2012 2011 2010
2009 2008 2007
2006 2005 2004
2003 2002

Heft 1/2004


144 Seiten
Osteuropa 1/2004
Preis: 9,50 €

Coverbild

Manfred Sapper, Volker Weichsel | 3

Editorial
Kontinentaldrift
Mehr

Wenn die Indizien nicht trügen, sind wir Zeugen einer europäischen Kontinentaldrift besonderer Art. Die ostmitteleuropäischen Staaten vollenden im Mai 2004 durch den Beitritt zur EU ihre „Rückkehr nach Europa“, zu der sie vor anderthalb Jahrzehnten mit der Forderung nach mehr Demokratie und Freiheit aufgebrochen waren. Diese Europäische Union der 25 Mitglieder wird eine andere sein als bisher. Die Ostmitteleuropäer haben nun eine Stimme im europäischen Chor. Welche Gestalt die EU annehmen wird, wie Entscheidungen getroffen werden, welche Institutionen wie zu reformieren sind, das alles bleiben offene Fragen. Doch Demokratie, Öffentlichkeit, Legitimität und Rechtsstaatlichkeit stehen auf der Agenda in Brüssel und in den Mitgliedsstaaten. Gleichzeitig driftet Rußland politisch in die andere Richtung. Die Wahlen zur Staatsduma vom 7. Dezember gelten als Ende einer Epoche. Das Putinsche Modell der gelenkten Demokratie ist so perfekt exekutiert worden, daß der Demokratie dasselbe Schicksal zu widerfahren droht: „Eine perfekt gelenkte Demokratie ist so dysfunktional, daß sie niemand mehr braucht. Selbst der nicht, der sie geschaffen hat.“ Das ist der illusionslose Befund des Moskauer Journalisten Maksim Sokolov auf den folgenden Seiten. Diese „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ in Europa stellt Osteuropa vor neue Herausforderungen. Einerseits gilt es als primäre Aufgabe, die politischen Entwicklungen im Osten des Kontinents analytisch zu begleiten. Andererseits sind die europäischen Integrationsprozesse in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur aufzunehmen, zu vermitteln und zu erklären. Diese Bandbreite abzudecken, ist die Aufgabe einer interdisziplinären Zeitschrift. Das vorliegende Heft leistet dies auf exemplarische Weise: Neben dem erwähnten Kommentar aus russischer Feder beleuchten zwei weitere Beiträge Aspekte und Implikationen der gelenkten Demokratie in Rußland. Doch geprägt wird das Heft von einer kulturellen Annäherung an das neue Europa über die Literatur. Hier gilt es zu fragen, woraus sich die Renaissance des Mitteleuropa-Topos bei den erfolgreichen Schriftstellern Andrzej Stasiuk und Jurij Andruchovyč speist, oder wie in der polnischen Literatur das Trauma der Shoah verarbeitet wird. Das sind Beiträge für jene Osterweiterung des europäischen Denkens, vor der die westeuropäische Öffentlichkeit noch steht und der Osteuropa verpflichtet ist. Damit ist der Kurs abgesteckt, den die Zeitschrift auch in diesem Jahr zu verfolgen gedenkt. Jedes zweite Heft wird ein Themen- oder Schwerpunktheft sein. Die Februar-Ausgabe ist Belarus gewidmet, dann folgen Themenhefte zur EU-Osterweiterung und zu Energiepolitik in Gesamteuropa. Und eine Drift in eigener Sache gibt es ebenfalls zu vermelden. Osteuropa hat einen neuen Partner. Seit dem 1. Januar 2004 erscheint die Zeitschrift im Berliner Wissenschafts-Verlag. Im Laufe des Jahres erhält Osteuropa ein neues Erscheinungsbild. Die alte Dame der deutschen Osteuropaforschung hat sich zu einem moderaten Face-Lifting entschlossen. Und aufgrund technischer Umstellungen in der Redaktion erscheint das vorliegende Heft später als üblich. Das bitten wir zu entschuldigen. Schließen

Maksim Sokolov | 5

Die allzu gelenkte Demokratie

Corinna Jentzsch, Manja Nickel | 8

Die Qual der Dumawahl
Wahlbeobachtung in Tatarstan 2003
Mehr

Wahlbeobachtung gilt als Instrument, um Demokratisierung zu unterstützen. In den 1990er Jahren wurden vor allem in Ostmittel- und Osteuropa Wahlen beobachtet und von internationalen Organisationen wie der OSZE beurteilt. Der Effekt in der Rußländischen Föderation ist umstritten. Die Wahlbeobachtung in Tatarstan anläßlich der Dumawahlen am 7. Dezember 2003 hat gravierende Verstöße gegen Prinzipien der freien und fairen Wahlen ergeben. Gleichzeitig wurden dabei Schwächen der Wahlbeobachtung unter Ägide der OSZE offensichtlich. Schließen

Margarete Wiest | 17

Ausgehöhlte Gewaltenteilung
Der Föderationsrat in Putins gelenkter Demokratie
Mehr

Gleich nach seinem Amtsantritt ließ Vladimir Putin im Rahmen seiner föderalen Reformen den Föderationsrat neu bilden. Auf diese Weise sollten sowohl die aufsässigen „Regionalfürsten“ als auch die Zweite Kammer gezähmt werden. Unter seinem Vorgänger Boris El’cin war diese zu einer selbstbewußten dritten Kraft im Lande aufgestiegen. Tatsächlich zeigen die Neuerungen bislang die von Putin erhofften Ergebnisse. Der Föderationsrat sank von einem eigenständigen „Vetopunkt“ zum Erfüllungsgehilfen des Präsidenten herab. Auch seiner Aufgabe als „Kammer der Regionen“ wird er nicht mehr gerecht. Die Schwächung des russischen Oberhauses wirkt sich auf die demokratische Entwicklung Rußlands negativ aus, denn sie stärkt die autoritären Tendenzen in Putins „gelenkter Demokratie“. Schließen

Brigitte Mihok | 28

Ausgrenzung und Bildungssegregation
Roma in Ostmitteleuropa
Mehr

Obwohl die postkommunistischen Staaten Ostmitteleuropas über vorzügliche Minderheitengesetze verfügen, leben die Roma in Tschechien, der Slowakei, Ungarn und Rumänien noch immer unter deprimierenden Bedingungen. Ihre rechtliche Gleichstellung änderte nichts daran, daß die Roma in den ostmitteleuropäischen Staaten weiter sozial marginalisiert und im Bildungsbereich ausgegrenzt sind. Schließen

Steffen Hänschen | 43

Mitteleuropa redivivus?
Stasiuk, Andruchovyč und der Geist der Zeit
Mehr

Dreizehn Jahre nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Staaten ist für viele ost- und mitteleuropäische Intellektuelle die Frage nach einer intellektuellen Verortung von großer Bedeutung. Schriftsteller wie Andrzej Stasiuk oder Jurij Andruchovyč setzen anstelle der im östlichen Europa dominanten Orientierung an westlichen Idealen und politischen Strukturen Mitteleuropa als Fixpunkt und fragen nach der Eigenart dieser Region. Sie schließen damit an eine Diskussion der 1970er und 1980er Jahren an. Ausgangspunkt heutiger mitteleuropäischer Identitätsbestimmung ist die gemeinsame Erfahrung der kommunistischen Diktatur, ihr Bezugspunkt liegt in der Vergangenheit. Schließen

Anja Tippner | 57

„Existenzbeweise“
Erinnerung und Trauma nach dem Holocaust bei Henryk Grynberg, Wilhelm Dichter und Hanna Krall
Mehr

Die Vernichtung der europäischen Juden ist eines der zentralen Themen der polnischen Nachkriegsliteratur. Das Diktum, es sei barbarisch, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, ist einer Auseinandersetzung über die Grenzen der Darstellung gewichen. Polnisch-jüdische Überlebende des Holocaust wie Henryk Grynberg schreiben autobiographische Prosa an der Grenze von Realität und Fiktion, um das Unvorstellbare ins Vorstellbare zu rücken. Henryk Grynberg, Hanna Krall und Wilhelm Dichter, die die Shoah als Kinder überlebten, setzen sich mit den traumatischen Auswirkungen des unmittelbar Erlebten, dem häufig körperlichen Erinnern daran – und dem Verdrängen der Erinnerung in der Nachkriegszeit – auseinander. Diese Zeugenberichte, die in der Tradition der jüdischen Testimonialliteratur stehen, leihen ihre Stimme auch anderen Opfern und schreiben so gegen das Verdrängen und das Vergessen auch nur einer einzelnen Person an. Schließen

Wolfgang Schlott | 75

Nostalgische Rückblenden ohne Aufarbeitung der Geschichte
Polnische Prosa nach 1990
Mehr

Die wiedervereinigte polnische Nationalliteratur thematisiert seit 1990 einen Wert- und Geschichtsverlust und sucht nach einer neuen Identität. Die Erzählliteratur wies die ethischen Positionen des „antisozialistischen“ Realismus, der sich mit der kommunistischen Vergangenheit auseinandergesetzt hatte, zurück und bemühte sich um experimentelle Verfahren. Erst seit Mitte der 1990er Jahre zeichnet sich eine vielschichtige Rückkehr zur polnischen und europäischen Geschichte ab. Die Generation der nach 1960 Geborenen widmet sich tabuisierten Themen der polnischen Zeitgeschichte sowie zuvor wenig behandelten Topoi wie Konfrontation und Verschmelzung der Kulturen oder feministischen Lebensmodellen. Seit dem Ende der 1990er Jahre werden postmoderne Verfahren durch biographisch untermauerte und dokumentarisch belegte Texte abgelöst. Dennoch mangelt es weiterhin an Werken, in denen die Nachkriegsgesellschaft generationenübergreifend erfaßt wird. Schließen

Karlheinz Kasper | 90

Rußlands „Neue Seiten“
Russische Literatur in deutschen Übersetzungen 2003
Mehr

Rußland war im Jahr 2003 Gastland der Frankfurter Buchmesse, was die Verlage veranlaßte, deutlich mehr belletristische Übersetzungen als in den Vorjahren auf den Markt zu bringen. Deren Spektrum reichte von Neuübertragungen und Nachauflagen von Werken der klassischen Literatur und der Moderne über Anthologien aus einzelnen Epochen oder Themenkreisen bis zu Novitäten aus der zeitgenössischen Literatur. Einige neue Gesellschaftsromane, antiutopische Denkmodelle und Texte junger Autoren liefern aufschlußreiche Einblicke in die geistige Situation des Landes. Es bleibt aber zu prüfen, ob die Deutschen durch die Übersetzungsliteratur das richtige Bild von den Strömungen, Autoren und Werken bekommen, die das literarische Leben in Rußland bestimmen. Schließen