohe Transparenz. Ob die Ergebnisse der Studie nachvollziehbar sein und mögliche umweltpolitische Bedenken auch Konsequenzen nach sich ziehen werden, ist noch offen. Anlass zur Skepsis gibt, dass bereits Zuleitungen und Fertigungswerke für die Pipeline gebaut werden, obwohl der Umweltbericht noch gar nicht vorliegt.



Dorota Metera

Wachstumsmarkt

Ökologische Landwirtschaft in Polen

Polen ist einer der großen europäischen Agrarstaaten. Da die kleinteilige polnische Landwirtschaft vergleichsweise wenig industrialisiert ist, sind dem Land die gravierenden Folgen der konventionellen Landwirtschaft wie Bodenversauerung, Trinkwasserverschmutzung und Reduzierung der Artenvielfalt weitgehend erspart geblieben. Daher ist auch die Aufmerksamkeit für ökologischen Landbau nicht so groß wie etwa in Deutschland. Gleichwohl steigt die Zahl der Betriebe, die kontrolliert ökologische Landwirtschaft betreiben. Immer mehr Bio-Produkte gelangen auf den Markt.



I. Rudenko, U. Grote, J.P.A. Lamers, Ch. Martius

Wert schöpfen, Wasser sparen

Effizienzsteigerung im usbekischen Baumwollsektor

Der Baumwollanbau in Zentralasien gehört zu den wichtigsten Ursachen für eine der verheerendsten menschengemachten Umweltkatastrophen: die Austrocknung des Aralsees. Die ökologische Situation kann nur verbessert werden, wenn dies nicht mit ökonomischen Einbußen einhergeht. Am Beispiel der usbekischen Baumwollregion Choresm läßt sich zeigen, dass dies möglich ist. Der Wasser- und Landverbrauch kann ohne Einkommenseinbußen um mehr als zwei Drittel verringert werden. Dazu muss die Wertschöpfung durch die Weiterverarbeitung der Fasern vor Ort und den Export höherwertiger Produkten erhöht werden.



Martin Müller

Schutzgebiete in Russland

Katalysatoren nachhaltiger Entwicklung?

Schutzgebiete sollen Natur bewahren sowie eine ökonomisch und sozial nachhaltige Entwicklung fördern. Seit den 1990er Jahren engagieren sich Schutzgebietsverwaltungen in Russland in der Umweltbildung und im Tourismus. Die Einbindung der lokalen Bevölkerung in das Schutzgebietsmanagement gewinnt an Bedeutung. Administrative Reformen unter Putin haben jedoch den Status der Schutzgebiete entwertet. Sie müssen sich als wirtschaftliche Unternehmen beweisen und geraten zunehmend unter Erschließungsdruck.



Antonina Kuljasova

Russlands globaler Wald

Waldzertifizierung als Schutz vor Raubbau

Die Globalisierung hat die Taiga erreicht. Das Holz der borealen Wälder Russlands ist auf dem Weltmarkt ein begehrtes Gut. Wo der Staat schwach ist und die Korruption blüht, sind einzigartige Urwälder von Raubbau bedroht. Die Öffnung der Grenzen hat aber auch positive Seiten. Multinationale Holzkonzerne stehen unter der Beobachtung internationaler NGOs. Auch nehmen ihnen viele Kunden nur dann Holz ab, wenn sie mit einem Zertifikat nachweisen können, dass der Einschlag ökologische und soziale Nachhaltigkeit gewährleistet. Diese Waldzertifizierung dient nicht nur dem Naturschutz, sie stärkt auch die Zivilgesellschaft in Russland.



Geir Hønneland

Kooperation an der Barentssee

Umweltschutz zwischen Russland und Norwegen

In der Barentsregion gibt es Konflikte wegen ökologischer Fragen zwischen Norwegen und Russland. Da geht es um Fangquoten und die Ausrüstung der Fischerei, die Überfischung der Kabeljaubestände, die Sanierung der radioaktiven Altlasten der sowjetischen Nordflotte auf der Kola-Halbinsel bis zu CO_2 -Emissionen und Nuklearsicherheit. Um diese Konflikte zu regeln, arbeiten die Staaten bilateral und in transnationalen Foren wie der /Euroarktischen Barentsregion /zusammen/. /Die Resultate des grenzüberschreitenden Umweltschutzes sind durchwachsen. Das erratische Agieren der russländischen Umweltbehörde und deren Zerschlagung unter Putin schränkt die Handlungsfähigkeit der umweltpolitischen Kräfte in Russland ein und schwächt die Kooperation.



Anna Małgorzata Ehrke

Der Markt, die Umwelt und das Image

Chemieindustrie in Polen und der Ukraine

Die chemische Industrie in Polen und der Ukraine wird mit Umweltsünden assoziiert. Doch die Umweltbelastungen durch diese Branche sind seit 1989 gesunken. In der Ukraine ist es die Folge der Wirtschaftskrise, in Polen liegt es am Beitritt zur EU. Seitdem gelten in einigen Bereichen schärfere Umweltstandards. Um sie zu erfüllen, mussten die Unternehmen in Umwelttechnik investieren. Auch der Markt bietet Anreize für umweltkonformes Verhalten. Umweltengagement ist gut für das Image. Doch gleichzeitig wehrt sich die chemische Industrie gegen zu viel Transparenz und schärfere Grenzwerte. Nachhaltigkeit ist bis heute kein Thema.



Aleksandr Gnedov

Tonnen für die Tonne

Abfallwirtschaft in Belarus

Das Abfallaufkommen in Osteuropa wächst. Pro Kopf fallen zwar noch deutlich weniger Siedlungsabfälle als in Westeuropa an, doch der Abstand verringert sich. In Belarus werden Siedlungsabfälle ausschließlich auf Deponien gelagert, Müllverbrennungsanlagen gibt es keine. Viele Deponien erfüllen moderne umwelttechnische Anforderungen nicht. So fehlt ihnen etwa eine Abdichtung, die das Eindringen von schwermetallhaltigem Sickerwasser in das Grundwasser verhindert. Auch Abfalltrennung findet kaum statt. Wertstoffcontainer und gelbe Säcke gibt es nur vereinzelt, das von der Sowjetunion übernommene System der Rohstoffsammlung funktioniert mehr schlecht als recht. Wenn das 2008 in Kraft getretene neue Abfallgesetz konsequent umgesetzt wird, ist Besserung in Sicht.



Christina Gehrlein

Abfall verbindet

Umweltpartnerschaft zwischen Ludwigshafen und Sumgait

Sumgait in Aserbaidschan ist einer der am schwersten verschmutzten Orte der Welt. Bis vor fünf Jahren prägten Öl- und Quecksilberpfützen sowie wilde Kippen das Stadtbild. Weite Flächen sind von der sowjetischen Chemieindustrie verseucht. Mit Hilfe seiner Partnerstadt Ludwigshafen begann Sumgait 2003 diese Areale systematisch zu erfassen, zu reinigen und Abfälle besser zu entsorgen sowie die Bevölkerung stärker für Umweltschutz zu sensibilisieren – mit Erfolg: Obwohl noch viele Probleme ungelöst sind, gilt Sumgait im Kaukasus als Vorbild, von dem andere Städte in der Region lernen.



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