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Schattenspiele
Informelle Politik im Osten Europas

Astrid Lorenz, Manfred Sapper, Silvia von Steinsdorff, Volker Weichsel (Hg.)
168 Seiten, 8 Karten
Berlin (BWV) 2005[= Osteuropa 10/2005]
Preis: 15,00 €
ISBN: 3-8305-1044-6

Coverbild

Astrid Lorenz, Manfred Sapper, Silvia von Steinsdorff, Volker Weichsel | 3

Editorial
Schattenspiele
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Filz und Klüngel, Beratergremien und Netzwerke, Vetternwirtschaft und Nepotismus, Klientelismus, Patronage und Korruption – die Begriffe sind Legion. Sie alle versuchen das Phänomen zu erfassen, daß Politik in Ost und West nicht nur so funktioniert, wie es Verfassungen, Geschäftsordnungen der staatlichen Institutionen und Gesetze vorgeben. Aber die Konturen solch informeller Politik treten erst dann aus dem vormodernen Dunkel hervor, wenn Rechtsstaat und Demokratie ihr Licht werfen. Eine Herrschaft ist nach dem Diktum von Abraham Lincoln demokratisch, wenn sie durch und für das Volk ausgeübt wird. Da das Volk in den modernen Flächenstaaten Herrschaft über sich selbst nur durch gewählte Repräsentanten ausüben kann, müssen formale Regeln und Institutionen gewährleisten, daß allgemeinverbindliche und notfalls mit Zwang durchgesetzte Entscheidungen auch wirklich von jenen Repräsentanten getroffen werden, die das Volk gewählt hat. Zugleich sollen diese Regeln dafür sorgen, daß die Volksvertreter sich nicht an ihren persönlichen Interessen, sondern am Wohle des Volkes, dem Gemeinwohl, orientieren. Ihre Aufgabe ist, die Sphäre des Privaten und des Öffentlichen wie Licht und Schatten zu scheiden. Informelle Praktiken finden hingegen im Zwielicht statt. Kerstin Zimmer zeigt in diesem Heft von Osteuropa, wie im neopatrimonialen ukrainischen Staat Ressourcen des Staatsapparates für machtpolitische Zwecke mißbraucht werden; Vadim Volkov demonstriert, wie im Rußland der 1990er Jahre hoheitliche Aufgaben kommerzialisiert und durch Gewohnheitsrecht und Gewaltpotential ersetzt wurden. Gleichzeitig muß informelle Politik nicht nur darauf befragt werden, wie sie formal-demokratische Regeln unterwandert, sondern auch darauf, wie sie deren Schwächen ausgleichen und dafür sorgen kann, daß die Bürger nicht nur die Verfahren, sondern auch das Ergebnis von Politik als legitim betrachten. Gerd Meyer wirft ein Schlaglicht auf die Ambivalenzen personalisierter Politik in Polen, wo die von der Verfassung nicht vollständig gedeckte starke Stellung des Präsidenten Aleksander Kwaśniewski es diesem ermöglichte, Stabilität in die polnische Politik zu bringen, so daß das Land die schwierige Aufgabe meisterte, den acquis communautaire der EU zu übernehmen. Offenbar kann informelle Politik den formalen Institutionen auch die nötige Deckung gewähren, die sie zum Reifen oder zumindest zum Überleben benötigen. Die Idee zu diesem Themenheft entstand auf einer Tagung des Arbeitskreises „Vergleich osteuropäischer Gesellschaften“ der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft, die von Dorothée de Nève und Astrid Lorenz konzipiert von der Bundeszentrale für politische Bildung sowie der Berlin Graduate School of Social Sciences dankenswerterweise finanziert wurde. Schließen

Silvia von Steinsdorff | 5

Gute und schlechte Informalität?
Informelle Politik in West und Ost
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Informelle Verfahren spielen in der Politik eine zentrale Rolle. Die Bandbreite reicht von der Arbeit in verfassungsmäßig nicht vorgesehenen Beratungskommissionen über Klientelismus, Korruption bis zu mafiosen Praktiken. Informalität tritt überall dort auf, wo formale Institutionen Leistungsdefizite aufweisen. Ob informelle Praktiken funktional oder dysfunktional sind, um die Effizienz formaler Institutionen zu erhöhen, ist umstritten und hängt vom Bewertungsmaßstab ab. Oft ist dies eine rechtsstaatliche liberale Demokratie. Informelle Praktiken in Ostmittel- und Osteuropa weisen Spezifika auf. Sie speisen sich aus dem Erbe des Staatssozialismus und den Begleiterscheinungen der Transformation. Um informelle Strukturen und Praktiken zu analysieren und zu bewerten, bietet sich das bislang vernachlässigte Konzept der Legitimität an. Schließen

Astrid Lorenz | 17

Präsent und dezentralisiert
Informelle Politik in der Bundesrepublik Deutschland
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Der Beitrag gibt einen Überblick über den Wandel von einer zentralisierten informellen Politik in der Bundesrepublik der Adenauer-Ära hin zur dezentralisierten Informalität von heute. Zwar hebeln informelle Beziehungen teilweise latent die Demokratieprinzipien aus, doch sind sie auch ein Weg, in verflochtenen, pluralistischen, medial ausgeleuchteten Systemen wie der Bundesrepublik überhaupt zu politischen Entscheidungen zu gelangen. Für ihre Auswirkungen auf die Politik scheint besonders wichtig, ob ein gesellschaftlicher, ökonomischer und medialer Pluralismus und starke Parteien als faktisches Korrektiv asymmetrischer Machtausübung entgegenwirken. Schließen

Rafael Mrowczynski | 31

Gordische Knoten
Verwaltungshierarchien und Netzwerke in der UdSSR
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Phänomene postsozialistischer Informalität wie Schattenwirtschaft, Klientelismus oder Korruption sind das Ergebnis spezifischer Strukturen und Funktionsweisen der sozialistischen Vergesellschaftung. Die Analyse der Sowjetunion zeigt, daß die sozialistische Gesellschaft nach dem Muster dezentralisierender Zentralisierung von ökonomischen und sozialen Aktivitäten funktionierte. Es bildete sich heraus, als inoffizielle Beziehungsnetzwerke innerhalb komplexer Verwaltungshierarchien des parteistaatlichen Apparates entstanden. Die zunehmende Verselbständigung dieser Interaktionsstrukturen gegenüber dem Zentrum war ein ausschlaggebender Faktor für den Zusammenbruch des sozialistischen Gesellschaftssystems. Schließen

Gerd Meyer | 47

Ambivalenzen personalisierter Politik
Das Beispiel Polen
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Die Personalisierung von Politik ist in vielen modernen Demokratien zu beobachten. Demokratische Qualität und Wirkungen dieses Trends sind ambivalent. Personalisierung von Politik bezieht sich auf das Verhalten der politischen Eliten, die Darstellung politischer Sachverhalte in den Medien, die Wahrnehmung von Politik durch die Bürger und auf klientelistische Politik. Dafür bietet die polnische Politik seit der ausgehandelten Revolution von 1989 aufschlußreiche Beispiele. Führungsstil und Konfliktaustrag waren zunächst unter Lech Wałęsa, aber auch noch unter Aleksander Kwaśniewski hoch polarisiert und personalisiert. Dies gilt auch für Struktur und Wettbewerb der Parteien, für Wahlkämpfe und Wählerverhalten. Auf der anderen Seite konnte Präsident Kwaśniewski die herausgehobene Stellung seines Amtes und seiner Person dazu nutzen, auseinanderstrebende Kräfte zu integrieren und mehr Stabilität in die polnische Politik zu bringen. Schließen

Kerstin Zimmer | 59

Klientelismus im neopatrimonialen Staat
Regionale Machtsicherung in der Ukraine
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Informelle Regeln und Praktiken sind in der ukrainischen Politik allgegenwärtig. Da die private und die öffentliche Sphäre kaum getrennt sind, werden die Ressourcen des Staatsapparates für machtpolitische Zwecke mißbraucht. Besonders deutlich zeigt sich dies im Verhältnis zwischen Zentrum und Regionen, bei dem durch die Verquickung von Ernennungs- und Haushaltspolitik mit den Wahlen die Kontrolle über die Regionen gesichert wird. Regionalpolitik ist ein Umverteilungssystem, bei dem die unteren Einheiten formal und informell vom Zentrum abhängig sind und gezwungen werden, in klientelistischer Form zusammenzuarbeiten. Gegenleistungen des Zentrums hängen von der erfolgreichen Mobilisierung von Wählerstimmen ab. Schließen

Vadim Volkov | 75

Jenseits der Gerichte
Warum die Gesetze nicht so funktionieren, wie sie sollen
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Der Zusammenbruch der UdSSR ließ in Rußland ein Rechtsvakuum entstehen. Gewaltunternehmer konkurrierten mit dem Staat um den Schutz des neu entstandenen Eigentums. Hoheitliche Aufgaben wie Rechtssetzung und Rechtsdurchsetzung wurden kommerzialisiert und durch Gewohnheitsrecht und Gewaltpotential ersetzt. Erst Ende der 1990er Jahre gewann das staatliche Gerichtswesen wieder an Bedeutung. Darin kommt jedoch weniger eine Stärkung der Rechtsstaatlichkeit zum Ausdruck als die Tatsache, daß das Gerichtssystem nun als Mittel einer neuerlichen Eigentumsumverteilung dient. Der Fall Jukos illustriert dies. Eine unabhängige und funktionsfähige Gerichtsbarkeit hat sich bis heute nicht entwickelt. Schließen

Vladimir Gel’man | 85

Wahlen à la russe
Formale Normsetzung und informelle Methoden
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In Rußland finden Wahlen statt. Ein Präsidentenerlaß und das Wahlgesetz von 1994 schufen die Grundlagen. Zahlreiche Normen regeln die Zulassung und Finanzierung der Kandidaten, den Wahlkampf und die Durchführung der Wahlen. Gleichzeitig haben sich informelle Methoden herausgebildet, welche die formalen Wahlregeln unterlaufen und wirkungsvolle Mechanismen darstellen, den Wahlausgang zu beeinflussen. Diese informellen Methoden können die Stabilität der politischen Herrschaft erhöhen, jedoch auch ihren Zusammenbruch fördern. Die Frage, ob Wahlen zu einem Machtwechsel in Rußland führen können, ist weiter offen. Schließen

Heiko Pleines | 99

Informelle Einflußnahme und Demokratie
Wirtschaftsakteure in Rußland und der Ukraine
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In Rußland und der Ukraine ist die zivilgesellschaftliche Selbstorganisation von Wirtschaftsakteuren sehr schwach. Nur die Agrar- und die Kohlelobby, die bereits in der Sowjetunion relevante Ressourcen erworben hatten, konnten auch nach dem Umbruch Einfluß auf die Politik gewinnen. Illegale oder zumindest rechtlich fragwürdige Praktiken der Einflußnahme auf Politik spielen hingegen eine große Rolle. Dies hat Folgen für wirtschaftliche Reformstrategien, für die Machterlangung und den Machterhalt der politischen Elite sowie für die Legitimität des gesamten politischen Systems. Schließen

Barbara Lehmbruch | 109

Staat, Markt und Schwarzmarkt
Überlebensstrategien rußländischer Behörden
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„Öffentliche“ und „private“ Sphären sind in Rußland erst ansatzweise getrennt. Dies gilt für den Staat wie für Privatunternehmer. Viele Regierungsbehörden sind über ihre eigentlichen Regulierungsaufgaben hinaus kommerziell tätig. Der Ursprung solcher Praktiken liegt häufig im Überlebensstreben der Institution. Dies zeigt die Untersuchung zweier Fallstudien aus dem Forstsektor. Die Folgen sind ambivalent. Hybride Verwaltungen erleichtern die Zweckentfremdung öffentlicher Ressourcen für private Zwecke. Damit korrumpieren sie Rußlands Marktwirtschaft, tragen jedoch in vielen Bereichen dazu bei, dem Staat die Erfüllung seiner Aufgaben überhaupt erst möglich zu machen. Schließen

Tina Olteanu | 121

Vertrauensverlust
Korruption und Demokratie in Osteuropa
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In Osteuropa nehmen viele Bürger zentrale staatliche Institutionen und öffentliche Dienstleistungseinrichtungen als korrupt wahr. Den Amtsträgern, Parlamentariern, Beamten und Angestellten wird ein ausgeprägtes Eigeninteresse unterstellt. Dies führt jedoch nicht zwangsläufig dazu, daß das Vertrauen in diese Institutionen gering ist. Ebenso findet sich kein Beleg dafür, daß Korruption ein gesellschaftlich akzeptiertes Phänomen in Osteuropa ist. Schließen

Parlamentswahlen in Polen

Kai-Olaf Lang | 135 | Volltext

Auf dem Weg zur IV. Republik?
Die Parlamentswahlen in Polen vom 25. September 2005
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Aus den Parlamentswahlen in Polen sind die konservativen Kräfte der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) und der Bürgerplattform (PO) als klare Sieger hervorgegangen. Die bisherige Regierungspartei SLD verlor hingegen drei Viertel ihrer Stimmen. Das polnische Parteiensystem ist damit weiterhin nur in Ansätzen stabil. Zwar haben PiS und PO angekündigt, gemeinsam eine Regierung zu bilden. Doch schon zeichnen sich Spannungen zwischen der national-konservativen, etatistischen und euroskeptischen PiS und der bürgerlich-liberalen PO ab. Daher wird die PiS ihr Projekt einer Vierten Republik wenn überhaupt nur in abgemilderter Form umsetzen können. Schließen

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Schattenspiele
Informelle Politik im Osten Europas
Berlin (10/2005)
Seite 135 - 148


Kai-Olaf Lang

Auf dem Weg zur IV. Republik?
Die Parlamentswahlen in Polen vom 25. September 2005

Die· polnischen Parlamentswahlen vom 25. September 2005 endeten mit einem klaren Sieg der konservativen Kräfte. Die national-konservative Partei Prawo i Sprawiedliwość („Recht und Gerechtigkeit, PiS) sowie die liberal-konservative Platforma Obywatelska (Bürgerplattform, PO) erhielten zusammen 51 Prozent der Stimmen. Die von beiden Parteien avisierte Koalition besitzt in der neu gewählten Legislative eine komfortable Mehrheit. Im Sejm, der wichtigeren der beiden Kammern des Parlaments, verfügt ein Bündnis aus PiS und PO über 288 der 460 Sitze. Im nach Mehrheitswahlrecht gewählten Senat stellen beide Parteien 83 von 100 Mandaten. Der bei den letzten Wahlen siegreiche Sojusz Lewicy Demokratycznej (Demokratische Linksallianz, SLD) verlor 30 Prozentpunkte und fiel auf gut 11 Prozent ab. Die radikalen Parteien, also die national-katholische Liga Polskich Rodzin (Liga der Polnischen Familien, LPR) sowie die linkspopulistische Samoobrona (Selbstverteidigung) erzielten mit knapp acht Prozent bzw. gut elf Prozent ähnlich solide Ergebnisse wie beim Urnengang von 2001, blieben damit aber hinter den Erwartungen zurück. Während die traditionelle Sachwalterin der landwirtschaftlichen Familienbetriebe, die Polskie Stronnictwo Ludowe (Polnische Bauernpartei, PSL), trotz empfindlicher Einbußen den Sprung ins Parlament noch schaffte, scheiterten zwei eher in der Mitte des politischen Spektrums angesiedelte Parteien, die beide erst im Laufe der letzten anderthalb Jahre gegründet worden waren: die liberale Partia Demokratyczna – Demokraci.pl (Demokratische Partei, PD) und die Socjaldemokracja Polska (Polnische Sozialdemokratie, SDPL), die von unzufriedenen, reformorientierten SLD-Politikern ins Leben gerufen wurde.
Damit bestätigten sich mehrere Entwicklungen, die sich spätestens seit der zweiten Hälfte der vergangenen Legislaturperiode abgezeichnet hatten: Die konservative Rechte ist tonangebend, die Linke wurde abgestraft und muß in der Opposition nach einem Neuanfang suchen, die radikalen Populisten sind eine Konstante im Parteiengefüge, haben aber an Fahrt verloren, ein genuiner Pol der Mitte, wie er etwa durch die PD hätte gebildet werden können, existiert gegenwärtig nicht.

Während dies zentrale Parameter sind, die das innenpolitische Tableau Polens in den nächsten Jahren prägen werden, schob sich insbesondere in der Schlußphase des Wahlkampfs und nach dem Wahltag ein anderer Sachverhalt in den Vordergrund: Die Rivalität zwischen PiS und PO um die Vorherrschaft nicht nur in einer neuen Regierungskoalition, sondern – eingedenk des im Oktober auch neu zu wählenden Staatsoberhaupts – auf den Gipfeln der Macht insgesamt. Die eigentliche Überraschung der Parlamentswahlen war der – wenn auch knappe – Sieg der PiS, den die meisten Umfragen nicht vorhergesehen hatten. Die Partei und ihre Führungsfiguren, der als Präsidentschaftskandidat seiner Partei antretende Bürgermeister von Warschau, Lech Kaczyński und sein Zwillingsbruder Jarosław, der der PiS vorsteht, interpretierten die Parlamentswahlen als Mandat zur Schaffung einer IV. Republik. Ob und in welcher Form ein solcher Neubeginn kommt, ist indes offen: Der designierte Koalitionspartner der PiS, die Bürgerplattform, scheint mittlerweile nur halbherzig an das Projekt eines umfassenden konstitutionellen Umbaus heranzugehen. Dies gilt auch für den Kandidaten der PO für das Amt des Staatsoberhauptes, Donald Tusk, der sich als Präsident nicht ohne weiteres für eine rasante Staatsreform im Sinne der PiS vor den Karren spannen ließe. Ohnehin verfügen PiS und PO nicht über die für Verfassungsänderungen notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit – und ein auch nur partielles Zusammengehen mit der nationalistischen LPR ist zumindest bei der Bürgerplattform nur äußerst schwer vorstellbar. Vor allem aber ist der Erfolg der PiS nicht so sehr ein Ja der Wähler zum Programm der IV. Republik im Sinne der Kaczyński-Brüder, sondern ein Nein zum marktwirtschaftsfreundlichen Kurs der Bürgerplattform. Die PiS konnte die Plattform im wesentlichen deswegen ein- und überholen, weil es ihr gelang, einen Widerstreit zwischen einem „solidarischen Polen“ und einem „liberalen Polen“ ins Zentrum des politischen Diskurses zu rücken. Dies verdeutlicht sowohl der Verlauf des Wahlkampfes als auch ein Blick auf die Profile der jeweiligen Elektorate.
Soziales Polen vs. liberales Polen
Daß der durch Skandale völlig abgewirtschaftete SLD eine Niederlage erleiden würde, stand schon seit langem fest. Ebenso war klar, daß PO und PiS wohl siegreich aus den Wahlen hervorgehen würden und gemeinsam eine Koalition avisieren. Ungewiß war indes, welche der beiden Parteien vorne liegen würde. Lange Zeit hatten Umfragen und Medien die PO favorisiert. Doch die Dynamik des Wahlkampfes spülte letztlich die PiS nach vorne. Entscheidend dürfte hierbei die Choreographie der Wahlkampfstrategen sowie das Zusammenwirken der Parlaments- und der Präsidentschaftskampagne gewesen sein.
Nach einer durch den frühen Start der Präsidentschaftskampagne von Lech Kaczyński bedingten Hochphase geriet die PiS seit dem Spätsommer 2005 in den Umfragen wieder deutlicher ins Hintertreffen: Der eigentliche Start von Donald Tusks Wahlkampf im August, der die PiS und andere Parteien kalt erwischte, zog die Bürgerplattform sichtbar nach oben. In dieser Situation entschloß man sich im Wahlkampfzentrum der PiS, die „soziale Karte“ zu spielen. Insbesondere nachdem sich mit Włodzimierz Cimoszewicz der starke Präsidentschaftswerber der Linken zurückgezogen hatte, spürte die PiS, daß das linke Segment auf dem Wählermarkt verwaist war. Der von der PiS initiierten Polarisierung in ein „solidarisches Polen“ – repräsentiert natürlich durch die PiS – und ein „liberales“ und egoistisches Polen, für das die PO stünde, hatte die Bürgerplattform nur das Image der gemäßigten, integrierenden Partei entgegenzusetzen. Dies reichte offensichtlich nicht aus, um den von der PiS entfachten Impetus abzuwürgen. Die PiS spitzte die Debatte auf die Steuerpolitik zu und ihr meisterhafter Videoclip, bei dem die Zuschauer sehen konnten, wie die von der PO angekündigte Verbrauchssteuererhöhung den polnischen Familien den Kühlschrank und den polnischen Kindern ihre Spielzimmer ausräumt, könnte nach Auffassung einiger Marketingstrategen der Partei die entscheidenden Prozentpunkte gebracht haben. Gleichzeitig mäßigten sich die Politiker der PiS in Inhalt und Form: Die IV. Republik wurde nicht mehr als conditio sine qua non vorgestellt, Lech Kaczyński erklärte den Wählern in der Boulevardzeitung Fakt, daß er, der eingefleischte Antikommunist, in der Volksrepublik auch angenehme Momente verlebt habe, er Feministinnen in ihrem Kampf gegen Gewalt gegen Frauen unterstützt und er keinen „Haß gegen sexuelle Minderheiten“ hege. Zwei Tage vor den Wahlen entschuldigte sich PiS-Chef Jarosław Kaczyński sogar bei all denen, die sich durch die Partei verletzt fühlen. Dies alles, um an Wähler der Mitte oder mit einem „linkszentristischen“ Hintergrund heranzukommen.
Flankiert wurde die Kampagne der PiS durch Schützenhilfe aus zahlreichen katholischen Laienorganisationen, teils auch seitens der katholisch-fundamentalistischen Rundfunkstation Radio Maryja, nicht zuletzt aber der Gewerkschaft Solidarność, die mehrere Funktionäre und zahlreiche Mitglieder über die PiS-Listen in den neuen Sejm brachte. Überdies zeigte die PiS Flagge im ländlichen Raum, der sich seit langem als Achillesferse der PO darstellt.
Elektorate und Milieus
Der von der PiS vollzogene Schwenk zum „sozialen Polen“, ihr ohnehin stärker konservativer Appeal und der erfolgreiche Versuch, die PO in die „liberale Ecke“ zu drängen, manifestieren sich deutlich in der abweichenden sozial-demographischen Struktur und im divergierenden Einstellungsprofil der Wählerschaften beider Parteien. Hierbei sei unterstrichen, daß diese Unterschiede bereits seit längerem bestehen, sie jedoch durch die Dynamik des Wahlkampfs vertieft wurden.
Die PO weist in diesem Zusammenhang verhältnismäßig klare Konturen auf. Sie erfreut sich einer überdurchschnittlichen Beliebtheit unter Selbständigen, leitenden Angestellten und der „Intelligenz“, Studenten, aber auch einfachen Angestellten. Sie wird von Besserverdienenden, formal besser gebildeten und jüngeren Wählern überproportional unterstützt. Ihre Popularität steigt mit wachsender Größe des Wohnorts. Unter Jungwählern, Personen mit Hochschulbildung und Bewohnern von Großstädten wurde die Plattform stärkste Partei. Das Elektorat der PO ist deutlich proeuropäisch, akzeptiert Wirtschaftsreform und Privatisierung und nimmt in der Frage des Verhältnisses von Kirche und Staat eine Mittelposition ein. Der harte Kern der PO-Wählerschaft sind also die wohlhabenden, weltoffenen Transformationsgewinner, die Angehörigen der in den letzten 15 Jahren entstandenen neuen urbanen Mittelschicht, sowie jene, die hoffen, diesen Status bald zu erreichen.
Anders das Elektorat der PiS. Die Anhängerschaft von Recht und Gerechtigkeit verteilt sich relativ gleichmäßig auf alle sozial-demographischen Gruppen und bildet beinahe einen Querschnitt durch die polnische Gesellschaft. Zwar erzielte die PiS im ländlichen Raum weniger Stimmen als in den Städten, doch ist dieses Gefälle verhältnismäßig gering. Sieht man von den bäuerlichen Parteien PSL und Samoobrona ab, ist die PiS in den Gemeinden unter 5000 Einwohnern stärkste Partei. In geographischer Hinsicht konnte die Partei der Kaczyński-Brüder vor allem im Südosten des Landes Erfolge erzielen. Im konservativen Małopolska und in Westgalizien, also den traditionellen Hochburgen des Antikommunismus und Gegenden mit enger Kirchenbindung erreichte die PiS vielfach einen Stimmenanteil von über 30 Prozent. PiS-Anhänger gehen denn auch viel häufiger in die Kirche als Anhänger der PO. Was ihre wirtschaftspolitischen Einstellungen angeht, ist der Kern des PiS-Elektorats – also diejenigen, die bereits vor dem Höhenflug der Partei im Herbst 2005 mit ihr sympathisierten – mindestens zentristisch eingestellt: Drei Fünftel der Befragten erwarten vom Staat, daß dieser eine Wohlfahrtsfunktion wahrnimmt, 70 Prozent sind für eine Verlangsamung der Privatisierung. Stärker als Sympathisanten anderer Parteien befürworten PiS-Wähler eine dezidierte Dekommunisierung, fordern also, daß postkommunistische „Seilschaften“ die Politik verlassen müßten und eventuell sogar die SLD als Nachfolgerin der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei verboten werden solle.
Als „solidarische Alternative“ zur PO war die PiS vermutlich in der Lage, in der Schlußphase des Wahlkampfes zahlreiche Unentschlossene, die polnischen „Impulswähler“, auf ihre Seite zu bringen. Auffallend ist, daß diejenigen, die noch im August nicht wußten, wen sie wählen würden – ein Viertel derjenigen, die wählen gehen wollten –, mit Blick auf ihr sozialstrukturelles Profil der „sozialen“ Kampagne der PiS positiv gegenüberstanden: ältere Menschen, Bewohner von kleineren und mittleren Städten, Menschen ohne Hochschulbildung.
Weniger erfolgreich war die PiS hingegen bei der Mobilisierung ihrer Sympathisanten. In den Wahlkreisen mit einer besonders niedrigen Wahlbeteiligung schnitt die PiS schwach ab. Dieser Effekt war im Fall der Bürgerplattform weniger ausgeprägt. Demgegenüber profitierten die Samoobrona, aber auch SLD und PSL von einer niedrigen Wahlbeteiligung. Hätten sich mehr Bürger an der Abstimmung beteiligt, wäre möglicherweise die PiS gestärkt worden (Tabelle 2).
Auch ist es der PiS offenbar trotz ihrer sozialen Wahlstrategie nicht gelungen, diejenigen anzusprechen, die in besonderem Maße von den gesellschaftlichen Umbrüchen und der „liberalen“ Reformpolitik der letzten Jahre betroffen sind – die Arbeitslosen. Interessanterweise spielte das Thema Erwerbslosigkeit – trotz einer Arbeitslosenquote von knapp 18 Prozent – im Wahlkampf keine herausragende Rolle: Der Diskurs um das „solidarische Polen“ konzentrierte sich vor allem auf das Thema Steuerpolitik sowie abstraktere Fragen wie „gesellschaftlicher Zusammenhalt“. Zumindest besteht kein expliziter Zusammenhang zwischen dem Erfolg der PiS und hoher Beschäftigungslosigkeit. Hierbei dürfte eine Rolle spielen, daß in den durchaus strukturschwachen PiS-Kerngebieten, etwa im Südosten des Landes, durch den Erhalt der kleinbäuerlichen Landwirtschaft ein Großteil der potentiellen Arbeitslosigkeit noch absorbiert wird. Dort wo die Arbeitslosenquote in der Tat besonders hoch ist (Ermland-Masuren, Westpommern, Lebus), konnten teils die Samoobrona, teils die SLD überdurchschnittliche Ergebnisse einfahren.

Gegenüber dem heterogenen sozialdemographischen Aufbau der PiS besitzen nicht nur die PO, sondern auch die neuen Oppositionsparteien ein klareres Relief. Die Samoobrona, die sich das Image einer „patriotischen Linken“ gab, reüssierte sowohl im ländlichen Raum als auch in kleineren Städten. Im Vergleich zu 2001 wurde die Samoobrona nun „ländlicher“ – die Partei erhielt vor vier Jahren auf dem Lande 17,2 Prozent der Stimmen, in den Städten hingegen 7,1 Prozent. Nun hat sich diese Diskrepanz vertieft und beträgt 20,6 Prozent zu 7,0 Prozent. Nach wie vor ist die Samoobrona die Partei der Transformationsverlierer und der bildungsfernen Schichten mit Hochburgen im ländlichen Raum und in Provinzstädten.
Die dezimierte SLD-Wählerschaft fiel im wesentlichen auf das „biographische Elektorat“ des parteipolitisch organisierten Postkommunismus vom Anfang der 1990er Jahre zurück. Unter den SLD-Wählern von 2005 sind formal besser Gebildete, Ältere, aber auch Besserverdienende stärker präsent. Die SLD-Sympathisanten heben sich insbesondere dadurch von anderen Wählern ab, daß sie jede Form der Dekommunisierung ablehnen und sich besonders deutlich gegen ein mögliches Engagement der Kirche in politischen Fragen wenden.
Die LPR brachte es nicht fertig, über ihren bisherigen elektoralen Nukleus, d.h. das besonders kirchennahe und national orientierte Segment der polnischen Gesellschaft, hinauszukommen. Allerdings verschob sich der Schwerpunkt der LPR-Unterstützung gegenüber 2001 in den ländlichen Raum zu älteren Wählern, sowie zu Personen mit geringer Formalbildung. Die Hochburgen der Liga befinden sich im strukturschwachen, agrarisch geprägten Ost- und Südostpolen, im polnischen Bible belt.
Die Bauernpartei schließlich weist die altbekannten Strukturmerkmale auf: Als bäuerliche Klassenpartei und Sachwalterin der kleinen Familienbetriebe hat sie ihre Bastionen in Zentral- und Südostpolen, wo die kleinbäuerliche Struktur der polnischen Landwirtschaft am deutlichsten ausgeprägt ist. Allerdings zog die PSL in der Auseinandersetzung mit der Samoobrona den kürzeren – in den polnischen Dörfern wurde die Partei von Andrzej Lepper stärker als die PSL.
Die PiS ist alles in allem diejenige Partei in Polen, die am ehesten Züge einer „Volkspartei“ trägt. Dies unterscheidet sie substantiell von den anderen politischen Parteien. Die „elitäre“ Bürgerplattform erreicht primär die städtischen Angestellten und die neuen Mittelklassen. Die SLD ist auf das „eiserne Elektorat“ des parteipolitisch gebundenen Postkommunismus abgeschmolzen. Die LPR deckt den harten Kern des national-katholischen Milieus ab. Die PSL basiert nur noch auf dem Rückgrat der landwirtschaftlichen Familienbetriebe und Teilen der früheren „grünen Nomenklatur“. Die Samoobrona wiederum vereint vornehmlich Modernisierungsverlierer im ländlichen Raum und in den kleineren Städten, von denen ein Großteil bei den letzten Wahlen noch bei der SLD war. Zweifelsohne wurde die PiS also zur „Partei der kleinen Leute“ – nicht der Marginalisierten und Frustrierten, aber der Unzufriedenen. Eine Partei des „vierten Wegs“ zwischen dem systemfeindlichen Radikalismus von Samoobrona und LPR, dem reformorientierten Kurs der Bürgerplattform und dem postkommunistischen Technokratismus der SLD.
Neue Stabilität im Parteiensystem?
Polens Parteiensystem krankte bislang an chronischer Instabilität. Völlig neue parteipolitische Akteure kamen, scheinbar etablierte Kräfte gingen. Zu gut noch ist etwa die Situation während der vorletzten Legislaturperiode in Erinnerung. Nachdem 1997 die Akcja Wyborcza Solidarność (Wahlaktion Solidarność, AWS) als neue, starke „Sammelbewegung“ der rechten Mitte aufgetaucht war, gingen viele Beobachter davon aus, daß nun der Beginn eines Zweiparteiensystems aus AWS und SLD angebrochen sei. Doch die innenpolitischen Verwerfungen machten diese Prognosen rasch zunichte: Während die SLD ungeahnte Erfolge verbuchte, brachen die AWS und ihr vorübergehender Koalitionspartner, die liberale Unia Wolnośći (Freiheitsunion, UW), ein und schafften nicht einmal den Sprung ins Parlament. Ähnlich dramatische Verschiebungen konnten während der gesamten 1990er Jahre beobachtet werden.
Im Vergleich hierzu verweist der Ausgang der Wahlen von 2005 prima facie auf eine gewisse Kontinuität des Parteiengefüges. Erstmals wurden bei Parlamentswahlen keine neuen Parteien in den Sejm gewählt, alle in der vorhergehenden Amtsperiode parlamentarisch vertretenen Parteien übersprangen die erforderlichen Sperrhürden. Allerdings sollte dies nicht als Beleg für eine längerfristige Konsolidierung des polnischen Parteiensystems interpretiert werden. Die Konzentration des Parteiensystems etwa nahm nicht deutlich zu – nimmt man als Indikator den Anteil der stärksten Partei bzw. der beiden stärksten Parteien, ergeben sich Werte von 27 Prozent und 51,1 Prozent gegenüber 41 und 53,7 Prozent bei den Wahlen von 2001. Die Anzahl der „effektiven Parteien“ erhöhte sich leicht. Vor allem aber ist die Volatilität, also die Sprunghaftigkeit der polnischen Wähler, weiterhin beachtlich. Dies zeigt sich allein daran, daß die SLD, die noch 2001 mit 41 Prozent das beste Resultat erzielt hatte, das eine politische Partei nach 1989 auf sich vereinen konnte, mehr als drei Viertel ihrer Stimmen verlor. Dazu kommt die nach wie vor fragile Angebotsseite: Offen ist, wie sich die Linke entwickeln wird, die radikalen Parteien könnten unter internen Grabenkämpfen und Abspaltungen leiden, die siegreichen Parteien der Rechten sind alles andere als hoch institutionalisierte und intern gefestigte Akteure. Polens Parteiensystem bleibt also weiterhin nur begrenzt stabil.

Sieger . . .
Was bedeutet das Wahlergebnis für die einzelnen Parteien? Zunächst ein Blick auf die Sieger. Die PiS erreichte den Wahlsieg trotz allem Optimismus und der Aufholjagd in der Schlußphase des Wahlkampfes wohl doch etwas unerwartet. Dennoch bewiesen die Kaczyński-Brüder und die Spitze der PiS Führungsstärke. Indem sie mit Kazimierz Marcinkiewicz rasch einen Kandidaten für den Posten des Premierministers lancierten, versuchten sie, die Chancen Lech Kaczyńskis im Rennen um das Amt des Staatspräsidenten zu retten. Die Kandidatur Marcinkiewicz’ und die von ihm vorgelegten, eher allgemeinen oder überkonkreten Vorschläge sind daher vor allem im Kontext der Präsidentschaftswahlen zu sehen und sollten nicht überbewertet werden. Wichtiger erscheint, daß die Kaczyński-Brüder offenbar an ihrem Programm des Aufbaus einer IV. Republik festhalten. Dies zumindest resultiert aus den Äußerungen, die beide in der sensiblen Zwischenphase zwischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen verlauten ließen. Das Bekenntnis zur IV. Republik ist um so augenfälliger, als man gegen Ende des Parlamentswahlkampfs, offensichtlich aus taktischen Überlegungen, verbal weniger offensiv vorgegangen war. Was versteckt sich hinter dieser immer wieder vorgetragenen Formel?
Rein formal geht es um einen Bruch mit der 1989 am Runden Tisch entstandenen III. Republik, die aus Sicht der PiS – und anderer Parteien, wie etwa der LPR, aber auch hin und wieder der PO – ein fauler Kompromiß mit den Exponenten des alten Regimes sei und insofern Konstruktionsfehler beinhalte, die für zahlreiche „Pathologien“ der vergangenen 15 Jahre verantwortlich zeichneten. Das Konstrukt der IV. Republik im Sinn der PiS bedeutet dabei mehr als nur eine Generalüberholung des konstitutionellen Systems. Vielmehr geht es um eine fundamentale Neuordnung des polnischen Staats und des Gemeinwesens. Jarosław Kaczyński beschreibt das sich hieraus ableitende Prioritätenbündel in der Einleitung zum offiziellen Programm der PiS schlagwortartig: „umfassender Umbau des Staats, grundlegende Reorientierung der polnischen Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik zusammen mit der Wiederherstellung der moralischer Dimension“. Folgt man den Dokumenten und den Äußerungen der PiS und ihrer Politiker, werden diese Ziele vor allem in fünf inhaltlichen Bereichen in die politische Praxis übersetzt.

· Dekommunisierung und Lustration. Ein kämpferischer Antikommunismus hat das politische Wirken der Kaczyński-Brüder und ihrer Bundesgenossen schon immer geprägt. Hierzu gehört ebenso der Ruf nach einer Zurückdrängung postkommunistischer „Seilschaften“ wie die Forderung, den Personenkreis auszuweiten, der auf die Zusammenarbeit mit den kommunistischen Geheimdiensten „durchleuchtet“ werden soll. Zu den besonders rasanten Vorstößen der PiS gehört die Überlegung, ob die SLD als Nachfolgerin der kommunistischen PZPR sowie ob ihrer „Machenschaften“ in den vergangenen Jahren nicht verboten werden solle.
· „Sanierung“ des Staats. Dieses Vorhaben steht in engem Zusammenhang mit dem Dekommunisierungsprojekt, sind doch in der Lesart der PiS zahlreiche Skandale und Defizite des Staatsapparates darauf zurückzuführen, daß exkommunistische Klientelstrukturen sich seiner bemächtigt haben. Daher will die PiS etwa eine ständige parlamentarische „Kommission der Wahrheit und der Gerechtigkeit“ einsetzen, die Korruptionsfälle und andere Affären aufklären soll. Flankiert werden soll die Reparatur des Staats durch eine Verschärfung des Strafrechts, eine Reform des öffentlichen Dienstes und die Auflösung von Institutionen, die als ineffizient empfundenen werden – etwa der Landesrat für das Fernsehen und den Rundfunk oder der Rat für Geldpolitik in seiner bisherigen Form. Leitmotiv der Staatsreform ist die Parole: „Säubern, härten, reorganisieren“.
· Moralische Revolution. Zu den inhaltlichen Schwerpunkten der PiS gehört der Versuch, die angebliche moralische Schieflage der polnischen Gesellschaft zurechtzurücken. Im Wahlprogramm der PiS ist an zwölf verschiedenen Stellen von Moral oder moralischem Handeln die Rede. Der hiermit verbundene normative Appell zeigt sich nicht zuletzt darin, daß die PiS einen aus ihrer Sicht prioritären gesellschaftlichen Wert, nämlich „Gerechtigkeit“, in ihrem Namen führt. Bei der moralischen Instandsetzung Polens möchte die PiS neben das Postulat sozialer Gerechtigkeit die Welt der christlichen Werte und den nationalen Zusammenhalt stellen. Durch ihre patriotische und katholische Phraseologie gelang es der PiS denn auch, das von der Liga der Polnischen Familien gehaltene „Monopol auf ‚Gott, Ehre, Vaterland‘“ zu brechen.
· Nationale Interessen. Die Politiker der PiS wollen die nationalen Interessen Polens konsequent verteidigen. Ihre Vision von der künftigen politischen Ordnung des Kontinents ist die eines „Europa der solidarischen Nationen“. Die EU wird als „Bund der Nationalstaaten“ verstanden, „sämtliche Kompetenzen der EU resultieren aus den Entscheidungen souveräner Länder“. Die PiS vertritt europapolitisch die Linie eines souveränistischen Europaskeptizismus, kombiniert mit einer tiefgreifenden Deutschland-Skepsis.
· Soziales Polen. Die von der PiS immer wieder herausgestellte soziale Komponente diente nicht nur taktisch zur Abgrenzung gegenüber der „liberalen“ PO, sondern ist integraler Bestandteil des programmatischen Gerüsts der Partei. Die von der PiS monierte stärkere wirtschaftliche Rolle des Staats, die Betonung der gesellschaftspolitischen Verantwortung des Staates, „insbesondere für die schwächsten sozialen Gruppen“ und natürlich symbolisch zugespitzt, die Ablehnung eines einheitlichen Steuersatzes, ist nicht zuletzt eine Konsequenz der Verankerung in der katholischen Welt und der Nähe zur katholischen Soziallehre.

Wollte man die PiS in komprimierter Form charakterisieren, so läßt sie sich als national-konservative und etatistische Partei charakterisieren, die ihre ideologischen Wurzeln im Substrat eines sozial-patriotischen Traditionalismus hat. Ihr langfristiges Ziel ist die Schaffung eines „Staats der nationalen Souveränität“, der zusammen mit der moralischen Revolution die Bildung der IV. Republik ermöglichen soll.
Hiervon unterscheidet sich der weltanschauliche Fundus der Bürgerplattform deutlich. Zwar gibt es beachtliche Schnittmengen zwischen den designierten Koalitionspartnern. Beide traten mit dem erklärten Ziel an, den „postkommunistischen Sumpf“ trockenzulegen, den Staat und den öffentlichen Sektor zu modernisieren und Polens Position in Europa zu stärken. Doch die während des Wahlkampfs einsetzende Konfrontation zwischen PiS und PO ließ immer deutlichere Unterschiede erkennen. So trat das moderatere Antlitz der Bürgerplattform in den Vordergrund. Hatte die Plattform anfangs noch mit der Idee einer IV. Republik sympathisiert, verschwand dieser Begriff weitgehend aus dem Vokabular der PO-Wahlkämpfer. Durch das Bekenntnis zu Marktwirtschaft und Wirtschaftsreform kehrte die PO gewissermaßen zum Ausgangspunkt einer ihrer politischen Vorläufer zurück – dem Danziger Liberal-Demokratischen Kongreß, einst die politische Heimat von Donald Tusk und anderen PO-Politikern. Anders als die etatistische PiS setzt die PO daher neben einem erneuerten Staat sehr stark auf Dezentralisierung und Selbstverwaltung. Mit dieser Idee geht auch eine von der PiS abweichende Strategie des normativen Umschwungs einher: Nicht die moralische Revolution soll Besserung bringen, sondern ein „axiologischer Interventionismus“, eine Art weiche Hinführung der politischen Gemeinschaft der Bürger zu einem besseren Zusammenleben, wobei dem Beispiel der Politiker und staatsbürgerlichem Engagement eine besondere Bedeutung zukommt.
Und schließlich Europa: Hier besann sich die PO in wachsendem Maße auf ihre per se europafreundlichen Wähler und Teile ihrer Parteimitglieder. Zwar kamen aus dem Mund von Jan M. Rokita, der lange Zeit dominierenden Figur der PO, regelmäßig EU-kritische Äußerungen, doch im Wahljahr 2005 hatte sich die PO – trotz ihrer Ablehnung des Verfassungsvertrags, die sie mit der PiS teilt – weitgehend von der martialischen Europaskepsis und Nationalpolitik im Sinne eines „Nizza oder Tod!“ verabschiedet. Im Unterschied zur souveränistischen PiS konnte Rokita etwa erklären, daß „uns Polen ein gemeinschaftliches Europa interessiert, das nationale Egoismen ausgleicht“, und er konnte der „Idee einer gemeinsamen Sicherheits- und Außenpolitik“ ein dickes Lob spenden. Immer offener wurde die Haltung der PO gegenüber Deutschland. Zwar schoß etwa Rokita gelegentlich verbale Breitseiten gegen die Regierung Schröder, insbesondere deren Europa- und Rußlandpolitik, doch gab sich etwa Präsidentschaftskandidat Tusk konstruktiv, wie sich nicht nur bei seinem in der heißen Phase des Wahlkampfs arrangierten Zusammentreffen mit der CDU-Vorsitzenden zeigte.
Die PO hebt sich also vom sozial-patriotischen Traditionalismus der PiS ab. Ob ihr modernisierungsorientierter, bürgerlich-liberaler Republikanismus mit konservativer Hintergrundideologie längerfristig mit dem moralischen Rigorismus der PiS zu vereinbaren ist, darf zumindest hinterfragt werden.

. . . und Besiegte
Abgesehen von der Oppositionsrolle ist die Situation der Verlierer unklar. Die SLD hat zwar eine verheerende Niederlage erlitten, doch herrscht in der Partei keineswegs Katastrophenstimmung. Da die Partei in manchen Umfragen vorübergehend unter die Fünf-Prozent-Marke gerutscht war, stellt sich das Ergebnis von elf Prozent aus Sicht der Linken als einigermaßen ordentlich dar. Sicherlich hatte die Linksallianz zwischendurch andere Träume geträumt. Nachdem Włodzimierz Cimoszewicz bei den Präsidentschaftswahlen seinen Hut in den Ring geworfen hatte und zeitweise als aussichtsreichster Anwärter auf das höchste Amt im Staat galt, brach in der SLD ein überbordender Optimismus aus. Im Schlepptau der Popularität des früheren Premiers und Ex-Außenministers gingen auch die Notierungen der Linksallianz nach oben. Das optimale Szenario lautete: Cimoszewicz wird Staatspräsident und die SLD zusammen mit anderen Oppositionsparteien so stark, daß die Rechte allfällige Vetos des Staatsoberhaupts nicht überstimmen kann. Nach dem Rückzug Cimoszewicz ging diese Rechnung nicht auf, aber dennoch herrscht in der SLD das Gefühl vor, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein. Das „ganz und gar nicht schlechte Ergebnis“ bei den Parlamentswahlen – so SLD-Chef Wojciech Olejniczak – bestätigte einerseits die SLD als einzige moderate politische Oppositionskraft neben der wenig bedeutenden PSL. Vor allem aber ist die SLD die dominante und einzig nennenswerte Partei der gemäßigten, sozialdemokratischen Linken, da die SDPL – und mit ihr die ebenfalls sozialdemokratische Unia Pracy (Arbeitsunion, UP) – den Einzug in den Sejm verfehlte. Ziel der erst im Frühjahr gekürten Parteiführung um Olejniczak ist es nun, die SLD in der Opposition zu konsolidieren und die Erneuerung der Partei voranzutreiben. Zwar hat die von Olejniczak entmachtete „alte Garde“ angekündigt, sich in einer Plattform mit dem Namen „Recht-Demokratie-Solidarität“ zusammenzuschließen, doch dürfte es ihr schwerfallen, den Reformkurs Olejniczaks gänzlich zu blockieren. Offen ist allerdings, ob die Erneuerung der Linken unter dem Label SLD fortgeführt wird oder ob Olejniczak ein eventuell von Aleksander Kwaśniewski, sicher aber von „seinen Leuten“ in der SLD avisiertes Projekt der Gründung einer neuen Partei der linken Mitte voranbringen möchte.
In der Liga der Polnischen Familien herrscht große Unzufriedenheit über das schwache Abschneiden bei den Wahlen. Insbesondere Roman Giertych, der starke Mann der Liga, steht im Kreuzfeuer der Kritik. Giertych wird Vetternwirtschaft und übermäßiger Machthunger vorgeworfen. Konkret geht es beispielsweise darum, daß Verwandte Giertychs im Europäischen Parlament als Assistenten der LPR-Abgeordneten beschäftigt wurden, daß Giertych seinen wenig populären Vater Maciej als Präsidentschaftskandidaten durchdrückte oder loyale Aktivisten aus der ultra-nationalistischen Młodzież Wszechpolska (Allpolnischen Jugend) zulasten altgedienter Funktionäre in der Partei Karriere machen. Einstweilen konnte sich Roman Giertych aber durchsetzen, da er dafür gesorgt hat, daß Parteiführung und Parlamentsfraktion von seinen Weggefährten dominiert werden. Nicht auszuschließen ist indes, daß es wie bereits in der letzten Legislaturperiode zu zahlreichen Sezessionen kommen wird.
Ähnlich wie für die Liga stellt das Wahlergebnis auch für die Samoobrona eine Enttäuschung dar. Zwar konnte die Lepper-Partei sich gegenüber 2001 leicht verbessern, aber die Hoffnung, das immense Protestwählerpotential zu absorbieren, erfüllte sich nicht. Andrzej Lepper setzte ehemalige SLD- und UP-Politiker auf die Liste der Samoobrona und betonte gleichzeitig das nationale Element – er trat etwa in Radio Maryja auf oder gab der Radio Maryja nahestehenden Tageszeitung Nasz Dziennik ein längeres Interview. Doch sein Kalkül verfing nicht, seine Partei einerseits als „patriotische Linke“ zu inszenieren und damit frustrierte SLD-Sympathisanten auf seine Seite zu bringen und andererseits traditionalistische Wähler zu gewinnen. Überdies kosteten die Partei interne Querelen über Listenplätze Stimmen. Da Lepper von den Kandidaten forderte, Wechsel in Höhe von 100 000 Złoty für den Fall eines Austritts aus der Parlamentsfraktion zu unterschreiben, zerschlugen sich die mit mehreren Organisationen vereinbarten Wahlbündnisse – etwa mit der Rentnerpartei KPEiR (Krajowa Partia Emerytów i Rencistów) oder der radikalen, 400 000 Mitglieder zählenden Gewerkschaftsföderation Forum Związków Zawodowych (FZZ).
Die PSL ist mit dem Wahlausgang zufrieden. Zahlreiche Auguren hatten bereits das Ende der parlamentarischen Präsenz der Bauernpartei vorausgesehen. Die PSL drohte angesichts der Konkurrenz der Samoobrona und der sich immer stärker im ländlichen Raum engagierenden PiS zwischen Baum und Borke zu geraten. Erschwerend wirkte sich die Geldnot der Partei aus, der aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten die staatliche Unterstützung abgedreht wurde. Insofern herrschte in der PSL vor allem Erleichterung darüber, daß man die Fünf-Prozent-Hürde überspringen konnte. Die Aussichten der Partei sind aber eher düster. Mit der Wahl des Parteivorsitzenden Waldemar Pawlak zum Fraktionschef der PSL wurde die ebenso wenig innovative wie kreative Linie der letzten Jahre bestätigt. Die PSL könnte somit in spätestens vier Jahren abermals um ihr politisches Überleben kämpfen.
Kommt die IV. Republik?
Auch in Polen gilt: Keine Suppe wird so heiß gegessen, wie sie gekocht wird. Der rhetorische Eifer, die historische und moralische Politik mancher PiS-Politiker wird sich vielleicht nach den Wahlen nicht legen, aber er wird abgemildert werden: erstens durch den Koalitionspartner der Bürgerplattform, zweitens durch die Bürger selbst, die keine Revolution wollten, sondern eher gegen die Skandale der SLD-Ära votierten, und drittens durch die zahlreichen Sachzwänge, denen jede europäische Regierung zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausgesetzt ist. Sollte überdies Donald Tusk Staatspräsident werden, so stünde den Jakobinern der moralischen Revolution ein operativ vielleicht nicht mächtiger, aber politisch dennoch einflußreicher Girondist gegenüber. So oder so: Polen marschiert nicht in die Vierte Republik, sondern höchsten in die „Drei-Einhalbte“.

Manuskript abgeschlossen am 13.10.2005

Janusz Rolicki | 149

Polen am Wendepunkt
Prognosen eines politischen Menschen
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Die Wahlen zum Sejm vom 25. September 2005 markieren einen Wendepunkt. Polens politische Landschaft steht am Beginn dauerhafter Veränderungen. Der Sieg der Parteien Prawo i Sprawiedliwość und Platforma Obywatelska, die sich auf das Erbe der Solidarność berufen, speist sich aus der Enttäuschung über die Ergebnisse der Trans­formation und aus dem Versagen der Postkommunisten, die im Strudel ihrer Korruptionsaffären untergingen. Die Wahlsieger um die Gebrüder Kaczynski sehen in ihrem Erfolg den ersten Schritt zur Umgestaltung der Republik: Ihr Ziel ist eine Stärkung der Macht des Präsidenten zulasten des Parlaments. Ob sie es erreichen, hängt vom Ausgang der Präsidentschaftswahlen ab. Schließen

Michał Witkowski | 156 | Volltext

Kulturscheide
Bekenntnisse eines Unpolitischen
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Die polnische Gesellschaft ist kulturell tief gespalten. Das links-liberale Milieu, das Emanzipation und Freizügigkeit lebt, hat nicht einmal eine politische Vertretung. Auch die bei den Wahlen schwer geschlagene postkommunistische Linke ist alles andere als libertär. Das nationalkatholische rechte Milieu hingegen versucht, seine prüden Sitten der gesamten Gesellschaft aufzuzwingen, und setzt homosexuelle Liebe mit Pädophilie gleich. Dieses Lager hat einen Sieg bei den Parlamentswahlen davongetragen. Den Anhängern liberaler Werte stehen schwere Zeiten bevor. Schließen

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Schattenspiele
Informelle Politik im Osten Europas
Berlin (10/2005)
Seite 156 - 159


Michal Witkowski

Kulturscheide
Bekenntnisse eines Unpolitischen

Ich· muß gestehen, daß ich mich nicht besonders für das politische Leben in Polen interessiere. Denn wie viele andere sehe ich keinerlei Übereinstimmung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten. Wir leben in unserer eigenen Welt und verfolgen das politische Geschehen nicht. Vielleicht würden wir es aufmerksamer verfolgen, wenn es weniger primitiv, banal und voraussehbar wäre, wenn all die Parteiführer nicht immer das gleiche versprechen und dann immer von neuem vergessen würden, ihre Versprechen zu halten; wenn schließlich die Rhetorik der Linken und der Rechten nicht so durchschaubar wäre. Viele Intellektuelle sind bemüht, kühle Distanz zu dieser unappetitlichen Rhetorik zu wahren. Was bleibt dann erst den Schriftstellern, die eine weitaus raffiniertere Sprache gewohnt sind! Dennoch kann man nicht so tun, als wäre nichts geschehen. Deshalb habe ich mich entschlossen, das Wort zu ergreifen.
Dank meines Romans Lubiewo gelte ich in Polen als links-liberaler Autor. Eine solche politische Strömung gibt es aber in Polen eigentlich gar nicht. Nur schwerlich kann man die postkommunistische SLD als eine solche freiheitliche Bewegung bezeichnen, versammelt sie doch vor allem Altfunktionäre des totalitären Staates, die bekanntlich ebenso vehement gegen eine liberalere Moral eintraten, wie es die heute zur Macht strebende Rechte tut. Unter den heutigen Bedingungen halte ich es für wenig wahrscheinlich, daß in Polen eine neue und frische Linke entstehen könnte, die der starken und aggressiven Rechte etwas entgegenzusetzen hätte. Sollte aber eine solche historisch unbelastete Linke entstehen, würde ich mit ihr sympathisieren und ihr vielleicht sogar zur Macht verhelfen wollen.
Zum Verständnis der kulturellen Dimension der Begriffe „rechts“ und „links“ muß man sich ihren Bezug zum Bereich der Sitten im weiteren Sinne vor Augen führen. Bekanntlich hegt die Linke gewisse Sympathien für Emanzipationsbewegungen (Feminismus, Befreiung der sexuellen Minderheiten, Bewegung für die Abtreibung). Die Rechte hingegen verschanzt sich im Hort von Tradition und Fremdenfeindlichkeit, wo sie Faschismus, Fremdenfeindlichkeit, ostentative, geheuchelte Prüderie und frömmlerische Religiosität fördert.
Ich verhehle nicht, daß ich mich in der polnischen „rechts-links“-Debatte einer Seite anschließen muß. Das ist zwar nicht die Sprache der Literatur mit ihren Abstufungen und Schattierungen, sondern die zugespitzte Sprache der Ideologie. Doch die Diskussion verlangt klare Standpunkte. In Polen haben wir es mit mindestens zwei Erzählungen (Deutungen) zu tun. In der ersten – und, das sage ich offen, mir näher stehenden – kämpfen die guten Schwulen, Feministinnen, Linken ihren Kampf um Freiheit und Offenheit der Kultur gegen die bösen Rechten. Auf der Seite der „Bösen“ stehen in dieser Erzählung der Radiosender Maryja, die Liga der Polnischen Familien und ihre „Kampftruppe“, die Młodzież Wszechpolska (Allpolnische Jugend), sowie jene Partei, die gerade an die Macht gekommen ist. Diese Erzählung handelt von den „Bösen“, die Abtreibung, Marihuana und gleichgeschlechtliche Beziehungen verbieten, die Gleichstellung der Frauen in der Politik bekämpfen und das Rad der Kultur zurückdrehen wollen, und den „Guten“, die sich für die Liberalisierung und Legalisierung von allem, was den anderen nicht schadet, und für eine endgültige Öffnung dieser Kultur eintreten.
Das ist natürlich ein zugespitztes und ideologisiertes Bild. In der Diskussion über „links“ und „rechts“ trifft es aber zu. Leider findet diese Diskussion aber gar nicht statt, weil beide Seiten sich in ihren Lagern verschanzen und nicht versuchen, die Argumente der anderen Seite zu verstehen. Ich glaube, zu einer solchen Verständigung kann es einfach nicht kommen, weil das Weltbild beider Seiten sich zu sehr unterscheidet. Wenn es drauf ankommt, entscheide ich mich von beiden Übeln für das kleinere, also für die Linke, und so interpretieren mich auch die Medien und meine Leser.
Diese Linke hat in Polen jedoch, wie gesagt, keine institutionalisierte Vertretung, denn der SLD ist nur dem Namen nach links. In Wirklichkeit kümmert er sich vor allem um die Pfründe der ehemaligen Funktionäre der Vereinigten Arbeiterpartei. Die Stimmen echter Linker hört man am ehesten aus gesellschaftlichen Nischen, etwa von jungen Intellektuellen um die Zeitschrift Krytyka Polityczna wie Sławomir Sierakowski, den in Polen sehr aktiven feministischen Gruppen um die Zeitschriften Zadra oder Ośka (Kinga Dunin, Kazimiera Szczuka, Agnieszka Graff), oder Aktivisten der Schwulenbewegung, die wie etwa Robert Biedroń mit der in Polen fast nicht existenten Partei der Grünen sympathisieren. Diese Kreise sind aber leider in der Minderheit, und die Politiker der Hauptströmung tun so, als ob sie nicht existierten, oder behandeln sie als enfant terrible. Daher hat diese Bewegung keine politische Bedeutung, sie ist im Off, in den Medien und in den Köpfen der Polen kaum präsent.
Dabei solidarisieren sich die Künstler und Intellektuellen noch am ehesten mit diesen Kreisen. Natürlich nicht alle, aber doch eine erhebliche Zahl. So wie im Frankreich der 1950er Jahre die Künstler überwiegend links eingestellt waren, beobachten wir heute in Polen besonders unter den Schriftstellern Vergleichbares. Sieht man sich die Argumente an, stellt man fest, daß auch die polnische Kulturszene, und besonders die Bewertung der sogenannten „Jungen Kunst“, der Dichotomie „links – rechts“ unterworfen ist. Als „skandalträchtig“ geltende Werke der jungen Kreativen wecken Begeisterung bei linken Feministinnen und den entsprechenden Medien, Abscheu dagegen bei den alten Professoren, die leider die geschätzten Jurys der Literaturpreise dominieren. Das gleiche Phänomen gilt für die Bewertung der Weltliteratur: Die linke Literaturkritik begeistert sich für die Werke der österreichischen Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek – bei uns hätte sie keine Chance gehabt! –, Pelevin, Sorokin oder die Theaterstücke von Sarah Kane, die Rechte dagegen bleibt lieber bei Miłosz, Mickiewicz, Szymborska oder Wojciech Wencel, der in gereimten Oden die Gottesmutter besingt. In der Diskussion um die sogenannte „junge Kunst“ geht es also gewöhnlich nicht um künstlerische Werte, sondern um die Weltanschauung, und insbesondere um die Einstellung zur Sexualität, zum Körper oder zur Rolle der Frau. Damit wird es jetzt bestimmt nicht besser.
Vor diesem Hintergrund zeichnet sich ab, welche Auswirkungen der Wahlsieg der Rechten auf einen jungen Schriftsteller haben kann. Es geht gar nicht nur darum, daß jemand wie ich keine Stipendien- oder Förderanträge mehr zu stellen braucht, die bekanntlich der Kulturminister bewilligen muß. Sei’s drum! Heute ist die Kulturförderung größtenteils Sache nichtstaatlicher, also europäischer oder privater, Organisationen. Wichtiger ist das politische und moralische Klima, in dem ich die nächsten vier Jahre werde arbeiten müssen. Natürlich wird der Druck der herrschenden Rechten die im Untergrund verschanzte Linke stärken, wird ihr jene Durchsetzungskraft verleihen, die sich aus dem Zorn der Unterdrückten speist, wird beim Aufbau einer eigenen, starken Identität in Opposition zu den Regierungsparteien helfen. Aber das allgemeine Klima wird vergiftet bleiben, und die Kultur wird gewiß darunter leiden.

Die ersten beunruhigenden Symptome machen sich schon bemerkbar. Wie ich der Gazeta Wyborcza entnehme, hat die PiS kurz vor den Parlamentswahlen an viele Kirchengemeinden in Polen einen Brief mit einer Informationsbroschüre verschickt. Was man dort zu lesen bekam, dürfte jeden, der sich in einem weltanschaulich freien Land wähnt, tief beunruhigen. Den Pfarrern wird versichert, daß die nun siegreiche Partei enge Verbindungen zur katholischen Kirche und zur polnischen katholischen Tradition habe und ihre Führer sich auch als künftig Regierende „Gott verantwortlich” fühlen werden. Lebendig wie eh und je ist der aus der polnischen Geschichte bekannte Mißbrauch der Gottesautorität und die Berufung auf traditionelle Werte. Den Verdiensten der Partei rechnet die Broschüre u.a. den Kampf Lech Kaczyńskis als Oberbürgermeister von Warschau gegen die Organisatoren der Gleichheitsparade, des polnischen Christopher Street Day und die Erotikmesse Eroticon zu. Die Pfarrer erfahren außerdem in fetten Lettern, daß Lech Kaczyński es geschafft habe, 45 Bordelle in Warschau zu schließen. Die – in den Augen der PiS allzu freizügige – Sexualkunde an den Schulen sei eine „Verfallserscheinung“, welche die Broschüre gleich neben der Pädophilie erwähnt.
Jede Minderheit – auch die Teilnehmer besagter Gleichheitsparade, die für die Schwulen in Polen die einzige Form ist, für ihre Rechte zu kämpfen – kann sich besonders bedroht fühlen in einem Land, in dem die Regierungspartei den Kampf gegen sie als besonderes Verdienst betrachtet, dessen sie sich öffentlich rühmt. Abgesehen von den beschriebenen Details ist die Berufung auf die Autorität der Kirche und höhere Werte dort, wo es im Grunde um die Macht und die aus ihr fließenden ganz irdischen Vorteile geht, besonders verabscheuenswert. Auf diesem Standpunkt standen auch die Führer der katholischen Kirche, die dieses Vorgehen als Instrumentalisierung der Kirche und der Religion verurteilt hat. Nicht minder verabscheuenswert ist der vielfache Mißbrauch des kürzlich verstorbenen Papstes als Symbolfigur für spektakuläre Aktionen der Rechten im Kampf gegen die Legalisierung homosexueller Ehen oder die Legalisierung der Abtreibung. Tote haben keine Stimme, das weiß die polnische Rechte sehr gut, deshalb untermauert sie bei jeder Gelegenheit ihre Partikularinteressen mit den Worten: „Der Heilige Vater hätte es so gewollt“. Besondere Aufmerksamkeit verdient die bigotte Rhetorik, mit der die Rechte zum Schutz des „ungeborenen Lebens“ aufruft.
In einer Situation, in der die PiS es sich hoch anrechnet, die Rechte der Minderheiten – die in Polen ohnehin schwach entwickelt sind – oder den harmlosen Erotikmarkt zu bekämpfen und sich gleichzeitig auf christliche Traditionen zu berufen, darf man Polen eine düstere Zukunft prophezeien. Das neue Klima ist der Entwicklung einer freien Kunst gewiß nicht zuträglich, und der Druck auf „kontroverse“ Künstler – man denke nur an den Fall Dorota Nieznalska, die angeklagt und zu gemeinnütziger Arbeit verurteilt wurde, weil eine ihrer Installationen ein Kreuz zeigt, auf das ein Photo eines Penis geklebt war – könnte noch zunehmen. Andererseits darf man sich damit trösten, daß Druck noch immer belebend auf die polnische Kunst gewirkt hat und der Mangel an Freiheit nur dazu führte, daß das eingeschmuggelte oder illegal vervielfältigte Wort an Bedeutung und Gewicht gewann.

Aus dem Polnischen von Olaf Kühl, Berlin