2012 2011 2010
2009 2008 2007
2006 2005 2004
2003 2002

Vernichtung durch Hunger
Der Holodomor in der Ukraine und der UdSSR

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Agathe Gebert (Hg.)
208 Seiten, 25 Abbildungen, 3 Karten
Berlin (BWV) 2004[= Osteuropa 12/2004]
Preis: 15,00 €
ISBN: 3-8305-0883-2

Coverbild

Manfred Sapper, Volker Weichsel,t Agathe Geber | 3

Editorial
Erinnerung, Mobilisierung und Nation
Mehr

Selten ist die Sicht so klar: Menschen demonstrieren mit blau-gelben Fahnen vor einem Denkmal. Ihr Protest im Dezember 2004 richtet sich gegen manipulierte Wahlen und Pseudodemokratie in der Ukraine. Dank seiner ungewöhnlichen Perspektive gibt das Photo auf der Titelseite gleichzeitig den Blick frei auf das Programm dieses Heftes: Erinnerung, Mobilisierung und Nation. Zu sehen ist das „Denkmal an die Opfer des Holodomor“ in Kiev. Die Vernichtung von sechs bis sieben Millionen Menschen in der Ukraine 1932/1933, also während der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Etablierung des Stalinismus in der UdSSR, ist integraler Bestandteil des Jahrhunderts der Massenvernichtung, wie das 20. Jahrhundert zu Recht genannt wird. Die erste schriftliche Erwähnung der Hungerkatastrophe findet sich 1932 in dieser Zeitschrift. Otto Auhagen schreibt in Osteuropa von „dem furchtbaren Elend“, „das kein Berichterstatter verschweigen darf“. Doch das Verschweigen wurde zur Methode. In der UdSSR war der Holodomor ein Tabu. Die Aufarbeitung der Vergangenheit, die Erinnerung an die Opfer und die Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit entfalteten dann aber in der Unabhängigkeitsbewegung während der Perestrojka eine ungeheure nationsbildende Kraft. Heute ist der Holodomor für das nationale Selbstverständnis der Ukraine ähnlich bedeutsam wie die Vernichtungserfahrung des Holocaust für das Selbstverständnis Israels. Nun ist es wieder Osteuropa, die den neuen empirischen Befunden der Holdomorforschung ein ganzes Heft widmet. Neben der Annäherung an die historische Wahrheit dient das Heft einem zweiten Ziel: den Holodomor in den Fokus einer vergleichenden Erforschung von Genoziden und anderen Formen der Massenvernichtung zu rücken. Welche hohen analytischen Hürden zu nehmen sind, ehe der Vergleich oder die Kontrastierung neue Erkenntnisse bringen, zeigt Egbert Jahn in seinen Überlegungen zum Holodomor in der Phänomenologie der Massenvernichtung. Dieser Kontrastierung stellen wir durch Illustrationen eine zweite hinzu. Die Lüge und das Verschweigen des Holodomor in der Stalinschen Sowjetunion gingen Hand in Hand mit Glorifizierung und Propaganda. Photographie und bildende Kunst kamen ohne Bezug auf die Symbolik der Nahrung nicht aus. Mit Erntemotiven arbeiten Kazimir Malevič (1928/29) oder Aleksandr Rodčenko/Boris Ignatovič (1929) während des ersten Fünfjahresplans. Und in der Spätphase des Stalinismus erhielt Tatjana Jablonskaja für ihr Gemälde /Brot/ (1949) den Stalin-Preis. Die Bildsprache erinnert an paradiesisches Heil. Milch wird in Strömen fließen, Manna vom Himmel regnen und Nahrung grenzenlos vorhanden sein. Leben ist Überfluß, Sattheit und Glück. Die Realität war eine andere. Wasser und Brot sind die elementaren Bedingungen menschlichen Lebens. Der Entzug von Wasser und Brot zerstört das Leben. Es gehört zur List der Geschichte, daß sich aus dem vorsätzlichen Entzug und dem Mangel, der zu millionenfachem Verdursten und Verhungern führte, die Idee der Ukraine als Nation und als Staat speist. Schließen

Egbert Jahn | 13

Der Holodomor im Vergleich
Zur Phänomenologie der Massenvernichtung
Mehr

Die einzigartige Vernichtung von mehreren Millionen Menschen durch organisierten Hungertod in den Jahren 1932/33 hatte zwar ähnliche Ausmaße wie der nationalsozialistische Judenmord, ist aber auf ganz andere Motive zurückzuführen, in die herrschaftssichernde, sozial-klassenpolitische, sprach- und kulturpolitische, nationale und weitere Interessen eingingen. Schließen

Gerhard Simon | 37

Holodomor als Waffe
Stalinismus, Hunger und der ukrainische Nationalismus
Mehr

Die von der Führung der UdSSR organisierte Hungersnot in der Ukraine war ein Instrument zur Konsolidierung des Stalinismus. Daher ist die Kontroverse gegenstandslos, ob sie sich gegen die Bauern oder die Ukrainer richtete. Beide waren gleichermaßen „Feinde“. Die durch die Zwangskollektivierung hervorgerufene Krise der Landwirtschaft hatte in Stalins Einschätzung die Loyalitätskrise in der Ukraine offensichtlich werden lassen. Er fürchtete, „die Ukraine zu verlieren“. Deshalb wurde der Hunger als Waffe gegen das ukrainische Dorf eingesetzt, wo der Widerstand gegen Kollektivierung und Getreiderequirierungen national aufgeladen war. Zugleich wurden die ukrainischen Nationalkommunisten und die ukrainische Intelligenz einer bis dahin beispiellosen Welle von Säuberungen und Repressalien unterworfen und vielfach umgebracht. Dauerhaft konnte das ukrainische nationale Bewußtsein dennoch nicht zerstört werden. Schließen

Stanislav Kul’cyc’kyj | 57

Terror als Methode
Der Hungergenozid in der Ukraine 1933
Mehr

Die Hungersnot auf dem ukrainischen Land 1933 war keine Naturkatastrophe. Verursacht wurde sie durch die überhöhten Getreiderequirierungen der Sowjetmacht. Zudem wurden in den Dörfern der Ukraine und im überwiegend von Ukrainern besiedelten Kuban’-Gebiet seit Herbst 1932 sämtliche Lebensmittel konfisziert und die Bevölkerung damit bewußt dem Hungertod ausgeliefert. Die Stalin-Führung sah im Hunger ein Instrument, um die Bauern in die Kolchosen zu zwingen, ihre vom Privateigentum geprägte Mentalität und ihren Widerstand gegen die Kollektivierung zu brechen und die Ukrainer politisch zu unterwerfen. Der Hungerterror hatte somit eine soziale und eine nationale Stoßrichtung. Er ist als Genozid zu werten. Schließen

Ricarda Vulpius | 72

„Inseln der Autonomie beseitigen“
Kirchenverfolgung und Holodomor
Mehr

Die sowjetische Politik gegenüber der Ukrainischen Autokephalen Orthodoxen Kirche fiel härter aus als die gegenüber den anderen Kirchen in der UdSSR. Die nationalkirchliche Organisation entzog sich der vollständigen Kontrolle, die Kirche war mit der ukrainischen bäuerlichen Welt eng verflochten und wurde als Brücke zu emigrierten Ukrainern in Polen wahrgenommen. Dies nährte den Verdacht, daß diese Kirche eine Führungsrolle in der bäuerlichen Opposition gegen die Kollektivierung spielen würde. Die Kirchenverfolgung 1930 und der Holodomor 1932/1933 stellen einen Feldzug gegen letzte, miteinander verbundene Inseln gesellschaftlicher Autonomie in der Ukraine dar. Schließen

Nikolaus Katzer | 90

Brot und Herrschaft
Die Hungersnot in der RSFSR
Mehr

Der Verfasser betrachtet die Hungersnot in der RSFSR im Zusammenhang mit der staatlichen Getreidebeschaffungskrise seit 1927, der Kollektivierung und „Entkulakisierung“ und geht der grundsätzlichen Frage nach dem Wechselverhältnis von Brotversorgung und Herrschaft seit der Oktoberrevolution nach. Ausgangspunkt sind regionalgeschichtliche Forschungsansätze und eine Auseinandersetzung mit Problemen der Opferstatistik und Demographie. Auf der Grundlage des verfügbaren Quellenmaterials werden einige charakteristische Geschehensverläufe bzw. Wahrnehmungs- und Deutungsmuster der Bürgerkriegssituation zu Beginn der 1930er Jahre exemplarisch rekonstruiert. Vornehmlich geschieht dies aus der Perspektive von Dorfbewohnern und Funktionären der Partei- und Sicherheitsorgane. Am Ende werden Forschungsthesen vor dem Hintergrund des regionalgeschichtlichen Befunds erörtert. Schließen

Rudolf A. Mark | 112

Die Hungersnot in Kazachstan
Historiographische Aufarbeitung im Wandel
Mehr

Die Hungersnot gehörte zu den großen „weißen Flecken“ der sowjetischen Historiographie Kazachstans. Mit der Unabhängigkeit des Staates wurde diese Katastrophe Gegenstand der historischen Forschung – auch als ein nationales Projekt in staatlichem Auftrag. Die Hungersnot wurde lange noch als „Betriebsunfall“ oder als „Verletzung Leninscher Prinzipien“ erklärt. Mit wachsender Distanz zur Sowjetzeit wird sie zunehmend als Folge der gewaltsamen Nivellierungs- und Disziplinierungspolitik des als totalitär verstandenen Stalinschen Systems interpretiert. Zwar diskutieren wie in der Ukraine auch in Kazachstan Historiker und Demographen über Opferzahlen, Dimension und Wirkmächtigkeit der als Katastrophe bzw. Tragödie codierten Ereignisse und ihre Folgen. Diese Debatte steht aber nicht im Zentrum des wissenschaftlichen Diskurses. Schließen

Jurij Šapoval | 131

Lügen und Schweigen
Die unterdrückte Erinnerung an den Holodomor
Mehr

Der Beitrag zeigt die Methoden und Verfahren, mit denen das kommunistische Regime die Wahrheit über die Hungersnot zu Beginn der 1930er Jahre verheimlichen wollte. Die Propaganda sowie die offizielle Statistik in der UdSSR verschwiegen alle Nachrichten über die Hungersnot. Dabei waren sowohl die Führung der UdSSR wie die der Ukrainische SSR über die Geschehnisse gut informiert. Erst Gorbacevs Politik der Glasnost’ machte den Weg frei für eine Aufarbeitung der Hungertragödie, deren ganzes Ausmaß die in letzter Zeit zugänglich gewordenen Archivquellen offenbarten. Schließen

Wilfried Jilge | 147

Holodomor und Nation
Der Hunger im ukrainischen Geschichtsbild
Mehr

Die Hungersnot 1932/1933 gehörte in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik bis Ende 1987 zu den „weißen Flecken“ in der sowjetischen Geschichte. Ihre Enttabuisierung nach der Reaktorkatastrophe von Cornobyl’ 1986 förderte die Delegitimation des sowjetischen Systems. In diesem Beitrag werden die Bedeutung des Holodomor für die Herausbildung eines nationalukrainischen Geschichtsbildes und die Bewältigung der totalitären Vergangenheit untersucht und seine Funktionen in der Geschichtspolitik der Ukraine analysiert. Schließen

Valerij Vasil’ev | 165

Zwischen Politisierung und Historisierung
Der Holodomor in der ukrainischen Historiographie
Mehr

Die Hungersnot 1932–1933 stand in den vergangenen zwanzig Jahren im Zentrum der wissenschaftlichen und politischen Debatte. Angestoßen durch eine Untersuchungskommission des amerikanischen Kongresses, trug das Nachdenken über den Holodomor zu einem neuen Selbstverständnis der ukrainischen Gesellschaft bei. Die Forderung nach Auflösung der UdSSR und die Frage nach der neuen Gesellschaftsordnung in der Ukraine standen in einem engen Wechselverhältnis mit der wissenschaftlichen Suche nach dem Ausmaß der Katastrophe, den Ursachen und Motiven. Die ukrainische und internationale Historiographie hat die politischen, ökonomischen und sozialen Aspekte der Massenvernichtung herausgearbeitet und die Frage nach der Schuld, der internationalen Anerkennung des Holodomor als Genozid sowie der Sühne neu gestellt. Schließen

Rolf Göbner | 183

Verbrannte Seelen
Der Holodomor in der ukrainischen Belletristik
Mehr

Ulas Samčuks Marija und Vasyl’ Barkas Žovtyj knjaz’ stellen die bedeutendsten Romane der ukrainischen Literatur zur Hungersnot dar. Der vorliegende Aufsatz konzentriert sich auf literaturgeschichtliche und literaturwissenschaftliche Aspekte in den beiden Prosawerken. Sie schwanken zwischen dokumentarischer Gestaltung und künstlerischer Verarbeitung. Beide verstehen den Holodomor 1932-1933 als Genozid am ukrainischen Volk, als nationale Katastrophe. Schließen

Dmytro Zlepko | 192

„Alles ist wunderbar“
Der Holodomor aus der Sicht der Zeitgenossen
Mehr

Die sowjetische Regierung tat alles, um das Bekanntwerden der Hungersnot zu verhindern. Dennoch drangen wesentliche Informationen über den Holodomor nach außen: Einige Diplomaten und Korrespondenten berichteten über den Hunger in der Ukraine und die Millionen Tote. Internationale Hilfsaktionen wurden von der Sowjetunion massiv behindert und fanden nur wenig Echo. Andere Journalisten verschleierten die Wahrheit. Frankreichs Ex-Ministerpräsident Edouard Herriot ließ sich vor den sowjetischen Propagandawagen spannen. Schließen