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Im Schatten des Irakkriegs, der als „großer Krieg“ zwischen Staaten geführt wird, dauert der „kleine Krieg“ in Tschetschenien an. Auf tschetschenischer Seite sind asymmetrische Strategien der Kriegsführung und religiöse Motive zu beobachten. Dazu gehören Kampfformen wie Selbstmordanschläge aber auch Guerillakampf mit modernster Ausrüstung und militärischem Know-how. Die Kämpfer bieten einer Übermacht Paroli, indem sie zusätzliche Ressourcen mobilisieren und so ein Gleichgewicht herstellen, das auf das Kosten-Nutzen-Kalkül des Gegners zurückschlägt und diesen zum politischen Einlenken zwingen könnte. Das Ziel der Rebellen besteht offensichtlich nicht im militärischen Sieg über die überlegenen rußländischen Truppen, sondern in der moralisch-ökonomischen Abnutzung und damit Schwächung des Gegners.

Rußland sieht sich mit dem Szenario einer demographischen Krise konfrontiert. Halten die gegenwärtigen negativen Trends an, dann wird Rußland, dessen Bevölkerung seit 1989 um etwa vier Millionen schrumpfte, bis 2016 nochmals ungefähr zehn Millionen Menschen verlieren. Eine solche Entwicklung hat nicht nur weitreichende Implikationen für die rußländische Wirtschaft und Gesellschaft, sie könnte auch den Zusammenhalt des Vielvölkerstaates bedrohen. Problematisch könnte die Situation für Rußland insbesondere im krisengeprägten Nordkaukasus und im dünn besiedelten Fernen Osten des Landes werden. Das Bewußtsein um die demographischen Probleme und deren Ursachen hat sich in Rußland in den letzten Jahren zwar geschärft. Der Umgang damit in der politischen Praxis zeugt allerdings noch immer von einer Haltung, die dazu tendiert, so heikle Problemfelder wie die rasante Ausbreitung von HIV/AIDS, den wachsenden Konsum von Drogen oder die hohe Abtreibungsrate zu tabuisieren oder zu ignorieren.

Das Fiasko bei der Präsidentenwahl im Herbst 2002 hatte die Transformationsprobleme Serbiens deutlich gemacht. Von der Aufbruchstimmung nach dem Sturz von Slobodan Milošević schien wenig geblieben zu sein. Politische Teilnahmslosigkeit und wenig Zukunftshoffnung bestimmten das Denken der Bürger. Erste Erfolge auf dem Weg zu einer funktionierenden Marktwirtschaft und das weitgehende Scheitern bei der Reform des Staates charakterisierten die Bilanz der Regierung von Premier Zoran Đinđić. Der Machtkampf zwischen dem Premier und dem ehemaligen jugoslawischen Präsidenten Vojislav Koštunica hatte wichtige Projekte wie die Reform der serbischen Verfassung blockiert und den Vertrauensvorschuß der internationalen Gemeinschaft für Serbien weitgehend aufgebraucht. In diese Situation fiel der Mord an Đinđić. Viele Bürger begriffen erst jetzt, wen sie verloren hatten. Mit der Trauer keimte auch leise Hoffnung auf. Der neue Premier Zoran Živković, die Regierung und die sie tragenden Parteien versprechen die Fortsetzung der Reformen und einen neuen Anlauf zur Bekämpfung des organisierten Verbrechen. Vom Zusammenwirken der demokratischen Kräfte hängt es ab, ob Demokratie und Rechtsstaat in Serbien zum Tragen kommen.

Am zweiten Juni-Wochenende wird in Polen über den Beitritt zur Europäischen Union abgestimmt. Dieses wichtige Referendum findet in einem schwierigen wirtschaftlichen und politischen Umfeld statt. Die gesellschaftliche Unzufriedenheit über die hohe Arbeitslosigkeit, den mangelnden Wirtschaftsaufschwung sowie eine politische Elite, die zerstritten ist und wenig Vertrauen genießt, ist groß. Obwohl fast alle maßgeblichen politischen und gesellschaftlichen Kräfte den Beitritt befürworten und die Umfragen auch nach dem bescheidenen Schlußergebnis des EU-Gipfels von Kopenhagen ein deutliches Ja vorhersagen, herrscht eine gewisse Unsicherheit vor. Insbesondere ist unklar, ob eine weit verbreitete Skepsis und die Propaganda der populistischen Gegner eines Beitritts zur EU doch noch dazu führen könnte, daß die Beteiligung unter die von der Verfassung vorgeschriebenen 50 Prozent fällt.

Der Zusammenbruch der sozialen Sicherungssysteme, rasant wachsen-de Lebenshaltungskosten und eine weitverbreitete Schattenarbeitslosig-keit: Dies sind nur einige der Erscheinungen, die zu der berechtigten Einschätzung geführt haben, die rußländische Gesellschaft befände sich in einer tiefen Krise. Diese objektivierende Perspektive sagt jedoch we-nig aus über das subjektive Empfinden der Menschen. In Zeiten des Umbruchs und der Unsicherheit erzählen diese ihre alltägliche Lebens-geschichte, in der sie ihr Selbstverständnis in ihrem sozialen Umfeld präsentieren, nicht nur als Geschichte des Leids und des Niedergangs, sondern auch als eine des Erfolgs – und bestehe dieser auch nur im Er-werb eines neuen Kühlschranks.

Während das Gesellschaftsbild der russischen Literatur 2002 einen Spannungsbogen aufweist, der von der apologetischen Affirmation konservativer Werte bis zu deren totaler Ablehnung reicht, besitzt das Menschenbild vieler Schriftsteller in der kaputten Biographie einen gemeinsamen Nenner. Insbesondere an epischen Gattungen wie dem Roman und der Povest’ läßt sich erkennen, daß sowohl ältere als auch jüngere Autoren gegenwärtig häufig davon ausgehen, daß die Biographien der Menschen nicht mehr intakt sind. Nicht selten gestalten sie Lebensläufe, die an der Geschichte zerbrechen, von sozialen Umwälzungen zerstört werden, durch tiefgreifende Konflikte mit der Zeit, chaotische Abstürze und eskapistische Aktionen markiert sind.
