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Stellt man die großen Fragen, die dem innergesellschaftlichen Wettbewerb des Ost-West-Konflikts zugrunde lagen zu analytischen Zwecken erneut, so brachte der Zusammenbruch des Staatssozialismus in Osteuropa ambivalente Ergebnisse. In der sozialen Frage hat sich überall - vielleicht außer in Belarus - die marktregulierte Wirtschaft durchgesetzt. Doch nach fast anderthalb Jahrzehnten fällt es immer schwerer, die damit einhergehenden Härten à la lettre als „Transformationsprobleme“ zu begreifen. In der nationalen Frage löste die Erosion der durch Repression zusammengehaltenen staatlichen Ordnungen einen insgesamt erstaunlich friedlichen Wettbewerb aus. Allerdings eskalierte er überall dort blutig, wo verschiedene Ansprüche auf nationale Staatsterritorien miteinander konkurrierten. Nach dem Zerfall der multinationalen Föderationen Tschechoslowakei, Jugoslawiens und UdSSR sowie der in Ansätzen zu verzeichnenden Konsolidierung der Rußländischen Föderation und auf dem Balkan scheint sich ein neues Gleichgewicht einzustellen. Dies gibt Raum für die dritte Frage, die bislang deutlich im Schatten stand: die der Gleichberechtigung von Frau und Mann, kurz: für die Geschlechterfrage. Da sich die publizistische und wissenschaftliche Aufmerksamkeit proportional zur Blutigkeit eines Konflikts zu verhalten scheint, wurde dem Verhältnis der Geschlechter in der Transformation bisher kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Grund genug für Osteuropa, diesem Thema einen Schwerpunkt zu widmen. Der Fokus der empiriegesättigten Beiträge mit vergleichender Perspektive ist auf die politische Partizipation von Frauen in Parteien und Parlamenten sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen gerichtet. Die gesellschaftstheoretischen Grundfragen stellen sich in gleicher Weise wie in der nationalen Frage: Sollen die Geschlechter als rechtlich verfaßte Gruppen anerkannt werden, oder sollen Mann und Frau lediglich die gleichen Individualrechte zugebilligt bekommen? Sollen gesellschaftliche Ungleichheiten, welche die rechtliche Gleichstellung unterlaufen, durch asymmetrische Unterstützungspolitik wie Quotierung ausgeglichen werden und falls ja, in welchem Maße? Und worin liegt das spezifische sozialistische Erbe, das die politische Partizipation und die Diskussion der Geschlechterfrage in Osteuropa prägt? Die Fragen sind gestellt. Es sind mehr als Frauenfragen. Die Antworten in diesem Heft sind überraschend.

Die Filme Gefangen im Kaukasus und Krieg setzen sich beide mit dem Krieg in Tschetschenien auseinander. Sie stützen sich auf historische russische Diskurslinien über den Kaukasus und seine Bewohner, wie sie von Sentimentalismus, Romantik und Realismus geformt wurden, und greifen dabei auf das Motiv des Gefangenen im Kaukasus zurück. Der Bezug zur aktuellen Situation wird in den Filmen vor allem durch Verschiebungen dieser Diskurse und der darin enthaltenen Bewertungen hergestellt. Bodrov spricht im Sinne Lev Tolstojs einer Deeskalation der Leidenschaften das Wort. Balabanov dagegen emotionalisiert den Konflikt, indem er zusätzlich Heldenmythen des sozialistischen Realismus und bekannte Stereotype eines kulturellen Gegensatzes zwischen Rußland und Westeuropa aktiviert.

Die Armenische Sowjetrepublik profitierte – wie kaum eine andere Teilrepublik der ehemaligen UdSSR – vom Engagement privater Kunstsammler im In- und Ausland. Öffentliche Sammlungen entstanden durch Schenkungen und Überführungen von verstaatlichtem Kulturgut aus der Diaspora. Der Beitrag beschreibt die historischen Rahmenbedingungen, die Rolle der wichtigsten Sammler und Museumsgründer, analysiert die Wechselbeziehungen zwischen Armenien und den armenischen Gemeinden in der UdSSR wie im Ausland. In kulturpolitischen Fragen existierte ein breiter nationaler Konsens. Dieser ermöglichte nicht nur den Aufbau bedeutender Kunstmuseen, sondern auch eine Kunstpolitik, die den Direktiven der Moskauer Zentrale widersprach und indirekt Impulse zur Entwicklung einer eigenständigen, inoffiziellen Kunstszene gab.

Während die offizielle sozialistische Propaganda die emanzipierte Frau als Teil einer neuen, von der kapitalistischen Ausbeutung befreiten Gesellschaft feierte kritisierte die Osteuropaforschung vor 1989 häufig die verstaatlichte Emanzipation und die Ausbeutung der Frauen. Gemeinsam war beiden Perspektiven allerdings, daß die politische Partizipation der Frauen eine untergeordnete Rolle zu spielen schien. An dieser Perspektive hat offensichtlich auch die postsozialistische Transitionsforschung kaum gerüttelt.

Die Voraussetzungen, das gemeinsame russisch zarisch-sowjetische Erbe auch in der Geschlechterpolitik zu überwinden, scheinen für den EU-Beitrittskandidaten Litauen günstiger als für die gefährdete Demokratie Rußlands. Dennoch hat sich die Repräsentation von Frauen auffallend parallel entwickelt. Zwar hat es in beiden Ländern einen zivilgesellschaftlichen und staatlichen Neuanfang in der Geschlechterpolitik gegeben, doch waren seiner Wirksamkeit durch die umfassenden gesellschaftlichen Probleme, die Diskreditierung des Feminismus und den Anpassungsdruck für Parlamentarierinnen ebenso Grenzen gesetzt wie durch eine schwache Institutionalisierung des Parteiensystems und die zunehmende Informalisierung des Politischen. Kurzfristige Aufwärtsbewegungen hingen jeweils allein mit dem Wahlerfolg einer Partei zusammen. Die Chancen und die Hindernisse für die politische Partizipation von Frauen sind damit teilweise sehr ähnlich, teilweise ganz anders als in etablierten westlichen Demokratien. Entscheidend sind dabei das Gewicht der politischen Institutionen sowie der Kontext, in dem sie wirken.

Ungarn gilt auch aus frauenpolitischer Perspektive als vergleichsweise erfolgreiches Beispiel für die demokratische Transformation. So bot die Nachfolgepartei der ungarischen KP Frauen recht gute Zugangschancen. Dennoch zeigt der Vergleich mit Bulgarien, daß dort die Anzahl der Parlamentarierinnen zur Zeit höher ist. Zurückzuführen ist dies vor allem auf die frauenpolitischen Akzentsetzungen einer neuen, überraschend erfolgreichen konservativ-traditionellen (Bewegungs-)Partei. Dennoch erscheinen die Zukunftsaussichten für die politische Partizipation von Frauen in Ungarn günstiger. Das Frauenbild ist weniger in der traditionalen Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern verhaftet, und im stabilen ungarischen Parteiensystem hat sich eine Gruppe professioneller Parlamentarierinnen etabliert, die zum Kern einer „gender-bewußten“ Politik werden könnte. Die hohe Zahl der Parlamentarierinnen in Bulgarien geht dagegen einher mit einer hohen Fluktuation, so daß politisch unerfahrene Amateurinnen ohne Entscheidungskompetenz dominieren.

Seit dem Niedergang der staatssozialistischen Ordnungen in Osteuropa ist die Einheit der Region zerfallen. Eines verbindet dennoch so unterschiedliche Länder wie Tschechien, die Slowakei, Rumänien und Bulgarien: das Frauenbild. Überall ist eine Renaissance traditioneller Werte zu beobachten. Dies zeigt sich an den Programmen der erfolgreichsten Parteien dieser Länder. Dem Thema „Frau“ und der geschlechtlichen Ungleichheit messen sie keine oder geringe Bedeutung zu. Zwar variiert das Rollenverständnis in den Parteiprogrammen. Es überwiegt jedoch das Bild von der Frau als Hüterin der Familie, deren Platz nicht in der Öffentlichkeit und Politik sei.

Welche Partizipationsmöglichkeiten haben Frauen in Parteien der Slowakei und Bosnien-Herzegowinas und welche Auswirkungen hat Politik auf staatliche Frauenförderung. Bis vor kurzem spielte die Frauenfrage eine nur marginale Rolle für die Parteien. Trotz vieler Mitglieder sind Frauen in Führungspositionen selten. In den letzten Jahren stieg allerdings die Zahl der Frauen in Staatsämtern. Dies geht auf den Druck der Medien, von NGO`s und auf den Einfluß internationaler Organisationen zurück. Sie haben die Unterrepräsentanz der Frauen thematisiert und die Parteien zum Handeln gebracht.

Der Zusammenbruch der staatssozialistischen Systeme in Osteuropa löste nicht nur eine tiefgreifenden Wandel der politischen Systeme und der Wirtschaftsordnung aus, er ging auch mit einem Umbruch in den Geschlechterverhältnissen einher. Den neuen Partizipationsmöglichkeiten stehen geschlechtsspezifische Einschnitte im Bereich politischer, sozialer und ziviler Rechte gegenüber. In Polen und Rußland haben jedoch unkonventionelle Formen politischer Beteiligung von Frauen zum Abbau bestehender Demokratiedefizite beigetragen. Kleine Frauenbewegungen sind entstanden, die nach und nach Interessen formulieren, diese mit Verweis auf das bestehende Recht legitimieren, neue Frauenbilder popularisieren und dazu Impulse an politische Institutionen geben.

Selbst im autoritären Belarus haben sich neue Handlungsräume für Frauen eröffnet. Obgleich Frauen sich politisch ebenso stark wie Männer engagieren, ist der direkte Einfluß von Frauen auf die staatliche Politik relativ schwach. Dies liegt zum einen an dem autoritären Charakter des Regimes und den Mechanismen geschlechtsspezifischer Ausgrenzung, zum anderen an der Schwäche der Organisationen und einem spezifischen Politikstil. Frauen bevorzugen Formen unverfaßter Partizipation, konfliktvermeidende Strategien und beschränken ihren Protest häufig auf Kritik an den sozioökonomischen Verschlechterungen. Ihre Aktivitäten kreisen vorrangig um die Behebung praktischer Alltagsprobleme; eine demokratische Frauenbewegung entstand trotz verschiedener Versuche bislang nicht. Trotzdem ist auch innerhalb dieser Grenzen ein Trend zur Überschreitung rollenspezifischer Verhaltensweisen und eine zunehmende Organisation von Fraueninteressen bis hin zu feministischen Gruppen erkennbar.
