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Die Einigung Europas
Zugkraft und Kraftakt

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Agathe Gebert (Hg.)
520 Seiten, 25 Abbildungen
Berlin (BWV) 2004[= Osteuropa 5-6 2004]
Preis: 28,00 €
ISBN: 3-8305-0829-8

Coverbild

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Agathe Gebert | 5

Editorial
Kräftemessen
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Alles neu macht der Mai? Der Rauch der Feuerwerkskörper ist verzogen, die Festreden sind verklungen wie die Klagen über verlorene nationale Souveränität. Ein bißchen Angst ist immer dabei. Und manchmal sogar Hoffnung. Alltag Europa. Die einen feierten mit den neuen – neuen? – Nachbarn, die anderen begingen ihre Mai-Rituale wie eh und je. Und da keine Süd- oder Westerweiterung zu begehen war, wurden aus Madrid, Paris oder Londons Straßen auch keine Freudenfeste vermeldet. Gleichwohl besteht kein Zweifel. Der 1. Mai 2004 markiert eine Zäsur für Europa. An diesem Tag hat die EU die größte Erweiterung ihrer Geschichte vollzogen. Doch nicht das macht sie zu einem historischen Ereignis. Vielmehr finden in diesem Vorgang drei Phasen ihren Abschluß und machen einem neuen Entwicklungsstrang Platz: Die erste umfaßt mehr als ein halbes Jahrhundert. Die Ordnung von Jalta ist überwunden, die den Kontinent geteilt und die Menschen in der einen Hälfte Europas gezwungen hatte, in Unfreiheit und Repression zu leben. Die zweite umfaßt mehr als ein viertel Jahrhundert. Die Idee der Menschenrechte, Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit ist diffundiert und in weiten Teilen Europas zum unhintergehbaren Gemeingut geworden. Diese Idee, fixiert in der KSZE-Charta von Helsinki, war der moralische, „anti-politische“ Bezugspunkt für die Havels, Michniks, Konráds und Sacharovs. Selten ist die subversive Kraft einer Idee so deutlich geworden. Sie half, die verlogene Stabilität der autoritären Regime zu erschüttern, ehe die kommunistische Parteiherrschaft in jenem annus mirabilis kollabierte. Plötzlich war ein kommunistischer Kaiser nach dem anderen nackt. Das Jahr 1989 markiert den Beginn der dritten Phase. Die anderthalb Jahrzehnte seither sind von einem Umbau der politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und mitunter sogar der territorialen Ordnung geprägt, dessen Ausgang unklar war. Es gehört zu den Phänomenen historischen Denkens, daß die Einschätzung weit verbreitet ist, das Faktische sei das Normale. Doch es gilt daran zu erinnern, daß dieser heikle Neuaufbau, für den die Geschichte als /magistra vitae /leider keine Blaupause gezeichnet hatte, keineswegs zu einem Erfolg führen mußte. Kontrafaktisches Denken schärft die analytische Kraft. Warum zerfiel die multinationale Tschechoslowakei nicht nach dem jugoslawischen Szenario? Warum konnte der Autokrat Mečiar die Slowakei nicht in eine ähnliche Isolation führen, wie es einem grobschlächtigen Kolchosvorsitzenden namens Lukašenka nach seinem Aufstieg zu einem veritablen Diktator mit Belarus gelang? Und warum konnte in den 1990er Jahren aus der Verarmung breiter Bevölkerungskreise, aus der sozialen Spaltung unter instabilen politischen Bedingungen keiner der Populisten von rechts und links politisches Kapital schlagen? Monokausale Antworten sind Unsinn. Aber eines ist sicher: Der Beitritt zur EU als Ziel des internen Wandels und ihre Rolle als externer Stabilitätsanker sind kaum zu überschätzen. Am Ende dieser Phase steht die politische Einbindung konsolidierter Demokratien mit Marktwirtschaften, die bereits weitgehend mit der europäischen und globalen Wirtschaft verflochten sind. Trotzdem läßt sich all das, was politisch, gesellschaftlich und institutionell mit diesem historischen Ereignis verbunden ist, nicht auf einen Tag verdichten. Die appellativen Worte von Bundeskanzler Gerhard Schröder bei den Feiern am 1. Mai in Zittau sind legitim: „Die Spaltung des Kontinents und die Trennung seiner Bürger ist endgültig überwunden.“ Dies ist das Geschäft des Politikers. Analytisch sei jedoch Skepsis angemeldet, weil diese Sicht ahistorisch anmutet. Gerade aus der ersten „Osterweiterung“, der deutschen Einigung, wissen wir, daß die Überwindung der Trennung keine Sache eines Beitritts oder eines Vertragswerkes ist. Blühende Landschaften stellen sich auch nicht par ordre du Mufti ein – und mag er noch so gewichtig sein. Die Spaltung Europas wird erst in dem Augenblick überwunden sein, wenn die Wohlstands- und Entwicklungsunterschiede in Europa beseitigt sind. Überdies gilt auch nach dieser Erweiterungsrunde: Europa ist mehr als die Europäische Union. Es entspricht dem Selbstverständnis von Osteuropa, nicht aktualistisch verkürzt auf ein Datum zu zielen und auf Öffentlichkeitseffekte zu schielen, sondern die strukturellen Trends zu analysieren und das systematische – mitunter auch der vorherrschenden Meinung widerständige – Moment zu erfassen. Dieser Überzeugung sind das Konzept und der irritierende Umfang des Heftes geschuldet. Wir legen es bewußt in dem Augenblick vor, in dem die feierliche Rhetorik verhallt ist, um zur Reflexion über den Tag hinaus einzuladen: /Die Einigung Europas: Zugkraft und Kraftakt /ist Rückblick und Ausblick auf das Bündel der Herausforderungen zugleich, mit dem das neue Europa konfrontiert ist. Wo steht Europa? Und bieten seine Gestalt und seine Gestaltungskraft Anlaß zur Sorge oder zur Zuversicht? Frappierend unterschiedlich fallen die Bewertungen aus. Bronisław Geremek und György Konrad, zwei Mitgestalter des Umbruchs im Osten und unkorrumpierbare Beobachter der Zeitläufte, betonen den Erfolg des Unternehmens. In Geremeks Worten verdient die Einigung „Gelassenheit, vielleicht auch allgemeine Zufriedenheit und außerdem ein wenig Freude.“ Einiges spricht dafür: Was die Gesellschaften Ostmitteleuropas an Reformfähigkeit bewiesen haben, ist bemerkenswert, mitunter bewundernswert. Die Heranführung an die EU ist gelungen. Die neuen Mitgliedsländer haben das bisher ereichte Niveau an Integration ohne Abstriche übernommen. Erst jüngst betonte dies Günther Verheugen: „Zum ersten Mal in der Geschichte der EU-Erweiterung haben wir einen Erweiterungsvertrag, der den Vertrag nicht schwächt, sondern vollständig aufrechterhält. Es gibt keine Ausnahmen vom europäischen Gemeinschaftsrecht. Das erste Mal gibt es keine englischen oder dänischen Lösungen.“ Nur aus dieser Leistung ist die ungebremste Anziehungskraft zu erklären, welche die EU auf die Türkei, Staaten des Westbalkan oder relevante politische Kräfte in der Ukraine und anderen Staaten Osteuropas ausübt. Doch es sei dahingestellt, ob die Zugkraft der Union ausreichen wird, die erforderlichen Reformen in jenen Ländern anzuregen. Über das Ausmaß des Kraftakts, den die EU auch im Inneren zu bewältigen hat, um politisch und institutionell der Erweiterung gewachsen zu sein, bestehen keine Illusionen. Anders ist nicht zu erklären, weshalb eine intime Kennerin der europäischen Integration wie Barbara Lippert ungeachtet aller Erfolge des vergangenen Jahrzehnts ihre Bilanz, welche Rückwirkungen die Osterweiterung auf die EU gehabt hat, eher in Moll stimmt. Nach dem gescheiterten Verfassungsgipfel im Dezember 2003 diagnostiziert sie einen „europapolitischen Katzenjammer“ als Ausdruck des „Krisengefühl[s] einer Gemeinschaft, der das Vertrauen in die Fortschreibung der Integrationsgeschichte als Auf und Ab von Krisen und Reformen verloren zu gehen scheint.“ Gibt es dazu einen Anlaß? Das vorliegende Heft von Osteuropa gibt darauf mehr als eine Antwort. Voraussetzung dafür ist die Zusammenführung der Integrationsforschung und der Osteuropaforschung gewesen, die durch die unterschiedlichen Entwicklungslinien der beiden Räume während des Ost-West-Konflikts kaum Berührungspunkte hatten und de facto die politische Spaltung des Kontinents institutionell und akademisch reproduzierten. Spätestens jetzt ist es vorbei, daß Vertreterinnen und Vertreter beider scientific communities/ es sich leisten können, die Fragestellungen, Methoden und Erkenntnisse der jeweils anderen nicht zur Kenntnis zu nehmen. Das Ergebnis dieser Integration komplementärer Expertise ist ein Kompendium über die Implikationen der Osterweiterung für das neue Europa. Dabei wechseln die Perspektiven und Zugänge. Den Auftakt machen Versuche, den status quo historisch und sozialwissenschaftlich in die longue durée der strukturellen Entwicklung und der Integrationsmodi einzuordnen. Der zweite Teil ist einer Analyse der politischen und institutionellen Implikationen der Erweiterung der EU auf 25 Mitglieder gewidmet: Hier geht es um die fundamentalen Fragen jeder politischen Ordnung: Um Souveränität und Herrschaft, um Legitimität und Regieren, Solidarität und Konflikte, Subsidiarität und Regionen. Im dritten Teil steht die europäische Gesellschaft im Mittelpunkt. Den Abschluß bilden empiriegesättigte Fallstudien, welche Auswirkungen die Osterweiterung auf die europäischen Politikfelder hat, die von bürokratischen Prozessen und Verfahren derart geprägt sind, daß das Politische und die Entwicklungslogik mitunter kaum mehr zu erkennen sind. Doch ist die Bedeutung von Bürokratie ebenfalls kaum zu unterschätzen. Elmar Rieger bringt diese Sicht in seiner luziden Studie über die Agrarpolitik auf den Punkt: „Wie lange für die Landwirtschaft der Marsch nach Europa tatsächlich ausfällt, entscheiden nicht Werte und Kultur, sondern die Zertifizierung von Zahl-, Verwaltungs- und Bevorratungsstellen, die Einrichtung von Kontroll- und Inspektionssystemen, der Aufbau von Handelsmechanismen und Grenzkontrollen. Diese verwaltungstechnischen Probleme sind für den Erfolg der Osterweiterung sehr viel wichtiger als die vieldiskutierten Fragen einer neuen Machtbalance und Führungsstruktur der Union.“ Ob es um Makro- oder Mikroanalysen geht, ist in einer Hinsicht bedeutungslos: Die hier vermessenen Kräfte sind allgegenwärtig. Die Verschiebungen im Spannungsfeld von ökonomischer Asymmetrie und Anspruch auf politische Gleichberechtigung, von gemeinsamen Werten und kultureller Differenz sind am 1. Mai teils symbolisch bestätigt, teils erst politisch in Kraft gesetzt worden. Klar ist, daß der Kraftakt Europa politisch und intellektuell in Zukunft nicht mehr ohne die Ostmitteleuropäer zu bewältigen sein wird. Nicht ohne ihr Gewicht und nicht ohne ihre Muskeln. Schließen

Bronisław Geremek | 9

Wider die Erweiterungsskepsis
Das neue Europa und seine Feinde
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Die Erweiterung der Europäischen Union ist eine der größten Herausforderungen in ihrer Geschichte. Doch es sind immer die Herausforderungen, welche die Union voranbringen. Damit es auch dieses Mal so kommt, brauchen wir eine Strategie des langen Atems. Die historische Dimension dieser Erweiterung muß an die europäische Öffentlichkeit gelangen. Euroskeptiker und Erweiterungsskeptiker dürfen die europäische Debatte nicht dominieren. Die Wiedervereinigung Europas verdient Gelassenheit, vielleicht auch Zufriedenheit und ein wenig Freude. Diese Freude könnte denjenigen entgegenwirken, die Europa in ein „Altes“ und ein „Neues Europa“ geteilt sehen wollen: Europa vereinigt sich durch seine Erweiterung. Als Ganzes verdient es den Namen 'Neues Europa'. Schließen

György Konrád | 19

Europas Identität und die Dominanz Amerikas
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Europa hat in der Welt genug zu tun, wenn es seine Berufung ernst nimmt, denn es kann nichts anderes geben als das, was es ausmacht: seine Substanz, sein Wissen, seine Erfahrungen, sein Leiden. Nicht nur von der gemeinsamen Herausforderung ist die Rede, sondern auch von der Chance des gemeinsamen Projekts. Weder Amerika noch Europa können es sich auf Dauer erlauben, gegeneinander zu arbeiten. Dieses Verhältnis ist absolut nicht einfach. Schließen

Stefan Auer | 31 | Volltext

Das Erbe von 1989
Revolutionen für Europa
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Um dem Anspruch gerecht zu werden, eine Wertegemeinschaft zu sein, sollte die Europäische Union dem Erbe der Revolutionen von 1989 mehr Aufmerksamkeit schenken. Die Erfahrung der Völker Ostmitteleuropas zeigt, daß radikale politische Umbrüche mit friedlichen Mitteln erreicht werden können. Insofern stellen die „konservativen“ Revolutionen in Ost-mitteleuropa eine Herausforderung für das klassische Revolutionsparadigma seit der Französischen Revolution dar: Im Gegensatz zu 1789 demonstrieren die Ereignisse von 1989, daß ein Neuanfang ohne radikalen Bruch mit der Vergangenheit möglich ist. Schließen

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Die Einigung Europas
Zugkraft und Kraftakt
Berlin (5-6/2004)
Seite 31 - 46


Stefan Auer

Das Erbe von 1989
Revolutionen für Europa

Die· europäische Integration hat dem gegenwärtigen Europa radikale Veränderungen gebracht. Die Vorstellung von nationaler Staatsgewalt veränderte sich dramatisch in dem Maße, wie die bestehenden Grenzen der Nationalstaaten ihre Bedeutung einbüßten. Die Regierungssysteme der Mitgliedstaaten mußten den Bedürfnissen der immer stärkeren ökonomischen und politischen Integration nachkommen, was zu einem neuen Typ von Politik auf europäischer Ebene führte. Die Erweiterung der Europäischen Union intensiviert diese Prozesse, wie sie auch das Ende der Spaltungen des Ost-West-Konflikts markiert. Sie soll auf vielfältige Weise die ursprüngliche Zielvorgabe der Europäischen Vereinigung erfüllen, nämlich die Erblasten des Zweiten Weltkriegs zu überwinden.
Gemessen an diesen Folgen, erscheinen die Veränderungen, die durch die europäische Integration bewirkt wurden, wahrlich revolutionär. Und wie in jeder guten Revolution, die diesen Namen verdient hat, geht die Hoffnung nun dahin, daß ihre Ergebnisse in einer neuen europäischen Verfassung bewahrt werden. Dennoch scheint es unpassend, in bezug auf die Entstehung der Europäischen Union von einer Revolution zu sprechen. Die neue politische Einheit mag wohl „unsicher und verunsichernd“ sein, aber sie ist nicht revolutionär, zumindest nicht hinsichtlich der Methoden, mit denen diese weitreichenden Veränderungen herbeigeführt wurden: Sie waren das Ergebnis von Verhandlungen, nicht von Straßenkämpfen. Sie wurden sehr behutsam und schrittweise eingeführt, und zwar von Eliten, die darauf bedacht waren, die politisch Stabilität nicht durch eine radikale Veränderung der bestehenden politischen Ordnung durcheinander zu bringen.
Das erinnert an eine andere Folge von Revolutionen, die nicht ganz als Revolutionen gelten können: die in Ostmitteleuropa 1989. Das ist einer der Gründe, weshalb die Europäische Union gut beraten wäre, sich von den Ideen und Idealen inspirieren zu lassen, die die Menschen des ehemaligen Ostblocks in ihrem Kampf für Freiheit und Rechtsstaat leiteten. Ein anderer Grund ist direkter: die Erweiterung der Europäischen Union kann nur gelingen, wenn sie auch auf den Erfahrungen all der Nationen aufbaut, die nun ihre neuen Mitglieder geworden sind.
Der vorliegende Artikel versucht aufzuzeigen, daß bestimmte Schlüsselkonzepte, die Dissidenten in Ostmitteleuropa in ihrem Kampf gegen den Kommunismus entwickelten, für das gegenwärtige Europa immer noch relevant sind. Diese Aussage ist so augenfällig, daß sie keiner weiteren Rechtfertigung bedürfte, wäre da nicht die Tatsache, daß das Erbe von 1989 (noch?) keinen angemessenen Platz in Europa gefunden hat. Das Erbe von 1989 wird häufig entweder ignoriert oder aber mißverstanden.
Revolutionen, die keine sein wollten
Die Revolutionen von 1989 passen nicht leicht in bestehende Vorstellungen von revolutionärem Wandel in Europa. Bei ihnen handelte es sich um „sich selbst beschränkende“ Revolutionen mit wenig oder gar keiner Gewalt, ohne einen radikalen Bruch mit der Vergangenheit und wenig bis keinen Racheakten an denen, die für die Ungerechtigkeiten der alten Regimes verantwortlich zeichneten. In direktem Gegensatz zum revolutionären Regimewechsel, den die Kommunisten nach dem Zweiten Weltkrieg vollzogen hatten, waren die Revolutionen von 1989 von Zurückhaltung statt Radikalismus geprägt. Sie waren, wie Gale Stokes scharfsinnig bemerkte,

revolutionär im negativen Sinn, indem sie jede realistische Hoffnung darauf begruben, daß das teleologische Experiment, den menschlichen Verstand zur Umformung der gesamten Gesellschaft zu verwenden, Erfolg haben könnte.

Auf diese Weise entkräfteten sie die revolutionäre Tradition, die gewöhnlich auf die Französische Revolution zurückgeführt und von dem Glauben getragen wird, daß aus radikal neuen Ideen radikal bessere Gesellschaften entstehen könnten.
Revolutionäre, die keine sein wollten
Im Vergleich waren die Dissidenten in Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn, die an die Spitze dieser Revolutionen katapultiert worden waren, sehr atypische Revolutionäre. Personen wie Václav Havel in der Tschechoslowakei, Adam Michnik in Polen und György Konrád in Ungarn sahen ihren Kampf gegen den omnipotenten kommunistischen Staat als einen „anti-politischen“ Kampf um Authentizität und nicht als einen Kampf um politische Macht. Entsprechend verhielten sie sich in bezug auf klar definierte ideologische Positionen sehr zurückhaltend. Statt dessen appellierten sie an eine Reihe von humanistischen Grundsätzen in der Annahme, daß ein auf Heuchelei, Gier und Konformismus basierendes Regime durch Wahrheitsliebe und ein Verständnis von grundlegender menschlicher Würde besiegt werden könne (daher Havels Rede vom „Leben in Wahrheit“).
Diese Vorstellungen mögen ehrenvoll gewesen sein, aber vielen westlichen Beobachtern erschienen sie antiquiert und ungeeignet als Basis für ein schlüssiges und klares politisches Programm. Entsprechend standen intellektuelle Dissidenten und ihre Ideen nicht im Zentrum des wissenschaftlichen Interesses vor und (noch nicht einmal) nach dem Zusammenbruch des Kommunismus. Nach Winfried Thaa wurden

Wahrheit und Lüge, Authentizität und soziale Schizophrenie [...] seit Beginn der 70er Jahre zwar zu zentralen Begriffen der Dissidenz im sowjetischen Herrschaftsbereich, [sie] spielten in der westlichen Kommunismusforschung jedoch so gut wie keine Rolle.

Die Vernachlässigung intellektueller Entwicklungen unter den intellektuellen Dissidenten in Ostmitteleuropa durch westliche Wissenschaftler ließ sich nach dem Kollaps des Kommunismus sogar noch leichter rechtfertigen. Es gäbe nicht viel zu untersuchen, lautete das Argument, weil die Revolutionen von 1989 in Ostmitteleuropa und Osteuropa keine neuen Ideen hervorgebracht hätten. Jürgen Habermas zum Beispiel identifizierte bereits 1990 einen eigentümlichen Zug dieser Revolution: „den fast vollständigen Mangel an innovativen, zukunftsweisenden Ideen“. Vor diesem Hintergrund war es am plausibelsten, die Revolutionen von 1989 als „nachholenden Revolutionen“ zu erklären, als Revolutionen, die den Gesellschaften hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang schlicht den Anschluß an das restliche Europa in seinem endlosen Marsch in die Modernität ermöglichten.
1989 und die Theorien der Modernisierung
Diese Interpretation hatte den großen Vorteil, daß sie die Erfahrung von 1989 in die bestehende Geschichtsschreibung der europäischen Geschichte einpaßte, die auf Modernisierungstheorien beruht. Obwohl die meisten Beobachter Francis Fukuyamas These vom Ende der Geschichte als zu vereinfachend ablehnten, waren sie weniger abgeneigt, 1989 als die Kulmination all jener historischen Prozesse zu sehen, die 1789 ihren Anfang genommen hatten. Während die Französische Revolution die Geburt der Moderne markiert, führt 1989 Europa in seinen Reifezustand. In dieser Version ist der Weg der europäischen Zivilisation in den immer größeren Fortschritt nur durch die tragischen Unfälle des Nationalsozialismus und Kommunismus unterbrochen. Typisch ist die Einschätzung François Furets, der glaubt, daß die Revolutionen von 1989 von den „berühmten Prinzipien von 1789 in einer frischen Weise und mit erneuerter Universalität“ durchdrungen waren:

Indem wir anfangen, den langen und tragischen Umweg der kommunistischen Illusion hinter uns zu lassen, sind wir mehr als je zuvor mit den großen Dilemmata der Demokratie konfrontiert, wie sie am Ende des 18. Jahrhunderts auftauchten und ihren Ausdruck in den Ideen und dem Verlauf der Französischen Revolution fanden.

Furets Ansicht ist nicht unbegründet und deckt sich mit den Meinungen einiger Akteure der Revolutionen von 1989. György Konrád beispielsweise bemerkte, daß ihr Zeitpunkt, „mit einem Abstand von zweihundert Jahren, ein erbauliches Zusammentreffen mit, oder: eine Hommage an, jene Revolution darstellte, die als erste die Menschenrechte proklamiert hatte“. Tatsächlich kann man den populärsten Slogan dieser Revolutionen, „die Rückkehr nach Europa“, als die Anrufung jener Prinzipien sehen, die normalerweise mit dem Erbe der Französischen Revolution assoziiert werden: die Ideale von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Die Armut der Modernisierungstheorien
Dennoch: die Anlehnung an Modernisierungstheorien und an die Französische Revolution als ausschließliches Paradigma radikaler politischer Veränderungen verdeckt einige besondere Merkmale der Revolutionen von 1989. Diese Theorien konzentrieren sich auf abstrakte historische Kräfte und sind daher schlecht geeignet, die Wirkung jener unberechenbaren Faktoren zu berücksichtigen, die den gesellschaftlichen Wandel zu einem so faszinierenden und unvorhersehbaren Untersuchungsgegenstand machen: die Rolle von Persönlichkeiten und ihrer Vorstellungen oder die Rolle von kulturellen und politischen Identitäten. Allgemein können Modernisierungstheorien wenig zu unserem Verständnis beitragen, welche Möglichkeiten es gibt, repressive politische Strukturen von innen herauszufordern. Es ist bezeichnend, daß die Modernisierungstheorien, während die meisten ihrer Anhänger den Zusammenbruch des Kommunismus nicht vorherzusagen imstande gewesen waren, im Nachhinein die plausibelste Erklärung für die „Unausweichlichkeit“ des Zusammenbruchs zu liefern.
Darüber hinaus setzte 1989 eines der wichtigsten Prinzipien von 1789 außer Kraft oder machte es zumindest völlig unglaubwürdig: das von revolutionären Führern und Denkern von Robespierre über Lenin bis zu Žižek proklamierte Prinzip, daß eine radikale gesellschaftliche Veränderung nur möglich ist als Resultat eines gewalttätigen Kampfes. Die gemäßigten „Revolutionäre“ in Ostmitteleuropa weigerten sich, revolutionäre Gewalt als Mittel der Befreiung anzuwenden und zu rechtfertigen. So markieren die Revolutionen in Ostmitteleuropa von 1989 das Ende dieser revolutionären Tradition, die als ihr bestimmendes Paradigma die Revolution von 1789 in Frankreich betrachtete.
1989 als konservative Revolutionen?
Paradoxerweise bestand also eine der interessantesten Innovationen der Revolutionen von 1989 in der Tatsache, daß sie keinen Corpus gewagter neuer Ideen hervorbrachten, die als Muster für eine neue Gesellschaft benutzt werden könnten. Wenn überhaupt, waren sie rückwärtsgewandt, in diesem Sinne sogar konservativ. Dies wiederum, ohne Žižek und anderen zeitgenössischen Politikwissenschaftlern, die den Niedergang des revolutionären Geistes beklagen, zu nahe treten zu wollen, ist der Schlüssel, um den Erfolg dieser Revolutionen verstehen zu können. Historisch gesprochen wäre ein Mißlingen dieser Revolutionen nicht ungewöhnlich gewesen – es ist ihr Erfolg, der bemerkenswert ist und nach Erklärung verlangt. Gerade weil diese Revolutionen unoriginell und rückwärtsgewandt waren, waren sie so erfolgreich.
Ironischerweise könnten die Ereignisse von 1989 wahrscheinlich besser mit dem Begriff „Revolution“ in seiner ursprünglichen Bedeutung, als Rückkehr zu einem früheren Zustand, umschrieben werden. Dabei handelt es sich um die Art von revolutionärer Veränderung, die von den Kritikern der Französischen Revolution verteidigt wurde, wie etwa von Edmund Burke. Burkes berühmte Entkräftung der ideologisch inspirierten Gewaltexzesse der Französischen Revolution hallt deutlich in den zentralen Einsichten der Dissidenten in Ostmitteleuropa nach: das Konzept einer „sich selbst beschränkenden Revolution“, die Idee einer „Rückkehr zur Normalität“ und die Ideale einer ethischen Zivilgesellschaft und „Anti-Politik“.
1789 als abschreckendes Beispiel?
Seit der Veröffentlichung von Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution hatten die Befürworter revolutionärer Veränderungen, die gleichzeitig auf Freiheit und Gleichheit gerichtet waren, mit einem fundamentalen Dilemma der liberalen Demokratie zu kämpfen: mit dem Fakt, daß Demokratie die Freiheit zerstören kann. Denker solch unterschiedlicher Couleur wie Alexis von Tocqueville, John Stuart Mill, Lord Acton, Hannah Arendt und Fareed Zakaria haben vor der Gefahr gewarnt, daß die Macht des Mobs die Macht des Gesetzes ersetzen kann – das Problem der „Tyrannei der Mehrheit“.
Diese Lektion hatten die führenden Dissidenten in Ostmitteleuropa gut gelernt. So schreibt etwa Michnik in seinen Bemerkungen zu den Tugenden der Demokratie:

Demokratie ist nicht identisch mit Freiheit. Demokratie ist gesetzlich verankerte Freiheit. Freiheit an sich, ohne ihre Beschränkung durch Gesetz und Tradition führt zu Anarchie und Chaos – dahin, wo das Recht des Stärkeren gilt.

Das heißt nicht, daß die postkommunistischen Staaten in Ostmitteleuropa sich der Gültigkeit ihrer neu errichteten liberalen Demokratien auf immer sicher sein können – der Rechtsstaat bleibt nach wie vor ein Ideal, dem man sich immer wieder nähern muß –, aber gemessen an ihren historischen Vorläufern waren die Revolutionen von 1989 erstaunlich erfolgreich darin, das Prinzip der Freiheit im Gesetz zu verankern. Dies geschah nicht zufällig, denn es war im Einklang mit den Anstrengungen der Hauptakteure, revolutionäre Veränderungen ohne Revolution durchzusetzen. In diesem Sinne ist es zutreffend, die ostmitteleuropäischen Ereignisse von 1989 als „anti-revolutionäre Revolutionen“ zu bezeichnen, „Revolutionen im Rahmen des Gesetzes“ oder – um meine These zu wiederholen – konservative Revolutionen im Sinne Edmund Burkes.

1688 und 1776, nicht 1789
Tatsächlich kann man Burke als Verteidiger des Freiheitsideals – wenn auch nicht der Gleichheit – und eines gewissen revolutionären Wandels betrachten, die er in der britischen Glorious Revolution von 1688 am besten verwirklicht sah. Wie der komplette Titel von Burkes einflußreichem Werk andeutet, gab es eine andere Dimension in seiner Kritik an der Französischen Revolution, die in Diskussionen über moderne Revolutionen häufig übersehen wird, nämlich seine Sorge um den Schutz der Errungenschaften der Revolution in Großbritannien. Burkes grundsätzliche Einsichten können insofern auch zu einem Verständnis der einzigartigen Wesensmerkmale von 1989 beitragen, indem sie alternative Bezugspunkte bieten wie die Glorious Revolution von 1688 und die Amerikanische Revolution von 1776. Wie Krishan Kumar in bezug auf die Ziele und Methoden dieser Revolutionen angemerkt hat, gibt es einige bedeutsame Ähnlichkeiten zwischen 1989, 1776 und 1688:

Wenn es in den Revolutionen von 1989 um Demokratie, Verfassung, Staatsbürgerschaft, Rechtsstaatlichkeit, Schutz der Bürgerrechte und die Errichtung pluralistischer Zivilgesellschaften ging, kann man kaum an passendere Parallelen denken als an die Englische und Amerikanische Revolution.

Tocquevilles etwas idealisierte Darstellung der Amerikanischen Revolution von 1776 als Typ von Revolution, die „keine Allianz mit den turbulenten Leidenschaften der Anarchie einging, sondern deren Verlauf im Gegenteil geprägt war von der Liebe zu Ordnung und Gesetz“ kann auf 1989 angewendet werden. 1776 wie 1989 waren sich die „revolutionären“ Führer der Gefahren eines radikalen Bruchs mit der Vergangenheit bewußt und entschieden sich daher für eine sich „beschränkende Revolution“, in der die Sorge um politische Stabilität den Innovationsgeist bremste. In Anlehnung daran argumentierte Michnik: „Solidarität hat nie die Vision von einer idealen Gesellschaft. Sie will leben und leben lassen. Ihre Ideale sind näher an der Amerikanischen Revolution als an der Französischen.“ Auf ähnliche Weise kann Burkes Darstellung der Revolution von 1688, die sich auf den Versuch konzentriert, „alte unwiderrufliche Gesetze und Freiheiten“ zu erhalten, in Relation gesetzt werden zu der Vorstellung von der „Rückkehr zur Normalität“ in den Ländern Ostmitteleuropas. Als sich die Tschechen, Polen, Slowaken und Ungarn ihrer tyrannischen Regime entledigten, glaubten sie dabei, richtiger- oder fälschlicherweise, daß sie schlichtweg nur ihre alten Freiheiten zurückforderten.
Diese Sicht auf 1989 zu akzeptieren könnte zu einer Neubewertung der historischen Vorläufer revolutionärer Veränderungen führen, wie sie Hannah Arendt schon vor vielen Jahren forderte. Sie beklagte die Tatsache, daß Intellektuelle im Westen vom Vermächtnis der Französischen Revolution derart besessen waren, daß sie dazu neigten, alle anderen Ereignisse, auch die Amerikanische Revolution, durch das Prisma von 1789 zu betrachten:

Die traurige Wahrheit ist, daß die Französische Revolution, die in einer Katastrophe endete, Weltgeschichte geschrieben hat, während die Amerikanische Revolution, so triumphal erfolgreich, ein Ereignis mit kaum mehr als lokaler Bedeutung geblieben ist.

Nach Arendt war die Amerikanische Revolution erfolgreicher als ihr französisches Pendant, da sie den Bürgern neue Möglichkeiten eröffnete, sich in die Politik aktiv und als Gleiche vor dem Gesetz einzumischen. Indem die Amerikanische Revolution den Fokus stärker auf die politische Freiheit als auf soziale Gleichberechtigung richtete, eröffnete sie authentischem politischem Engagement einen Raum. Wie Winfried Thaa überzeugend dargelegt hat, können die Revolutionen von 1989 als späte Verteidigung von Arendts Versuch angesehen werden, das dominante Konzept von Revolution in Europa herauszufordern mit einem „Revolutionsbegriff, der nicht die Umwälzung der Gesellschaftsordnung in den Mittelpunkt rückt, sondern, orientiert an der amerikanischen Revolution, die Neugründung des politischen Raumes“. In jedem Falle können beide Revolutionen, die von 1776 wie auch die von 1989, beschrieben werden als sich selbst beschränkende Revolutionen.
Sich selbst beschränkende Revolutionen
Die Idee einer sich beschränkenden Revolution entstand zum Teil als pragmatische Antwort auf eine neue geopolitische Situation in Ostmitteleuropa. Nach einer Reihe erfolgloser Aufstände gegen die autoritären kommunistischen Regime sowjetischen Typs (1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und Polen und 1968 in der Tschechoslowakei) wurde deutlich, daß keine bedeutsamen Veränderungen des politischen Systems in den Ländern Ostmitteleuropas möglich sein würden, solange die Sowjetunion entschlossen war, die Kontrolle über ihre Satellitenstaaten zu behalten. Und doch war das Handeln der zögernden Revolutionäre in Ostmitteleuropa nicht nur von solch pragmatischen Überlegungen geprägt. Ebenso entscheidend oder entscheidender war ihre Überzeugung, daß sie in ihrem eigenen politischen Kampf Zurückhaltung würden üben müssen, um „die sehr negativen Erfahrungen aller unbeschränkten sozialen Revolutionen des jakobinisch-bolschewistischen Typs“ zu vermeiden. Sie waren außerdem überzeugt, daß es möglich sein mußte, die „posttotalitären“ kommunistischen Regimes von innen mit friedlichen Mitteln herauszufordern, wenn nur ausreichend viele Menschen dazu entschlossen wären. Das waren die Überlegungen hinter Havels folgenreichem Essay Moc Bezmocných (dt. Versuch, in der Wahrheit zu leben), in dem er den Gebrauch dogmatisch-ideologisch inspirierter Gewalt ablehnte:

Dies ergibt sich schon aus der [. . .] schon erwähnten Skepsis jener Denkart gegenüber, die sich auf den Glauben stützt, eine wirklich bedeutende Veränderung der Gesellschaft sei nur zu erreichen, wenn man (egal auf welche Art) einen Wechsel des Systems oder der Regierung durchsetzt und daß dieser Wechsel – als ein sogenannter „prinzipieller“ – dazu berechtigt, ihm auch das „weniger prinzipielle“, das heißt Menschenleben zu opfern. Die Achtung vor den eigenen theoretischen Konzepten gewinnt hier die Oberhand vor der Achtung des menschlichen Lebens; eben darin liegt aber die potentielle Gefahr der neuen Versklavung des Menschen.

Michniks Absage an das mit der Französischen Revolution assoziierte Ideal revolutionärer Gewalt war noch expliziter: „Zu glauben, man stürze die Diktatur der Partei durch eine Revolution, ist sowohl unrealistisch als auch gefährlich“, argumentierte er, weil „diejenigen, die Gewalt anwenden, um die heutigen Bastilles zu stürmen, wahrscheinlich noch größere und schlimmere Bastilles bauen werden“.
Als Konsequenz war die politische Opposition gewillt, sich in ihrem Machtgebrauch zu beschränken, sogar nach dem tatsächlichen Zusammenbruch des Kommunismus. Sie unternahmen große Anstrengungen, um „die Fiktion der legalen Kontinuität mit einer Vergangenheit ohne Legalität“ zu erhalten. Wie Arato bemerkt, ist dies eines der bemerkenswerten Vermächtnisse von 1989:

Es ist der große Beitrag des ost- und ostmitteleuropäischen Kampfes um Legalität inmitten des radikalen Umbruchs, daß ohne republikanische Institutionen geerbt zu haben, das Neue erbaut werden kann ohne komplett mit dem Alten zu brechen.

Die antikommunistischen Revolutionäre waren bereit, mit ihren früheren kommunistischen Feinden zu verhandeln, weil sie befürchteten, daß die Alternative den Sturz in Chaos und Anarchie bedeutet hätte. Die Akteure „versuchten zu jeder Zeit, eine Revolution ohne Revolution durchzuführen“. Nicht nur die Dissidenten, sondern auch die Massen auf den Straßen wollten keine vollständige Revolution im traditionellen Sinn, sondern einfach eine „Rückkehr zur Normalität“.
Rückkehr zur „Normalität“
Die Vorstellungen von einer Rückkehr zur „Normalität“ oder die „Rückkehr nach Europa“ mögen sehr ambivalent gewesen sein, aber bei einer großen Mehrheit der Menschen fand sie Anklang. Viele Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn wollten, daß nach dem „törichten Experiment“ des Kommunismus sich wieder ein Gefühl von Normalität einstellte. Die Tatsache, daß man diese Normalität mit dem Lebensstil in den etablierten westlichen Demokratien gleichsetzte, und daher von jeglicher vergangenen oder gegenwärtigen Erfahrung der Völker Ostmitteleuropas weit entfernt sein könnte, hielt niemanden davon ab, die Rückkehr zu Normalität als natürlich zu betrachten. Sie bedeutete die Rückkehr zu einer Vergangenheit, die es möglicherweise niemals gegeben hatte. Wie der polnische Soziologe Jerzy Jedlicki trocken bemerkte, war Polen immer schon dabei, nach Europa zurückzukehren, obwohl es niemals wirklich dort gewesen war. Und doch war es gerade diese Wahrnehmung, die es den Polen, Tschechen, Slowaken und Ungarn ermöglichte, ihren Kampf für Freiheit im Einklang mit den besten Aspekten ihrer eigenen nationalen Traditionen zu sehen. In Burkes Worten forderten die Nationen Ostmitteleuropas einfach nur ihre alten Freiheiten zurück. Auf diese Weise verband die Vorstellung von einer Rückkehr zur Normalität das Projekt des postkommunistischen Wandels, der sich auf eine liberal-demokratische Zukunft richtete, mit der vorkommunistischen Vergangenheit.
Und doch war nicht nur die vorkommunistische Vergangenheit ein Bezugspunkt für die Bewertung liberaler Werte. Die neuen Führer waren auch bemüht, die Menschen zur Unterstützung liberaler Werte zu ermutigen, indem sie an die mißlungenen Aufstände gegen den Kommunismus erinnerten. Diese Rückkehr zu den besten Aspekten der widerständischen Vergangenheit befand sich offensichtlich in Konflikt mit dem zweiten Merkmal konservativer Revolutionen, nämlich dem Bemühen um die Fiktion einer legalen Kontinuität mit dem gesetzes- und rechtswidrigen kommunistischen Regime. Natürlich handelte es sich hier um widersprüchliche Impulse: Man konnte keine „Vergangenheiten“ bewahren, die sich so radikal voneinander unterschieden, sich sogar gegenseitig ausschlossen. Und dennoch tat man es, sogar wenn es zu grotesken Szenarien führte. Es genügt, daran zu erinnern, daß Václav Havel, der als Führer der Charta 77 von den Kommunisten verachtet worden war, im Dezember 1989 von der kommunistischen (!) Nationalversammlung in das Amt des Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt wurde.
Tatsächlich gibt es eine weitere Ironie, welche die Revolutionen von 1989 zu konservativen im Burkes Sinne macht. Auch wenn die Revolutionen von 1989 eine Reihe der Ziele von 1789 teilten, gegen die Burke seinerzeit opponiert hatte, scheinen viele der zweihundert Jahre alten radikalen Ideen heute weit weniger radikal. Zum Beispiel wandte Burke sich gegen die demokratischen Ideale und das moderne Konzept der Bürgerschaft, weil er glaubte, daß diese aufklärerischen Vorstellungen zu radikal wären und die Freiheit gefährdeten. Dagegen ist gut vorstellbar, daß er heute weitaus weniger gegen sie einzuwenden hätte. Zweihundert Jahre nach der Französischen Revolution sind die Ideale der französischen Revolutionäre zum Teil einer „europäischen“ oder westlichen Tradition geworden, und die meisten Menschen dürften Demokratie und Freiheit heute keineswegs für inkompatibel halten.
Anti-Politik und Zivilgesellschaft
Aufgrund der anhaltenden Popularität des Begriffs der Zivilgesellschaft, die ideologische Grenzen überschreitet, mag es leicht in Vergessenheit geraten, daß das Konzept ursprünglich auf einem sehr konservativen Ideal fußte – der Überzeugung nämlich, daß freie Gesellschaften auf private Tugenden angewiesen sind. Ein guter Charakter und Tugendhaftigkeit sind nach Burke nicht das Resultat eines abstrakten Ideals von Menschlichkeit. Sie können nur hin und wieder innerhalb sehr kleiner Gemeinschaften von Bürgern gefördert werden, in Kleinverbänden, in denen jeder seinen Platz kennt und die sich in konzentrischen Kreisen von der Familie zur Nachbarschaft, von der Nachbarschaft zur Stadt und von der Stadt zur Nation und der weiteren Welt ausdehnen. Man wird nicht einfach tugendhaft, weil man die Weisheit von Rousseaus volonté générale oder von Kants kategorischem Imperativ verstanden oder akzeptiert hat. Ganz ähnlich liegt für Hannah Arendt kein großer Nutzen darin, sich auf edle Freiheitsprinzipien zu berufen, wenn der politische Raum nicht auch im gesellschaftlichen Bereich geschaffen wird, in dem authentisches Handeln unabhängiger Bürger stattfinden kann.
Auch dieses Denken schwingt in den Überzeugungen der Dissidenten mit, die davon ausgingen, daß der Kommunismus nur durch eine Veränderung in den „Herzen und Köpfen“ der individuellen Mitglieder der Gesellschaft besiegt werden könnte. Erst dann würde sich der postkommunistische Wandel durchsetzen können. Aus diesem Grund forderte Havel, sich „von einer abstrakten politischen Vision der Zukunft zu dem konkreten Menschen und zu der wirksamen Verteidigung dieses Menschen „hier und jetzt“ hinzuwenden. Politisches Engagement sollte das Ergebnis konkreter Übernahme von Verantwortung sein. Darin bestand das Ideal einer ethischen Zivilgesellschaft.
In seiner anfänglichen Form war das Konzept der Zivilgesellschaft nicht revolutionär gedacht. Die Zivilgesellschaft sollte sich nicht gegen den Staat wenden, sondern sollte ihn vervollständigen. Das war die „von Locke, der schottischen Aufklärung, von Burke, Hegel und von Tocqueville“ ererbte Tradition. Wie einer der führenden ungarischen Intellektuellen, G. M. Tamás, erläuterte, übernahmen die Dissidenten in Ostmitteleuropa dieses Konzept auf kreative Weise für ihre eigenen Zwecke und wandten es gegen den restriktiven kommunistischen Staat. Dieser Antagonismus zwischen Staat und Gesellschaft erinnert mehr an Thomas Paine als an Burke, und es ist daher nicht verwunderlich, daß linke Intellektuelle im Westen großen Gefallen am ostmitteleuropäischen Konzept der Zivilgesellschaft fanden. Thomas Paine ist derjenige, der im Common Sense feststellte, daß die „Gesellschaft in jedem Staat ein Segen“ sei, wohingegen „Regierungen noch im besten Staat nur ein notwendiges Übel“ sein können.
Der Argwohn der Dissidenten gegenüber dem kommunistischen Staat und seiner offiziellen Ideologie, dem Marxismus, fand seinen Ausdruck in der Idee der Anti-Politik. Die Anti-Politik richtete sich nicht nur gegen den Staat, sondern gegen jegliche Form institutionalisierter Politik. Die Anti-Politik stand nicht nur dem Kommunismus feindlich gegenüber, sondern jeglicher dogmatischen politischen Ideologie. Dennoch wäre es ein grobes Mißverständnis, das Ideal der Anti-Politik als apolitisch zu betrachten. Im Gegenteil ermöglichte es, daß das Handeln des Einzelnen durch die Befreiung von den Beschränkungen institutionalisierter Politik und des schematischen Denkens innerhalb eines abstrakten ideologischen Rahmens authentische Bedeutsamkeit erlangte: In diesem Sinne wurde das Persönliche politisch. Das Ideal der Anti-Politik ermutigte die Menschen zu handeln, „als ob sie frei seien“ und die Verantwortung, die eben diese Freiheit mit sich bringt, zu übernehmen. Anti-Politik war also keine prinzipienlose Politik, sondern einfach eine „Politik ohne Cliché“.



Europa als Wertegemeinschaft
Wenn überhaupt, waren die Dissidenten in Ostmitteleuropa weniger zurückhaltend, grundsätzliche Positionen in ihrem politischen Kampf zu besetzen als ihre westlichen Kollegen. Das zeigt sich in der anhaltenden Debatte über die Ziele der europäischen Integration und die Mittel, um diese zu erreichen. Während die Debatten im Westen sich auf die technischen Aspekte der Integration zu konzentrieren schienen, betonten die ostmitteleuropäischen Intellektuellen immer wieder, daß Europa als Gemeinschaft gemeinsamer Werte betrachtet werden und daher durch eine Reihe von Grundprinzipien definiert werden sollte. Bronisław Geremek forderte kürzlich:

Wenn die Europäische Union nationale Kleinstaaterei überwinden und durch einen geteilten und verbindlichen Zweck geeint werden soll, dann muß sie die Rhetorik der Buchhalter aufgeben und in einer Sprache sprechen, die versteht, was gut und schlecht, was schön und häßlich, was richtig und falsch ist.

Eine ähnliche Argumentation, die die technokratische Natur der Europäischen Union kritisiert, findet sich in Havels Kommentar zum Vertrag von Maastricht. Obwohl Havel sich von den einfallsreichen verfassungsrechtlichen Bestimmungen des Vertrags beeindruckt zeigte, blieb bei ihm der Eindruck, daß etwas Wichtiges fehlte:

Ich hatte das Gefühl, daß ich in den inneren Mechanismus einer absolut perfekten und ausgesprochen genialen modernen Maschine blickte. Eine solche Maschine zu betrachten, muß für jeden Bewunderer technischer Innovationen eine große Freude sein. Aber für mich, dessen Interesse an der Welt sich nicht in der Bewunderung gut geölter Maschinen erschöpft, fehlte etwas sehr Wichtiges, etwas, das man in einfachen Worten eine spirituelle, moralische oder emotionale Dimension nennen könnte. Der Vertrag wandte sich an meinen Verstand, aber nicht an mein Herz.

In zunehmendem Maße wird dieses Problem auch im Westen eingeräumt. Larry Siedentop beklagt zum Beispiel „den Mangel einer nachforschenden Diskussion über die europäische Integration – eine Diskussion, die die zugrundeliegenden Annahmen über das menschliche Wohl ans Tagelicht brächte – [was] an sich symptomatisch ist für die Krise in den europäischen Glaubensgrundsätzen“. Vor diesem Hintergrund können die Erfahrungen der Dissidenten Ostmitteleuropas in ihrem Kampf gegen tyrannische Regime aufschlußreich sein, indem sie Europa an seine ursprüngliche Bestimmung erinnern. Im Zusammenhang mit den Debatten um den europäischen Verfassungsentwurf gewinnt die Frage nach dem Sinn und Zweck der Integration erneut an Bedeutung. Wird das erweiterte Europa das Erbe von 1989 in sich aufnehmen können?
Die bisherigen Anzeichen sind nicht sehr vielversprechend. Die Erfahrungen der postkommunistischen Nationen Ostmitteleuropas besetzen in den Diskussionen über die entstehende europäische Identität keine prominente Stelle. Habermas’ jüngster Versuch europäischer Identitätsbildung beruht auf seiner antiamerikanischen Haltung, auf dem Säkularisierungsgedanken, dem Ideal des Wohlfahrtsstaats und dem Kampf europäischer Völker für den Frieden, richtet sich aber, wenn überhaupt, nicht an, sondern gegen die intellektuellen Dissidenten in Ostmitteleuropa. Obwohl Habermas sich mit den historischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts sowie den „Erfahrungen der totalitären Regimes des zwanzigsten Jahrhunderts“ beschäftigt, erwähnt er den Kampf gegen den Kommunismus oder das, was ich das Erbe von 1989 nenne, kein einziges Mal. Er blickt statt dessen auf die Friedensdemonstrationen im Februar 2003, die gleichzeitig in „London und Rom, Madrid und Barcelona, Berlin und Paris“ stattfanden. Das koordinierte Handeln der Demonstranten bedeutete für Habermas das lang herbeigesehnte Aufkommen einer europäischen Öffentlichkeit.
Die Präambel des Vertragsentwurfs für eine europäische Verfassung ist sogar noch ahistorischer. In ihr fehlen jegliche spezifischen Bezüge auf die historischen Erfahrungen, die das moderne Europa formten. Sie erwähnt weder den Ersten und den Zweiten Weltkrieg noch die Revolution von 1989. Dabei handelt es sich unter Umständen um eine weitere verpaßte Chance, wenn man bedenkt, daß der Erfolg des gegenwärtigen europäischen Projekts ohne einen Bezug auf die Niederlage zweier großer totalitärer Herausforderungen der liberalen Freiheit des 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen ist: des Nationalsozialismus und des Kommunismus. So ist der aktuelle Entwurf der Präambel ein äußerst uninspiriertes technokratisches Dokument, das kaum einen der ostmitteleuropäischen Intellektuellen, die nach einer „spirituellen, moralischen oder emotionalen Dimension“ der europäischen Integration suchen, zufriedenstellen wird.
Soll die Europäische Union zu mehr als der Summe ihrer Teile werden, zu einer Gemeinschaft von Völkern und Bürgern statt nur zu einem Zusammenschluß von Nationalstaaten, dann muß sie auch auf den Ideen und Idealen erbaut werden, welche die Dissidenten zu ihrem Kampf gegen den Kommunismus inspirierten. Die Debatten über die institutionelle Zusammensetzung der erweiterten Europäischen Union sollte unsere Aufmerksamkeit nicht von fundamentalen Fragen über den Zweck der Integration ablenken. Folgen wir Bronisław Geremeks Rat, müssen wir fragen: „Warum wollen wir zusammenleben? Worin liegt der Sinn der europäischen Integration?“ Zur Beantwortung dieser Fragen sollten die Lektionen Berücksichtigung finden, welche die Menschen Ostmitteleuropas in ihrem Freiheitskampf gelernt haben, den viele von ihnen als einen Kampf für Europa sahen.

Aus dem Englischen von Stefanie Lotz, Frankfurt

Barbara Lippert | 47

Sternstunde oder Stolperstein?
Erweiterung und Europäische Integration
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15 Jahre sind seit dem Umsturz in Ostmitteleuropa vergangen. Die Erweiterung der EU hat Rückwirkungen auf die europäische Integration. Ist die Geburtsstunde der EU-25 eine Sternstunde des „Projekts Europa“, oder legt die Erweiterung der EU Stolpersteine in den Weg, über die sie zu Fall gebracht werden kann? Entwicklungsoptionen und Ordnungsvorstellungen, die dem Integrationsprojekt über Jahrzehnte zugrunde lagen, stehen in der erweiterten Union auf dem Prüfstand. Schließen

Georg Vobruba | 61 | Volltext

Grenzen des Projekts Europa
Von der Expansionsdynamik zur abgestuften Integration
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Die Entwicklung der EU wurde bisher durch Wechselwirkungen von Integration und Erweiterung bestimmt und folgte dem Muster konzentrischer Kreise mit einem Wohlstandskern und einer teilintegrierten Peripherie. Diese Entwicklung stößt jedoch an ihre Grenzen. Denn je weiter die Expansion der Europäischen Union geht, um so höher werden die Integrationskosten. Erweiterung und Vertiefung der Integration treten zunehmend in Widerspruch zueinander. Als Konsequenz wendet sich das Muster konzentrischer Kreise nach innen: Tatsächlich nehmen die Anzeichen für die Entwicklung einer abgestuften Integration innerhalb der EU zu, selbst wenn dies politisch nicht gewollt ist. Schließen

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Die Einigung Europas
Zugkraft und Kraftakt
Berlin (5-6/2004)
Seite 61 - 75


Georg Voruba

Grenzen des Projekts Europa
Von der Expansionsdynamik zur abgestuften Integration

Die· Erweiterungskrise der Europäischen Union ist mit dem Vollzug der ersten Runde der Osterweiterung keineswegs gelöst. Im Gegenteil, nun zeichnet sich noch deutlicher ab, daß das dominante Entwicklungsmuster der EU zunehmend in ein Dilemma führt: Einerseits fordert und fördert der spezifische Integrationsmodus der EU ihre sukzessive Expansion. Andererseits aber bringt die weitergehende Expansion der EU Probleme, die ihre Integrationsfähigkeit zunehmend in Frage stellen. Damit stellt sich die Frage, wie lange das gegenwärtige Entwicklungsmuster die Expansion und Integration der EU noch bestimmen wird. Und es stellt sich die Frage, was danach kommt.
Die Expansionsdynamik der EU läßt die Grenzen Europas unscharf werden. Es wird uneindeutig, welche Länder in welchem Sinn noch als Teile Europas bezeichnet werden können. Zwar sind geographische Grenzen als unmittelbares Expansionshindernis zweitrangig, doch spielen sie eine Rolle, da sie wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede markieren: Die weitere Expansion der EU bringt eine exponentielle Zunahme von Unterschieden innerhalb der EU mit sich. Eine entscheidende Konsequenz ist, daß die Expansionsdynamik des Projekts Europa immer höhere Integrationskosten verursacht. Damit treten Expansion und Integration der EU zueinander zunehmend in Widerspruch. Zeichnen sich in der EU institutionelle Antworten auf dieses Problem ab?
Ich werde zuerst die Mechanismen darstellen, welche die Integration und Expansion der Europäischen Union antreiben. Anschließend werde ich Grenzen der Wirksamkeit der Mechanismen von Integration und Erweiterung analysieren. Dann werde ich diese Überlegungen auf die Konflikte um den EU-Beitritt der Türkei zuspitzen. Schließlich werde ich Überlegungen zu einer abgestuften Integration der EU nach dem Ende ihrer Expansionsdynamik zur Diskussion stellen.
Die Dialektik von Integration und Expansion
Der politische und wirtschaftliche Einflußbereich der Europäischen Union ist nach dem Muster konzentrischer Kreise strukturiert. Im Zentrum befindet sich ein politisch stabiler Bereich materiellen Wohlstands. Außerhalb dieses Bereichs nimmt der Wohlstand mit zunehmender Entfernung vom Zentrum immer mehr ab. Zwischen den einzelnen Zonen unterschiedlichen Wohlstands existieren Grenzen mit unterschiedlicher Durchlässigkeit; die Durchlässigkeit der Grenzen nimmt von der Peripherie zum Zentrum hin ab. Daraus ergibt sich, daß die wohlhabende Kernzone zweifach abgesichert ist. Es gibt für den Eintritt von außen sowohl graduell abnehmende Anreize als auch graduell zunehmende Hindernisse. Die Expansionsdynamik der EU läuft auf die Absicherung des wohlhabenden Kerns der EU durch kalkulierte Einbeziehung ihrer Peripherie zu akzeptablen demokratischen und rechtsstaatlichen Bedingungen hinaus.
Wodurch gewinnt die Expansion der EU ihre Dynamik? Die beiden folgenden Mechanismen sind dafür verantwortlich:
Erstens: Zwischen der EU und ihrer Peripherie bestehen starke Wohlstandsgefälle. Wohlstandsgefälle bergen auch für ihre wohlhabendere Seite Probleme, da zahlreiche Probleme der ärmeren Seite die Tendenz haben, auf die reichere auszustrahlen (Migration, grenzüberschreitende Umweltbelastungen, politische Instabilität). Darum ist die wohlhabende Kernzone der Europäischen Union an der wirtschaftlichen Entwicklung ihrer armen Peripherie interessiert. Die sich daraus ergebende Dynamik wirkt tendenziell auf einen Abbau des Wohlstandgefälles hin. Wohlstandssteigerungen im ärmeren Land bedeuten aber nicht nur eine Verkleinerung des Wohlstandsgefälles gegenüber dem wohlhabenden Kern, sondern auch eine Vergrößerung des Gefälles gegenüber noch ärmeren Nachbarn. Mit der Integration der vormals peripheren Regionen in den wohlhabenden Kern verschiebt sich also das Wohlstandsgefälle nach außen. Dadurch ist in dieses Muster eine beständige Expansionstendenz eingebaut. Denn jedes dem wohlhabenden Kern neu angelagerte Vollmitglied der Europäischen Union entwickelt seinerseits ein Interesse an einem sicheren und prosperierenden Vorfeld, an einer Pufferzone. Wenn die jeweils äußeren Regionen die prosperierende Kernzone der Europäischen Union von externen Störungen abschirmen sollen, dann dürfen sie selbst keine allzu gravierenden politischen und ökonomischen Probleme haben. Das ist die Erklärung dafür, daß „die Erweiterung für die EU [. . .] nicht ein einmaliges, abschließend behandelbares Thema, sondern ein andauernder Prozeß ist“. Folglich ist jeder Erweiterungsschritt der Europäischen Union ein Grund für ihre weitere Expansion.
Zweitens: Die Vertiefung der Integration der Europäischen Union modifiziert ihre Außenverhältnisse. Der generelle Effekt besteht darin, daß der wohlhabende Kernbereich mit zunehmender Vertiefung der Integration immer direkter von dem berührt wird, was an seiner Peripherie stattfindet. Dadurch entwickeln sich im Kern unmittelbare Interessen an der Sicherung der gemeinsamen Außengrenze und an den ökonomischen und politischen Verhältnissen der umliegenden Regionen. Je tiefer die Länder der Europäischen Union integriert sind, je weniger Binnendifferenzierungen sie also aufweist, um so deutlicher wird ihr gemeinsames Interesse an der Außengrenze und an den politischen und sozialen Verhältnissen jenseits der Grenze. Aus diesem Interesse ergeben sich zwei Politikmuster: Grenzschließung und Erweiterung. Die Politik der Erweiterung läuft auf kalkulierte Inklusion der Peripherie hinaus, Grenzschließung auf Abschottung der EU von Außeneinflüssen. Im Zusammenwirken von beiden reproduziert sich das Muster konzentrischer Kreise auch jenseits der Grenzen der EU. Grenzschließung und Erweiterung werden in unterschiedlichen Kombinationen realisiert.
Grenzschließung
Daß innerhalb einer wohlhabenden Kernzone grenzüberschreitende Prozesse als Bedrohung wahrgenommen werden, ist um so wahrscheinlicher, je ungleicher der Nutzen und die Kosten dieser grenzüberschreitenden Prozesse verteilt sind und je geringer die Möglichkeit und die Bereitschaft ist, die Kosten zu tragen. Die klassische Reaktion darauf ist der Ruf nach Grenzschließung. Dies läßt sich insbesondere beim Thema Migration beobachten. Eine Politik, die auf Grenzschließung hinausläuft, wird von den niedrig qualifizierten Arbeitskräften und wirtschaftlich schwachen Unternehmen in weniger wettbewerbsfähigen Branchen innerhalb einer reichen Ökonomie angetrieben. Sie bilden miteinander Schutzallianzen gegen offene Grenzen, fordern teils Importrestriktionen, teils Immigrationsbeschränkungen. Ihre Interessen und Forderungen sind zwar nicht deckungsgleich, konvergieren aber darin, daß sie den Nationalstaat als Bollwerk gegen bedrohliche Außeneinflüsse sehen und nutzen wollen. Solche Interessenkonstellationen prägten schon die Auseinandersetzungen um den Abschluß des North American Free Trade Agreement (NAFTA) zu Beginn der 1990er Jahre und nun den Präsidentschaftswahlkampf in den USA im Jahr 2004 . Anschauungsmaterial dafür findet sich auch im Verhältnis der Europäischen Union zu den neuen Reformstaaten im Osten. Entgegen ihrem programmatischen Anspruch sind alle Arten von Assoziationsabkommen zwischen der Europäischen Union und den Staaten Ostmittel- und Osteuropas nicht asymmetrisch zugunsten, sondern zu Lasten dieser Staaten. Die Paradoxie, daß die Europäische Union gerade mit ihrer Exklusionspolitik gegen ihre arme Peripherie starke Integrationsinteressen dieser Länder schafft, trägt wesentlich zur Expansionsdynamik des Projekts Europa bei.
Seit Jahren gibt es eine starke Tendenz zur technischen Aufrüstung der gemeinsamen EU-Außengrenze. Parallel dazu wurden, insbesondere durch das Konzept des „sicheren Drittlandes“, Abschiebungsketten installiert. Die deutsch-polnische Grenze ist ein gutes Beispiel. Zum einen wurde in neue Kontroll- und Fangtechnologien investiert. Zum anderen wurde das Kontroll- und Abschiebeproblem durch Rückführungsverein-barungen von der deutschen Ostgrenze an die polnische Ostgrenze verschoben. Als Resultat der Rückführungsvereinbarung zwischen Deutschland und Polen hat

die polnische Regierung ihrerseits Verträge mit der Tschechischen Republik, der Ukraine, der Slowakischen Republik, mit Rumänien und Bulgarien abgeschlossen und damit die rechtlichen Voraussetzungen für ein internationales Ab- und Durchschiebesystem geschaffen.

Damit werden zugleich die politischen Kosten der Exklusionspolitik vom Zentrum auf die Peripherie abgewälzt. Es ist

das Dilemma der polnischen Regierung, einerseits EU-Mitglied werden zu wollen und andererseits ihre ökonomischen Interessen und gutnachbarschaftlichen Kontakte mit den östlichen Nachbarländern pflegen zu müssen.

Der sogenannte kleine Grenzverkehr und die grenzlandspezifische Ökonomie – die nicht immer ganz legal ist – an den Ostgrenzen der neuen EU-Mitglieder haben in jüngerer Vergangenheit zu Verbesserungen dieser traditionell unterentwickelten Regionen auf beiden Seiten der Grenze beigetragen. Werden diese EU-Außengrenzen den Schengen-Kriterien entsprechend gestaltet, besteht die Gefahr, daß diese Entwicklung unterbrochen wird. Die Regionen nahe der neuen EU-Außengrenzen zählten schon bisher zu den ärmsten ihrer Länder und der EU. Sie werden durch die Schengen-Grenze zu Verlierern der Erweiterung. Dies trägt zur Zunahme der regionalen Disparitäten in den neuen Mitgliedländern bei, die in Folge ihres Beitritts zur EU zu erwarten sind.
Kalkulierte Inklusion
Grenzen lassen sich nicht völlig dicht machen. Manche grenzüberschreitenden Prozesse lassen sich nur mit unverhältnismäßig hohen Kosten aufhalten, bei manchen ist dies systematisch unmöglich. Die Erfahrung oder die Einsicht, daß der Erfolg von Exklusionspolitik also begrenzt ist, führt zu politischen Strategien, die auf kalkulierte Inklusion hinauslaufen. Dies ist um so wahrscheinlicher, je stärker die Bewältigung unaufhaltbarer grenzüberschreitender Prozesse politikbestimmend wird. Kalkulierte Inklusion folgt der Logik „eigennütziger Hilfe“. Es geht dabei um das Interesse des Helfenden, Probleme dort zu lösen, wo sie entstehen, um unerwünschte grenzübergreifende Einflüsse „vom Terrorismus bis zur Luftverschmutzung“ zu verhindern. Insbesondere soll die Unterstützung der Transformation und Modernisierung ehemaliger Planwirtschaften und die wirtschaftliche Unterstützung der Mittelmeeranrainer zu besseren Lebensbedingungen an der Peripherie Europas führen und die Push-Faktoren für grenzüberschreitende Migration abschwächen. Eigennützige Hilfe beruht also auf der politisch folgenreichen Einsicht der wohlhabenden Kernzone, daß „eure Probleme auch unsere Probleme sind“ – eine Formel, die vor allem in den ersten Jahren nach 1989 von westeuropäischen Politikern gerne verwendet wurde, um Finanzhilfen für die Reformstaaten vor der eigenen Wählerschaft zu rechtfertigen. Spiegelbildlich kam und kommt aus den Reformstaaten immer wieder der Hinweis, daß „unsere Probleme auch eure sind.“
Expansion durch Inklusion in Richtung Osten ist durch den Fall des eisernen Vorhangs möglich und in der Perspektive der Interessen der Europäischen Union dringend erforderlich geworden.

Die EU hat ein vitales Interesse an der bevorstehenden Erweiterung, die, nicht nur historisch begründetes Gebot ist, sondern auch die einzige Möglichkeit bietet, Destabilisierung und Konflikte in den Grenzregionen und den damit verbundenen Migrationsdruck zu verhindern.

Es ist sicher, daß die Erfahrungen mit den beiden Jugoslawien-Kriegen in den 1990er Jahren dieses vitale Interesse der Europäischen Union noch verstärkt haben. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die überraschend schnelle völkerrechtliche Anerkennung Sloweniens, welche durchaus zum Zerfall Jugoslawiens und den bewaffneten Folgekonflikten beitrug, auch durch das Interesse motiviert war, zwischen der EU und den sich abzeichnenden instabilen Konfliktregionen des Westbalkan eine Pufferzone zu schaffen. Die Einrichtung der Pufferzone Slowenien beschleunigte den Ausbruch genau jener Konflikte, vor denen sie dann die Europäischen Union abschirmte.
Versteht man die deutsche Wiedervereinigung als Integration der ehemaligen DDR in die Europäische Union (und in die NATO) und damit als Vorgriff auf die Osterweiterung, so findet man ein anschauliches Beispiel dafür, wie das Interesse an politisch und wirtschaftlich stabilen Nachbarn die Expansionsdynamik der EU antreibt. Nach 1989 wurde Deutschland binnen kürzester Zeit in Europa zum Anwalt der Interessen seiner östlichen Nachbarn, in die Europäische Union und in die NATO integriert zu werden. Denn

offensichtlich erkannte das wiedervereinigte Deutschland aufgrund seiner geopolitischen Lage, daß es Unruhen an seinen Ostgrenzen frühestmöglich verhindern mußte. Die deutsche Politik für die Sicherheit Europas trug dadurch seit 1990 in gewissem Maße den Charakter einer Stabilisierungspolitik. Bis heute scheint es das Prinzip dieser Politik zu sein, lieber Stabilität zu exportieren als Instabilität zu importieren. Als einer der ersten Befürworter der NATO-Erweiterung wies Verteidigungsminister Rühe darauf hin, daß es im Interesse Deutschlands liege, von stabilen Demokratien, Partnern und Alliierten umgeben zu sein. „Wir wollen nicht der Staat am Rande Westeuropas sein.“

Es entspricht dieser Logik kalkulierter Inklusion, daß Vertreter von Ländern der EU-Peripherie ihre spezifische geopolitische Lage als Argument für die Aufnahme in die EU verwenden. In diesem Sinn antwortete der damalige polnische Präsident Kwasniewski auf die Frage „Was bringt Polen in dieses Europa ein?“:

Unsere strategische Lage, die uns viel Leid eingetragen hat, aber ebensoviel Kompetenz im Umgang mit den Nachbarn, gerade denen im Osten. Polen leistet viel für die Stabilität dieser Region.

Derselben Logik folgend wird die strategische Rolle der Türkei in der Diskussion um ihre EU-Mitgliedschaft betont.
Inklusion und Exklusion
Die gegenwärtige Integrationstiefe der Europäischen Union wurde durch die Schaffung des Schengen-Raumes ohne Binnengrenzen und des gemeinsamen Währungsraumes durch den EURO und die Maastricht-Kriterien hergestellt.
Mit dem Schengen-Abkommen wurden die Grenzkontrollen innerhalb der Europäischen Union weitgehend abgeschafft. Der unmittelbare Effekt davon war, daß die Situation in allen Regionen der EU-Außengrenze für den wohlhabenden Kernbereich – und vor allem für Deutschland – unmittelbar interessant wurde. Vor dem Schengen-Vertrag bedeutete die Einreise von Nordafrika nach Spanien, daß man in Spanien war. Nach Schengen bedeutet die Einreise von Nordafrika nach Spanien im Prinzip, daß man im gesamten Schengen-Land ist; also auch in Deutschland, Frankreich, Skandinavien etc.
Ein guter Indikator für die dadurch bewirkten Veränderungen ist die Entwicklung in den afrikanischen Enklaven Spaniens, in Ceuta und Medilla. Grenzposten dort berichten, daß im Grenzgebiet vor dem Schengen-Abkommen weitgehend Friede herrschte. Das änderte sich mit dem Abkommen schlagartig. Jetzt gibt es dort einen immensen Immigrationsdruck und eine kostspielige technische Aufrüstung der Grenze. Insgesamt haben mit dem Schengen-Abkommen der Immigrationsdruck aus dem Süden, das professionelle Schlepperwesen am Mittelmeer und die Gewalttätigkeit im border crossing business dramatisch zugenommen. Die Berichte über Flüchtlingskatastrophen in der Mittelmeerregion erinnern immer mehr an die Situation in der Karibik und an der Grenze zwischen den USA und Mexiko.
Einerseits führt die vertiefte Integration zu einem gemeinsamen Interesse der reichsten EU-Länder an hohen Kontrollstandards an der EU-Außengrenze und zu Versuchen, die Kontrollpraktiken der EU-Mitglieder mit Außengrenzen ihrerseits zu kontrollieren. Andererseits führt die voranschreitende europäische Integration zur Entwicklung eines gemeinsamen Interesses der reichen Kernländer an der Verbesserung der materiellen Lage und der Stabilisierung der politischen Verhältnisse in den Nachbarregionen – also zu eigennütziger Hilfe für die Nachbarn.
1995 initiierte die Europäische Union den so genannten Barcelona-Prozeß. Es geht dabei um die Entwicklung einer intensiveren Partnerschaft zwischen der EU und den Mittelmeerländern. Dieser Prozeß schließt die Mitglieder der Europäischen Union und zwölf mediterrane Partner ein, alle Mittelmeeranrainer mit Ausnahme von Libyen und Mauretanien.
Zwar sind im Barcelona-Prozeß einstweilen noch viel geringere finanzielle Summen im Spiel als bei der Unterstützung der östlichen Reformstaaten. Das Ziel aber ist das gleiche: Die Europäische Union versucht das Wohlstandsgefälle zwischen sich und den Nachbarn zu verringern, um den Immigrationsdruck zu mildern. Für das Jahr 2010 ist eine Freihandelszone geplant.
Aus Sicht der Europäischen Union hat eine solche Inklusionspolitik in Richtung Süden zwei Vorteile gegenüber den Versuchen, ihre Außengrenzen abzudichten. Erstens kann sie mit entsprechender Dominanz des Nordens handeln, und ist nicht ausschließlich auf die Außen- und Sicherheitspolitik einzelner Mitgliedsländer angewiesen, deren Grenzen zugleich EU-Außengrenzen sind. Das ist ein Vorteil, weil unsicher ist, ob diese Länder überhaupt strikt kontrollieren können und wollen. Die Interessenpositionen gegenüber Immigration etwa in Spanien unterscheiden sich von denen der Europäischen Union erheblich. Die spanische Landwirtschaft ist an legalen und illegalen Immigranten interessiert und mit der restriktiven Immigrationspolitik der Union keineswegs einverstanden. Und zweitens werden durch die Inklusionspolitik starke Wohlstandsgefälle und politische Instabilität unmittelbar an der EU-Außengrenze gemildert. Es entwickelt sich abermals das Muster konzentrischer Kreise weiter, das den Stabilitätsinteressen der Europäischen Union entspricht.
Die nächste Runde von Exklusion ist schon abzusehen. In dem Maße, in dem die östlichen und südlichen Nachbarstaaten der Europäischen Union zur Durchgangspassage für Migranten aus anderen Teilen der Welt in die EU werden, wird diese erneut darauf hinwirken, daß diese Staaten ihre Grenzen abdichten. Es werden weiter reichende Abschiebungsketten – vor allem über die erste und die zweiten Reihe der östlichen Nachbarn der Europäischen Union hinaus – eingerichtet werden. Bereits vor der Erweiterung der Europäischen Union im Mai 2004 zeigte sich, daß sich dieses Exklusionsmuster weiter nach außen verschieben und daß sich damit die Politik ringförmiger Absicherung des Wohlstandskerns der EU fortsetzt. So regt das Strategiepapier „Wider Europe“ an:

Die EU sollte ihren Nachbarstaaten helfen, die illegale Immigration zu bekämpfen und effiziente Abschiebemechanismen, vor allem im Falle der illegalen Transit-Immigration, zu entwickeln. Eine gemeinsame Vereinbarung mit allen Nachbarn, angefangen mit Marokko, Rußland, Algerien, Ukraine, Belarus und Moldova wäre ein ganz wichtiger Bestandteil gemeinsamer Anstrengungen zur Kanalisierung von illegaler Immigration.

Die Analyse zeigt, daß die Entwicklung der Europäischen Union bisher tatsächlich der beschriebenen Dialektik folgte: Es kommt zur Vorverlagerung von Grenzen, zur Installierung von Abschiebeketten und damit zu Interessenkonflikten zwischen der (teil-)inkludierten Peripherie und ihren äußeren Nachbarn. Und es kommt zugleich zur Vorverlagerung und tendenziellen Abschwächung des Wohlstandsgefälles und zur sukzessiven Ausdehnung der Perspektive, künftig in den vom reichen Kern ausgehenden Inklusionsprozeß einbezogen zu werden. Dieses Entwicklungsmuster hat sich jahrzehntelang eingespielt und dominierte bislang das politische Vorstellungsvermögen der politischen Akteure in der Europäischen Union und bei ihren Nachbarn.
Die Kombination von kalkulierter Inklusion und Grenzschließung läuft insgesamt darauf hinaus, daß

die EU sich zum Ziel setzen sollte, eine Zone von Wohlstand und freundschaftlicher Nachbarschaft um sich herum zu errichten: Einen Ring befreundeter Staaten, mit denen die EU intensive und friedliche Kooperationen pflegt.

Dieses bereits mehrfach zitierte Strategiepapier „Wider Europe“ verspricht der Peripherie vielfältige Kooperation knapp unter dem Niveau einer EU-Mitgliedschaft, damit sie sich zu dauerhaften Puffer- und Stabilitätszonen entwickeln. Ein wichtiges Problem zwischen der EU und den Ländern dieser Peripherie entsteht in diesem Zusammenhang dadurch, daß die Versprechen der EU sowohl als Tauschangebote für die Übernahme der Pufferfunktion als auch als Unterstützungsangebote für die Stabilitätsentwicklung verstanden werden können. Denn an diese beiden Deutungen sind unterschiedliche politische Konsequenzen geknüpft. Versteht sich ein Land der EU-Peripherie primär als Pufferzone, wird damit eher eine finanzielle Dauerforderung gegenüber der EU begründet. Mit der Deutung als eine sich umfassend entwickelnde Stabilitätszone wird damit eher wirtschaftliche Hilfe als ein Anstoß für eine selbsttragende Entwicklung assoziiert. Im ersten Fall besteht Konsens über eine special relationship unterhalb der EU-Mitgliedschaft, im zweiten Fall bleibt eine spätere Vollintegration in die EU im Bereich des Denkmöglichen und damit auch im Erwartungshorizont. Entsprechend zeichnen sich zwei mögliche Reaktionsformen der Länder ab, die von der EU als Mitglieder des „Rings befreundeter Staaten“ anvisiert werden. Die eine Reaktion besteht in dem Versuch, sich die zugedachte Pufferfunktion möglichst hoch entgelten zu lassen. Man erwartet keine spätere Vollmitgliedschaft samt den damit verbundenen Vorteilen und läßt sich darum den Nutzen, den man als Stabilitätszone für die EU hat, unmittelbar von ihr entgelten. Die zweite Reaktionsmöglichkeit besteht darin, die Zugehörigkeit zum „Ring befreundeter Staaten“ als Durchgangsstadium zu verstehen und auf eine spätere Vollmitgliedschaft in der EU zu insistieren. Genau in diesem Sinne bemerkt der ukrainische Außenminister Hryščenko, „es wäre unlogisch, die Ukraine nicht zu akzeptieren“. Fragt sich nur: welche Logik dominiert die Expansionspolitik der EU? Das läßt sich am besten an einem Beispiel untersuchen.
Grenzen der Erweiterung. Das Beispiel Türkei
Die Entwicklung der Annäherung zwischen der Europäischen Union (früher EWG) und der Türkei hat eine lange und einzigartige Geschichte. Die Türkei wurde bereits 1963 Assoziiertes Mitglied der EWG, schon damals mit der Aussicht auf spätere Vollmitgliedschaft. 1989 wurde ein Beitrittsantrag der Türkei von der EU nicht akzeptiert, 1996 eine Zollunion mit der EU eingeführt. 1999 wurde die Türkei zum Beitrittskandidaten; Beitrittsverhandlungen sollten aber erst nach Erfüllung der Kopenhagen-Kriterien beginnen. Ende 2004 will die EU entscheiden, ob sie Beitrittsverhandlungen mit der Türkei aufnehmen wird.
An der Problematik des Beitritts der Türkei zur Europäischen Union läßt sich beispielhaft zeigen, in welcher Weise die Expansion der EU an Grenzen gerät. Dazu sei an drei Besonderheiten erinnert, die das Verhältnis zwischen der EU und der Türkei kennzeichnen.
Das Interesse an einer EU-Mitgliedschaft liegt keineswegs einseitig bei der Türkei. Die Türkei markiert die Grenze zwischen Europa und Asien; eine Grenze, die durch kulturelle und religiöse Differenzen politisch stark aufgeladen wird. Die Bedeutung dieser Differenzen hat nach dem Wegfall der früheren weltpolitischen Leitdifferenz Kapitalismus versus Kommunismus noch zugenommen. Das Potential der Türkei als politische Brückenmacht läßt sich schon an ihrer besonderen Stellung in der NATO und am spezifischen Interesse der USA an einer EU-Mitgliedschaft der Türkei erkennen. Jenes wird von ihr selbst als wichtiges Qualifikationsmerkmal für eine EU-Mitgliedschaft ins Treffen geführt. Eine Verständigung zwischen Ost und West, so der Ehrenpräsident des Verbandes türkischer Industrieller und Unternehmen, Bülent Eczacibaşi, „kann es nur mit der Integration der Türkei in die westliche Welt geben“. Die erste Besonderheit besteht also in der spezifischen Lage der Türkei, die sie zu einer geopolitisch hoch relevanten Region macht.
Zwischen den Mitgliedsländern der Europäischen Union und der Türkei bestehen große kulturelle Unterschiede. Dies betrifft die Einstellung der Bevölkerung zu Fragen der Lebensführung (Familienverständnis, Geschlechterrollen) wie zu Fragen der Politik (Demokratieverständnis, Verhältnis von Politik und Religion). Vor dem Hintergrund der Selbstinterpretation der Europäischen Union als „Wertegemeinschaft“ ergeben sich kulturelle Unterschiede in einer Größenordnung, mit der die EU anläßlich früherer Beitrittsprozesse noch nie konfrontiert war. Noch dazu besteht in der Türkei Uneinigkeit darüber, ob ein Abbau dieser Unterschiede im Zuge der EU-Mitgliedschaft wünschenswert ist. Die einen stehen der Verwestlichung der Türkei infolge einer EU-Mitgliedschaft reserviert gegenüber, die anderen sehen gerade im Abbau kultureller Differenzen einen Zweck der Mitgliedschaft.
Die zweite Besonderheit besteht also in den kulturellen Differenzen zwischen der EU und der Türkei und den unterschiedlichen Interessen am Abbau dieser Differenzen.
Türken, die in Mitgliedsländern der Europäischen Union leben, stellen dort ein relevantes politisches Potential dar. Dadurch hat die Frage nach der EU-Mitgliedschaft der Türkei in den Kernländern der EU, insbesondere in Deutschland, auch eine starke innenpolitische Komponente. Fragen der Erweiterung der EU werden in den Mitgliedsländern der EU als Spezialfälle von Außenpolitik behandelt. Außenpolitik ist parteipolitisch eher schwach besetzt. Die Frage des Beitritts der Türkei zur EU dagegen berührt unmittelbar die Interessen relevanter Wählergruppen und ist darum (zumindest in Deutschland) ein innenpolitisches Thema – mit entsprechend starker parteipolitischer Kodierung. Dazu kommt noch die komplizierte Beziehung zwischen Griechenland und der Türkei.
Daraus folgt die dritte Besonderheit: Der Beitritt der Türkei zur EU wird in manchen Mitgliedsländern der EU, insbesondere in Deutschland und in Griechenland, auf einem höheren innenpolitischen Konfliktniveau abgehandelt als Beitritte anderer Länder.
Das Beispiel der Türkei zeigt: Die Grenzen des Projekts Europa lassen sich immer nach außen verschieben. Und es ist zu erwarten, daß die Grenzen nach außen verschoben werden, wenn dies einen entsprechenden politischen Nutzen verspricht. Zugleich aber werden die Kosten der Expansion immer höher.
Es ist zu erwarten, daß sich die Logik der Expansion des Projekts Europa im Falle der Türkei durchsetzen wird. Ich sehe zwei Argumentationsstrategien, um diese These plausibel zu machen. Man kann zum einen interessentheoretisch argumentieren. Hier lautet die Ausgangsfrage: In welcher Weise knüpfen politisch relevante Interessen an die genannten Besonderheiten in der Konstellation EU-Türkei an? Für die Mitgliedschaft sprechen die eindeutig gerichteten, starken geopolitischen Interessen. Ihnen stehen Bedenken entgegen, die weniger eindeutig sind: Dem Hinweis auf die erheblichen kulturellen Unterschiede als Argument gegen eine EU-Mitgliedschaft der Türkei steht das Argument entgegen, daß gerade die Mitgliedschaft diese Unterschiede abzubauen hilft. Und die innenpolitische, parteipolitische Aufladung des Themas bedeutet, daß es zwar Ablehnung, ebenso aber auch explizite Unterstützung einer türkischen EU-Mitgliedschaft gibt.
Für die Wahrscheinlichkeit einer EU-Mitgliedschaft der Türkei lassen sich auch Argumente aus dem systemtheoretischen Diskurs entlehnen. Ein Basistheorem der Systemtheorie besteht bekanntlich darin, daß die funktional spezialisierten Teilsysteme der modernen Gesellschaft entsprechend jeweils systeminternen binären Codes operieren. Für das politische System ist die Unterscheidung von Macht haben – Macht nicht haben ausschlaggebend. Das bedeutet, daß Politik hoch empfindlich für alle Signale aus seiner Umwelt ist, die sich in Macht/Nicht Macht übersetzen lassen. Und es bedeutet umgekehrt, daß sich das politische System nach Signalen, die sich diesem Code nicht fügen, nicht richten kann. Man kann die besonderen Merkmale der Integrationsfrage der Türkei entsprechend der Leitdifferenz des politischen Systems sortieren und damit auf ihre politische Relevanz hin prüfen. Von ausschlaggebender Bedeutung sind all jene Besonderheiten der Türkei, die mit der geopolitischen Lage zusammenhängen, da die Beitrittsfrage von besonderem geopolitischen Interesse ist. Das System internationaler Politik ist für geopolitische Merkmale der Türkei stark resonanzfähig, für kulturelle oder religiöse Besonderheiten dagegen nur so weit, wie diese unmittelbar in politische Signale transformiert werden können, etwa indem man mit dem Hinweis auf kulturelle Differenzen Wählermehrheiten gegen einen EU-Beitritt der Türkei mobilisiert.
In der Summe gibt es deutlich mehr Signale, die zu einer Politik der Machtsicherung durch Vollmitgliedschaft führen werden. Übertrieben, jedoch bezeichnend, ist die Perspektive des Ehrenpräsidenten des türkischen Unternehmerverbandes, Bülent Eczacibasi, mit der Integration der Türkei „würde die EU eine wahre Weltmacht“.
Sowohl die interessentheoretische Abwägung wie auch die systemtheoretische Skizze führen zu folgendem Ergebnis: Die EU-Erweiterung folgt einer eigener Logik von Integration und Expansion. Dies wird mittelfristig zum Beitritt der Türkei führen. Selbstverständlich gibt es starke Argumente gegen eine Vollmitgliedschaft der Türkei. Aber diese Argumente rekurrieren nicht auf genuin politische Merkmale. Die Expansionslogik wird sich über sie hinwegsetzen. Das bedeutet freilich nicht, daß kulturelle Unterschiede und die innenpolitische Aufladung des Themas irrelevant sind. Sie werden als Ursachen von Problemen auftauchen, wenn die Integration der Türkei in die EU vollzogen ist – der Integrationsprozeß selbst transformiert kulturelle in politische Signale. Daraus läßt sich ein starkes Argument für einen langsamen, vorsichtigen Beitrittsprozeß machen: Dem politischen System EU muß ausreichend Zeit gegeben werden, die kulturellen, religiösen und weiteren Differenzen politisch zu verarbeiten, die sukzessive in politische Probleme transformiert werden.
Die Differenzen zwischen der EU und ihrer Peripherie, die sich mit zunehmender Expansion des Projekts Europa vertiefen, haben also ihre Bedeutung als potentielle Ursachen von Problemen, mit denen in der Folge von Mitgliedschaften zu rechnen ist. Was die Frage nach Grenzen der Expansion des Projekts Europa betrifft, ist vor allem der folgende Punkt relevant: Im Rahmen der skizzierten Logik von Integration und Expansion ist zu erwarten, daß die Türkei nach ihrem Beitritt selbst ein Interesse an einer ihr vorgelagerten Pufferzone entwickelt. Ebenso ist zu erwarten, daß sich nach der Vollintegration und insbesondere nach dem Abbau von Grenzkontrollen zwischen der Türkei und den anderen EU-Mitgliedern die EU das Interesse an einer solchen Pufferzone zu eigen machen wird. Damit ist die Konstellation für die Entwicklung eines weiteren äußeren Rings gegeben. Die Einbeziehung der Peripherie östlich der Türkei in die Expansionsdynamik Europas ist jedoch mit völlig unüberschaubaren Kosten, Risiken und mit politischem Widerstand sowohl in jener Region als auch z.B. in den USA verbunden. In der Perspektive der Expansionsdynamik des Projekts Europa wird hier eine weitere Besonderheit der Türkei klar: An der Ostgrenze der Türkei kommt die Dialektik von Integration und Expansion der EU endgültig zum Stillstand.
Das politische Projekt Europa hat keine Grenze im Sinn einer Linie. Es läßt sich darum nicht im strengen Sinn eingrenzen. Dennoch ist es so, daß die Expansionsdynamik des Projekts Europa an Grenzen gerät. Das läßt sich daran erkennen, daß die infolge der Expansion auftretenden Integrationsprobleme immer größer werden und die identitätspolitische Berufung auf „Europa“ unplausibler wird. Die Grenze des Projekts Europa ist erreicht, wenn die Integrationskosten die Expansionserträge dauerhaft übersteigen und sich der Widerspruch zwischen Expansion und Integration politisch nicht mehr auflösen läßt.
Abgestufte Integration
Mit der Osterweiterung der Europäischen Union 2004 zeichnet sich der Bruch mit ihrem bisher dominanten Entwicklungsmuster ab. Die „Wider Europe“-Strategie ist bereits eine Reaktion darauf. Welche Konsequenzen hat das für die beiden Mechanismen, die ich oben als Hauptursachen der Dialektik von Expansion und Integration vorgestellt habe?
Die Expansionsdynamik der EU folgte bisher dem Muster konzentrischer Kreise und hat dieses Muster immer wieder reproduziert. Kommt die Expansionsdynamik der EU ins Stocken und dann zum Stillstand, wird das Muster konzentrischer Kreise in Frage gestellt. Das berührt vitale Interessen des wohlhabenden Kerns der EU. Von hier aus gibt es zwei Entwicklungsmöglichkeiten. Entweder es kommt zu einer dauerhaften schroffen Abgrenzung nach außen hin, also einer scharfen Grenzziehung und bewaffneten Grenzsicherung. Dies ist wegen der prinzipiell beschränkten Wirksamkeit von Exklusion aus den genannten Gründen wenig wahrscheinlich. Grenzen lassen sich nicht auf Dauer dicht machen. Oder es setzt sich das Muster konzentrischer Kreise in neuer Weise durch. Das aber kann nur bedeuten, daß sich vom Zentrum zur Peripherie abgestuft integrierte Mitgliedergruppen innerhalb der Europäischen Union entwickeln. Wie geht das?
Erst wenn man die bisherige Entwicklung der Europäischen Union nicht einfach nur als Entfaltung eines Musters konzentrischer Kreise beschreibt, also als Anwendungsfall eines Zentrum-/Peripherie-Modells nimmt, sondern wenn man sie auf die Absicherung des wohlhabenden Kerns Europas als ihren Zweck bezieht, kann man sehen, daß sie nicht alternativlos ist. Ein wohlhabender Kern im Zentrum, abgeschirmt durch von innen nach außen abnehmende Wohlstandszonen und zunehmende Zutrittsbarrieren – dieses eingangs skizzierte geopolitische Muster kann auf zweierlei Weise realisiert werden. Entweder werden außen an den wohlhabenden Kern Pufferzonen angelagert, die mit der Zeit zunehmend integriert werden, worauf wiederum weiter außen liegende Pufferzonen entstehen. Oder es differenziert sich aus dem größeren, gleichmäßig integrierten Verbund aller Unionsmitglieder eine Kerngruppe aus, welche die weitere Integration forciert und damit ihre Umgebung im Effekt zur Pufferzone innerhalb der Europäischen Union werden läßt. Letzteres bedeutet, daß sich ihr historisch dominantes Entwicklungsmuster nach innen wendet. Das ist das gemeinsame Vielfache aller Vorschläge zur Integration à deux vitesses, zu einem Vertrag im Vertrag, einem Kerneuropa oder einem Gravitationszentrum aus einigen Staaten. Dieses Muster zeichnet sich gegenwärtig in diversen Vorschlägen mit unterschiedlichen Nuancen ab: Ein stärker integrierter Kern und die sonstigen Mitglieder drum herum. Dabei gehen die Meinungen allenfalls darüber auseinander, wer zum Kern gehört und ob und wie man den Kern gegenüber den anderen Mitgliedsländern offenhalten kann und soll.
Allerdings sollte man keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen solchen öffentlich vorgetragenen Vorschlägen und der realen Entwicklung unterstellen. Denn zum einen ist plausibel, daß das Thema „Kerneuropa“ als Drohkulisse verwendet wird, um Widerstände gegen eine tiefere Integration mancher EU-Mitglieder abzubauen, etwa im Zusammenhang mit Konflikten um die Mehrheitsregel im Verfassungsentwurf. Und zum anderen ist es möglich, daß Anstrengungen zur Dethematisierung gerade dann einsetzen, wenn es mit Kerneuropa ernst wird. Dieses widersprüchliche Verhältnis wird in der in Österreich weit verbreiteten Position auf den Begriff gebracht: „Wir sind gegen ein Kerneuropa, aber wenn es dazu kommt, wollen wir mit dabei sein.“ Diese Position wird virtuell von allen Mitgliedern eingenommen und neutralisiert sich dadurch.
Mir geht es hier nicht darum, politischen Akteuren ihre „wahren“ Absichten nachzuweisen, erst recht nicht darum, selbst irgendeine Blaupause für die weitere Integration Europas zu entwerfen. Die Fixierung auf politische Rhetorik bedeutet zugleich Konzentration auf politische Intentionen. Eine so einfache Relationierung von Intention und Ergebnis ist einem derart komplexen Prozeß, wie ihn die Entwicklung der EU darstellt, unangemessen. Es geht also darum, ernsthaft ins Auge zu fassen, daß jenseits politischer Absichten Entwicklungen längst im Gang sind, die in ihrem Ergebnis auf eine neue Integrationsform hinauslaufen: In diesem Sinn spreche ich von abgestufter Integration.
Zum einen gibt es in einigen Politikfeldern bereits vertiefte Zusammenarbeit einiger Mitglieder. Unterschiedliche Integrationstiefen im Politikfeld Wirtschaft ergeben sich zum Beispiel durch die selektive Teilnahme an der gemeinsamen Währung. Eine abgestufte Mitgliedschaft ergibt sich insbesondere für die Neumitglieder Ostmittel- und Osteuropas, welche die Kriterien für einen raschen Beitritt zur Euro-Zone nicht erfüllen können. Grenzkontrollen innerhalb der EU wird es jedenfalls so lange geben, wie es keinen freien Verkehr von Arbeitskräften (mit Rücksicht auf die Arbeitsmärkte der Altmitglieder) und Agrargütern (mit Rücksicht auf die Landwirtschaft einzelner Neumitglieder) gibt. Auch dadurch entsteht – zumindest vorübergehend – in der EU ein Muster regional unterschiedlicher Integrationstiefen. Noch dazu könnte es im Politikfeld innere Sicherheit unter dem Druck des internationalen Terrorismus zur Wiederaufnahme von Grenzkontrollen zwischen EU-Mitgliedern kommen. Generell begünstigen Kontrollprobleme an der Außengrenze der EU die Revitalisierung ihrer Binnengrenzen. Dadurch könnten Abstufungen der Integrationstiefe im Politikfeld innere Sicherheit in der EU manifest werden. Gleichzeitig bestehen auf dem Gebiet der Verteidigungspolitik weiterreichende Integrationspläne der drei großen EU- und NATO-Mitglieder, Großbritannien, Frankreich und Deutschland, bei denen klar ist, daß nicht alle EU-Mitglieder mitmachen werden. Alles in allem: Eine abgestufte Integration in der EU zeichnet sich durch zwei Arten von Prozessen ab, die zusammenwirken: Zum einen entstehen Abstufungen, wenn Neumitglieder auf einem (vorläufig?) niedrigeren Integrationsniveau aufgenommen werden; zum anderen führen neue Differenzierungen der Integrationsniveaus im Kreis der Altmitglieder zu abgestufter Integration.
Die Expansion des Projekts Europa gerät an Grenzen. Die weitere Expansion muß mit immer gravierenderen Integrationsproblemen bezahlt werden. Institutionelle Lösungen zeichnen sich nach zwei Seiten ab: Nach außen sind dies die Bemühungen, das Expansionsmuster konzentrischer Kreise fortzusetzen, indem differenzierte Formen der Kooperation unterhalb der Vollmitgliedschaft entwickelt werden. Das Konzept eines Rings befreundeter Staaten ist der Versuch der EU, ihr Expansionsmuster konzentrischer Kreise über die Grenzen ihrer Erweiterbarkeit der EU hinaus fortzuführen und so den zunehmenden Widerspruch zwischen Expansionsdynamik und Integrationsfähigkeit zu lösen. Nach innen zeichnen sich Entwicklungen ab, in deren Folge sich Mitgliedergruppen auf unterschiedlichen Integrationsniveaus bilden. Das Muster konzentrischer Kreise realisiert sich also nicht mehr in der Expansionsdynamik, sondern als abgestufte Integration im Inneren der EU. Die abgestufte Integration nach dem Muster konzentrischer Kreise hat ein Kerneuropa zum Ergebnis – selbst wenn dies niemand wollte.

Politik im Staatenverbund

Jean-Marc Ferry | 76

Die EU, die postnationale Konstellation
und das Problem der Souveränität
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Das klassische Verständnis von Staats- und Volkssouveränität konstituiert politische Handlungsfähigkeit, aber auch uneingeschränkte Macht. Die im liberalen und föderalistischen Denken wurzelnde Idee der Verrechtlichung erlaubt, diese Macht zu beschränken. Die Transnationalisierung der Ökonomie hat jedoch die Autonomie der Staaten und die Rechte der Bürger unterhöhlt. Das Projekt Europäische Union ermöglicht eine Wiedergewinnung der politischen Handlungsfähigkeit. Es birgt zudem Ansätze einer auf geteilten Werten gründenden Rechtsgemeinschaft sowie einer politischen Gemeinschaft jenseits des Staates. Schließen

Rudolf Hrbek | 87

Modelle politischer Ordnung
Föderalismus, Mehrebenensystem, variable Geometrie
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Drei Konzepte politischer Ordnung für die erweiterte EU spielen in Politik und Wissenschaft eine wichtige Rolle. Beim Modell einer Föderation geht es um die föderale Qualität der EU; die gegenwärtige EU weist deutliche Merkmale einer föderalen Struktur auf. Der vom Konvent ausgearbeitete „Verfassungs“-Entwurf verstärkt diesen Charakter. Das Konzept Multi-Level Governance versteht die EU als Mehrebenensystem mit einer spezifischen Form des Regierens. Konzepte einer Differenzierung wie Kerneuropa oder Europa verschiedener Geschwindigkeiten sind Ausdruck integrationsstrategischer Überlegungen, wie die Integration fortgesetzt und vertieft werden kann, auch wenn zunächst nicht alle Mitgliedstaaten an neuen Projekten mitwirken. Schließen

Jürgen Neyer | 106

Demokratisches Regieren in einem post-pathetischen Europa
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Politische Legitimität muß in der Europäischen Union als Produkt einer wechselseitigen Unterstützung mitgliedstaatlicher und supranationaler Legitimationsressourcen gedacht werden. Die Parallelität unterschiedlicher Legitimationsressourcen ist ein unhintergehbares Element von Mehrebenregieren. Eine so verstandene Integration entläßt den demokratischen Rechtsstaat nicht aus seiner Pflicht, politische Herrschaft der Legitimität zu unterwerfen, sondern weist ihm vielmehr eine zentrale Rolle zu. Die Aufgabe der EU liegt dann auch nicht in der Überwindung des demokratischen Rechtsstaates, sondern in der Gestaltung staatenübergreifender Diskursstrukturen. Ein derartiges „post-pathetisches“ Verständnis der EU trägt ihrem fragmentierten gesellschaftlichen Fundament Rechnung und hat das Potential, einen kontinuierlichen Prozeß der politischen Verständigung zu gewährleisten. Schließen

Andreas Maurer | 118

Agenda-Taking statt Agenda-Setting
Die Neuen im Verfassungskonvent
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Der Konvent über die Zukunft der EU stellte ein Novum dar. Seine Mitglieder handelten frei, das Verfahren war transparenter, demokratischer und rationaler als das auf Regierungskonferenzen. Die Beitrittsstaaten wirkten im Konvent bereits mit. Weder wurden sie von den EU-15-Mitgliedern isoliert noch bildeten sie Koalitionen untereinander. Länderübergreifende Koalitionen entstanden vor allem aus der Mitte des Europäischen Parlaments. Parlamentarier der Beitrittsstaaten schlossen sich diesen Initiativen an. Regierungsvertreter bildeten erst am Ende des Konvents Koalitionen mit Vertretern der kleineren Staaten aus der EU-15. Interessenkoalitionen in zentralen Machtfragen der EU wurden auf der Regierungskonferenz im Dezember 2003 virulent. Für die Beitrittsstaaten kam der Konvent zu früh, um Interessenkonvergenzen zu identifizieren und gemeinsam zu agieren. Koalitionen werden nach Politikfeldern und nicht geographisch oder aufgrund des Beitrittsdatums bestimmt. Schließen

Timm Beichelt | 136

Konstellationswechsel?
Politische Konflikte in der neuen EU
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Konflikte in der Europäischen Union werden durch die Erweiterung und wachsende Heterogenität zunehmen. Im Hinblick auf zwischenstaatliche Konflikte droht den Neumitgliedern eine Minorisierung durch die alten Mitglieder, da das spezifische Gewicht der überwiegend kleinen und mittelgroßen Staaten gering ist. Bei innenpolitischen Konflikten mit EU-Bezug ist in Ostmitteleuropa eine Instrumentalisierung des Symbols „Europa“ zu beobachten. Dies lenkt den Blick auf die parteipolitische Dimension europäischer Konflikte. Trotz seiner Schwächen ist das Verhandlungssystem der EU in der Lage, die Bedürfnisse der neuen Mitgliedstaaten aufzunehmen und zu verarbeiten. Eine Voraussetzung ist das Formulieren von konträren Interessen im politischen System der EU. Das öffentliche Austragen von Konflikten ist für eine effiziente europäische Politik notwendig. Schließen

Ines Hartwig, Phedon Nicolaides | 147

Ein knappes Gut?
Solidarität in der erweiterten EU
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Mit der Erweiterung steht die EU vor einem Dilemma: Da sie größer und heterogener wird, ist Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten mehr denn je notwendig. Solidarität drückt jedoch ein Gefühl der Zusammen­gehörigkeit aus. Als solche hängt sie von geteilten Werten und der gemeinsamen Unterstützung der politischen Natur der europäischen Integration ab. Die zunehmende Verschiedenheit in der EU erschwert jedoch die Entwicklung dieses Zusammengehörigkeits­gefühls. Insofern sollte Solidarität in der erweiterten EU stärker auf der Bereitstellung von meritorischen Gütern und auf gegenseitiger Unterstützung basieren. Darüber hinaus ist eine Diskussion nötig, was die Bürger und Bürgerinnen der EU über die abstrakten Werte hinaus verbindet. Schließen

Michael W. Bauer | 160

Erweiterungsdynamik?
Das Europa der Regionen
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Das Ergebnis des Konvents zur Zukunft der Europäischen Union bestätigt und erweitert die regionale Dimension der europäischen Integration. In diesem Zusammenhang sind auch regionale Mobilisie­rungseffekte für die neuen EU-Mitglieder aus Mittel- und Osteuropa zu erwarten. Die ambitionierten Forderungen der deutschen Länder wurden allerdings nur zum Teil erfüllt. Von der Erweiterung der Union wird nun mancherorts erwartet, daß sie regionale Tendenzen in der EU stützen wird bzw. gar eine neue Dynamik zum „Europa der Regionen“ auslösen könnte. Die von den neuen Mitgliedern im Konvent geäußerten Präferenzen weisen jedoch darauf hin, daß die anstehende Erweiterung den regionalpolitischen Druck auf die EU nicht vergrößern wird. Schließen

Gwendolyn Sasse, James Hughes | 180

Integration mit Tiefgang?
Regionalisierung in Ungarn und Polen
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Das asymmetrische Verhältnis zwischen der EU und den beigetretenen Ländern sowie deren institutionelle Schwäche lassen auf einen erheblichen Spielraum für EU-Konditionalität und eine Konvergenz von Institutionen und Politikfeldern in Ostmitteleuropa schließen. Subnationale Reformen spielen für die EU-Regionalpolitik eine wichtige Rolle. Die formale EU-Konditionalität ist schwach, der acquis gibt wenig Vorgaben, für Regionalisierung fehlen der EU Kompetenzen und ein kohärentes Modell. Widersprüchliche Präferenzen und unbestimmte Forderungen der Kommission nach „regionaler administrativer Kapazität“ schürten die innenpolitischen Debatten über Regionalisierung und hatten Einfluß auf die Abfolge und das Design der institutionellen Reformen. Ein Vergleich der Regionalisierung in Ungarn und Polen zeigt, daß der Einfluß der EU begrenzt und die Europäisierung der Eliten auf subnationaler Elite noch schwach ist. Das könnte zu Problemen bei der Umsetzung von EU-Politik führen. Schließen

Europas politische Gesellschaft

Winfried Thaa | 196

Zivilgesellschaft
Ein schwieriges Erbe aus Ostmitteleuropa
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Ausgehend vom Selbstverständnis der Dissidenten- und Oppositionsgruppen im kommunistisch beherrschten Ostmitteleuropa rückte der lange vergessene Begriff der „civil society“ ins Zentrum der Demokratietheorie. Bereits in den Debatten der Opposition schwankte der Begriff zwischen einem Synonym für die intakten Werte vorpolitischer Lebenswelten, einer politischen Strategie zur Bildung gesellschaftlicher Gegenmacht und den Hoffnungen auf eine marktwirtschaftliche Liberalisierung des Regimes. Während diese konzeptionellen Unklarheiten eher begünstigten, daß der Begriff 1989 zum Fokus gesellschaftlicher Gegenidentität werden konnte, verlor er in den postkommunistischen Auseinandersetzungen bald seine Orientierungsfunktion. Dagegen wurde er zu einem normativen Leitbegriff in den Debatten zur Reform westlicher Demokratien. Dabei steht er sowohl für die Erweiterung der politischen Handlungsmöglichkeiten der Bürger als auch für Entstaatlichung und Deregulierung zugunsten des Marktes. Schließen

Christoph Linden | 216

Europäische Bewegung
Zivilgesellschaft für Europa
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Die Erweiterung der EU und die voranschreitende Einigung Europas lenken den Blick auf das Zusammenspiel von Politik und Gesellschaft. Die bislang primär wirtschaftlich und politisch vorangetriebene EU hat nun neue Mitglieder, die ihre demokratische Entwicklung maßgeblich dem Wirken gesellschaftlicher Befreiungsbewegungen zu verdanken haben. Dies kann der Integration neue Impulse geben. Die Vertiefung der EU bedarf einer europäisch orientierten Zivilgesellschaft. Die /Europäische Bewegung/ will zwischen Zivilgesellschaft und Politik vermitteln und die Demokratisierung europäischer Entscheidungen forcieren. Schließen

Stephen Day | 223

Die Osterweiterung der Europarteien
Ambivalenzen eines Familienzuwachses
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Mit der EU-Erweiterung bekommen auch die Europarteien neue Mitglieder. So wie die EU Bedingungen für die Aufnahme der Staaten stellte, knüpften auch die Europarteien die Aufnahme neuer Parteien an Bedingungen wie die Einhaltung demokratischer Standards und eine programmatische Kompatibilität mit den Leitlinien der Parteifamilie. Schon jetzt zeichnet sich jedoch ab, daß die Europarteien mit einer zunehmenden Heterogenität zu kämpfen haben. Gleichzeitig verspricht ihnen das neue Parteienstatut der EU, das ihre Finanzierung regelt, erstmals die Anerkennung als europäische politische Akteure. Schließen

Michael Dauderstädt | 236

Brüder, zur Sonne, zur Freiheit
Sozialdemokratie – osterweitert?
Mehr

Mit der Erweiterung der EU erweitert sich auch das politische System um die Parteien der beigetretenen Länder. Diese Parteien sind von den Transformationen ihrer Länder geprägt und vertreten unterschiedliche Positionen in der jeweiligen Parteienlandschaft. Auch ihre Positionen zur europäischen Integration unterscheiden sich. Fast alle haben den Beitritt ihrer Länder unterstützt. Die Analyse der sozialdemokratischen oder sozialistischen Parteien zeigt, daß ihre europapolitischen Positionen eher nationale als parteipolitische Präferenzen widerspiegeln. Schließen

Roland Freudenstein | 251

Volkspartei oder Völkerparteien?
Familienzuwachs in der EVP
Mehr

Nach den Europawahlen 2004 ziehen Abgeordnete aus den beigetretenen Ländern in Straßburg und Brüssel ein. Bei allen Unterschieden bringen sie gemeinsame Erfahrungen und Einstellungen mit, welche die europäischen Parteienfamilien verändern werden. Interessant verspricht die Integration der bürgerlichen Parteien Ostmitteleuropas in die Europäische Volkspartei (EVP) bzw. deren Fraktion EVP-ED zu werden. Hier treffen echte Kontraste aufeinander. Schließen

Anna Schwarz, Jörg Jacobs | 262

Bangen an der Oder
Ängste und Hoffnungen spiegeln sich
Mehr

Vor Polens EU-Beitritt hegten die Menschen in der deutsch-polnischen Grenzregion neben politischen Hoffnungen auch spezifische Befürchtungen in bezug auf die künftige ökonomische Entwicklung. Umfragen in beiden Grenzregionen zeigen, daß Hoffnungen auf Wohlfahrtsgewinne und bessere Arbeitsmarktchancen auf westpolnischer Seite Sorgen der Ostbrandenburger über neue Konkurrenzbedingungen auf dem Arbeitsmarkt gegenüberstehen. Das Potential polnischer Arbeitsmigration nach Brandenburg sollte nicht überschätzt werden. Schließen

Jan Sokol | 276

Europa spricht
Sprachenvielfalt und Politik
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Nach 1989 haben Nationalismen verschiedener Couleur Ost- und Ostmitteleuropa wieder einmal heimgesucht. Warum sind sie in der Moderne so virulent und gefährlich? Seit der Modernisierung des 19. Jahrhunderts ist die Sprache nicht nur ein gewöhnliches Kommunikationsmittel, sondern spielt eine immer wichtigere politische Rolle. Die öffentliche Meinung, Medien und Politik sind auf eine gemeinsame Sprache angewiesen. Diese tendiert zur Staatssprache. Sprachliche Homogenisierung, im europäischen Westen schon früher erfolgreich durchgesetzt, ist auf europäischer Ebene gescheitert. Europa muß sich folglich mit seiner Sprachenvielfalt auch in der Zukunft abfinden. Nicht nur zu seinem Nachteil. Schließen

Ira Panic | 286

Europa schreibt
Das Europäische an europas Literatur

Elmar Rieger | 296

Wohlfahrt für Bauern?
Die Osterweiterung der Agrarpolitik
Mehr

Für die Landwirtschaft der ostmittel- und osteuropäischen Länder zeigt sich die Osterweiterung der EU als vollständige Übernahme eines wohlfahrtsbürokratischen Regimes. Das Oktroi des Normen- und Institutionengefüges der Gemeinsamen Agrarpolitik bedeutet allerdings auch neue Entwicklungschancen für die ländlichen Räume und die Befriedigung von Sicherheitsinteressen, die von der nationalen Agrarpolitik angesichts der zum Teil massiven agrarsozialen Probleme nicht geboten werden konnten. Wie schnell und wie umfassend die Angleichung an die agrarwirtschaftlichen Verhältnisse Westeuropas ausfallen wird, ist mehr eine verwaltungspolitische Frage als eine Frage von Preisen und Subventionen. Schließen

Heinz Fassmann | 316

Die große Freiheit?
Zuwanderung und Niederlassung
Mehr

Die Freizügigkeit der EU-Bürger, sich innerhalb des gemeinsamen Territoriums ungehindert niederlassen zu dürfen, stellt eine der vier Grundfreiheiten der EU dar. In den Beitrittsverhandlungen zwischen der Kommission, den Mitgliedstaaten der EU-15 und den Kandidatenländern erwies sich diese Freiheit als Hürde. Die „alten“ Mitgliedstaaten fürchteten, daß aufgrund der erheblichen Lohndifferenzen eine massenhafte Wanderung aus dem östlichen Europa in Richtung Westen einsetzen wird. Die neuen Mitgliedstaaten empfanden die Forderung nach Übergangsregeln als eine Herabstufung zu Mitgliedern zweiter Klasse. Schließlich konnte eine vernünftige Lösung präsentiert werden. Schließen

Gerhard Gnauck | 330

Muß Polen Deutschland dankbar sein?

Thomas Conzelmann | 333

Verteilungsspiele ohne Grenzen?
Die Osterweiterung der Strukturpolitik
Mehr

Die EU-Strukturpolitik für rückständige Gebiete zählt zu den stark umstrittenen Politikbereichen im Zuge der EU-Osterweiterung. Der Beitrag schildert die bisherige Entwicklungslogik der Strukturfonds und zeigt Konfliktlinien in den aktuellen Reformdiskussionen auf. Wenn auch die neuen EU-Mitglieder auf die Debatte bislang wenig Einfluß hatten, mit dem Beitritt wird ihre Stimme mehr Gewicht erhalten. Dies liegt nicht nur an ihrer Teilnahme an den EU-Verhandlungen, sondern auch an den normativen Gehalten der europäischen Strukturpolitik, die eine Ungleichbehandlung der Mitgliedstaaten ausschließen. Schließen

Marzenna Guz-Vetter | 347

Schwieriges Geld aus Brüssel
Polen und die Strukturgelder der EU
Mehr

Polen wird einen bedeutenden Teil der europäischen Regionalhilfen beanspruchen können. Von der effektiven Verwaltung dieser Mittel werden das Gewicht der Strukturhilfen in der nächsten Finanzierungsperiode 2007-2013 sowie die Dezentralisierung der polnischen Regionalpolitik bestimmt werden. Die Regierung sollte ihr Augenmerk nicht auf die Quantität der abgerufenen EU-Mittel, sondern auf die Qualität der Projekte und ihre optimale Einbettung in Polens wirtschaftliche Entwicklungsstrategie richten. Die Vorbereitung der polnischen Administration ist noch lückenhaft. In den ersten Jahren nach dem Beitritt ist mit erheblichen Problemen beim Projektmanagement und der Kofinanzierung zu rechnen. Schließen

András Inotai | 360

Vor dem take-off?
Modernisierung statt Peripherie
Mehr

Mit der Osterweiterung tritt eine Gruppe semiperipherer Staaten der EU bei. Sie unterscheiden sich aus vielen Gründen von allen früher beigetretenen peripheren Wirtschaften. In einigen Ländern Ostmittel- und Nordosteuropas weisen wirtschaftliche Indikatoren auf eine erfolgreiche, weniger kostspielige, kürzere und effizientere Eingliederung in die EU hin, als es bei vergleichbaren Volkswirtschaften der Fall war. Um eine nachhaltige Modernisierung zu sichern, müssen sich auch die Schlüsselstaaten der EU-15 als reformbereit und zukunftsorientiert erweisen. Schließen

Dorothee Bohle, Béla Greskovits | 372

Ein Sozialmodell an der Grenze
Kapitalismus ohne Kompromiß
Mehr

Die Westintegration der osteuropäischen Staaten hat bislang nicht zu einer Angleichung der sozialen Verhältnisse beigetragen. Wir führen die sozialen Unterschiede auf die sich herausbildende gesamteuropäische Arbeitsteilung zurück. Die hochgradig exportorientierten und stärker arbeitsintensiven Produktionsstrukturen Osteuropas sind ungünstig für einen Kompromiß zwischen Unternehmern und Beschäftigten, wie er dem westeuropäischen Sozialmodell zugrunde liegt. Schließen

Johannes Baur | 387

Europäische Verkehrspolitik
Zu Lande, zu Wasser und in der Luft
Mehr

Verkehr und Verkehrswirtschaft sind eine der Säulen des Europäischen Binnenmarktes. Der Verkehrssektor erwirtschaftet über zehn Prozent des BIP der EU und beschäftigt mehr als zehn Millionen Erwerbstätige. Funktionierende Verkehrswege sind die Grundlage für den freien Güter- und Personenverkehr in der EU, ohne die europäisches Leben und Wirtschaften heute nicht mehr vorstellbar sind. Nicht ohne Grund wurde deshalb eine gemeinsame Verkehrspolitik bereits von den Gründern der Europäischen Gemeinschaft in den Verträgen von Rom festgelegt. Mit der Schaffung des Binnenmarktes Anfang der 1990er Jahre erhielt auch die europäische Verkehrspolitik neue Impulse. Insbesondere der Straßengüterverkehr und der Luftverkehr wurden liberalisiert Schließen

Liliana Andonova | 397

Die Osterweiterung der Umweltstandards
Chemikaliensicherheit und Luftreinhaltung
Mehr

Die neuen Mitgliedstaaten haben mit der Übernahme des umfangreichen EU-Umweltrechts und seiner Durchsetzung eine gewaltige Anpassungsleistung vollbracht. Die EU hat die Umweltpolitik der Beitrittsländer nicht nur durch Vorgaben an die Regierungen beeinflußt. Auch die Veränderung der Interessen nationaler Wirtschaftsakteure aufgrund des Marktdrucks und die Bereitstellung von Informationen durch transnationale Wirtschaftsverbände spielten eine wesentliche Rolle. Der Beitrag zeigt am Beispiel der chemischen Industrie und der Stromindustrie in der Tschechischen Republik, Polen und Bulgarien, wie in verschiedenen ökonomischen Konstellationen mit unterschiedlichen institutionellen Arrangements die Erfüllung der Umweltauflagen erreicht wurde. Schließen

Jakob Edler, Attila Havas | 413

Einbinden, um aufzuholen
Die Erweiterung in der Forschungs- & Technologiepolitik
Mehr

Öffentliche und private Forscher aus den neuen Mitgliedstaaten sowie nationale politische Akteure wurden schon lange vor dem 1. Mai 2004 in EU-Aktivitäten in der Forschungs- und Technologiepolitik eingebunden. Die angestoßenen Anpassungs- und Lernprozesse erleichtern die volle Integration und werden tendenziell zur Aufholung und Konvergenz nationaler Forschungs- und Technologiepolitik beitragen. Der Beitritt fällt in eine Zeit des Umbruchs, da die EU mit dem 'Europäischen Forschungsraum' die Vergemeinschaftung des Politikfelds vorantreibt. Schließen

Wilhelm Knelangen | 430

Freiheit, Sicherheit und Recht
Erweiterte Innen- und Justizpolitik
Mehr

Die Europäische Union hat befriedigende Ergebnisse im Kapitel /Justiz und Inneres/ zur zwingenden Voraussetzung für einen Beitritt gemacht. Das spiegelt die wachsende Bedeutung des Politikfeldes und Befürchtungen über „Sicherheitsverluste“ in den westeuropäischen Gesellschaften wider. Mit großem Aufwand sind Polizei, Justiz und Verwaltung der ostmitteleuropäischen Staaten modernisiert und in die Architektur des gemeinsamen /Raumes der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts/ einbezogen worden. Dennoch bleiben erhebliche Probleme, so daß von einer verlängerten Phase der „Heranführung“ an die EU-Standards auszugehen ist. Die Grenzkontrollen, denen in der öffent­lichen Debatte eine zu große Bedeutung beigemessen wird, werden nicht vor 2006 wegfallen. Schließen

Kai-Olaf Lang | 443

Störenfriede oder Ideengeber?
Die Neuen in der GASP
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Die Außenpolitik der neuen ostmitteleuropäischen Mitgliedstaaten der EU ist durch ein Denken in klassischen sicherheitspolitischen Kategorien gekennzeichnet. Die Furcht vor einer Aufteilung Osteuropas in Interessensphären der Großmächte, insbesondere Rußlands und Deutschlands, läßt alle acht Staaten eine Anlehnung an die USA suchen. Sie sind bestrebt, im Rahmen der GASP und der ESVP die vor allem über die NATO gewährleistete transatlantische Bindung der Außenpolitik der europäischen Staaten aufrecht zu erhalten. Um die USA in Europa zu halten, sind sie bereit, die von ihnen als Ergänzung verstandene Umwandlung der NATO in ein Bündnis für Militäreinsätze außerhalb Europas mitzutragen. Schließen

Siegmar Schmidt | 460

Vor dem Rollentausch
Osterweiterung und Entwicklungspolitik
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Die Voraussetzungen sind ungünstig, die neuen Mitglieder in die EU-Entwicklungspolitik einzubinden: Die betreffenden Staaten verfügen kaum über leistungsfähige Durchführungsorganisationen. Die rechtliche Verankerung und inhaltliche Definition von Entwicklungspolitik sind unzureichend. Die finanziellen Mittel liegen unter dem EU-15-Durchschnitt. Das Bewußtsein für Entwicklungszusammenarbeit ist gering, historische Bindungen zu Entwicklungsländern existieren kaum. Da dürfte es schwierig werden, die neue Rolle zu akzeptieren, EU-Mittel zu geben, statt sie zu bekommen. Gleichzeitig werden die neuen Mitglieder aus Sicherheitsinteressen eine Umorientierung der Entwicklungszusammenarbeit auf ihr näheres regionales Umfeld anstreben und dafür eintreten, daß die Förderung von Demokratie und Menschenrechten stärker Berücksichtigung finden. Schließen

Eva G. Heidbreder | 473

Minderheitenschutz in der neuen EU
Beitrittskriterien nach dem Beitritt
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Das Kopenhagener Mandat, auf dessen Grundlage die Kommission Minderheitenschutz überprüfte, beinhaltete keine Vorgaben zur Anwendung dieses Beitrittskriteriums. Außerdem fehlten der EU in diesem Bereich jegliche Kompetenzen. Vor dem Beitritt baute die Kommission ein effektives Monitoring-System auf, das aber ausschließlich für die Kandidatenstaaten galt. Dies verhindert letztlich eine strikte Anwendung des Kriteriums. Dennoch hatte die Überwachung positive Effekte auf die Beitrittsstaaten. Mehr noch, die Anwendung des Beitrittskriteriums legte über die Vorbeitrittspolitik hinaus den Grundstein für eine Minderheitenpolitik der EU. Schließen

Annegret Haase | 484

Kooperation statt Exklusion?
Euroregionen an Polens EU-Außengrenze
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Die seit 1993 entstandenen Euroregionen gelten als Instrument, um Trennlinien an der neuen EU-Außengrenze im Osten zu verhindern. Euphorische Erwartungen wurden jedoch enttäuscht. Nicht Verbundenheit, gleiche Ziele oder die Aussicht auf intensive Kooperation führten zur Bildung der Euroregionen, sondern die Hoffnung auf EU-Mittel. Trotz einiger Mängel fördern die Euroregionen den Zusammenhalt zwischen den Nachbarn. Sie haben das Potential, Kooperation effektiver zu gestalten. Schließen

Katarzyna Stokłosa | 496

Laboratorien der Einigung
Grenzregionen am EU-East-End
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Nach dem EU-Beitritt ist Polen gefordert, an der Nachbarschaftspolitik der Union gegenüber der Ukraine, Belarus und Rußland mitzuwirken. Polens Kompetenz ergibt sich aus der regionalen Zusammenarbeit über Grenzen. Der Beitrag analysiert, inwieweit diese Regionalpolitik in den Grenzräumen zur Ukraine, Belarus und Rußland positive Impulse für eine Nachbarschaftspolitik der EU geben kann und wo Mängel existieren. Schließen