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Heft 1/2003


152 Seiten
Osteuropa 1/2003
Preis: 8,50 €

Coverbild

Manfred Sapper | 3

Editorial
Zeitwende
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Für Osteuropa ist der Übergang ins Jahr 2003 mehr als ein Jahreswechsel. Wenn ein Attribut wie „historischer Einschnitt“ überhaupt eine Berechtigung hat, dann in Fällen wie diesem. Mit dem 31.12.2002 ist die Aachener Epoche der Zeitschrift zu Ende gegangen. Das Januar-Heft von Osteuropa ist das erste, das in Berlin produziert worden ist. Osteuropa ist damit an jenen Ort zurückgekehrt, wo sie 1925 von Otto Hoetzsch als „Zeitschrift für die gesamten Fragen des europäischen Ostens“ gegründet worden war und herausgegeben wurde, ehe sie unter nationalsozialistischer Herrschaft 1939 eingestellt werden mußte. Nun hat die Redaktion in der Geschäftsstelle der DGO ihren Platz gefunden. Gleichzeitig ist die Aachener Epoche auch personell abgeschlossen. Nach dem Ausscheiden des langjährigen Chefredakteurs Dr. Alexander Steininger vor knapp einem Jahr hat sich nun mit Jutta Unser das zweite „karolingische Urgestein“ in den Ruhestand verabschiedet. 1964 trat Jutta Unser, die nach Aachen gekommen war, um bei Klaus Mehnert Politikwissenschaft zu studieren, in die von ihm geleitete Redaktion ein, kurz bevor in Moskau Nikita Chruščev gestürzt wurde. Ob es zwischen beiden Vorgängen einen kausalen Zusammenhang gab, entzieht sich der Kenntnis der osteuropäischen Geschichtsschreibung. Fakt ist jedoch, daß sich Jutta Unser um die Geschichte von Osteuropa in vielerlei Hinsicht verdient gemacht hat. Wie Alexander Steininger blieb auch Jutta Unser über Jahrzehnte der Redaktion in wechselnden Funktionen verbunden zunächst als Volontärin, dann als Redaktionsassistentin und schließlich als Redakteurin. Auch als Autorin ist sie aufgetreten: Aus ihrer Feder stammt ein wichtiger Beitrag zur Geschichte der Zeitschrift in ihrer ersten Berliner Epoche. Das Gesicht der Zeitschrift hat sie maßgeblich mitgeprägt. Jutta Unsers unspektakuläre Souveränität in allen Phasen der Produktion, ihre Kenntnisse und Zuverlässigkeit bleiben vorbildlich. Mit Charme, Humor und Kompetenz betreute sie „ihre“ Autoren. Zahlreiche Kollegen, Redaktionsneulinge und Praktikanten profitierten von ihrer uneigennützigen, bis zum letzten Tag und darüber hinaus geleisteten Arbeit und ihrer schier unerschöpflichen Geduld. Deren aller Dank dafür ist ihr gewiß. Der Politikwissenschaftler und Slawist Volker Weichsel tritt Jutta Unsers Nachfolge an. In der Redaktion wird er unter anderem dafür Sorge tragen, die Brücke, welche die Zeitschrift von Ost nach West schlagen will, auf einem Pfeiler in Ostmitteleuropa zu gründen und das kulturelle Fundament von Osteuropa zu stärken. Das Heft, das Sie in den Händen halten, ist bereits eine gemeinsame Produktion der alten und neuen Redaktion. Ihnen liebe Leserinnen und Leser als Leserin oder Leser ist nicht entgangen, daß einige der auf der Redaktionskonferenz vor einem Jahr erarbeiteten Reformen der Zeitschrift angestoßen wurden. Andere sind schon realisiert. Mit dem Osteuropa-Spezial zum Petersburger Dialog stellte die deutsche Osteuropaforschung ihre Expertise in der Zeitschrift unter Beweis, ohne daß dabei die wissenschaftliche Solidität dem Aktualitätszwang geopfert wurde. Die Debatte über „Rechtsextremismus in Transformationsgesellschaften“ (in Osteuropa 3, 5, 7, 8/2002) stieß ebenso wie das Themenheft zum Staatsangehörigkeitsrecht (6/2002) auch jenseits der Osteuropaforschung auf Beachtung. Das zur Buchmesse vorgelegte Länderheft über Litauen (9-10/2002) fand nicht nur wegen des ungewöhnlichen Titelblatts breiten Zuspruch. Bitten um Nachdruckrechte aus den USA, Großbritannien und den Niederlanden sprechen für sich. Das alles sind erste Erfolge auf dem Weg, Osteuropa zum zentralen Forum des wissenschaftlichen Ost-West-Dialogs zu machen und dabei den Herausforderungen Rechnung zu tragen, die mit dem Umbruch in Europa verbunden sind. Einen großen Teil des Weges hat Osteuropa noch vor sich. Dabei ist jederzeit mit Gegenwind zu rechnen. Trotzdem sind die Zwischenziele gesteckt: Das nächste Projekt ist ein Themenheft über „Kaliningrad“. Im Herbst wird Osteuropa anläßlich der Frankfurter Buchmesse, in deren Mittelpunkt Rußland stehen wird, erstmals in Kooperation mit einer der renommiertesten kultur- und gesellschaftspolitischen Zeitschriften Rußlands gleichzeitig in Deutschland auf deutsch und in Rußland auf russisch erscheinen. Bei dem Motto „Kontinuität im Wandel“ wird es auch nach der Zeitenwende bleiben. In der Zusammensetzung Margrit Breuer, Volker Weichsel und Manfred Sapper geht die Redaktion die Aufgaben an. Zu bewältigen sind sie nur mit Ihrer Unterstützung. Wir zählen auf Sie! Schließen

Jerzy Szacki | 5

Liberalismus nach dem Ende des Kommunismus

Barbara Oertel | 19

Viel Presse - wenig Freiheit
Medien und Macht in Rußland, der Ukraine und Belarus
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Elf Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion haben auch bei den Journalisten in Rußland, der Ukraine und Belarus die anfänglich überschwenglichen Freiheitshoffnungen weitgehend Ernüchterung Platz gemacht. Immer noch dominieren Staatsmedien oder Medien in der Hand von meist mit der jeweiligen Staatsmacht verbandelten sogenannten Oligarchen den Markt. Demgegenüber wird unabhängigen Medien, die meist am finanziellen Abgrund stehen, das (Über)leben durch vielfältige Schikanen schwergemacht: Mit Razzien der Steuerpolizei, Gerichtsverfahren und der Verurteilung zu drakonischen Geldstrafen, ja sogar mit physischer Gewalt gegen einzelne Journalisten. Doch gibt es durchaus auch positive Ansätze, verkörpert durch Vertreter der „neuen“ Generation, die sich, nicht selten aller Bedrohung zum Trotz, für Presse- und Meinungsfreiheit einsetzen. Schließen

Wilfried Jilge | 33

Kulturpolitik als Geschichtspolitik
Der „Platz der Unabhängigkeit“ in Kiev
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Wesentliche Bereiche der offiziellen Kulturpolitik der Ukraine sind den Ansprüchen der Geschichtspolitik des Staates untergeordnet. Da „Nation“ ein zentrales Mittel der Herrschaftslegitimation ist, werden nationalhistorische Themen durch die Kunst in der Gesellschaft implementiert, um geschichtspolitische Ansprüche des Staates zu bedienen. Dies geht einher mit der einseitigen Unterordnung ästhetischer und fachlicher Fragen unter geschichtspolitische Prämissen. Diese Tendenzen lassen sich exemplarisch anhand der Denkmalspolitik am Beispiel des „Platzes der Unabhängigkeit“ in Kiev belegen. Das monumentalische Geschichtsbild der Denkmalensemble und die Intransparenz des Rekonstruktionsprozesses scheinen dabei ein Sinnbild für die allgemeine autoritäre politische Entwicklung der staatlichen Exekutive der Ukraine in den letzten Jahren zu sein. Schließen

Sabine Riedel | 58

Bulgarien zwischen Subsistenzwirtschaft und Weltmarkt
Überlegungen zum Gestaltungsspielraum der Wirtschafts- und Sozialpolitik
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Ein Jahr nach dem Amtsantritt Simeon Sakskoburggotskis als bulgarischer Ministerpräsident ist von seinen Plänen für eine Neuorientierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik wenig übriggeblieben. Hauptursache hierfür sind die Konditionalitäten des IWF, die an finanzpolitischen Stabilisierungsmaßnahmen festhalten. Doch während sich Bulgariens Wirtschaft am Weltmarkt orientiert, können sich immer weniger Bulgaren am eigenen Binnenmarkt beteiligen. Reallöhne weit unterhalb des Niveaus sozialistischer Zeiten haben viele Menschen in die Subsistenzwirtschaft gezwungen. Die Fixierung des Lev an den Euro erweist sich nicht etwa als Stützkorsett für den angestrebten EU-Beitritt. Zuerst müßte die bulgarische Regierung Handlungsräume für eine eigenständige Wirtschafts- und Sozialpolitik zurückgewinnen und zu einer flexiblen Währung zurückfinden. Hierzu braucht sie veränderte Konditionalitäten bei der Vergabe neuer Kredite auf internationaler Ebene. Die EU-Mitgliedstaaten könnten dies mit einer gemeinsamen Strategie innerhalb des IWF für eine nachhaltige sozioökonomische Entwicklung Bulgariens sowie der Region Südosteuropa unterstützen. Schließen

Ivo Bock | 77

Das „sudetendeutsche Thema“ in der tschechischen Literatur
Stereotype und Gegenstereotype
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In der tschechischen Öffentlichkeit hat sich eine breite und kritische Debatte über die Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg erst nach dem Umbruch 1989 entwickelt. Einen wesentlichen Grundstein für diese Aufarbeitung legte die tschechische Prosa, die ein teilweise äußerst (selbst-)kritisches Bild des dramatischen Endes des tschechisch-deutschen Zusammenlebens in Böhmen und Mähren lieferte. In der tschechischen Nachkriegsliteratur sorgte jedoch zunächst der sogenannte Kolonisationsroman in den fünfziger Jahren für die Verfestigung von Stereotypen, die die Gewalt gegen die Deutschen klassenkämpferisch rechtfertigten. Schon in Romanen, die seit den späten fünfziger Jahren und während des liberalen Intermezzos der späten sechziger Jahren geschrieben wurden, begann eine tiefgreifende Umwertung des Maiaufstands von 1945, der Exzesse gegen die Deutschen nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands, der Deportationen und der Neubesiedlung des Grenzlandes. Dieser neue und bis heute dominierende kritische Blick tschechischer Schriftsteller auf die unmittelbare Nachkriegszeit gelangte nach 1968 in der im westlichen Ausland und im Samizdat erschienenen Prosa zum Durchbruch. Schließen

Karlheinz Kasper | 94

Literatur und literarisches Leben in Rußland 2002
Kontroverse Rußlandbilder
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Der noch vor einem Jahr strapazierte Begriff der „Literaturkrise“ ist aus den Schlagzeilen der Medien verschwunden. Auch wenn der Schriftsteller heute allein von der literarischen Arbeit nicht leben kann, ist die russische Literatur als ästhetisches und ideologisches Phänomen wieder im Aufwind. Was die Quantität betrifft, bietet sie ein imposantes Bild. Viele Texte halten allerdings strengen künstlerischen Kriterien nicht stand. Auffallend ist das wieder gewachsene Interesse zahlreicher Autoren am Schicksal Rußlands und seiner Menschen. Gestandene Schriftsteller und Debütanten beschäftigen sich jedoch mit unterschiedlichen Problemen und skizzieren abweichende Lösungen. Schließen