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Kluften der Erinnerung
Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
496 Seiten, 37 Abbildungen
Berlin (BWV) 2005[= Osteuropa 4-6/2005]
Preis: 28,00 €
ISBN: 3-8305-0969-3

Coverbild

Mischa Gabowitsch, Il’ja Kalinin, Irina Prochorova, Manfred Sapper, Volker Weichsel, Anton Zolotov | 5

Editorial
Vergangenheit ist mehr als Geschichte
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Gewalt spricht nicht, Gewalt hat kein Gesicht. Wer Aleksandr Dejnekas Bild /Sbityj as /auf der Titelseite betrachtet, wird Zweifel bekommen, ob diese Lehrsätze der modernen Gewaltsoziologie gültig sind. Das Bild /Das abgeschossene Fliegeras /von 1943 zeigt die Gewalt. Sie tritt in mehreren Gestalten auf und bewegt sich auf unterschiedlichen Zeitebenen. Sie war schon da und hat Vernichtung hinterlassen: verbrannte Erde, wohin das Auge blickt; es entdeckt nur einzelne Halme als letztes Indiz, daß hier mal Leben war. Ansonsten Ruinen: Wie liegt die Stadt so wüst. Land und Stadt als Lebensgrundlagen jeder Gesellschaft sind ausgelöscht. Dann ist da am Himmel eine Gewalt, die gerade wirkt und ein Flugzeug zum Absturz bringt. Doch die Gewalt, die noch kommt, unmittelbar, in den nächsten Sekunden, nimmt ein, raubt den Atem, schockiert: Ein Mensch, der noch ist – noch –, rast seinem Tod entgegen. Dynamik, Härte und expressiver Stil kennzeichnen das Werk von Aleksandr Dejneka (1899–1969). Er produzierte die Ikonographie eines totalitären Systems und wurde in der Sowjetunion als einer der wichtigsten Repräsentanten des Sozialistischen Realismus selbst zur Ikone. Doch in Zeiten des Krieges hält eine Bildsprache Einzug, die wenig gemein hat mit jener der ideologischen Vorgaben. Anders als auf Propagandaplakaten ist der abgeschossene deutsche Flieger nicht als „faschistisches Ungeheuer“ gezeichnet; er ähnelt den sozialistischen Helden anderer Bilder. An die Stelle der Utopie der technischen Machbarkeit rückt eine Maschine, von der nichts übrig bleibt als Rauch. Dejneka zeigt das Antlitz des Krieges: die Unausweichlichkeit der individuellen und der kollektiven Gewalt, er zeigt die Zerstörung, den Tod und die Vernichtung. In einer Hinsicht bleibt dieses Bild rätselhaft: Trotz größter Verwüstung fehlen die Opfer. Und es fehlen die Täter. Doch es ist gerade die Erfahrung individueller und kollektiver Gewalt, die von Person zu Person, in der Familie und in der Gesellschaft weitergegeben und interpretiert wird. Es sind Gewalterfahrungen, welche die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg prägen. Sechzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ebben erinnerungspolitische Konflikte nicht ab, wenn die Angehörigen der sogenannten Erlebnisgeneration sterben. Dies zeigen in Deutschland die Debatten über die Verbrechen der Wehrmacht, die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa nach dem Krieg sowie über den Luftkrieg gegen deutsche Städte. Dies ist kein spezifisch deutsches Phänomen infolge des Nationalsozialismus und des Holocausts. Dasselbe ist in den erinnerungspolitischen Konflikten etwa zwischen Polen und Rußland über den Umgang mit Katyn, wo die Rote Armee 1940 Tausende polnischer Offiziere ermordete, oder zwischen den baltischen Staaten und Rußland zu beobachten, wo im Frühjahr 2005 der Streit darüber eskalierte, ob der 9. Mai ein Tag der Befreiung oder ein Tag der Unfreiheit sei. Bei all dem geht es weniger um die Bewältigung der Vergangenheit als um Selbstbilder, Identitätsstiftung, gesellschaftliche Integration und politische Mobilisierung. Die Vergangenheit ist daher höchst lebendig. Sie dient primär der Bewältigung der Gegenwart. In seinem einführenden Beitrag zu diesem Heft weist Harald Welzer auf die kategoriale Differenz zwischen Geschichte und Erinnerung hin und betont, daß „Vergangenheit tatsächlich weniger Vergangenes enthält, als man annehmen möchte. Daß es so viele Konkurrenzen, Konflikte und Kämpfe um Vergangenheiten gibt, erklärt sich allein daraus. Wäre die Vergangenheit nur Geschichte, wäre sie gleichsam anästhesiert. Sie würde nicht schmerzen.“ Doch die Vergangenheit tut weh. Deshalb geht es im vorliegenden Heft nicht um einen neuen Blick auf den Zweiten Weltkrieg, nicht um Geschichte in ihrer Faktizität, sondern um eine Vergangenheit, die in Politik, Gesellschaft und Kultur, so etwa in der Musik, der Literatur und der darstellenden Kunst der Nachkriegszeit, die erinnerungspolitisch bis heute währt, verarbeitet und gedeutet wird. Aus Anlaß des 60. Jahrestags des Kriegsendes haben sich Osteuropa und die Moskauer Zeitschrift Neprikosnovennyj zapas zusammengetan, um diese Deutungen des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und Rußland in ihrem Gehalt und Wandel gegenüberzustellen und die nationalen Erinnerungskulturen zu analysieren. Der Grund, sich beim Vergleich der Erinnerungskulturen auf Rußland und Deutschland zu konzentrieren, liegt in der totalitären Erfahrung, die beide Länder in Form des Stalinismus und des Nationalsozialismus gemeinsam haben. Mit der Beschränkung auf Rußland und Deutschland ist der Verzicht verbunden, die Erinnerung an den Krieg in den Staaten Ostmittel- und Osteuropas systematisch zu untersuchen. Auch die gesonderte Behandlung der Erinnerung an Krieg in der DDR unterbleibt. All dies ist bereits an anderer Stelle geschehen. Eine Ausnahme gibt es: Der kontrastierende Blick, den Vladyslav Hrynevyč auf die „gespaltene Erinnerung“ in der Ukraine wirft, läßt die Spezifika Rußlands deutlicher hervortreten. Die Bedeutung des Stalinismus und des Nationalsozialismus für den Krieg und die sechs Nachkriegsjahrzehnte ist kaum zu überschätzen. Polen und die baltischen Staaten wurden nach dem Hitler-Stalin-Pakt und dem deutschen Überfall auf Polen Opfer der beiden totalitären Systeme. Und für Deutschland gilt: Der Zweite Weltkrieg ist ohne den Nationalsozialismus nicht denkbar, und erst die militärische Eroberung und Besetzung Ostmittel- und Südosteuropas sowie der westlichen Sowjetunion machten die bürokratisch-industrielle Massenvernichtung der europäischen Juden möglich. Insofern ist die Frage, wie an den Zweiten Weltkrieg erinnert wird, immer auch eine Frage nach dem Stellenwert, den der Holocaust in der Erinnerungskultur hat. Doch überwiegen ungeachtet dieser Gemeinsamkeiten die Unterschiede. Rußland und Deutschland stehen in unterschiedlichen Erinnerungskontexten. Die Wasserscheide, an der sich der offizielle Erinnerungsstrom in Deutschland und Rußland trennt, bleibt der historische Fakt: Das nationalsozialistische Deutschland führte einen Angriffs- und Vernichtungskrieg, die Sowjetunion führte nach 1941 einen Verteidigungskrieg und trug unter den Alliierten die Hauptlast zur Niederschlagung des Nationalsozialismus. Diese fundamentale Differenz hat gewaltige Implikationen. Zugespitzt lautete sie in der Bundesrepublik Deutschland als dem Rechtsnachfolger des „Dritten Reichs“: /Nie wieder Krieg! /Nach einer ersten Phase der Verdrängung kristallisierte sich dieses Motto gemeinsam mit dem zweiten „kategorischen Imperativ“ /Nie wieder Auschwitz! /heraus, ehe beide ab den 1970er Jahren den – wie spätestens der Jugoslawienkrieg zeigte: keineswegs widerspruchsfreien – normativen Grundkonsens allen politischen Handelns in der Bundesrepublik bildeten. Die Zivilisierung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sowie der Wandel von der deutschen „Machtbesessenheit“ zur angeblichen „Machtvergessenheit“ gingen damit einher. In der Sowjetunion sicherte der Sieg im Krieg dem Staat und seinen Führern höchste Legitimität: Zugespitzt lautete dort die Devise, die in Rußland bis heute zur Rechtfertigung jedweden Kriegs dient: /Verteidigungskrieg um jeden Preis! /Dieser Preis war die Militarisierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, was zur Überdehnung der Großmacht und zu wirtschaftlichem Niedergang führte und so den Zusammenbruch der UdSSR beförderte. Und in dem gleißenden Licht, in das der Krieg als /Großer Vaterländischer Krieg /zuerst von Stalin, vor allem aber vom erstarrenden Sowjetregime unter Leonid Brežnev, gehüllt wurde, blieben die Schattenseiten des Sieges unaufgearbeitet: der Hitler-Stalin-Pakt, die Invaliden und Opfer zweier Diktaturen wie die sowjetischen Kriegsgefangenen, die aus deutschen Lagern befreit wurden, um sich in sowjetischen wiederzufinden, die Tabuisierung des Holocaust und die repressiven, unfreien Regimes, die in Ostmitteleuropa nach der Befreiung durch die Sowjetunion errichtet wurden. Die unaufgearbeiteten Verbrechen des Stalinismus werfen, wie Maria Ferretti zeigt, bis heute lange Schatten. Seit unter Putin der große Staatsscheinwerfer, der nur den Ruhm des Sieges beleuchtet und ins Sakrale erhöht, wieder auf höchste Stufe gestellt ist, drohen auch die kleinen Lichter der individuellen, familialen und gesellschaftlichen Erinnerung an ganz Unheroisches, aber um so Menschlicheres wieder zu verblassen: das Leiden, das Alltagsleben unter der Besatzung und die vielfach gebrochene /conditio humana in tempore belli/. Wie die Beiträge von Irina Pruss, Irina Ščerbakova sowie Žanna Kormina und Sergej Štyrkov zeigen, gibt es jedoch dieses kollektive Gedächtnis an den Krieg eigener Art. Dagegen ist der offizielle Diskurs, die /Meistererzählung /über den Krieg, nach einer vorübergehenden Erschütterung während der Perestrojka und der ersten Jahre des postsowjetischen Rußlands von Kontinuität geprägt. Der Mythos vom /Großen Vaterländischen Krieg/, wie wir ihm heute begegnen, ist ein Produkt der Brežnev-Zeit: Er hatte die Funktion, der schwindenden Legitimität der sowjetischen Ordnung eine neue Basis zu verschaffen. Wie Lev Gudkov demonstriert, hat die Erinnerung an den Krieg im Putinschen Rußland wieder die Funktion, die zentralisierte Herrschaft zu stabilisieren und Legitimation zu stiften. Dies fügt sich ein in eine allgemeine posttotalitäre Traditionalisierung von Kultur und Gesellschaft. Doch anders als noch vor dreißig Jahren findet sie im Rahmen einer Europäisierung und Universalisierung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust statt. Erinnerungskonkurrenzen werden internationalisiert. Soll die neue Erinnerungslandschaft nicht einer Wüste gleichen, in der allenfalls diplomatische Worthülsen wachsen, bedarf es eines gesellschaftlichen Dialogs. Die /Klaus Mehnert-Gedächtnis-Stiftung/, Stuttgart, hat das aufwendige Unterfangen, die deutsch-russischen Sprachbarrieren zu überwinden, dankenswerterweise unterstützt. Dieses Heft ist das zweite gemeinsame Projekt von Osteuropa und Neprikosnovennyj zapas und erscheint gleichzeitig in einer deutschen und einer russischen Version. Möge es einen Beitrag zur Vertiefung des europäischen Dialogs leisten. Schließen

Harald Welzer | 9

Die Gegenwart der Vergangenheit
Geschichte als Arena der Politik
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Geschichte und Erinnerung sind grundverschiedene Dinge. Geschichtsschreibung ist fakten- und wahrheitsorientiert, Erinnerung dagegen immer identitätskonkret. So dient das Gedenken nicht der Aufklärung über die Vergangenheit, sondern der Gegenwartsbewältigung. Da die Generation, deren prägende Kindheits- und Jugenderfahrungen in die Zeit des Zweiten Weltkriegs fielen, heute die Bilanz ihres Lebens zieht, erleben wir einen Boom der Erinnerungsliteratur. Gleichzeitig ist die Erinnerungspolitik zu einemzentralen politischen Thema geworden. Die Vergangenheit ist mithinauf der Ebene der Gefühle, der Identität und der politischen Orientierungenhöchst lebendig – aber eben nicht als Geschichte in ihrer Faktizität,sondern als gedeutete Vergangenheit, deren Sinn sich an den wahrgenommenen Erfordernissen der Gegenwart orientiert. Schließen

Aleksandr Boroznjak | 20

Erinnerungsschübe
Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik
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Lassen sich aus dem deutschen Umgang mit der NS-Vergangenheit Lehrenfür Rußland ziehen? Alles scheint dagegen zu sprechen. Doch liegt dieser Einschätzung zumeist ein falsches, lineares Bild der Vergangenheitsbewältigung in der Bundesrepublik zugrunde. Tatsächlich bedurfte eszweier Jahrzehnte und einer neuen Generation, bis die Aufarbeitung desNS-Regimes und seiner Verbrechen ernsthaft begann. Das Bekenntnis zur Schuld war immer von dem gegenläufigen Versuch begleitet, das „DritteReich“ zu historisieren, den deutschen Umgang mit der Geschichte zu „normalisieren“. Ungeachtet des mit großem zivilgesellschaftlichen Einsatzerzielten Schuldbekenntnisses scheint sich mit dem Ende der DDR unddem Abtreten jener Generation, welche die NS-Zeit selbst erlebt hat, sogarein neues gesellschaftliches Geschichtsbewußtsein durchzusetzen, dasvon der Gleichsetzung der „beiden Totalitarismen“ und der Selbstwahrnehmung als Opfer geprägt ist. Schließen

Helmut König | 33

Vom Beschweigen zum Erinnern
Shoah und 2. Weltkrieg im politischen Bewußtsein der BRD
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Die Abgrenzung zum NS-Regime sowie die Bereitschaft, die Verantwortungfür dessen Verbrechen zu übernehmen, bildet das politisch-moralische Fundament, auf dem die Bundesrepublik aufgebaut ist. Was heuteals Selbstverständlichkeit erscheint, entstand keineswegs bereits in der Gründungsphase des westdeutschen Staates. Zwei Jahrzehnte beschwiegdie westdeutsche Gesellschaft die Verbrechen und exkulpierte die Täter,indem sie sich ausschließlich als Opfer eines Krieges wahrnahm, nachdessen Ursachen sie nicht fragte. Erst ab Mitte der 1960er Jahre rücktenschrittweise der Mord an den europäischen Juden und schließlich auch die Verbrechen der Wehrmacht ins öffentliche Bewußtsein. Erst dies ermöglichte, daß Deutschland heute einen gleichberechtigten Platz in Europa einnimmt und auch deutscher Opfer gedacht werden kann. Schließen

Maria Ferretti | 45

Unversöhnliche Erinnerung
Krieg, Stalinismus und die Schatten des Patriotismus
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Die Erinnerung an den Krieg ist in Rußland untrennbar mit dem Stalinismus verbunden. Der Kampf gegen den nationalsozialistischen Feindführte zur Unterdrückung der Freiheit im eigenen Land. Befreiung und Unfreiheit sind unauflöslich verflochten. Die Reduktion der Kriegserinnerungauf die nationalistische, patriotische Komponente wurde unter Stalinkanonisiert. Nicht nur in der Rede vom vaterländischen Krieg wirktdiese Form der Erinnerung bis heute fort. Sie verstellt den Blick auf denGeist der Freiheit, der das Handeln von frontoviki und Partisanen beseelte und auch das Handeln der Alliierten bestimmte. Die Befreiung der Erinnerungvon den Stalinschen Fesseln ist die Voraussetzung dafür, in Rußland wie in Westeuropa dieselben Freiheitswerte zu vermitteln, diesich von der Erinnerung an den Krieg nicht trennen lassen. Schließen

Lev Gudkov | 56 | Volltext

Die Fesseln des Sieges
Rußlands Identität aus der Erinnerung an den Krieg
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Der Sieg im Krieg, dem Großen Vaterländischen Krieg, ist das wichtigste Identifikationssymbol in Rußland. Er ist die einzige positive Stütze für das nationale Selbstbewußtsein der Gesellschaft. Der Sieg im Krieg legitimiertim nachhinein das sowjetische totalitäre Regime. Die Erinnerung an die Stalinschen Repressionen verblaßt, vielmehr beurteilt die öffentliche Meinung Stalin zunehmend positiv. Bis heute wirkt das Tabu, die Kehrseiten des Sieges aufzuarbeiten. Daß die Russen in Zeiten des Krieges und des Ausnahmezustands ihren „Nationalcharakter“ offenbaren, ist zur Norm der symbolischen Identität geworden. Die Erinnerungan den Krieg nützt vor allem der Legitimation der zentralisierten und repressiven sozialen Ordnung. Sie ist in die allgemeine posttotalitäre Traditionalisierung von Kultur und Gesellschaft unter Putin eingefügt. Schließen

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Kluften der Erinnerung
Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg
Berlin (4-6/2005)
Seite 56 - 73


Lev Gudkow

Die Fesseln des Sieges
Rußlands Identität aus der Erinnerung an den Krieg

Nach· dem Ausklang des 20. Jahrhunderts, des „Jahrhunderts der Massen“ oder „der totalitären Regimes und Bewegungen“, stellt sich die Frage nach der Möglichkeit, das Vergangene zu verstehen, und generell nach der Rolle der Vergangenheit auf grundsätzlich neue Art. Wurde die Idee des „Verstehens“ noch Ende des 19. Jahrhunderts vor allem als ein hermeneutisches Problem gedacht, als Interpretation schriftlich aufgezeichneter Texte eines Individuums durch ein anderes Individuum, so kommen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, nach den katastrophalen Ereignissen zweier Weltkriege, nach gewaltigen gesellschaftlichen Transformationen und Massenterror, ganz andere Betrachtungsebenen zum Vorschein. Erstens haben die Zeugnisse von der Vergangenheit schlagartig an Zahl und Vielfalt zugenommen, zweitens hat sich die soziale und kulturelle Reproduktion typologisch gewandelt. In vormodernen, vortotalitären Epochen wurde die Aufgabe des Begreifens und Erklärens der Taten und Zustände von Menschen der Vergangenheit im großen und ganzen von einer kulturellen Schicht oder einem Stand erfüllt, der die „gesamte“ Fülle der historischen Tradition beherrschte und dessen Deutungsmittel nicht über die Erfahrung und den Vorstellungskreis entsprechend gebildeter Menschen hinausgingen. Nach 1945 hat die Frage nach den Typen, der Angemessenheit und den Grenzen des „Verstehens“ seinen vormals untrennbaren Zusammenhang mit dem einmalig-individuellen Charakter des Verstehens, der Erinnerung und des Mitempfindens eingebüßt. Viele Autoren, von den Existentialisten der Nachkriegszeit bis zu den Vertretern der Postmoderne der Gegenwart, sprechen von der Nichtnachvollziehbarkeit der Erfahrung derjenigen, die Auschwitz, andere NS-Vernichtungslager oder Stalins Lager des GULag überlebt haben. Das traumatisierte Schweigen der Überlebenden bzw. ihre Unfähigkeit, den nicht dort Gewesenen oder einer anderen Generation all das zu vermitteln, was sie fühlten und dachten, wird von Philosophen und Intellektuellen als Beleg für die Transzendentalität, die Unmöglichkeit, die Unaussprechlichkeit von „Zeugnissen“ dieser Erfahrung interpretiert. Es wird behauptet, die Alltagssprache und alltägliche Denkformen seien für eine solche Beschreibung und ein Verständnis durch andere völlig und grundsätzlich inadäquat.
Die ethische Verabsolutierung der Nichtreproduzierbarkeit und Verschlossenheit extremer Zustände hat andere Aspekte dieses Problems verstellt, zum Beispiel die offensichtliche Ineffektivität des Modells eines individualistischen, personalistischen, unmittelbar persönlichen Verstehensakts als „psychisches Einfühlen“ oder „Einblick“ in das Bewußtsein von Menschen, die extreme Qualen überstanden haben. Das Modell des „tragischen Begreifens und Verstehens“ verliert dadurch an Wert, daß Ereignisse dieser Art Millionen von Menschen betroffen haben; daß der Tod und das Leben angesichts alltäglichen Sterbens trivialisiert wurden; daß die Individualität, die Einzigartigkeit der Persönlichkeit durch den Umstand des massenhaften entpersönlichten Verschwindens, der Reduktion des sterbenden „raffinierten“ Bewußtseins auf das Niveau derjenigen, die sozial und intellektuell ein halbvegetatives Dasein fristeten, wert- und sinnlos wurde. Das massenhafte Sterben war ebenso monströs routiniert und fließbandmäßig kalkuliert wie der Tod hochgebildeter Individuen. Die Banalität des massenhaften Bösen erfordert andere Mittel zur Erforschung der kollektiven Erinnerung oder Massenerinnerung und verlangt nach einer anderen ethischen oder metaphysischen Position, die Historiker früher nicht einforderten, nicht einfordern konnten. Dadurch stellt sich die wichtige Frage: Inwieweit kann die Erfahrung von Menschen, welche die tragischen Erschütterungen dieses Jahrhunderts überlebt haben, begriffen, angeeignet und übermittelt werden? Was bleibt im Gedächtnis (wenn überhaupt etwas bleibt) von Ereignissen, die gleichzeitig das Leben einer Masse von Menschen erfaßt und umgestülpt haben – Kriege, Revolutionen, Repressionen, die Kollektivierung und die gewaltigen Transformationen der gesellschaftlichen Ordnung?
Es ist völlig offensichtlich, daß sich die aufgezeichnete „Geschichte“ des 20. Jahrhunderts sowohl von den mittelalterlichen Chroniken als auch von den im 19. Jahrhundert geschriebenen „Allgemeinen Geschichten“ grundsätzlich unterscheidet – und sei es nur, weil sich erstens die mit der Aufbewahrung und Reproduktion der „Vergangenheit“ beschäftigten Gruppen verändert, differenziert und vielfach ausgedehnt und sich zweitens auch die Technik des Festhaltens und der Aufbewahrung der Vergangenheit gewandelt hat. Jetzt sind dies nicht mehr nur Archive, Museen, Galerien voller historischer und Schlachtengemälde, vielbändige Ereignisübersichten bzw. Memoiren und Familienurkunden der oberen oder gebildeten Schichten. Heute wirken hier gleichberechtigt mit professionellen Historikern Filmarchive, Massenmedien und Belletristik, Schule, Armee, politische Demagogie, nationale Rituale, symbolische und ideologische Ortsnamen und vieles mehr. Wenn daher in öffentlichen Diskussionen von historischer „Erinnerung“ die Rede ist, von den aufbewahrten Erinnerungen noch lebender Menschen oder ihrer ersten Weitergabe an eine andere Generation bzw. von der Reproduktion von Erzählungen über Erzählungen darüber, wie es „war“, muß man sich darüber klar werden, um welche „Vergangenheit“ es geht, wer ihr Inhaber ist, wie sie organisiert und strukturiert ist, mit welchen Mitteln sie zum Ausdruck gebracht wird. Insbesondere gilt dies für solch symbolische Ereignisse wie „den Krieg“ (wenn in Rußland oder der UdSSR von „Krieg“ die Rede ist, meint man nur einen Krieg, den Krieg: den Großen Vaterländischen Krieg, wie er in der UdSSR genannt wurde und im offiziellen Kontext in Rußland bis heute bezeichnet wird, oder den Zweiten Weltkrieg, wenn auch die internationale Diskursebene berücksichtigt wird).
Außerdem muß grundsätzlich zwischen individuellen, privaten Erinnerungen an den vergangenen Krieg und kollektiven, also institutionellen oder gruppenspezifischen Vorstellungen unterschieden werden, wobei man sich im ersteren Fall über die Motive klar werden muß, die Menschen zur privaten Übermittlung des Erlebten veranlassen, und insbesondere über die Situationen, in denen erinnert wird. Weder das eine noch das andere stellt eine Objektivierung des real Geschehenen dar, eine Art noch nicht gedrehten „Dokumentarfilm“ über die tatsächlichen Ereignisse. Erinnerungsarbeit ist nicht nur ein Prozeß der Selektion von Ereignissen und Details, sondern auch eine bestimmte (inhaltliche oder wertende) Konstruktion dieser Ereignisse gemäß einem expliziten oder latenten Interpretationsschema. Die Frage nach der Bedeutung oder dem Wert von Erinnerungen besteht darin, wer dieses Schema vorlegt: der sich Erinnernde selbst oder, was viel häufiger der Fall ist, direkte oder abstrakte Partner; sowie an wen diese Erinnerungen gerichtet sind. Mit anderen Worten hat der Forscher, erst recht der Kultursoziologe, die kommunikative Struktur der Erinnerungen offenzulegen, beziehungsweise, um genauer zu sein, die Erinnerung als soziale Interaktion darzustellen, indem sich der sich Erinnernde implizit an einen für ihn bedeutsamen Anderen wendet. Dies gilt selbst dann, wenn dieser Andere nicht mehr ist, als ein verallgemeinertes, diffuses Bild der „jungen Generation“, eines „moralischen Gerichts“, des „Publikums“ oder der „Gesellschaft“, das nur eine soziale und anthropologische Eigenschaft besitzt, nämlich eine Projektion des Erzählers zu sein, aber in der Modalität des idealen Verständnisses existiert, also als ein Zuhörer, der „Anfang und Ende“ kennt.
Der Prozeß des „Erinnerns“ ist immer eine Interpretation. Sie wird konstruiert in einer mehr oder weniger expliziten Auseinandersetzung mit den verbreiteten Darstellungen, durch eine Ergänzung oder Illustration ihres Inhalts oder ihrer Bedeutung. Für den Soziologen ist es sowohl methodologisch als auch inhaltlich sehr wichtig, die Merkmale dieses Schemas sowie seine Orientierungsfunktion für verschiedene Akteure als kollektive oder institutionelle Norm der „Geschichte“ oder des „historischen Ereignisses“ zu erkunden. Ohne eine Offenlegung der Bedeutungssemantik dieses Schemas ist ein Übergang zum Verständnis der Erinnerung als soziale Interaktion unmöglich. Wenn individuelle Erinnerungen als Ketten von biographischen oder familiären Umständen geknüpft werden, sind sie an die persönliche Geschichte mit ihren Schlüsselwerten und Wertungsmaßstäben gebunden. Dagegen werden kollektive Vorstellungen über bestimmte Werte der gesamten Gemeinschaft gebildet und mit anderen Mitteln reproduziert als die Erzählungen von Privatpersonen. Für gewöhnlich sind sie der Spuren ihrer Herkunft und Produktion entledigt und werden als selbstverständliche, „irgendwann“ entstandene Meinungen aufgefaßt. Das Massenbewußtsein oder das einer spezifischen Gruppe hat kein Interesse an der Genese dieser Vorstellungen. Die Träger dieses Bewußtseins geben sich Mühe, die rationale Aufarbeitung dieser Vorstellungen zu unterbinden, Spuren ihrer ideologischen Erzeugung zu verdrängen und ihren geheiligten Status als Symbole der kollektiven Identität zu tabuisieren. Daher dürfen kollektive Vorstellungen nicht als Summe individueller Erinnerungen und konkreter Details des Geschehenen angesehen werden; es handelt sich immer um völlig anders gestaltete „Rekonstruktionen“ historischer Prozesse und Ereignisse, deren Funktion entweder mit den Ritualen kollektiver (nationaler oder Gruppen-)Solidarität zusammenhängt oder mit einer Darlegung kollektiver Mythen und Ideologeme, die dazu dienen, bestimmte soziale Institutionen und Praktiken oder politische Handlungen zu legitimieren. Daher ist der Soziologe, der die Massen-„Erinnerung“ erforscht, gezwungen, sich und andere mit Maurice Halbwachs ständig zu fragen: Welche Institutionen, welche Gruppe oder welches soziale Milieu bewahrt diese „Vergangenheit“ im Gedächtnis auf, wie wird es aufbewahrt (reproduziert), welche bildlich-symbolischen und technischen Mittel werden dabei benutzt? Welches sind die „sozialen Bedingungen des kollektiven Gedächtnisses“?
Der vorliegende Artikel untersucht, welche kollektive „Erinnerung an den Krieg“ in Rußland existiert und welche Rolle diese Vorstellungen vom Krieg in der nationalen Identität der Bürger Rußlands spielen.
Zwiedenken und Erinnerung
Eines sei vorausgeschickt: Das Massenbewußtsein, also das nichtspezialisierte, „allgemeine“ oder „grundständige“ Bewußtsein hat kein Gedächtnis. Die öffentliche Meinung behält die Erfahrung von Einzelpersonen nicht, bewahrt sie nicht auf, vermittelt sie nicht; diese lagert sich nicht ab. Alles, was der einzelne Mensch erlebt, vor allem das nichtreflektierte Leiden, verschwindet spurlos, wenn es nicht institutionell oder fachlich aufgearbeitet oder in kultureller Produktion kanalisiert wird, wenn also Privatmeinungen nicht durch irgendeine überindividuelle Instanz sanktioniert werden. Daher können wir heute weniger von der Erinnerung als von der Reproduktion von „Erinnerung“ sprechen: Zeitzeugen des Kriegs machen heute nicht mehr als sechs bis sieben Prozent der Bevölkerung aus. Dies sind vor allem alte Frauen mit niedrigem Bildungsniveau, die größtenteils keine Mittel und Möglichkeiten, vor allem aber keine Motivation haben, ihre Erfahrung zu vermitteln.
Das Verhältnis der breiten Bevölkerung zum Krieg unterscheidet sich kaum von der Wahrnehmung traditionell als Naturkatastrophen und biblische Plagen geltender Phänomene: Hungersnöte, Seuchen, Überschwemmungen oder Erdbeben, deren Ursachen unklar und die in ihren Auswirkungen schrecklich waren. In solchen amorphen und extrem unbestimmten Kategorien, die nur eine sehr allgemeine Wertung der inzwischen viele Jahre zurückliegenden Vergangenheit einschließen, lebt die unbearbeitete und gedanklich nicht verarbeitete Erfahrung des Kriegs in der breiten Bevölkerung fort. Für die Menschen ist der „Vaterländische Krieg“ (ausgehend von der Häufigkeit der genannten Attribute in unseren Umfragen) in erster Linie „groß“, danach „blutig“, „tragisch“ und „schrecklich“; viel seltener wird er als „heldenhaft“ oder „langwierig“ bezeichnet, und noch seltener als „niederträchtig“.
Der alltägliche Krieg ohne Hoffnungsschimmer sowie die Nachkriegsexistenz mit Fronarbeit, chronischem Hunger, Armut und gezwungener Gedrängtheit ist aus der kollektiven Erinnerung (dem Massenbewußtsein) praktisch herausgefallen und verdrängt worden. All dies hat sich ebenso zerstreut wie die Erinnerung an die verkrüppelten Invaliden oder „Samoware“, wie man sie in der Nachkriegszeit nannte, Menschenstummel auf Rädchen, die noch in der ersten Hälfte der 1950er Jahre verbreiteter Teil des Straßentreibens waren. All dies erscheint im nachhinein peinlich und unnütz, wie auch die ihrem Schicksal überlassenen Invaliden in der Nachkriegszeit überflüssig waren: Man schämte sich ihrer, man wandte sich von ihnen mit einem unangenehmen Gefühl der Schuld und der „Häßlichkeit des Lebens“ ab, man versteckte sie, damit sie bloß nicht das offizielle Bilderbuch des friedlichen Lebens störten. Von alledem ist im Gedächtnis der Gesellschaft nur eine unterbewußte Furcht geblieben, die oft als Angst vor einem neuen (Welt- oder Bürger-)Krieg ausgedrückt wird. Diese Angst bildet den Horizont, vor dem die breite Bevölkerung Lebensqualität bewertet, sie bedingt den schwachen Widerstand gegen Versuche der Heroisierung von allem, was über die Kriegsthematik hinausgeht, und ist Grund für die allgemeine geduldige Passivität – kurzum, sie ist der Ursprung all dessen, was in der Sowjetzeit mit dem gewohnten Seufzer ausgedrückt wurde: „Alles, bloß kein Krieg!“ Aber als kollektives „Unterbewußtes“ verschwinden diese Komponenten des Massenbewußtseins auch heute nicht, obwohl sich ihre Bedeutung allmählich verringert.
Als totaler Kontrast zu eben diesem diffusen Zustand der Erinnerung tritt das äußerst strukturierte soziale Verhältnis zum Krieg auf, das im wichtigsten Integrationssymbol der Nation verkörpert und verankert ist: dem Sieg im Krieg, im Großen Vaterländischen Krieg. Dies ist nach Meinung der Bürger Rußlands das wichtigste Ereignis in seiner Geschichte, der Grundstein des nationalen Bewußtseins. Kein anderes Ereignis ist ihm vergleichbar. Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ist für durchschnittlich 78 Prozent der Befragten das wichtigste unter den Ereignissen, die im 20. Jahrhundert Rußlands Schicksal geprägt haben. Zudem ist die Bedeutung des Siegs in den letzten Jahren, vor allem seit dem Antritt Putins, noch gewachsen. Waren es 1996 noch 44 Prozent der Befragten (und damit die meisten), die den Krieg auf die Frage nannten „Worauf sind Sie persönlich in unserer Geschichte am stolzesten?“, waren es 2003 bereits 87 Prozent. Sonst gibt es heute nichts mehr, worauf man stolz sein könnte: Der Zerfall der UdSSR, der Mißerfolg der postsowjetischen Reformen, die merkliche Abschwächung der verbreiteten Hoffnungen und das Ende der Illusionen der Perestrojka haben zu einer traumatischen Erfahrung nationaler Schwäche geführt. Eine Wechselwirkung ist zu beobachten: In dem Maße, in dem ehemalige Objekte des Stolzes der Sowjetmenschen herabgewürdigt werden – die Revolution, der Aufbau einer neuen Gesellschaft, die Entstehung eines „neuen Menschen“, die Vorzeigeleistungen der sowjetischen Industrialisierung, die militärische Supermacht und die damit verbundenen Erfolge von Wissenschaft und Technik, deren symbolischer Ausdruck die sowjetischen Erfolge im All und vor allem der erste Weltraumflug Jurij Gagarins waren –, wächst das symbolische Gewicht des Siegs. Vor seinem Hintergrund werden sowohl das imperiale Kulturerbe (einschließlich der „heiligen“ russischen Literatur) als auch die ideologischen Symbole des Sozialismus (die nur noch bei den älteren Generationen als Nostalgie nach einer idealisierten Vergangenheit erhalten bleiben) abgewertet. Die Erosion bemächtigt sich aller Komponenten der positiven Einheit des „Wir“.
Der Sieg ragt heute wie eine nach der Verwitterung eines Felsens zurückgebliebene steinerne Säule in der Wüste hervor. Auf den Sieg laufen alle wichtigsten Interpretationslinien der Gegenwart zu. Der Sieg gibt den Wertungsmaßstab und die rhetorischen Ausdrucksmittel vor. Hier seien nur ein paar Beispiele genannt. Ein Fernsehbild aus jüngster Zeit: die Plakate auf der Putin-Solidaritätsdemonstration nach Beslan auf dem Vasil’evskij spusk am Roten Platz: „Wir haben 1945 standgehalten und wir werden auch jetzt standhalten“. Im Tschetschenienkrieg nahmen 1996 die Truppen der Föderation mit großer Mühe den Palast des tschetschenischen Präsidenten Džochar Dudaev ein, das ehemalige Gebäude des Gebietskomitees der KPdSU in Groznyj; über ihm flattert die Fahne Rußlands. Die Anspielung auf das Siegesbanner über dem Reichstag 1945 ist unverkennbar. Schließlich können auch die komisch anmutenden wütenden Äußerungen Vladimir Žirinovskijs zu den Motiven des Juryfehlers auf der Winter-Olympiade in Salt Lake City (der Dopingskandal 2002) erwähnt werden: „Das ist Rache an Rußland für den Sieg im Vaterländischen Krieg.“ Žirinovskijs Narretei markiert wie immer exakt die wunden Punkte des kollektiven Bewußtseins, einer geschlossenen, paranoiden, mobilisierten, militaristischen Gesellschaft, in der die Staatsgewalt den Haß ihrer Bürger auf innere und äußere Gegner aufrechterhält sowie Feindbilder und Angst vor dem Feind kultiviert, um die Notwendigkeit ihrer eigenen Existenz zu begründen.
In den ersten Nachkriegsjahren (Ende der 1940er, Anfang der 1950er) gab es noch eine starke Diskrepanz zwischen Kriegserfahrung und Kriegsdarstellung. Auf der einen Seite die nichtkodifizierte, noch allzu frische, unmittelbare und persönliche Massenerfahrung des Krieges und der Kriegszeit, die so wenig Heroisches aus dem Bilderbuch enthielt. Im Vordergrund standen der Alltag, Hunger, Evakuierung, Kriegs-„Arbeit“. Gegenüber den Frontsoldaten und anderen Kriegsteilnehmern verhielt sich die Stalinsche Führung mit charakteristischer Ambivalenz und Widersprüchlichkeit: Auf der einen Seite wurde die Rhetorik des Siegs über den Faschismus zu einer der wichtigsten ideologischen Komponenten der Legitimation des Regimes. Auf der anderen Seite fürchtete das Regime die Frontsoldaten wegen des Eindrucks, den der Alltag in den eroberten Ländern bei den Siegern hinterlassen hatte, wegen ihrer Hoffnung auf Auflösung der Kolchosen und eine Abschwächung der Repressionen. Bereits zwei Jahre nach Kriegsende wurden diverse Privilegien für ehemalige Frontsoldaten gekürzt oder aufgehoben, unter anderem an Orden und Medaillen geknüpfte Prämiengelder; der 9. Mai, der Tag des Sieges, wurde zu einem gewöhnlichen Arbeitstag. Auf der einen Seite stand die mobilisierende Galaversion der Kriegsereignisse.
Mit der Besetzung öffentlicher Positionen durch eine Generation, die Ende der 1920er, Anfang der 1930er geboren war und nicht Krieg geführt hatte, gewann diese Version der Kriegsereignisse Oberwasser. Es war Brežnev, der eine Propagandakampagne zur Sakralisierung des Kriegs und zur Konservierung des Regimes begann, um sich nach dem Umsturz in der Führungsspitze und der Ablösung Nikita Chruščevs die Unterstützung der Armee und des KGB zu sichern. Diese Kampagne schloß die Rehabilitierung Stalins ein, wurde aber vom offiziellen Kult der Kriegsveteranen und vor allem der Marschälle sowie der Generalität verdeckt. Der 9. Mai wurde zu einem Festtag, der sich an Feierlichkeit mit dem 1. Mai vergleichen konnte. Und die Vorstellungen über den Krieg im Massenbewußtsein wurden nun standardisiert. Offizielle, demonstrative Ehrenbezeugungen an „die Veteranen“ wurden eingeführt, in Kriegsbeschreibungen, vor allem in Erinnerungsberichten kam eine „lyrische“ Tonart auf, die zuvor als Spießbürgertum und Deideologisierung gegolten hatte und als Verlust von Wachsamkeit, parteilicher Prinzipienfestigkeit und Klasseninstinkt aufgefaßt worden war. Dazu kamen diverse staatliche Rituale. Das alles führte zu einer Stereotypisierung der kollektiven Erfahrung. Die Ausarbeitung „verallgemeinernder“ Klischees, rhetorischer Formeln und einer normativen, „gehobenen“, offiziellen Sprache über die Kriegsereignisse, die von der Publizistik aufgegriffen, in der Poetik der offiziellen Geschichtsschreibung sowie der Rhetorik der Massenkommunikation und -kultur verankert wurde, ging einher mit entsprechenden Konzeptionen der Staatsgeschichte und der nationalen Kultur sowie moralischen Wertungen des Privatlebens und Vorstellungen von den Grenzen seiner Autonomie.
Indem die Nachkriegsinterpreten die Kriegserfahrung von der affektiven Radikalität der Frontwahrnehmung befreiten, veralltäglichten sie diese und machten sie zu einem Teil des allgemeinen Vorstellungshorizonts einer geschlossenen, militaristisch-bürokratischen Gesellschaft. In dieser Zeit beginnt die Veröffentlichung der vielbändigen offiziellen „Geschichte des Großen Vaterländischen Kriegs der Sowjetunion, 1941–1945“ (der erste Band erscheint 1960) und von Memoiren sowjetischer Marschälle, die schnell zu Mangelware werden und es bis in die 1980er Jahre hinein bleiben. Es sind diese Stereotypen, die ungeheuer vielen Menschen eine Sprache für „edle kollektive Gefühle“ geben – die Sprache einer lyrischen Staatlichkeit, die sich Mitte der 1960er Jahre unverrückbar fixierte und noch heute für die Mehrheit der Bewohner Rußlands die einzig mögliche Form darstellt, über den Krieg zu sprechen.
Das Verhältnis, das die meisten rußländischen Bürger zum Krieg haben, ist durch die gesamte sowjetische Kultur bedingt: Es ist ein Produkt der Propaganda, der Funktionsweise der Massenmedien, der Schulbildung, der Staatsrituale, der verstaatlichten Kunst, vor allem des Kinos und der Literatur, aber auch der von Illustrierten verbreiteten stets identischen Produkte der Mitglieder des Künstlerverbands, der im Radio gespielten Kriegslieder usw. Die Vorstellungen, Emotionen und Kenntnisse einer gesamten Generation wurden ideologisch von professionellen Interpreten wie Parteifunktionären, Literaten, Regisseuren, Redakteuren, Historikern und Kommentatoren bearbeitet, verpackt und rhetorisch ausgestaltet. Erst danach wurden die entsprechenden Bedeutungsmuster von maßgeblicher Seite sanktioniert und erhielten den Status einer „allgemeingültigen“ und „zweifellosen“ Realität, der sich die persönliche Erfahrung einzelner Menschen unterordnete. Menschentode in einem Ausmaß, das durch individuelle Wahrnehmung nicht erfaßt werden konnte, und die Zerstörung sozialer Verhältnisse und des täglichen Lebens, wie dies während des Kriegs geschah, werden nicht „automatisch“ zu Faktoren, welche das Massenbewußtsein verändern. Wie jede andere Erfahrung reproduziert sich diese „private“, individuelle Erfahrung von Menschen im Krieg und während des Krieges nicht, selbst wenn es die ungemein vieler Menschen ist. Sie verwandelt sich erst recht nicht in eine kulturelle oder soziale Tatsache, wenn sie nicht eigens bearbeitet wird. Erst nachdem sie institutionell ausgestaltet und festgelegt, reproduzierbar geworden und in den kollektiven Rahmen vergangener und gegenwärtiger Ereignisse eingefügt oder zumindest mit ihm verbunden worden ist, kann die Erfahrung der Kriegszeit zur historischen „Erinnerung“ der Gesellschaft oder einzelner Gruppen sowie der Kriegsteilnehmer werden. Ohne diese Mechanismen und eine zielgerichtete Medienpolitik, „Erinnerung“ zu erhalten und zu organisieren, ohne Rituale, Inszenierungen und Aufführungen des Kriegsthemas, zerstreut sich und verschwindet selbst eine so bedeutende Vergangenheit. Genau deshalb sind in den wichtigsten Fernsehprogrammen täglich sechs bis acht Prozent der Sendezeit dem Thema Krieg und den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges gewidmet: in Form alter sowjetischer Filme oder spezieller Sendungen über den Krieg und die Armee. Dieser Anteil nimmt während Gedenkveranstaltungen zu diversen Jubiläen wie den Jahrestagen der Gefechte bei Moskau, der Schlacht um Stalingrad, der Befreiung Leningrads, der Schlacht bei Kursk und der Maifeiertage drastisch zu.
Der Krieg als Symbol
So handelt es sich also bei jeder Erwähnung des „Siegs“ um ein Symbol, das für die überwältigende Mehrheit der Befragten, für die gesamte Gesellschaft, das wichtigste Element der kollektiven Identifikation darstellt. Er ist ein Referenzpunkt, ein Maßstab zur Bewertung der Vergangenheit und teilweise auch zum Verständnis von Gegenwart und Zukunft. Der Sieg 1945 ist nicht einfach der zentrale Bedeutungsknotenpunkt der sowjetischen Geschichte, die mit der Oktoberrevolution begann und mit dem Zerfall der UdSSR endete; er ist faktisch die einzige positive Stütze für das nationale Selbstbewußtsein der postsowjetischen Gesellschaft. Der Sieg krönt den Krieg nicht nur, er reinigt und rechtfertigt ihn. Gleichzeitig tabuisiert der Sieg das Thema Krieg und verhindert so, die Kehrseiten des Krieges rational aufzuarbeiten, etwa die Kriegsursachen und den Kriegsverlauf zu erklären oder die Handlungen der Staatsführung und die Natur eines Regimes zu analysieren, das alle gesellschaftlichen Sphären den Kriegsvorbereitungen unterordnete. Der Triumph der Sieger maskiert die Zweideutigkeit des Symbols. Der Sieg im Krieg legitimiert im nachhinein das sowjetische totalitäre Regime als Ganzes, die unkontrollierte Macht als solche, indem er retrospektiv die „Kosten“ der sowjetischen Geschichte einer forcierten militärisch-industriellen Modernisierung – die Repressionen, den Hunger, die Armut, das Massensterben nach der Kollektivierung – rechtfertigt und eine alternativlose Version der Vergangenheit mitsamt dem zugehörigen einzig möglichen historischen Interpretationsrahmen erschafft. Deshalb gibt es heute keine andere zusammenhängende und systematisch ausgearbeitete – und dementsprechend durch alle Institutionen der Sozialisierung reproduzierte – Version der Geschichte. Es fehlt heute eine Elite, die eine andere, ebenso systematische Sichtweise des Kriegs und überhaupt eine andere Beurteilung und moralische Position der Vergangenheit anbieten könnte.
Es ist kein Zufall, daß im selben Maße, wie die Symbolkraft des Sieges zunimmt, auch die Autorität des Genossen Stalin (als Oberster Befehlshaber und als Führer des Volkes) wächst. Stalin kehrt nicht einfach wieder (im Vergleich zur Perestrojka), auch seine Rolle ändert sich. Je höher der Status des Kriegsgeschehens, das teleologisch als eine zum vorbestimmten Sieg hinführende Ereigniskette organisiert ist, desto mehr schwindet die Erinnerung an die Stalinschen Repressionen: Ihre Bedeutung für die rußländische Geschichte ist in den vergangenen zwölf Jahren nach unseren Umfragen von 29 Prozent auf unter ein Prozent gefallen. Hingegen haben positive Bewertungen von Stalins Rolle zwischen 1998 und 2003 von 19 Prozent auf 53 Prozent zugenommen; auf die Frage „Wenn Stalin heute am Leben wäre und für das Amt des Präsidenten Rußlands kandidieren würde, würden Sie dann für ihn stimmen?“ antworten 26–27 Prozent heute mit „Ja“.
Der Tag des Sieges ist nicht zu einem Tag des Andenkens, der betrübten Erinnerung an die Umgekommenen, die menschlichen Qualen und die materielle Zerstörung geworden. Es ist ein Siegestag, der Tag des Triumphs der sowjetischen Armee über Hitlerdeutschland. Dabei ist der intentionale Sinn des Siegs für die Russen ausschließlich selbstbezogen, er hat nur innerhalb der rußländischen Selbstdefinition eine Bedeutung. Beinahe niemand fühlt heute noch Haß auf die ehemaligen Feindesländer: auf Deutschland oder erst recht nicht auf Italien, Japan oder Rumänien. Noch vor kurzer Zeit war ein solcher Negativismus bei der älteren Generation, an der gesellschaftlichen Peripherie, zu beobachten. Heute sind antiamerikanische Stimmungen viel stärker ausgeprägt als zum Beispiel antideutsche, die für acht bis zehn Prozent der Bevölkerung charakteristisch sind (vor allem für ältere Menschen). Die Hälfte der Russen wäre sogar einverstanden, wenn man in Rußland ein Denkmal für die Gefallenen auf beiden Seiten des Zweiten Weltkriegs aufstellen würde (wenngleich auch diese Bereitschaft unter Putin etwas zurückgegangen ist, von 57 Prozent auf 50 Prozent, wogegen sich die Ablehnung dieser Idee verstärkt hat, von 26 Prozent im Jahre 1991 auf 35 Prozent im Jahre 2003).
Ihren Triumph wollen die Russen mit niemandem auf der Welt teilen. 67 Prozent der Befragten (2003) gehen davon aus, daß die UdSSR diesen Krieg auch ohne Hilfe der Verbündeten gewonnen hätte. Mehr noch, mit dem zu beobachtenden Anstieg des ethnisch-russischen Nationalismus und mit wachsendem zeitlichen Abstand fügt sich der Krieg allmählich in den traditionellen Rahmen der russischen messianischen Idee und der Rivalität mit dem Westen ein. Parallelen zwischen der jüngsten und der älteren Geschichte sind ein Gemeinplatz der nationalistischen Rhetorik sowohl in der spätsowjetischen als auch in der postsowjetischen Zeit: „Indem sie den Faschismus zerschlug, bewahrte die UdSSR die europäischen Völker vor der Vernichtung“ – ebenso wie „die Rus’, indem sie die tatarisch-mongolischen Horden zerschlug, sich wie ein Schutzschild vor Europa stellte“. Eine zusätzliche Tönung erfährt dieses Verständnis durch die Idee, daß die Russen einen Gegner besiegt hätten, dem keines der entwickeltsten, reichsten und „zivilisiertesten“ Völker Europas standgehalten habe.
Gleichzeitig wird eine Reihe unangenehmer Tatsachen aus dem Massenbewußtsein verdrängt: Erstens der aggressive Charakter des sowjetischen Regimes, der kommunistische Militarismus und Expansionsdurst, aufgrund derer die UdSSR nach dem Angriff auf Finnland aus dem Völkerbund ausgeschlossen wurde; zweitens der Beginn des Zweiten Weltkriegs als gemeinsamer Angriff auf Polen durch Hitlerdeutschland und die Sowjetunion, die damals noch verbündet waren; drittens der menschliche, soziale, wirtschaftliche und metaphysische Preis des Kriegs sowie viertens die Verantwortung der Führung des Landes für den Ausbruch und den Verlauf des Kriegs sowie die Auswirkungen des Kriegs auf andere Länder.
Der Krieg und das Tabu einer rationalen Aufarbeitung
Seine für das kollektive Gedächtnis strukturbildende Rolle erhielt der Sieg durch die langjährige Arbeit der offiziellen gesellschaftlichen Institutionen in der UdSSR – der Schule, der Armee, der Medien, des Propagandasystems und der ideologischen Erziehung. Heute haben wir es im Grunde genommen mit der Stalinschen Version des Krieges und der Geschichte der Sowjetzeit, also auch der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu tun. Diese Interpretation des Kriegs wurde durch Stalins Generalstab und den Agitprop des Zentralkomitees der KPdSU geschaffen.
Verschiedene Gruppen von Ideologen konkurrierten miteinander um die Kontrolle über die Deutung des Kriegs – eine Konkurrenz, die bis heute fortbesteht. Auch heute noch erheben verschiedene politische Parteien – von der „Partei der Macht“ Edinaja Rossija bis zu ihren Opponenten, den Kommunisten, Patrioten oder Populisten, Anspruch auf die Deutungshoheit über das Kriegserbe, indem sie ihre eigene Legitimation auf den Sieg zurückführen. Alle Varianten, Nuancen und Wertungen dieser Deutung entstanden ausschließlich innerhalb der Bürokratie (der gebildeten Schicht) als Reaktionen auf die offizielle Position. Alle existierenden und potentiellen Varianten sind nur Ergänzung, Kritik, Widerlegung, Parodie darauf. Sie können nichts anderes sein. In diesem Sinne kann man das Entstehen einer neuen bzw. präzisierenden Interpretation oder einer originellen Perspektive auf den Krieg und den Sieg als Signal einer Störung oder gar eines Defekts der sozialen und kulturellen Reproduktion des sowjetischen Systems auslegen; hingegen kann die Restauration der Grunddeutung des Kriegs und der nationalen Geschichte als Wiederherstellung und Konservierung der Grundlagen des sowjetischen Regimes und der sowjetischen Gesellschaft betrachtet werden.
Die dominante Konstruktion des Kriegs oder der Interpretation der Kriegsereignisse wurde 1970–1972, also unter Brežnev, mit dem fünfteiligen Kinoepos Osvoboždenie („Befreiung“) von Jurij Ozerov und Jurij Bondarev geschaffen. Dieses Kriegsepos wurde als Geschichte des Siegs, des totalitären Triumphs gestaltet. Die ersten, dramatischsten Kriegsjahre und erst recht die Vorgeschichte des Kriegs oder auch soziale, moralische und menschliche Zusammenstöße fehlen in diesem aus dem Blickwinkel des Oberkommandos angeordneten Schlachtenpanorama. Alle anderen Versionen waren lediglich Variationen dieses Themas in anderen Genres – von der Komödie über den Abenteuerfilm oder Thriller bis hin zur hohen Tragödie mit der dafür charakteristischen existentiellen oder ethischen Tonart. Sie fungierten als Ergänzung oder Bearbeitung des Themas der heldenhaften Selbstaufopferung, der Treueprobe und der Überprüfung echter menschlicher Werte und Beziehungen, so etwa Proverka na dorogach („Straßenkontrolle“) von Aleksej German, boten aber kein zur herrschenden Interpretation des Kriegs alternatives Verständnis an.
Lange wurde in der UdSSR alles, was mit dem Krieg zu tun hatte, einer extremen Sakralisierung unterzogen, die alle Versuche blockierte, die Vergangenheit rational zu betrachten. Jede Version, die sich von der Interpretation der militärischen und staatlichen Führung unterschied, jede von der allgemeingültigen abweichende Analyse der Ereignisse und Folgen des Kriegs wurde als Frevel, als Beleidigung des Andenkens an die Gefallenen, als Lästerung der höchsten nationalen Werte aufgefaßt. Dies gilt weitgehend bis heute. Dadurch erfolgte statt einer moralischen, intellektuellen, politischen oder andersartigen rationalen Aufarbeitung der negativen, traumatischen Erfahrung deren „Vernarbung“. Jeder Versuch, einzelne Aspekte des Krieges oder ihn in seiner Gesamtheit umzudeuten, wurde von der sowjetischen Obrigkeit mit aller Entschlossenheit und Brutalität unterdrückt. Die private, individuelle Erfahrung (und entsprechend auch ihr Wert) wurden in die Sphäre des „kollektiven Unterbewußten“, des kulturell Namenlosen, des Unreflektierten vertrieben. Es ging dabei weniger darum, eine psychologische Abwehr gegen die Notwendigkeit der rationalen Bearbeitung entstehen zu lassen, als um die Erhaltung eines bestimmten „Wertekurses“, eines Verhältnisses zwischen dem Privaten und dem Total-Kollektiven oder Staatlichen. Der Schriftsteller und Liedermacher Bulat Okudžava brachte dies in einfachen Worten zum Ausdruck: „Wir brauchen einen Sieg, einen für alle, den Preis werden wir schon zahlen.“ Das moralische Gefühl von Menschen, die sich nicht einfach gegen eine Aggression verteidigten, sondern gegen einen Feind, der, wie man meinte und wie offiziell behauptet wurde, einen nationalen und ethnischen Vernichtungskrieg gegen die Völker der UdSSR führte, steigert nicht nur den Triumph des Siegers. Das Selbstverständnis als Opfer einer Aggression gab den Menschen eine unerschütterliche Überzeugung von ihrer Schuldlosigkeit und menschlichen Überlegenheit, die durch den Sieg in diesem Krieg verfestigt wurde. Um diese Gewißheit zur Routine werden zu lassen, diente die außermoralische, sozial primitive, archaische, nahezu tribalistische Dichotomie „die Unsrigen vs. die Fremden“ (naši i nenaši) als Grundlage der sozialen Solidarität und der Bereitschaft, jede aggressive oder repressive staatliche Politik gegenüber anderen Ländern oder Territorien, die der UdSSR oder Rußland Widerstand leisteten, zu rechtfertigen (nicht aber zu unterstützen!). Zu erinnern ist an die Invasionen in Ungarn 1956, der Tschechoslowakei 1968 und in Afghanistan 1979). In jüngster Zeit kann dasselbe Phänomen anhand der kriegerischen Rhetorik gegenüber Georgien und den baltischen Ländern verfolgt werden (vgl. den Film „Naši“ („Die Unsrigen“) von Aleksandr Nevzorov). Die Auswirkungen lassen sich heute am Beispiel der Einstellung zu Tschetschenien, zu den Filmen Brat („Der Bruder“), Brat-2 („Der Bruder, Teil 2“), Vojna („Der Krieg“) und ähnlicher Produkte von Aleksej Balabanov und seiner zahlreichen Epigonen beobachten. Das Recht auf Gewalt wird als Kraft des Gerechten aufgefaßt. Die Willkür wird zum Legitimationsprinzip der Sozialität, wie in den Fällen Jukos und Vladimir Gusinskij bzw. während der Geiseldramen im „Nord-Ost“-Theater oder in Beslan zu sehen war. Im Alltag und im öffentlichen Diskurs ist diese Entwicklungslinie der Entmoralisierung des Kriegs zu beobachten.
Der Krieg als Kultur
Der Krieg ist für Rußland zum Surrogat der „Kultur“ geworden – zu einem Bedeutungsfeld für die wichtigsten Themen und Sujets der Gegenwart. Der Krieg liefert die Modelle für die wertende Darstellung der wichtigsten Konflikte und dramatischen Beziehungen. Der Krieg liefert Muster für Rituale der Gruppen- und nationalen Solidarität, der Prüfung von Menschen auf Authentizität, wie in den Filmen Germans oder Tarkovskijs.
Unter diesen Umständen können die höchsten gesellschaftlichen oder gesamtnationalen Werte nur im Stil des Außergewöhnlichen ausgedrückt werden: in überdrehten, überspannten Situationen (Heldentaten, Selbstaufopferung, Rettung, Mission, Durchbruch in eine neue Realität und Lossagung vom Alltäglichen, vom „normalen Leben“). Die Außergewöhnlichkeit wird Produktionsmodus und -bedingung dieser Werte und also auch dieser Gemeinschaft. Der Alltag hingegen ist nicht nur kulturell und ideologisch nicht sanktioniert. Lange wurde er sogar als ein niederes, zersetzendes oder sogar feindliches Prinzip ausgelegt. „Kleinbürgertum“, „Spießertum“ etc. waren universelle Schreckgespenster aller ideologischen Kampagnen der Sowjetzeit. Selbstverständlich war es vom sozialen und politischen Kult des Notstands nur ein kurzer Schritt zur Rechtfertigung des endlosen Massenterrors.
Die machtstaatliche Interpretation des Sieges von 1945 diente nicht nur der Rechtfertigung des sowjetischen Regimes in Vergangenheit und Zukunft. Lange Zeit erlaubte sie es den Herrschenden, ihren Antifaschismus als eine Art Antithese zum westlichen Kapitalismus und Liberalismus („sowjetische Demokratie“) auszubeuten. Die Siegessymbolik verdeckte und „sühnte“ über lange Zeit hinweg die „Fehler“ des Regimes durch chronische Mobilisierung, indem sie die Existenz einer riesigen Armee, die zum Modell für alle anderen sozialen und politischen Institutionen wurde, die Entstehung und Aufrechterhaltung des „sozialistischen Lagers“, die militarisierte Staatswirtschaft und das rasende atomare Wettrüsten bei gleichzeitigen Aufrufen zur „friedfertigen Konkurrenz“ mit dem Westen rechtfertigte.
Dadurch, daß das Verständnis des Krieges und das Verhältnis zu ihm tabuisiert ist und nicht rational aufgearbeitet wird, sind die nichtsiegreiche, nichtstaatliche Seite des Krieges, seine Beschwerlichkeit und die dazugehörige menschliche Angst in eine Art „Unterbewußtsein“ der Gesellschaft abgetaucht, zu einem „blinden Fleck“ der offiziellen Erinnerung geworden. Die Siegessymbolik ist in Konstruktionen des machtstaatlichen Bewußtseins eingeschlossen. Danach gilt, daß alle „staatlichen Interessen“ Priorität haben und die Bevölkerung über die „Bereitschaft“ verfügen muß, alle Erschütterungen passiv zu erdulden, indem an die Erfahrungsressourcen einer extremen Existenz appelliert wird. Diese Symbolik beschwört die Möglichkeit, daß sich Situationen des „Krieges“ wiederholen können, ob lokal oder global, aber immer der privaten, häuslichen, familiären Welt entzogen und mit ihren Mitteln nicht lenkbar. So sind diese beiden allgemeinen Ebenen des Kriegs mit den beiden Ebenen der nationalen Befindlichkeit verbunden: Auf der einen Seite staatspatriotischer Enthusiasmus und Mobilisierung (und dementsprechend die Motivation der „Bereitschaft, die Forderungen von Partei und Regierung als inneres Bedürfnis eines jeden zu erfüllen“, wie es in den Aufrufen der sowjetischen Propaganda hieß), auf der anderen Seite der Wunsch nach „Ruhe“, der Wert einer stabilen Existenz. Da es die nicht gibt, herrschen eine kollektive Asthenie, Müdigkeit sowie die Angst, den relativen Wohlstand des Privatlebens zu verlieren. Dem Patriotismus und der Mobilisierung entspricht die allgemeine Überzeugung, daß „die Russen ihren Nationalcharakter und ihre seelischen Eigenschaften in ihrer ganzen Fülle in Zeiten des Umbruchs, in Jahren des Kriegs und angesichts von Schicksalsschlägen an den Tag legen“, unter außergewöhnlichen, katastrophalen Umständen (in „Heldentaten“ und „massenhaftem Heldentum“ an der Front und bei der Arbeit) und nicht in „ruhigen und glücklichen Zeiten“. Diese Überzeugung teilt eine absolute Mehrheit der Russen (77 Prozent der Befragten). Sie ist zu einer Norm der symbolischen Identität geworden.
Fast die Hälfte der Befragten (45 Prozent) gibt sich nüchtern Rechenschaft darüber, daß der Krieg „mit Zahlen statt Können“ geführt wurde, daß der Sieg um den Preis einer gewaltigen Anzahl von Opfern und Verlusten unter Militärs und Zivilbevölkerung errungen wurde, daß der extrem niedrige Wert des einfachen menschlichen Lebens eine seiner Bedingungen war. Aber all dies hat wenig Einfluß darauf, wie sie die Handlungen der Staatsführung beurteilen. Die Vorstellung, daß massenhafte Verluste unvermeidlich und Millionen Opfer quasi „selbstverständliche“ Notwendigkeit seien, ist Bestandteil des allgemeinen semantischen Feldes, das Begriffe wie „nationale Heldentat“ und „allgemeines Heldentum“ umgibt. Bezeichnenderweise werden diese Vorstellungsnormen vom Krieg auch auf die Armeen der Alliierten und sogar der Deutschen übertragen. Das Massenbewußtsein der Russen ist einfach nicht imstande, sich Kriege vorzustellen, in denen die Militärführung es sich zum Ziel setzt, das Leben ihrer Untergebenen mit allen Mitteln zu bewahren
Die moralische, intellektuelle und politische Unfähigkeit der rußländischen Gesellschaft, die traumatischen Umstände des Kriegsausbruchs und der Kriegsführung sowie die Erbarmungslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung und der Armee zu verarbeiten, hat dreizehn Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus dazu geführt, daß ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung unter Putin allmählich zur offiziellen Sicht auf die Kriegsursachen und den Preis des Siegs zurückfindet. Die Mythen von der Unvermeidlichkeit des Kriegs, der „Plötzlichkeit“ der Hitlerschen Aggression usw. werden wiederbelebt. Der Anteil solcher Antworten ist um mehr als die Hälfte gewachsen, von 21 Prozent auf 38 Prozent. 2001 war fast die Hälfte der Befragten (47 Prozent) der Ansicht, daß es Ende der 1930er Jahre unmöglich gewesen wäre, den Krieg zu verhindern; 35 Prozent waren anderer Meinung (nach der bereits zitierten Umfrage). Diese Unbestimmtheit und Widersprüchlichkeit des Massenbewußtseins ist für uns in diesem Fall von großer Bedeutung. Es spiegelt nicht etwa eine Spaltung der Gesellschaft in „Parteien“ mit deutlichen Positionen und klaren Überzeugungen wider, sondern ist symptomatisch für ein „unreines Gewissen“ und ein latentes Schuldgefühl oder Unzufriedenheit mit der allgemein anerkannten Haltung zum Krieg. Hier seien zwei weitere Beispiele genannt, die den Charakter dieses nationalen „Unterbewußtseins“ offenbaren: 68 Prozent der Befragten sind der Ansicht, daß „wir nicht die ganze Wahrheit über den Vaterländischen Krieg kennen“, und 58 Prozent denken, daß die Idee von der „Plötzlichkeit“ des deutschen Angriffs auf die UdSSR am 22. Juni 1941 erfunden wurde, um „Stalins politische Fehlkalkulationen zu verdecken“, die Grund für die mangelnde Kriegsbereitschaft des Landes gewesen seien. Solche scheinbaren Widersprüche in der öffentlichen Meinung sind Ausdruck von Passivität und Ergebenheit gegenüber der offiziellen Auslegung bei einem gleichzeitigen tiefsitzenden Argwohn ihr gegenüber. Dies bedeutet, daß es der Gesellschaft an einer moralisch, intellektuell oder auch nur sozial autoritativen Gruppe oder Instanz fehlt, deren Position von einer Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert werden könnte. Je komplexer also die Fragen zum Kriegsverständnis oder zur Kriegserinnerung, desto wirrer und unklarer ist die Reaktion der öffentlichen Meinung. So weiß etwa die Hälfte der Bürger Rußlands (52 Prozent) von den Diskussionen über die Geheimprotokolle des Molotov-Ribbentrop-Paktes, die eine Teilung Polens und eine Aufteilung der Einflußsphären in Europa vorsahen (von ihnen glaubt übrigens ein Viertel, daß sie eine Fälschung sind). Aber nur etwas mehr als die Hälfte derer, die vom Molotov-Ribbentrop-Pakt wissen, ist der Ansicht, daß „Hitler durch dieses Abkommen für seine Pläne zum Zweiten Weltkrieg Handlungsfreiheit bekommen hat“ (54 Prozent), während die übrigen eher Großbritannien und Frankreich sowie dem „Münchner Abkommen“ die Schuld zuschreiben. Mehr noch, heute sind sogar mehr Befragte bereit, den Molotov-Ribbentrop-Pakt zu billigen, als überhaupt wissen, worin er bestand (40 Prozent der Befragten gegenüber 23 Prozent). Hier wirkt die altsowjetische Deutung des sowjetisch-deutschen Vertrags als erzwungener Schritt Stalins nach, der Zeit gewinnen wollte, um das Land auf den Krieg vorzubereiten.
Die Legitimationsfunktionen des Kriegs
Der Krieg und die Kriegsopfer haben in den Augen der rußländischen Gesellschaft nicht nur die Armee als eine der zentralen, grundlegenden sozialen Institutionen, als tragendes Gerüst des gesamten sowjetischen und postsowjetischen Regimes sakralisiert, sondern auch das Prinzip eines „vertikalen“ Aufbaus der Gesellschaft, das Kommandomodell einer hierarchischen gesellschaftlichen Ordnung, die die Autonomie und den Selbstwert einer privaten Existenz und von nicht vom „Ganzen“ abhängigen Gruppeninteressen nicht anerkennt. Rußlands Gesellschaft hat die Zeit der kritischen Umwertung ihrer Vergangenheit, unter anderem der militärischen Vergangenheit, hinter sich gelassen und die Diskussionen über den „Preis“ des Sieges sowie die Bewertung der Vor- und Nachkriegspolitik ins Abseits befördert. Heute wird die Erinnerung an den Krieg und den Sieg in erster Linie durch Mechanismen geschaffen, die auf die Konservierung des gesellschaftlichen Ganzen zielen und die Gesellschaft vor wachsender Komplexität und Differenzierung bewahren. Die Erinnerung an den Krieg nützt vor allem der Legitimation der zentralisierten und repressiven sozialen Ordnung, sie ist in das allgemeine Gefüge der posttotalitären Traditionalisierung der Kultur in einer Gesellschaft eingefügt, die mit den Herausforderungen der Verwestlichung und Modernisierung nicht fertig wird; einer Gesellschaft, welche die Anstrengungen der begonnenen sozialen Veränderungen nicht ausgehalten hat. Daher ist die rußländische Staatsmacht gezwungen, ständig zu denjenigen traumatischen Umständen der Vergangenheit zurückzukehren, um Schlüsselmomente nationaler Mobilisierung zu reproduzieren. Der nicht ausgelebte Krieg führt zu Rückfällen staatlicher Aggression – zum Tschetschenienkrieg und zur Restauration eines repressiven Regimes.
Die „Erinnerung“ an den Krieg als einer ganzen Epoche, an eine Zeit, mit der eine Vielzahl privater und kollektiver Ereignisse verbunden ist, wird in Rußland heute nur in diversen Erscheinungsformen staatlicher Institutionen oder mit der Macht verbundener gesellschaftlicher Gruppen bewahrt, die Anspruch auf sozialen oder politischen Einfluß erheben oder als Ideologen und Vollzieher staatlicher Aufträge in Erscheinung treten.
Die prunkvollen staatlichen Feiern zum 60. Jahrestag des Sieges werden für die rußländische Gesellschaft nicht zum Anlaß für eine rationale Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Gegenwart. Das angekündigte Programm feierlicher Veranstaltungen wird zu einer Routinebekundung der Verbundenheit mit den Symbolen der vergangenen Größe des Staates – Symbolen, die ihre Kraft und Bedeutung verlieren. Es handelt sich um eine Zwangsimitation kollektiver Solidarität mit der Staatsmacht, hinter der nichts anderes steht als bürokratisch-polizeilicher Patriotismus und politischer Zynismus.

Aus dem Russischen von Mischa Gabowitsch, Moskau

Andreas Langenohl | 74 | Volltext

Staatsbesuche
Internationalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Rußland und Deutschland
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Gedenkveranstaltungen der Jahre 2004 und 2005 zeigen, daß die Internationalisierung des Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg in vollem Gangeist. Sie findet jedoch im Rahmen nationaler Erinnerungskulturen statt. Die rußländischen und deutschen Reaktionen auf den 60. Jahrestag des D-Day in der Normandie illustrieren, daß ein internationalisiertes Gedenken unterschiedliche Implikationen hat. Während in Deutschland das traditionelle Gedenkparadigma zur Disposition steht, nach dem die nationalsozialistischen Verbrechen negativer Bezugspunkt jeder Politik sind, wird in Rußlanddie Sorge laut, die Internationalisierung des Gedenkens könnte die Monumentalität der sowjetischen Opfer und die Bedeutung des eigenen Beitrags zum Sieg über Nazideutschland schmälern. Schließen

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Kluften der Erinnerung
Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg
Berlin (4-6/2005)
Seite 74 - 87


Andeas Langenohl

Staatsbesuche
Internationalisierte Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Rußland und Deutschland

Das· Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in den europäischen Staaten und der Sowjetunion war bis in die 1980er Jahre durch seine Einbindung in die symbolische Architektur der Systemkonfrontation zwischen Ost und West gekennzeichnet. Zwar war es selbstverständlich, daß bei offiziellen Feierlichkeiten das Gedenken an die Opfer mit der Erinnerung an den Sieg über das nationalsozialistische Deutschland einherging. Dies traf besonders auf die Sowjetunion zu, in der die Erinnerung des „Großen Sieges“ (velikaja pobeda) über den Faschismus das zentrale Symbol der moralischen Überlegenheit der sowjetischen Gesellschaftsordnung im allgemeinen und der Kommunistischen Partei im besonderen darstellte und als solche auch (zumindest unmittelbar nach 1945) in den Einstellungen der Bevölkerung vorhanden war.
Jedoch nahmen die Erinnerungsfeierlichkeiten der 1960er bis 1980er Jahre stets Bezug auf die Systemkonfrontation zwischen Ost und West. Am deutlichsten kam dies in den jahrzehntelangen Mahnungen zum Frieden in Europa angesichts der Opfer des Zweiten Weltkriegs zum Ausdruck, Mahnungen, die mit der wechselseitigen Bezichtigung militärischer Aufrüstung einhergingen, während die Friedfertigkeit hinter den eigenen Raketen hervorgehoben wurde. Auf diese Weise war es weniger das besiegte Nazi-Deutschland, das den normativen Referenzpunkt für Praktiken des offiziellen Gedenkens darstellte, als eher das Verhältnis zwischen den Supermächten, die sich durch das Gedenken auf die moralisch richtige Seite manövrierten.
Seit der Auflösung der Sowjetunion hat diese Abgrenzungsrhetorik im Vehikel der Erinnerung des Zweiten Weltkriegs nuancierteren, aber keinesfalls unproblematischen Praktiken internationalisierter Erinnerung Platz gemacht, unter denen die offiziellen internationalen Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des D-Day im Juni 2004 in der Normandie sowie die zum 60. Jahrestag des Kriegsendes in Europa, die im Mai 2005 in Moskau stattfinden, sicher den Höhepunkt bilden. Diese Feiern stehen am vorläufigen Ende einer historischen Entwicklung, in der ein zunächst zaghaft entstehendes, Nationen übergreifendes Gedenken in Europa und den USA sich zu einem symbolischen Zirkulationszusammenhang verdichtete, der schließlich auch Rußland einbezog. Auf internationaler Ebene sind die Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und ihre Weiterentwicklung zu EG und EU maßgeblicher Motor dieser Entwicklung.
Der politische Kerngedanke, welcher der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft zugrundelag, war, durch eine Verzahnung der nationalstaatlichen Ressourcenwirtschaft die Möglichkeit von Kriegsökonomien in Europa auszuschließen. Die Idee der EU gründet auf dem Schluß aus einer gemeinsamen historische Erfahrung: nie wieder Krieg in Europa. Die Rede von Bundespräsident Roman Herzog aus Anlaß des 50. Jahrestags des Kriegsendes auf der internationalen europäischen Gedenkveranstaltung am 8. Mai 1995, in der er betonte, daß 50 Jahre zuvor ein „Fenster nach Europa aufgestoßen“ worden sei, konnte somit zwar einerseits als Vergessenswunsch kritisiert werden. Andererseits sprach Herzog kaum etwas anderes als die deutungskulturelle Vollendung eines symbolisch-politischen Integrationsprojektes aus, das von Anfang an implizit auf eine gemeinsame, europäische Erinnerung abgezielt hatte. So konnte die Bundesrepublik, die die durch Nazideutschland verursachten Leiden politisch zu verantworten hat, gerade im Namen dieser Verantwortung in europäische Gedenkveranstaltungen integriert werden – eine Möglichkeit, die in der Rückschau auf der Ebene internationaler Beziehungen durch die Gründung der EWG implizit bereits geschaffen worden war.
Beschleunigt wurde diese Möglichkeit vermutlich durch eine Umstellung des Symbolhaushalts der westlichen Gesellschaften zwischen 1950 und 1980. Nach und nach wurde triumphalistischen Deutungen der Vergangenheit des Krieges und insbesondere der Konzeption des „Kriegstodes“ eine generelle Absage erteilt. Diese Absage verband nicht nur pazifistische Gruppen über nationalstaatliche Grenzen hinweg, sondern angesichts der stets gegenwärtigen Bedrohung des atomaren Vernichtungskriegs wurden solche Grenzen zunehmend irrelevant. Die Darstellung des Kriegstodes gehört nicht mehr zur selbstverständlichen, symbolischen Ausstattung dieser Gesellschaften. Der Kriegstod stürzt sie vielmehr in eine symbolische Krise, was daraus ersichtlich ist, daß Gefechtstote verschämt als casualties bezeichnet werden, daß schon einzelne gefallene Soldaten aus westlichen Ländern zu Aufläufen höchster Staatsrepräsentanten um Zinksärge auf Flughäfen führen und daß sich die öffentliche Meinung nicht genug darin ergehen kann, die Selbstmordanschläge religiöser Extremisten als unbegreiflich zu verurteilen – während vor nicht einmal 100 Jahren eine solche Opferbereitschaft von den Soldaten gefordert wurde, als sie im Ersten Weltkrieg zu Hunderttausenden aufeinander gehetzt wurden.
Diese Delegitimierung triumphalistischer Rhetorik in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat zu einer symbolischen Annäherung zwischen Deutschland auf der einen Seite und den ehemaligen Alliierten auf der anderen Seite beigetragen, die bereits in vollem Gange war, als die Sowjetunion auseinanderfiel. Es ist deswegen nicht erstaunlich, daß die Erinnerungspraktiken im postsowjetischen Rußland auf diesen transnationalen symbolischen Zusammenhang in grundsätzlich anderer Form reagieren, als es in Deutschland der Fall ist.
Reisen und Auftritte von staatlichen Repräsentanten auf internationalen Gedenkveranstaltungen zum Kriegsende spielen in der Internationalisierung des Gedenkens eine große Rolle. Wie die Bezeichnung „politischer Repräsentant“ bereits zum Ausdruck bringt, sind Politiker nicht nur Stellvertreter derjenigen, die sie vertreten, sondern sie „stehen für etwas“. Daß dieser Signifikationsaspekt ernst genommen wird, kommt wohl nirgends besser als in der „hohen Schule der Diplomatie“ zum Ausdruck, in der der symbolische Wert der einzelnen Akteure im Hinblick auf ihr Herkunftsland, auf ihr Betätigungsland und im Verhältnis untereinander die entscheidende Interpretationshilfe darstellt, mit der sich die Absichten nationalstaatlicher Regierungen deuten lassen. Diplomatie zeigt, daß nationalstaatliche Politiker Teil transnationaler Symbolzirkulation sind. Dies kommt besonders bei internationalen Gedenkveranstaltungen zum Ausdruck. Wie die Gesten und Worte eines politischen Repräsentanten ausgelegt werden, hängt nämlich nicht nur von ihnen selbst ab, sondern auch von ihrem Stellenwert im symbolisch-politischen Zusammenhang der Veranstaltung (im „Protokoll“) und ebenfalls von der Bedeutung des Repräsentanten in seinem Herkunftsland.
Gedenkveranstaltungen sind allerdings besonders prekäre Veranstaltungen, weil sie an spezifischen Orten stattfinden, die Pierre Nora lieux de mémoire genannt hat. Dabei handelt es sich um Orte, die im Erinnerungsritual eine symbolische Verdichtung der Vergangenheit heraufbeschwören. Die Einladung eines ausländischen politischen Repräsentanten zu einer Gedenkveranstaltung erzeugt einen transnationalen Interpretationskontext, der seine Interpretabilität jedoch „vor Ort“ beweisen muß, weil die Erinnerungen vorreflexiv mit bestimmten Orten in Verbindung gebracht werden. Das „Gelingen“ einer solchen Veranstaltung – d.h. die Zuerkennung einer im Hinblick auf Erinnertes und Erinnernde spezifischen Angemessenheit des Gedenkens – zieht sich an einem Punkt, einem lieu de mémoire zusammen, der Zeit und Ort des Gedenkens determiniert und so aus der Vergangenheit in die Gegenwart hineinragt.
Diese grundsätzlich prekäre Ausrichtung von Gedenkveranstaltungen ist Gegenstand öffentlicher Kontroversen. Die Auseinandersetzungen darüber, wer wen einladen und mit wem zusammenbringen darf, und um die Frage, ob das Gedenken „gelungen“ ist, finden in der Öffentlichkeit mindestens ebensoviel Beachtung wie das zu Erinnernde selbst. Welchen normativen Gehalt die Vergegenwärtigung der Vergangenheit haben sollte, wird anhand von Gedenkveranstaltungen gewissermaßen auf der Ebene des Handwerkszeugs diskutierbar. Sie sind sowohl Erinnerung als auch Meta-Erinnerung: Sobald eines Ereignisses ein erstes Mal gedacht worden ist, wird jedes erneute Gedenken als eine Wiederholung, eine Neuauflage oder ein Bruch mit jenem erstem Gedenken registriert. Als rituelle Ereignisse mit dem grundsätzlichen Anspruch auf Wiederholbarkeit sind Gedenkveranstaltungen per se in ihre eigene Geschichte verstrickt und repräsentieren niemals nur das zu Erinnernde selbst, sondern auch seine vorigen Repräsentationen.
Den vorläufigen Höhepunkt internationaler Gedenkfeiern zum Ende des Zweiten Weltkriegs bilden zwei kurz aufeinander folgende Veranstaltungen: die Erinnerung an die alliierte Landung in der Normandie am 6. Juni 1944, dem „D-Day“ (day of decision) im Juni 2004, und die Gedenkveranstaltung in Moskau am 9. Mai 2005. Bei den zahlreichen Begegnungen dieser Veranstaltungen wird jener transnationale, symbolische Zirkulationszusammenhang offengelegt, welcher der Internationalisierung des Gedenkens zugrundeliegt.
Der D-Day mit Putin und Schröder aus Sicht der Europäer
Am 1. Mai 2004 traten zehn Staaten der EU bei, darunter ehemalige sozialistische „Bruderstaaten“ und gar drei Ex-Sowjetrepubliken. Dieses besondere Datum machte aus Sicht westeuropäischer politischer Akteure verstärkte Kommunikationen und Bekundungen zur Kooperation mit Rußland wünschenswert. Daher waren auch die Staatsbesuche zwischen Deutschland, Frankreich und Rußland vor den Feierlichkeiten zum D-Day in der Normandie ein Teil von Beschwichtigungsbemühungen. So verpaßten sich Schröder und Chirac im April 2004 in Moskau nur um Haaresbreite: Während der Bundeskanzler am 1. April Putin im Kreml besucht hatte, traf das französische Staatsoberhaupt einen Tag später zu einem Blitzbesuch in Moskau ein. In der europäischen Presse wurde dieser letztere Besuch dreifach interpretiert.
Erstens wurde vermerkt, daß sich Chirac für die Einladung nach Moskau mit einer Gegeneinladung an Putin zu den internationalen Gedenkfeierlichkeiten „revanchiert“ habe; zweitens wurde hervorgehoben, daß Chirac als erster hoher ausländischer Repräsentant die militärische Satelliten-Kontrollzentrale Titov nahe Moskau habe besuchen dürfen; drittens wurde auf den schon erwähnten diplomatischen Reigen hingewiesen: Schröder einen Tag vor Chirac und einen Tag nach Chirac UNO-Generalsekretär Kofi Annan. Die Einladung in die Normandie an Putin erfolgte als Teil ostentativer Bemühungen um Entspannung des Verhältnisses zwischen der EU (bzw. den westlichen Industriestaaten) und Rußland, wie ein Bericht aus der NZZ illustriert:

Chirac revanchierte sich für die Geste des Kreml-Chefs mit einer Einladung für Putin zu den 60-Jahr-Feiern der alliierten Landung in der Normandie als Zeichen der Wertschätzung für die russischen – damals noch sowjetischen – Kriegsanstrengungen während des Zweiten Weltkriegs. Chirac wies darauf hin, daß die entscheidenden Wendepunkte in diesem Krieg in Moskau, Kursk und Stalingrad erkämpft worden seien. Die beiden Staatschefs sprachen sich im Weiteren für vermehrte internationale Kooperation in der Terrorismusbekämpfung und für eine gegenseitig befriedigende Lösung in der Frage des Verhältnisses Moskaus zur Europäischen Union nach der EU-Osterweiterung Anfang Mai aus.
Wie in der Schweiz wurde auch in der EU die Einladung an Putin als Teil der internationalen Kooperation, insbesondere auf dem Gebiet der Terrorismusbekämpfung, dargestellt. Chiracs Geste, die sowjetische Leistung in der gemeinsamen Kraftanstrengung des Zweiten Weltkriegs anzuerkennen, verweist auf die Zusammenarbeit, die sich nun ebenfalls auf kämpferischem Gebiet zu bewähren habe. Die Tatsache, daß der ehemalige Gegner – das nationalsozialistische Deutschland – ungenannt bleibt, veranschaulicht, daß aus westeuropäischer Perspektive die historische Dimension des Gedenkens des Zweiten Weltkriegs hinter die Erfordernisse der aktuellen Politik zurücktritt.
Ganz anders stellte sich die Situation in bezug auf die Einladung dar, die einige Wochen vor der Gedenkveranstaltung an Kanzler Schröder erging. Sie stellte faktisch einen erneuten Versuch dar, Deutschland zu integrieren. Zehn Jahre zuvor hatte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl dem französischen Staatspräsidenten François Mitterand mitteilen lassen, daß er wünsche, nicht zu den 50-Jahr-Feiern eingeladen zu werden, da es für ihn keinen Grund gebe, eine Schlacht zu feiern, in der viele deutsche Soldaten umgekommen seien. Insofern war die Einladung an Schröder weniger gegenwärtigen diplomatischen Verhältnissen geschuldet. Vielmehr stand sie im Zusammenhang mit der Frage, wie zu gedenken ist und wie Gedenken europäisiert werden kann.
Es schien den politischen Akteuren der EU wohl prekär, am 1. Mai zahlreiche Länder im Namen des europäischen Einigung in die EU aufzunehmen und einen Monat später an das Kriegschaos in Europa zu erinnern, das diesem Gedanken historisch zugrunde lag, und dabei auf eines der wichtigsten EU-Mitglieder zu verzichten. So mußte in einer zukunftsorientierten statt rückwärtsgewandten Art und Weise der Landung der Alliierten in der Normandie gedacht werden, also im Sinne von Herzog, daß mit dem Kriegsende das „Fenster nach Europa“ aufgestoßen worden sei. So gesehen bildete die Landung in der Normandie aus der Sicht des Jahres 2004 den Anfang vom Ende des Krieges und den Beginn der Europäischen Union. Sie eignete sich für diese Deutung deswegen, weil es eine Meta-Erinnerung eines europäischen Gedenkens gab. Der Bundeskanzler trat zu einem symbolischen Geschehen hinzu, das ein historisches Eigengewicht hatte, welches schon auf Europa verwies.
Schröder beim D-Day: Die Rezeption in Deutschland
In der europäischen Öffentlichkeit waren die Feiern in der Normandie ein wichtiges Thema. Dementsprechend breit wurde Schröders Teilnahme rezipiert. Es dominierten Stellungnahmen und Wertungen, die widerspiegelten, wie der Kanzler die Gedenkveranstaltung und seine Teilnahme interpretierte, und weniger das, dessen gedacht wurde. Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, im welchem Maße das Gedenken des Zweiten Weltkriegs in Europa selbst zum Gegenstand von Erinnerung – zur Meta-Erinnerung – wird.
Schröder trat am 6.6.2004 in der Öffentlichkeit gleich zweifach in Erscheinung: erstens auf der Hauptzeremonie der internationalen Gedenkveranstaltung in Arromanches-les-Bains, zweitens mit einem programmatischen Artikel in der Bild am Sonntag, in dem er seinen Auftritt in der Normandie mit der Rolle Deutschlands in Europa in Verbindung brachte. Beide Texte sind von Meta-Erinnerung geprägt. In dem deutschen Massenblatt spricht Schröder von der Notwendigkeit des Gedenkens, aber auch davon, daß

Heute [. . .] wir Deutsche dieses Datums erhobenen Hauptes gedenken [können]. Der Sieg der Alliierten war kein Sieg über Deutschland, sondern ein Sieg für Deutschland.

Er zieht Richard von Weizsäckers kanonisch gewordene Rede zum 8. Mai 1985 heran, daß der 8. Mai für Deutschland „nicht Niederlage, sondern Befreiung“ bedeutet habe – Befreiung von einem „Verbrecher-Regime“ und der „Hitlerei“ mit der Perspektive auf ein Europa, das „endlich eins“ geworden sei und nun „miteinander leben und feiern“ könne.
Im Gegensatz zu diesem belehrenden Unterton ist die Gedenkrede des Bundeskanzlers von einer Spannung geprägt, die sich zwischen der Anerkennung unterschiedlicher Kriegserinnerungen in Frankreich und Deutschland sowie seiner Schlußfolgerung entwickelt, in die Deutsche, Franzosen und alle Europäer einbegriffen werden: „Wir wollen ein vereintes, freiheitliches Europa, das seine Verantwortung für Frieden und Gerechtigkeit auf dem eigenen Kontinent und in der Welt wahrnimmt.“ Die territoriale politische Verantwortung Europas wird erweitert, indem die bitteren Erinnerungen der von Nazi-Deutschland besetzten Länder anerkannt und in eine europäische „Lektion“ übersetzt werden, für die „gerade“ Deutschland stehe:

Europa hat seine Lektion gelernt, und gerade wir Deutschen werden sie nicht verdrängen. Europas Bürger und ihre Politiker tragen Verantwortung dafür, daß auch anderswo Kriegstreiberei, Kriegsverbrechen und Terrorismus keine Chance haben.

Die Deutschen fungieren in Schröders Rede als Bürgen der Erinnerung und der Lehren aus der Geschichte, wodurch die Spannung zwischen partikularen Erinnerungen und allgemeinen Lehren in eine politische Mission aufgelöst wird.
Im Vergleich offenbaren die beiden Erinnerungstexte unterschiedliche implizite Referenzen auf Deutungstraditionen des Zweiten Weltkriegs in Deutschland. In der Bild am Sonntag zeigt sich ein Topos, der die deutsche Debatte seit dem Ende des Zweitens Weltkrieges geprägt hat: daß Deutschland die Verantwortung für die Verbrechen Nazi-Deutschlands trage. Die ostentative Begründung, an den Festlichkeiten in der Normandie gemeinsam mit den ehemaligen Kriegsgegnern teilzunehmen, wird durch eine semantische Trennung zwischen „Hitlerei“ und „Deutschland“ erreicht. Im Dienste dieser Begründung steht der Verweis auf die Weizsäcker-Rede von 1985, aus der nicht etwa die Benennung der einzelnen Opfergruppen, sondern der Gedanke übernommen wird, daß der 8. Mai 1945 für Deutschland eine Befreiung gewesen sei. Schröders Beitrag knüpft an deutungskulturelle Kontinuitäten an, die sich als die Kehrseite eines im politischen System Deutschlands mittlerweile verankerten Konsenses über die grundsätzliche Bedeutung der Nazi-Diktatur für das Selbstverständnis der Bundesrepublik erweisen. Gerade weil sie Allgemeingut geworden sind, spielt diese Bedeutung in innenpolitischen Auseinandersetzungen keine Rolle mehr.
In der Rede hingegen wird eine kürzere erinnerungspolitische Traditionslinie fortgeschrieben, der erstmals Bundespräsident Herzog in seiner bereits erwähnten Rede vom „Fenster nach Europa“ gefolgt war. Diese Deutung fungiert in Schröders Rede als zentrales Scharnier: Die unterschiedlichen, bitteren Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg lassen sich in ihrer Differenz nur angesichts der gegenwärtigen politischen Befriedung und Einigung Europas mit Sinn versehen.
Im Unterschied zu Herzog jedoch, der Europa eher als politischen Möglichkeitsraum paraphrasiert hatte, entwirft Schröder es als handfestes politisches Projekt, an dessen Aura die Deutschen nicht nur teilhaben, sondern an dem sie aktiv mitwirken – ja, weil sie „nicht verdrängen“ und „nicht vergessen“, in führender Rolle. Die Erinnerung an das Kriegsende kann so von einer selbstbeschränkenden Topik, die ihr im nationalstaatlichen Kontext bei den Konservativen wie bei den Linken stets innegewohnt hatte, in eine selbstermächtigende Pointe im europäischen Zusammenhang umgeschrieben werden.
Diese unterschiedlichen impliziten Traditionen, die sich in Schröders Beiträgen zum 6. Juni 2004 zeigen, werden von der Presse in einen expliziten Kontext der Meta-Erinnerung gestellt. Der Bundeskanzler habe „einen symbolischen Schlußstrich von großer Bedeutung“ gezogen, so die britische Zeitschrift The Guardian. Und Le Parisien schreibt, Schröder habe eine neue Seite in der Geschichte Frankreichs und Deutschlands aufgeschlagen, indem er (im Unterschied zu seinem Amtsvorgänger) die Einladung in die Normandie angenommen und eine „Rede ohne Doppeldeutigkeit und voller Mut“ gehalten habe. Auch der Corriere della Sera würdigte die Leistung Schröders, unter dem immensen Druck der internationalen Erwartungen die Erinnerung mit der Zukunft zu verbinden, „ohne dabei seine eigene Rührung zu verbergen“. Diese Kommentare zeigen, daß die Teilnahme Schröders an der internationalen Gedenkveranstaltung auch mit der bisherigen Haltung Deutschlands zur eigenen Vergangenheit verglichen wurde.
Die doppelte Bewertung, inwiefern der Auftritt des Bundeskanzlers angemessen gewesen sei, prägt auch die deutsche Diskussion. Abgesehen von einzelnen Politikern aus der CDU/CSU wie Peter Ramsauer und Norbert Geis, die bemängelten, daß Schröder keine deutschen Soldatenfriedhöfe auf dem Besuchsprogramm habe, wurde dessen Auftritt in der Regel als angemessen empfunden. Indes verging nicht viel Zeit, bevor er von linksliberaler Seite kritisch beleuchtet wurde. Gunter Hofmann, Leiter des Berliner ZEIT-Büros brachte ein diffuses Unbehagen an der „Historisierung“ der deutschen Vergangenheit zum Ausdruck:

Der Kanzler entsorgt nicht die Vergangenheit, er wählt auch nicht einfach die falschen Worte – aber tatsächlich geht es mit der „Historisierung“ der eigenen Vergangenheit, gerade unter rot-grüner Regie, in atemberaubendem Tempo voran. Wenn es aber so ist, wie weit verliert die Vergangenheit dann ihren konstitutiven Charakter für das Selbstverständnis der Republik?

Hofmanns Unbehagen mündet in den Verdacht, daß deutsche Politiker zu gut aus der Vergangenheit gelernt hätten und gerade deswegen diese Vergangenheit verabschieden könnten. Schröders und Fischers Umgang mit dem Nationalsozialismus wird zwar als Teil des deutschen Gedenkens als angemessen, aber darin wiederum als zu angemessen eingeschätzt. So wünschenswert Schröders Auftritt auch sei, so unverbindlich bleibe er, und eine deutsche Menschenrechtspolitik, die zu trotzig darauf beharre, aus „Auschwitz“ gelernt zu haben, sei gerade deswegen für die Inkonsistenzen des eigenen Handelns blind. Der Autor schließt mit einem verbalen Stirnrunzeln:

Die eigene Vergangenheit, die sich allem Begreifbaren am Ende immer entzog, erscheint – wohlgeordnet. Unvermittelt ertappt man sich seltsamerweise bei dem Gedanken, daß man sie sich weniger ordentlich wünscht.

Dieses „man“ verkörpert eine deutsche Deutungstradition, in welcher der Nationalsozialismus als das konstitutive Andere der Bundesrepublik erscheint. Thomas Herz und Michael Schwab-Trapp haben argumentiert, daß die „Basiserzählung“ der Bundesrepublik dilemmatisch auf den Nationalsozialismus bezogen sei – formal stand die Bundesrepublik in der Rechtsnachfolge, und gleichzeitig grenzte sie sich inhaltlich ab. Indes scheint mir, daß diese Erzählung nur in einem spezifischen Spektrum erzählt wurde.
Das linksliberale Spektrum trieb die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus maßgeblich voran. Doch anders als im offiziellen Antifaschismus der DDR, wo der Nationalsozialismus als negatorische Projektionsfläche der eigenen moralisch-politischen Position diente, war er in bundesdeutschen linksliberalen Kreisen historisch geronnener, in seiner Unbegreifbarkeit geradezu objektiver Maßstab jeglicher Politik. Das bundesdeutsche „Nie wieder!“ war keine selbstsichere Feststellung wie in der DDR, sondern eine Formel der ständigen Gefährdung jeglicher Politik durch den Rückfall in die Barbarei. Und darin unterscheidet es sich auch von der Schröderschen Feststellung, „daß ein Krieg der europäischen Völker gegeneinander unmöglich geworden ist“. Das linksliberale Unbehagen über die internationale Einbindung des deutschen Gedenkens an den Zweiten Weltkrieg stellt sich somit als ein Bedenken dar, das sich gegen die internationale Akklamation eines deutschen „Gedenkens light“ richtet.

Die russische Rezeption der internationalen Gedenkfeiern
In Rußland wurde Schröders Besuch in der Normandie freundlich kommentiert. Die Izvestija bedauerte, daß nicht bereits Kohl an den Gedenkfeierlichkeiten 1994 teilgenommen habe, weil das Friedenssignal dann womöglich noch stärker gewesen wäre. Der Pressedienst des rußländischen Außenministeriums ließ verlautbaren, Putin habe Schröders Teilnahme begrüßt und bei einem Treffen dem Kanzler gegenüber betont,

daß nach den Worten der russischen Veteranen die ersten Verbündeten der sowjetischen Truppen im Kampf gegen die Faschisten die deutschen Antifaschisten waren. Rußlands Staatschef hob hervor, daß die beiden Länder die Geschichte nie vergessen werden, doch die gegenwärtige Generation in Rußland und Deutschland trägt für das Geschehene keine Verantwortung, und ihre Rechte. . . [sollen] nicht beschränkt werden.

Diese versöhnlichen Worte paßten zu der nicht minder versöhnlichen Geste vom 8. Juli 2004, Bundeskanzler Schröder zur zentralen Gedenkveranstaltung an das Kriegsende in Moskau im Mai 2005 einzuladen. Die Internationalisierung des Gedenkens wird in Rußland jedoch näher an das zu erinnernde Ereignis gerückt als in Deutschland. Der für die Darstellung in westeuropäischen Medien so typischen Abstraktion von den historischen Ereignissen, die allenfalls summarisch erwähnt werden, steht in den russischen Medien eine bemerkbare Konkretheit entgegen. Dies zeigt beispielsweise eine Meldung in Russland.ru, die über die von der Nachrichtenagentur RIA Novosti organisierte Ausstellung „Gemeinsamer Sieg“ in Paris berichtet, welche kurz vor den Gedenkveranstaltungen in der Normandie eröffnet wurde. Darin heißt es über den französischen Beitrag zum Sieg:

Das kämpfende Frankreich ist auf der Ausstellung durch Bilder von Fliegern der legendären Normandie-Nieman-Staffel vertreten, die auf 273 abgeschossene deutsche Flugzeuge stolz sein kann.

Diese für westeuropäische Leser unvertraut anmutende Konkretheit der Kriegserinnerung verweist auf eine Deutungskontinuität des „Großen Sieges“ im sowjetischen und rußländischen Diskussionszusammenhang der 1990er Jahre. Sie zeigt sich beispielhaft in einem Beitrag des Direktors des Amerika-Instituts an der Rußländischen Akademie der Wissenschaften, Anatolij Utkin, in der Literaturnaja gazeta im Dezember 2004. Dieser Artikel stellt eine wütende Reaktion auf den Aufruf einiger Mitglieder des Europäischen Parlaments dar, demzufolge internationale Politiker den Feiern im Mai 2005 in Moskau fernbleiben sollten:

Die Deutschen sind schließlich nicht mehr dieselben, und Greuel gab es auf beiden Seiten dieser Front; vergessen wir alle diejenigen, die die Orden und Medaillen des 9. Mai tragen – es sind doch so viele Jahre vergangen. Welches Recht haben diese Leute zu fordern, das Unvergeßliche zu vergessen?! Waren es doch wir, unser Land, das sie im letzten Jahrhundert zweimal rettete!

An diese Anklage schließen sich zahlreiche historische Fakten, aber auch zentrale Erinnerungssymbole des Großen Vaterländischen Krieges in der Sowjetunion und Rußland an: diejenigen, die mit ihrer Brust feindliche Schießscharten blockierten und sich mit Granaten unter Panzer warfen, oder die von SS-Schergen gehenkte Schülerin Zoja Kosmodemjanskaja. Letzten Endes sei die Initiative der Europarlamentarier ein weiterer Erweis für die berechnende Geschichtsvergessenheit „des Westens“, der seit langem versuche, den russisch-sowjetischen Beitrag zum Sieg über Nazideutschland herabzuwürdigen – Versuche, die auch zum Kalten Krieg geführt hätten.
Der Artikel unter dem Titel „Wir müssen unseren Sieg verteidigen!“ bildet eine Auseinandersetzung ab, die in Rußland seit über zehn Jahren stattfindet, ihren Höhepunkt aber bereits in der ersten Hälfte der 1990er Jahre hatte. Die geschilderten Erinnerungstopoi wurden damals von denjenigen in die öffentliche Debatte geführt, die sich gegen eine Nivellierung der historischen Bedeutung des Großen Sieges zur Wehr zu setzen versuchten.
Die Debatte war vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung über die Bedeutung Stalins für den Verlauf des Großen Vaterländischen entbrannt. Antisowjetische Intellektuelle hatten damals, sich auf neue Erkenntnisse russischer Historiker berufend, argumentiert, daß Stalin und die KPdSU einen „stümperhaften Krieg“ (bezdarnaja vojna) geführt hätten, der die Zahl der Opfer unnötig vergrößert habe. Einige waren soweit gegangen zu argumentieren, daß Hitler Stalin mit seinem Überfall auf die Sowjetunion lediglich (wissentlich oder unwissentlich) zuvorgekommen sei, weil Stalin einen Präventivschlag gegen Deutschland geplant habe. Diese Umdeutungsversuche riefen massiven Protest hervor, weil sie zwar nicht willentlich die historische Bedeutung des Großen Sieges relativierten, wohl aber den Sinn der immensen Opfer der Bevölkerung bei der Erlangung dieses Sieges in Frage stellten.
Die Auseinandersetzung zwischen diesen Positionen nahm in den 1990er Jahre bisweilen die Form einer „ideologischen Lernblockade“ (Max Miller) an, weil sich beide Lager das öffentliche Rederecht streitig machten, indem sie sich gegenseitig Verrat am Volk vorwarfen: Die antisowjetischen Intellektuellen würdigten, mit Billigung des Westens, das Verdienst des russischen Volkes herab, während die Verteidiger der orthodoxen Deutung des Sieges die Verbrechen Stalins an diesem Volk verschwiegen.
Dieses Konfrontationsmuster taucht auch in Utkins Artikel wieder auf, nur daß an Stelle der angeklagten Kritiker in den eigenen Reihen „der Westen“ getreten ist. Die darin artikulierte Verletzung des kollektiven Gedächtnisses des Krieges durch die ehemaligen Alliierten nimmt die Empörung auf, die 1994 durch die nicht erfolgte Einladung Rußlands zu den 50-Jahr-Feiern der Landung in der Normandie ausgelöst worden war. Das hatte bei vielen russischen Intellektuellen und Historikern den Verdacht erregt, es solle der Eindruck erweckt werden, „als ob es keine große Schlacht bei Stalingrad gegeben hätte, die zum Symbol des Beginns der strategischen Niederlage Deutschlands geworden ist, als ob es viele andere Schlachten an der sowjetisch-deutschen Front nicht gegeben hätte, die zum grundlegenden Umschwung im Krieg führten“.
Utkins Artikel ist sicherlich nicht repräsentativ. Wohl aber steckt er eine symbolische Grenze ab, die aus russischer Sicht nicht überschritten werden darf: Die Internationalisierung des Gedenkens muß eine bestimmte Deutung des Sieges anerkennen. Die freundlichen Kommentare zu Schröders Teilnahme an den Feierlichkeiten in der Normandie und seine Einladung nach Moskau stehen hierzu nur scheinbar im Widerspruch. Tatsächlich bilden Politiker und andere Repräsentanten aus Deutschland aus russischer Perspektive eher Randfiguren des Gedenkens an den Großen Vaterländischen Krieg. Die relevanten Bezugspunkte sind vielmehr die ehemaligen westlichen Alliierten, von denen verlangt wird, daß sie den entscheidenden Beitrag der Sowjetunion bzw. Rußlands bei der gemeinsamen Erringung des Sieges anerkennen.
Die detaillierte und metaphernreiche Schilderung der aufopferungsvollen Anstrengungen des sowjetischen/russischen Volkes bei der Erringung des Sieges über Nazi-Deutschland steht in diesem Kontext. Die Opfer gebieten den Nachgeborenen eine Reverenz, die sich nicht, wie Schröder in seiner Rede vom 6. Juni in bezug auf die Toten der Landung nahelegt, in der Anerkennung der Differenz ihrer Erinnerungen beschließen kann, sondern die eine eindeutige Anerkennung ihrer historischen Leistung „für immer“ (navsegda) einfordert. Die Erinnerung an den Krieg ist zwar auch in Rußland weit von triumphalistischer Rhetorik und von einer Affirmation des „Kriegstodes“ entfernt; aber dieser Tod wird im Unterschied zu Europa in seiner Monumentalität erinnert und nicht in ein Spiel intellegibler Differenzen aufgelöst.

Fazit
Man mag sich die Frage stellen, ob es überhaupt ein legitimes Unterfangen ist, die Veränderung der Erinnerung des Zweiten Weltkriegs in Rußland und Deutschland miteinander in Beziehung zu setzen – zu offensichtlich handelt es sich um Äpfel und Birnen. Auf der einen Seite ein Nationalstaat in der Rechtsnachfolge der Nazi-Diktatur, der seit vielen Jahrzehnten in westliche Strukturen eingebunden ist und sich gerade durch diese Einbindung immer wieder aufgefordert sieht, sich mit der eigenen, makrokriminellen Vergangenheit nicht nur des Krieges, sondern gerade auch des Holocaust auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite ein multikulturelles Rumpf-Empire, das die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg als bedrohlich für die des Großen Vaterländischen Krieges ansieht, an dessen Botschaft sich jedes Gedenken messen lassen muß. Wie soll man die Erinnerungen der Nachkommen der „Nation der Täter“ (so etwa Reinhard Koselleck) mit denen der Nachkommen des „Siegervolkes“ (narod-pobeditel’, so etwa Aleksandr Panarin) vergleichen?
Es sind gerade diese Unvergleichbarkeiten und Partikularitäten des Gedenkens, die durch internationale Gedenkveranstaltungen in eine Relation zueinander gezwungen werden: Sie werden in Zukunft verglichen werden müssen, soll ein internationales Erinnern des von Deutschland entfachten Zweiten Weltkrieges und Großen Vaterländischen Krieges möglich bleiben. Durch dieses Erinnern, in das Politiker auf Staatsbesuch eingebunden sind, entstehen nicht nur Übersetzungsprobleme zwischen nationalstaatlichem und internationalem Gedenken, sondern die bisherigen Erinnerungspraktiken werden in der Rückschau problematisch.
In dieser Hinsicht sind Deutschland und Rußland vergleichbar. In der deutschen Öffentlichkeit richtet sich die Herausforderung an eine nationale (linksliberale) Deutungskultur, die die Erinnerung der Opfer Nazi-Deutschlands und ihrer historischen Unverstehbarkeit in den Mittelpunkt rückte. Denn diese wird durch eine nachträgliche, international sanktionierte Sinngebung problematisch, gemäß der diese Opfer auf eine im Grunde wünschenswerte Gegenwart verweisen, die die ehemaligen Täter mit den ehemaligen Siegern vereint. Auf diese Weise wird die Unterscheidung Täter/Opfer, aus der sich das Gedenken der Bundesrepublik speiste – angefangen bei dem Streit, wer die eigentlichen Opfer und wer die eigentlichen Täter seien, bis hin zur Modernisierung des Täter-Konzepts in der Ersetzung von „Schuld“ durch „Verantwortung“ – in ihrer Hybridität sichtbar. In der Normandie codierte Schröder die Sieger zu Rettern um und damit die Täter nicht zu Besiegten oder gar Opfern, sondern zu Geretteten.
Auch die russisch-sowjetische Deutungskultur des Großen Vaterländischen Krieges war von Beginn an hybrid und vielgestaltig, und auch sie beruhte dennoch auf einer zentralen Unterscheidung: der zwischen Siegern und Besiegten. Gesiegt hatten Volk und Partei, besiegt worden waren der deutsche und europäische Faschismus. Unmittelbar nach dem Ende des Krieges war die Sowjetunion eine „Gesellschaft des Glaubens und der Hoffnung“ auf Frieden nach dem Sieg über die Barbarei des nationalsozialistischen Deutschland. Im Ost-West-Konflikt nahmen seit Brežnev in der offiziös-öffentlichen Erinnerung an den Krieg die „Geretteten“ den Platz der „Besiegten“ ein. Ihre Rettung legitimierte die sowjetische Hegemonie in Ostmitteleuropa.
Diese Assoziierung von Siegern und Geretteten wurde nun zum Ende der Sowjetunion durch eine dritte Unterscheidung herausgefordert: durch die zwischen Tätern und Opfern. Antisowjetische Intellektuelle interpretierten sowohl die Sieger als auch die Geretteten plötzlich als die Opfer des sowjetischen Regimes. Welche schockartige Wirkung diese Herausforderung auf die postsowjetische Deutungskultur hatte, kann man daran ermessen, daß die Konfliktmuster, die diese Position zur Folge hatte, nach wie vor präsent sind und momentan, wie es aus Utkins Artikel ersichtlich wird, in der Kritik an der Internationalisierung des Gedenkens an den Großen Vaterländischen Krieg eine wichtige Rolle spielen: als Kritik der Annullierung des moralischen Siegerstatus, der auf dem Opfer gründet, das das sowjetische Volk gebracht hat.
In Deutschland und in Rußland gibt es Tendenzen, die neue, internationale Einbettung des Gedenkens zu problematisieren. Darin kommt die Herausforderung zum Ausdruck, bisherige Deutungen in einen neuen Rahmen zu integrieren: Es handelt sich um eine Erinnerung an das Gedenken, die Konflikte zwischen Erinnerung und Meta-Erinnerung heraufbeschwört. Dabei hat es Deutschland bei der internationalen Einbindung leichter als Rußland: Die Perspektive ist die der Eingliederung in bestehende Gedenkveranstaltungen, die dann in gemeinsame, zukunftweisende Projekte umgedeutet werden. Allerdings sehen manche darin auch eine Gefahr. Nicht auszuschließen ist, daß es durch die internationale Einbettung des deutschen Gedenkens zu einer weiteren Domestizierung des linksliberalen Erinnerungsparadigmas kommt. Dieses Paradigma, dessen Kernsatz darin besteht, daß die Verantwortung für die Folgen der deutschen Makroverbrechen der Maßstab jeglicher deutscher Politik sein muß, ist ohnehin schon durch den überparteilichen und deshalb politisch folgenlosen Konsens geschwächt, daß Auschwitz für Deutschland „irgendwie“ wichtig sei.
In Rußland hingegen wird eher die Notwendigkeit gesehen, sich im Rahmen internationaler Gedenkveranstaltungen zu behaupten. Eine bloße Eingliederung Rußlands in den bestehenden, internationalen Gedenkzusammenhang wird auf der normativen Grundlage der bisherigen Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg zurückgewiesen, weil sie einer symbolischen Minderung des historischen Verdienstes der Sowjetunion bzw. Rußlands gleichkäme. Die Internationalisierung des Gedenkens führt so in erster Linie zu einer Erweiterung des Gedenkpublikums, das einer bestimmten, nicht relativierbaren Deutung des Krieges und des Großen Sieges zustimmen muß: Es geht nicht mehr nur um antisowjetische Kritiker im eigenen Lande, sondern um praktisch die ganze westliche Welt – ironischerweise mit Ausnahme Deutschlands, das keinen primären Bezugspunkt postsowjetischer Erinnerungskultur darstellt. Angesichts einer derart enttäuschungsanfälligen Erwartung an die internationale (westliche) Öffentlichkeit sind Frustrationen, die von internationalen Gedenkveranstaltungen ausgegangen sind und ausgehen werden, vorprogrammiert.

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Vom Schwarzbuch zur Jungen Garde
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Von 1944–1947 entstand unter der Ägide der KPdSU das Schwarzbuch über den Völkermord an den Juden. Ziel sollte es sein, die deutschen Verbrechen auf sowjetischem und angrenzendem Territorium zu dokumentieren. Doch im Spätstalinismus galt diese Dokumentation plötzlich als ideologisch schädlich. Sie wurde nicht mehr veröffentlicht, die Vernichtungvon Millionen Juden in der UdSSR in der Folge verschwiegen. Fast gleichzeitig verfaßte Aleksandr Fadeev Die Junge Garde. Dieses Buch mit halbdokumentarischem Anspruch handelt vom Kampf der Komsomolzen gegen die deutsche Besatzung. Das Bild der Deutschen in beiden Werken ist aufschlußreich in der Interaktion mit denen, gegen die sie kämpften, die sie vernichteten und die ihnen Widerstand leisteten. Es handelt sich umzwei konkurrierende Projekte, von denen in der totalitären Gesellschaft eines kanonisiert und das andere tabuisiert wurde. Schließen

Richard Chaim Schneider | 178

Deutsche Vergangenheitsbewältigungsrituale
Die Rückkehr der toten Juden und das Verschwinden der lebenden Juden: Ein analytisch-polemischer Versuch
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Der Holocaust ist omnipräsent im deutschen politischen Alltag, solangedas Erinnern nichts kostet außer Geld für prestigeträchtige Mahnmale. Gilt es aber, Mut zu zeigen und gegen die Verwandlung der Juden in Statisten leerer Gedenkrituale oder gar gegen die neue politische Verwertbarkeit antisemitisch gefärbter Parolen Einspruch zu erheben, versiegen die salbungsvollen Worte. Schlimmer noch: Je mehr sich die Deutschen wieder als Opfer des Zweiten Weltkriegs sehen, desto mehrgeraten die real existierenden Juden in Deutschland zu Stören frieden, die durch ihre bloße Anwesenheit den Deutschen die Deutungshoheit über die Jahre 1939–1945 streitig machen. Schließen

Ol’ga Nikonova | 186

Das große Schweigen
Frauen im Krieg
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Sie kamen, sahen, siegten – und wurden vergessen. Etwa 800 000 Frauennahmen auf sowjetischer Seite an den Kampfhandlungen teil. Sie kamen als Zwangsrekrutierte oder Freiwillige in die Armee, die auf Frauen nicht vorbereitet war; sie kämpften den Männern gleich, was dem späteren Mythos von der im Hinterland wartenden Ehefrau widersprach, und sie behielten im Gedächtnis, was in die offizielle Kriegsgeschichtsschreibung nicht paßte. So wurden sie zum Störfaktor der offiziellen Erinnerung. Schließen

Franka Maubach | 197

Als Helferin in der Wehrmacht
Eine paradigmatische Figur des Kriegsendes
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Die Figur der Flakhelferin wird in der geschichtsinteressierten Öffentlichkeit oft verwendet, um das Spezifische des Kriegsendes 1944/45 in ein griffiges Bild zu bringen: In letzte, sinnlose Einsätze gezwungene Frauen stehen durch ihren zivil-militärischen Zwitterstatus für die Totalisierung des Krieges und repräsentieren die Niederlage. Die Erinnerungen der Helferinnen zeigen das Kriegsende als außergeschichtlichen Zustand und variierenden intellektuellen Entwurf eines Posthistoire. Indem die Helferinnen diese Endzeiterfahrung persiflieren und eigensinnig entlarven, eröffnen ihre Erinnerungen an Einsätze und Odysseen zurück nach Hause gleichzeitigeinen Weg aus dem Kriegsende zurück in die Geschichte. Schließen

Beate Fieseler | 207

Arme Sieger
Die Invaliden des „Großen Vaterländischen Krieges“
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Die Historiographie in Rußland hat die Frage nach dem sozialen Erbe des Großen Vaterländischen Krieges bisher kaum gestreift. Wie jetzt zugängliche Archivalien belegen, waren die Kriegsversehrten einer rigorosen staatlichen Mobilisierungspolitik unterworfen, die sie trotz unzureichender Umschulungsmöglichkeiten und fehlender Versorgung mit medizinischen Hilfsmitteln zur Rückkehr ins Erwerbsleben zwang. Trotz beeindruckender Wiedereingliederungszahlen war die berufliche Reintegration für viele mit beruflichem und sozialem Abstieg verbunden. Schließen

Erinnerungsorte

Boris Dubin | 219

Goldene Zeiten des Krieges
Erinnerung als Sehnsucht nach der Brežnev-Ära
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Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg ist in Rußland zum zentralen Symbol der kollektiven Erinnerung geworden. Nur scheinbar wird jedoch des Krieges gedacht. Tatsächlich handelt es sich um eine Sehnsucht nachder Brežnev-Zeit. Diese Ära, in der die heroischen, von jeglichem Leid gesäuberten Vorstellungen von diesem Krieg geschaffen wurden, gilt nacheinem Jahrzehnt des sozialen Niedergangs als goldene Zeit materiellen Wohlstands und nationalen Ruhms. Dieses Bild greift heute eine neue Generation auf und paßt es den aktuellen Bedürfnissen an. Wie die alte Repräsentation des Krieges im kollektiven Gedächtnis basiert auch dieneue Erinnerung auf Großmachtphantasien, sozialer Passivität und Isolationismus, den Ingredienzien autoritärer Regime. Schließen

Il’ja Kukulin | 235 | Volltext

Schmerzregulierung
Zur Traumaverarbeitung in der sowjetischen Kriegsliteratur
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Die Geschichte des Kriegsthemas in der sowjetischen Literatur ist eine Geschichte der Verdrängung der existentiellen Verstörung, welche die Grenzerfahrung des Kriegs hervorgerufen hatte. Die Beschreibung emotionalen und körperlichen Leids, die in den 1930er Jahren der Zensur unterlag, wurde hingegen durch den Krieg möglich gemacht und schrittweisein die Literatur übernommen. Während die von der Zensur genehmigte, aber gleichwohl inoffizielle Literatur versuchte, das Trauma des Kriegs als solches zu thematisieren, wob die offizielle Literatur der Brežnev-Zeit aus den leidvollen Erfahrungen der Kriegsgeneration einen neuen sowjetischen Legitimationsmythos. Nur jene Literatur, die keine Chance hatte, die Zensur zu passieren, drückte eine existentielle Verunsicherung aus, welche die sowjetische Identität untergrub. An ihre Themen und ihre Ästhetik knüpft die Kriegsliteratur der 1990er Jahre an. Schließen

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Kluften der Erinnerung
Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg
Berlin (4-6/2005)
Seite 235 - 256


Il’ja Kukulin

Schmerzregulierung
Zur Traumaverarbeitung in der sowjetischen Kriegsliteratur

Wie· wurde die traumatische, einer Beschreibung nur schwer zugängliche Erfahrung des Großen Vaterländischen Kriegs in der russischen Literatur interpretiert? Mit welchem Sinn wurde sie in den Jahrzehnten nach Kriegsende aufgeladen? Wie kehrte das Kriegsthema in den 1990er Jahren in die russische Literatur zurück und wurde zum alltäglichen Brot der Leser? All diese Fragen sind in der Literatur- und Kulturgeschichte kaum behandelt worden, obwohl sie erlauben, die Mechanismen der Abgrenzung von Erlaubtem und Tabuisiertem aufzudecken – dessen, was Leser und Autoren für „zulässig“ bzw. „untragbar“ in einem literarischen Werk hielten. Zudem sollte sich zeigen, wie die sowjetische Literatur sich das Leben aneignete und es verarbeitete, insbesondere auch seine traumatischen, unbequemen, von der Sowjetideologie „nicht vorgesehenen“ Seiten. Der Große Vaterländische Krieg war der bedeutendste Einbruch einer „systemfremden“ Wirklichkeit in das Leben von Millionen von Menschen.
Wir haben es mit zwei ähnlichen, aber doch zu trennenden Textkorpora zu tun, der „unzensierten Literatur“ (nepodcenzurnaja literatura), die der inneren und äußeren Zensurbehörde erst gar nicht unterworfen wurde, und der „inoffiziellen Literatur“ (neofficial’naja literatura), die zwar offiziell genehmigt war, aber einen inoffiziellen Subtext barg. Als „inoffizielle Literatur“ kann man Werke bezeichnen, die zwar mit dem Ziel verfaßt wurden, auch veröffentlicht zu werden, die es sich jedoch zur Aufgabe machten, authentische persönliche oder kollektive Erfahrungen zu vermitteln, statt eine soziale und ideologische Anpassung zu propagieren. Der „unzensierten Literatur“ sind hingegen jene Texte zuzuordnen, deren Autoren bewußt die Grenzen der sowjetischen Ästhetik verletzten; selbst wenn diese Texte zur Publikation eingereicht worden wären, hätten sie nie die Zensur passiert.
Von jener Seite des Krieges, die nichts mit dem Sieg des sowjetischen Staats zu tun hat, sondern mit Angst und menschlichem Leid, hat Lev Gudkov gesagt, sie sei „in eine Art ‚Unterbewußtsein’ der Gesellschaft abgetaucht, zu einem ‚blinden Fleck’ der offiziellen Erinnerung geworden.“ Was Literatur und Kunst betrifft, erscheint mir dies allerdings ungenau: Die „inoffizielle Kunst“ und vor allem die „inoffizielle Literatur“ begann schon während des Krieges, neue Verfahren zu erproben, mit denen die Kriegserlebnisse der Menschen – und nicht der Triumph des sowjetischen Staates – erfaßt und darstellbar gemacht werden sollten. Nicht umsonst sprach Gudkov von „offizieller Erinnerung“. Paradoxerweise bildete in der Sowjetunion die „unzensierte Literatur“ die strukturierende Basis nicht nur der offiziellen, sondern auch der inoffiziellen Erinnerung. Da alle Quellen über die Geschichte, die nicht offiziell genehmigt waren, als verboten galten, wurde die Literatur – als „persönliche“ Äußerung – unweigerlich zu einer Instanz, die privates, biographisches Erinnern indirekt legitimierte. Dazu bedurfte es keiner äsopischen Sprache. Es genügten systematische Auslassungen, besondere Charaktere und eine bestimmte Akzentsetzung, die es dem Leser erlaubten, das Angedeutete weiterzudenken. Selbst veröffentlichte Werke über den Krieg – ja sogar solche, die zum offiziellen sowjetischen Kanon gehörten – verwiesen viele Leser direkt oder in Andeutungen auf ihre persönliche Erfahrung, so daß sie mit Begeisterung „zwischen den Zeilen“ das herauslasen, was in den Zeitungen und im Radio keine Erwähnung fand. Manche Werke funktionierten besonders offensichtlich „in zwei Registern“ – dem offiziellen und dem inoffiziellen: Aleksandr Tvardovskijs Verserzählung Vasilij Terkin, zahlreiche Gedichte und Prosawerke von Konstantin Simonov, die Lyrik von Michail Isakskij oder Viktor Nekrasovs schon kurz nach dem Krieg entstandene povest’ V okopach Stalingrada (In den Schützengräben von Stalingrad).
Dieses Zwischen-den-Zeilen-Lesen war Bestandteil eines stillschweigenden Arrangements zwischen Lesern, Schriftstellern und dem Staat, das, wie es scheint, in der ersten Hälfte der 1940er Jahre entstand. Es sei daran erinnert, daß sich die Führungselite der Partei und des Staats in den ersten Kriegsmonaten dazu gezwungen gesehen hatte, die Zensur zu lockern und zuzulassen, daß Gedanken und Gefühle in die Literatur Eingang finden, die zwar im Geist der sowjetischen Rhetorik umcodiert waren, aber doch nicht der Ideologie entsprachen.
Es ist hier nicht meine Absicht, die nichtkanonischen oder innovativen Deutungen des Zweiten Weltkrieges in der russischen Literatur der vergangenen sechzig Jahre zu untersuchen. Geschichtsphilosophische Fragen interessieren mich nur dann, wenn sie unter dem Einfluß einer zunächst spontan entstandenen, später bewußt geschaffenen neuen literarischen Anthropologie aufgeworfen wurden, die unkonventionelle, häufig unheroische und sogar antihistorische Bilder vom „Menschen im Krieg“ entwarf. Unberücksichtigt bleiben daher bedeutende Werke wie Vasilij Grossmans Roman Žizn’ i sud’ba (Leben und Schicksal) oder Vjačeslav Ivanovs Gedichtzyklus Rimskij dnevnik 1944 goda (Römisches Tagebuch des Jahres 1944).
Emotionale und existentielle Verstörung
Einige scharfsinnige Beobachter mit Gespür für Geschichte erwarteten schon Ende der 1930er Jahre einen Krieg auf dem Gebiet der Sowjetunion – und nicht bloß ein „Scharmützel auf fremdem Territorium“. Insgesamt jedoch war die sowjetische Literatur – wie überhaupt die gesamte sowjetische Propagandamaschinerie – auf einen Verteidigungskrieg vollkommen unvorbereitet. So sah sich die sowjetische Literatur 1941–1945 vor die Aufgabe gestellt, eine Vielzahl psychologischer Erschütterungen zu verarbeiten, zu erklären und in Zusammenhänge zu stellen, welche die Schemata der sowjetischen Ideologie nicht vorgesehen hatten.
Die sowjetische Literatur, die sich in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre herausgebildet hatte, war ein festgefügtes Propagandasystem, das eine soziokulturelle Anpassung erreichen sollte. Nicht nur wurden der Staatsterror und alle Fakten, die der herrschenden Ideologie widersprachen, aus der Literatur verbannt. Jegliches unangenehme Erlebnis wurde umkodiert. Krankheit wurde als Prüfung verstanden, die es zu bestehen galt, um wieder in Reih und Glied zu stehen, Tod als ein Opfer – man denke an Nikolaj Ostrovskij oder Boris Polevojs Povest’ o nastojaščem čeloveke (Der wahre Mensch). Liebe mochte unerwidert bleiben, doch verursachte sie kein Gefühl der Vereinsamung. Körperliche Leiden wurden als Folge von Verwundungen oder Krankheit beschrieben, aber nicht als Teil der alltäglichen menschlichen Existenz, weshalb der „Alltag des Körpers“ bei den Klassikern des Sozialistischen Realismus in der Regel als Attribut negativer Helden vorkommt – etwa in der pseudo-tolstojanischen Beschreibung des schmutzigen Unteroffiziers Fendong in Aleksandr Fadeevs Molodaja gvardija (Die junge Garde). Genauso verboten war die Beschreibung von Ängsten, die nicht einem eng umrissenen Repertoire zulässiger Ängste entstammten, so daß die Figuren nicht zu Individuen mit einer Persönlichkeit wurden. Anstatt zu versuchen, die Situation des modernen Menschen zu begreifen, wurde eine rhetorisch-ideologische Projektion erzeugt, die darauf abzielte, eine neue – spezifisch sowjetische – kollektive Identität zu schaffen und zu stabilisieren. Diese programmatische Funktion der sowjetischen Literatur zog aufgrund ihrer psychologischen Normierungs- und Beschränkungsabsichten eine rhetorische Reduktion des Subjekts nach sich.
Im Grunde genommen übertrug sich diese Reduktion nicht nur auf das beschriebene, sondern auch auf das schreibende Subjekt: Der Schriftsteller sollte lernen, vor vielem die Augen zu verschließen und sich keiner Selbstanalyse zu unterziehen, oder aber die Ergebnisse seiner Analyse nicht in sein Schreiben einfließen lassen.
Die rußländische Kriegsliteratur geht auf zwei Themenfelder ein, die vor Ausbruch des Krieges tabuisiert waren, die man als das anthropologische und das soziale Thema bezeichnen könnte. Zum „anthropologischen“ Thema gehören vor allem unkontrollierte und unvorhersehbare Erfahrungen wie Angst, physisches und psychisches Unwohlsein (Schmerz, Hunger, Kälte), die Erschütterung des Weltbildes der Vorkriegszeit, Aggressivität, in der sich in Extremsituationen das „Tierische“ im Menschen äußern kann. Zur Herausbildung der Anthropologie des Krieges trug auch eine neue Erfahrung des Körperlichkeit bei: An der Front und im Hinterland entdeckt man die Anfälligkeit und drückende Last des eigenen Leibes, zugleich aber fühlt man sich als Teil eines einzigen leidenden Kollektivkörpers.
Im Zentrum des sozialen Themas steht der staatliche Druck auf alle Schichten der Gesellschaft, der die Belastungen durch den Krieg oft noch unerträglicher machte: Terror und Nötigung an der Front (Politkommissare, Himmelfahrtskommandos) und im Hinterland (Zwangsumsiedlung ganzer Völker, „Schutzhaft“ und Gefängnisstrafen für „defätistische Reden“), Repressionen gegen Kriegsgefangene, gegen Soldaten, die Anschluß an ihre Truppe verloren hatten oder sogar gegen Menschen, die in den zeitweise besetzten Gebieten lebten.
Hier soll das anthropologische Thema im Vordergrund stehen, obgleich es oft nicht vom sozialen Kontext zu trennen ist. Versuchte ein Schriftsteller neue Empfindungen, Gedanken und Gefühlsregungen literarisch zu erfassen, wobei er bewußt oder unbewußt fast immer den sozialen Kontext berücksichtigte, so verletzte er unweigerlich die Grenzen der ideologischen Schemata. Dies konnte dazu führen, daß er auch begann, über die sowjetische Identität nachzudenken und gemeinsam mit seinen aufmerksamen Lesern das reduktionistische Schema der Sowjetliteratur verließ. Es spielt keine Rolle, ob diese Werke die sowjetische Identität des Subjektes oder das Selbstverständnis als Mensch der europäischen Moderne in Frage stellten: Die Problematisierung von Identität als solcher zerstörte das sowjetische Weltbild.
Der Zusammenhang von erlebtem Leid und Identitätskrise wurde in Kunst, Literatur und Philosophie erstmals nach dem Ersten Weltkrieg thematisiert:

Die Soldaten von Remarque und Hemingway brachten aus dem Krieg eine tragische Enttäuschung über den Patriotismus mit. [. . .] Der Krieg hatte sie gelehrt, nur an das Existentielle zu glauben – an das Leben, den Tod, die Liebe.

Wohl nirgendwo anders ist diese krisenhafte Spannung so an die Grenze getrieben worden wie in Martin Heideggers Sein und Zeit (1926), wo dieser zeigt, daß das eigenste und unbestimmte (also nicht entfremdete) Dasein des Menschen das Sein zum Tod ist und daß diese Haltung eine Basis für Kritik an der Ordnung des Alltags bietet.
Die Beschreibung bedrückender und schockierender Erfahrungen in der Literatur läßt sich in zwei Typen unterteilen: emotionale Verstörung (Angst, Schmerz, Haß, moralische Konflikte) und existentielle Verstörung (Identitätsprobleme; das Gefühl, daß eine Welt zusammengebrochen ist und das Leben keinen Sinn mehr hat; das quälende Wissen, daß der Verlust unwiederbringlich ist). In der „Lagerprosa“ stehen Aleksandr Solženicyn beziehungsweise Varlam Šalamov für diese beiden Typen literarischen Schreibens. In der Regel sind jedoch beide Typen in einem Roman oder im Gesamtwerk eines Schriftstellers vermischt, so daß eine Zuordnung schwierig ist; schwierig, aber möglich – wenn man die Mechanismen der inneren und der äußeren Zensur und der künstlich organisierten Interaktion von Literatur und Gesellschaft in der Sowjetunion analysiert.
Im folgenden möchte ich vor allem die These verfolgen, daß die Geschichte des Kriegsthemas in der sowjetischen Literatur bis zur Perestrojka eine Geschichte der Eingliederung und Anpassung der emotionalen Verstörung war, wodurch der sowjetischen Identität eine neue Grundlage geliefert werden sollte. Gleichzeitig war sie eine Geschichte der Verdrängung der existentiellen Verstörung. Dennoch drang dieser zweite Typ immer wieder und in immer neuer Form ins literarische Bewußtsein ein. In den 1990er Jahren wurde er klammheimlich rehabilitiert, jedoch nicht reflektiert und daher auch nicht als solcher identifiziert. Was die beiden Typen der Beschreibung von Leiden und Schrecken des Krieges unterscheidet, ist nicht das Material, sondern der Standpunkt, das Verhältnis zum Material. In den sowjetischen Zensurredaktionen wurden beide Formen des Schreibens als „Remarquismus“ und „Naturalismus“ abqualifiziert, die existentielle Verstörung wurde jedoch viel konsequenter unterdrückt.
Die Geburt eines neuen Subjekts
Schon in den ersten Monaten des Krieges rückten unangenehme und sogar katastrophale Erlebnisse in das kulturelle Bewußtsein, ohne daß zwischen emotionaler und existientieller Verstörung unterschieden worden wäre. Wichtiger war, diese Erlebnisse als persönliche Erlebnisse zu erfassen und zu beschreiben, als unteilbarer Bestandteil des alltäglichen Erlebens jedes einzelnen Menschen und nicht als etwas, was nur fiktiven Helden geschieht, die in abstrakten, von der Propaganda ersonnenen Räumen Krieg führen.
Beschreibungen von unkontrollierter Angst und Verlorenheit, die Menschen im Krieg überkommen, waren der russischen literarischen Tradition nicht fremd. Sie finden sich vor allem in Lev Tolstojs Sevastopol’skie rasskazy (Sevastopoler Erzählungen), in Ansätzen auch in der Prosa von Vsevolod Garšin. Die sinnlose Grausamkeit und das Wüten tierischer Instinkte im Bürgerkrieg (1919﷓1921) hatten Artem Veselyj und Isaak Babel’ dargestellt und ästhetisch reflektiert. Von weitaus größerer Bedeutung für die Schriftsteller – für jene, die sich der Zensur unterwarfen und jene, die unter Zensur standen – war es zu reflektieren, was die Menschen in diesem Krieg, in dieser Zeit empfanden – und niemals zuvor empfunden hatten. Dieser Ansatz führte zu einer entscheidenden ästhetischen und philosophischen Entdeckung. Man könnte sie als die Entdeckung der irrationalen – oder absurden – Psychologie des Menschen bezeichnen:

- An der Front und im Hinterland bemerkten die Menschen während eines panischen Rückzugs oder einer überhasteten Evakuierungen, wie zahlreiche unkontrollierte, oft nicht rational erklärbare Gefühle sie zu beherrschen begannen.
- Der Kriegsalltag ließ eine neue Einstellung zum Tod entstehen. Die Soldaten und die unter dem Krieg leidende Zivilbevölkerung begannen, die menschliche Existenz als über alle Maßen zerbrechlich und vergänglich zu betrachten; der Tod hingegen, der einen jeden jederzeit treffen konnte, war ganz offensichtlich etwas Zufälliges. (Bei den Massenverhaftungen der 1930er Jahre schien das Verschwinden der Menschen gleichfalls unvorhersehbar, doch für jene, die verschont blieben, handelte es sich eben nur um ein Verschwinden, und nicht um ein qualvolles Sterben vor aller Augen. ) Daher richtete sich das Interesse für eine Person nicht mehr so sehr auf diese oder jene Eigenschaft, sondern lediglich auf den Umstand, daß diese beständig dem Tod ins Auge sah und diese Konfrontation jäh mit dessen Sieg enden konnte.
- Diese neue Optik machte es erforderlich, die „kleinen“ Empfindungen des Alltags festzuhalten, den eigentlichen Stoff der alltäglichen Welterfahrung. Eines der eindrucksvollsten Beispiele für ein solches Schreiben über den Krieg ist die Erzählung V okopach Stalingrada (1944; dt.: In den Schützengräben von Stalingrad, 1948) von Viktor Nekrasov. Am eindrucksvollsten sind dort nicht jene Szenen, die Mut oder Feigheit im Kampf schildern, sondern die einzige Episode, die in einer Feuerpause spielt. Eine solche Haltung zur beschriebenen Wirklichkeit führt unweigerlich zu einer Entideologisierung des Textes. Bei Nekrasov bestimmt die Ideologie das Bewußtsein der Figuren, doch nicht dasjenige des Autors: Im Schützengraben hängt ein Stalinporträt, doch es wird in einer Reihe mit zahlreichen anderen Gegenständen erwähnt, als eines von vielen Details, und bleibt unkommentiert. Dies ist die Rückseite von Nekrasovs Wahrnehmung des Stoffs, aus dem der Alltag gewoben ist.
- Im Verlaufe des Krieges wurde das Leben vor dem Krieg, das den Hintergrund für die Wahrnehmung des Geschehens bildete, radikal umgewertet. Es wurde wiederentdeckt, faktisch neugeschaffen und war unüberhörbar – bisweilen auch nur sehr leise – als „zweite Stimme“ in den meisten Werken über den Krieg wahrzunehmen.




Wichtiger als die Erinnerung an das wirkliche Leben der Vorkriegszeit war die Schaffung eines neuen Bildes von dem anderen, unwiederbringlich verlorenen Dasein. Der neue Held bezog seine Kriegserfahrung fortwährend auf dieses fiktive Vorbild, das seine Wahrnehmung des Krieges zwangsläufig in ein doppeltes Koordinatensystem rückte: Auf der einen Achse wurde die Wahrnehmung der Wirklichkeit aus Sicht des Vorkriegsbeobachters abgebildet, des „Menschen aus einem anderen Leben“, auf der anderen Achse die Kriegserfahrung, die sich herkömmlichen Deutungsmustern entzog und hier erstmals in Worte gegossen wurde. Die vielleicht genaueste und umfassendste Beschreibung dieses doppelten Blicks lieferte Ion Degen in einem seiner Gedichte. Von Beruf Arzt, verfaßte er während des Krieges Lyrik und Prosa. Gegen Ende der 1940er Jahre wurde er sich bewußt, daß er niemals gedruckt werden würde und gab das Schreiben auf. Jenes Gedicht wurde nicht veröffentlicht, gleichwohl war es ohne Nennung eines Autors – erst Anfang der 1990er Jahre wurde es Degen zugeschrieben – weit verbreitet. Es wurde in Abschriften an allen Fronten gelesen:


Nicht, daß dieses Gedicht unheroisch oder defätistisch wäre: Die letzte Zeile deutet an, daß das lyrische Subjekt gefaßt ist und bereit zum weiterzukämpfen ist. Was schockiert, ist daß ungeschminkt darauf verwiesen wird, wie sehr das ethische Empfinden des Menschen angesichts der Allgegenwart des Todes im „Arbeits“-Alltag auf Pragmatismus reduziert ist.
Degens Gedicht kennt ein handelndes Ich, es ist aus der Perspektive eines überlebenden Soldaten geschrieben und richtet sich an einen Gefallenen. Die Ästhetik Degens steht der Brechtschen Verfremdungstechnik nahe, die ihre Adressaten zu einer sozialkritischen Reflexion veranlassen soll. Doch Degen ist radikaler als Brecht. Er zwingt den Leser nicht nur, für eine Weile die Erlebnisse der Figur nachzuerleben und etwas Mitgefühl zu zeigen, sondern darüber hinaus ähnliche Gedanken und Gefühle aus der eigenen Erfahrungswelt aufzudecken. Gewiß trauerten viele aufrichtig um ihre toten Kameraden, und die Gedichte über den Verlust eines nahen Menschen als einer singulären Erfahrung waren nicht heuchlerisch. Degen will hingegen nicht nur Trauer ausdrücken. Er will die Leser – und den Autor selbst – dabei „erwischen“, wie sich ihre Einstellung zum Leben und zum Tod ändert. Diese neue Einstellung soll bewußt gemacht und legitimiert werden, ohne daß sie erklärt und gerechtfertigt wird. Für jene Soldaten, die zur psychologischen Reflexion neigten, hatte diese Legitimation „ohne Rechtfertigung“, welche die humanistische Haltung keineswegs in Frage stellte, eine wahrhaft kathartische Wirkung.
Im Bewußtsein vieler Menschen koexistierten zwei Modelle, mit denen sie ihrer Katastrophenerfahrung Sinn verleihen konnten. Diese mochten sich im einen oder anderen Fall ergänzen, konnten aber auch in einen heftigen Konflikt geraten. Das erste Modell entstand unter Einwirkung der Propaganda, die einhämmerte, daß alles Leiden durch den künftigen Sieg gerechtfertigt oder zumindest aufgewogen werde. Von solchen Parolen waren Hunderttausende überzeugt. Sie wollten glauben, daß das eigene und das fremde Leid durch den kommenden Triumph schon jetzt gerechtfertig sind. Das zweite Modell grenzte sich von der Vorstellung ab, daß die Erfahrungen des Kriegs – gute wie schreckliche – eine eigene Bedeutung hätten. Auf der Basis genau dieses Modells entstand eine grundsätzlich neue Ästhetik der Darstellung des Kriegs. Man erkennt unschwer, daß diese beiden Modelle auf den beiden Vorstellungen von einer Literatur über den Krieg beruhen: dem Schreiben über emotionale Verstörung und dem Schreiben über existentielle Verstörung.
Einen besonderen Blick auf den Krieg entwickelten jene Autoren, die schon vor 1941 versucht hatten, eine neue Psychologie des Alltags und ein neues Subjekt zu entwerfen, das in einer Welt lebt, in der Alltag Albtraum bedeutet. Die Beschreibung eines solchen Menschen legte a priori eine gewisse Verfremdung nahe, die wohl jedoch auf anderem Wege erreicht wurde, als bei Degen. Hier sind in erste Linie Jan Satunovskij, Georgij Obolduev und Lidija Ginzburg zu nennen. So beobachtet der Held Satunovskijs in einem Gedicht von 1939 an sich selbst folgendes:

Die Neuerung in Satunovskijs reifen Gedichten – als sein erstes reifes Gedicht bezeichnete Satunovskijs das 1938 entstandene U časovogo ja sprosil . . . (Ich frage den Wächter . . .) – bestand darin, daß er nicht besondere oder intensive Gefühle zum „Kristallisationspunkt“ der Poesie erklärte, sondern jede Form des Erlebens, insbesondere dann, wenn es die Menschen aus dem Gefängnis des ideologisch verordneten und gesellschaftlich normierten Daseins ausbrechen ließ. Diese Schriftstellter hatten selbstverständlich gute Voraussetzungen, die Erfahrung des Kriegs zu beschreiben.
Kaum ein Schriftsteller hat die Bedingungen eines Verzichts auf Kriegs- und Siegesrhetorik so tief durchdacht wie Lidija Ginzburg in ihren Zapiski blokadnogo čeloveka (Aufzeichnungen eines Blockademenschen). Mit ihrem nahezu vollständigen Verzicht auf Rhetorik und Heroisierung nimmt Ginzburg ohnehin eine Sonderstellung in der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts ein. Nur sie stellte sich bewußt die Aufgabe, die Verschiebung der Emotionen, die Veränderung des kompletten Gefühlshaushalts und der Beziehungen zwischen den Menschen in einem kriegführenden Land und einer belagerten Stadt detailliert zu beschreiben:

Für viele war es ein stets unerreichbarer Traum gewesen, ihr Leben und Arbeiten zu ordnen. Die Kraft hatte nicht gereicht, das Leben zu entrümpeln. Doch nun befreite man sein Leben von allerlei Plunder, von mancherlei Ersatzstoffen und Täuschungen, von Unstimmigkeiten in der Liebe, von den Belastungen durch einen zweiten oder dritten Beruf, von der quälenden Ruhmsucht [. . .] Nun hatten wir, die wir soviel Zeit verloren hatten, die unausgefüllt, und doch keine Muße war.

Was Satunovskij mit Ginzburg verbindet, ist besonders ihre Verständnis der alltäglichen privaten Reflexion als ein mikrohistorisches Ereignis. Ginzburg war der Ansicht, daß ein solches Empfinden während des Krieges verbreiteter war als in den 1930er Jahren. Dies ist wohl der Grund, warum die Zapiski so „sozial“ erscheinen und viel eindringlicher an das kollektive Empfinden appellieren, als Ginzburgs „introvertierte“ Aufzeichnungen und Essays aus den 1930er Jahren. So brachte der Krieg für Satunovskij, Ginzburg und die wenigen Gleichgesinnten persönliches Leid, in eine Schaffenskrise stürzte er sie jedoch nicht: Ästhetisch waren sie auf ihn vorbereitet.
„Vermenschlichung“ und Krise der Ideologie
Die offizielle Rhetorik, welche die Bevölkerung zu härtester, ja sklavenmäßiger Arbeit und außergewöhnlichen Heldentaten mobilisieren sollte, war so erfolgreich, weil sie auf elementare menschliche Instinkte setzte: überleben, siegen, die Toten rächen. Die von der Zensur zugelassene Literatur umrahmte die neuen psychologischen Modelle mit Appellen, unerbittlich im Namen des Sieges und der Rache zu kämpfen. Diese Kontexualisierung übernahm die offizielle Propaganda, welche die Gesellschaft, das Stalinsche Rußland und das vorrevolutionäre, „ewige“ Rußland in eins setzte. Der Patriotismus, der in den ersten Monaten nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion mit elementarer Gewalt ausbrach, ließ sich um so leichter instrumentalisieren, als die sowjetische Propaganda bereits nach der Unterzeichnung des Ribbentrop-Molotov-Pakts auf eine – sozialistisch umkodierte – national-imperialistische Position umgestellt worden war. Eine solche propagandistische Ausschlachtung des elementaren Patriotismus findet sich beispielsweise in der Publizistik Aleksej Tolstojs:

Gegen den totalen Krieg stemmte sich die Kraft des Volkskriegs. Gegen die entfesselte Bestie stemmte sich die sittliche Kraft des von Liebe zur Heimat und zur Wahrheit erfüllten sowjetischen Volks. Gegen die terroristische Organisation von Sklaven- und Zwangsarbeit stemmte sich die Organisation der freiwillig erbrachten, unendlich machtvollen Arbeit des ganzen Volks.
Da sitze ich hier auf dem hohen und steil abfallenden Volgaufer, am Fuße des Denkmals von Valerij Čkalov [. . .] Zu seiner Rechten – der alte weiße Kreml [von Nižnij Novgorod; I. K.] mit seinen gedrungenen Türmen. Von hier erhob sich in den schwersten Jahren das Volk, um den Staat zu verteidigen.

Literatur, Kritik und Publizistik schenkten der Lücke zwischen der totalitären Ideologie und dem inoffiziellen, individuellen Patriotismus selten Beachtung. Einer der wenigen Fälle, in denen die ihrer Natur nach grundsätzlich verschiedenen Positionen von Individuum und Staat offen zur Sprache kam, ist das berühmte, am 22. Juni 1941 entstandene Gedicht Molitva (Gebet) von Nikolaj Glazkov:


Ob Glazkov „ich“ (das Individuum) oder „wir“ („Propheten und Dichter“) schreibt, sein Blickwinkel war in jedem Fall als inoffiziell, nichtstaatlich, unkonventionell („Ich sitze unterm Tisch und blicke auf die Welt“). Mit diesem Blickwinkel stellte Glazkov in dem Gedicht Molitva – am ersten Tag des Krieges – die sowjetische Legitimation des kämpfenden Subjekts in Frage: Anstatt zum „heiligen Krieg“ aufzurufen, behauptet er, daß Gottes Gebote von allen verletzt werden, auch die Sowjets also ihre Sünden haben, so daß es lediglich darum ging, daß Hitler schlimmer ist.
Die Menschen an der Front und im Hinterland, die sich für die Rettung des Landes, ihrer Kinder und der herrschenden Eliten einsetzten, benötigten moralische Unterstützung und neue Deutungsräume, die den Leiden, die sie auf sich nahmen, einen Sinn gaben. Solche Räume eröffneten das Kino und die Literatur. Ungeachtet der riesigen Popularität des Kinos während des Krieges kam der Literatur dabei die ästhetische Vorreiterrolle zu. Im Gegensatz zu Filmaufführungen, Symphoniekonzerten oder Opernaufführungen erforderte das Schreiben und die Rezeption literarischer Werke keinen besonderen Aufwand (Gedichte wurden im Krieg buchstäblich „auf den Knien“ geschrieben), und da die Literatur im Unterschied zum Kino viel privater und spontaner ist, eignete sie sich viel besser für eine vielgestaltige Aneignung und Verarbeitung der Kriegserlebnisse.
In der zensurbereinigten Presselandschaft der Kriegsjahre ließen die führenden sowjetischen Ideologen eine Art Sublimat der Verstörung zu. Es handelte sich in erster Linie um Beschreibungen des Privatlebens, die in der Literatur vor dem Krieg nahezu völlig fehlten. Nach solcher Literatur lechzten die Männer wie Frauen, die sich nach ihren Familien sehnten. Exemplarisch für dieses Schreiben stehen die Gedichte von Konstantin Simonov und die populären Lieder der Kriegszeit. Und auch die Verserzählung Aleksandr Tvardovskijs, deren Titelheld Vasilij Terkin wider das Reglement allzeit zum Saufen und Scherzen bereit ist, konnte ganz offensichtlich nur veröffentlicht werden, weil die Zensur neue Maßstäbe anlegte.
Die vertraulichen Anklänge in diesen Werken ergaben sich aus einer individuellen Einstellung zum literarischen Schaffen, zur Realität der modernen Großstadt und sogar zu den Parolen der stalinistischen Propaganda. Diese Einstellung war gerade für jene Generation sowjetischer Schriftsteller charakteristisch, die in den Kriegsjahren die literarische Bühne betrat. Michail Kul’čickij, Pavel Kogan oder Michail Lukonin, die alle erstmals Ende der 1930er Jahre mit ersten Werken hervortraten, betrachteten die offizielle sowjetische Rhetorik als natürliche Fortsetzung der romantischen Mythologie von Revolution und Bürgerkrieg. Die Gedichte Lukonins, Kul’čickijs oder Semen Gudzenkos stellten die „passable“ Variante der harten „Körperpoesie“ Sadunovskijs und Degens dar:


Diese Schriftsteller präsentierten als Alternative zum Subjekt der sowjetischen Propaganda ein „inoffizielles“, privates Individuum, dem im Krieg erneut sein inoffizielles Dasein aber auch sein sowjetisches Wesen bestätigt wurde. Hier manifestierte sich eine Haltung, die aus dem Leiden hervorgegangen war und sich der leeren Demagogie der Literaturgeneräle vom Schlage eines Aleksandr Kornejčuk oder eines Petr Pavlenko – der das Drehbuch für den Film Vzjatie Berlina (Die Eroberung Berlins) schrieb – widersetzte. Der Krieg wurde zu einer allgemeingültigen Initiation, welche die nationale Katastrophe zumindest teilweise kompensieren konnte. Teilweise, wußten diese Schriftsteller doch, daß die Toten nicht zurückzuholen sind.

Die Beschreibung der Grausamkeiten des Kriegs wird bei Gudzenko durch diese Utopie des Sieges aufgewogen, in der bereits die Melodie der Literatur des Spätstalinismus anklingt. Als eine Art Gegenentwurf dazu kann man folgendes Gedicht von Nikolaj Pančenko auffassen, der 1944 ebenfalls das Ende des Kriegs vorwegnahm:

Nach dem Krieg: Kampf um die Erinnerung
Nach dem Ende des Kriegs begann ein langjähriges Tauziehen zwischen nonkonformistischen Schriftstellern und den Parteiideologen um den Sinn, der dem Krieg verliehen werden sollte, und seine Adaption in die Literatur. Die Elite akzeptierte die neuen „Spielregeln“, die während des Krieges entstanden waren, und unterstützte jene Autoren, die das traumatische Erinnern nach Maßgabe der sowjetischen Rhetorik modellierten. Jene Schriftsteller, die mehr Gewissen hatten und sich auf eine ethische und ästhetische Suche begaben, versuchten in den kommenden Jahrzehnten, jene Erfahrungen zu beschreiben, die infolge der rhetorischen Reduktion verschwiegen wurden, im „toten Winkel“ blieben. Sie zogen augenblicklich vernichtende Kritik auf sich; die Erfahrungen, die sie beschrieben, wurden daraufhin tabuisiert. Von entscheidender Bedeutung ist, daß auch die zur Heuchelei erzogenen Leser der Ansicht waren, Literatur müsse, gerade in „schwierigen Zeiten“, die Ideale hochhalten, und der Verdrängung dieser Literatur zustimmten.
Der Krieg lieferte den Anstoß zu einer Umgestaltung des rhetorischen Projekts der sowjetischen Literatur. Dieses wurde bekanntermaßen nach Ende des Kriegs rasch wieder zum Leben erweckt und verschärft. Dabei waren gerade in der Nachkriegszeit existentielle Probleme erstmalig zum Gegenstand unabhängiger Reflexion geworden. Umso härter fiel die Reaktion des Staates aus.
Ein charakteristisches Beispiel für eine solche Reflexion, die von der Kritik unterbunden wurde, ist das Schicksal der povest’ Dvoe v stepi (Zwei in der Wüste) von Emmanuil Kazakevič, die 1948 in der Zeitschrift Znamja erschien. Sie handelt von einem jungen Leutnant, der bei einem ungeordneten Rückzug die Verbindung zu seiner Einheit verliert und vom NKVD als Deserteur festgenommen wird, obwohl er verzweifelt versucht, wieder in den Kampf zu ziehen. Im Hauptteil wird er von einem kasachischen Soldaten zum Stab der Einheit eskortiert. Der Soldat versucht mit aller Kraft, den ihm Anvertrauten zu hassen, und kann doch sein Mitleid nicht unterdrücken. Am Ende wird der Leutnant durch ein Wunder (ein Angriff der Faschisten) vor der Erschießung gerettet und kämpft tapfer weiter.
Kazakevič wurde heftig attackiert, in erster Linie natürlich aufgrund des Themas. Die Tatsache, daß in der Sowjetunion jemand zum Tode verurteilt werden konnte, der unschuldig war – und sei es aufgrund eines Irrtums – durfte nicht erwähnt werden. Gleichzeitig wurde damit aber auch die Beschreibung des existentiellen Schmerzes und der Einsamkeit „unterdrückt“ und gewaltsam dem Vergessen anheimgestellt, die ein Mensch empfindet, den seine „eigenen Leute“ umbringen wollen.
Ein weiteres Beispiel ist die Erzählung Vozvraščenie (Die Rückkehr, ursprünglicher Titel: Sem’ja Ivanova, Familie Ivanov) von Andrej Platonov. Sie beschreibt, wie Familien während des Krieges und danach zerfielen, da die Männer lange Zeit von ihren Frauen getrennt waren. Während des Krieges schrieb Konstantin Simonov „tröstliche“ Gedichte über die Trennung. Doch die Erwähnung eines so schmerzlichen Themas in den Gedichten selbst eines so berühmten Schriftstellers stieß bei „wachsamen“ Lesern auf Ablehnung und Unverständnis: Wie konnte man erlauben, daß so etwas gedruckt wird? Umso heftiger waren die Angriffe gegen den stets unter Verdacht stehenden Platonov, der mit seinen Helden mitfühlte und – im Unterschied zu Simonov –ungeschminkt und ohne Euphemismen die Wirklichkeit beschrieb. Die Zerrüttung der Familien war im Krieg in die Folklore eingegangen. Das bekannte Lied Temnaja noč’ (Dunkle Nacht) wurde folgendermaßen variiert: „Du wartest daheim/ doch lebst nicht allein . . .“ (Ty menja ždeš’,/ a sama s lejtenantom živeš’ . . .). Wie in der Volksdichtung üblich, zumal in Parodien, wurde die entscheidende sozialpsychologische Tatsache beim Namen genannt, doch nicht reflektiert. Eine ästhetische Durchdringung – nicht zuletzt auch die Reflexion der Identität –, wie sie Platonov in seiner Erzählung leistet, war hingegen verboten.
Die vereinte Anstrengung der Autoren, der Kritik und der Zensur sowie auch der Leser, die die Schrecken des Krieges vergessen wollten, bewirkte, daß die Erfahrung der Katastrophe nicht ins gesellschaftliche Bewußtsein integriert wurde und die Züge eines unbewältigten kollektiven Traumas (im Sinne der Psychoanalyse) annahm. Dieses Trauma wurde sogar von der sogenannten „Leutnantsprosa“ (lejtenantskaja proza) der 1950er und 1960er Jahre (Jurij Bondarev, Vasilij Bykov, Grigorij Baklanov, Boris Balter, Bulat Okudžavas Erzählung Bud’ zdorov, školjar!) nicht vollständig reflektiert. Schreckliche Erlebnisse und das Eingeständnis eigener und fremder Schwäche werden in diesen Werken meistens dadurch „ausgewogen“, daß sie den jungen, erst heranreifenden Helden zugeschrieben werden.

Die Hauptperson der lyrischen Fronterzählung war, bevor sie in den Kampf zog, entweder Schüler oder Student. [. . .] Baklanov, Bondarenko und andere gleichaltrige Autoren mit ähnlichen literarischen Vorstellungen schauen mit dem frischen, aufgeregten Blick eines Jugendlichen auf den KRIEG. Dies führte zu einer dramatischen Paradoxie der Darstellung: naturalistische und lyrische Elemente verschmelzen zu einer spezifischen Poetik.

Diese Strömung gab den Ort vor, an dem das Trauma reflektiert werden sollte: Mit ihr fand die emotionale Verstörung Eingang in die Literatur, nicht aber die existentielle Verstörung.
Eine andere Perspektive hätten jene wenigen Werke aufzeigen können, in denen es das erwähnte „Gleichgewicht“ zwischen „naturalistischen“ und „lyrischen“ Elementen nicht gab: Der Held wurde im Krieg der eigenen Irrationalität und Sterblichkeit gewahr und verliert dieses Gefühl auch nicht wieder, wenn er herangereift ist und der Krieg gewonnen ist. Oder die Hauptfigur entdeckte, daß die Spaltung der Gesellschaft im Krieg eine Wunde ist, die nicht verheilt. Das besondere dieser Werke wurde jedoch nicht entdeckt, da sie im Kontext der Prosa der 1960er Jahre wahrgenommen wurden. Die radikalsten Werke, etwa die Erzählungen von Konstantin Vorob’ev, die das sowjetische Subjekt in Frage stellten, wurden scharf kritisiert, so daß die Erfahrung, von der sie sprachen, erneut verdrängt wurde.
Sozialpsychologisch betrachtet hatten die Autoren der „Leutnantsprosa“ praktisch keine andere Wahl, als „ausgewogen“ zu schreiben, und ihr Verdienst ist kaum zu überschätzen: Niemand leistete so viel dafür, daß die Fronterfahrung, die Erlebnisse im Schützengraben, aus einer inoffiziellen Perspektive reflektiert wurden. Neben der Lagerprosa war es gerade die „Leutnantsprosa“ der 1960er Jahre, welche die Vorstellung, daß die Erinnerung an ein Trauma ein elementarer Bestandteil des Lebens ist, wieder in der sowjetischen Literatur verankerte. Der Widerstand, den diese Autoren zu überwinden hatten, war riesig. Einige sowjetische Kritiker verlegten sich mehrere Jahre lang voll und ganz auf die Vernichtung der „Leutnantsprosa“. Sie warfen ihr einen „abstrakten Humanismus“ geißelten den „Remarquismus“, und behaupteten, hier werde nicht aus dem Schützengraben, sondern aus einem Maulwurfshügel geblickt.
Eine Literatur, die eine existentielle Verstörung thematisiert, stößt in der Regel bei jedem Publikum auf instinktive Ablehnung – nicht nur beim sowjetischen. Sie wird nur dann breiter rezipiert, wenn sich Kritiker und Philosophen für sie einsetzen. Solche Werke stoßen nur dann auf breiten Zuspruch, wenn die Gesellschaft sich in einer Identitätskrise befindet und diese kulturell verarbeiten muß. Zu denken ist an die literarische Bewältigung der nationalen Katastrophe in Deutschland und Japan. Zweifellos durchlief auch die sowjetische Gesellschaft in den 1950er und 1960er Jahren eine Identitätskrise. Der Schock des Krieges wirkte nach, die Ideologie bröckelte, und Zweifel an der kompletten sowjetischen Ordnung kamen auf. Doch jene Literatur, die sich der Zensur unterwarf, verweigerte sich der Reflexion dieser Krise, sie verschwieg und unterdrückte sie weitgehend. Dies gilt im großen und ganzen auch für die „Leutnantsprosa“.
Doch diese Krise gab es. Sie war die Ursache für die große Popularität, derer sich unter den Intellektuellen der 1960er Jahre Bücher und Filme aus dem Ausland erfreuten, welche die Krise gesellschaftlicher Normen und des individuellen Selbstverständnisses nach dem Krieg zum Ausdruck brachten. Andrzej Wajdas Film Popioł i diament (Asche und Diamant), die Prosa Heinrich Bölls, Erich Maria Remarques und Ernest Hemingways, Kurt Vonneguts Roman Schlachthaus 5.
Die 1970er Jahre: Die kleine Welt und der Wald der Partisanen
Die sozialen Voraussetzungen für eine literarische Reflexion der Kriegserfahrung änderten sich Ende der 1960er grundlegend, als Leonid Brežnev und mit ihm eine neue Parteigeneration an die Macht kamen. Die führenden Köpfe des neuen Aufgebots waren im Durchschnitt jünger als die Chruščev–Eliten und hatten im Krieg in der Regel keine Führungspositionen inne gehabt. Auch wenn sie sich während des Kriegs im Hinterland aufhielten, wußten sie, daß ihre Altersgenossen an der Front stehen und sterben. Die Extremerfahrung des Krieges war der wichtigste emotionale Wert, den die neue Führungsschicht mit nahezu ihrer gesamten Generation teilte.
Als die sowjetische Ideologie in den 1970er Jahren ihrem Niedergang entgegenging, was verschwiegen wurde und doch spürbar war, wurde der Mythos vom Krieg und vom Sieg zum einzigen ideellen Bindemittel der Gesellschaft. Damit dieser Mythos die Elite und die Menschen außerhalb der Machtsphäre wirklich vereinte, betonte die Ideologie die Solidarität der Kriegsgeneration. Je konservativer die Elite in den folgenden Jahren wurde, desto mehr erhielt der Mythos retrospektive Züge. Der Mythos vom Sieg wurde zur Apologie jener Generation, die den Krieg erlebt hatte; diese Generation, die im Krieg unter großen Leiden erfahren hatte, was wahre Werte sind, erhielt a priori in allem Recht. So konnten das neue Denken, das die Jugendbewegung der 1960er Jahre aufgebracht hatte, ebenso unterdrückt werden wie jene geistigen Strömungen der 1970er Jahre, die auf eine Modernisierung, eine psychische Erneuerung der Gesellschaft und einer Annäherung an den Westen hofften.
Genau diese Funktion erfüllte beispielsweise das in den 1960er Jahren geschriebene Drama Zabytyj blindaž von Sergej Michalkov. In dem Stück wird ein vom Westen begeisterter Jugendlicher, der noch keine reflektierte moralische Position hat, von einem gleichaltrigen, aber moralisch reifen Freund bloßgestellt. Ort dieser Szene ist ein Unterstand aus Kriegszeiten, den die Jugendlichen zufällig im Wald entdecken.
Der emotionalen Grenzerfahrung des Krieges kommt hier natürlich eine äußerst wichtige Funktion zu, während die existentielle Verstörung wie ehedem – oder sogar noch gründlicher, als zu Zeiten Chruščevs – als gefährlich galt. Der Krieg wurde zum legitimierenden Gründungsmythos; er sollte zur neuen Basis der sowjetischen Identität werden. Die Propaganda, die auf breite Zustimmung der sowjetischen Bevölkerung stieß, behauptete, daß die Große Tragödie – der Krieg – der Vergangenheit angehöre und die Entbehrungen der älteren Generation diese unangreifbar mache.
1979 wurde in der Zeitschrift Junost’ (Jugend) Galina Ščerbakovas povest’ Vam i ne snilos’ (Nicht einmal im Traum) veröffentlicht, die zuvor mehrere Jahre in der Redaktion gelegen hatte. Es handelte sich um eine moderne Romeo-und–Julia-Geschichte, die gegen die Heuchelei einer Gesellschaft protestiert, die Jugendlichen das Recht auf eigenes Leben und ihre eigene Tragödie verwehrt. Die heuchlerische Lehrerin konfrontiert die jugendliche Heldin mit dem Vorwurf, der verkürzt bereits im Titel anklingt: Nicht einmal im Traum ahnt ihr, was Leiden bedeutet!“ Dieser Satz richtete sich an die Generation der 1970er Jahre, die wie sich später herausstellte, die letzte sowjetische war. Und die Leser verstanden, daß mit „Leiden“ der Große Vaterländische Krieg gemeint war und hier an einem Grundpfeiler der spätsowjetischen Ideologie gerüttelt wurde: der Unfehlbarkeit der Kriegsgeneration.
Die Eliten des „Brežnevschen Aufgebots“ brauchten eine neue Kriegsliteratur, die ihre eigene Katastrophenerfahrung legitimieren und es ermöglichen würde, die Solidarität der Kriegsgeneration, die „das Land gerettet hat“, zu schaffen und aufrechtzuerhalten. Die Literatur und das Kino sollten einmal mehr an die Grausamkeit und die Extremerfahrung des Krieges erinnern. Doch zeitigte die Wiederaufnahme des Kriegsthemas Folgen, welche die sowjetischen Ideologen nicht vorhergesehen hatten.
Die wichtigste unvorhergesehene – und von der Zensur auch kaum bemerkte – Folge der Aufmerksamkeit für die Tragödie des Krieges war, daß sich die Stoßrichtung des von der Propaganda aufgezwungenen Themas umdrehte: Wenn die Erfahrungen des Großen Vaterländischen Kriegs die einzigen Grenzerfahrungen sind, über die man schreiben darf, dann taugt der Krieg als Metapher zur Beschreibung jeglicher Grenzerfahrung. Vor allem in der Prosa Vasilij Bykovs und in den „Kriegsliedern“ Vladimir Vysockijs dient der Krieg als Material zur Schaffung einer totalen Metapher für existentielle Erfahrungen.
Bykov und Vysockij schienen das Kriegsthema eigentlich ideologisch einwandfrei darzustellen. Tatsächlich aber wurde in ihren Werken keine historische Erfahrung, sondern die Erfahrung der Gegenwart legitimiert. In einem Kommentar zu seinem Werk erklärte Vysockij, ihn interessiere am Krieg, daß der Mensch dort ständig mit dem Risiko lebe und sich zu bewähren habe. In Vysockijs Kriegsliedern werden auf paradoxe – und sehr produktive – Weise zwei Motive verflochten: die zugespitzte Darstellung des individuellen oder kollektiven Ausgeliefertseins (Jastrebitel’, Spasite naši duši), und die Bereitschaft des Einzelnen zu einer Verzweiflungstat, die alleine die Welt ein wenig verändern kann (My tolkaem zemlju). Vysockijs Wille, einen Zustand von Verzweiflung und absurdem Hasard zu beschreiben, die Kluft zwischen der Alltagsmoral und dem Verhalten in Extremsituationen zu zeigen, war so groß, daß er ein Lied aus Sicht eines deutschen Soldaten schrieb. Es ist distanziert, aber doch die Psychologie des Soldaten:


Niemand hat das Kriegsthema in der sowjetischen Literatur so konsequent verfolgt wie Vasilij Bykov. Seine härtesten Werke schrieb der belarussische Autor in den späten 1960er und den 1970er Jahren: Krugljanskij most (1968), Sotnikov (1970), Obelisk (1972). Bereits in den 1960er Jahren machte Bykov die existentielle Verstörung im Krieg zur Grundlage metaphysischer Gleichnisse. Der Held der frühen Erzählung Zapadnja (Der Hinterhalt, 1963) gerät in deutsche Gefangenschaft. Das zentrale Motiv des Romans ist die Beschreibung eines verzweifelten Menschen, der seinen Prinzipien treu bleibt, was ihn aber weder rettet, noch von irgendjemand bemerkt und honoriert werden kann. Endgültig formiert sich die Poetik Bykovs in den 1970er Jahren. Dies hing wahrscheinlich nicht nur damit zusammen, daß das Kriegsthema wieder aktuell war, sondern auch damit, daß das Schreiben in metaphysischen Gleichnissen zu dieser Zeit in der sowjetischen Literatur, insbesondere in der „inoffiziellen“ sehr beliebt war. So nutzte Bykov eine Konjunktur für Zwecke, die dieser Konjunktur zuwiderliefen. Im Unterschied zu Vysockij erhielt Bykov mehrfach staatliche Auszeichnungen. Nichtsdestotrotz war seine Bearbeitung des Kriegsthemas recht dissidentisch, verband sie doch die Situation der 1940er mit den 1970er Jahren, was zeitgenössischen Lesern keineswegs entging.
Bykov war wohl der einzige sowjetische Schriftsteller, dessen Schreiben man im engen Wortsinn als existentialistisch bezeichnen kann. In seinem bekanntesten Werk, der povest’ Sotnikov, für die er den Lenin-Orden erhielt, ist der starke und selbstbewußte Rybak stets unzuverlässig, der schwache und „an die Wand gedrückte“ Sotnikov hingegen ist zu allem bereit, da er jegliche Hoffnung und jeden Halt verloren hat.
Nicht zufällig ist in Bykovs reifen Werken körperlicher Schmerz häufig eine Metonymie für existentiell ausweglose Situationen. Der Figur Stepka aus der povest’ Krugljanskij most schmerzt ständig das Bein, da sein Stiefel gerissen ist, und Sotnikov hat Fieber. Nicht nur kostet es ihn große Anstrengungen die Aufgabe zu erfüllen, die ihm zugewiesen wurde, bereits der Fußmarsch von Dorf zu Dorf bereitet ihm große Mühe. Diese beiden Helden, die Bykov so wichtig waren, können mit den entschlossenen und selbstsicheren anderen Partisanen (Britvin bzw. Rybak) nicht mithalten.
So rehabilitierten Bykov und Vysockij unter dem Deckmantel der Adaption emotionaler Verstörung die Erfahrung einer existentiellen Verstörung, die sich nicht nur auf den Krieg, sondern auch auf die 1970er Jahre bezog. Das war kein Versteckspiel, sondern ein Blick auf den Krieg aus einer konkreten Gegenwart. Sie verwendeten die Erinnerung an den Krieg – im Falle des 1938 geborenen Vysockij die Vorstellung vom Krieg – als zum Teil aufgezwungenes, zum Teil auch freiwillig gewähltes Mittel zur historischen Reflexion der 1970er Jahre.
Die 1990er Jahre: Belebender Geschichtsschmerz
In den 1990er Jahren verabschiedeten sich einige Schriftsteller vom sowjetischen Paradigma der Kriegsdarstellung. Das Paradigma selbst bleibt freilich für viele Autoren bindend und läßt sich bei Bedarf in aktualisierter Form wieder anwenden. Unerwartet wendeten sich diesem Thema auch junge Autoren zu, die scheinbar nicht das Bedürfnis verspürten, Extremerfahrungen ideologisch zu verschleiern oder in eine metaphorische Beschreibung zu kleiden: Elena Fanajlova, Linor Goralik, Igor’ Višneveckij, Arsenij Rovinskij. Sie stülpten das sowjetische Schema komplett um, so daß das Futter des literarischen Soldatenmantels sichtbar wurde: Der Krieg wurde nun zur bedeutendsten und umfassendsten Metapher für existentielle Verstörung. Wurde der Krieg in den 1970er Jahren als Quelle der sowjetischen Identität begriffen, so galt er in den 1990er Jahren als Krisenpunkt jeder Identität oder sogar als Mittel zur Beschreibung ähnlicher wunder Punkte. Die Vorläufer dieser neuen Konzeption des Krieges sind daher auch zweifellos Bykov und Vysockij.
Von den Werken der älteren Autorengeneration, die dem neuen Paradigma entsprechen, verdienen Vasilij Bykovs povest’ Stuša (1992) und besonders der Roman Prokljaty i ubity von Viktor Astaf’ev (1990–1994) Erwähnung. Bykovs povest’ zeigt deutlich die Verbindung zwischen dem neuen Paradigma und dem „Umbau“ der sowjetischen Identität im Geiste der Perestrojka. Ein schwerverletzter sowjetischer Diversant, dessen Einheit hinter der deutschen Front agiert, erhält von einem Bauern Unterschlupf in einem Schuppen. Alleine, an der Grenze zwischen Leben und Tod, läßt er sein Leben in der Vorkriegszeit noch einmal an sich vorüberziehen und erinnert sich daran, daß es sich an der Kollektivierung beteiligte, die das belarussische Dorf zerstörte.
Astaf’evs Roman muß im Kontext seiner gesamten späten Prosa gesehen werden, der auch die zwei povesti Tak chočet’sja žit’ (1995), Oberton (1996) und Veselyj soldat (1998) zuzuordnen sind. In all diesen Werken setzte Astaf’ev auf eine stilistische Radikalisierung und unterzog sowohl seine eigenen als auch andere gängige Ansätze der Vergegenwärtigung traumatischer Erfahrung einer Revision.
Die Beschreibung der Kriegserfahrung in seinem Roman Prokljaty i ubity hat Astaf’ev wahrscheinlich unter dem Eindruck der „Götterdämmerung“ und der Entstehung neuer Grenzen des Literarischen „neu erfunden“. Astaf’ev sprach nicht nur das aus, was zuvor die Zensur verboten hatte, sondern erprobte auch andere Techniken des Gedenkens und Erinnerns und fand zu einer neuen Ästhetik – wenngleich er natürlich schon seit den 1950er Jahren immer wieder versucht hatte, die Ausdrucksmöglichkeiten der Literatur über den Krieg zu erweitern und die Tabus der Zensur zu brechen.
Einen außerordentlich wichtigen Platz nehmen in Astaf’evs Roman die Massenkrankheit, das psychisch und physisch quälende Zusammenleben unterschiedlicher Menschen in der Kaserne sowie die Erfahrung ein, daß der Tod im Krieg ein sinnloser Albtraum ist. Die sowjetische Identität wird bei Astaf’ev nicht nur reflektiert, sondern einer scharfen Kritik unterzogen. Freilich werden dem Leser anstelle der sowjetischen Identität in einem fort andere ideologische Konstrukte „untergeschoben“, in erster Linie das abstrakte und ideologisch verbrämte Russentum der Romanfiguren, dem sich nach Astaf’evs Ansicht Menschen unterschiedlichster Nationalität und Kultur zugehörig fühlen können. Die moralische Instanz des Romans wird in zwei Stimmen aufgespalten: die Stimme des Erzählers, ein ideologischer Richter, und die Stimme Ašot Vaskonjans, der, halb Jude, halb Armenier, eine kompromißlose moralische Haltung vertritt und den Krieg als Ursünde der Menschheit und so endlose wie ausweglose Absurdität versteht.
Eine weitere Methode, mit der Astaf’ev in dem Roman die sowjetische Identität kritisiert, ist der ständige „objektivistische“ Vergleich der Verhältnisse bei der Wehrmacht und in der Roten Armee sowie der Psychologie der Kämpfenden auf beiden Seiten. Dies fügt sich in Astaf’evs kritische Rezeption von Vassilj Grossmans Roman Žizn’ i sud’ba, einem der wichtigsten Texte, auf die Prokljaty i ubity sich bezieht. Auch bei Grossman ist die Gegenüberstellung zweier einander bekämpfender totalitärer Systeme ein Mittel, das Selbstverständnis der Menschen zu untersuchen. Doch bei Astaf’ev ist der Vergleich erheblich von persönlicher Betroffenheit geprägt: Die Deutschen waren die Aggressoren, aber Bedingungen an der Front waren bei ihnen besser als bei „mir“, als bei „uns“ (den Personen die dem Erzähler nahestehen).
Die 1990er Jahre waren auch für die Erinnerung an den Krieg eine Zeit des Umbruchs. Einerseits starben in diesem Jahrzehnt viele Schriftsteller, die der Kriegsgeneration angehörten. Der Krieg ging aus dem Bereich der persönlichen Erfahrung in den Bereich der Geschichte über, die man aus der Überlieferung und der Literatur kennt, doch nicht aus eigenem Erleben. So wurden die Empfindungen der Menschen im Krieg zu einer der wichtigsten Metaphern für die jungen Autoren der 1990er Jahre, die in der Tradition der „unzensierten“ und der „inoffiziellen“ Literatur stehen.
In der Literatur der 1990er Jahre wird das Familiengedächtnis konsequent als ein Erinnern aufgefaßt, das sich gegen den Staat und die offizielle Ideologie richtet. Familienarchive gelten als Speicher unkonventioneller Identität. Jede Form von Identität wird in der postsowjetischen Gesellschaft so gefaßt, wie es die „unzensierte“ Literatur tat: als unkonventionelle Identität, die „den Regeln“ zuwiderläuft. Sie gibt dem Menschen das Gefühl, einem eigenen Weg zu folgen, macht ihm die Geschichtlichkeit der eigenen Existenz bewußt und reißt ihn daher aus der Gesellschaft.
In Elena Fanajlovas Gedicht Pamjati deda (Dem Gedenken an meinen Großvater) wird dieses Herausfallen aus der Gesellschaft durch die Deformation der Sprache gekennzeichnet. Die Rückkehr aus dem Krieg – nicht aus irgendeinem, sondern eben aus dem Großen Vaterländischen – wird zu einem Ereignis, das sich in seiner Universalität wiederholt: Die Verstörung und die Zärtlichkeit des heimkehrenden Soldaten werden zur Metapher für die Verstörung und die Zärtlichkeit seiner Enkelin, obgleich diesen andere Ursachen zugrunde liegen. Doch gerade eine solche quälende, nicht augenfällige Verwandtschaft ist das Material der Geschichte.
Einer der wichtigsten Anliegen der jungen Literatur der 1990er Jahre war, die Entfremdung der Menschen voneinander und von der Geschichte zu überwinden. Geschichte wird nun aufgefaßt als „ein Spektakel/ staatlicher Insekten mit zerknitterten Saugrüsseln, / vollgeschmiert im Blütenstaub des Krieges, der Angst und des Phallozentrismus“ (Stanislav L’vovskij, 1996). Für die Lyriker der 1990er Jahre wurde die Kriegserfahrung zu einer Metapher für die Durchbrechung der Barrieren, die sie von der Geschichte entfremdeten.


Astaf’ev zielte auf eine nichtreduzierte Beschreibung des Krieges, die ohne Propaganda daherkommt. Den jungen Autoren der 1990er Jahre wird der nicht reduzierte imaginierte Krieg zum Gradmesser für die Authentizität der Erfahrung, denn die authentische Kriegserfahrung liegt im Verborgenen und ist unerträglich, sie muß zunächst gesucht werden und bedarf dann des inneren Einverständnisses mit der Irrationalität der Welt und des eigenen Seelenlebens.

Was genau kehrt zurück? Nun, irgendwelche Maschinen, ein Mädchen sitzt auf einem Sack mit ihren Klamotten und heult, verlauste lange Haare, die ich nicht habe, ein Kartoffelauge, ‚Marina, die Hunde’, ein paar Sätze in gebrochenem Deutsch, ein paar in gebrochenem Russisch – nicht ‚Miilsch uund Ajer’, etwas anderes, irgendein ‚Achtung’, irgendein ‚das Maschinen’, ein ‚Mach das Maul auf’. Ein Flugzeug fliegt, in ihm brummt der Motor, uuuuuu! – aber kein Bunker – ein Schober? Ich weiß nicht einmal, was ein ‚Schober’ ist, Sereža. Verstehst du, da ist so ein seltsames Gedächtnis in mir, kein genetisches Gedächtnis und kein Inkarnationsgedächtnis, vermutlich nicht mal wirklich ein Gedächtnis, sondern so eine innere Informationslage – darüber, was mein Schicksal sein sollte, das ich aber verpaßt habe – zufällig, vollkommen zufällig, so zufällig, daß ich irgendwie dafür ausgebildet und angelernt wurde, einige deutsche Worte gelernt habe und für diese ‚das Maschinen’ ausgebildet wurde – aber in den himmlischen Sphären bewegte sich etwas, verkeilte sich, und meine Seele schoß um fünfundvierzig Jahre vorbei, und ich was in diesem Augenblick nicht in der Ukraine, als ich nach Deutschland zur Arbeit getrieben werden sollte – ich war noch nirgendwo in diesem Augenblick, – aber die Seele, die Seele, die war, das sag’ ich dir, die war ausgebildet und angelernt, wurde herangetrieben-beigetrieben, und wie soll sie jetzt leben, hier steht doch nirgends geschrieben, welche Seite bei Artilleriebeschuß gefährlicher ist?

In der Literatur der 1990er Jahre erscheint die Überwindung der Selbstentfremdung als ein unendlicher Kampf um die Integrität eines emotionalen und historischen Lebens. Der literarische Held dieses Jahrzehnts ringt darum, das eigene Ich als möglichst konkreten, autopsychologischen Bestandteil einer im fortwährenden Wandel begriffenen, vielstimmigen Welt und als Teil der Geschichte zu begreifen. Das verschafft ihm die Macht zur Liebe, wächst ihm durch Überwindung von Entfremdung doch die Fähigkeit zu, sich zu erinnern und Sympathie zu empfinden.
Was wir verloren haben
Zur Geschichte der Aneignung und Verdrängung traumatischer Erlebnisse in der „Literatur über den Krieg“ gehören nicht nur Erträge und Entdeckungen, sondern auch Verluste. Ein Teil der Erfahrung, der nicht ins gesellschaftliche Bewußtsein gelangt ist, von Journalisten und Wissenschaftlern nicht erfaßt wurde, scheint für immer verloren – selbst wenn die Texte physisch erhalten geblieben sind. Die Chance, daß in der russischen Literatur Texte auftauchen, die in ästhetischer und moralischer Hinsicht mit Kurt Vonneguts Schlachthaus 5 oder Heinrich Bölls Roman Wo warst Du, Adam? zu vergleichen wären, ist für immer vergeben. Und obwohl die „Leutnantsprosa“ eine kollektive Großtat war, sind die vorgegebenen Spielregeln im sowjetischen Literaturbetrieb derart restriktiv gewesen, daß viele Aspekte der im Krieg verformten Psyche des Menschen „verdrängt“ blieben, weder ästhetisch noch moralisch bewältigt sind.
Diese „Unterdrückung“ kehrte in den 1990er Jahren ins kulturelle Bewußtsein zurück. Mittels psychoanalytischer Begriffe wurde eine gewisse Katharsis erreicht. Autoren verschiedener Generationen begriffen das nichtentfremdete Erinnern an den Krieg als eine Aufgabe, die es aufs Neue und unter veränderten Bedingungen zu bewältigen gilt. Erschwert wurde dies dadurch, daß gerade in der Kriegsliteratur die mangelnde Reflektion des Subjekts eine besonders weit aufklaffende Lücke hinterlassen hatte. Um diese Lücke zu schließen, hofft man seit einiger Zeit auf das Familiengedächtnis als Basis einer gesellschaftlichen – gegen den Staat gerichteten – Identität und strebt nach einer individuellen Historizität.

Aus dem Russischen von Christian Hufen und Volker Weichsel, Berlin

Klaus Städtke | 257

Leben und Schicksal
Zur Erinnerung an Vasilij Grossmans Roman
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2005 jährt sich Vasilij Grossmans Geburtstag zum hundertsten Mal. 28 Jahre dauerte der Weg seines Romans Leben und Schicksal an die Öffentlichkeit. Trotz der Liberalisierung der Kulturpolitik in der Tauwetterperiode in der Sowjetunion von 1956 bis Anfang der 1960er Jahre wurden Gedanken von der Übereinstimmung des stalinistischen und des nationalsozialistischen Systems sowie vom absoluten Stellenwert der individuellen Freiheit nicht geduldet. 60 Jahre nach dem Sieg über das nationalsozialistische Deutschland sind sie wieder aktuell. Schließen

Volker Hage | 265 | Volltext

Verschüttete Gefühle
Wie die deutschen Schriftsteller den Bombenkrieg bewältigten
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War die Zerstörung deutscher Großstädte durch alliierte Bomber im Zweiten Weltkrieg für die deutsche Literatur über fünfzig Jahre lang kein Thema? Jedenfalls widmete sich kein einziger großer Roman der deutschen Nachkriegsliteratur dem Bombenkrieg. Während des Ost-West-Konflikts wurde der Nachhall der Bomben vom antizipierten Knall „der Bombe“ übertönt. Allerdings durchzogen die Kriegserlebnisse die Werke all jener Schriftsteller, die als Kinder den Bombenhagel im Luftschutzkeller erlebten. Erst als in Europa erneut Bomben auf – jugoslawische – Städte fielen, wurde das Thema wieder aktuell: Der Kosovo-Krieg und die Debatte umW.G. Sebalds Kritik an der Tabuisierung des Luftkriegs schärften den Blick. Auch wenn heute offener und mehr über den Luftkrieg geschrieben wird, revidiert kein ernstzunehmender deutscher Autor die Schuldfrage. Schließen

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Kluften der Erinnerung
Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg
Berlin (4-6/2005)
Seite 265 - 281


Volker Hage

Verschüttete Gefühle
Wie die deutschen Schriftsteller den Bombenkrieg bewältigten

Mit· den Worten „Flieger waren über der Stadt, unheilkündende Vögel“ beginnt ein in der Bundesrepublik 1951 veröffentlichter Roman: Tauben im Gras. Der Schriftsteller Wolfgang Koeppen vermittelt darin ein Bild des Landes wenige Jahre nach Kriegsende. „Anflug und Abflug, Übungen des Todes, ein hohles Getöse, ein Beben, ein Erinnern in den Ruinen“, heißt es. „Noch waren die Bombenschächte der Flugzeuge leer. Die Auguren lächelten. Niemand blickte zum Himmel auf.“ Ein furioser Romanauftakt, der eine Gesellschaft zwischen wirtschaftlichem Aufbruch und neuer Kriegsangst skizziert: Die Zeitungen melden Bedrohliches („Krieg um Öl“, „Verschärfung im Konflikt“, „Flugzeugträger im Persischen Golf“, „Atomversuche in Neu-Mexiko“, „Atomfabriken im Ural“), man lebt in einem geteilten Land, „im Spannungsfeld“ zwischen östlicher und westlicher Welt, also „an der Nahtstelle, vielleicht an der Bruchstelle“, denn: „hier wie dort horteten sie Pulver, den Erdball in die Luft zu sprengen“.
Er habe den Roman kurz nach der Währungsreform geschrieben, „als das deutsche Wirtschaftswunder im Westen aufging“, erläuterte Koeppen in einem Vorwort zur zweiten Auflage. Der Kopf sei „von Hunger und Bombenknall noch etwas wirr“ gewesen, „und alle Sinne suchten Lust, bevor vielleicht der dritte Weltkrieg kam“. Und Koeppen stand mit seiner Beobachtung nicht allein, viele Schriftsteller waren damals von der Angst vor einem Atomkrieg ergriffen – einer Angst, die das kulturelle Leben in Deutschland vom Herbst 1945 an ständig begleitete, im Grunde bis weit in die 1980er Jahre hinein, bis zum Ende des Ost-West-Konflikts.
„Atombomben und V2-Waffen werden die zukünftigen Kriege entscheiden“, davon war schon im November 1945 auch Hans Henny Jahnn überzeugt. Ernst Jünger suchte, als er im August 1945 vom Abwurf der ersten Atombombe über Hiroshima erfuhr, Zuflucht zu biblischen Vergleichen. „Es scheint, daß man durch Strahlung Mauern umwerfen kann“, notierte er im Tagebuch. „Das überbietet die Trompeten von Jericho.“ Nicht nur Jünger dürfte in jenen Tagen die Überlegung angestellt haben, was geschehen wäre, „wenn wir den Krieg weiter in die Länge hätten ziehen können“, wenn also der Zweite Weltkrieg in Europa nicht schon im Mai 1945 zu Ende gegangen wäre – „man hätte uns dann noch mit einigen dieser Dinger aufgewartet, zu allgemeiner und inniger Genugtuung.“
Thomas Mann hielt in den USA schon am Tag des Abwurfs, am 6. August, im Tagebuch fest: „Erster Angriff auf Japan mit Bomben, in denen die Kräfte des gesprengten Atoms (Uran) wirksam.“ In den folgenden Tagen blieb das in seinem Tagebuch Hauptthema. Er schrieb über die „unheimliche Zerstörung der Stadt“ und formulierte: „Enormer Staubsturz himmelwärts.“ Bertolt Brecht drückte seine Abscheu Anfang September, ebenfalls im Tagebuch, noch unverblümter aus: „Der Sieg in Japan scheint denen, die ungeduldig ihre Männer und Söhne zurückerwarten, vergällt. Dieser Superfurz übertönt alle Siegesglocken.“
Einer, der ebenfalls im US-Exil überlebt hatte, der jüdische Schriftsteller und Philosoph Günther Anders, machte die Warnung vor der Atombombe in den folgenden Jahrzehnten sogar zu seinem Lebensinhalt und zum zentralen Gegenstand seines Schreibens. Bis zu seinem Tod wurde er nicht müde, vor der apokalyptischen Potenz der Bombe zu warnen. Hiroshima und Auschwitz waren für ihn Chiffren des mörderischen Unheils des 20. Jahrhunderts. Er besuchte die Schauplätze des Schreckens: Hiroshima und Nagasaki 1958, Auschwitz 1966. Seine Reisenotizen publizierte er in den Büchern Der Mann auf der Brücke (1959) und Die Schrift an der Wand (1967) – das zweite Tagebuch (mit dem Auschwitz-Kapitel Besuch im Hades) umfaßt die Jahre 1941 bis 1966.
So mühsam sich in der frühen Bundesrepublik ein Bewußtsein für die von den Nazis begangenen Verbrechen und Massenmorde durchsetzte, so rasch und kontinuierlich entwickelte sich das Gefühl für die neue Bedrohung durch die Atombombe. Die Vermutung ist nicht ganz abwegig, daß sich mancher Deutsche im Verbund der internationalen Antiatombewegung (zu deren Vorreitern auch Anders zählte, er steuerte 1959 seine „Thesen zum Atomzeitalter“ bei) insgeheim der erlittenen Ängste in den Bombennächten erinnerte, daß sich also in die Phantasie über kommende Schrecken die Bilder der schon erlebten mischten; hinter der deutschen Protestwelle gegen Atomrüstung, jener ersten großen außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik, könnte sich uneingestandene Empörung verbergen – über die reale Zerbombung der Städte und angesichts der Vorstellung, wie knapp Berlin oder andere deutsche Städte 1945 dem Abwurf einer Atombombe entgangen sind.
Auffällig ist jedenfalls, wie gerade in der deutschen Literatur eine Vorliebe für das Sujet des Atomkriegszenarios Platz griff. Mit viel Liebe zum Detail entwarfen Autoren die zu erwartenden Alpträume, erzählten in aller Farbigkeit von einer Apokalypse, deren reales Eintreten in den Zeiten des Kalten Krieges als realistisch galt – was mittlerweile fast vergessen ist, nachdem der Ost-West-Konflikt ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein Ende fand, ohne daß es zum befürchteten atomaren Schlagabtausch gekommen war.
Die Reihe der deutschen Untergangsvisionen begann schon in den fünfziger Jahren mit Romanen wie Keiner kommt davon! Berichte aus den letzten Tagen Europas (1957) von Hans Helmut Kirst und Die Kinder des Saturn (1959) von Jens Rehn. Prädestiniert zum Schreiben solcher Fiktionen glaubten sich offenbar besonders Autoren, die im Hauptberuf Ärzte waren, wie Josef Gollwitzer (Pseudonym) mit dem Roman 6. August (1975) oder Udo Rabsch mit Julius oder Der schwarze Sommer (1983). Rabsch verlegte die atomare Katastrophe in eine nahe Zukunft. Mitten in Europa wankt sein Held Julius durch verseuchte Landstriche, verkohlte Wälder und zerglühte Dörfer. Im selben Jahr wie Rabschs Roman, 1983, erschienen noch zwei ähnliche Werke: Glückliche Reise von Matthias Horx und Der Bunker von Gerhard Zwerenz.
Die Romane wurden allesamt kaum beachtet und schnell vergessen, und ein Nachzügler, der ebenfalls in diese Reihe gehört, Die Rättin (1986) von Günter Grass, fand nur dank des prominenten Verfassers mehr Beachtung, erfuhr allerdings überwiegend Ablehnung bei der Literaturkritik. Angeführt werden diese Bücher hier vor allem als Beleg für eine ehemals weit verbreitete Stimmung bei deutschen Schriftstellern in West und Ost. Die bekannteren unter ihnen, bis auf Grass, mißtrauten allerdings der epischen Ausmalung des Schreckens und verlegten sich lieber auf publizistische Wortmeldungen oder auf Anspielungen, wie sie sich bei Christa Wolf in ihrer Erzählung Kassandra (1983) finden.
Man lebe mit der Bombe, so hatte Heinrich Böll schon 1966 das Grundgefühl definiert, „wir haben sie alle in der Tasche, neben den Zündhölzern und den Zigaretten, mit ihr, der Bombe, hat die Zeit eine andere Dimension gewonnen, die Dauer fast ausschließt.“ Rund 15 Jahre später schrieb Botho Strauß: „Kein Mensch kann dauernd mit diesem menschheitlichen Einschnitt im Kopf herumlaufen.“ Die Bedrohung möge dem Bewußtsein oft entschwinden, „dem Unbewußten aber vielleicht nicht“. In der ersten Hälfte der 1980er Jahre wurden diese Ängste im Zusammenhang mit der Nachrüstungsdebatte noch einmal besonders virulent.
„Was die nuklearen Planungsstäbe mit uns vorhaben, ist unsäglich“, erklärte Christa Wolf im Sommer 1982 vor Studenten in Frankfurt am Main.

Doch schreiben wir weiter in den Formen, an die wir gewöhnt sind. Das heißt: wir können, was wir sehen, noch nicht glauben. Was wir schon glauben, nicht aussprechen. […] Sich den wirklichen Zustand der Welt vor Augen zu halten, ist psychisch unerträglich.

Zwei Jahre später gab sich an derselben Stelle in Frankfurt ein Kollege aus der Bundesrepublik, Peter Härtling, noch eine Spur pathetischer: „Wir schreiben, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, Endzeit-Literatur, erzählen beharrlich von den Menschen vor der uns alle bedrohenden Fiktion.“
Die Kinder des Bombenkriegs
So ist es vielleicht kein Wunder, daß die jüngeren deutschen Autoren, die als Kinder im Luftschutzkeller gesessen hatten oder als Jugendliche zu Flakhelfern wurden, vorerst über ihre Erfahrungen schwiegen. Warum über den vergangenen Krieg reden, wenn ein neuer ins Haus zu stehen schien? Dieses Gefühl war keineswegs auf Deutschland beschränkt – wie es durchaus kein deutsches Exklusivschicksal war, in zartem Alter mit Bombergeschwadern konfrontiert zu sein. Der Niederländer Harry Mulisch etwa (1927 in Haarlem geboren) sah als Jugendlicher, freilich mit Freuden, alliierte Flugzeuge über seine Heimat gen Hannover oder Berlin fliegen, und sein Landsmann Cees Nooteboom (1933 in Den Haag geboren) erlebte im Mai 1940, wie Heinkel-Bomber und Stukas den Flugplatz Ypenburg in der Nähe des Elternhauses zerstörten („mein Vater hat einen Sessel auf den Balkon gestellt und schaut zu“) und später Rotterdam angriffen („der Horizont rot gefärbt“). Für das Kind ein unvergeßlicher Eindruck:

Der Sechsjährige war von einem unaufhörlichen Zittern erfaßt, damit es aufhörte, wurde sein Rücken mit eiskaltem Wasser abgewaschen. Unterdessen wurde am Roman meines Lebens geschrieben, ich brauchte nichts dazu zu tun.

In Deutschland gab es in den 1960er und 1970er Jahren nur wenige Versuche, den Luftkrieg zum Thema der Literatur zu machen, nachdem die frühe Welle der zumeist konventionell und unreflektiert erzählten Nachkriegsromane über die Front- und Bunkererlebnisse ohne viel Nachhall abgeflaut war – literarisch Bedeutsames war außer den Werken von Wolfgang Borchert (Draußen vor der Tür), Gert Ledig (Vergeltung) und Hans-Erich Nossack (Der Untergang) kaum dabeigewesen. Offenbar erwartete auch niemand mehr ein solches Thema: Als 1967 ein noch weniger bekannter Autor namens Hans J. Fröhlich (1932–1986) einen Roman mit dem Titel Tandelkeller veröffentlichte, wurde die darin beschriebene unterirdische und scheinbar zeitenthobene Welt zumeist als surrealer Schauplatz gedeutet.
Daß hinter dieser Erzählwelt eine ganz konkrete traumatische Erfahrung stand, wollte kaum jemand erkennen: Fröhlich war in seiner Heimatstadt Hannover als Kind in einem Luftschutzkeller verschüttet gewesen – und wer das weiß, erkennt das Echo deutlich. Die Erinnerung drängt schubweise – in kursiv gesetzten Passagen – an die Oberfläche (wo es dann heißt: „nur die Angst bleibt und das Schreien aus dem Keller“), unterbricht gewissermaßen die parabelhafte Erzählung, um am Schluß, vielleicht einem psychoanalytischen Prozeß vergleichbar, die Oberhand zu gewinnen – „jetzt liege ich hier und nun ist alles zuende“, so lautet doppeldeutig der letzte Satz, interpretierbar als Durchbruch der mit Todesangst besetzten Erinnerung ebenso wie vordergründig als Abschluß des Erzählexperiments.
Hubert Fichte (1935–1986), der seine Kindheit in Hamburg verbracht und den seine Mutter 1942/43 für einige Zeit in einem bayerischen Waisenhaus untergebracht hatte, war kurz vor den großen Angriffen auf Hamburg im Juli/August 1943 wieder zurückgekehrt. Zunächst erscheint der Bombenkrieg in seinem Werk nur am Rande: in seinen ersten beiden Romanen Das Waisenhaus (1965) und Die Palette (1968), in einer kurzen Erzählung, 1963 in seinem Debütband Der Aufbruch nach Turku enthalten. Erst in Fichtes Roman Detlevs Imitationen ,Grünspan’ (1971) taucht das Thema mit Nachdruck auf, in einem eigenen, formal eigenwilligen Kapitel: Fichtes Alter ego Jäcki wird im Jahre 1968 zu einem Rechercheur in Sachen „Operation Gomorrha“, 25 Jahre nach dem Ereignis: Er sucht nach Informationen in Büchern – und vergleicht das Gelesene mit der eigenen Erinnerung. „Jäcki will alles über den Terrorangriff lesen“, heißt es, und in einer Art Selbstgespräch wird der auch von den Nazis verwendete Begriff auf Tauglichkeit hin untersucht:

Wer wirft mir das Wort vor? Das Wort ist reingerüttelt in meinen Bregen von einigen zigtausend Kilo Sprengstoff. Das bedeutet für mich kein Kürzel mehr für die Propaganda von Dr. Joseph Goebbels. Für mich: Zebras in der Julius-Vosselerstraße. Der Geruch der Leichen am Krüppelheim. Der Verlust des Begriffes Dauer. Wörterbuch des Unmenschen? Was ist ein Unmensch?

Auch in diesem Prosastück wird der Prozeß der mühsamen Rekonstruktion, der Wiederaneignung eines kaum erzählbaren Erinnerungsstoffs vorgeführt.
Einen ebenso eindrucksvollen, streng komponierten und kompakten Text zum Bombenkrieg stellt der Abschnitt Der Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 von Alexander Kluge dar, enthalten in dem Band Neue Geschichten. Hefte 1–18 (1977). Im Vorwort zu dem Buch stellte der 1932 geborene Autor klar, daß er diesen Angriff als Kind miterlebt hatte, auch die Detonation einer Sprengbombe direkt neben sich: „Ich war dabei, als am 8. April 1945 in 10 Meter Entfernung so etwas einschlug.“ Nicht davon aber erzählt der Adorno-Schüler in seinem Text, sondern er bemüht sich, in der Montage von Puzzleteilen, von Fotos, Tabellen und Schaubildern die Ereignisse dieses Tages zusammenzusetzen, die Splitter unterschiedlicher Wahrnehmungen nebeneinanderzustellen, streng getrennt nach „Strategie von unten“ (am Boden) und „Strategie von oben“ (aus der Sicht der Angreifer). Die Unterscheidung zwischen Dokument, Zitat und Fiktion macht Kluge bewußt schwer. Am Ende aber steht ein einfacher Satz, einem Zeugen in den Mund geschoben: „An einem gewissen Punkt der Grausamkeit angekommen, ist es schon gleich, wer sie begangen hat: sie soll nur aufhören.“
Hinter Kluges Texten trat das autobiographische Moment zurück. Mehr darüber, wie er selbst mit den Erlebnissen vom 8. April 1945 fertiggeworden war, erklärte er gelegentlich einmal im Interview: daß er als Kind zunächst nur daran dachte, ob möglicherweise nun die Klavierstunde ausfallen werde, oder was er danach seinen Freunden alles zu erzählen hätte – aber: „Solche Erlebnisse wirken lange nach“, so Kluge. Jahrzehnte später werde die Erinnerung immer intensiver. In einer lobenden Kritik der Neuen Geschichten schrieb Hans Magnus Enzensberger seinerzeit, Kluges Erzähltechnik mache ihn beim lesenden Publikum vielleicht nicht unbedingt beliebt, qualifiziere den Autor aber dazu, jene „Regungen und Gefühle“ ausfindig zu machen, „die das fortdauernde Bombardement verschüttet hat und oft jahrzehntelang später an den überraschendsten und ‚verbotensten’ Stellen wieder zutage treten, wie Blindgänger, in denen enorme Energien aufgespeichert sind.“
Wie hat das auf die Kinder gewirkt, die damals in den bombardierten Städten gelebt hatten und später Schriftsteller wurden? Wie hat das nachgewirkt? Und hat es wirklich so wenige literarische Spuren hinterlassen – einen kafkaesken Roman bei Fröhlich, ein Romankapitel bei Fichte, eine Prosamontage bei Kluge? Vielleicht muß man sich einmal vorstellen, um das Ausmaß der Verstörung zu verdeutlichen, man hätte die Kinder damals gelegentlich mit an die Front genommen, ihnen gewissermaßen zur Anschauung den Beschuß mit einer Stalinorgel vorgeführt oder ähnliches. Ein absurdes Gedankenspiel. Doch qualitativ nicht viel anders war das, was sie daheim erlebten – Erfahrungen, die, um das mindeste zu sagen, „absolut neuartig“ waren, wie es Walter Kempowski kühl formulierte. Tatsächlich lassen sich diese Spuren finden. Ist man einmal hellhörig geworden und schaut genau hin, läßt sich das Echo der erlebten Luftangriffe und Tieffliegerattacken bei vielen deutschen Autoren nachweisen, die den Krieg als Kinder und Jugendliche erlebten.
Von Christa Wolf (Jahrgang 1929) gibt es eine autobiographische Erzählung Blickwechsel, im Mai 1970 geschrieben, also 25 Jahre nach der Befreiung, in der sie beschreibt, wie sie als junges Mädchen aus dem zertrümmerten Berlin Richtung Westen flieht („im Eilmarsch nach Schwerin, da sind die Amerikaner, und wer noch fähig war, sich Fragen zu stellen, der hätte es eigentlich merkwürdig finden müssen, wie alles jenem Feind entgegendrängte, der uns seit Tagen nach dem Leben trachtete“). Wie in einer Filmszene wird ein Angriff auf die Flüchtenden geschildert:

Erst sah ich die weißen Sterne unter den Tragflächen, dann aber, als sie zu neuem Anflug abdrehten, sehr nahe die Köpfe der Piloten in den Fliegerhauben, endlich sogar die nackten weißen Flecken ihrer Gesichter [. . .], und es kam mir unnatürlich vor, daß ich mich für eine Sekunde fragte, ob ihnen das Spaß machte, was sie taten.

Und sehr gefaßt schildert die Autorin aus der Erinnerung, wie neben ihr ein Mann stirbt, „nachdem die Tiefflieger ihm in den Bauch geschossen hatten“. Ihr trockener Kommentar: „So sah ich mit sechzehn meinen ersten Toten, und ich muß sagen: reichlich spät für jene Jahre.“
Bei den noch jüngeren, im Krieg geborenen Autoren klingt das ganz anders. Es wird weniger leicht erzählt, wenn überhaupt. So hat der Österreicher Gerhard Roth, Jahrgang 1942, der im Januar 1945, noch keine drei Jahre alt, den Angriff eines Tieffliegers auf einen vollbesetzten Zug miterlebte, diese Erfahrung nur verschlüsselt in einer märchenhaften Miniatur zu Literatur gemacht, enthalten in seinem umfangreichen Roman Landläufiger Tod (1984).
Sein Landsmann Peter Handke, ebenfalls 1942 geboren, erlebte als Kind Luftangriffe sowohl in Berlin (woher sein Vater stammte) als auch in seiner Kärntner Heimat (sogar auf seinen Geburtsort Altenmarkt, Gemeinde Griffen, fielen Bomben). Er habe die als Kleinkind erfahrene Kriegsangst („als die Bomben entweder auf Südkärnten oder auf Berlin gefallen sind“) noch lange als Trauma mit sich herumgeschleppt, sagte er später in einem Interview. „Jetzt erinnere ich mich, daß in der Nacht die Bomber geflogen waren“, heißt es in seinem Romandebüt Die Hornissen (1966), und gleich auf der ersten Seiten der Erzählung Der kurze Brief zum langen Abschied (1972) sagt der Held von sich:

Soweit ich mich zurückerinnern kann, bin ich wie geboren für Entsetzen und Erschrecken gewesen. Holzscheite lagen weit verstreut, still von der Sonne beschienen, draußen im Hof, nachdem ich vor den amerikanischen Bombern ins Haus getragen worden war.

Viel mehr findet sich in Handkes Werken dazu nicht – dennoch liegt es nah, daß die spätere vehemente Stellungnahme des Autors im Zusammenhang mit dem Kosovo-Krieg sich auch aus diesen Kindheitsängsten speiste, zumal Handke vor allem die Bombardierungen durch Nato-Flugzeuge verurteilte.
Von Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975) sind frühe Ängste nur posthum zu erfahren gewesen: aus seinem 1971 verfaßten, 1987 publizierten Tage- und Skizzenbuch Erkundungen. Der Autor, dem es während eines Aufenthalts in Rom nicht gelingen wollte, einen zweiten Roman zu schreiben (sein erster und einziger war 1968 erschienen: Keiner weiß mehr), haderte in den privaten Aufzeichnungen mit seiner Generation:

Sie können nicht einmal Schmerz darstellen, sie können weder Freude, noch Lust, noch Wut, noch Haß, noch Verachtung darstellen, nichts, spüren sie das nicht mehr, erfahren sie das nicht mehr? So gepanzert? So ängstlich? Erledigt?

Und dann machte er einen bemerkenswerten gedanklichen Sprung:

Nach der dumpfen Enge und permanenten Betäubung von 1940 bis 1945, diese Angstatmosphäre, dieser Tod, plötzlich waren Leute verschwunden, kamen nicht mehr wieder, verhängte Fenster, Fliegeralarm, Bunker, Sand rieselt runter, ich muß immerzu den Mund offen halten, vor Angst singende Mutter, immer wieder,

heißt es unvermittelt. Er sei etwas über vier Jahre alt, kommt es dann wie eine jähe Erinnerung:

und jetzt ist die Verwüstung da /: kaputte Städte [. . .], erstarrte Körper, das ist Krieg, sieht das keiner??? /: diese negativen Rückkoppelungen, die in Gang gesetzt worden sind, zu durchbrechen erfordert Kraft und Mut, wer geht schon gern durch seine eigene erstarrte Hölle?

Die eigene erstarrte Hölle: Selten wird so greifbar wie in diesen wenigen, in einer wüsten Collage aus Notizen, Entwürfen und Fotos versteckten Sätzen der Zusammenhang zwischen einer tief wirkenden Erschütterung und einer langfristigen Lähmung, einer Erschütterung, die nicht produktiv macht, sondern das Erzählen, das literarische Werk verhindert.
Erst in den 1980er Jahren setzte allmählich eine Phase der Rückwendung ein. Tatsächlich brachte das Jahrzehnt für viele Jüngere die erste Annäherung an die traumatischen Erfahrungen – nach einer ganzen Weile des Schweigens und Verdrängens. Die Welle der frühen Kriegs- und Luftkriegsromane war nach 1960 abgeflaut, und die Werke waren zumeist schnell vergessen worden. Und so konnte der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler W. G. Sebald zu seiner 1982 erstmals formulierten Frage kommen,

weshalb die von Millionen Deutschen in den letzten Kriegsjahren miterlebten Luftangriffe auf deutsche Städte und die von dieser Zerstörung katastrophalen Ausmaßes bewirkte radikale Veränderung der gesellschaftlichen Lebensformen in der deutschen Literatur kaum je behandelt wurde.

Auch in der historischen Forschung in Deutschland übrigens bereitete sich bereits der Wandel vor. Ein Geschichtswissenschaftler aus der DDR, Olaf Groehler, arbeitete an einem übergreifenden Werk; als sein Buch Bombenkrieg gegen Deutschland dann 1990 endlich erschien, gab es seinen Staat schon nicht mehr, die fundierte Studie wurde daher nur wenig zur Kenntnis genommen.
In den 1990er Jahren dann, nach der Wende, wurde der Blick zurück dringlicher. Von den Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg als Erwachsene erlebt hatten, lebten viele schon nicht mehr, und selbst diejenigen, die damals Kinder oder Jugendliche waren, kamen nun langsam ins Alter – vor allem jene, die zur Flakhelfer-Generation gezählt, also Ende der 1920er Jahre geboren worden waren. Erinnerungen tauchten auf, oft wie nebenbei in anderen Zusammenhängen – so in dem Essay Aussichten auf den Bürgerkrieg (1993) von Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929. Er sehe sich immer noch, „nach fünfzig Jahren, in einem Keller hocken, eingewickelt in eine Decke“, heißt es da. Das Gebell der Flak könne er bis auf den heutigen Tag vom Heulen einer Luftmine unterscheiden: „Manchmal sucht mich im Traum der auf- und abschwellende Ton der Sirenen heim, eine widerwärtige Melodie.“
Ludwig Harig (Jahrgang 1927) berichtete 1990 in seinem autobiographischen Roman Weh dem, der aus der Reihe tanzt:

Nie werde ich in den Bahnhof von Merzig einfahren können, ohne an den Tag zurückzudenken, als wir dort, von Tieffliegern angegriffen, aus dem Zug stürzten und uns kopfüber zwischen die Schienen warfen.

Eine Gruppe amerikanischer Jagdbomber griff die Menschen auf dem Bahnsteig an, eine alte Frau schrie nach ihrer Tochter, die sich schützend über einen Kinderwagen werfen wollte, und dabei stürzte:

Dort lag sie, ohne sich zu rühren, ich wußte nicht, ob sie schon tot war, doch dann strich eine Kugelgarbe über sie hinweg und perforierte sie der Länge nach vom linken Schulterblatt den Rücken hinunter bis zum Oberschenkel, und da wußte ich, daß ihr nicht mehr zu helfen war.

Ob Günter Kunert (Jahrgang 1929) in seinen Erinnerungen mit dem Titel Erwachsenenspiele (1997) beschreibt, wie er als Halbwüchsiger zusieht, als eine Frau auf der Suche nach ihrer Schwester in Berliner Trümmerbergen schreiend herumwühlt und „geschwärzte und deformierte Überbleibsel von Körpern ans Licht“ zerrt, oder Günter de Bruyn (Jahrgang 1926) in Zwischenbilanz (1992) als Jugendlicher vor den Trümmern des Hauses steht, „in dem ich geboren und aufgewachsen war“, nachdem eine Luftmine im Hof detoniert war (seine Schwester half bis zum Morgen Tote und Verwundete wegzutragen) – das Fazit ist überall das gleiche: „Meine Kindheit war nun wohl wirklich zu Ende.“
Bisweilen war auch das Gefühl da, in der Stunde des Schreckens gewissermaßen erstarrt und dazu verurteilt zu sein, ein ewiges Kind zu bleiben: Wolf Biermann (Jahrgang 1936), der im Alter von sechs mit seiner Mutter durch das von der „Operation Gomorrha“ entfachte Hamburger Feuerinferno um sein Leben lief, hat sich später so geäußert. Über diese Nacht könne er einen Roman schreiben, schrieb Biermann 1995, wenn er denn Romane schreiben könnte. Er bilde sich ein, sagte er im Gespräch, daß in dieser Nacht der Grundstein dafür gelegt worden sei, daß er Lieder und Gedichte schreibt – immerhin sind auch zwei über den Bombenkrieg darunter: Jan Gat unterm Himmel in Rotterdam und Die Elbe bei Hamburg, verfaßt 1988 und 1993. Im letzteren Gedicht heißt es über Biermanns Erfahrung in jener Nacht: „Genau auf sechseinhalb blieb meine Lebensuhr da stehen.“
Biermann war in einer „komplizierten Interessensituation“ (so seine Formulierung im Gespräch): in Lebensgefahr durch jene Bomben, die seine Mutter, deren jüdischer Mann in Auschwitz ermordet worden war, eigentlich begrüßte. „Es wäre interessant“, antwortete er auf gezielte Nachfrage,

denselben Vorgang aus der Perspektive eines kleinen Jungen und einer Arbeiterfrau zu schildern, die weiß, daß ihr Mann gerade durch den Schornstein in Auschwitz gegangen ist und als Rauch in diesem verrauchten Himmel schon zuguckt, von oben. Das wäre, wenn ich denn einen Roman schreiben müßte, der raffinierte Drehpunkt, der die Sache dann auch interessant für andere Menschen macht. Denn nur Wunden vorzeigen, nur zeigen, wie schlimm es alles war und wie schrecklich – das ist die erste naive und menschliche Reaktion, aber nicht hinreichend für große Literatur. Und wenn man über sowas schon schreibt, dann reicht es nicht, daß das Feuer so groß war und das Entsetzen so gewaltig.

Die 1990er Jahre, das ist oft beschrieben worden, ließen in Deutschland viele politische und daraus folgende kulturelle Gewißheiten in sich zusammenbrechen, an die sich auch und gerade Intellektuelle und Schriftsteller geklammert hatten. Das erwies sich besonders deutlich an den Debatten über den Golfkrieg (1991) und den Krieg im Kosovo (1999), wo erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg in Europa wieder Bombeneinsätze – nun von der Nato – geflogen wurden. Gerade an diesen Schlägen aus der Luft entzündete sich die Diskussion, und es war auffällig, wie stark die Argumentation von frühen eigenen Erfahrungen und deren späterer Interpretation geprägt war, denn nun meldete sich vor allem die Generation der deutschen Kriegskinder zu Wort.
Dieter Forte, 1935 in Düsseldorf geboren, bezog eine deutlich pazifistische Position: Krieg erreiche immer nur teilweise das Ziel, für das er angeblich geführt werde; er töte Menschen auf qualvolle Weise, und die Überlebenden seien bis zu ihrem Tod gezeichnet. Und dann: „Ich habe den Krieg als Kind erlebt, monatelange Bombardierungen, wochenlange Kampfhandlungen, ich habe in der totalen Angst der auf mich herunterdröhnenden Bomben gelebt, einer Angst, die bis zum heutigen Tag in mir ist.“ Vielleicht sei dieses „Urgefühl des Krieges in mir“ daran schuld, daß er keinem Militär und Politiker auch nur annähernd glaube.
Fortes Romantrilogie Das Haus auf meinen Schultern erschien in den 1990er Jahren: Das Muster (1992), Der Junge mit den blutigen Schuhen (1995) und In der Erinnerung (1998). Der mittlere Band bietet eine der eindringlichsten Darstellungen des Luftkriegs in der deutschen Literatur überhaupt, der dritte schildert die unmittelbare Nachkriegszeit, das Leben inmitten von Trümmern, und er endet mit einem fast verwunderten Rückblick aus der Gegenwart. Vor allem diese beiden Bände sind Ergebnis eines von Forte mühsam erkämpften Eintauchens in die eigene Kindheit und ihre Schrecken. Er brauchte Jahrzehnte, um sich an dieses Thema heranzutrauen – wie auch andere aus der „Generation der Kinder in den Großstädten“, so Forte, „die sich erinnern können, wenn sie es können, wenn sie die Sprache dafür finden, und darauf muß man ein Leben warten“.
Später hat es Forte im Gespräch so beschrieben: Während des Schreibens habe sich in ihm etwas geöffnet.

Und die gesamte Erinnerung war da. Nicht nur das oberflächlich Behaltene, die gesamte Erinnerung. Auch der Schrecken und die Angst, die in mir ist. Es war ein richtiger Durchbruch. Ich habe geschrieben, geschrieben, die Manuskriptseiten sind kaum lesbar. [. . .] Im Grunde ist alles noch da, und vielleicht wollen die Menschen deswegen nichts davon hören.

Es sei sein Lebensinhalt, das zu berichten, „alles Vorherige war nur ein Umweg“. Und offenbar wirkt der Schock dieser Erfahrung bis heute nach. Bemerkenswert etwa, daß selbst Autoren, die erst im Krieg geboren wurden, die also überwiegend frühkindliche Erinnerungen an die Bombennächte haben, anschaulich von ihnen berichten, wenn auch zumeist bruchstückhaft. Monika Maron, 1941 in Berlin geboren, beschreibt in ihrem autobiographischen Buch Pawels Briefe (1999) Szenen im Luftschutzkeller, die sie im Alter von drei oder vier Jahren erlebt haben muß. Gleich zu Beginn der Erzählung – Untertitel: Eine Familiengeschichte – taucht die Frage auf, warum sie gerade jetzt über das Leben ihres jüdischen Großvaters schreiben wolle, „warum erst jetzt, warum jetzt noch“. Ihre Antwort: „Erinnerungen haben ihre Zeit.“
Bei Wolfgang Hilbig, der 1941 in Sachsen geboren wurde, ist es – mehr als 50 Jahre danach – ein Romanheld, der ebenfalls die Frage der Erinnerung thematisiert:

Und einmal war ihm der Knall der zerspringenden Lampe in den Schlaf gefahren, so tief dieser auch gewesen war, dunkel glaubte er sich der Explosion zu entsinnen, die schwach hereingedrungen war wie aus einem entfernten Gelände [. . .] so ähnlich mußten sich in den letzten Kriegsjahren die in den Straßen zerplatzenden Luftminen angehört haben, wenn er mit der Mutter im Keller Schutz gesucht hatte.

Hilbig hat verschiedentlich bestätigt, daß es sich dabei um eigene Erfahrungen handelt: „Meine ersten Erinnerungen, die ich zu haben glaube, sind fast immer geprägt vom Feuerschein und Rauch der Bombenangriffe auf die kleine Industriestadt, in der wir wohnten.“ Die Ruinen und Trümmer waren seine Spielstätten.
Europa in Ruinen – mit diesem Buchtitel hatte Enzensberger 1990 ein Jahrzehnt des Rückblicks eingeläutet: eine Collage aus den Reiseberichten der Jahre 1944 bis 1948, aus den Büchern und Reportagen von damaligen Besuchern in der Trümmerwelt, Texten, die längst vergessen und zum Teil nie übersetzt worden waren. „Hätte jemand den Höhlenbewohnern von Dresden oder Warschau damals eine Zukunft wie die des Jahres 1990 prophezeit“, so der Herausgeber und Arrangeur im Begleittext, „sie hätten ihn für verrückt gehalten. Ebenso unvorstellbar aber ist den Heutigen ihre eigene Vergangenheit geworden.“
Die Sebald-Debatte
Ende der 1990er Jahre tauchte erstmals die Frage in der Öffentlichkeit auf, ob sich die deutsche Literatur des Themas Luftkrieg gebührend und ausreichend angenommen habe. Es war W. G. Sebald (1944–2001), der sie 1997 in einer mehrteiligen Poetikvorlesung in Zürich stellte. Der Schriftsteller und Essayist – bis dato vornehmlich einem kleinen Kreis bekannt und geschätzt als melancholischer Erzähler fremder Schicksale, vor allem jüdischer Biographien, als Autor, der seine eigene Person allenfalls mit seiner Rechercheur-Rolle ins Spiel brachte – kam aus England angereist, wo er seit langem als Universitätsdozent lebte, und es war nicht ohne Reiz, daß er nun ausgerechnet vor einem staunenden Schweizer Publikum auf ein deutsches Problem zu sprechen kam, das er ein „mit einer Art Tabu behaftetes Familiengeheimnis“ nannte.
Seine Thesen über Luftkrieg und Literatur, die er zwei Jahre später auch in Buchform präsentierte, stießen jedenfalls von Anfang an auf großes Interesse. Sebald vertrat die Überzeugung,

daß sich die Nachgeborenen, wenn sie sich einzig auf die Zeugenschaft der Schriftsteller verlassen wollten, kaum ein Bild machen könnten vom Verlauf, von den Ausmaßen, von der Natur und den Folgen der durch den Bombenkrieg über Deutschland gebrachten Katastrophe.

Er sprach von der „Unfähigkeit einer ganzen Generation deutscher Autoren, das, was sie gesehen hatten, aufzuzeichnen und einzubringen in unser Gedächtnis“. Sein Fazit:

Gewiß gibt es den einen oder anderen Text, doch steht das wenige uns in der Literatur Überlieferte sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Hinsicht in keinem Verhältnis zu der extremen kollektiven Erfahrung jener Zeit.
Sebalds These vom weitreichenden und weitergereichten Tabu bezieht sich auf den Zustand Deutschlands bei Kriegsende. Als schandbares „Familiengeheimnis“, so glaubte er, seien die „finstersten Aspekte des von der weitaus überwältigenden Mehrheit der deutschen Bevölkerung miterlebten Schlußakts der Zerstörung“ empfunden worden, als Geheimnis, „das man vielleicht nicht einmal sich selber eingestehen konnte.“ Die Auswirkung, auch und nicht zuletzt auf die Literatur:

Der wahre Zustand der materiellen und moralischen Vernichtung, in welchem das ganze Land sich befand, durfte aufgrund einer stillschweigend eingegangenen und für alle gleichermaßen gültigen Vereinbarung nicht beschrieben werden.

Diesen Ansichten wurde zum Teil lebhaft widersprochen. In der Debatte, die sich schon 1998 an den Zürcher Vorlesungen entzündete, wurden im wesentlichen zwei Argumente gegen Sebald ins Feld geführt.

· Die Grundthese sei falsch: Daß der Luftkrieg in der deutschen Nachkriegsliteratur nicht stattgefunden habe, sei eine „paradoxe Übereinkunft“ (Günter Franzen) von Sebald und einigen anderen Literaturkennern; es hätten sich sehr wohl deutsche Schriftsteller „des Themas angenommen“, wobei diese Behauptung dann gewöhnlich mit dem einen oder anderen bisher in der Debatte nicht genannten Autoren- oder Textbeispiel begründet wurde (verwiesen wurde etwa auf Eberhard Panitz).

· Von einem Tabu könne keine Rede sein, es habe niemals ein Verbot gegeben, über den Luftkrieg zu reden und zu schreiben – alles andere sei „Unsinn“ (Jost Nolte).

Dem ersten Argument konnte Sebald einigermaßen gelassen entgegentreten: Er habe nach seinen Vorlesungen in Zürich – für ihn eine „unfertige Sammlung diverser Beobachtungen, Materialien und Thesen“ – auf Ergänzung und Korrektur gewartet, doch seien sie nicht gekommen. Stillschweigend baute er zwar einen Hinweis auf Ledigs Roman Vergeltung in die Buchfassung von Luftkrieg und Literatur ein, ignorierte aber andere Hinweise (etwa auf die Werke von Forte, Kempowski, Remarque oder Panitz). Tatsächlich liegt hier der angreifbarste Punkt von Sebalds Theorie: Trägt man die einzelnen Hinweise zusammen und forscht weiteren Beispielen nach, so ergibt sich am Ende ein literaturhistorisches Gesamtbild, das schon rein quantitativ zu einer Korrektur von Sebalds Ansicht zwingt. Vieles ist erst durch hartnäckige Recherche wiederzuentdecken, mühsam über Antiquariate zu besorgen, nur mit Glück zu finden: besonders Werke aus der unmittelbaren Nachkriegszeit. Die Lücke, die nicht nur von Sebald empfunden worden ist, war und ist weniger eine der Produktion als der Rezeption – es sind viele Romane und Erzählungen über den Luftkrieg publiziert worden, doch sie fielen schnell und gründlich dem Vergessen anheim, wenn sie denn überhaupt zur Kenntnis genommen wurden (ein Paradefall: Ledigs Vergeltung).
Tatsächlich hat der Luftkrieg überall seine Spuren hinterlassen, in den Erinnerungen und Andeutungen der Betroffenen, in den Gesichtern der Städte und auch in der deutschen Literatur. Die bisher zitierten und genannten Werke dürften allemal ausreichen, um das zu begründen, doch ist die Aufzählung der Titel keineswegs vollständig.
Was schließlich den zweiten Teil der 1998 geäußerten Argumente gegen Sebald angeht, die Frage des Tabus, so ist er vielleicht der interessantere. Vorab sollte festgehalten werden, daß dabei von der Situation in der alten Bundesrepublik ausgegangen wird – in der DDR war die Tabuproblematik deutlich anders gelagert. „Über Dresden wurde gesprochen“, erinnert sich etwa Monika Maron im Gespräch. „Es war immer der anglo-amerikanische Angriff, das war eine stehende Formulierung. Aber alles andere war ein Tabu, etwa die Vergewaltigungen.“ Dagegen steht für Forte fest, der ansonsten gegenüber Sebalds Buch eine durchaus kritische Haltung eingenommen hat: „Es wurde doch eigentlich alles verschwiegen, die wenigen Ansätze, die es gab, endeten schnell in einer selbstgefälligen Literatur, das Trauma wurde zu einem Tabu.“
Auffällig ist und bleibt jedenfalls, daß sich, was die Belletristik angeht, das Thema Luftkrieg weitgehend abseits dessen abgespielt hat, was als Kanon der deutschen Nachkriegsliteratur gelten kann. Schwer zu entscheiden dabei, ob das Eingehen auf das nach Sebalds Meinung vom Tabu umstellte Thema den Erfolg der entsprechenden Werke und ihrer Verfasser verhindert hat oder ob umgekehrt die später so erfolgreichen und prominenten Autoren das heikle Gelände von Anfang klug gemieden haben. Einer davon, Günter Grass, hat Sebalds These, ohne ihn beim Namen zu nennen, indirekt und spät, aber deutlich zugestimmt, als er im Jahr 2000 in einer Rede über die Folgen des „bedenkenlos begonnenen und verbrecherisch geführten Krieges“ sprach. Diese Folgen seien die Zerstörung deutscher Städte, der Tod Hunderttausender Zivilisten durch Flächenbombardierung und die Vertreibung, das Flüchtlingselend von zwölf Millionen Ostdeutschen“ gewesen – bisher „nur Thema im Hintergrund“, so Grass: „Selbst in der Nachkriegsliteratur fand die Erinnerung an die vielen Toten der Bombennächte und Massenflucht nur wenig Raum.“
Der Nobelpreisträger wandte sich als Erzähler allerdings nicht dem Luftkrieg zu, sondern – in seiner Novelle Im Krebsgang (2002) – dem Thema der Flucht und Vertreibung. Freilich könnte sich das, was in diesem Buch über die nicht erfüllte „Aufgabe seiner Generation“ zu lesen ist (formuliert von einem „Alten“, der Grass stark ähnelt), sich genausogut auf den Bombenkrieg beziehen:

Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos . . .

Das „gemiedene Thema“, das Gefühl, es „dürfte nur jener und nicht dieser Toten gedacht werden“ – was umschreibt besser den Begriff des Tabus? Damit ist ja nicht im religiösen Sinn ein tradiertes, von Strafandrohung gestütztes Verbot gemeint, sondern so etwas wie ein ungeschriebenes Gesetz, die stillschweigende Übereinkunft einer Gesellschaft, über bestimmte Dinge nicht oder nur mit Vorsicht zu reden. Wenn man das Wort seiner negativen Bedeutung entkleidet, können sich hinter einem Tabu auch unausgesprochene Einsichten verbergen, eine begründete Zurückhaltung, eine mehr oder weniger unbewußte Scheu und Berührungsangst. Daß sich weniger skrupulöse Autoren in der Nachkriegszeit ohne viel Problembewußtsein auf das Thema Luftkrieg warfen, muß nicht gegen diese Überlegung sprechen – auch nicht der Umstand, daß auf der anderen Seite vielleicht nicht so sehr die Wirkung des Tabus, sondern die Einsicht in die immensen handwerklichen Schwierigkeiten beim Umgang mit diesem Thema manchen Autor zum Schweigen geführt hat.
Wer immer von den Jüngeren sich später dem Sujet näherte, tat es jedenfalls mit Skrupeln, mit einem spürbaren Zögern – manche nur halbherzig wie Biermann, der in Versen und einer autobiographischen Skizze sein Erleben umrissen hat, aber erklärt, er könne keinen Roman darüber schreiben. Alexander Kluge hält ein „inneres Gefühl von Proportionen“ beim Schreiben für nötig: „Ohne das Kapitel ‚Verschrottung durch Arbeit’, das sich mit einem KZ bei Halberstadt befaßt, mit dem ich mich vorher ausführlich beschäftigt habe, hätte ich auch den Luftangriff nicht erzählen können.“ Auch Sebald sagt, er habe sich dem Bombenkrieg nur mit seinen früheren Büchern im Rücken literarisch nähern können – nur auf Grund der dort beschriebenen Leiden von Emigranten und Verfolgten habe er gedacht, es sich erlauben zu können, auch über dieses Thema „einiges vorzubringen“, und daß „der Beifall von der falschen Seite, der zu erwarten war, mir nicht zu nahe kommen würde“.
Das Unbehagen bei diesem Thema wird noch lange nicht, vielleicht niemals nachlassen. Jeder kennt es, der sich überhaupt mit der Materie beschäftigt (nicht wenige weisen jedes Interesse daran weit von sich) – es liegt in ihr begründet: Die Masse der Toten ist zu unvorstellbar, die einzelnen Schicksale sind zu unbegreiflich, die finstere Sogkraft der Leichen im Keller zu beängstigend, als daß so einfach darüber zu reden und nachzudenken wäre. Hätte es nur einen großen Angriff dieser Art gegeben, etwa den auf Darmstadt, wo am 11. September 1944 in zwanzig Minuten mehr als 12 000 Menschen starben, dann wäre das vielleicht ein Ereignis, das zu tradieren wäre wie einst das berühmte Erdbeben von Lissabon. Doch 600 000 Tote am Boden und 100 000 zusätzlich in der Luft (das sollte nicht vergessen werden: die alliierten Flieger starben in unfaßbar großer Zahl auf ähnlich entsetzliche Weise) – da stößt jede Form von Erzählung am Ende an ihre Grenzen.
Schon deswegen war der Bombenkrieg in all den Jahrzehnten nach dem Krieg auch außerhalb der Literatur kein sehr beliebtes Thema, auch wenn das in den Familien unterschiedlich gehandhabt worden sein mag. Denn so wenig sich die Kriegsgeneration in den Jahren nach 1945 überhaupt vorstellen konnte, jemals etwas anderes als Trümmer um sich herum zu sehen, so energisch und konsequent wollte sie in dem Moment nichts mehr von alledem wissen, als sich in der Bundesrepublik früher als erwartet ein neuer Wohlstand abzeichnete.
Die immer wieder gestellte Frage, ob das „Tätervolk“ sich mit seinen eigenen Opfern beschäftigen dürfe, ist vielleicht am ehesten mit dem schlichten Hinweis zu beantworten, daß es einen Unterschied macht, ob Schriftsteller (oder auch andere), wie gleich nach Kriegsende oft genug geschehen, sich diesen Leidenserfahrungen zuwenden, bevor auch nur den Versuch unternommen wurde, das von den Deutschen angerichtete weltweite Leid zur Kenntnis zu nehmen, – oder aber ein halbes Jahrhundert danach, zu einer Zeit, wo die Leugner des Genozids nur mehr in einem verschwindend kleinen Haufen Verwirrter zu finden sind. Und wo doch bei der Frage, wer schuldig geworden sei bei der Zerstörung der deutschen Städte, gar eines Kriegsverbrechens, einer in erster Linie zu nennen ist: der „grausige Mann“, wie Hitler in Thomas Manns Doktor Faustus (1947) genannt wird. Oder wie es Bertolt Brecht schon 1944 im Gedicht sagte:

Das sind die Städte, wo wir unser „Heil!“
Den Weltzerstörern einst entgegenröhrten.
Und unsere Städte sind auch nur Teil
Von all den Städten, welche wir zerstörten.

Dorothea Redepenning | 281

Ricorda cosa ti hanno fatto in Auschwitz
Musik gegen Gewalt und Krieg
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In der Musikgeschichte Europas hatte sich ein Konsens darüber heraus-gebildet, wie Klage und Trauer zu klingen haben. Angesichts des millionenfachen Todes und des Ausmaßes der Zerstörung durch die nationalsozialistische Vernichtungspolitik und den Zweiten Weltkrieg greifen westliche Komponisten zu einer anderen musikalischen Sprache: zu Atonalität und der Zwölftontechnik. Sie gilt ihnen als integer, weil sie unter den Nationalsozialisten als „entartet“ inkriminiert war. Die Werke von Luigi Dallapiccola, Arnold Schönberg, Karl Amadeus Hartmann und Luigi Nono sowie Dmitrij Šostakovič, der sich anderer kompositorischer Verfahren bedient, demonstrieren, wie Musik als Gedächtnisspeicher fungiert und zu einem Ort individueller, kollektiver und transnationaler Erinnerung wird. Schließen

Hanno Loewy | 308

Bei Vollmond: Holokaust
Genretheoretische Bemerkungen zu einer Dokumentation des ZDF
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Die Geschichtsredaktion des ZDF unter Leitung von Guido Knopp produziert Dokumentationen über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. Sie stoßen auf große Zuschauerresonanz. Für die Folgen von Holokaust zur Geschichte der Vernichtung der europäischen Juden unternahmen die Produzenten beispiellose Anstrengungen. Das Ergebnisist eine sorgfältig recherchierte Geschichtsdokumentation. Doch Holokaust ist vor allem ein Drama: eine hochgradig synthetisierte und homogenisierte Geschichte, die einem klaren Plot folgt, dem die verwendeten Materialien bedingungslos untergeordnet werden, bei aller historischer Korrektheit im Detail: Holokaust soll eine tragische Geschichte erzählen, oder das, was in einem Horrorfilm an „Tragischem“ möglich ist: Geschichtenvon verstrickten, schuldlos-schuldigen Menschen, vom Schicksal geschlagen, verführt oder traumatisiert von einem Dämon, deraus Menschen Unmenschen gemacht hat. Der Preis ist eine Homogenisierung von Tätern und Opfern. Schließen

Neja Zorkaja | 319

Kino in Zeiten des Krieges
Visualisierungen von 1941 bis 1945
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Das Kino ist ein Spiegel der Realität. Die Filme, die von 1941 bis 1945 entstanden, wurden lange als Agitation und reine Propaganda interpretiert. Dabei handelt es sich um eine Fehldeutung. Die kinematographisch reflektierte Dynamik und Bildsprache dieser Zeit nehmen das Kino derTauwetterperiode, den Aufbruch der 1960er Jahre voraus. Die Filme der Kriegszeit lassen einen Riß im monolithischen ästhetischen System des Sowjetkinos im Stalinismus erkennen. Unter dem direkten Einfluß der Kriegswirklichkeit entsteht ein anderes Kino. Tränen, Leiden, Angst und Erniedrigung finden Eingang ins Filmbild. Der Krieg gab der Kunst größere Freiheit – eine tragische Paradoxie der Zeit. Schließen

Isabelle de Keghel | 337

Ungewöhnliche Perspektiven
Der Zweite Weltkrieg in neueren rußländischen Filmen
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Anläßlich des 60. Jahrestages des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg dominiert in Rußland der „heroische Diskurs“. Daneben existieren jedoch auch andere, erstaunlich vielschichtige Sichtweisen des Krieges. Der Beitrag stellt diese im Westen wenig bekannten Perspektiven anhand neuerer rußländischer Filme vor. Im Mittelpunkt steht dabei der vielfach prämierte Film Svoi (Die Unsrigen) von Dmitrij Meschiev. Schließen

Natal’ja Konradova, Anna Ryleva | 347

Helden und Opfer
Denkmäler in Rußland und Deutschland
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Denkmäler geben Auskunft über kollektive Erinnerung und nationale Geschichtsbilder. Privat errichtete Denkmäler dienen dem Gedenken an Angehörige. Staatliche Denkmäler, die sich einer formelhaften Sprachebedienen, haben weitere Funktionen. Seit der Antike dienen sie der Verherrlichung des Staates, der Festigung der Macht und der Stiftung von Gemeinschaftsgefühl. Die Denkmäler des Großen Vaterländischen Kriegesin Rußland zeigen, wie sich die Gedenkpraxis verschiebt: Das individuelle Gedenken der Opfer in der Nachkriegszeit weicht dem verstaatlichten Gedenken, das von Normierung, Ideologisierung und Heroisierung gekennzeichnet ist. Heute stehen traditionelle und neue Formen und Aussagen nebeneinander: Pathos und Heroik neben dem Stillen und der Akzentuierung der Opfer. Ein Seitenblick auf die Gedenkpraxis und Denkmalspolitik in Deutschland zeigt, daß nach dem Dritten Reich eine Amnesie herrschte und heute primär der Opfer gedacht wird. Schließen

Natalija Danilova | 367

Kontinuität und Wandel
Die Denkmäler des Afghanistankrieges
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Neben die Erinnerung an den Zweiten Krieg ist in Rußlands öffentlichem Raum das Gedenken an den Afghanistankrieg getreten. Hunderte von Denkmälern für die dort Gefallenen bieten Anschauung, wie sich die Erinnerungskultur verändert. Drei Typen von Mahnmalen lassen sich unterscheiden. Denkmäler, die von Veteranen im Bewußtsein errichtet worden sind, nach Afghanistan geschickt und vom Staat verraten worden zu sein, sind frei von staatlicher oder nationaler Symbolik. Die Formensprache betont Trauer um die Kameraden. Der zweite Typ sind religiös aufgeladene Denkmäler. Sie betonen das Motiv der Reue. Gleichzeitig spiegeln sie die patriotische Wende und die veränderte Stellung der russisch-orthodoxen Kirche ab Mitte der 1990er Jahre wider. Denkmäler, welche die traditionelle sowjetische Form der Erinnerung reproduzieren, verkörpern das dritte Deutungsfeld. In ihrer Monumentalität und Symbolik schlagen sie eine Brücke vom Großen Vaterländischen Krieg zum Tod in Afghanistan. Schließen

Erinnerungswege

Aleksej Levinson | 387

Gerechte Kriege
Krieg und Land als ethische Kategorien
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Das Urteil von Rußlands öffentlicher Meinung lautet: Der Große Vaterländische Krieg war ein gerechtfertigter Krieg. Alle anderen Kriege des vergangenen Jahrhunderts, darunter auch die in Afghanistan und in Tschetschenien, gelten als nicht gerechtfertigt. Darin kommt nicht nur die a priori höhere Legitimität des Verteidigungskrieges zum Ausdruck, sondern auch, daß die Bevölkerung in Rußland Kriege ungewöhnlich stark von der Position der Territorialität aus beurteilt. Hierbei handelt es sichum eine imperiale Denktradition. Raum ist die wichtigste Ressource eines Imperiums. Krieg gilt dann als gerechtfertigt, wenn er um Raum geführt wird und die „Anhäufung von Land“ fortsetzt. Schließen

Pavel Poljan | 394

Sieg nach Plan
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Der 60. Jahrestag des Siegs im Krieg ist eine Herausforderung. Sie bewältigt die Bürokratie. Per Erlaß setzte Präsident Putin im Jahr 2000 das Organisationskomitee Pobeda (Sieg) ein. Die Zusammensetzung des Komitees, seine Arbeit und die Ergebnisse spiegeln die Realität, die sich in Rußland in den letzten Jahren herausgebildet hat. Einige Konflikte und Beschlüsse atmenden Geist der Politischen Hauptverwaltung der Roten Armee. Schließen

Georgij Ramazašvili | 407

Geschichtsreinigung als Beruf
Das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums
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Geschichte ist Macht. Über den Zugang zu dieser Macht entscheidet der, der über den Schlüssel zu den Archiven verfügt, ohne die keine Geschichte geschrieben werden kann. Einer der Gralshüter der Geschichte des Großen Vaterländischen Kriegs ist in Rußland das Verteidigungsministerium. Zwar gibt es ein Archivgesetz, doch das kümmert das Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums wenig. Das Verhalten, das seine Mitarbeiter gegenüber Historikern an den Tag legen, grenzt an Sabotage. Sabotiert wird die Aufklärung über das, was wirklich 1941–1945 geschah.Wen mag es da wundern, daß die Mythen über den Krieg auch sechzig Jahre nach seinem Ende sprießen und die Historiker ihnen wenig entgegenzusetzen haben. Schließen

Irina Ščerbakova | 419

Landkarte der Erinnerung
Jugendliche berichten über den Krieg
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1999 rief MEMORIAL einen Geschichtswettbewerb für Oberschüler ins Leben. In den 15 000 seither eingegangen Arbeiten spielt der Große Vaterländische Krieg eine wichtige Rolle. In der Regel geben die Beiträge der Jugendlichen das wieder, was die gewöhnliche bäuerliche Familienbiographie darstellt: Junge Bauern wurden eingezogen, gingen fort, ihre schwere Pflicht zu erfüllen, schafften es mit Glück, ein, zwei unbeholfene Briefe zu schreiben und fanden den Tod. Die Erinnerungen an den Krieg stammen von Großmüttern und Urgroßmüttern. Die aufgeschriebenen Erzählungen der Jugendlichen bieten ein einmaliges Bild über den Alltag im Hinterland des Krieges. Sie zeigen auch, daß sich die Erinnerungen regional und ethnisch unterscheiden. Assoziieren die einen mit dem Krieg die Besatzung, so war er für andere verbunden mit Deportation und für dritte mit Evakuation. Jede Form bietet aber Anreiz zur Reflexion, zum Nachdenken und zur Erinnerung. Schließen

Irina Pruss | 433

Omas und Enkel
Ein anderer Blick auf die Sowjetgeschichte
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In der offiziellen Geschichtsschreibung der UdSSR hatten das Leiden, die Erniedrigung und die Gewalt, die die Menschen durchleben mußten, keinen Raum. Erst in der Perestrojka kam Bewegung in das manipulierte Geschichtsbild. Doch bis heute halten sich alte Stereotypen. Ein Geschichtswettbewerb der Organisation Memorial hat einen anderen Blickauf die sowjetische Geschichte zutage gefördert. Junge Menschen schreiben auf, was ihre Großeltern und Zeitzeugen von damals zu berichten haben. Es ist die Geschichte der kleinen Leute, der Zeitzeugen von Kollektivierung, Repressionen und dem Großen Vaterländischen Krieg, der in den Darstellungen des einfachen Soldaten an Größe verliert. Aus den Tausenden von Erzählungen und Aufsätzen entsteht ein kollektives Gedächtnis eigener Art. Schließen

Žanna Kormina, Sergej Štyrkov | 444

Niemand und nichts ist vergessen
Die Okkupation in mündlichen Zeugnissen
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Die Oral History eröffnet andere Einsichten in den Kriegsalltag als die staatlich kanonisierte Meistererzählung der Kriegsgeschichte. Menschen aus einem Dorf im Gebiet Pskov erzählen von der deutschen Besatzung, von Partisanen und einer Massenerschießung. Das Erinnerte bezieht sich auf einzelne Fälle. Moralische Wertungen werden nur auf dieser Grundlage über Bekanntes und Erlebtes gefällt. Dadurch werden die aus den Meisterzählungen vertrauten Stereotypen, normativen Urteile und Dichotomien wie Freund–Feind oder Gut–Böse brüchig. Die Weitergabe des Erlebten läßt lokale Erinnerungsgemeinschaften entstehen, die aus der Geschichte Identität schöpfen. Schließen

Gabriele Freitag | 462

NS-Zwangsarbeit – 60 Jahre später
Die Arbeit der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“
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Nachdem das Schicksal ehemaliger NS-Zwangsarbeiter in Deutschland jahrzehntelang kaum Aufmerksamkeit genossen hatte, wurde im Jahr 2000 mit Mitteln des Bundes und der deutschen Wirtschaft die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ eingerichtet. Der größte Teil ihres Kapitals ist für individuelle Leistungen an diese Opfergruppe vorgesehen. 1,6 Millionen Empfänger haben bisher Zahlungen in Höhe von 4 Milliarden Euro erhalten. Schließen