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Die Auflösung der UdSSR führte in Zentralasien zu einer Blüte des Islam. Die politischen Eliten instrumentalisierten ihn zur Legitimation ihrer Herrschaft. Heute ist ihr Verhältnis zum Islam ambivalent. Von den schwierigen ökonomischen Verhältnissen, Korruption und Repression profitieren radikale Gruppen. Sie fordern ein islamistisches Gesellschaftsmodell. Uzbekistans und Turkmenistans Staatsapparate reagieren mit offener Härte. Kazachstan, Kyrgyzstan und Tadžikistan passen sich der Bekämpfung der „wahhabitischen Gefahr“ zunehmend an. Nach dem 11. September ist westliche Menschenrechtskritik an den Regimen, die für den „Kampf gegen den Terror“ in Afghanistan nützlich sind, weitgehend verstummt. Das bestärkt die Diktatoren und Autokraten in Zentralasien.

Entgegen allen Behauptungen des Präsidenten und seiner Regierung, die radikale Reform der rußländischen Streitkräfte sei abgeschlossen, hat eine echte Reform der Streitkräfte in Rußland kaum begonnen. Wirtschaftliche und sozioökonomische Faktoren stehen einer Reform im Wege. Die wichtigsten Gründe jedoch sind politischer Natur, die Präsident Putin umfassende Veränderungen erschweren. Gleichzeitig hintertreibt die Generalität aktiv alle Reformansätze. Letztlich liegt die Wurzel des Problems in der gescheiterten Demokratisierung Rußlands nach 1993, welche die Entwicklung ausgewogener staatlicher Mechanismen zur Kontrolle der Streitkräfte verhinderte.

Die Integration der ostmitteleuropäischen Mitgliedsländer in die EU ist mit der Strategie verbunden, durch die Öffnung der Märkte wirtschaftlich aufzuholen. Entgegen der neoklassischen Auffassung, daß Auslandskapital vermehrt in kapitalschwache Volkswirtschaften fließt, haben diese neuen EU-Mitglieder nur wenig Direktinvestitionen erhalten. Der Beitrag dieser Investitionen zum Wachstum und zur Entwicklung des Inlandssektors über Spillover-Effekte ist gering. Da sich westliche Unternehmen in den neuen Märkten mittlerweile weitgehend positioniert haben und die Privatisierung ausläuft, entfallen wesentliche Gründe für Direktinvestitionen. Die Erfahrungen aus der Süderweiterung der EU bestätigen diese Entwicklung. Ein allein auf Direktinvestitionen gründendes Aufholen der ostmitteleuropäischen Volkswirtschaften ist nicht zu erwarten.

In der Geschichte Europas sind profilierte Europäer ein knappes Gut – von profilierten Europäerinnen ganz zu schweigen. Wer sie im Osten des Kontinents sucht, dürfte noch größere Schwierigkeiten haben, fündig zu werden. Das hat jedoch weniger damit zu tun, daß es sie nicht gegeben hätte oder geben würde, als mit der Art und Weise, wie Politik und Gesellschaft wahrgenommen und die Geschichte Europas geschrieben werden. In der Wissenschaft haben freiwillig angelegte erkenntnistheoretische und methodische Scheuklappen jahrzehntelang den Blick auf das Individuum beschränkt, eingeengt oder gänzlich verstellt. Der Frage, welche Rolle die Persönlichkeit in der Geschichte spielt, haftet bis heute etwas eigentümlich Altmodisches an. Individuelle Lebensbeschreibung als historiographisches Genre galt mit dem Vordringen sozialwissenschaftlicher Konzepte in den 1970er Jahren als konservatives, theorie- und methodenresistentes Genre ohne Erklärungskraft. Lange Zeit dominierte deshalb in der Geschichtswissenschaft, der Politikwissenschaft und den Sozialwissenschaften die Beschäftigung mit Modernisierung oder Rückständigkeit, sozialen Gruppen und Klassen, Interessen und Ideologien. Unter Strukturen und Prozessen, Theorien und Typologien geriet der Mensch als historisches Subjekt, das Individuum als homo faber, fast in Vergessenheit. Die – ohne Zweifel brillanten – Beiträge zu einer Strukturgeschichte Europas, ganz gleich, ob sie in Paris von Fernand Braudel oder in Budapest von Jenő Szücs verfaßt wurden, waren nahezu menschenleer. Und in den politikwissenschaftlichen Standardwerken zur Europäischen Integration finden sich zahlreiche – unbestritten wertvolle – Überlegungen zum „dynamischen Mehrebenensystem“, zum „institutional setting“ oder zu „redistributiver und sozialregulativer Politik“, aber kaum eine zum Menschen als zoon politikon und politisches Subjekt der europäischen Einigung. Politisch tat die Spaltung Europas in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein Übriges, um den Blick auf „Europäer“ jenseits des Eisernen Vorhangs zu verstellen. Als die Frontstellung gegenüber der UdSSR und ihrem Bündnissystem als zweiter Impuls für eine erfolgreiche Einigung neben die Tragödie des Zweiten Weltkrieges trat, deren Wiederholung zu verhindern das ursprüngliche Motiv der Einigungsbewegung gewesen war, leistete dies der Halbierung des europäischen Gedächtnisses Vorschub. Traten die einen zu einem fast vier Jahrzehnte währenden Neuanfang der Integration liberaler Prägung in unhistorischen westeuropäischen Grenzen an, der dennoch an historische Traditionen der europäischen Einigung anzuknüpfen vermochte, sahen viele Intellektuelle und Politiker in Osteuropa die Zukunft in einer Vergemeinschaftung unter den Vorzeichen des Sozialismus. Dieser postulierte den Bruch mit allen bisherigen Ansätzen der europäischen Idee. Und der Zusammenbruch des Sozialismus 1989 hat den Bankrott dieser Gesellschaftsordnung und damit auch die Delegitimierung seiner zwischengesellschaftlichen Ordnungsvorstellung offenbart. Es dürfte mehr sein als eine bloße Vermutung, daß öffentliche Umfragen nach „profilierten Europäern“ die „Gründerväter“ der westeuropäischen Integration an die Spitze katapultieren würden: neben Jean Monnet die drei „Karolinger“ Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schumann. Ihnen war nicht nur der Katholizismus als geistig-politische Heimat eigen, sondern ihnen war auch gemeinsam, daß ihre Geburtsstädte Köln, Trient und Metz bereits wichtige Orte im Karolingischen Reich gewesen waren. Diese Fakten sind mehr als eine historische Reminiszenz. Politisch sind sie in mehrerer Hinsicht von Bedeutung. Die konfessionellen und geographischen Bezüge sind bis heute wirkungsmächtig, so in der Debatte über ein „Kerneuropa“, in der Frage, wo die Grenzen Europas im Osten und Südosten verlaufen oder wenn um es eine etwaige Mitgliedschaft der Türkei in der EU geht. Doch auch erinnerungspolitisch ist die Frage, wer die Deutungshoheit über die Geschichte Europas hat, von Belang. Wenn Enzyklopädien, Handbücher und Lexika das konsolidierte Wissen einer Epoche zum Zeitpunkt ihres Erscheinens wiedergeben, dann offenbart sich in ihnen, welche Lücken das europäische Gedächtnis aufweist. Die kollektive Erinnerung der Europäer nimmt bis heute all das aus der östlichen Hälfte Europas, was ein halbes Jahrhundert und länger ausgeschlossen oder randständig war oder sich den geläufigen Rezeptionsmustern sperrt, kaum zur Kenntnis. Daran vermögen auch die nach dem Ende des Ost-West-Konflikts erfolgten, symbolisch und politisch bedeutsamen Handlungen wie die Verleihung des Aachener Karlspreises an Ostmitteleuropäer wie Gyula Horn, Václav Havel, Bronisław Geremek oder György Konrád kaum etwas zu ändern. Denn die kollektive Erinnerung und das kollektive Vergessen haben Tiefendimensionen, die auf Zeitschichten zurückreichen, die weit vor dem Jahr 1989 liegen und erst in Ansätzen gesamteuropäisch erfaßt worden sind. Nachdem die Spaltung des Kontinents überwunden ist und die größte Erweiterung in der Geschichte der Europäischen Integration stattgefunden hat, ist es an der Zeit, die geteilte Erinnerung Europas zusammenzuführen. Das ist der Grund, weshalb Osteuropa künftig profilierten Europäerinnen und Europäern Aufmerksamkeit widmet. Aus dem Fokus der Zeitschrift folgt, sich auf Persönlichkeiten aus dem Osten des Kontinents zu konzentrieren. Im Mittelpunkt der neuen Rubrik Profile Europas – Europa im Profil, die in diesem Heft beginnt, stehen Menschen aus drei Gruppen. Zur ersten gehören solche, die aus Ostmitteleuropa und Osteuropa stammen, aber gesamteuropäisch gewirkt und ideengeschichtliche oder gesellschaftliche Spuren hinterlassen haben. Ein exemplarischer Fall ist der des begnadeten Autodidakten, Unternehmers und Friedensaktivisten Bloch. Seine Wurzeln liegen im ostpolnischen Radom, das damals zu Rußland gehörte. An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert machte er sich in Europa in unterschiedlichen Schreibweisen einen Namen: als Jan Bloch in Polen, Ivan Blioch in Rußland, Jacques Bloch in Frankreich und als Johann von Bloch in Deutschland. Am bekanntesten ist sicherlich sein Wirken im Hintergrund der Haager Friedenskonferenz (1899). Die Gemeinsamkeiten in Ost- und Westeuropa lassen sich auf einen Nenner bringen: Hier wie dort ist er vergessen. Das mag im Falle Tomáš Garrigue Masaryks anders sein, doch den ihm gebührenden Platz im europäischen Gedächtnis hat auch er bis heute nicht gefunden. Nicht anders verhält es sich mit dem Soziologen Fedor Stepun, mit dem wir auf den folgenden Seiten die Reihe Profile Europas – Europa im Profil eröffnen. Zur zweiten Gruppe gehören Autoren von Europaentwürfen. Die wichtigen Überlegungen zur Zukunft Europas von Novalis, Joseph Görres oder Julius Fröbel fehlen in keiner Anthologie über die „Idee Europa“. Doch die Entwürfe zu einer politischen Ordnung Europas, wie sie der russische Aufklärer Vasilij Malinovskij oder der aus Odessa stammende Soziologe Jacques Novikov vorgelegt hatten, sucht man vergeblich. Das hat nichts damit zu tun, daß die Arbeit Novikovs, der ein polyglotter Prototyp eines europäischen Intellektuellen war, jegliche Relevanz verloren hätte. Sein 1895 zuerst auf italienisch publiziertes Werk „Die Föderation Europas“ ist bis heute mit Gewinn zu lesen. Nicht minder wertvolle Beiträge zur Föderalismus-Debatte stellen Jaromír Nečas’ „Die Vereinigten Staaten von Europa“ oder Milan Hodžas Konzept für eine „Mitteleuropäische Föderation“ dar. Alle haben ihren Platz in der Föderalismusforschung oder der Europaforschung sowie in der Ideengeschichte noch nicht gefunden. Schließlich werden Personen vorgestellt, die während der Teilung des Kontinents infolge des Ost-West-Konflikts an der kulturellen oder gar politischen Einheit Europas festhielten. Es wird daran zu erinnern sein, daß zu jener Zeit jeder Brückenschlag zwischen West und Ost und Ost und West ein Politikum war und diejenigen, die ihn versuchten, leicht als Phantasten etikettiert wurden, unter den Generalverdacht gestellt wurden, die Stabilität der bipolaren Ordnung zu unterminieren oder gar das Geschäft der Gegenseite zu besorgen. Hier wird das intellektuelle und persönliche Profil eines Jan Patočka, François Bondy, Joseph Retinger, Czesław Miłosz oder Aleksandr Lipianskij alias Alexandre Marc rekonstruiert. Gemeinsam ist allen Personen aus diesen drei Gruppen eines: Ihr Wirken ist integraler Bestandteil des Europäischen Erbes. Sie knüpfen an eine Idee Europas an, welche die Ideale der Antike, des Humanismus, der Freiheit, des Individuums und des Rechtsstaats integriert. Sie haben wichtige Beiträge zur europäischen Kultur, zur europäischen Ideengeschichte geleistet und damit an der Herausbildung von Europas „exzentrischer Identität“ mitgewirkt, um den geglückten Begriff Rémi Bragues zu variieren. Sie sind untrennbarer Bestandteil des europäischen Profils. Und doch sind sie in der öffentlichen Wahrnehmung und selbst im Bewußtsein derer, die sich in Wissenschaft, Politik, Bildung oder Publizistik professionell mit Europa beschäftigen, nicht präsent und damit paradoxerweise Europäer ohne Profil. Diesen europäischen Persönlichkeiten ihr Profil zurückzugeben und so auch das Profil Europas zu schärfen, ist die Aufgabe der neuen Rubrik von und in Osteuropa. Sie soll damit auch einen dauerhaften Beitrag zur Osterweiterung des europäischen Denkens leisten. Die Erweiterung der Europäischen Union im Mai 2004 ist in dieser Hinsicht nicht mehr gewesen als ein Startschuß, eine Aufforderung, sich all das wieder anzueignen oder zu entdecken, was über Jahrzehnte dem europäischen Gedächtnis entfallen ist.

Der Zufall wollte es, daß Max Weber seinen Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ am selben Abend hielt, als die Bol’ševiki in Petrograd die Macht eroberten. Webers früherer Gesprächspartner, der Philosoph Fedor Stepun (1884–1965), wird Augenzeuge dieses weltgeschichtlichen Ereignisses. Diese Erfahrung wertete Stepun als Publizist und Soziologe ab 1922 im deutschen Exil aus, im lebendigen Austausch mit Künstlern und Intellektuellen der russischen Emigration und als Teil des deutschen Wissenschaftsbetriebs. In kritischer Auseinandersetzung mit Webers Postulat der Werturteilsfreiheit der Wissenschaften entwickelt er in den Zwischenkriegsjahren sein Selbstverständnis eines transnationalen politischen Intellektuellen in Europa.

Die sowjetischen Musikfilmkomödien der 1930er Jahre orientierten sich in ihrer Bildsprache und im Sujetaufbau an dem amerikanischen Hollywood-Musical. Im Beitrag werden dramaturgische Ähnlichkeiten zwischen dem Backstage Musical Footlight Parade (1933) und der Adaptation dieses Genres im sowjetischen Musikfilm Cirk (1936) herausgearbeitet. Dabei stehen die Vermittlungs- und Partizipationsstrategien von ideologischen Botschaften im populären Genre des Filmmusicals im Mittelpunkt. Hollywoods Filmindustrie nutzte zur Verbreitung seiner ideologischen Subtexte die Selbstimaginationen des Publikums. Die demonstrative Inszenierung von symbolischen Gesten im sowjetischen Musikfilm schließt den Betrachter aus der Partizipation am Filmtext aus.

Seit einem Jahrzehnt revitalisiert die polnische und russische Literatur die ukrainische Thematik. Die Ukraine ist wieder zu einem Ort geworden, der als Projektionsfläche für kulturelle Selbstdefinitionen dient. Dabei knüpft man an kulturelle Topographien aus der Romantik an, welche die Ukraine als umkämpftes und gefährliches Grenzland am Rande des eigenen Imperiums imaginierten. Dieses heute jenseits der eigenen Staatsgrenzen liegende hochpoetisierte Gebiet bietet sich ideal für eine postmoderne Diversifizierung und spielerische Regionalisierung an. So erscheint die Westukraine in der polnischen Literatur häufig im intertextuellen Rekurs auf den multikulturellen Galizienmythos und die wiedergekehrte Mitteleuropa-Idee. In der russischen Literatur werden die orientalisierte Krim als neues „Welt- Kultur-Übungsgelände“ und die dörfliche Ukraine als mystischer Ort grotesker und übersinnlicher Erfahrungen ästhetisiert.

Der unabhängige Kulturbetrieb in Polen brachte in den 1980er Jahren eine eigenwillige Kommunikationsform hervor, welche die staatliche Zensur auf listige Weise unterlief. In Krakau und in Posen fanden unter dem Schutz der katholischen Kirche und im universitären Raum Lesungen mit Autoren statt, die seit den späten 1970er Jahren in Untergrundund in Exilverlagen wie auch in den zahlreichen Zeitschriften des Zweiten Umlaufs meist unter Pseudonym veröffentlichten. Ihre in „Laut“ (na głos) und in „Dritte Strukturen“ (struktury trzecie) vorgetragenen Texte wurden unmittelbar nach den Lesungen gedruckt, ohne daß die staatlichen Zensoren eingreifen konnten. Die Redakteure dieser gesprochenen Literaturzeitschriften begründeten gemeinsam mit den lesenden Akteuren einen Kommunikationsraum zwischen unterschiedlichen Kulturbereichen. Sie schufen damit auch die Grundlage für die Durchbrechung des staatlichen Publikationsmonopols in der Endphase des kommunistischen Regimes.
