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Europa bilden
Politische Bildung zwischen Ost und West

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Agathe Gebert, Achim Güssgen (Hg.)
256 Seiten, 10 Abbildungen, 20 Karten
Berlin (BWV) 2005[= Osteuropa 8/2005]
Preis: 15,00 €
ISBN: 3-8305-1042-X

Coverbild

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Agathe Gebert, Achim Güssgen | 5

Editorial
Europa denken, Europa bilden, Europa bauen
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Das alte Europa ist Geschichte. Die vermeintlich ewigen, klaren Unterscheidungen des Ost-West-Konflikts sind längst dahin. Doch noch immer lösen sich Gewißheiten und Zugehörigkeiten auf, Verbindungen und Grenzen werden neu gezogen. „Der Zerfall ist die Stunde der Desillusionierung, also der Aufklärung“, schreibt Karl Schlögel in diesem Heft. Und wenn das Scheitern der Referenden über den Verfassungsvertrag der Europäischen Union in Frankreich und in den Niederlanden einen Sinn hat, dann den einen: innezuhalten, nachzudenken und sich selbst Aufklärung darüber zu verschaffen, wohin die Reise in und mit Europa gehen soll. Wo steht Europa heute? Ein Blick in einen Rahmenlehrplan zur politischen Bildung könnte Auskunft geben. Das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg hat 2002 einen solchen für die Sekundarstufe I vorgelegt. Die Schüler sollen „Funktion und Aufgabe der Organe der Europäischen Union“ kennen: „Europarat, Europäisches Parlament, Europäischer Gerichtshof“. Europarat? Das ist weit in die Zukunft gedacht. Vielleicht werden sich wirklich alle Mitgliedstaaten des Europarats einst unter dem Dach der EU zusammenfinden und die Präsidenten Armeniens oder Azerbajdžans an den Gipfeltreffen des Europäischen Rats teilnehmen. Europarat hin, Europäischer Rat her – guter Rat ist teuer, und Hochmut ist der schlechteste Ratgeber. Der Lapsus auf höchstem bildungspolitischen Parkett zeigt vielmehr eines: Europa ist kompliziert geworden. Das Tempo des Umbaus, Anbaus oder Neubaus des europäischen Hauses ist so hoch, der Wandel Europas mit den Vertiefungen, Erweiterungen, Neuordnungen und institutionellen Überlappungen vollzieht sich so schnell, daß sich selbst Profis permanent neu orientieren müssen und nur allzu häufig in die Spezialisierung flüchten. Wie mag es Schülerinnen und Schülern, Studierenden oder Menschen in der Erwachsenenbildung gehen? Als Lernenden wird ihnen der Blick fürs Ganze abverlangt, und als Bürger müssen sie die Zusammenhänge kennen, sich „an die Stelle jedes anderen versetzen“ (Kant), um politische Urteilskraft zu erlangen. So sind die Neuordnung des alten Ostens und des ehemaligen Westens zwei Seiten der einen europäischen Medaille. Wer Europa bilden will, kommt nicht umhin, sie gleichzeitig zu betrachten und die Herausforderungen zusammenzudenken. Das gilt insbesondere für die politische Bildung. Diese sieht sich mit einer paradoxen Situation konfrontiert. Ihre Aufgaben sind angesichts der neuen Unübersichtlichkeit, die Verunsicherung hervorruft, enorm gewachsen. Eine demokratische Kultur, zu deren Entstehung und Bewahrung die politische Bildung beiträgt, ist nie gefestigt. Sie bedarf der ständigen Pflege, gerade in Zeiten eines europäischen und globalen Umbruchs. Doch scheint die politische Einsicht in die Notwendigkeit der politischen Bildung – auch und gerade über den Osten Europas – zu schwinden. Wie geht die politische Bildung damit um, welche Wege hat sie im bewegten vergangenen Jahrzehnt beschritten, welche Erfahrungen gesammelt, welche Ziele setzt sie sich heute? Diese Fragen stellen sich im vorliegenden Heft Analytiker und Praktiker, Theoretiker und Menschen, die ihr Wirken nie als Beitrag zur politischen Bildung begriffen hätten. Das Heft ist ein Ort theoretischer Reflexion und praktischer Orientierung. Es ist das Ergebnis einer Kooperation zwischen der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und Osteuropa. Schließen

Karl Schlögel | 9 | Volltext

Archipel Europa
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Das Europa des Kalten Krieges hat sich aufgelöst. Anstelle eines einst homogenen Raums – „der Osten“, „der Westen“ – finden sich jetzt Fragmente, Enklaven, Inseln. Für manchen ist das nur Stückwerk, aber in Wahrheit sind es die Teile, aus denen das neue Europa sich zusammenfügt. Der Zerfall ist die Form der Erneuerung, für einen Augenblick wenigstens. Es bringt mehr, sich an die Fragmente zu halten – sie sind reell – als an das Ganze, das vorerst doch nur ein Versprechen ist. Die offizielle Rhetorik hat dem nachgegeben, wenn sie die Fragmentierung, den Zerfall als Pluralisierung, als „Vielfalt in Einheit“ feiert. Der Zerfall ist die Stunde der Desillusionierung, also der Aufklärung. Es zeigen sich dann auch die Kräfte, die ins Spiel kommen müssen, wenn etwas Neues entstehen soll. Schließen

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Europa bilden
Politische Bildung zwischen Ost und West
Berlin (8/2005)
Seite 9 - 26


Karl Schlögel

Archipel Europa

Rotterdam, Europort, Mouth of Europe. Europa hat seine eingebildeten Hauptstädte und seine wahren. In den eingebildeten laufen die Inszenierungen der Macht, die Rituale der Selbstdarstellung. Von dort kommt der Hintergrund der Pressekonferenz, auf der die Mächtigen sich erklären. Aus den wahren Hauptstädten kommen keine Presseerklärungen. Sie drehen sich um Alltagsgeschäfte, nicht um Haupt- und Staatsaktionen. Rotterdam ist eine Hauptstadt Europas, von der alle leben, von der aber kaum jemand Notiz nimmt. Über Rotterdam wendet sich Europa den Weltmeeren, der Welt zu. Im Delta von Schelde, Maas und Rhein ergießt sich der größte Strom des westlichen Europa ins Meer. Über das Delta nimmt die Welt Kontakt auf mit Europa. Alle großen europäischen Verkehrslinien führen nach Rotterdam, von Rotterdam führen die Wege nach ganz Europa, vor allem den Rhein hinauf: Ruhrgebiet, Köln, Frankfurt, Straßburg, Basel, Lyon, Marseille, Barcelona, Mailand. Rotterdam ist der Endpunkt der „Blauen Banane“, jener Hochenergie- und Hochleistungszone, die zu einer der Hauptachsen Europas geworden ist. Die angemessenste Form, sich mit dieser Hauptstadt Europas vertraut zu machen, ist eine Rundfahrt im Rotterdamer Hafen, wenn das Schiff durch die Hafenbecken gleitet, zwischen den Abertausenden, turmhoch gestapelten Containertürmen hindurch, jenen Städten, die ständig in Bewegung sind, bald emporwachsen und bald abgetragen und anderswohin transportiert werden.


Sie haben noch alte Namen, die etwas vom alten, vom kolonialen Europa erzählen, von Batavia, Sumatra und anderen fernen Regionen. Wer wissen will, was hier zusammenläuft, muß sich die Aufschriften auf den Containern ansehen, die Flaggen auf den Schiffen, den Tankern, muß sich die Namen der Reedereien und Speditionen notieren. Rotterdam ist die Stadt des großen Erasmus, aber vor allem der Ort, an dem Europa gedacht, gemacht wird: jeden Tag, Stunde für Stunde. Käme die Rotterdamer Bewegung zum Stillstand, würde der Mund und die Mündung Europas für einen Augenblick auch nur geschlossen, der ganze Kontinent würde sich in Konvulsionen winden, die Bewegung auf den Autobahnen käme zum Stillstand, die Anzeigetafeln in den Börsensälen würden verrückt spielen. In Rotterdam wird das Tempo Europas gemacht. In Rotterdam beginnt jedes Stückgut seine Reise nach Europa. Europa hängt an Rotterdam, wo diese Bewegung beginnt. Und Rotterdam ist eine neue Stadt. Die Stadt, die samt ihren Werften und Kaianlagen durch die deutschen Luftangriffe in Schutt und Asche gelegt war, ist ein großer Neubau, wie Europa nach 1945.


Heathrow: Die Kreisbewegungen im Himmel über London. Kein Ort in Europa ist so nah an der Welt wie London. Fast immer hat man eine halbe Stunde Zeit, darüber nachzudenken, wenn das Flugzeug sich London-Heathrow nähert, aber in der Warteschleife ausharren muß. Das Flugzeug schraubt sich hinab, im Verbund mit den anderen Flugzeugen, die auch noch nicht an der Reihe sind. Man hat Zeit, das Stadtbild zu studieren, wenn man mehrmals über dieselben Stellen hinwegfliegt: Greenwich, Canary Wharf, Tower-Bridge, das Parlament, Hyde Park, Windsor Castle, ein Schwenk nach Norden und Osten und das ganze noch einmal. Mit den Terminals streckt sich London der Welt entgegen, versucht Ordnung in das Chaos der Bewegungen zu bringen, sie zu kanalisieren, zu ordnen. Welche Masse der unentwegt Bewegten. Welche Geduld der Bewegungserfahrenen. Wie sie sich versiert, erfahren, unaufgeregt durch die Tunnels, die Lifte, die Umleitungen, die Treppen hinauf und hinab bewegen. Ein Relais, ein Scharnier des Weltverkehrs. Ein Tor zur Welt, das mit seinen Labyrinthen eher unter der Erdoberfläche liegt. Europa und die Welt: das ist die Prozedur: Check-In, Paß-Vorzeigen, Security, die geübte Geste, das Lächeln, die Routine. Die eingeübte, gelernte, zur zweiten Natur gewordene Weltläufigkeit. In der sich hinabschraubenden Bewegung im Himmel über London ist etwas vom Sog Europas und von der Attraktion der Welt draußen zu spüren. In der Verbindung zur Welt, die täglich, stündlich, auf die Sekunde genau hergestellt wird, ist mehr Kraft, mehr Evidenz als in den Löwen, die das Empire symbolisieren, und mehr Plausibilität als in den Imperial Archives. Diese Schraubenbewegung, die Warteschleifen im Himmel von London, verbinden Europa mit der Welt. Stau, Potenz, Andrang.


Die Schwimmer im Thermalbad des Hotel Gellert, Budapest. Im Gellert, das seiner Übernahme durch eine starke Aktiengesellschaft entgegensieht, schwimmen noch immer die Gäste. Man tritt gleichsam auf die Veranda hinaus, hat vor sich die Budaer Berge und im Rücken die Stadt, genießt die heißen Quellen und ist doch im Zentrum einer Metropole. Das Publikum besteht – winters wie sommers – aus älteren Herrschaften. Die jungen Leute bevorzugen Gyms und Fitneß-Center. Die Schwimmer im Bassin des Gellert kommen aus Österreich, Deutschland, Holland, Italien. Sie waren die Gewinnler der europäischen Einigung schon vor der EU-Erweiterung und wenigstens noch für die Zeit, da die Luxussanierung noch nicht abgeschlossen ist. Die wohlsituierten Gäste, die mit Bussen in die Stadt gekommen sind, füllen die großbürgerlich-feudalen Kulissen. Auch das Europa der Rentiers hat seine Orte: das Thermalbad des Gellert, die Hotelanlagen auf den Balearen, die Überwinterungszentren an der türkischen Riviera. Aber die Inwertsetzung, die sich vorerst der Rentner bedient, wird dem Rentiersaufenhalt bald ein Ende setzen – oder hat es schon. Die luxuriöse Geselligkeit der Alten, die meist aus dem Westen kommen, ist durchaus der Rede wert. Es macht einen Unterschied in Europa, ob man alt wird oder Senior ist.

Edward Hoppers Tankstelle: LUKOIL, ORLEN, BP, SHELL. Das neue Europa hat eine neue Farbe. Sie sticht gegen den Nachthimmel. Sie ist grell. Sie ist unverwechselbar wie das Zeichen. Der Schriftzug der Ölgesellschaft ist ein Signal, das man schon von Ferne erkennt. Er ist die Signatur des mobil gewordenen östlichen Europa. Das neue Europa ist mobil. Das mobile Europa ist Tankstelleneuropa. Tankstellen haben einen bestimmten Stil, eine eigene Ästhetik, ein spezifisches Design. Es erinnert an die trostlos-lakonischen Bilder von Edward Hopper. Zum Tankstellendesign gehören: daß sie neu sind, daß sie transparent sind, daß sie leuchten in allen Neonfarben, vorzugsweise in den Farben der Company – Shell, BP, Aral –, daß sie den ganzen Regenbogen des standardisierten Sortiments an Getränken, Magazinen, Zigaretten führen. Sie waren die Pioniere der Digitalisierung und des alltäglichen bargeldlosen Zahlungsverkehrs. Die elektronischen Preistafeln geben die leiseste Schwankung auf dem Erdölmarkt weiter, egal wo wir sind. Die Welt, die einmal feststand, die Preise, die so sicher waren wie die Staatsmacht, schwanken nun so zart und sensibel wie ein Lufthauch oder ein Schmetterlingsflügel. Alles geht nun schnell. Der Übergang zur neuen Routine ist spurlos vollzogen, das Umrechnen geht vor sich, als hätte es niemals zuvor fremde Währungen und Verdacht gegeben. Die Tankstellen im neuen Europa sind Zentrifugen der wachsenden Routine und der Normalisierung. Wie überall in der Welt finden sich Leute ein, die dort nur ihren Kaffee oder ihr Bier trinken wollen. Sie wirken wie Fossile in einer Welt, in der alles neu geworden ist. Die Internationale der Tankstellen macht das Leben leicht, schnell, unbedenklich. Man kann sich auf Wichtigeres konzentrieren.

IKEA an der Leningrader Chaussee. Europäisierung ist Herstellung einheitlicher Standards: im Design, im Service, in den Routinen der Logistik, im Rhythmus von Arbeiten und Freizeit. Ganz Europa ruht auf der Erwartung, daß die Routinen unverrückbar und unerschütterlich sind. IKEA ist eine komplette Welt, ein internationales Netz von Filialen. Das erstaunlichste daran sind nicht die Lampen oder die Regale, sondern die Homogenität der Standards. Sie sind so einheitlich wie das Design der Möbel. Institutionen wie IKEA verkaufen Präzision, Verläßlichkeit. IKEA ist identisch, wo immer eine Filiale eröffnet. IKEA an der Leningrader Chaussee im Moskauer Norden, nun auch an der Warschauer Chaussee und an anderen Stellen weitet das Imperium der identischen Maßstäbe und des identischen Designs aus. Es wird zum Maß anderer Dinge.

Hochgeschwindigkeitstrassen. Europa wird Jahr für Jahr, Monat für Monat, Tag für Tag hergestellt. Die Bewegung, die es zusammenhält, ist sein Grundmodus. Würde die Bewegung auch nur für einen Augenblick aussetzen, Europa fiele in seine Bestandteile auseinander. Die Verfertigung Europas kann man bevorzugt an bestimmten Plätzen studieren: auf Flughäfen, Autobahnen, Hochgeschwindigkeitstrassen. Die Hochgeschwindigkeitsverbindungen machen das große Europa zu einem kleinen Kontinent. Die Grenzen der einzelnen Staaten sind überschritten, noch bevor der TGV so richtig in Fahrt gekommen ist. Der Nationalstaat ist zu klein für Hochgeschwindigkeitszüge.


Kiew: Verschiebung der Geographie. Am Rande Europas tauchen plötzlich goldene Kuppeln auf. Europa ist noch immer im Fluß, unfertig. Vom Zentrum aus übersehen wir kaum, was sich an den Rändern tut. Wir wissen nicht einmal, wo die Grenze verläuft. Die Grenze ist dort, wofür sich niemand interessiert. Und dann ändert sich die ganze Landkarte mit einem Mal, von heute auf morgen. Wie bei einem Beben, wie bei einer tektonischen Verschiebung hebt sich plötzlich der Boden, etwas taucht aus den Fluten auf. Zunächst sind es nur Meldungen im Fernsehen über Unregelmäßigkeiten bei irgendeiner Wahl in der Ferne, dann deuten sich Konflikte, Einmischungen, Unannehmlichkeiten an. Die Menge versammelt sich alltäglich, allnächtlich auf dem größten Platz der Stadt, im Rund eines monumentalen Platzes, wie er nur nach einem großen Krieg in einer Stadt angelegt werden konnte, deren Zentrum vollständig zerstört war. Die Menge ist freudig gestimmt, die Augen der Menschen leuchten, die Menge trägt orange, sie ist erfinderisch bei der Belagerung der alten korrupten Macht, sie vertreibt sich die elend kalten Nächte mit Lagerfeuern. Die ganze Stadt bringt Tee, heiße Getränke, belegte Brote. Und irgendwann tauchen hinter den Bildern von den Demonstranten die goldenen Kuppeln der Sophienkathedrale und des Höhlenklosters auf. Über sie hinweg geht der Blick weit ins Land hinaus, über den Dnepr hinweg. Die „Stadt der Städte“ ist wieder da, genau an der Stelle, wo vor mehr als 1000 Jahren „der Weg von den Warägern zu den Griechen“ verlief. Kiew ist auf die Landkarte Europas zurückgekehrt.


Europa am Strand. Es verläuft zwischen Rimini und Bari. Seine Abschnitte heißen Costa Brava und Algarve. Sie verteilen sich über Rhodos und Kreta. Ihre Ausläufer sind in Eilat und Sharm-el-Sheikh. Ihre fernsten Ableger findet man auf Martinique. Die türkische Südküste gehört schon lange zu Europa. Sie sind angekoppelt an die großen Städte und jederzeit leicht erreichbar, fast wie ein Vorort. Von Manchester nach Alicante, von Düsseldorf nach Adanya, von Berlin nach Mallorca, von Moskau nach Dubai, von Wien nach Benghasi, von Warschau auf die Kanarischen Inseln. Sie entdecken keine neue Welt, sondern bauen sich ihre eigene. Sie kommen nicht zusammen, sondern liegen jeder für sich im Sand oder verschwinden in der Disco. Europa bildet sich im Rhythmus des Jahresurlaubs, in dem Europas Aktivität für ein paar Wochen erstirbt. Europa durchläuft dieselben Prozeduren: Check-in, Verstauen im fliegenden Container, Ankunft in einer südlichen Luft, Unterbringung in bezahlbaren Hotels, Gang zum Meer, Bestaunen des Sonnenuntergangs, Einstimmung auf das Ende des Urlaubs, das unvermeidliche Ritual des Abschieds. Auf den Bildern der Digital- und Videokameras entsteht das neue Bild Europas, so bildet sich der neue Erfahrungshorizont ab. Man vergleicht von nun an keine unterschiedlichen Traumwelten mehr, sondern das Preis-Leistungs-Verhältnis.


Feuilleton. Die Produktion des Referenzrahmens in kulturellen Dingen ist in ein neues Stadium eingetreten. Hinzugekommen zur Kulturberichterstattung aus London, Paris, New York, Mailand ist – ab und zu wenigstens – der Bericht aus Petersburg, Moskau, Budapest, Krakau, Thessaloniki. Mit jeder Vernissage, die Eingang findet in das Feuilleton der großen europäischen Zeitungen, verschiebt sich der Rahmen der Wahrnehmung, erst nur für einen Augenblick und leicht revidierbar, dann mit einer gewissen Kontinuität und dauerhaft. Ein neuer Kulturraum wird produziert. Darin gibt es Echos. Europa ist ein großer Resonanzraum. Darin sind jetzt so viele Stimmen, daß man leicht die einzelne überhört. Weißes Rauschen. Was einmal neu, ja sensationell war, wird gewöhnlich. Sich an etwas gewöhnen, gewöhnlich werden ist der Gradmesser der Integration. Die europäische Kulturszene erscheint nun Tag für Tag. Es ist ein unendlicher Teppich von Diskursen, Debatten. Wir wissen Bescheid über die Inszenierungen in Moskau und die Nuancen des Festivals von Glyndebourne, wie Bayreuth in diesem Jahr ist und was das Haus Wagner Neues zu bieten hat. Tag für Tag wird der Kulturraum neu aufgebaut. Europa ist ein Kunstraum, ein Musikraum, eine große Ausstellungshalle, und das Feuilleton ist das große Logbuch, das uns hilft, darin nicht den Überblick zu verlieren.


Europa auf Rädern. Ferienzeit. Europa macht immer noch Ferien, vor allem im Sommer. Es entdeckt seine alte grenzüberschreitende, abendländische Synchronizität wieder, die über Jahrhunderte vorbereitet und implantiert worden ist. Kein neuer Festtags- und Feiertagskalender hat daran etwas ändern können. Der europäische Zyklus ist stärker als der Kalender der nationalen Feiertage. Synthetisierung von Zeit, Produktion eines europäischen Rhythmus. Herstellung von Zeitgleichheit. Es ist die Eingewöhnung in die Praktiken des Reisens, die Effizienz und Geruchlosigkeit der Raststätten mit ihren europaweit immer gleichen Wickelräumen, Duschen und sonstigen facilities. Im Sommer bewegen sich Millionen von Europäern von einem Ende Europas zum anderen. Völkerwanderung. Millionen im Transit. Bewegung ohne wechselseitige Kenntnisnahme.


Billigflieger. Easyjet, Ryan-Air. Europa ist nur ein Name, das Abenteuer, zu dem Easyjet, Ryan Air und all die anderen Billigfluggesellschaften einladen, ist real. Ryan Air hat Irland vom Rand Europas fast in die Mitte geholt. Stansted ist ein Umsteigebahnhof von Berlin nach Kapstadt geworden. Die Diminutive, mit denen man die Passagiere lockt – Krakaulein, Baselein, Bratislavalein – haben jenseits der Einschmeichelei, die unangenehm ist, etwas Wahres. Europa wird zu einer Sache der Nähe, etwas fast Intimes. Europa will nicht warten, bis das Gleisbett, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und im 20. Jahrhundert von hin und her wogenden Armeen, Fronten, Panzern, Truppenaufmärschen, Fluchtbewegungen zerrüttet worden ist, auf die Höhe des 21. gebracht wird. Mit Easyjet dauert es von Berlin nach Krakau nicht zehn, sondern eineinhalb Stunden und kostet denselben Preis. Damit verändert sich vieles. Es entsteht ein neuer Stand: Leute, die in Mainz leben, aber in Turin arbeiten; Schriftsteller, die zu Lesungen in Deutschland von ihrer Arbeitswohnung in Irland anreisen; Shopping-Touristen, die mitternachts aus Moskau in Berlin ankommen, tagsüber im KaDeWe einkaufen gehen und mit der Nachtmaschine tags darauf wieder zu Hause sind; Pendelbewegungen, die kaum aufwendiger sind als die Fahrt mit der S-Bahn vom einen zum anderen Ende der Stadt.


Das Handy im Großraumwagen. Das Handy hat ein neues Geräusch, einen neuen Ton in unsere Welt gebracht. Es zeigt an, daß die Person, die neben uns steht oder in der Reihe hinter uns sitzt, lebhaft gestikuliert und auf jemanden einredet, der nicht sichtbar ist, vielleicht in Beziehung steht zu jemandem am anderen Ende der Welt. Das Mädchen in der U-Bahn in Berlin fragt in ihr Handy nach dem Wetter in Jerusalem. Lebhaft Sprechende und Gestikulierende stehen neben, aber sprechen nicht mit uns. Sie blicken uns nicht einmal an. Das Geräusch des Handys ist die Begleitmusik eines Epochenwandels. Wir sind jederzeit an jedem Punkt der Erde mit jedem anderen, gleich wo er sich aufhält, verbunden. Das Handy ist von nun an immer dabei: bei den Toten in der Metro, die vom Attentat zerrissen worden sind und nicht mehr antworten können; bei der Auslösung des tödlichen Mechanismus; bei der Kontaktaufnahme mit den Erpressern; bei einer x-beliebigen Verabredung.


Scharniere. Brücke über den Belt. Brücken produzieren neue Konfigurationen. Brücken über einen Sund machen zwei Küsten zu Ufern an einem Gewässer. So entstehen Doppelstädte in Sichtweite. So werden zwei sich ferne Landmassen zu einem Kontinuum. Kristallisationen als Ausgangspunkt für folgenreiche Agglomerationen. Metropolitan Area über das Meer hinweg. So ist es zwischen Kopenhagen und Malmö oder Istanbul und Üsküdar. Dieselbe Funktion hat der Tunnel unter dem Pas de Calais; er schmiedet Südengland und Nordfrankreich zusammen und macht London und Paris zu Nachbarstädten. Eine ähnliche Funktion haben Fährverbindungen wie die zwischen Tallinn und Helsinki oder zwischen Pillau/Baltijsk und Danzig/Gdańsk. Was wird aus der Schweiz, wenn erst die neuen Tunnels durch die Alpen fertig sind?


ZVAB. Abebooks. Amazon. Der Gang durch die Antiquariate ist abgelöst durch die Suchbewegung auf dem Bildschirm. Jeden Abend können wir die Welt der käuflichen Bücher durchwandern – von der Winterfeldstraße in Berlin über die Seine-Quais, vom Tübinger Marktplatz, in die Wollzeile am Wiener Stephansdom, von Charing Cross zu Strands am Broadway. ZVAB steht für 10 Millionen antiquarische Bücher, Abebooks für mehr als fünf Millionen. Das Verschwinden eines Vergnügens, das Ende einer Lust und der Beginn einer neuen Leidenschaft. Die Transformation des alten Jagdtriebes, der haptisch, visuell trainiert war, in einen Instinkt, der es bloß auf Titel, Autoren und Preisvergleiche absieht. So pendelt der nächtliche Sucher dann zwischen dem Antiquariat am Kollwitzplatz in Berlin und dem in Brighton, zwischen Vancouver und Adelaide/Australien hin und her. Er hat kein Buch gesehen, keines in der Hand gehabt, keinen Buchhändler zu Gesicht bekommen. Eine ungeheure Erweiterung des Suchradius.


Security. Die Tür, durch die wir früher einfach gingen, ist jetzt eine doppelte, die traditionelle, physische und die elektronische. Der öffentliche Raum ist aufgerüstet. Kameras an Schwenkarmen werden automatisch bewegt. Sie blicken auf den Leerraum, der in Scheinwerferlicht getaucht ist, das Feld, das ab und zu von Menschen durchkreuzt wird. Die Tore sind bewacht. In den Lobbys haben sich dezent-demonstrativ die Kontrolleure aller Bewegung, die Inspektoren von Gesichtern, Taschen und Ausweisen niedergelassen. Keine Bewegung ohne Prüfung. Security Check ist zur Routine geworden. Wir haben uns an das Vorzeigen der Ausweise, den Blick in die Kamera, das Öffnen von Taschen und Aktenmappen gewöhnt. Überall wo Security ist, ist etwas Wichtiges. Das Wichtige ist in den Zentren. Die Apparaturen der Security sind Monumente der Wichtigkeit. Securitylose Zonen zeigen an, daß noch nicht alle Räume erfaßt sind. Security ist grenzüberschreitend und einer der wichtigsten Indikatoren für das Tempo der europäischen Einigung.


Money Machines in der Sofioter Universität. Mitte der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts sah ich zum ersten Mal Geldautomaten in der Eingangshalle der Kliment-Ochrid-Universität in Sofia. Zu dieser Zeit gab es noch nicht viele Geldautomaten, schon gar nicht an Universitäten. Selbst in Deutschland war das noch nicht allgemein verbreitet. Money Machines stand plötzlich für jederzeitige Zugänglichkeit von Geld. Ausländer konnten einfach Geld abheben, wo man früher oft stundenlang herumirrte, weil man keine Wechselstelle mehr fand. Welche Tricks mußte man oft anwenden, um diese triviale, aber überlebenswichtige Operation zu bewältigen. Nun stehen sie überall im ehemaligen Ostblock. Sie sind gleichsam auf einen Schlag installiert worden, fast ohne Übergangszeit. Sie funktionierten ohne Probe- und Eingewöhnungszeit. Sekundäre Modernisierung im Handstreich, ohne Reibungsverlust. Die Etablierung von Standard und Selbstverständlichkeit. Der Mensch muß nicht an der Hand geführt werden. Man darf ihm ruhig viel zutrauen – so wie den russischen Babuschkas, die von heute auf morgen mit dem Anblick von nackten Mädchen, manchmal auch Männern in den Auslagen der Zeitungskioske fertig wurden.


Kanaksprak. In der Interferenzzone der großen Städte, wo die Ströme der Migranten sich mit den Wohnarealen der Einheimischen berührt haben, wächst ein neuer Ton, eine neue Sprache, eine neue Gestik. Sie ist cool, sie arbeitet mit dem understatement, sie setzt sich ab vom Allgemeinverständlichen, aber ist doch so international wie mtv, an dessen Zeichenvorrat sich die neuen Sprachen geschult haben: Kanaksprak in Deutschland, Kurdisch-Schwedisch in Stockholm, Maghrebinisch an den Rändern von Paris. Überall in Europa gibt es Quellgebiete neuer Dialekte, Laboratorien neuer Sprachen und Idiome.
Wanderdünen aus Plastikmüll. Im Nachtzug Sofia–Bukarest. Die Erde in Rumänien ist irgendwie immer schwarz, tiefschwarz – weil es wirklich die Farbe der Erde hier ist oder weil die Stimmung so bedrückend ist. Die Sonne geht auf, aber nicht glühend, sondern eher wie bei einer chemischen Reaktion, wenn Stoffe eine Verbindung eingehen und sich alles verflüssigt. Bukarest liegt hinter den Dünen von Plastikmüll, die der Wind vor sich hertreibt, die alles unter sich begraben, die wie die schwarzen Vögel, Raben oder Krähen, ich kann es nicht unterscheiden, über die verwüsteten Felder flattern, getrieben werden. Der Müll, der Plastikmüll: klebrig, sich nicht auflösend, hart, stärker und länger als ein Menschenleben, über den Tod hinaus, was sich niemand vorstellen kann, er lagert sich überall ab, er setzt sich überall fest. Wir durchfahren einen Kreis von stillgelegten oder nur heruntergekommenen Industriebetrieben. Sie gleichen Kadavern, mit ausgeschlagenen Scheiben, die niemand je erneuern wird. Sie werden einfach in der Landschaft liegenbleiben, in ihrer ganzen Größe rosten, verfallen, herabstürzen, von Staub und Asche bedeckt. Hat es je Landschaften von so großer Verwilderung und so gigantischer Verwahrlosung gegeben? Der Nachsozialismus wird begraben unter den Dünen des Abfalls, des Plastikmülls, von chemischem und nuklearem „waste“. Die Gesellschaft hat kaum Widerstandskraft gegen diese neue Form des Mülls, der unverderblich ist, nicht in Dekomposition übergeht. Die Gesellschaft hat noch nicht verstanden, daß das keine Sonnenblumenkerne sind, die man einfach auf den Boden spuckt. Es ist ein fremder, feindlicher, harter, zäher Stoff, den zu beseitigen ungeheure Kraft und Mittel kosten wird. Der Wind treibt die Plastikmüllwellen vor sich her wie der Wind die Dünen am Strand, auf Bukarest zu.


Dritte Sprache. Lingua Franca. Die dritte Sprache, die alles zusammenhält, ist Englisch, jenes Englisch der äußersten Reduktion, in seiner Ökonomie reduziert bis zur Armseligkeit, aber unverzichtbar. Auf Englisch sagen sich die Nachbarn, die ihre Sprachen nicht sprechen und nicht verstehen, das Allernotwendigste. Die dritte Sprache hilft ihnen sich zu verständigen, wenn sie sich nichts mehr zu sagen haben. Sie rückt in gewisser Weise an die Stelle des Jiddischen, das ausgerottet worden ist; an die Stelle des Deutschen, das durch die deutschen Herrenmenschen in Verruf gebracht und in der Folge aus dem Verkehr gezogen worden ist; an die Stelle des Russischen, das trotz Puschkin und Tolstoj doch die Sprache der Besatzer war. Das Englische ist an die Stelle des Lateinischen getreten, das Europa in der frühen Neuzeit zusammengehalten hatte. An seiner Verbreitung wird täglich, stündlich, Minute für Minute gearbeitet: CNN, Moscow Times, Baltic Independent, Prague Post; die Rezeption des Hotels, die Ansagen im Flughafen, die Sicherheitsanweisungen im Flugzeug, die Sprache der Geldautomaten. Das Universum spricht Englisch, auch das europäische.


Codes, Sound. Im ausgehenden 20. Jahrhundert breitet sich ein neuer Sound aus, ein Geräusch, das nun nie mehr verstummen wird. Das Summen der Rechner, das Klicken der Tastatur, wenn die Nummer auf dem Handy eingegeben wird, der Standard-Text der Mailbox. Dazu gehört eine neue Sprache, die die Älteren noch erlernen müssen, die die Jüngeren, vor allem die Jüngsten wie von selbst, im Nebenher sich zu eigen machen. Ihnen ist geläufig, wie man sich einloggt, wie man auf die Maschine antwortet, wenn man mit ihr in Kontakt tritt.


Eurolille. Die neue Stadt am Tunnel. Der Eurotunnel unter dem Kanal hat London und Paris zu Nachbarstädten gemacht mit Eurolille als Zwischenstation und Abzweig. Rem Kolhaas hat den neuen Bahnhof gebaut. Um den Bahnhof herum entsteht eine neue Stadt. So ist es immer in Europa gewesen. Wenn eine neue Brücke über einen Fluß geschlagen wurde; wenn ein neuer Paß geöffnet wurde; wenn eine neue Karawanserei eingerichtet wurde – immer wieder und immer wieder aufs neue werden Städte gebildet. Andere zerfallen, vergehen. Die neuen Städte im Europa nach 1989 sind auch: Narva an der estnisch-russischen, Kalvarija an der litauisch-polnischen Grenze, Ruse an der Donaubrücke zwischen Rumänien und Bulgarien, Rostov am Don an der neuen russischen Südgrenze, die Containerstädte an der finnisch-russi-schen Grenze.


Brüsseler Anthropologie. Brüssel ist ein Name, aber auch ein Ort. Brüssel gibt es wirklich. Es ist eine der Hauptstädte des neuen Europa. Brüssel ist die Heimat für Abertausende von Europäern geworden. Wer dort gewohnt und gearbeitet hat, kehrt verändert wieder. Er findet sich nicht mehr leicht zurecht in der kleinen Welt jenseits von Brüssel. Er blickt auf die Welt anders als zuvor. Sie ist ihm kleiner geworden. Er befleißigt sich einer Bi- oder Trilingualität, wo andere in ihren Heimatsprachen festsitzen. Er hat die Prozeduren verstanden, die man verstanden haben muß, wenn ein Gebilde von mehr als 25 Staaten zusammengefügt ist. Prozedurales Wissen. Wissen um die Kanäle, auf denen etwas auf den Weg gebracht werden kann. Brüssel soll zauberhaft sein, an bestimmten Orten. Es ist die Stadt Victor Hortas, des legendären Justizpalastes und von vielem anderen. Aber wir bräuchten, wenn wir das wachsende Europa verstehen wollen, vor allem eine Feldstudie, eine Brüsseler Anthropologie, entstanden aus teilnehmender Beobachtung und distanzierter Analyse. Brüssel ist ein Europa im kleinen. Wir können gespannt sein auf die Entdeckung dieser Stadt.


Sankt Petersburg/Baden-Baden. Festspiel-Europa. Baden-Baden hat ein neues Festspielhaus. Es muß bespielt werden, wenn es sich rentieren soll. Baden-Baden ist Festspielstadt geworden mit einem Einzugsbereich, der von Zürich bis Luxemburg, von Nancy bis Frankfurt/Main, von Stuttgart bis Basel reicht. In Baden-Baden sind die Petersburger unter ihrem Stardirigenten Valerij Gergiev besonders häufige und besonders gern gesehene Gäste. Gergiev hat neues Tempo und neuen Glanz nach Petersburg gebracht und Petersburg aus der Provinz herausgeführt. Gergiev hat Petersburg wieder an die internationalen Festspielrouten angeschlossen, auf der sich die Stardirigenten bewegen. Die Russen in Salzburg, an der Met, in Covent Garden, in Berlin. Und umgekehrt: Pierre Boulez in Moskau, Riccardo Muti in Petersburg. Die Europäisierung des Festspielwesens ist vollzogen. Europa ist wieder dort angekommen, wo es um 1900 schon einmal war: mit Richard Strauss in Petersburg, Gustav Mahler in Budapest und Djagilev in Paris.

Love Parade. Die Autokennzeichen am Vorabend der Love Parade auf der Straße des 17. Juni in Berlin kommen aus ganz Deutschland, aber auch von weiterher: Poznań, Wrocław, Gdańsk, Sczeczin, Katowice, Kraków, Warszawa. Mit den Bussen sind auch Jugendliche angereist: aus Riga, Kaunas, Vilnius, Prag, Amsterdam. Der Sound, die Ekstase, die nächtliche Tour, die auf sie folgt. Alles, was dazugehört: das outfit, der Jargon, der Kult. Die Love-Parade-Erfahrung ist grenzüberschreitend und wird in der Erinnerung derer, die in den 1990ern dabeigewesen sind, Baustein der Lebenserinnerung sein. Die jungen Leute, die da von weither anreisen, bleiben unter sich. Es macht keinen großen Unterschied, ob die Parade durch Zürich, Köln oder Wien führt. Die Lust an der Bewegung des Körpers, das Spiel mit den Sprüchen, die Bereitschaft zur vollständigen Erschöpfung, das Ausarbeiten der Aggressionen, überall dasselbe – Dionysos ist zurück in den Städten.


Planet Moskau. Moskau verschlägt auch dem regelmäßigen Besucher immer wieder den Atem. Man kommt nicht mehr mit, nicht mehr hinterher. Die Türme wachsen im Halbjahresrhythmus in den Himmel. Der Strom der Autos wälzt sich wie Lava durch Straßen, die einmal überdimensioniert waren, nun aber den Verkehr nicht mehr fassen. Stalins Hochhäuser haben Konkurrenz bekommen, aber nachts, wenn sie illuminiert sind, leuchten sie wie Cesars Palace am Strip von Las Vegas. Man wundert sich nicht darüber, daß die Entscheidung über den Bau des Tower of Russia, des höchsten Gebäudes Europas, schon gefallen ist. Mit dem Bauboom kann nur die Abrißwut, die Orgie der Zerstörung mithalten. Ikonen der Moskauer Architekturgeschichte sind gefallen: die Manege am Alexandergarten, das Jugendstilkaufhaus Voentorg, Ščusevs Hotel Moskva aus den 1930er Jahren. Man weiß nicht, wie es möglich war, daß ganze Straßenzüge, ganze Viertel binnen kürzester Zeit instand gesetzt, renoviert, illuminiert worden sind – aber es ist keine Illusion, sondern eine Tatsache. Man weiß nicht, wie es kommt, daß in der Stadt so viele Luxuslimousinen rollen, aber sie rollen, unbestreitbar und nicht zu Reklamezwecken. Moskau, die alte graue, gelbgraue Stadt, ist grell und bunt geworden. Moskau, die Stadt des Schlangestehens von einst, ist rasend schnell geworden. Sie ist so teuer geworden wie London oder Tokio, und man fragt sich hier wie dort, wie man leben und überleben kann. Aber zwölf Millionen Einwohner tun es, ohne daß es bisher zu einem großen Knall gekommen ist. Moskau hat mühelos die Zeiten, die hier aufeinandertreffen, synchronisiert: die Zeit der Provinz, die mit den Zügen und den Arbeitsmigranten in die Stadt einsickert, und die Zeit der global player, die Zeit von CNN und des Plastikgeldes. Aber Moskau ist näher an London als an Kostroma oder Tula. Es gibt zwar noch die Moskauer Zeit, die von MEW um eine, von GMT um zwei Stunden differiert, doch die Moskauer Uhren ticken nicht anders als die in Berlin oder Paris, eher hektischer. Moskau ist der Planet, der sich davon gemacht und Rußland hinter sich gelassen hat. Moskau ist im 21. Jahrhundert angekommen, das Land weit draußen kommt nicht mehr mit und fällt vielleicht zurück ins 19. Jahrhundert.


Neue Landmarks. Hat das neue Europa Bauten hervorgebracht, die gleichsam zu Symbolen, Ikonen eines neuen Anfangs, eines glücklichen Endes eines im großen und ganzen katastrophischen Jahrhunderts geworden sind oder werden könnten? Mir fällt kein solcher Bau ein. Die Millenniumsbauten waren alle irgendwie ausgedacht, Spielerei, Laune des Augenblicks. Es gibt Gehrys Museumsbau in Bilbao, es gibt die Bibliothèque Nationale und das Centre du Monde Arabe in Paris, es gibt ein Olympiastadion in Athen und einen Parlamentsbau in Straßburg – aber schwerlich würde man sagen, daß sie Marken einer Wende, eines Endes und eines Anfangs sind. Anders ist es mit Silhouetten, die ganzen Städten ein neues Aussehen geben: die wachsende Skyline von Frankfurt/Main und London, die Türme in der Warschauer Innenstadt, die Stalins Kulturpalast einkreisen und so disziplinieren, die neuen Hochhäuser in Vilnius und Riga, auch die Gipfel und Türme am Potsdamer Platz in Berlin. Und Rekonstruktionen und Neubauten: die mächtige Kuppel der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau hat die ganze Skyline verschoben; die Frauenkirche in Dresden; das in neuem Glanz strahlende Gresham Palace am Roosevelt-Platz in Budapest; die wiederhergerichtete Nationalbibliothek in Sarajevo. Aber einen Bau von der Art, mit der das 20. Jahrhundert sich angekündigt hatte: Gustave Eiffels Turm zur Pariser Weltausstellung – so etwas hat das Europa hundert Jahre später nicht zu bieten.


Skyline von Tallinn/Reval. Seit Estland wieder ein unabhängiges und freies Land ist, nähert man sich seiner Hauptstadt nicht nur per Bahn oder per Flugzeug, sondern von der See her, auf einer der stündlich verkehrenden Fähren aus Helsinki. Seit Estland eines der Boomländer des postsowjetischen Kapitalismus ist, wachsen neue Türme empor. Zur Silhouette von Sankt Olai, des Rathausturms und der Türme auf dem Domberg sind in den letzten 10 Jahren neue Türme hinzugefügt worden: Hotels, Geschäftshäuer, vor allem aber Banken. Sie wachsen verdichtet in der Neustadt, in der noch in sowjetischer Zeit die Hotels Viru und Olympia gebaut worden waren. Nun aber wächst dort eine Art Tallinn City aus verspiegeltem Glas, mit angeschnittenen Fassaden, aufgesetzten Antennenmasten, silbriger Haut und nachts in phosphoreszierender Beleuchtung. Das ist eine andere Stadt. Reval hatte eine Silhouette, die seit dem ausgehenden Mittelalter fertig, fixiert war. Nur einmal war ein mächtiges Zeichen gesetzt worden: die Aleksandr-Nevskij-Kathedrale auf dem Domberg, wo sie noch heute steht, von manchen gehaßt als Symbol russisch-sowjetischer Herrschaft, von anderen hingenommen als zusätzlicher Reiz in der etwas eintönigen Farbigkeit der nördlichen Hansestadt. Nun aber die Türme, aus denen im Winter die Dampfschwaden der Heizungs- und Klimaanlagen aufsteigen, ein Hauch von City of London. Anschluß ans Jahrhundert der Hochhäuser. Es steht Tallinn gut, und es ist nur die Fortführung der Linie des Turms der Kirche des heiligen Olai.


Wetterkarte. Die Zeitungen und das abendliche Fernsehen bringen ausführliche Wetterberichte mit Angabe von Temperaturen, Windrichtung, Feuchtigkeit an wichtigen Punkten in Europa und in Übersee. Neapel, Istanbul, Kiew, Glasgow, Helsinki. So etwas muß nur ein Publikum wissen, das heute hier und morgen da ist. Einst, in Zeiten des Kalten Krieges und als Europa noch geteilt war, stand Europa nur auf der Wetterkarte als ganzes vor Augen. Nun bildet die Wetterkarte das erreichbare Europa ab, Europa in Reichweite.
Berlin. Europe’s Pleasure Ground. Berlin folgt irgendwie nicht den Zukunftsperspektiven, die die Verantwortlichen für die Stadt entworfen haben: Drehkreuz Europas, Schnittstelle der Vereinigung, Herz Europas. Berlin hat seinen eigenen Kopf und geht seinen eigenen Weg. Vieles spricht dafür, daß es zum privilegierten Erholungspark in Europa, zu Europe’s Pleasure Ground wird. Berlin ist geräumig. Die Straßen sind breit. Sie bieten allen Raum. Man hat nie Schwierigkeiten beim Einparken. Man kann ohne Skrupel in der Stadt unterwegs sein. Der Himmel ist weit, weil die Traufhöhen eingehalten werden und den Horizont nicht begrenzen.
Es gibt von allem genug: von Straßen, Parks, Seen, Wohnfläche, Trottoiren, Kneipen, Terrassen, Abständen zwischen den Häusern. Es gibt drei Opernhäuser, drei erstklassige Symphonieorchester, mehrere erstklassige Sprechbühnen, Museen im Überfluß. Die Luft ist besser geworden, seit Betriebe geschlossen wurden und die Stadt desindustrialisiert worden ist.
Berlin ist immer noch damit beschäftigt, die Leere, die ein Regime, ein Krieg und eine lange Teilung erzeugt haben, wieder aufzufüllen. Daher gibt es mitten in einer Stadt, die auch Hauptstadt ist, Dinge, die man sich anderswo nicht leisten kann. Einen Sandstrand im Sommer inmitten des Regierungsviertels, Gärten und Brachen, wo anderswo Autos gestapelt sind, Planungen für Golfplätze dort, wo einmal drei U-Bahn-Linien sich kreuzten. Berlin hat von allem: Seen, die man in 20 Minuten leicht erreichen kann, Konzerthäuser, zu denen man per Fahrrad gelangen kann. Berlin ist eine der wenigen Metropolen, die sich den Luxus leisten, in der Hauptsaison ihr Zentrum zur Spielfläche zu machen: kein Wochenende, an dem die City nicht für das Vergnügen gesperrt wäre: Karneval der Kulturen, Love Parade, Christopher Street Day, Berlin-Marathon, der Kurfürstendamm als Laufsteg, die Museumsinsel als Freiluftkino, Feuerwerke am Pariser Platz. Alles findet an zentraler Stelle statt, dort, wo sonst Staatsgäste auftreten. Hier gibt es Kneipen, die keine Sperrstunde kennen, Schiffe, die über Kanäle und Grachten gleiten. „Kino & Kneipen“, „Pleasure & Wellness“ machen den Hauptteil der dicken Stadtmagazine aus. Darüber hinaus ist Berlin im Vergleich zu anderen Städten wie London oder Moskau spottbillig. Die Billigflieger haben Berlin längst entdeckt. Wem die Weite Berlins nicht genügt, kann auch ins brandenburgische Umland hinausziehen. In einer halben Stunde ist man draußen in einer menschenleeren Landschaft. Man hat sogar Anschluß ans Meer, Usedom nennt sich die Badewanne von Berlin. Im Sommer sind Ahlbeck, Kühlungsborn, Swinemünde, Misdroy Vororte von Berlin. Berlin ist etwas für jüngere Leute, die von anderen deutschen Städten die Nase voll haben, aber auch für ältere, für Pensionäre, für Diplomaten im Ruhestand, die es zur Oper, zum politischen brain trust, zur Stiftung genauso nah haben wollen wie zur Terrasse am See. Es wird einem nie langweilig in Berlin, das dabei ist, ein Themenpark des 20. Jahrhunderts zu werden, mit verschütteten Tunnels, verlassenen Gleisen, Topographien des Terrors, wirklichen Schreckensorten und inszenierten.


Auf der Karte Europas, die neu gezeichnet wird, tauchen neue Symbole auf. Der Krieg ist dabei, wieder in die Städte zurückzukehren. Explosionen, Flammenzeichen, Druckwellen. In ihrer Nähe sind Scharfschützen und Sprengstoffspezialisten postiert. Gepanzerte Fahrzeuge. Bewaffnete Männer in schwarzen Monturen. Die Viertel, in denen es geschehen ist, sind abgeriegelt. Krankenwagen und Feuerwehrwagen rasen mit Blaulicht und Sirenen dorthin. Eine Fassade ist eingestürzt. Die Fensterscheiben in der ganzen Umgebung sind herausgeflogen. Das Straßenpflaster ist von Glassplittern bedeckt. Neben der Aktentasche eine abgerissene Hand. Davonstürzende Passanten, die sich den blutenden Kopf halten. Andere, die weggeführt werden. Auf dem Asphalt liegen Tote. Scheinwerferlicht. Aufnahmen aus dem Helikopter. Zerfetzte Waggons, ausgebrannte Züge im erleuchteten U-Bahntunnel. Eine Aufnahme aus der Kamera, die den Bahnsteig überwacht hat. Die Orte haben einen Namen: Antocha in Madrid, Musical-Theater Nordost in Moskau, britisches Konsulat in Istanbul, Schule in Beslan. So entsteht eine neue Karte Europas.


Jahrestage. Synchronisierung. Europa wird alt. Europa wird gemeinsam alt. Das geteilte Europa hatte seine Jahrestage gegeneinander gefeiert, Europa nach 1989 feiert zusammen. Jahrestage und Jubiläen sind: Die Befreiung von Auschwitz, Stalins Todestag, Aufstand in der DDR, Warschauer Aufstand, Landung der Alliierten in Omaha Beach, Kriegsbeginn, Kriegsende. Angenehmer sind die Feiern um die großen Europäer: Mozart. Erasmus. Dvořák. Gombrowicz.


Das Verschwinden der Post, das Verschwinden des Briefs. Wir nehmen Abschied von einem ganzen Kapitel unserer Kultur, die im Briefeschreiben lag. Auch die Aufmerksamsten unter uns, die das Briefeschreiben nicht preisgegeben haben, schreiben e-mails, weil es schnell, zweckmäßig, zeitökonomisch ist. Sie werden keine Spur hinterlassen. Nicht einmal Schnipsel, die man wieder zusammensetzen kann. Allein das Verdächtige wird bleiben und gespeichert von den dafür zuständigen und dazu ausgerüsteten Institutionen. Es wird alles verändern: die Vorstellung von Nähe und Ferne, von Anrede und Gruß, von Intimität und Diskretion. Man vertraute einst seine Briefe nach Moskau oder Warschau nicht der Post an. Der Kontakt war beschwerlich. Der Brief war die Kommunikationsform unter Freunden. Ein Maß der Verbindlichkeit. E-mail ist Allerwelts-Kommunikation. Die fremdesten Leute haben Zutritt. Der Osten hat die Phase der Modernisierung der guten alten Post übersprungen. Er ist gleich zur elektronischen Post übergegangen.
Das Du. Familientreffen auf höchster Ebene. Staatsmänner des ausgehenden 20. Jahrhunderts oder jedenfalls viele von ihnen, sind untereinander per Du. Sie reden sich an als Tony, Gerd, Jacques, Fred, Vladimir, Aleksander. Sie befleißigen sich in aller Öffentlichkeit einer Gestik der Intimität, fassen sich an, kneifen sich in den Oberarm, umarmen sich zuweilen, tauschen auch Küsse aus. Der Kuß wandert aus dem Osten in den Westen. Auch ihre Ehefrauen und Freundinnen machen sich miteinander bekannt, verbringen miteinander Feiertage wie Weihnachten, die bisher als Familienfeste galten. Sie unterhalten sich darüber, wie ihre Kinder geraten sind und wie man Spaghetti zubereitet. So etwas hat es noch nie gegeben, es sei denn innerhalb der europäischen Aristokratie. Doch war man damals unter sich und behielt es für sich.


Es gibt keinen Ersatz für Genf. Genf ist ein Ort, der aus internationalen Beziehungen gewebt ist. Der ganze Ort – die Palais des Völkerbundes, die Museen, die Hotels, die Residenzen, die Botschaften – ist auf Empfang der Welt, auf Verhandlung von Problemen planetarischen Zuschnitts ausgerichtet. Seine Existenzberechtigung scheint in der Organisation eines Platzes der Vermittlung zu bestehen. Jede dritte Hausnummer verweist auf die international-globale Dimension des Ortes. Die Welt scheint sich hier niedergelassen zu haben. Dazwischen gibt es auch türkische Kebab-Restaurants, libanesische und thailändische Restaurants. In Genf hat sich die Diplomatie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kondensiert. Was Genf einmal war, ist heute das Gebäude am East River in New York.


Schwarzes Loch Belarus. Es gibt Orte, die sind herausgefallen aus dem neuen Europa. Sie haben Zeit und Kraft verloren. Es sind große, bedeutende, einmal vibrierende Städte, die im Haß, in der Selbstisolation und schließlich im Krieg verkümmert sind: Belgrad ist ein solcher Fall – eine Stadt, einst Treffpunkt Europas, ist nicht mehr wiederzuerkennen. Aber es kann auch ganze Landstriche, Länder und Staaten treffen. Dieser Fall ist mit Belarus gegeben, obwohl durch das Land die Haupttrasse des ost-westlichen Verkehrs verläuft. Der Sog der Umwälzung in der nächsten Nachbarschaft – in Polen, Litauen, Ukraine, selbst in Rußland – hat nichts bewirkt, nicht einmal eine Milderung des Regimes. Unser Bild von Europa wäre unvollständig und ganz falsch, wenn wir die Augen verschlössen vor der Möglichkeit, ja vor der Existenz „schwarzer Löcher“ mitten in Europa.


Peregrinatio academica. Vor dreißig Jahren war ein Studienjahr im Ausland fast noch die Ausnahme, Ergebnis einer spezifischen Anstrengung eines besonders energischen und weltzugewandten Studenten. Die europäischen Austausch- und Studienprogramme mit den europäischen Namen Erasmus oder Sokrates haben das Studium im Ausland zur Selbstverständlichkeit, zur Routine gemacht. Unmerklich, unspektakulär sind wir wieder auf die Pfade der akademischen Wanderung aus der Zeit vor den Nationalstaaten eingeschwenkt. Salamanca, Bologna, Heidelberg, Krakau, Tartu stehen nicht für historische Reminiszenzen oder Abenteuer, sondern sind schlicht Stationen in einem akademischen Werdegang.
Piazza Garibaldi, Neapel – Hauptbahnhof, Kiew. Auf Neapels verkehrsreichstem Platz vor der Stazione Centrale gehen auch die Überlandbusse ab. Aus dem Herzen Neapels geht es direkt und ohne umzusteigen nach Przemysl, Katowice, Lublin, oder weiter in die baltischen Städte. Täglich gibt es eine Direktverbindung über Žitomir nach Kiew, und täglich gibt es eine Flugverbindung von Neapel nach Lemberg. Man merkt es abends in der Stadt, wie nah die Ukraine, vor allem die westliche, Galizien also, ist, wenn man in den Gassen um die Via Tribunali die ukrainische Sprache aufschnappt oder an den Kirchenportalen dazu eingeladen wird, an den Gottesdiensten im unierten Ritus teilzunehmen. Auch ukrainische Kindergärten gibt es. Das deutet darauf hin, daß Ukrainer in Neapel längst seßhaft geworden sind. Ähnliche Beobachtungen können in fast allen anderen großen westeuropäischen Städten angestellt werden: am Zentralen Omnibusbahnhof in Hamburg oder am Funkturm in Berlin. Dutzende von Bussen stehen in den Abendstunden zur Abfahrt bereit. Die Große Wanderung ist längst im Gange, und niemand wird sie aufhalten oder rückgängig machen können. Europa ist längst ein Kontinent der Pendler und Migranten geworden.

Ziele

Ingo Juchler | 27

Die erweiterte Denkungsart
Voraussetzungen für eine mündige Bürgerschaft in Europa
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Die sich derzeit entwickelnde europäische Öffentlichkeit ist auf die mündige politische Teilhabe der Bürgerinnen und Bürger Europas angewiesen. Für diese Partizipation bedürfen die Bürgerinnen und Bürger der politischen Urteilskraft. Die Fähigkeit zur politischen Urteilsbildung für die Teilhabe an der politischen Öffentlichkeit in Europa weist sich insbesondere durch die erweiterte Denkungsart aus, die ein verständigungsorientiertes politisches Handeln im erweiterten Europa erst ermöglicht. Die Grundlage für ein solches erweitertes Denken zu schaffen, ist die Aufgabe der politischen Bildung. Schließen

Siegfried Schiele | 39

Demokratiepflege
Die raison d’être der politischen Bildung
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Die politische Bildung in Deutschland, die nach dem Zweiten Weltkrieg auf breiter Basis aufgebaut wurde, gerät zunehmend in Schwierigkeiten. Die Schließung der Niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung Ende 2004 war für Insider ein beunruhigendes Signal, hat die breitere Öffentlichkeit bislang jedoch nicht beschäftigt. Hat die politische Bildung ausgedient? Die Analyse zeigt, daß sich ihre Aufgaben geändert haben, der Aufgabenbereich in unserer komplexen und komplizierten Gesellschaft und einer globalisierten Welt sogar zugenommen hat. Die politische Bildung braucht umfassendere Ressourcen, muß jedoch auch ein didaktisches und methodisches Instrumentarium entwickeln, um breitere Schichten in der Bevölkerung zu erreichen. Schließen

Eckart D. Stratenschulte, Nadine Piolot | 49

Europa bilden
Politische Bildung in und für (Ost-)Europa
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Seit dem Ende des Ost-West-Konflikts ist die politische Bildung mit einer Akzeptanzkrise konfrontiert. Einigen scheint sie gar überflüssig geworden. Doch politische Bildung hat den mündigen Bürger zum Ziel. Sie ist Demokratiepflege, auch in vermeintlich gefestigten Demokratien. Angesichts der europäischen Integration gilt dies über den eigenen Nationalstaat hinaus. Die Osterweiterung der EU hat die Europäisierung von Politik und Wirtschaft beschleunigt. Mit dieser Dynamik hält die politische Bildung bislang nicht Schritt. Auf EU-Ebene fehlt es an Kompetenzen. Deshalb sind die Akteure politischer Bildung gefordert, sich in und für Osteuropa für Mündigkeit, Partizipation und Demokratie zu engagieren – im eigenen Interesse am Funktionieren des Projekts Europa. Schließen

Fritz Erich Anhelm | 59 | Volltext

Differenzierung tut not
Politische Bildung und die Neugliederung Osteuropas
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Fünfzehn Jahre nach dem Ost-West-Konflikt fehlen der politischen Bildung Konzepte zum Umgang mit dem ausdifferenzierten Osteuropa. Ein demokratisch konsolidierter Teil gehört zur EU, ein zweiter mit Rußland im Mittelpunkt besteht aus hybriden Systemen, in denen demokratische Elemente mit autoritären Tendenzen koexistieren. Der dritte Teil sind die Diktaturen Mittelasiens. Bezugspunkt jeder politischen Bildung bleibt es, einen Beitrag zur Herausbildung einer demokratischen politischen Kultur zu leisten. Doch in Europa gibt es bislang keinen Konsens, wie das geschehen könnte. Auf EU-Ebene mangelt es an Kompetenzen und politischem Bewußtsein. Die Brüsseler Kampagnenorientierung ist kurzatmig und damit kontraproduktiv. Für die Träger politischer Bildung ist die Kooperation mit Partnern aus der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft erforderlich. Deren Expertise eröffnet ein großes Potential für eine Didaktik jenseits der Bipolarität. Schließen

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Europa bilden
Politische Bildung zwischen Ost und West
Berlin (8/2005)
Seite 59 - 72


Fritz Erich Anhelm

Differenzierung tut not
Politische Bildung und die Neugliederung Osteuropas

Der· Blick auf die neuere Landkarte Europas macht die Sache augenfällig: Osteuropa – was ist das? Als geographische Bezeichnung mag es noch angehen, die Frage, wieviel sich davon doch eher als Mitteleuropa oder Ostmitteleuropa versteht, einmal ausgenommen. Als Definition eines politischen Raums hat der Begriff „Osteuropa“ seine Sinnhaftigkeit seit mehr als fünfzehn Jahren eingebüßt. Der während des Ost-West-Konflikts als Block wahrgenommene Raum ist zerteilt. Und die Teile haben sich neu orientiert.
Wir nahmen diese Teilung und Neuorientierung zur Kenntnis, manchmal zutiefst erschrocken über die nationalistisch-ethnizistischen Pathologien, die damit einhergingen, doch in der Regel nahmen wir es als einen normalen Prozeß der ökonomischen und politischen Verwestlichung wahr. Einiges aus diesem Raum bleibt ausgeklammert, ist aber weiter weg, muß nicht einmal dem Europa zugezählt werden, das uns vertraut ist. Gemeint sind die GUS-Staaten, dieses nachrichtlich schwer zugängliche Gebiet mit Gas und Ölreserven, Kernwaffenüberbleibseln und autoritären Regimen. Der größte verbleibende Staat des ehemaligen Blocks ist nun räumlich zwar auch weiter weg als die Sowjetunion, uns als Rußland aber freundlich näher gekommen und doch fremder als zuvor. Die EU erweiterte sich um vieles, was sich seit je zu Europa zählte. Vertieft hat sie sich dadurch nicht.
Osteuropa – als politischer Begriff jedenfalls – hat ausgedient. Mit ihm hat auch die übrige Begrifflichkeit ausgedient, mit der diese Region beschrieben wurde. Politologen suchen nach Topoi, um das Wiedergängige und das Neue in den sich noch herausbildenden Gesellschafts- und Staatsformen zu beschreiben. Historiker reformulieren ihre Forschungsansätze entlang den aktuell erkennbaren Kontinuitäten und Brüchen. Wie aber steht es um die Antwort der politischen Bildung auf diesen östlichen Teil des veränderten Europabildes? An Aktivitäten mangelt es nicht. Viele Träger der politischen Bildung, Stiftungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen haben ihre Osteuropaabteilung. Austauschprogramme werden von der Schul- bis zur Universitätsebene angeboten. Im Unternehmensbereich wurde die Ostorientierung zum ökonomischen Kalkül, weit über die nach Osten verschobenen Grenzen des EU-Binnenmarktes hinaus. Spielt politische Bildung in all dem eine Rolle? Wenn ja, mit welchem Ziel? Wenn nicht, warum nicht?
Politische Bildung mit osteuropäischen Ländern jenseits der Bipolarität
Diese Fragen sollen hier aus einer spezifischen Perspektive gestellt werden. Es ist die des Systems politischer Bildung in Deutschland. Weder im Osten noch im Westen Europas weist es eine wirkliche Entsprechung auf, insbesondere in seiner außerschulischen, staatlich geförderten, auf plurale Trägerschaft begründeten Form. Dieses System entwickelte sich aus den Reedukationsabsichten der westlichen Alliierten ebenso wie aus der westdeutschen Verarbeitung der schuldhaften eigenen Verstrickung in die nationalsozialistische Gewaltherrschaft. Das Ziel der politischen Bildung war und bleibt die vertiefte, reflektierte Förderung der demokratisch-politischen Kultur in der deutschen Gesellschaft. Heute würden wir sagen: Es ging um den Aufbau einer pluralen Zivilgesellschaft und ihrer Partizipation an den Entscheidungsprozessen im politischen Raum. In diesem Kontext hat das deutsche System politischer Bildung ihm eigene Institutionen und Arbeitsweisen entwickelt. Welche Rolle darin der Bearbeitung der neueren Entwicklungen im östlichen Europa zukommt, liegt weitgehend an den Möglichkeiten und Schwerpunktentscheidungen der einzelnen Träger und ihrer staatlichen finanziellen Förderung. Dies gilt ebenso für die konzeptionelle Ausrichtung der von ihnen favorisierten Programme.
Wer diese Programme im Zusammenhang analysiert, wird erkennbare gemeinsame Grundlinien entdecken können. Das ideologisch und militärisch aufgerüstete bipolare Weltbild des antagonistischen Systemgegensatzes, das bis zum Fall der Mauer mentale Dualismen produzierte, die Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Alltag durchzogen, ist obsolet geworden. Anders als in den USA, wo dieses Weltbild sich auf einen neuen Gegensatz zum terroristischen Islamismus hin umpolte und unilaterale Züge annahm, hat sich in der politischen Bildungslandschaft in Deutschland die Ausrichtung auf eine multipolare, damit auch multilaterale, stärker dialogisch-diplo-matisch bestimmte Variante der Weltsicht durchgesetzt. Darin eingeschlossen ist auch die Sicht auf das östliche Europa. Die Gründe dafür können in der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts und den daraus gezogenen politischen Konsequenzen gefunden werden. Insbesondere die (west-)europäische Integration hat dem kooperativen Politikmuster gegenüber einer eher konfrontativen Entwicklung Auftrieb gegeben. Wie die Position zum Irakkrieg zeigte, ist dieses innereuropäische Muster zwar nicht frei von Brüchen, wird aber von breiten Kreisen der Bevölkerung unterstützt. Für weite Teile des „alten Europa“ und für Deutschland hat es sich geradezu als Grundhaltung etabliert.
Dieser Paradigmenwechsel hin zu multilateralem Denken und der dialogischen Variante der Weltsicht macht sich bis in das Arrangement von Veranstaltungen der politischen Bildung bemerkbar. Der polarisierte West-Ost-Diskurs, der noch in den 1980er Jahren die Programme beherrschte, ist abgelöst von einer pragmatischen Orientierung an Sachfragen (Osterweiterung der EU, Demokratieentwicklung in verschiedenen Ländern, Zivile Konfliktbearbeitung in Krisenregionen, Wirtschaftsliberalismus und Armutsentwicklung). Um sie gruppiert sich Expertise aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Vorrangig richtet sich dieses sachorientierte Interesse auf die im Mai vergangenen Jahres der EU beigetretenen Länder sowie die designierten Kandidaten.
Neben diesem Strang in der politischen Bildung, der auf die Politik der Europäischen Union ausgerichtet ist, existiert ein zweiter, der sich der Aufarbeitung der Vergangenheit deutscher Politik in Ost- und Ostmitteleuropa widmet. Das Herausbilden einer Erinnerungskultur – etwa im Rahmen der Gedenkstättenarbeit – zwischen Schuld und Versöhnung und ihre Vermittlung an die jüngere Generation ist auch jenseits der Bipolarität des Ost-West-Konfliktes ein lebendiges, doch immer wieder neu zu stimulierendes Anliegen geblieben. Es verbindet den inhaltlichen Aspekt politischer Bildung mit dem empathischen der persönlichen Begegnung. Viele Austauschprogramme, besonders für Jugendliche, haben hier ihren Ausgangspunkt. Polen und die Tschechische Republik nehmen eine bevorzugte Stellung ein. Dies ist neben den im engeren Sinne außerschulischen Aktivitäten der politischen Bildung auch ein Feld für ungezählte Partnerschaften zwischen Kommunen, Bildungseinrichtungen und zivilgesellschaftlichen Organisationen.
Eine Reihe von zivilgesellschaftlichen Initiativen knüpft auch an Ereignisse der jüngeren Vergangenheit an, etwa die Katastrophe von Černobyl’, den Exodus der Rumäniendeutschen, die mit den Balkankriegen verbundene Flucht- und Rückführungsproblematik. Schließlich hat auch der Bereich des Kulturaustausches in den letzten zehn Jahren eine bemerkenswerte Ausweitung erfahren. Die Frage, inwieweit solche Zugänge im engeren Sinne zur politischen Bildung zu rechnen sind, kann durchaus positiv beantwortet werden, da sie sich mit dem Aufbau zivilgesellschaftlichen Engagements im östlichen Europa verbinden.
Das alles begründet trotz solcher Zuordnungen jedoch noch keine Konzeption politischer Bildung, welche die Entwicklungen im östlichen Europa unter dem Gesichtspunkt des Aufbaus demokratischer Kulturen zum zentralen Gegenstand hätte. Zwar ist die Situation für Aktivitäten aller Art – nach der Zeit staatlich abgestimmter bis gelenkter Programme, in denen die Wahl der Partner, der Themen und der Formen beschränkt war – im Prinzip offen. Eine Abstimmung zwischen den Trägern politischer Bildung über ihre Vorhaben in diesem Bereich und deren didaktisch-methodische Ausrichtung ist jedoch selten.
Eine Diskussion über Ziele und Wirkungen findet kaum statt. Ist also mit dem politischen Begriff „Osteuropa“ auch die konzeptionelle Herausforderung politischer Bildung zu Osteuropa und in Osteuropa verschwunden? Das wäre nicht nur problematisch, es wäre fatal. Denn es würde die Reflexion der Entwicklungen in den uns benachbarten Gesellschaften des europäischen Ostens der selektiven, aktualistisch verkürzten Berichterstattung der Medien und der politikberatenden Expertise einschlägiger Forschung überlassen. Eine gebildete Meinung im Sinne reflektierter Orientierung zu diesen Entwicklungen, die in die Breite der Gesellschaft wirkt und partizipative Motivation freisetzt, bliebe auf der Strecke.
Europa als konzeptioneller Rahmen und das Problem der Akteure
Aus der Perspektive politischer Bildung in Deutschland steht dieser konzeptionellen Reflexion jedoch eine Reihe von Hindernissen im Weg. Zum einen erweist sich ein rein deutscher Zugang zu diesem Problem mehr und mehr als zu schmal. Zum anderen verweisen diese Hindernisse auf das im europäischen Zusammenhang ungeklärte Verständnis politischer Bildung als solcher. Konzeptionelle Überlegungen zu einer europäisierten politischen Bildung können aber nur dann tragfähig werden, wenn sie durch ausreichende Erfahrung gemeinsamen Lernens in west-ost-europäischer Interaktion gedeckt sind. Das wirft die Frage verläßlicher Partnerschaften zwischen den Trägern politischer Bildung auf.
Eine der möglichen Vorgaben für eine konzeptionelle Diskussion, die den deutschen Kontext überschreitet, hätte die EU-Verfassung mit ihrer deutlichen Betonung zivilgesellschaftlicher Formen politischen Engagements und ihrer Grundentscheidung abgeben können, Europa als Wertegemeinschaft – auf der Basis eben dieser Verfassung – zu begreifen. Die Anerkennung der in ihr ausgedrückten Wertmaßstäbe wird explizit zum Beitrittskriterium erklärt. Zentraler Bezugspunkt dafür ist die Existenz einer demokratischen politischen Kultur. Hier hätte sich der konzeptionelle Ansatz für politische Bildung in gesamteuropäischer Perspektive geboten.
Dem östlichen Europa (die beigetretenen Staaten sowie die Beitrittskandidaten) käme in diesem Konzept keine Sonderstellung etwa im Sinne nachholender Entwicklung auf dem Felde demokratischer Kultur zu. Vielmehr läge ihm ein europäisches Anforderungsprofil zugrunde, das für alle im Westen wie im Osten Geltung beanspruchen müßte. Wenn es stimmt, daß auch die gemeinsame europäische Außenpolitik im Osten entsteht, wie es pointiert Adam Krzemiński am Beispiel der Entwicklungen in der Ukraine ausführt, ist es ohnehin die Frage, wo sich gegenwärtig die Formen europäischer Öffentlichkeit herausbilden, die der demokratischen Kultur Europas ihr künftiges Gesicht geben. Gerade dort hätte politische Bildung ihren Ort.
Nachdem die politische Klasse – insbesondere die Westeuropas – es nicht vermochte, der Ratifizierung des Verfassungsvertrags ein europäisches Gesicht zu geben, und nicht verhinderte, daß sich spezifische politische Lagen und Stimmungen in den jeweiligen Nationalstaaten mit ihm vermischten, hat sie diese Verfassungsgebung zunächst gegen die Wand gefahren. Dadurch ist auch ein europäisierter konzeptioneller Ansatz für die politische Bildung schwer vermittelbar. Ohne einheitliches Design und zeitgleiche Urnengänge wurde viel Identifikationspotential verschenkt. Gleichwohl könnte die politische Bildung das Verfassungskonzept als Vision aufrechterhalten, würde sie darin von der Politik auf europäischer Ebene unterstützt. Das ist jedoch nur halbherzig der Fall. „Politische Bildung“ erscheint auf EU-Ebene geradezu als Unwort, was mit fehlender Zuständigkeit für den Bildungsbereich begründet wird, was die EU aber nicht daran hindert, eine Fülle von Bildungsprogrammen aufzulegen, vor allem im universitären Bereich, wo sie als Forschung deklariert werden können.
In offiziellen Verlautbarungen der EU taucht der Begriff der „politischen Bildung“ nicht auf. Statt dessen wird ein direkter Bezug zur Ebene zivilgesellschaftlichen Engagements (Nichtregierungsorganisationen) hergestellt, der in den intermediären Bereich bildungsgeprägter Veranstaltungsforen übergeht. Eine europäische Agentur zur Förderung politischer Bildung existiert nicht. Damit fehlt auch ein abgrenzungsfähiger Kommunikationsraum, in dem konzeptionelles Denken von den Trägern politischer Bildung in die europäische Politik weitergegeben werden könnte.
Versuche, spezielle Haushaltsansätze etwa im Bereich der Europahäuser oder der Religionsgemeinschaften (wie das Programm „Europa eine Seele geben“) zu schaffen, wurden nach den Skandalen nicht ordnungsgemäßer Mittelverwendung in anderen Zuständigkeitsbereichen in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre eingestellt. An deren Stelle traten allgemeine Ausschreibungsverfahren, bei denen die Auswahl für Antragsteller undurchsichtig ist. Was die Kampagnenorientierung bewirkt, die sich die EU im Feld von civic education auf die Fahnen geschrieben hat, läßt sich am Ausgang der Verfassungsreferenden in Frankreich und den Niederlanden sowie an der allgemeinen Einschätzung der EU bei den Bürgerinnen und Bürgern ablesen (siehe dazu die Karten „Beteiligung bei den Wahlen zum Europäischen Parlament 2004“ und „Vertrauen in das Europäische Parlament 2004“ in Einschub III.2). Politische Bildung als Investition in die demokratische Kultur der europäischen Gesellschaften ist ein mittel- und langfristiges Projekt, das an der Kurzatmigkeit kampagnengesteuerter Ausschreibungsmodi scheitern muß.
Angesichts dieser „europäischen“ Vorgaben ist politische Bildung in Deutschland auf ihren eigenen, singulären Kontext verwiesen. Dies mag ein wichtiger Grund dafür sein, daß sie es in den fünfzehn Jahren jenseits der Bipolarität nicht vermochte, ihre europäische und darin ihre ostmittel- und osteuropäische Perspektive konzeptionell profiliert und förderungspolitisch wahrnehmbar zu artikulieren.
Aber politische Bildung findet statt, auch mit osteuropäischen Partnern und über Osteuropa. Wer dabei als Träger von Maßnahmen Partner im östlichen Europa sucht, hat in der Regel zwei Möglichkeiten:

· Er kann den eigenen Verband oder Verbund von Institutionen „europäisieren“, sich die Partner in anderen Ländern also selbst schaffen, dort gleichsam „Schwestereinrichtungen“ gründen, ein Verfahren, das große internationale Stiftungen, darunter auch Parteienstiftungen, Europahäuser oder auch kirchliche Träger z.B. im Akademiebereich, nutzten.
· Er kann – zumeist thematisch orientiert – Kontakt zu zivilgesellschaftlichen Organisationen in den ostmittel- und osteuropäischen Ländern aufnehmen, die bereits existieren und in der Lage sind, gemeinsame Programme zu entwickeln und durchzuführen.

Beide Zugänge sind mit selektiven Entscheidungen verbunden, die primär den Interessen der beteiligten Akteure folgen und daher auch in ihrer Reichweite auf deren vertrautes Umfeld beschränkt bleiben. Wenn diese Aktivitäten breiter in die Gesellschaft wirken sollen, bedarf es jedoch des bewußten Schrittes über die eigene Klientel hinaus und in den öffentlichen Raum hinein. Hier finden viele Programme ihre Grenzen, insbesondere dann, wenn ein solcher Schritt aufgrund spezifischer Interessen privater Stiftungen gar nicht erwünscht ist oder die finanziellen Ressourcen ihn nicht zulassen. Eine staatliche Förderung, an der sich natürlich alle involvierten Länder – am besten auf EU-Ebene, falls aber nicht möglich, auch darunter – beteiligen müßten, würde mindestens den „privaten Charakter“ vieler Programme durch eine öffentliche Perspektive konterkarieren. Dies mag nicht im Trend gegenwärtiger Privatisierungsschübe liegen, ist aber von der Sache her durchaus angebracht.
Demokratische politische Kultur – Die drei Dimensionen Osteuropas
Sich Ostmittel- und Osteuropa im Sinne politischer Bildung konzeptionell zu nähern, verlangt Unterscheidungen. In aller Vorläufigkeit sollen in Stichworten drei Dimensionen aufgezeigt werden. Ihr gemeinsamer Bezugspunkt ist die Herausbildung einer demokratischen politischen Kultur als zentrales Ziel jeder politischen Bildung. Die Unterscheidung folgt der beobachtbaren Nähe und Distanz bestimmter Ländergruppen zu diesem Bezugspunkt. (Siehe auch die Karte Demokratie und Freiheit in Einschub III.2).
Da sind zunächst die Länder, die 2004 der EU beigetreten sind. Sie sind stark nach Westen orientiert, stehen unter massiven wirtschaftlichen Anpassungszwängen und sind mit wachsenden sozialen Disparitäten konfrontiert. Sie alle verfügen über demokratische Regime und entsprechende Verfahrensregeln. Sie akzeptieren den gesellschaftlichen Wertekanon, wie er in der nun auf Eis gelegten EU-Verfassung zum Ausdruck kommt. Und sie verfügen über eine vergleichsweise verläßliche zivilgesellschaftliche Basis. Gleichwohl bleibt das wirtschaftliche und soziale Gefälle in dem jeweiligen Land sowie gegenüber den westlichen Mitgliedstaaten noch lange ein gesellschaftlicher Frustrationsherd. Auf ihm kochen nicht nur politische Gruppierungen schwer genießbare Suppen, sondern sie könnten die Demokratiefähigkeit ganzer politischer Systeme zum Anbrennen bringen. Dies gilt in besonderem Maße für Länder wie Rumänien und Bulgarien, deren Beitritt in einer zweiten Runde 2007 auf der Tagesordnung steht, sowie für jene Beitrittskandidaten, die sich Hoffnung auf eine dritte oder womöglich sogar vierte Beitrittsrunde machen. Das Verhältnis der EU zu den jugoslawischen Nachfolgestaaten, zur Ukraine, aber auch zu Belarus und Moldawien wird jedenfalls nicht unbestimmt bleiben können. Wenn auch nicht formal, so gehören diese Länder doch in den EU-Kontext, selbst wenn sie die Beitrittskriterien bei weitem nicht erfüllen.
Politische Bildung würde sich deutlich überheben, wollte sie sich hier als Faktor empfehlen, ökonomische und soziale Probleme auszugleichen. Das Ziel der politischen Bildung kann allenfalls in der Stärkung der zivilgesellschaftlichen Basis dieser Länder liegen. Das aber läßt sich nur bewerkstelligen über einen systematischen und kontinuierlichen Zugang zu den dort bestehenden zivilgesellschaftlichen Organisationen und in der Entwicklung belastbarer Kooperationsformen. Gerade dort, wo Vertreterinnen und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen in Tagungen zusammentreffen, ist die vielstimmige Klage über oft parallel laufende, wenig aufeinander bezogene Aktivitäten zu vernehmen, die dadurch auch kontraproduktiv wirken können. Dies hat das Bemühen um Evaluation nicht wenig gefördert.
Die zweite Dimension umfaßt Rußland mit seiner inneren Demokratisierungsproblematik, den Regionalkonflikten und seinen strategischen Ambitionen im internationalen oder gar globalen Spektrum. Hier haben wir es offensichtlich mit einer wieder zunehmenden autoritären politischen Entwicklung zu tun, die formaldemokratische Prozesse zu lenken beansprucht und zivilgesellschaftliche Pflänzchen, die unbequem zu werden drohen, am Wachstum hindert. Wenn dann noch mafiose Strukturen bis in den politischen Apparat und ins wirtschaftliche Management reichen und regionale Verselbständigungen bis hin zum Terrorismus die Zentralgewalt militärisch herausfordern, sind der autoritäre Weg (mit oder ohne Zar) oder der failing state vorgezeichnet. Die Mischform der staatlich „gelenkten Demokratie“ und einer liberalen Marktwirtschaft produziert zusätzlich soziales Konfliktpotential. Die Dominanz der weithin nationalistisch orientierten orthodoxen Kirche wirkt dabei auf der einen Seite für die Russen als Integrationsfaktor, spielt aber zugleich im Vielvölkerstaat Rußland der Desintegration und der autoritären politischen Mentalität in die Hände.
Politische Bildung hat hier kaum Ansatzpunkte. Sie kann allenfalls den demokratisch gesinnten und gesellschaftspolitisch bewußten Gruppierungen, Institutionen und Organisationen Vernetzungshilfe leisten, ihnen – in ihrer Westorientierung – den Zugang zur Praxis der demokratischen politischen Kultur pluraler Gesellschaften offenhalten und ihnen so orientierende Hilfestellung anbieten. Der liberalste und dafür aufgeschlossenste Sektor ist der Kulturbereich. In ihm sammelt sich am ehesten das intellektuelle Potential, das demokratisches Gedankengut auch in die Breite tragen könnte.
Die dritte Dimension betrifft die Konfliktregionen des auseinandergefallenen Sowjetimperiums im Kaukasus und in Zentralasien, die durch ethnisch-religiöse und soziale Spannungen gekennzeichnet sind, fast durchweg von Clanstrukturen getragene autoritäre Regime aufweisen und deren zivilgesellschaftlicher Unterboden – soweit vorhanden – nationalistisch getränkt ist. „Politische Kultur“ erschöpft sich hier im wesentlichen in Wahlmanipulationen. Zwischen Rußland, China und der Türkei wird sich gerade in Zentralasien beweisen müssen, was eine demokratische Transformation vermag und ob sie im islamischen Kontext eine Chance hat.
In vielen Fällen ist zunächst einmal ziviles Konfliktmanagement vonnöten, über das dann demokratisch-zivilgesellschaftliche Entwicklungen angestoßen werden könnten, bei denen politische Bildung mitzuwirken in der Lage wäre. Dazu aber müßte sie vor Ort dauerhaft präsent sein.
Dies mag als eher düsteres Bild erscheinen. Es ist jedoch nicht angebracht, apokalyptische Assoziationen zu wecken, zumal immer wieder zivilgesellschaftliche Entwicklungen dieses Bild aufhellen. Nur hilft es auch nichts, der Realität nicht die Ehre zu erweisen. Allein an ihr zeigt sich die Größe der Aufgabe für eine politische Bildung, die das Thema Osteuropa ernst nimmt.
Welches Europabild soll politische Bildung bei uns vermitteln?
Aus der Perspektive der politischen Kultur Westeuropas markieren diese drei geographischen Subräume Osteuropas und die damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Dimensionen die nach außen gewendete Seite politischer Bildung. Die Träger und Akteure politischer Bildung müssen sich der Problemkonstellationen bewußt werden, in denen sie sich in diesem osteuropäischen Umfeld bewegen. Der weitaus größere Teil politischer Bildungsveranstaltungen findet jedoch nicht in Osteuropa, sondern im Inland statt. Die Regel ist, daß die Entwicklungen in den Staaten Ostmittel- und Osteuropas in Veranstaltungen behandelt werden, die in Deutschland stattfinden. Gerade dafür aber gilt das Gebot der Differenzierung in gleichem Maße, was die Beurteilung der Fort- und Rückschritte in der Praxis der demokratischen Kultur osteuropäischer Länder angeht. Sie sensibel zu beobachten, sich der nötigen Expertise zu versichern und sich der Kriterien der eigenen Beurteilung bewußt zu werden, sie schließlich auf das Mögliche zu beziehen, ist Voraussetzung für jede verantwortliche Annäherung an diese Entwicklungen.
Politische Bildung in Deutschland, selbst wenn sie ostmittel- und osteuropäische Akteure oder Partner einbezieht, kann zwar die dortigen Probleme nicht lösen. Bewußt machen aber kann sie diese Probleme und damit realistisch-differenzierte Sichtweisen auf sie fördern. Daß dies geschieht, ist vor allem deshalb wichtig, weil es Abschottungstendenzen gegenüber „ungeliebten“ Entwicklungen und deren Rückwirkungen auf Deutschland und Westeuropa vorzubeugen hilft. Solche Abschottungen sind schon deshalb problematisch, weil sie die gesamteuropäische Perspektive ausblenden und das Europabild auf die EU verengen. Eine neue, unreflektierte Bipolarität von avanciertem Westen und retardierendem Osten sollte sich Europa nicht leisten. So sehr osteuropäische Länder im Verhältnis zum Westen ein Aufholproblem in ökonomischer und demokratischer Hinsicht haben mögen, so sehr hat Westeuropa im Verhältnis zum Osten ein Problem, seine Sozialstandards zu bewahren. Und es könnte sich noch deutlicher als bisher zeigen, wie sehr sich hier ein Abhängigkeitsverhältnis herausbildet, das der kontinuierlichen Bearbeitung bedarf. Die Diskussion um Betriebsverlagerungen etwa ist nur ein Beispiel dafür, wie rein ökonomische Zugänge eine gesamtgesellschaftliche und gesamteuropäische Würdigung verfehlen. (Siehe dazu die Karten Wirtschaftskraft in Europa 2002 in Einschub III.3 und Arbeitslosigkeit in Europa in Einschub III. 4)
Am Beispiel Osteuropas hätte politische Bildung in Deutschland aufzuzeigen, in welchem Maße die ungleichen Verhältnisse in und die Asymmetrien zwischen den Gesellschaften aufeinander einwirken, nun aber nicht mehr im Sinne eines bipolaren Patts, sondern im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit. Die drückt, wenn sie wirklich ausgleichend sein will, zusätzlich zur Globalisierung noch einmal mehr auf das ohnehin schon angespannte soziale Korsett. Diesen Zusammenhang kritisch reflektieren zu können, erfordert einen seit Generationen nicht mehr geübten Lernprozeß, der sich bereits mit der deutschen Wiedervereinigung ankündigte und sich nun im Verhältnis zu den neuen EU-Mitgliedern verstärkt. Daß er Auswirkungen auf die politische Landschaft bei uns hat, zeigte sich – wenn auch in komplex vermittelter Form – bei den Landtagswahlen im September 2004 in Sachsen und dem dortigen Wahlerfolg der NPD. An solchen problematischen Formen der politischen Verarbeitung sozialer Deprivation kann politische Bildung kaum vorübergehen. Allerdings ist sie auf ihre Bearbeitung wenig vorbereitet, weil sie bisher kaum Zugangsmöglichkeiten zu Menschen mit autoritär geprägten Verhaltensdispositionen entwickelt hat.
Auch auf die Renaissance des Religiösen in der Politik ist politische Bildung bisher wenig eingestellt. Westeuropa fühlt sich geradezu als Hort der Säkularität. Damit steht es auf dieser Welt jedoch ziemlich allein. In Ostmittel- und Osteuropa spielt Religion – zumeist in Verbindung mit ethnischer oder nationaler Identität – eine ungleich wichtigere Rolle als im Westen. Dies mag man, gerade dieser Konstellationen wegen, beklagen. Politische Bildung wird das Thema der Religion aber dennoch bearbeiten müssen, soll sie sich nicht in aufklärerisch drapierte Gegenbeschwörungen verlieren. Die in Rußland zunehmend politisch in Anspruch genommene christliche Orthodoxie ist uns mindestens ebenso fremd wie der sich politisch artikulierende Islam. Der aber gehört zur politischen Kultur sowohl Rußlands als auch einiger Staaten im postsowjetischen Raum. Manche mentalen europäischen Grenzziehungen schließen die Orthodoxie gerade noch ein, den Islam aber aus, wohl wissend, daß die ohnehin existierenden Konfliktpotentiale damit noch verstärkt werden. Man will sie sich nur nicht selbst gleichsam nach innen holen und positioniert sich deshalb als Gegenüber, manchmal freundlicher, manchmal unfreundlicher, je nach Interesse. Dies aber reicht zur Konfliktbearbeitung nicht aus. Politische Bildung mag kein Träger ökumenischer und interreligiöser Dialoge sein. Das Thema der Rolle von Religion in der Gesellschaft wird sich ihr jedoch noch massiver aufdrängen, als es bereits jetzt der Fall ist.
Schließlich sollte politische Bildung ihr Augenmerk auf Regionen richten, die entweder im Hinblick auf länderübergreifende Kooperationspotentiale oder auf ihre Konfliktpotentiale Aufmerksamkeit erfordern. Das gilt im ersten Fall für den Ostseeraum, der neben den baltischen Staaten auch Rußland einschließt. Es gilt auch für die Karpatenregion, die Ungarn und die Slowakei mit der Ukraine und Rumänien verbindet. Im zweiten Falle wären die GUS-Staaten zu nennen, um die ein Wettlauf zwischen den USA und der Türkei einerseits und des Iran andererseits eingesetzt hat und die zugleich ihre Bindung an Rußland weiterhin aufrechterhalten. Hier hat sich ein neues Areal regionaler Konflikte herausgebildet, das internationale Bedeutung aufweist. Darüber wissen wir viel zu wenig.
Wer von den Trägern politischer Bildung in diese Bereiche vorstoßen will, wird sich gute Expertise besorgen müssen. Und er wird nicht ohne authentische Stimmen aus den entsprechenden Regionen auskommen können. Da braucht es viel Recherche und Vernetzung.
Reflektierte Erfahrungen fruchtbar machen: Partner im Bildungsprozeß
Wenn sich die politische Bildung – in freier Trägerschaft, also in der uns geläufigen Pluralität – dem Aufgabenprofil, das sich ihr mit den Entwicklungen im östlichen Europa stellt, ernsthaft zuwenden will, rangiert neben der Frage nach der staatlichen Förderung entsprechender Programme noch eine weitere. Es ist die ihrer Verbundstrukturen. Damit sind nicht einmal in erster Linie die unmittelbaren Träger und die Formen ihrer Zusammenarbeit bei durchaus divergierenden Wertbezügen und Zielsetzungen gemeint.
Die Frage richtet sich auf das Verhältnis der Träger politischer Bildung zu den zivilgesellschaftlichen Akteuren. Menschenrechts-, Entwicklungs-, Friedens-, Umwelt-, Hilfs-, Flüchtlingsorganisationen u.v.a. arbeiten längst länderübergreifend und sind in Krisenregionen, wo sie in der Konfliktbearbeitung tätig sind, zivilgesellschaftlich vernetzt. Sie verfügen daher über Erfahrungswerte, auf die politische Bildung sich beziehen kann. Sie nutzbar zu machen, eröffnet ein enormes Potential für eine Didaktik jenseits der Bipolarität, für die Professionalität politischer Bildungsprogramme und die Differenzierung komplexer Problemkonstellationen.
Die Frage richtet sich aber auch auf das Verhältnis der Träger politischer Bildung zu den wirtschaftlichen Akteuren. Probleme sozialen Investments, nachhaltiger Wirtschaftsentwicklung und des Risikomanagements sind ohne die bei diesen Akteuren vorhandene Expertise allenfalls suboptimal zu bearbeiten. Zudem sind Stiftungen aus dem Bereich der Wirtschaft (Soros, Ford, Gates u.v.a.) gerade in osteuropäischen Ländern sehr präsent. Ihr Engagement gibt aufschlußreiche Hinweise über die Einschätzung der aktuellen Entwicklungen und die strategischen Optionen, denen ihre Aktivitäten folgen.
Schließlich ist auch das Feld intermediärer Akteure aus der Wissenschaft, den Medien und den Kirchen ein Indikator für die Einschätzungen der andauernden Transformation. Die hier existierenden Verbundstrukturen, Forschungsvorhaben und Evaluationsverfahren bieten der politischen Bildung unschätzbare Anknüpfungspunkte für didaktische Zugänge und die Entwicklung von Programmen, die über besondere Expertise verfügen. Zu diesem Feld möglicher Kooperationspartner zählen ebenso die vielfältigen Beratungsinstitutionen, die politische, ökonomische, technologische und soziale Projekte begleiten.
Um die Fülle von reflektierter Erfahrung für die politische Bildung fruchtbar zu machen, bedarf es allerdings auch der trägerübergreifenden Kooperation. Denn gerade darin müßte sich der Charakter einer gebildeten „politischen Kultur“ als ein demokratischer erweisen. Nur dieser in ihr bereits angelegte und praktizierte Habitus politischer Bildung überzeugt. In ihm relativiert sich das je eigene Interesse zugunsten des gemeinsamen Interesses an der Förderung demokratischer Grundeinstellungen.
Um konzeptionell profilierte und förderungspolitisch akzeptierte Programme zu entwickeln, die sich auf das östliche Europa richten, dessen Transformation zur Demokratie oder Konsolidierung von Demokratie unterstützen und dies bei uns nachvollziehbar vermitteln, sind die Träger politischer Bildung darauf angewiesen, sich über Verbundstrukturen zu verständigen und die jenseits ihres eigenen Mandats vorhandene Expertise der anderen Akteure einzubeziehen.
Möglicherweise gelingt es ja den Zusammenschlüssen der Träger politischer Bildung, die traditionelle Fixierung auf förderungspolitische Detailfragen zu überwinden und konsultative Zeichen dafür zu setzen, daß den osteuropäischen Dimensionen der Demokratieentwicklung die Aufmerksamkeit zukommen muß, die sie verdienen. Das läge im wohlverstandenen Interesse einer auf Europa orientierten politischen Bildung, die sich nicht nur immer neu ihres traditionellen nationalen Rahmens versichert, sondern sich der Transformation Europas insofern verpflichtet weiß, als sie dazu beiträgt, eine demokratische politische Kultur zu fördern. Eine Ausrichtung staatlicher Förderungspolitik könnte dem wohl folgen, wenn sie sich ihrer gesamteuropäischen Verpflichtung bewußt würde.

Dieter Segert | 73

Die neue Unübersichtlichkeit
Osteuropa in der politischen Bildung
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Einen Gründungsimpuls bezog die politische Bildung aus der Auseinandersetzung mit dem Kommunismus. Mit der Auflösung der sozialistischen Staatenwelt und der Sowjetunion wurde ihre bisherige Legitimationsgrundlage brüchig. Sie hat sich jedoch heute in neuen Aufgaben zu bewähren: Zum einen hat sie Mißverständnisse und Vorurteile über die Gesellschaften Osteuropas zu bekämpfen. Zum anderen wird politische Bildung über Osteuropa in der Zukunft zu einem wichtigen Bestandteil der europapolitischen Bildung. Schließlich muß sie die Entstehung einer europäischen Öffentlichkeit fördern und helfen, Netzwerke zwischen den an Europa interessierten Bürgern zu knüpfen. Schließen

Matthias Freise | 83

Demokratie-Bildung
Die Förderung der Zivilgesellschaft in Ostmitteleuropa
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Die wichtigste Aufgabe externer Demokratieförderung in Ostmitteleuropa ist die Unterstützung der Zivilgesellschaft. Die deutschen Parteistiftungen und vergleichbare kontinentaleuropäische Organisationen kooperieren bei ihrer politischen Bildungsarbeit mit festen einheimischen Partnerorganisationen. Die mit erheblichen Geldmitteln ausgestatteten angloamerikanischen Förderstiftungen setzen hingegen eher auf Schulungszentren und zivilgesellschaftliche Dachorganisationen. Die deutschen Stiftungen zielen auf eine enge Kooperation zwischen Gesellschaft und Staat. Die amerikanischen Stiftungen hingegen wollen die Zivilgesellschaft als eine unabhängige Instanz aufbauen, die den Staat kontrolliert. Externe Demokratieförderung sollte in Zukunft stärker koordiniert werden, ohne daß dabei die unterschiedlichen Ansätze aufgegeben werden. Schließen

Eva Feldmann-Wojtachnia | 94

Der Schlüssel zum Europäischen Haus
Interkulturelle Kompetenz im neuen Europa
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Die wachsende Europäisierung des persönlichen Alltags in Gesellschaft und Politik macht „interkulturelle Kompetenz“ zu einem Schlüsselfaktor für das gemeinsame Leben im erweiterten Europa. Damit steht die politische Bildung vor neuen Herausforderungen. Bislang ist ihr Blickwinkel vielfach zu eng, zu westeuropazentriert. Erforderlich ist eine multilaterale, erweiterte Perspektive von Europa. Angesichts der aktuellen Krise, in welche die Europäische Union geraten ist, kann nicht darauf vertraut werden, daß das entsprechende europäische Bewußtsein bei den Bürgerinnen und Bürgern von selbst entsteht. Eine gezielte Bildungsstrategie ist nötig. Schließen

Erfahrungen

Winfried Schneider-Deters | 107

Civil Diplomacy
Politische Stiftungen in Ost- und Ostmitteleuropa
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Die politischen Stiftungen spielen eine wichtige Rolle in der civil diplomacy, den informellen auswärtigen Beziehungen der Bundesrepublik. Ihre Aufgabe sehen sie darin, den politischen Dialog zwischen den parlamentarischen, gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Eliten aus Ost- und Ostmitteleuropa, aus Deutschland und anderen EU-Staaten zu organisieren. Auf diese Weise sollen europäische Denk- und Sichtweisen nachhaltigen Eingang in die politische Kultur der postkommunistischen Länder finden. Der Erfolg der Demokratieförderung ist abhängig von den Entwicklungen in den postsowjetischen Staaten und von dem heimischen politischen Interesse an der Auslandsarbeit der Stiftungen. Schließen

Dorota Dakowska | 126

Wissen geben, Wissen nehmen
Deutsche parteinahe Stiftungen in Polen
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Die deutschen politischen Stiftungen sind sowohl atypische als auch traditionelle Träger der politischen Bildung. Sie beteiligen sich seit den 1960er Jahren an der deutschen Außen- und Entwicklungspolitik. Erst nach 1989 konnten sie ihre Tätigkeit in Polen frei entfalten. Sie boten eine pluralistische politische Bildung und knüpften zahlreiche Kontakte mit Parteien, Jugendorganisationen, Nichtregierungsorganisationen und Ge­werkschaften. Eines ihrer wichtigsten Ziele war dabei die Unterstützung Polens auf dem Weg in die Europäische Union. Schließen

Daniel Kraft | 137

Brücken zum Nachbarn
Grenzüberschreitende politisch-historische Bildung zwischen Sachsen und Nordböhmen
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Politische Bildung in Grenzgebieten muß grenzüberschreitend sein und sich heiklen Themen der Vergangenheit stellen. Nur dann kann sie einen wichtigen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen sowie zur europäischen Integration leisten und trägt zugleich zur Steigerung der Legitimität der Demokratie in der Transformation und zum Abbau von Entwicklungsnachteilen einer Grenzregion bei. Damit die zahlreichen im Grenzgebiet aktiven Akteure inhaltlich und finanziell fundiert arbeiten können, sollten sie darin unterstützt werden, ein professionelles Nonprofit-Management aufzubauen. Schließen

Barbara Kettnaker | 151

Frieden durch Versöhnung
Aktion Sühnezeichen im Ost-West-Dialog
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Seit 1958 entsendet die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste junge Menschen in Staaten, die unter nationalsozialistischer Herrschaft zu leiden hatten. Damit zogen die Gründer die Konsequenz aus einem Schuldbekenntnis der Deutschen. Als Ausdruck der Sühne leisten die Freiwilligen Hilfe bei gemeinnützigen Arbeiten. Die Erinnerung an Krieg und Besatzung ist in den Kontakten mit den Gastgebern noch präsent. Zu den wichtigsten Erfahrungen der Freiwilligen gehört es, einen Dialog über Grenzen zu führen und die eigenen Sichtweisen zu hinterfragen. Schließen

Jan Plamper | 163 | Volltext

Lebens-Bildung
Mit Aktion Sühnezeichen in St. Petersburg
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Politische Bildung soll Vorurteile überwinden und den Menschen dazu befähigen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Kein noch so gut aufbereitetes didaktisches Material kann die Erfahrung ersetzen, die das Leben bereithält. Was die vier Damen, die der Autor während seines Ersatzdienstes Anfang der 1990er Jahre mit Aktion Sühnezeichen in der offenen Altenarbeit betreute, über den Stalinismus und den Nationalsozialismus zu erzählen hatten, steht ein Jahrzehnt später im Mittelpunkt von geschichtswissenschaftlichen Debatten. Schließen

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Europa bilden
Politische Bildung zwischen Ost und West
Berlin (8/2005)
Seite 163 - 170


Jan Plamper

Lebens-Bildung
Mit Aktion Sühnezeichen in St. Petersburg

Wie· hat sich mein „anderer Dienst“, den ich anstelle des Zivildienstes mit der Aktion Sühnezeichen in St. Petersburg geleistet habe, auf meine Biographie und meinen Werdegang als Historiker ausgewirkt, fragt OSTEUROPA? Mein Auswahlgespräch fand am 20. August 1991 bei der Aktion Sühnezeichen in Berlin statt. Als Wunschland hatte ich die Sowjetunion angegeben. Noch am Tag zuvor, so wurde mir mitgeteilt, hätte man alle Pläne für Langzeitdienste in diesem Land, das schon im Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen neben Israel und Polen als einer der Hauptleidtragenden des NS-Eroberungs- und Vernichtungswahns zum Zielland bestimmt worden war, auf Eis gelegt. Doch nun waren die Putschisten mit den zittrigen Händen hinter Schloß und Riegel, Gorbačev in Sommerjacke winkend in Moskau einem Flugzeug von der Krim entstiegen, und einer blühenden, demokratischen Zukunft Rußlands schien nichts im Wege zu stehen. Die Stimmung war auch in der Berliner Jebenstraße ausgelassen.
Ein Jahr später trafen mein „Mitsühner“ Roland Rausch und ich auf dem Vitebsker Bahnhof in St. Petersburg ein. 34 Jahre, nachdem sie ins Leben gerufen worden war, hatte die Aktion Sühnezeichen das Gründungsziel wahrmachen können und erstmalig 13 Langzeitfreiwillige nach Minsk, Moskau und St. Petersburg entsandt. Die Minsker sollten in der Stiftung Kinder Tschernobyls und einem Kinderheim arbeiten, die Moskauer bei einer russisch-orthodoxen Gemeinde und wir Petersburger bei der wiedergegründeten evangelischen Gemeinde sowie bei Memorial in der offenen Altenarbeit. Letzteres wurde mein Job. Ich landete zur richtigen Zeit am richtigen Ort, meine ich auch heute noch.
Wie war ich auf Rußland gekommen, wurde ich oft gefragt? Keine biographischen Bezüge zum „Ostblock“, wenn man von Erzählungen meines Vaters über eine Reise mit dem VW-Käfer durch die Sowjetunion 1967 absieht, deren Höhepunkt das angeblich beste Eis der Welt im GUM bildete. Und wenn man von sudetendeutscher Herkunft väterlicherseits absieht, die sich äußerte in einer clanartigen Familienstruktur, zentnerweise süßen Mehlspeisen bei den Nürnberger Verwandten sowie einem Besuch in der „Tschechei“ 1979, in dessen Folge bei uns mit schöner Regelmäßigkeit Schokolade mit Zitronen- oder Erdbeerfüllung von den Verwandten in Kadaň/Kaaden an der Eger eintraf, die selbst mich, pathologisches Süßmaul seit Geburt, anwiderte.
Nein, uns in Tübingen war „der Osten“ immer ferner als Frankreich gewesen. Mein Rußlandinteresse ging auf eine Reise als 15jähriger ins Allgäu zurück, bei der meine Mutter in sintflutartigem Regen das Auto auf einen Parkplatz fuhr und das Radio einschaltete, wo Ivan Gončarovs Oblomov vorgelesen ertönte. Wie bei so vielen wurden auch für mich die großen russischen Romane des 19. Jahrhunderts zur Einstiegsdroge. Ohne daß ich genauer hätte bestimmen können, was mich in ihnen anzog. Später kamen hinzu ein leichter Fall von Gorbimanie, die in meiner Generation grassierte, ein dumpf linkspolitisches Interesse für Sowjetgeschichte, ein Studium russischer Geschichte und Sprache an einem amerikanischen College nach dem Abitur und die ersten „echten“ Russen. Es waren dies in Boston jüdische Emigranten aus der Ukraine. Sie brachten mir Okudžava und Vysockij näher, beherbergten mich, als ich ohne Bleibe war und bereiteten mich eingehend auf meinen Friedensdienst in Rußland vor. Ob ich noch nie von klopy, „bed bugs“ gehört hätte?

During night, bed bugs climb up wall, jump on you and bite you all over. Very bad. What to do? Push bed in middle of room. Problem is, Russian bed so narrow, you fall on floor, bed bugs climb on bed, jump on you and bite you all over. Also very bad. No way out.

Als sie hörten, daß ich voraussichtlich in einem Wohnheim für Krankenschwestern untergebracht würde, brachen sie in schallendes Gelächter aus: „Brothel is monastery in comparison to Russian nurses’ dormitory.“
Diese Emigrantenbekanntschaften, das Sühnezeichenvorbereitungsseminar und meine geschichtswissenschaftliche Lektüre waren meine Vorbereitung gewesen, als unser Zug Ende September 1992 in St. Petersburg einfuhr. Abgeholt wurden wir von Memorial-Mitarbeitern, die uns unterbrachten und sich rührend um uns kümmerten. Die ersten Monate waren berauschend; ich versuchte, alles wie ein Schwamm aufzusaugen. An den Grauabstufungen konnte ich mich nicht sattsehen, war ich doch der westlichen Konsumgesellschaft überdrüssig und hatte mich während des College-Studiums zunehmend politisch radikalisiert – ausgerechnet in Amerika, oder gerade dort. Mein „anderer Dienst“ bestand darin, vier älteren Damen Essen einzukaufen und zu bringen, im Haushalt zu helfen, zur Gymnastik anzuleiten, bei Behördengängen und Arztbesuchen zu helfen und vor allem literweise Tee zu trinken, zuzuhören und zu sprechen.
Alle vier stammten aus der Intelligencija, zwei waren Gulag-Überlebende, eine die Tochter eines „Repressierten“ (politisch Verfolgten), eine die Witwe eines Repressierten. Nach einer Weile kannte ich nicht nur die Familiengeschichten auswendig, sondern konnte auch die schwarzen, schlechten Körner aus dem auf Zeitungspapier ausgebreiteten Buchweizen fischen, bei Wintereinbruch Schmierseife (chozjajstvennoe mylo) auf dem Gasherd zum Schmelzen bringen und mit ihr als Klebstoff und Gazestreifen (marlja) die Fenster abdichten.
Daß mein Russisch aus drei Jahren College nichts taugte, merkte ich spätestens in Woche zwei, als mich Vera Ivanovna, eine meiner Damen, zum letzten staatlichen Optiker am Kanal Griboedova schickte, um ein neues Brillengestell zu bestellen. Nachdem ich eine halbe Stunde in einer Schlange verbitterter, aggressiver Rentner gestanden hatte, beständig die auswendig gelernten Sätze vor mich hinmurmelnd, kam ich endlich an die Reihe. Ich mußte mich buchstäblich „erniedrigen“, indem ich meinen Kopf zur mikroskopischen Öffnung an der verbretterten Theke herunterreckte – und weg waren sie, die auswendig gelernten Sätze. Hinter mir erhoben sich die Krücken und Stöcke und ein schreckliches Gezeter. Von da an las ich Vera Ivanovna anfangs Lermontovs Held unserer Zeit, später anderes, laut vor, während sie mich korrigierte.
Über die Gründe ihrer Memorial-Mitgliedschaft mochten meine Babuschki zuerst nicht sprechen. Langsam kam es heraus, und vermutlich half dabei, daß ich „Fremder“ war und doch etwas Hintergrundwissen über die dunkelsten Seiten sowjetischer Geschichte besaß. Die Älteste, Žanna Ferdinandovna Cimmerman, Jahrgang 1901, eine Bankierstochter deutscher Herkunft, war 1936 als japanische Spionin verhaftet worden. Im Verschickungsgefängnis hatte eine sadistische Wärterin ihr, die sie im Begriff war, ihren Übersetzerberuf gegen den einer Operettensängerin einzutauschen, die Stimmbänder mit Säure verätzt. So verblieb ihr Zeit ihres Lebens eine krächzende, tiefe Stimme. Žanna Ferdinandovna hatte insgesamt 22 Jahre im Karlag und in der kazachischen Verbannung verbracht. Letztere, die „glücklichsten“ ihres Lebens, hatte sie in einer De-facto-Ehe mit einem Mitverbannten gelebt. In dieser Zeit waren ihr auch einmal alle Haare ausgefallen wegen der Atombombentests im nahen Semipalatinsk.
Typisch für weibliche zėky, die keine Familie hatten gründen können, fiel bei ihr nach der Rückkehr aus der Verbannung das familiäre Versorgungsnetz weg, so daß ich sie in einer der schlimmsten Kommunalkas in der Nähe des Staronevskij antraf. Seit vier Jahren war sie bettlägerig, jedoch immer noch Zentrum ihrer Kommunalka, die allen bereitwillig aus der Hand las, ein Gedicht zum Besten gab und bei Liebeskummer Ratschläge erteilte. Im Sommer 1993 wurde eines ihrer Beine von Gangräne befallen, und die Einlieferung in die septische Abteilung (gnojnoe otdelenie) des städtischen Krankenhauses Nr. 5, benannt nach der Terroristin und Zarmörderin Sofija Perovskaja, wurde auch für mich zur schwierigsten Zeit meines Dienstes. Die physische Pein und die seelischen Qualen, die Žanna Ferdinandovna erleiden mußte, liegen jenseits meiner Vorstellungskraft. Zustände wie in dieser Klinik hatte ich noch nie gesehen; ein herbeigebrachter deutscher Arzt stellte fest, daß sie in einer schlechteren Verfassung sei als die Kameruner Krankenhäuser, in denen er gearbeitet hatte. Žanna Ferdinandovna starb am 11. August 1993 an den Folgen einer Beinamputation, die einen Monat früher hätte erfolgen müssen.
Vera Ivanovna Ljudyno, Jahrgang 1924, von Geburt an gehbehindert und vielversprechende Pianistin, war 1944 während der Leningrader Blockade denunziert und ebenso grundlos wie Žanna Ferdinandovna verhaftet worden und hatte fünf Jahre im Karlag abgesessen. Sie war die jüngste und gesundheitlich stabilste, trotz ihrer Schmerzen infolge der Gehbehinderung. Wir sind heute noch in regelmäßigem Kontakt. Ihr verdanke ich mein Russisch und so viel mehr, als Worte zu sagen vermögen.
Evgenija Lazar’evna Landos Ehemann Mark war 1937 während des Großen Terrors im Fernen Osten erschossen worden. Sie hatte nie wieder geheiratet und das Kainsmerkmal der Frau eines „Volksfeindes“ mit Würde getragen, dabei noch einen Sohn alleine großgezogen. Sie war die einzige der vier, die ihren Glauben an den Kommunismus bewahrt hatte und die Gajdarschen Reformen bedauerte. Stets proper angezogen und sehr akkurat, lebte diese temperamentvolle Dame ganz in der Nähe der KGB-Zentrale Litejnyj 4 in einer Wohnung mit ihrem Neffen und dessen Familie; mit ihm sprach sie seit Jahren kein Wort, und er sorgte regelmäßig für nette Überraschungen. Einen ganzen Sommer wohnten in der Badewanne mehrere gackernde Hühner, die er von der Datscha in die ehemalige Adelswohnung in der Großstadt am Taurischen Garten mitgebracht hatte. Was haben wir zusammen gelacht; auch, als ich beim Staubsaugen unter der Couch dosenweise gezuckerte Kondensmilch (sguščënnoe moloko) aus dem Jahre 1969 fand, die sie für den „schwarzen Tag“ aufgehoben hatte und von deren Verfall ich sie nur mit viel Mühe überzeugen konnte.
Mina Samuil’evna Gallaj war die über achtzigjährige Tochter eines Bundisten, der eines Nachts 1938 aus der Familienwohnung in dem von Le Corbusier erbauten Haus der Gesellschaft der Polithäftlinge des Zarenregimes (obščestvo politkatoržan) am Kirov-Platz (heute Trockij-Platz) abgeholt worden war. Seine Tochter war Chemikerin geworden und hatte einst die Auswanderung nach Israel vorbereitet, was wegen der geänderten Pläne des Verwandten, der mit ihr hätte emigrieren sollen, ins Wasser gefallen war. Ihr Charme war, nun ja, rauh. Die Mitgliedschaft in der Leningrader Vereinigung der Kaktusliebhaber war kein Zufall gewesen. Anfangs bat sie mich um ein Foto von mir; als sie es bekam, glich sie es mit meinem Gesicht ab und sagte: „Jan, Sie besitzen ein sehr wenig fotogenes Gesicht.“ Der Kontrast zum amerikanischen positive reinforcement, in dem ich die letzten drei Jahre gebadet hatte, hätte kaum größer sein können. Als wir später noch einmal lachend darauf zu sprechen kamen, meinte sie, sie habe mir ein Kompliment machen wollen, sähe ich doch in Wirklichkeit besser als auf Fotos aus. Ein andermal sagte sie:

Jan, meine Freunde und Verwandte sagen mir, ich behandele Sie wie einen deutschen Kriegsgefangenen. Das ist nicht wahr, oder? So, jetzt wischen Sie Staub auf dem Bücherregal, klopfen die Bücher ab, wischen in der Küche Staub, öffnen mir dieses Einmachglas, holen die Zeitungen von unten und bringen noch schnell den Abfall zum Container.

Nach einer Pause: „Hmm, vielleicht ist etwas dran, an dem, was meine Freunde und Verwandten sagen.“ Mina Samuil’evnas Haß auf die Sowjetunion und das „Land der Idioten“ (strana durakov) kannte keine Grenzen. Als ich sie einmal bei einem Spaziergang vor einer „diätischen Kantine“ (dietičeskaja stolovaja) fragte, worin sich die diätische von der gewöhnlichen unterscheide, bekam ich die lakonische Antwort: „Sie unterscheidet sich darin, daß in keiner von beiden leckeres Essen zubereitet wird.“
Diese vier Damen, die einander nur von Erzählungen durch mich kannten, bestimmten mein Leben 15 Monate lang – und darüber hinaus. Keine betrachtete meinen Dienst als „Arbeit“, alle beäugten einander eifersüchtig, alle waren sich sicher, daß ich sie am liebsten von allen vieren hätte, und alle dachten sich immer neue Beschäftigungen für mich aus. Es war mit die beste Zeit meines Lebens.
Ich war außerdem in der merkwürdigen Lage, mit dem Taschengeld des Förderkreises, den ein jeder „Sühner“ wegen der Weigerung des Bundesamtes für den Zivildienst, „andere Dienste“ zu finanzieren, hatte gründen müssen, während der Hyperinflation um vieles reicher als diese Damen zusammen zu sein und ihnen fast jeden materiellen Wunsch erfüllen zu können.
Zu der offenen Altenarbeit kamen vielfältige Tätigkeiten bei Memorial selbst. Da ging es um Übersetzungen von Arzneimittelbeipackzetteln und weitere Dinge im Sozialbereich, für die der großartige Vladimir Ėduardovič Šnitke mein Chef und Ansprechspartner war, aber auch um historische Arbeit bei der historisch-archivalischen Kommission. Dieser Kontakt besteht bis heute. Kaum jemand in Rußland, davon bin ich überzeugt, beschäftigt sich so ernsthaft mit der Aufarbeitung der sowjetischen Gewalt wie die historischen Kommissionen von Memorial, darunter auch das St. Petersburger Wissenschafts- und Informationszentrum Memorial (NIC Memorial), allen voran Irina Flige, die die Arbeit des Gründers, Veniamin Iofe, fortführt.
Es war jedoch nicht Sühnezeichen-Arbeit mit den „klassischen“ Opfern des Nationalsozialismus, die ich in Petersburg leistete. Gewiß, mehrere der Damen waren blokadnicy, hatten also die Leningrader Blockade von 1941–1944 überlebt, bei der schätzungsweise jeder dritte Einwohner starb. Gewiß, zwei waren Jüdinnen, doch kann ich mich nicht daran erinnern, von ermordeten Familienmitgliedern gehört zu haben. Übrigens: sofern ich mich an irgendwelche Berührungsängste mir gegenüber erinnern kann, waren dies traditionelle, sowjetische Vorbehalte gegenüber einem Nachfahren der „Faschisten“, die mit ihrem Krieg die Sowjetunion mit unsäglichem Leid überzogen hatten. Und diese Vorbehalte bekam ich so gut wie nie zu spüren. Insgesamt begegnete man mir mit endloser Dankbarkeit und fast unerschöpflichem Wohlwollen: Hier ist ein Exot – man schrieb das Jahr eins nach dem Ende der Sowjetunion. Ein junger Mann – keine Frau, und das in einer Krankenschwester-artigen Tätigkeit. Aus dem reichen Westen – das heißt, er könnte auch in einem noblen deutschen Krankenhaus seinen al’ternativnaja služba, Zivildienst, leisten. Dabei interessiert er sich auch noch für mein Schicksal – worum sich doch nicht einmal meine eigenen Verwandten und Nachbarn scheren, die um ihr tägliches Brot kämpfen müssen.
Das zutage gelegte Verhältnis zum Nationalsozialismus war für mich verstörend – produktiv verstörend. „Ihr Hitler war doch ein Engel im Vergleich zu unserem Stalin. Er hat den Terror wenigstens nicht gegen sein eigenes Volk gerichtet. Und Opfer gab es auch nicht so viele“, sagte mir einmal Mina Samuil’evna. Hierin lag so vieles, was ich verarbeiten mußte: „Mein“ Hitler? Nicht gegen das „eigene“ Volk – und wer waren dann die jüdischen, geistig behinderten und schwulen Deutschen? Opferzahl als Kriterium für moralische Verwerflichkeit – hatten wir nicht den Historikerstreit im Geschichte-Leistungskurs behandelt, und hatte nicht ich mir Eberhard Jäckels Singularitätsthese zu eigen gemacht, die besagte, es ginge nicht um die Zahl, sondern das Ausgrenzungskriterium, und hier sei pseudobiologistischer Ethnorassismus ethisch verwerflicher und radikaler (er traf alle, Frauen, Alte und Kinder eingeschlossen) als Klassenhaß, da „Klasse“ ein soziologisches Kriterium sei und daher die Möglichkeit der Erlösung böte, während „Rasse“ keinen Ausweg bereithielte?
Überhaupt war für meinen Horizont das Kennenlernen Memorials und meiner beiden jüdischen Babuschki insofern wichtig, als sich eine neue, dritte Perspektive auf jüdische „kollektive Erinnerung“ eröffnete, ohne daß ich damals diesen Begriff gekannt hätte oder es eine ganze (populär)wissenschaftliche Erinnerungsindustrie gegeben hätte. Im – zugegebenermaßen bildungsbürgerlichen – Milieu des Tübingen der 1980er Jahre, wo ich groß geworden war, stand die Erinnerung an den Holocaust noch ganz im Zeichen der Kollektivverantwortung oder gar -schuld und war wahrscheinlich Dreh- und Angelpunkt dessen, was wir überhaupt an „nationaler“ Identität hatten, also der Vorstellung dessen, was es bedeutete, Deutsche/r zu sein: Nachfahre jener seltsamen Kollektiveinheit, genannt Nation, zu sein, die das schlimmste, unvorstellbarste Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hatte, und nun alles daran setzen zu müssen, daß sich dergleichen nicht wiederholen möge.
Lebende Juden kannte ich keine, oder zumindest war mir damals niemand bewußt. Dies änderte sich während eines Austauschjahres als Sechzehnjähriger an der amerikanischen Ostküste. Und viel nachhaltiger nach dem Abitur als College-Student an der Brandeis University außerhalb Bostons, die als säkulare, jüdische Einrichtung gegründet worden war und zu dreiviertel von Juden besucht wurde. Sie gewährte mir ein großzügiges, prestigeträchtiges Stipendium und bot mir eine Ausbildung, von der ich bis heute zehre. Sie gab mir auch einen Einblick in ein pulsierendes, gewachsenes amerikanisch-jüdisches Leben. Doch der Umgang mit einigen Gleichaltrigen war dadurch beschwert, daß – wie bei mir, nur auf andere Weise – der Holocaust Dreh- und Angelpunkt ihrer kollektiven, hier ethnoreligiösen Identität war. Da fiel es bisweilen schwer, in die Gegenwart oder nach vorne zu blicken, und eigentlich möchte man mit zwanzig ja vor allem unbeschwert mit Gleichaltrigen umgehen.
Es erstaunte mich, daß mir ältere Menschen, die zeitlich viel näher an der Shoah und von ihren Familienschicksalen viel direkter durch sie betroffen waren – auch die Mitglieder des Bostoner deutsch-jüdischen Dialogs (regelmäßige Treffen der Kinder von Holocaust-Überlebenden und nichtjüdischen Deutschen), den ich besuchte, oder jüdische Deutsche meines Alters, die ich in Brandeis kennenlernte – mir unvoreingenommen und wohlwollend begegneten. Von ihnen hätte ich Ablehnung gut nachvollziehen können.
Bei jüdischen Russen, denen ich begegnete, war wieder alles anders. Bei ihnen war der Holocaust so gut wie gar nicht im „kollektiven Gedächtnis“ verankert. Bei ihnen war Deutschland in der Regel ein westliches = demokratisches = zivilisiertes = reiches Land, aber auch ein Land mit Hochkultur, das Land von Goethe und Heine eben. Diese dritte Begegnung mit Juden, nach den abstrakten, ermordeten in Deutschland und den lebenden in Amerika, wirkte befreiend. Für mich als Historiker hat sie auch dazu beigetragen, daß ich mich existentiell und in meinem Denken schneller von Essentialismen freimachen konnte und die Konstruiertheit von verschiedenen kollektiven Identitäten früher verstand, als dies sonst der Fall gewesen wäre.
All dies soll nicht heißen, daß der Holocaust in Rußland nicht als Individual- oder generationsspezifische Erinnerung präsent gewesen wäre. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit Memorial nach Boroviči, einen Provinzort bei Novgorod, wo mich ein Lokaljournalist zu seinem Freund führte, einem schwerkranken, bettlägerigen Mann, dessen gesamte Familie in der Ukraine von den Nazis umgebracht worden war. Als er hörte, daß ich aus Deutschland sei, brach er in Tränen aus und konnte nicht aufhören. Die Kindheitserinnerungen waren so präsent und kamen ob des schlechten Gesundheitszustands offenbar so unmittelbar an die Körperoberfläche, daß alle Filter aussetzten. Eine derartige Begegnung erlebte ich zum ersten Mal und habe sie seitdem nie wieder erlebt. Sie stimmte mich unendlich traurig.
Daß diese Begegnungen mit dem dritten Holocaust und der dritten Judenheit nicht nur mich beschäftigten, merkte ich immer wieder bei Treffen westdeutscher, in der Regel linksliberaler Historiker mit Historikern von Memorial und solchen, die mit Memorial sympathisierten, bei den damals modischen runden Tischen. Dort versuchten die deutschen Historiker ihre russischen Kollegen von der Unvergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Stalinismus zu überzeugen, während ihre russischen, oft jüdischen Kollegen fröhlich verglichen. Sie stellten bisweilen Thesen auf, derer sich selbst Martin Hohmann geschämt hätte. Die Deutschen fielen oft in einen hilflos wirkenden Paternalismus und gebärdeten sich merkwürdig autoritär, wenn sie ihre russischen Kollegen von der Singularität ihres Holocaust zu überzeugen versuchten. „Einzigartigkeit“ wurde tendenziell zu „Überlegenheit“ – „am deutschen Erinnerungswesen soll die Welt genesen“.
In diesem Fall war die gestörte Kommunikation jedoch nur selten produktiv, da keine Zeit blieb, diese unterschiedlichen Prämissen und Übersetzungsschwierigkeiten auszubuchstabieren, geschweige denn sie geistig zu verdauen. Sie nahmen jedoch Debatten vorweg, die sich seit Mitte der 1990er auf den Seiten der Fachpresse und seit Goldhagen, Wehrmachtsausstellung, Holocaust-Mahnmal, Hohmann, Jörg Friedrich auch in der breiteren deutschen Öffentlichkeit abspielen. Somit habe ich also auch hier das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein.
Noch in anderer Hinsicht hatte ich dieses Gefühl. Die Begegnung mit den Dissidenten bei Memorial verschob mein politisches Koordinatensystem nachhaltig. Als ich in Rußland ankam, das soll nicht geleugnet werden, setzte ich heilsgeschichtliche Hoffnungen auf die sowjetische Geschichte und fragte mich noch allen Ernstes, ob sie im Januar 1918, 1921 oder 1928 vom richtigen Weg abgekommen war. So manchem Leser dürfte dies nicht unbekannt sein, wenn auch nur wenigen, die in den 1980ern politisch erwachsen geworden waren. Die Bekanntschaft mit den Opfern, auch den Nachfahren der ersten Repressionen der 1920er Jahre unter Lenin, während einer Exkursion auf die Soloveckij-Inseln im Sommer 1993 sowie die Vermittlung von Geschichte durch Dissidenten waren heilsam.
Die Dissidenten beeindruckten mich durch ihre festen moralischen Prinzipien und waren mir habituell sympathisch, so daß kein russischer Kommunist, dem ich begegnete oder den ich im Fernsehen sah, mit ihnen mithalten konnte. Durch die Gespräche mit ihnen begannen einzelne, lange geglaubte Wahrheiten zu bröckeln. Ein Beispiel: Die Friedensbewegung Anfang der 1980er, vor allem die britische, sei vom KGB unterlaufen gewesen; der KGB habe besonders viel investiert, diese zu unterwandern, da er schon verstanden habe, bei SDI nicht mithalten zu können. Dies kam von Vjačeslav „Slava“ Dolinin, der 1981 als Mitorganisator der Untergrundgewerkschaft SMOT auf Solidarność-Linie in Leningrad verhaftet worden war und erst 1987 im Zuge der Gorbačev-Amnestie wieder freikam.
Diese Gespräche lösten bei mir Kettenreaktionen aus: Nehmen wir an, die Friedensbewegung, die auch ich unterstützt hatte, sei von jenem Geheimdienst mitfinanziert worden, der Slava auf widerwärtige Weise sechs Jahre seines Lebens geraubt hatte. Dann war vielleicht der Ostermarsch bei Ulm sinnlos gewesen, dann hatten sich Heinrich Böll und Walter Jens vielleicht umsonst in Mutlangen von der Polizei wegtragen lassen. Eigentlich hätten sie die Pershings umarmen müssen, da diese Slava schneller aus dem Gefängnis geholt hätten.
Alles gewiß reichlich banal, und freilich ist die Wahrheit komplizierter, doch damals verschob sich ein Weltbild. Parallel wirkten die Erfahrungen mit der Umbruchzeit in Rußland auf meine politische Einstellung ein. Durch die Begegnung mit mentalen Dispositionen des späten Sozialismus, mit kruder Willkür, lernte ich den Rechtsstaat und alles, was dazu gehört, als das geringere Übel, vielleicht gar das Beste schätzen, was sich die Menschheit bislang ausgedacht hatte. Außerdem wurde im Alltag, auch von meinen Babuschki, immer wieder die sokratische Frage an mich herangetragen, „wie denn nun zu leben sei“ nach der Implosion des alten Systems, und ich merkte: zu sagen, wie zu leben sei, ist ungleich schwieriger als zu kritisieren, wie gelebt wird.
Am 13. Dezember 1993, dem Tag nach den Duma-Wahlen, bestieg ich am Vitebsker Bahnhof einen Zug nach Berlin, nachdem ich 15 Monate lang bezvyezdno, also ohne „Westreise“, in Rußland gewesen war. Im Abteil saß eine Petersburgerin. Ein Dutzend Jahre später sind wir seit zwölf Jahren zusammen und haben zwei wunderbare Töchter. Auch hier bin ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

Christiane Künzel, Melanie Arndt | 171

Dem Frieden dienen
Als Freiwillige in Sankt Petersburg und Minsk
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Die Arbeit als Freiwillige in Osteuropa, ganz gleich ob bei der Menschenrechtsorganisation Memorial, in Krankenhäusern, Kinderheimen oder Organisationen für Opfer von Černobyl’, bedeutet konkrete Hilfe vor Ort. Sie garantiert wertvolle Erfahrungen, schafft persönliche Kontakte zwischen Ost und West und erweitert den Horizont aller Beteiligten über die Projektdauer hinaus. Zwei ehemalige Freiwillige der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ziehen eine persönliche Bilanz. Schließen

Stephan Malerius, Eveline Odermatt | 175

Die Zivilgesellschaft stärken
Der Deutsch-Russische Austausch
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Der Deutsch-Russische Austausch vermittelte zunächst Freiwillige aus Deutschland nach Osteuropa. Er hat sieben Beratungszentren für Nichtregierungsorganisationen in Rußland und der Ukraine aufgebaut, Programme für 1250 NGOs und über 10 000 Journalisten, Jugendarbeiter oder Juristen durchgeführt. Einem breiten Selbstverständnis von politischer Bildung verpflichtet, verfolgt der Deutsch-Russische Austausch das Ziel, Toleranz und Kritikfähigkeit zu vermitteln sowie demokratische Spielregeln zu stärken. Ausdruck davon ist das Austauschprogramm für Freiwillige aus Osteuropa, das junge Menschen unterstützt, die an der politischen und sozialen Entwicklung ihres Heimatlandes interessiert sind. Sie leisten wesentliche Beiträge zum Zusammenwachsen Europas. Schließen

Wege

Viola Tomaszek | 185

Horizonterweiterung
„Osteuropa“ in Curricula Brandenburgs
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Bereits die ersten brandenburgischen Rahmenpläne seit der Wiedergründung der Bundesländer im Ostteil der neuen Bundesrepublik Deutschland spiegelten das Bemühen wider, in den gesellschafts­wissenschaftlichen Fächern das Bundesland und die Bundesrepublik als Teil eines europäischen Ganzen zu betrachten. Die curricularen Vorgaben der zweiten Rahmenlehrplangeneration ab 2002 widmen der Europäischen Union und der EU-Osterweiterung noch mehr Aufmerksamkeit und machen sie zu verpflichtenden Lehrinhalten. Schließen

Björn Opfer | 199

Anpassungsdruck
Geschichtsschulbuch, quo vadis?
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Das Schulbuch als traditioneller Träger von Wissen ist unter Anpassungsdruck geraten. Die Schulen leiden unter Geldmangel und zögern die Bestellung neuer Schulbuchgenerationen heraus. Da zudem die Schülerzahlen sinken, sehen sich die Schulbuchverlage zu Einsparungen bei den Personalkosten gezwungen. Schließlich sind die Produktionszyklen so lang, daß das Schulbuch mit der raschen Veränderung der Lebenswelten kaum mehr mithalten kann. Auch auf die Didaktikkritik nach der PISA-Studie können Schulbücher nicht rasch reagieren. Das Schulbuch wird zwar vorerst seine grundlegende Bedeutung nicht verlieren, jedoch immer stärker durch multimediale Lern- und Arbeitsmittel ergänzt werden. Schließen

Sabine Pag Klaus Segbers, | 207

East European Studies Online
Ein Angebot auf neuen Bildungsmärkten
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Die Freie Universität Berlin bietet den weltweit ersten auf Osteuropa fokussierten Onlinestudiengang an. Der Masterstudiengang vermittelt spezifische Kenntnisse zu einer Region, deren politische und wirtschaftliche Bedeutung im Zuge der europäischen Integration stark zugenommen hat. Gleichzeitig befähigt er dank seiner interdisziplinären Anlage die Studenten zum Denken in Zusammenhängen und fördert berufspraktische Kompetenzen. Schließen

Sebastian Welter | 214

Demokratie leben lernen
Der Deutsche Volkshochschul-Verband in Rußland
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Das Institut für Internationale Zusammenarbeit des Deutschen Volkshochschul-Verbandes ist seit 1993 in Rußland tätig. Vorrangiges Ziel der Arbeit ist nicht, Wissen über Demokratie zu verbreiten. Die Erfahrung hat gezeigt, daß demokratische Einstellungen nicht allein in politischen Bildungsseminaren vermittelt werden können. Vielmehr muß die Zivilgesellschaft gestärkt und das Selbstbewußtsein gerade benachteiligter Bevölkerungsschichten gefördert werden. Die Erwachsenenbildung muß hierbei auch berufsorientiertes Wissen vermitteln und soziale Probleme in den Fokus nehmen. Nur so kann verhindert werden, daß Demokratieförderung als utopisches Projekt oder gar als westliche Bevormundung wahrgenommen wird, sondern im Alltag erfahren werden kann. Schließen

Bettina Strewe | 225

Eigenverantwortung und Selbstbestimmung
Erwachsenenbildung in Südosteuropa
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Mit dem Zusammenbruch Jugoslawiens stand auch die Erwachsenenbildung in den Nachfolgestaaten vor einer Neuorientierung. Anstelle der zentral gesteuerten, hierarchisch strukturierten und frontalen Bildungsstruktur finden sich nun interaktive und selbstgesteuerte Ansätze. Das bringt Veränderungen für Lernende und Lehrende. Auch die Inhalte und Methoden sind andere geworden. Ansätze zu eigenständigem und unabhängigem Mitdenken und Mitwirken schaffen die Grundlagen für ein selbstbestimmtes Leben und für das Mitgestalten eines demokratischen Gemeinwesens. Schließen