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Spiegel der Zeit 1925-2005
Osteuropa: Traditionen, Brüche. Perspektiven

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
200 Seiten, 40 Abbildungen
Berlin (BWV) 2005[= Osteuropa 12/2005]
Preis: 15,00 €
ISBN: 3-8305-1121-3

Coverbild

Manfred Sapper, Volker Weichsel | 3

Editorial
Zeitspiegel
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Historiker in eigener Sache zu sein, verbietet sich von selbst. Zu groß wäre die Gefahr, am Objektivitätsgebot zu scheitern und Dichtung und Wahrheit zu vermischen. Doch 80 Jahre Osteuropa sind kein Pappenstiel, denn Zeitschriften sind oft kurzlebig und kaum mehr als ein Indikator für Konjunkturen. Wenn eine Zeitschrift wie Osteuropa, die wissenschaftlichen und publizistischen Anforderungen gerecht zu werden hat, über eine Tradition von acht Jahrzehnten verfügt und seit über fünfzig Jahren Monat für Monat erscheint, um über die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im Osten Europas aufzuklären, kann von Konjunktur keine Rede sein. Die Aufgabe einer solchen Zeitschrift ist es, zu informieren und dabei zu helfen, Information in Erkenntnis und Erkenntnis in gesichertes Wissen umzuwandeln und Orientierung zu schaffen. Sie ist Wissensspeicher und historische Quelle zugleich, die Zeugnis vom politischen und akademischen Rahmen ablegt, in dem Wissenschaft und Öffentlichkeit zueinander stehen. Dies ist die erste Spiegelung der Zeit. Wer sich in der Zeit bewegt, kommt nicht umhin anzuerkennen, daß zur Tradition auch Brüche und Verwerfungen gehören. Osteuropa ist unauflöslich in die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts eingewoben, die untrennbar mit jener Ostmitteleuropas und Osteuropas verbunden ist. 1913 wurde in Berlin die Deutsche Gesellschaft zum Studium Rußlands gegründet, aus der die Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde hervorging. Erst im Spätherbst 1925 konnte der Spiritus rector der Gesellschaft, der Osteuropahistoriker und Reichstagsabgeordnete Otto Hoetzsch das erste Heft von Osteuropa vorstellen. „Natürlich steht Rußland im Mittelpunkt dieser Arbeit, das Rußland im Umfang des Kaiserreichs, wie es 1914 bestand.“ Dieses programmatische „Wort zur Einführung“, das Hoetzsch in der ersten Ausgabe unter dem Titel „Deutschland und Rußland“ formulierte, ist ohne die im nationalkonservativen politischen Milieu vorherrschende Ablehnung des Versailler Staatensystems, die Skepsis gegenüber der Existenz Polens und ohne den Ausgleich mit der UdSSR im Geiste von Rapallo nicht zu verstehen. Nimmt man die Gründung der Gesellschaft als Herausgeberin der Zeitschrift zum Ausgangspunkt, so fallen in diese Periode der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg, der bis heute seine Schatten wirft. Und Deutschland hat in dieser Zeit sechs politische Ordnungen erlebt: das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das NS-Regime, das geteilte Deutschland und die Berliner Republik. Jeweils ist Osteuropa ein Spiegel der Zeit. In den zwanziger Jahren, als es an fundierter Berichterstattung über internationale Beziehungen und außenpolitisch relevante Fragen mangelte, waren die Aktualität, Validität und Solidität, mit der Osteuropa über die UdSSR und den Osten Europas berichtete, einzigartig. Berlin war das weltweit anerkannte Zentrum der Rußland- und Osteuropastudien, wozu auch diese Zeitschrift beitrug. Doch das Signum der Zeitschrift seit ihrer Weimarer Zeit, die Verknüpfung von Wissenschaft und Politik, Erkenntnis und Interesse, Aufklärung und Handeln, sollte ab 1933 prekäre Konsequenzen haben. Dies belegen die historischen Studien im vorliegenden Heft. Gemeinsam ist diesen Skizzen, daß sie Biographisches mit Milieu- und Ereignisgeschichte verbinden. Am Schicksal des Individuums läßt sich, wie Karl Schlögel in seiner Studie über Hoetzsch und die deutsche Rußlandkunde vorführt, die – mitunter tragische – Eingebundenheit des Menschen in die Gesellschaft und die Wechselwirkung von Besonderem und Allgemeinem begreifen. Klaus Mehnert, der bereits unter Hoetzsch zur Zeitschrift stieß und später zu einem der bekanntesten deutschen Osteuropaexperten avancieren sollte, war in den 1920er Jahren von der Dynamik in der So­wjetunion fasziniert. Nach dem Machtantritt der NSDAP galt er als „Salonbolschewist“ und ging ins Exil, Otto Hoetzsch wurde in die innere Emigration getrieben. Der Versuch, die Zeitschrift über Wasser zu halten, kostete einen hohen Preis. Dies zeigt Dietrich Beyrau, der als erster jene Dokumente gesichtet hat, die aus dem Auswärtigen Amt stammen und seit 1945 im Moskauer Sonderarchiv liegen. Der damalige Chefredakteur Werner Markert, der sich in den 1950er Jahren beim Aufbau der Osteuropaforschung unbestreitbare Verdienste erwarb, versuchte es mit Anpassung an die nationalsozialistischen Machthaber. Das konnte nicht ohne Kompromittierung gelingen. Doch die eigentliche Tragödie traf andere. Mehrere Schüler von Otto Hoetzsch, die an Osteuropa mitarbeiteten, fielen dem kriminellen nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. Stellvertretend sei an Wolfgang Leppmann erinnert. Er wurde in Auschwitz umgebracht. Auch dies ist ein Teil der Geschichte von Osteuropa. Angehörige seiner Generation bauten nach dem Krieg die Osteuropaforschung wieder auf. Der Kalte Krieg begünstigte es, daß die individuelle Belastung durch die Verstrickung in den Nationalsozialismus zugunsten der Beschäftigung mit der drohenden sowjetischen Expansion verdrängt werden konnte. Hier brachte die Entspannungspolitik auch wissenschaftspolitisch und methodisch eine Zäsur. Die Fokussierung dieses Heftes auf die Phase von 1925 bis in die 1970er Jahre hat ihren Preis. Zwar haben sich der Charakter und die Funktion von Osteuropa in den letzten beiden Jahrzehnten, insbesondere seit dem Ende des Ost-West-Konflikts verändert. Und doch schweigen die Historiker von der jüngsten Vergangenheit, die mit dem jahrzehntelangen Wirken insbesondere von Horst Günther, Alexander Steininger, Jutta Unser und Karl-Eugen Wädekin verbunden ist, und sie schweigen auch von der Gegenwart. Statt dessen kommen drei Beobachter zu Wort. Diese Intermezzi sind mehr als launige Zwischenspiele im ernsten Stoff. Sie laden dazu ein, den Blick über den Tellerrand zu heben und den eigenen Horizont zu erweitern. Der Historiker und Erziehungswissenschaftler Oskar Anweiler, dessen erster Aufsatz in Osteuropa 1955 erschien, verknüpft Lebenserfahrung und Welterfahrung, er repräsentiert den Ost-West-Dialog ebenso wie komparatives Denken. Bodo von Greiff, Chefredakteur des Leviathan, der wie Osteuropa der Interdisziplinarität verpflichtet ist, treibt der Strukturwandel in Wissenschaft und Öffentlichkeit um, er bietet dem Zeitgeist der Spezialisierung, Selbstbiotopisierung und angelsächsischen Standardisierung die Stirn. Und Katharina Raabe, Suhrkamp-Lektorin für osteuropäische Literaturen, enthüllt die Beschwernisse, die nicht nur auf dem Buchmarkt mit dem Begriff „Osteuropa“ verbunden sind, verrät, was das Spezifische an Osteuropa ist und worin der Reiz osteuropäischer Literaturen liegt, und sie schreibt uns ins Stammbuch, wo Osteuropa Schwächen hat. Besten Dank! Bleiben Sie uns dennoch gewogen. Schließen

Karl Schlögel | 5 | Volltext

Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens
Otto Hoetzsch und die deutsche Rußlandkunde
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Der Wissenschaftler und Politiker Otto Hoetzsch brachte im Berlin der 1920er Jahre alle jene zusammen, die an Rußland Interesse zeigten. Er gründete die Deutsche Gesellschaft zum Studium Rußlands (später: Osteuropas) und hob 1925 die Zeitschrift Osteuropa aus der Taufe. Hoetzsch organisierte und inspirierte russische Emigranten, Deutschbalten und Sowjetrussen. Berlin war das weltweit anerkannte Zentrum der Rußland- und Osteuropastudien. Die Nationalsozialisten diffamierten Hoetzsch als „Salonbolschewisten“, zwangen ihn zum Rückzug, zerstörten die akademische Osteuropaforschung und stürzten Europa in den Krieg. Nach dem Zweiten Weltkrieg bescherte die Teilung Europas Otto Hoetzsch mit seinem Anspruch, Rußland und Osteuropa in den europäischen Geschichtshorizont einzugliedern, eine letzte Niederlage. Schließen

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Spiegel der Zeit 1925-2005
Osteuropa: Traditionen, Brüche. Perspektiven
Berlin (12/2005)
Seite 5 - 28


Karl Schlögel

Von der Vergeblichkeit eines Professorenlebens
Otto Hoetzsch und die deutsche Rußlandkunde

Ein· fast siebzigjähriger Mann schleppt sich im Frühjahr 1945 durch die Ruinen von Berlin. Das einzige, was er in einem Koffer mit sich führt, ist ein Manuskript. Er nennt es sein „A II“-Manuskript. Es hat in einem Tresor überlebt, während sein gesamter Besitz und alles, was ihm teuer war, untergegangen ist: seine Wohnung in der Einemstraße in Tiergarten, die einzigartige Privatbibliothek mit ihren dreißigtausend Bänden. Seinen Unterhalt bestreitet er vom Verkauf der letzten Habe, die er unter den Trümmern seines Hauses geborgen hat. Er wohnt, mehrmals das Quartier wechselnd, bei Verwandten und Freunden, zeitweilig auch in Hospitälern, wo er, der Schwerkranke, aufgenommen wird. Im Juli 1945 schreibt er an einen Kollegen:

Ich bin hier, Reconvalescent im Krankenhaus, in der Wohnung ganz „ausgebombt“, nach schweren Schicksalen, wie der Fisch auf dem Trocknen, Gelehrter ohne Bücher, ohne körperliche Aktionsfähigkeit und isoliert, abgeschnitten. Und trotzdem arbeitet es in mir; „der Geist will forschen“, wie der Psalmist sagt.

Der alte Mann illustriert mehr als nur die Devise des Philosophen „Omnia mea mecum porto“. In ihm sieht man die Tragödie eines deutschen Gelehrten und seiner Wissenschaft. Denn unter den Ruinen verschüttet ist auch das, was er in mühseliger Pionierarbeit begründet hat: die moderne Rußlandkunde. Otto Hoetzsch ist allein und vereinsamt in der verwüsteten Stadt zurückgeblieben – seine Frau starb wenige Tage vor der Eroberung Berlins durch die Rote Armee. Rußland, dem er sein wissenschaftliches und politisches Leben gewidmet hat, ist nun mit seinen Truppen in die Stadt eingerückt. Es hat sich erfüllt, was er 1931 für den Fall eines Krieges prophezeite: der „Sieg des Bolschewismus“ in Mitteleuropa.
Die Universität, an der er die besten Jahre seines Lebens gearbeitet hat, bereitet sich auf ihre Wiedereröffnung vor – nun unter der Regie der Sowjetischen Militäradministration. Ihn, der durch Berufsverbot ausgeschlossen war, braucht man wieder, um den Betrieb aufzunehmen. Was er aus dem Jahrzehnt der inneren Emigration mitbringt, das Manuskript „A-II“, ist eine Geschichte Aleksandrs II. und seiner Epoche, deren Veröffentlichung in den Sternen steht. Viele seiner Schüler und Mitarbeiter sind von den Nazis umgebracht oder ins Exil getrieben worden. Viele, die sich als Ost- und Rußlandspezialisten mit den Nazis eingelassen haben, sitzen vorübergehend in den Internierungslagern der Alliierten und warten auf ihre „Entnazifizierung“. „The Hoetzsch-School“, von der der große britische Historiker E.H. Carr gesprochen hat, existiert nur noch als Diaspora. Berlin hat längst aufgehört, Zentrum der Rußlandstudien zu sein, der Ort für „Training for Russia“, den der junge amerikanische Diplomat George F. Kennan noch in den zwanziger Jahren aufgesucht hatte. Und um das Unglück vollständig zu machen: Auch viele von Hoetzschs sowjetischen Kollegen wie David Rjazanov und Sergej Platonov haben die Schrecken der dreißiger Jahre nicht überlebt.
Zwischen den Kriegen hatte sich alles Wissen, das mit Rußland und Sowjetrußland zusammenhing, in Berlin akkumuliert. Im Frühjahr 1945 lag dieser Hort des Wissens in Trümmern. Ein Kapitel faszinierender und zugleich dramatischer Wissenschaftsgeschichte war zu Ende. Was waren die Gründe für die erstaunliche Blüte der deutschen Rußlandkunde in so kurzer Zeit? Wie konnte sich diese wissenschaftliche Disziplin inmitten der europäischen Konfrontationen und deutsch-sowjetischen Konflikte konstituieren? Wie war Objektivität in einem Zeitalter rasanter Politisierung überhaupt noch denkbar? War nicht jeder Versuch einer intellektuellen Kontaktaufnahme mit der verfeindeten Gegenseite „Verrat“? Die Rußlandstudien wurden wie nur wenige andere Disziplinen zum Schauplatz für die Anfechtungen und Verstrickungen, denen Wissenschaftler im Zeitalter des doppelten Totalitarismus ausgesetzt waren. Und im Mittelpunkt des Dramas stand Otto Hoetzsch.


Zurückgeworfen auf den Ausgangspunkt
Jetzt, da die sowjetischen Truppen in Berlin standen, war es an der Zeit, Inventur zu halten auch in Sachen Rußlandkunde. Und Otto Hoetzsch machte sich mit der letzten Kraft, die ihm bis zu seinem Tode am 27. August 1946 blieb, an diesen intellektuellen Kassensturz. Auf einer Historikertagung am 21. Mai 1946, auf der man über die künftigen Aufgaben in Lehre und Forschung sprach, wurde auch ein von Otto Hoetzsch ausgearbeiteter Vortrag verlesen – er selbst konnte wegen Erkrankung nicht dabei sein. Es geht darin um nicht weniger als um „die Eingliederung der osteuropäischen Geschichte in die Gesamtgeschichte“.
Die dringlichste Aufgabe sieht Hoetzsch zunächst darin, „aus einer unfruchtbaren und zerstörenden Periode einen großen Haufen von geistigem Schutt wegzuräumen und diese These der Gedankenlosigkeit, Überheblichkeit, Feindseligkeit zu überwinden, auszulöschen, beiseitezuwerfen“. Es geht ihm dabei nicht nur um den vordergründigen, in den Köpfen abgelagerten Schutt der Nazi-Propaganda – „asiatische Horden“ –, sondern um eine sehr weit- und tiefgehende Revision der Koordinaten, in denen europäische Geschichte hinfort getrieben und geschrieben werden soll. Von dort aus soll der „Begriff der osteuropäischen Geschichte“ neu gedacht und definiert werden, von dort aus soll „die Erkenntnis Rußlands als einer historisch-politischen Individualität, die nach ihren eigenen Gesetzen und Bedürfnissen erwachsen ist, auch ihrer Staatsidee und ihrem Volkswesen zunächst von innen heraus bestimmt“ werden. Das ist eine klare Absage an Westeuropa- und „Abendland-Zentrismus“. Darüber hinaus aber hält Hoetzsch auch ein Plädoyer für eine moderne vergleichende Methode und eine interdisziplinär operierende Geschichtswissenschaft. Wenn Ost- und Westeuropa in dieser neuen Perspektive betrachtet werden, hat „der alte Streit: ob politische oder Kulturgeschichte, so völlig seinen Sinn verloren“.
So modern das alles klingt, die Einbeziehung Rußlands in den europäischen Erfahrungs- und Geschichtshorizont, die Hoetzsch fordert, stand schon an den Anfängen seiner Bemühungen um eine Rußlandkunde in Deutschland. Was er 1946 formuliert, ist die durch die Erfahrung der Katastrophe radikalisierte, aber nicht grundsätzlich neue Aussicht, die er bereits im Februar 1913 in seiner „Denkschrift zwecks Gründung einer Deutschen Gesellschaft zum Studium Rußlands“ geäußert hatte. Es scheint, als sei Hoetzsch nach 1945 an den Ausgangspunkt seiner Bemühungen zurückgeworfen worden, denn schon 1913 hatte er gefordert, die Beschäftigung mit Rußland auf jede nur erdenkbare Weise auszubauen und zu intensivieren: durch neue Fachzeitschriften, die Einrichtung von Lehrstühlen zum Studium von Sprache, Geschichte und Landeskunde, durch Austauschprofessuren, die Gründung von Gesellschaften, die alle Rußland-Interessierten zusammenbringen, die Anregung wissenschaftlicher Arbeiten, die Beeinflussung der Presse, die Einrichtung einer wissenschaftlichen Bibliographie und vieles andere. Zusammengefaßt könnte das Programm lauten: sich informieren, sich vertraut machen, Unkenntnis und Fremdheit überwinden – und zwar in der Verbindung von Wissenschaft und Praxis.
Hoetzsch war Jahrgang 1876. 1913, als er diese Aufgaben formulierte und als seine „Geschichte Rußlands“ erschien, war er bereits eine angesehene Persönlichkeit – als Wissenschaftler wie als Politiker. Er erlebte den Ersten Weltkrieg und die russische Revolution als gerade Vierzigjähriger, das Ende des Bürgerkriegs in Rußland und die Aufnahme der Beziehungen zwischen Weimar-Deutschland und Sowjetrußland als Fünfzigjähriger, die Machtübernahme des Nationalsozialismus als knapp Sechzigjähriger und dessen Zusammenbruch als fast Siebzigjähriger. So verlief das Leben eines Mannes, dem die Verbindung von politischem Engagement und Wissenschaft – oder wie es an anderer Stelle einmal hieß: von Staatsbürger- und Gelehrtenexistenz – wie kaum jemandem gelungen war; ein Leben meist mit der Zeit, mehr als ein Jahrzehnt aber auch gegen sie. In den zwölf Jahren der Diktatur wurde all das zunichte, wofür er gearbeitet hatte. Seine Prominenz in der Hochzeit des „Geistes von Rapallo“ wie seine innere Emigration im Dritten Reich sind ein ziemlich genauer Indikator für den Stand der deutsch-russischen Beziehungen auf wissenschaftlichem und intellektuellem Gebiet.
Die fruchtbarste Lebensperiode fällt zusammen mit der Weimarer Republik, die er als „Vernunft-Republikaner“ unterstützte, aber die Ingredienzien, die diese Karriere möglich gemacht haben, waren älter. Man muß zurückgehen in die Aufbruchzeit des deutschen Kaiserreichs. Die häusliche Umgebung, in der Hoetzsch aufwuchs, war bürgerlich-konservativ und normal. Er stammt aus einem evangelisch-lutherischen Elternhaus, der Vater war Klempnermeister in Leipzig. Man verehrte Bismarck und Treitschke, las die Romane von Gustav Freytag. Die Universität Leipzig, die Hoetzsch nach dem Abitur am Thomas-Gymnasium und einem Jahr Militärdienst in der sächsischen Infanterie 1895 bezog, war damals eine der anregendsten und modernsten Hochschulen Deutschlands. Er hatte das Glück, bei zwei führenden Vertretern der „Leipziger Schule“ – Karl Lamprecht und Friedrich Ratzel – studieren zu können; es ist wohl auch kein Zufall, daß er in seiner Studienzeit bereits den späteren US-Botschafter in Berlin, William E. Dodd, aber auch Michail Tereščenko, den Außenminister der russischen Provisorischen Regierung im Jahre 1917, kennenlernte.
Die entschiedene Hinwendung zum östlichen Europa erfolgte zwar erst später, doch schon in seinen Leipziger Jahren interessierte sich Hoetzsch für Rußland, für die wirtschaftliche Entwicklung des Zarenreichs unter Aleksandr II. und für die Industrialisierungs- und Modernisierungspolitik des Ministers Sergej Vitte. Es war nicht allein akademisches Interesse, das ihn nach Rußland zog und ihn 1904 seine erste Reise ins Zarenreich antreten ließ. Hoetzsch hatte ein Gespür für geschichtliche Dynamik, für die Wucht des russischen Kapitalismus, den Landhunger der Bauern, auch für die Gefährdung des Ancien régime. Im Jahre 1900 ging er nach Berlin, 1906 wurde er habilitiert, und im selben Jahr erhielt er einen Ruf an die Königliche Akademie in Posen. Diese Institution, erst drei Jahre zuvor gegründet, sollte ein akademisches Zentrum des „deutschen Ostens“ werden und die Germanisierung der polnischen Provinz Preußens fördern und konsolidieren.
In Posen war Hoetzsch militant deutsch-national: Die Situation der deutschen Volksgruppe war mehr als prekär, Hoetzsch agitierte für die gezielte „Einsiedlung“ Hunderttausender deutscher Bauern im polnischen Siedlungsgebiet – eine „neue große Ostwärtsbewegung in der deutschen inneren Volksgeschichte“.
Hier entwickelte er eine Sensibilität für die Bedeutung der deutsch-russischen Beziehungen – und zugleich einen massiven antipolnischen Komplex. Über weite Strecken scheint es so, als wäre seine Orientierung auf Rußland vor allem dieser Abneigung entsprungen. Es sollte viele Jahre dauern, bis er die Staatlichkeit Polens auch innerlich akzeptierte, wie eine Formulierung von 1930 zeigt:

Ohne ein Prophet sein zu wollen, wird man auch als Deutscher sagen müssen, daß es in Zukunft immer einen polnischen Staat geben wird und daß eine Situation, in der ein Zwanzigmillionenvolk von dieser wirtschaftlichen, geistigen und nationalen Lebenskraft unter drei Großmächten aufgeteilt und von ihnen beherrscht wurde, nicht wiederkehren wird.

Von Posen aus erschloß Hoetzsch sich aber auch das östliche Europa. Er reiste ins Baltikum, in die polnischen Gouvernements des Russischen Reichs und nach Galizien. An der Königlichen Akademie in Posen baute er sich sein Publikum auf, das immer mehr als nur ein akademisches Auditorium war.

Ich sehe in der Abhaltung solcher Vorlesungen durch einen Historiker ein Stück der Staatsbürgerkunde, das sonst leicht ganz übersehen wird, und sehe außerdem darin eine Möglichkeit, den leider in dem letzten Jahrzehnt etwas verlorengegangenen Zusammenhang zwischen historischer Wissenschaft und gebildeter Öffentlichkeit wieder herzustellen,

formulierte Hoetzsch im Herbst 1911. Er war als rastloser Redner überall im Einsatz, wo es um die Belange der Deutschen in der Welt zu gehen schien – im Deutschen Ostmarkenverein, bei der Treitschke-Feier, im Flottenverein oder in der Kolonialgesellschaft. Er muß eine leichte Hand im „Wissenschaftsmanagement“ gehabt haben. Er gründete ein Ostarchiv, knüpfte Kontakte zu Interessenten und Geldgebern in Industrie und Großgrundbesitz. Zudem bediente er von Posen aus auch Berlin: 1907 bis 1911 hielt er zweimal pro Woche in Theodor Schiemanns Seminar Vorlesungen und Übungen vor allem zur Geschichte Polens.
1913 wurde Hoetzsch an die Berliner Universität berufen, allerdings nicht auf Schiemanns Lehrstuhl, sondern – gegen den Widerstand eines großen Teils der Fakultät – auf eine für ihn geschaffene außerordentliche Professur. 1913 erschien auch seine „Geschichte Russlands“. 1913, zum hundertsten Jubiläum der Völkerschlacht bei Leipzig, wurde die Gesellschaft zum Studium Rußlands, an deren Zustandekommen Hoetzsch maßgeblich beteiligt war, im Preußischen Abgeordnetenhaus in Berlin gegründet. Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges stand Otto Hoetzschs Karriere als Dolmetscher, Interpret, aktiver Promotor der deutsch-russischen Beziehungen nichts mehr im Wege.

Doch es kam alles anders. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges unterbrach die Tätigkeit der soeben gegründeten Gesellschaft. Es dauerte mehr als zehn Jahre, bis das vor 1914 spruchreife Projekt Wirklichkeit wurde. Im Anschluß an eine Forschungsreise hatte Hoetzsch noch 1912 zuversichtlich formulieren können: „Noch 25 Jahre Frieden und 25 Jahre Semleustroistwo [Ausbau der Landesselbstverwaltung – K.S.] – dann ist Rußland ein anderes Land geworden.“ Mit dem Beginn des Krieges wurde diese Zukunftsperspektive über den Haufen geworfen. Alle begründeten Hoffnungen für die deutsch-russischen Beziehungen waren gegenstandslos geworden.
Ein politischer Professor in der Berliner Gesellschaft
Otto Hoetzsch scheint zu jenem seltenen Typ von Menschen zu gehören, bei dem zwei entgegengesetzte und sich in der Regel ausschließende Begabungen nicht in Konkurrenz und Rivalität einander paralysieren, sondern erst im Zusammenspiel das Beste an einer Persönlichkeit entfalten. Er war ein anerkannter Vertreter seines Faches und doch gleichzeitig auch eine Person des öffentlichen Lebens.
Seine Arbeit als Reichstagsabgeordneter zwischen 1919 und 1930 nahm er sehr ernst, doch hinderte sie ihn nicht, weiter seinen Rußlandstudien nachzugehen. Er war ein begnadeter Wissenschaftsorganisator. Seine Tätigkeit als akademischer Lehrer war inspiriert von seinem lebendigen Wirklichkeitsbezug, und sein politisches Engagement profitierte von einer Geschichtswahrnehmung jenseits der Tagesaktualität. Von seinem Doktorvater Karl Lamprecht hatte er die Übung übernommen, Vorlesungen auch zu aktuellen Problemen zu halten oder Kollegs zu historischen Gegenständen mit Erörterungen der gegenwärtigen Lage zu eröffnen. George F. Kennan berichtet von Hoetzschs Mittwochs-Vorlesungen, zu denen an die tausend Hörer aus allen Semestern und von außerhalb der Universität erschienen.
In seiner Tätigkeit gingen akademische Lehre und politische Information eine zwanglose Verbindung ein. Er war überzeugt,

daß der Historiker, der sich mit diesen Fragen so beschäftigt wie ich und sie außerdem durch regelmäßige Reisen und Beziehungen mit der Diplomatie möglichst genau fundiert, sich solchen Wünschen aus dem Zuhörerkreis nicht entziehen darf. Sie sind allzu erklärlich, weil in der gegenwärtigen Lage auch für einen gebildeten Zeitungsleser die Orientierungsmöglichkeit ganz verlorengegangen ist . . .

Hoetzsch war ein Historiker, der sich sein Bild von der Welt durch Anschauung bestätigen oder in Frage stellen ließ. Er mußte den Gegenstand, über den er dozierte, mit eigenen Augen gesehen haben. Zwischendurch mußte er immer wieder einmal „die Glocken der Moskauer Kirchen“ läuten hören. So war sein Reisen eine genußvolle Form des Studierens und Forschens, der Selbstversicherung. Er nutzte Besuche, die eigentlich der Edition der Weltkriegsdokumente galten, auch für Kinobesuche, für das Wandern durch Städte, kurz: für das Studium des Lebens.
Was faszinierte ihn an Rußland? Was war der eigentliche Eros seiner Beschäftigung mit Rußland? Gewiß blieb die negative Haltung zu Polen für ihn sehr lange – bis zum Ende der Weimarer Republik – so etwas wie eine emotionale und intellektuelle Konstante. Emotionell, weil er sich als Deutschnationaler zutiefst mit den „Deutschen im Osten“ identifizierte und sich ein Preußen-Deutschland ohne diese Diaspora gar nicht vorstellen konnte. Die Abtrennung der deutschen Ostgebiete im Versailler Frieden war für ihn das schlechthin Undenkbare, mit dem sich abzufinden er lange nicht bereit war. Das strategische Bündnis mit Rußland speiste sich aus diesem Verschwinden Polens. Aber es gab noch einen anderen Impetus als diesen rein negativen.
Vielleicht zeigt uns die lebenslange Beschäftigung mit Aleksandr II., dem großen Reform-Zaren, und der durch ihn in Gang gekommenen Modernisierung der Wirtschaft das eigentliche Rußlanderlebnis des Otto Hoetzsch: Er war fasziniert von der Dynamik des späten Zarenreiches, die er auf Reisen erlebt hatte, und vom neuen Typus des Selfmademan, zu dem er selbst gehörte. Diesem Rußland der Fabriken, der Handwerker, der Unternehmer, der Initiative gehörte die Zukunft, so glaubte Hoetzsch. Er war zweifellos ein Konservativer, aber er hing nicht am Ancien régime, das er als überlebt, reformunfähig und erstarrt ansah. Ihm war wichtig, daß sich im Lande etwas entwickelte – ob nun durch seine Freunde von der bürgerlichen Oktobristen-Partei oder später sogar durch die Partei Stalins. Er war zuversichtlich, daß das Bauernland sich entfalten würde, ganz gleich, was seine Ideologie und seine proklamierten Konfessionen sein würden. Der Zugang zu Rußland war keine Sache der Weltanschauung, sondern eine Art empathisch-instinktives Verstehen.
Am Bolschewismus interessierte Hoetzsch mehr die reelle Potenz als das ideologische Projekt. Er hatte keine Schwierigkeiten mit den Homines novi Sowjetrußlands, sowenig wie er Schwierigkeiten hatte mit den „Ehemaligen“, die in Berlin in der Emigration lebten und zu seiner nächsten Umgebung gehörten. Stalins Kulturrevolution und die Kollektivierung lehnte er ab, die „Standardisierung des Städte- und Wohnungsbaus als Voraussetzung und Grundlage einer kommenden völlig mechanisierten Gesellschaftskultur“ war ihm zutiefst zuwider. Und doch war er fasziniert vom „Willen zum Leben“, den er auch in der Hyperaktivität der dreißiger Jahre ausmachte. Hoetzsch hätte weder als Professor noch als Politiker etwas zustande gebracht ohne dieses – letztlich nicht ganz aufklärbare – Sicheinlassen auf das andere. Noch bis zur Zeit der Fünfjahrpläne war er überzeugt, daß Rußland den Weg der Evolution gehen werde, daß es die revolutionären Exzesse überwinden und sich zu einer Art Bauernrepublik entwickeln werde. Die Niederlage und Ausschaltung Trockijs etwa war in seinen Augen ein Indiz für die Abkehr vom revolutionären Marxismus und für die „Normalisierung“.
Hoetzsch bewältigte nicht nur ein gewaltiges wissenschaftliches Pensum, sondern auch seine Aufgaben als Politiker: als Mitglied des Reichstages, als Mitglied verschiedener Kommissionen und vor allem in den Führungsgremien seiner Deutsch-Nationalen Volkspartei (DNVP). Er gehört neben Max Delbrück, Ernst Troeltsch und Theodor Schiemann zu den bedeutendsten und einflußreichsten politischen Publizisten des späten Kaiserreiches und der Republik. Ab November 1914 schrieb er die außenpolitischen Wochenübersichten in der Mittwochmorgen-Ausgabe der Kreuzzeitung, bis 1924 insgesamt an die fünfhundert Artikel. Er las alle wichtigen ausländischen Zeitungen, vor allem die russischen. Sein Biograph meint: „Sein Ehrgeiz, eine politische Rolle zu spielen, war sehr groß und ließ ihn seine Einflußmöglichkeiten überschätzen.“
Die Stellung von Hoetzsch an der Schnittstelle von Politik und Wissenschaft war ganz einzigartig. Er durchwanderte seit seiner Leipziger Studienzeit die verschiedenen Milieus, aus denen er seine Kraft bezog und die auf ihn wiederum aufgrund seiner interessanten und damals raren Kompetenz in Sachen Osteuropa angewiesen waren. Bei seinem Aufstieg aus eher bescheidenen bürgerlichen Verhältnissen war zunächst die Ausbildung an einer Universität mit hervorragenden Gelehrten wie Ratzel und Lamprecht hilfreich; sodann die Verbindungen, die sich aus dem Militärdienst und der engen Zusammenarbeit mit der Posener Garnison ergaben und die ihn nicht nur zu einem Lehrauftrag an der Preußischen Kriegsakademie verhalfen, sondern ihm Zugang zu höchsten Militärkreisen verschafften: General Hindenburg etwa bat ihn um Hilfe bei der Abfassung seiner Memoiren. Von größter Bedeutung für den „Weg nach oben“ sind gewiß die Parteiaktivitäten, die rastlose Publikations- und Vortragstätigkeit in den Vereinigungen der nationalen Rechten – wie Flottenverein, Ostmarkenverein, Deutsch-Konservative Partei.
Als Hoetzsch nach Berlin berufen wurde, geschah dies mit wohlwollender Förderung von oben – an der Fakultät vorbei. Und er enttäuschte seine Protektoren nicht: Für gut zwei Jahrzehnte erwies er sich als der energischste Motor für die Beziehungen nach Rußland und nach Osteuropa, er führte all jene Menschen und Organisationen zusammen, denen am Ausbau dieser Kontakte gelegen war. Eine aus 108 Mitgliedern bestehende Forschergruppe, die 1912 von der Berliner „Vereinigung für Staatswissenschaftliche Fortbildung“ nach Rußland entsandt worden war, mag in ihrer Zusammensetzung für alle künftigen Hoetzschen Unternehmungen charakteristisch gewesen sein. Ihr gehörten Verwaltungsfachleute und Richter, Wirtschaftsvertreter und Wissenschaftler, Journalisten und Politiker an. Eine ähnliche Mischung finden wir im darauffolgenden Jahr bei der Gründung der Deutschen Gesellschaft zum Studium Rußlands: Im leitenden Ausschuß saßen führende Vertreter aus Universitäten, Verlagen, Zeitungsredaktionen, Mitglieder des Abgeordnetenhauses, Konsuln, Konzerndirektoren und ein Mitglied des Reichsbankdirektoriums.
Wir treffen Otto Hoetzsch überall da, wo in Berlin die deutsch-russischen Angelegenheiten besprochen werden: bei Ago von Maltzan, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, bei den Frühstücken von Harry Graf Kessler, bei den Empfängen der Sowjetvertretung Unter den Linden, bei den Sitzungen der Deutschen Gesellschaft zum Studium Rußlands. Aber er gehörte auch dem Leitungsgremium der Arbeitsgemeinschaft zum Studium der sowjetrussischen Planwirtschaft (Arplan) an, in der Anfang der dreißiger Jahre bedeutende Intellektuelle von der Rechten wie von der Linken zusammenkamen – Ernst Jünger, Carl Schmitt, Herman Duncker, Georg Lukács und andere.
Sein Umkreis scheint ohne ideologische Beschränkungen zu sein, er ignoriert die Grenzen der weltanschaulichen und politischen Lager. Da sind seine akademischen Kollegen wie Karl Stählin, Eduard Meyer, Max Weber, Max Delbrück, Otto Hintze; er kennt den Gehirnforscher Oskar Vogt, der Lenin ärztlich betreut, den Chef der Reichswehr General von Seeckt; die Botschafter in Moskau wie Graf Brockdorff-Rantzau und Herbert von Dirksen, die Vorsitzenden der großen Konzerne und Mitträger der Deutschen Gesellschaft zum Studium Rußlands wie Felix Deutsch von der AEG oder Hermann Josef Abs von der Deutschen Bank. Im „Juni-Klub“ traf er auf Ernst Troeltsch, Georg Bernhard, Heinrich Brüning, August Müller. Er gehörte auch zum Außenpolitischen Komitee der Deutschen Gesellschaft von 1914, einer Art Brain-Trust des Auswärtigen Amtes, der auf seinen Abenden in der Neustädtischen Kirchstraße einen nach außen abgeschirmten Kreis von fünfzig bis hundert Diplomaten, Beamten, Professoren, Militärs, Kaufleuten und Bankiers vereinte. Schließlich war Hoetzschs Haus selbst ein Treffpunkt der „deutsch-russischen Gesellschaft“ Berlins.

Sein Haus in der Bendlerstraße, günstig am Tiergarten und in der Nähe des Regierungsviertels gelegen, sah viele Träger bekannter Namen. Es sei erwähnt, daß er selbst auf dem Höhepunkt der Inflation, wie stets bei solchen Anlässen von seiner Frau unterstützt, für Hindenburg und einen Kreis geladener Gäste einen Empfang geben konnte. 1929 hielt er in seiner Wohnung etwa zwanzig von ihm bestimmten Persönlichkeiten aus dem Wirtschaftsleben einen vertraulichen Vortrag über die UdSSR . . .

Der Jour fixe wurde auch nach 1933 fortgesetzt, nun nicht mehr in der Wohnung in der Bendlerstraße, die die Hoetzschs schon vorher aufgeben mußten, weil das Haus im Zuge der Erweiterung des Reichswehrministeriums abgerissen wurde, sondern in der Einemstraße, zwischen Lützow- und Nollendorfplatz. Es trafen sich

zahlreiche geistig unabhängige, bedeutende Menschen, die sich stillschweigend oder ausgesprochen in Gegnerschaft zu dem herrschenden Regime befanden . . . Hoetzsch hat mir gelegentlich von der berühmten Mittwochs-Gesellschaft und dort gehörten Vorträgen erzählt, so z.B. über Generaloberst Beck und den preußischen Finanzminister Popitz.

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Als Angehöriger des Auswärtigen Ausschusses hatte er auch mit den ganz anderen Rußland-Freunden – den Reichstagsabgeordneten von der KPD – zu tun, etwa Wilhelm Koenen, Paul Frölich und Ernst Thälmann. Mit der russisch-sowjetischen Seite unterhielt Hoetzsch enge und vielfältige Kontakte, nicht nur mit seinen Historiker-Kollegen – wie David Rjazanov, Nikolaj Pokrovskij, Sergej Platonov –, sondern ebenso mit dem politischen und kulturellen Establishment: Georgij Čičerin, Maksim Litvinov, Ol’ga Kameneva und anderen. Wie selbstverständlich findet man ihn auf der Tribüne der ausländischen Ehrengäste bei der 1.-Mai-Parade auf dem Roten Platz, nicht weit von der sowjetischen Führung.
Wenn Hoetzsch zum Spiritus rector und „inneren Zentrum“ der deutsch-russischen Gesellschaft in der Reichshauptstadt werden konnte, dann nicht nur deshalb, weil er ein besonders ehrgeiziger und begnadeter Kommunikator war: Es gab ein Bedürfnis nach einer Figur wie Hoetzsch, eine Leerstelle, die er mit Tatkraft und Takt ausfüllte.
Synthesen: Deutscher Tory und Salonbolschewist
In seiner Denkschrift zur Gründung der Deutschen Gesellschaft zum Studium Rußlands vom Februar 1913 hatte Hoetzsch als die zentrale Schwierigkeit genannt, „die richtige neutrale Mitte der Tätigkeit einzuhalten“. Wenn die Bewahrung einer „neutralen Mitte“ schon unter gewöhnlichen Umständen ein anspruchsvolles Unternehmen ist, so mußte sie angesichts der permanenten Krisen und Spannungen der Weltkriegsepoche fast als etwas Utopisches anmuten: Neutralität in einer Ära der Radikalisierung und Parteibildung, Verteidigung der Mitte in einem „Zeitalter der Extreme“ und Behauptung des Nicht-Politischen in einem Raum der durchgängigen Politisierung! Aber es war im Grunde ja nichts anderes als die Selbstbehauptung der bürgerlichen Lebensform in Zeiten der Massenmobilisierung und der Mobilmachung. Die Fähigkeit von Otto Hoetzsch und seinesgleichen, ihre Lebensform innerhalb einer sich zunehmend polarisierenden und radikalisierenden Umwelt zu verteidigen, ist ein ziemlich genauer Indikator für die Stärke der Kultur, von der die Weimarer Republik getragen wurde – wie umgekehrt das Ausmaß ihrer Gefährdung und das Tempo ihrer Zersetzung als ein deutliches Anzeichen für die Untergrabung der bürgerlichen Welt gelten kann. Obgleich Otto Hoetzsch Politiker war, der bisweilen auch vor nationalistischen Tönen nicht zurückschreckte – man denke an die Wahlkampagnen in Posen vor 1914, aber auch an sein Lob der „nationalen Revolution“ kurz nach 1933 –, so zeigten sein Interesse an der Sache und seine Fähigkeit, nach vielen Seiten hin zu sprechen, recht deutlich, daß ihm wichtiger als alle Parteipolitik eben doch geistige – und materielle – Unabhängigkeit war.

Diese parteienübergreifende, aber nicht indifferente Position zu bewahren, war in seiner Stellung keine Kleinigkeit. Sie ist immer wieder herausgefordert, angegriffen, denunziert worden. Anlässe dazu gab es auf dem Tätigkeitsfeld von Hoetzsch genug. In der Diskussion um die Kriegsziele, in der Hoetzsch eher gemäßigte Positionen vertrat, wurden ihm Lauheit, Versöhnlertum, ja Verrat vorgeworfen: Hoetzsch personifiziere die „russische Gefahr im deutschen Hause“, so polemisierte der Tübinger Mediävist Johannes Haller 1917. Paul Rohrbach, ein führender alldeutscher Publizist, nannte ihn einen „Alt-Russophilen“, Herman Greife, ein in wissenschaftlichen Dingen ahnungsloser „Rußland-Spezialist“, schmähte ihn nach der Machtübernahme durch die Nazis als „berüchtigten Kulturbolschewisten“. Und Adolf Ehrt, der Vorsitzende der Antikomintern, denunzierte Hoetzsch und die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas Ende September 1935 bei der Gestapo:

Diese Gesellschaft ist ein Produkt der Novemberrepublik und ihrer Rapallopolitik. Sie ist deren letztes Rudiment und hat heute grundsätzlich keine Aufgabe und keine Existenzberechtigung. In diesem Sinne ist die Antikomintern geradezu ein Antipode jener Gesellschaft, deren Seele bekanntlich der kürzlich entlassene Professor Hoetzsch gewesen ist.

Vorträge des sowjetischen Filmregisseurs Vsevolod Pudovkin oder des Ökonomen Eugen Varga im Rahmen der Gesellschaft wurden als Propaganda für die Kultur des Bolschewismus und als Untergrabung der freiheitlichen bürgerlichen Ordnung angegriffen, während umgekehrt die Unterstützung russischer Emigranten und deren Publikationen in den von Hoetzsch herausgegebenen Zeitschriften der sowjetischen Seite ein Dorn im Auge waren. Gegen die von Hoetzsch mit großer Energie realisierte deutsch-sowjetische Historikerwoche im Jahre 1927 gab es Angriffe sowohl von rechts wie von links und Protestkundgebungen in der Technischen Hochschule Charlottenburg.
Erstaunlich ist das nicht. Als Deutschnationaler war Hoetzsch immun gegen den Bolschewismus. Was ihn abstieß, war vor allem wohl der Umgang mit den alten Eliten, mit der „Kulturschicht“. Als ein Mann von bürgerlichen Umgangsformen und weiten Interessen ließ er sich indes nicht nehmen, den Kontakt mit diesem radikal anderen zu suchen, besonders wenn man dabei auf Beziehungen aus der Vorkriegszeit zurückgreifen konnte. Das gilt gewiß für die Kontakte zum Sekretär der Russischen Akademie der Wissenschaften, Sergej Oldenburg, oder zu Georgij Čičerin, den Volkskommissar für Auswärtige Beziehungen. „Kulturbolschewismus“ wurde zur Denunziationschiffre gegen eine solche Offenheit. Der Kampf gegen einen „Kulturbolschewisten“ wie Otto Hoetzsch war nur ein anderer Name für antibürgerliche und antiintellektuelle Ressentiments und Aggressionen. Sie richteten sich in diesem Falle gegen eine innerhalb der politischen Kultur Deutschlands eher rare Ausprägung bürgerlichen Selbstverständnisses: gegen einen Tory auf deutschem Boden.
Hoetzsch gehörte zu jener nicht eben großen Gruppe des deutschen Bürgertums, die vor der neuen Realität von 1918 nicht die Augen verschloß. Die Verfassungsänderung nach 1918 war für ihn endgültig, er stellte sich „überraschend unsentimental, schnell und entschlossen auf den Boden der parlamentarischen Demokratie. Kalter Realismus bestimmte seine Haltung zur Monarchie.“ Hoetzsch war überzeugt, daß die neue Ordnung nur Bestand haben würde, wenn es gelinge, die Schaffung einer „demokratischen Massengrundlage“ mit der Sammlung des Besitz- und Bildungsbürgertums in der Konservativen Partei und mit der Gewinnung des altpreußischen Adels als führenden Kern zu verbinden. Sein Vorbild war dabei England. Immer wieder mahnte er seine Parteifreunde, daß „heute allein mit den Massen zusammen Politik zu machen möglich ist, daß es über die Zukunft unseres Volkes auch in einem unabhängigen Staate entscheidet, ob es uns gelingt, die Massen einzuordnen in den nationalen Staat“. Der Weg dorthin liege nicht in einer nationalistischen Ideologie, sondern „in der schöpferischen Sozialreform, in dem Neuaufbau einer organischen Staats- und Gesellschaftsordnung, in der die einzelnen Klassen gleichberechtigt nebeneinanderstehen, und in einem neuen religiösen Realismus“. Aus dieser Haltung heraus konnte Hoetzsch sogar die kritische Auseinandersetzung mit dem Rätegedanken fordern. Es war wohl jene Position zwischen den Extremen, zwischen Sowjetrußland und dem Antibolschewismus, die die eigentümliche Spannung und Produktivität der Berliner Rußlandstudien ausgemacht hat.
„Training for Russia“: Berlin als Zentrum der Rußlandkunde
Es war in erster Linie Otto Hoetzschs Persönlichkeit und Anstrengung zu verdanken, wenn Berlin nach dem Ersten Weltkrieg zum weltweit anerkannten Zentrum der Rußland- und Osteuropa-Studien wurde. Sein Genie bestand darin, die in Berlin vorhandenen Kräfte miteinander ins Spiel zu bringen und in einen neuen Aggregatzustand zu überführen. Der Reichtum an institutionellen Formen, in denen sich die neue Disziplin organisierte, spiegelte nur den Reichtum jenes Fundus wider, den Berlin zu jener Zeit darstellte. Ein junger Amerikaner wie George F. Kennan, der sich für den diplomatischen Dienst in der Sowjetunion vorbereitete, fand in Berlin – und in den baltischen Hauptstädten – alles, was er dazu brauchte: das noch zu Bismarcks Zeiten für die Ausbildung der Diplomaten geschaffene Institut für Orientalische Sprachen, das 1902 gegründete Seminar für osteuropäische Geschichte und Landeskunde mit einer hervorragenden Bibliothek sowie einem der reichsten Bestände an aktuellen sowjetischen Zeitschriften, eine Vielzahl von Fachzeitschriften, hervorragende Kenner der Materie, deren Vorlesungen und Kollegs man besuchen konnte. Vor allem aber gab es in der Stadt einen dichten und lebendigen „russischen Kontext“. Man konnte bei russischen Emigranten Sprachunterricht nehmen, in russische Lokale und Kabaretts gehen, eine russische Tagespresse konsumieren, Vorträge am „Russischen Wissenschaftlichen Institut“ hören, den ostkirchlichen Jahreszyklus miterleben, aber auch die Auftritte sowjetischer Ensembles und Veranstaltungen der Botschaft mitbekommen. Berlin war Schleusenkammer in das alte, untergegangene Rußland, aber auch Ausgangspunkt jeder Reise in die sowjetische Gegenwart.
Viele Elemente kamen hier zusammen. Berlin war schon vor dem Ersten Weltkrieg ein wichtiger Ort für die Deutschbalten gewesen, und durch das Ende des Zarenreiches und ihre Verdrängung aus den neugegründeten Ostseestaaten verstärkte sich ihre Präsenz in der Reichshauptstadt. Einige Namen davon finden wir auch im Umkreis der Rußlandstudien: Theodor Schiemann etwa, Hoetzschs Vorgänger und russophober Kommentator der „Kreuzzeitung“. Hoetzsch selbst veranschlagte den deutschbaltischen Einfluß sehr hoch:

Die Balten haben seit bald drei Jahrzehnten unsere Ansicht über Rußland beherrscht. 9/10 aller Bücher über Rußland stammen von Balten, auch weit nach links gerichtete Zeitungen haben für russische Dinge einen baltischen Mitarbeiter. So sehr ich jetzt mitfühle, was in den Balten vorgeht, so klar ist mir, daß die Riesenfragen des Ostens nicht nur nach den Wünschen der 165 000 Deutschen in den Ostseeprovinzen orientiert werden können.

Ein weiterer fester Bestandteil der Berliner Gesellschaft waren die Moskauer und Petersburger Deutschen, die Rußland nach 1914 oder 1917 verlassen hatten. Auch sie waren personell und kulturell unübersehbar – von Pastor Masings Russischem Gymnasium über das Café Ruscho, das von der moskaudeutschen Familie Mehnert betrieben wurde, bis hin zu führenden Köpfen im Auswärtigen Amt. In der Umgebung von Otto Hoetzsch ist dieses Element prominent vertreten: Arthur Luther, der aus einer Moskauer Industriellenfamilie stammte und in der Zeitschrift OSTEUROPA zuständig war für die Rubrik „Literatur und Kultur“; und mit Klaus Mehnert, der bei Hoetzsch promovierte und ebenfalls zur OSTEUROPA-Redaktion gehörte.
Der energische Redakteur und Organisator der Zeitschrift Hans Jonas war auf noch andere Weise mit Rußland in Kontakt gekommen: durch die Kriegsgefangenschaft. Einem Gelehrten wie Max Vasmer war es geradezu eine Beleidigung, daß ein Außenseiter wie Jonas, der mit großem Einfallsreichtum und Elan die Gesellschaft leitete und die Zeitschrift managte, eine so wichtige Position einnahm.
Von kaum einem Milieu profitierte das „Hoetzsch-Imperium“ indes mehr als von der großen Gruppe von Flüchtlingen und Emigranten aus Rußland. Die ganze alte Gesellschaft war in Berlin repräsentativ vertreten. Otto Hoetzsch hatte seine Beziehungen zum preußischen Kultusministerium und zum Auswärtigen Amt spielen lassen, um einer Gruppe von russischen Gelehrten in Berlin ein „Russisches Wissenschaftliches Institut“ einrichten zu können. Als einziger Deutscher war er in der Leitung des Instituts vertreten. Für einige Jahre bildeten die dortigen Wissenschaftler – Historiker, Literaturwissenschaftler, Philosophen, Soziologen und andere – den intellektuellen Kern des „anderen Rußland“ in Berlin. Durch die Einladung der tschechischen Regierung und die Angebote amerikanischer Universitäten lichteten sich die Reihen allerdings bald sehr stark, und das Renommee des Instituts schwand mit der personellen und intellektuellen Auszehrung Anfang der dreißiger Jahre immer mehr.
Doch auch Sowjetrußland war in Berlin gut vertreten: Berlin war das Tor zur kapitalistischen Welt, und Besucher aus Sowjetrußland waren an der Tagesordnung. Nirgendwo fand man leichter sowjetische Autoren – Politiker, Wissenschaftler oder Literaten – in Zeiten, da noch ein eklatanter Informationsmangel über das fremde bolschewistische Reich herrschte.
All dies wäre nicht über einen hochinteressanten Intellektuellen-Zirkel hinausgekommen, wäre Hoetzsch nicht auch der Mann der Wissenschaftsorganisation, der Verbindung zur Praxis in Wirtschaft, Diplomatie, Presse gewesen. Er war eine Figur des wilhelminischen und Weimarer Establishments, und wenn er etwas in die Wege leitete, dann hatte es gute Chancen, gefördert und in institutionelle Formen gebracht zu werden. Hoetzsch standen die Türen zum Auswärtigen Amt und besonders zur „Russischen Abteilung“ offen. Er hatte ausgezeichnete Beziehungen zu allen wichtigen Wissenschafts- und Kulturinstitutionen – dem preußischen Kultusministerium, der Notgemeinschaft Deutsche Wissenschaft, der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und deren glänzenden Repräsentanten Friedrich Althoff, Friedrich Schmidt-Ott, Wilhelm Westphal und Carl Heinrich Becker. Er kannte persönlich die führenden Köpfe derjenigen Firmen, die am Russengeschäft interessiert waren und die qua korporativer Mitgliedschaft der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas (DGSO) angehörten – von Felix Deutsch bis Otto Wolff.

Wenn Berlin für eine Wissenschaftlergeneration zum Zentrum der osteuropäischen Studien werden konnte, dann weil es diese Kräfte gab und weil in einer einzigartigen Konstellation die Früchte eines intensiven und dynamischen Austausches aus der Vorweltkriegszeit mit der Kenntnis des nachrevolutionären Rußland zusammenkamen. Rußlandstudien in Berlin zwischen 1918 bis 1933 waren „auf der Höhe der Zeit“. Hier konnte man nicht nur etwas über das russische Mittelalter, über die Grundeigentumsverhältnisse im neunzehnten Jahrhundert erfahren, sondern sich auch über Planwirtschaft, die Tätigkeit des Volkskommissariats für Finanzen, über sowjetische Architektur und Familienpolitik informieren. Die Zeitschrift OSTEUROPA, die nach langem Anlauf 1925 erstmals erschien und bis 1934 von Hoetzsch herausgegeben wurde, war nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt außerhalb der Sowjetunion lange Zeit die einzige Zeitschrift, die umfassend, regelmäßig und gründlich über Rußland berichtete. Obwohl die Gesamtauflage nicht sehr hoch war – 1931 lag sie bei rund 850 Exemplaren –, war der Einfluß der Publikation doch beträchtlich, denn sie wurde bei allen wichtigen Institutionen und „Multiplikatoren“ studiert – in Nachrichtenagenturen, Botschaften, Außenministerien, Wirtschaftsverbänden. Sogar in die UdSSR wurde OSTEUROPA geliefert – 1932 gab es dort sechzig Abonnenten.
Die Demontage des „Osteuropa- und Rußland-Unternehmens“ Otto Hoetzsch, das wissenschaftliche, publizistische, editorische, organisatorische Aufgaben umfaßte, vollzog sich rasch. Es handelte sich nicht nur um eine menschliche Tragödie, sondern um ein Desaster der deutschen Wissenschaftsgeschichte. Hoetzsch hatte nach 1933 als Mann der „Novemberrepublik“ keine Chance. Äußerlich gab es zunächst eine in vieler Hinsicht erstaunliche Kontinuität. Otto Hoetzsch übernahm nach der Pensionierung Karl Stählins die Leitung des Seminars für osteuropäische Geschichte und Landeskunde an der Universität Berlin. Er reiste noch 1933 und 1934 – teilweise in Begleitung Klaus Mehnerts – in die Sowjetunion, um die Arbeit an der Aktenpublikation fortzusetzen, von der ein Band noch im Jahre 1941 erscheinen konnte. Aber auch diese Routine des Wissenschaftsbetriebes hatte ihre Grenzen. Die neue Macht stellte andere Anforderungen an die Rußlandkunde, und es standen Männer bereit, die selber Ambitionen hatten, etwas ganz anderes auf diesem Gebiet zu leisten.
Hoetzsch wurde nach nur zwei Jahren Amtszeit am 14. Mai 1935 unter Berufung auf Paragraph 6 des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums die Entlassung aus dem Universitätsdienst mitgeteilt. Vorausgegangen war eine von Nazi-Dozenten inspirierte Denunziationskampagne, in der man Hoetzsch als Repräsentant einer „liberalistischen Sowjetforschung“ angriff, die als Werkzeug prosowjetischer Politik fungiert habe. Hoetzsch habe mit seiner Arbeit „dem deutschen Salonbolschewismus, Kulturbolschewismus und Nationalbolschewismus . . . Tür und Tor geöffnet“. Die von ihm über Jahre hin geleitete Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas wird als „ein Hort und Sammelbecken aller jüdisch-freimaurerisch-liberalistischen Sowjetfreunde und Salonbolschewisten“ angegriffen. An die Stelle einer wissenschaftlich „naiven“ und objektivistischen Beschäftigung mit Rußland, die politisch gefährlich gewesen sei, müsse eine „Kampfwissenschaft“ treten, die Rußland und die Sowjetunion im Koordinatensystem der nationalsozialistischen Rassenlehre deute.
Hoetzsch war, wohl in einer Mischung aus Angst und wirklichem Einverständnis, dem NS-Lehrerbund beigetreten und hatte sich dem Verfolgungsdruck durch eine willfährige Publikation zur „nationalen Revolution“ zu entziehen versucht. Die Zwangsemeritierung zeigte jedoch, daß man sich mit verbalen Konzessionen nicht zufriedengab. Auf die Entlassung und den gescheiterten Versuch, eine Gastdozentur in Amerika zu bekommen, folgte schließlich Hoetzschs Rückzug aus allen anderen Funktionen: aus der Leitung der Osteuropa-Gesellschaft und auch aus der Redaktion der Zeitschrift.
Mit Hoetzschs „innerer Emigration“ waren Kopf und Herz der Berliner Osteuropa-Studien getroffen. Für die Schüler und Mitarbeiter in seinem Umkreis gab es keine Arbeits-, bald auch keine Lebensmöglichkeit mehr: Abram Heller konnte nicht einmal mehr seine Dissertation verteidigen; Miša Gorlin, Raisa Bloch und andere, die für OSTEUROPA gearbeitet hatten, mußten Berlin verlassen. Nach der Besetzung von Paris fielen sie der Gestapo in die Hände und wurden in Auschwitz umgebracht. Ein anderer Schüler, Wolfgang Leppmann, ebenfalls jüdischer Herkunft, tauchte in den Kriegsjahren in Berlin unter, wurde aber verhaftet und ebenfalls in Auschwitz umgebracht.
Von einem Kontakt zu sowjetischen Experten und Mitarbeitern konnte nach 1933 kaum noch die Rede sein. Botschaftsangehörige und Sowjetbürger in Berlin hatten mit allerlei Schikanen zu rechnen, die Zusammenarbeit mit ihnen war riskant geworden. So entfiel der für Berlin so wichtige und einzigartige Zugang zu Informationen aus erster Hand, es gab in OSTEUROPA keine sowjetischen Autoren mehr.
Das Umfeld der russischen Emigranten hatte sich aufgelöst. In Berlin blieben die militanten Antibolschewisten zurück oder jene, die ihre gesellschaftliche Position nicht ohne weiteres aufgeben wollten. Der Niedergang des „Russischen Wissenschaftlichen Instituts“ war offensichtlich, allmählich wurde es in eine Art Vorläufer des Antikomintern-Instituts verwandelt.

Wissenschaftliche Arbeit war nun fast nur noch in sehr gegenwartsfernen Bereichen möglich, die sich schwer politisieren und ideologisieren ließen. Fachleute, die sich mit aktuellen Problemen der Sowjetunion befaßten, waren der Gefahr – oder der Versuchung – ausgesetzt, in die Ostpolitik des nationalsozialistischen Regimes verwickelt zu werden. Im Berliner Institut übernahm der aus Wien stammende Osteuropa-Historiker Hans Übersberger die Führung, in der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas und bei der Zeitschrift war es gleichfalls ein NSDAP-Mitglied, der junge Werner Markert. OSTEUROPA stellte 1939 sein Erscheinen ein.
Die große Bewährungsprobe für die deutschen Rußland- und Osteuropa-Spezialisten kam nach dem Überfall auf Polen und dem Angriff auf die Sowjetunion, als sie ihre Spezialkenntnisse in den Dienst des Krieges und des Besatzungsregimes stellen mußten. Viele bekannte Namen treffen wir in dem deutschen Herrschaftsapparat im Osten wieder, so den Agrarspezialisten Otto Schiller, den Rußlandexperten Otto Auhagen, den Turkologen von Mende und den Tatarenfachmann Berthold Spuler.
Die Sprache der Waffen bedurfte des differenzierten, komplexen und feinen Instrumentariums der Wissenschaft nicht mehr. Die Rußlandkunde wurde in die innere Emigration abgedrängt wie im Fall Hoetzsch. Sie wurde ins Exil getrieben – wie in den Fällen Loewenson und Epstein. Sie wurde physisch zerstört – wie im Falle Gorlin und Leppmann. Oder sie wurde zur Waffe in den Händen nationalsozialistischer Ostpolitik – wie die Ostexperten während des Krieges. Ein Lebenswerk war zerstört, ein Ort des Wissens war von der Landkarte der Wissenschaften getilgt.
Die letzte Niederlage des Otto Hoetzsch
Hoetzsch kehrte nach der Befreiung Berlins im Alter von fast siebzig Jahren wieder an die Stätte seiner produktivsten Arbeitsjahre zurück. In dem Jahr, das ihm bis zu seinem Tode noch verblieb, verfaßte er ein Lehrheft zur russischen Geschichte und eine Skizze zur Eingliederung der osteuropäischen Geschichte in eine Gesamtgeschichte Europas. Sowjetische Truppen standen im Zentrum Berlins. Der Aufstieg Rußlands von der Großmacht zur Weltmacht hatte die Landkarte vollends verändert. Europäische Geschichte unter Ausschluß des östlichen Europa ergab von nun an keinen Sinn mehr. Nur eine solche Aussicht konnte vermutlich einen schwerkranken alten Mann noch zu einer großen Anstrengung ermutigen.
Indes bestand diese Aussicht nur für den kurzen Augenblick „dazwischen“: Die alte Ordnung war endlich niedergeworfen, die neue hatte sich noch nicht herausgebildet. Aber in kurzer Zeit sollte sie Konturen annehmen als Teilung der Welt, als Jalta-Europa, als Kalter Krieg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Abendland und Bolschewismus, zwischen West und Ost. Hoetzschs Überlegungen zu einer
Integrierung der europäischen Geschichten waren, kaum daß sie ausgesprochen wurden, schon wieder überholt. Aus der europäischen Geschichte, die zu denken er sich angeschickt hatte, wird eine ost- und westeuropäische Geschichte. Auf den kurzen Moment der Öffnung folgt ein halbes Jahrhundert der Entfremdung und gegenseitigen Abschottung. Aus Rußlandkunde werden „Soviet Studies“. Ihr Zentrum ist nicht mehr das zerstörte Berlin, sondern die heile Welt von Harvard.
In der geteilten Welt bilden sich die Denkformen des Entweder-Oder aus. Der historische Ort, an dem man das Sowohl-Als-auch erprobt hatte, war untergegangen. Berlin, das einmal die deutsch-russische Gesellschaft beherbergt hatte, wurde zum Labor der Spaltung, der Polarisierung, der Lagerbildung. Die Berliner Wissenschaftsgemeinde, in der sich die Reinen und die Unreinen vermischt hatten, war nun geteilt. Rußland war weit weggerückt, im Westen hatte das Abendland noch einmal Konjunktur – als Defensiv- und Kompensationsideologie eines in seinem Innersten getroffenen Kontinents. Vieles, wofür Hoetzsch ein Leben lang gearbeitet hatte, die Vertiefung der Kenntnisse über Rußland, die Ausweitung des Sprachunterrichts, wurde auf eine fast makabre Weise Wirklichkeit im obligatorischen Russisch-Unterricht in der DDR und in den Aktivitäten der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft (DSF).
Auch Hoetzschs letzte große Initiative endet mit einer Niederlage: Als er seine Gedanken zu einer gesamt-europäischen Geschichte formulierte, ging der Eiserne Vorhang für ein halbes Jahrhundert über Europa nieder.

Mir schwebte als einem Schüler von Karl Lamprecht, Gustav Schmoller und auch Otto Hintze immer etwas wie eine soziologisch-historische Methode vor . . . Als Ziel steht dann vor Augen zunächst eine vergleichende Wirtschafts-, Rechts- und Verfassungsgeschichte Osteuropas im Vergleich mit der des Westens, und damit die eigentliche organische Einordnung eben der osteuropäischen Geschichte in die Europas.

Hoetzschs Entwurf einer integrierten und vergleichenden Geschichte hatte für die kommenden Jahrzehnte keine Chance auf Verwirklichung. Doch das Ende der Teilung Europas hat seinem Programm von 1946 ganz unerwartet zu neuer Aktualität verholfen.

Michael Kohlstruck | 29

„Salonbolschewist“ und Pionier der Sozialforschung
Klaus Mehnert und die Deutsche Gesellschaft zum Studium Osteuropas 1931–1934
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Zwischen 1931 und 1933 amtierte Klaus Mehnert als Generalsekretär der DGSO und Schriftleiter der Zeitschrift Osteuropa. Der in Moskau geborene Mehnert (1906–1984) war bereits in den 1920er Jahren von dem Tempo und dem Elan der Veränderungen in der Sowjetunion fasziniert. Nicht dem Inhalt, aber dem Stil nach plädierte er für eine ebensolche tiefgreifende Entwicklung in Deutschland. Dieser Begeisterung entsprach sein Eintreten für die Rapallo-Linie einer außenpolitischen Kooperation zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion. Politisch gehörte Mehnert ins Umfeld der Schwarzen Front von Otto Strasser. Mit dem Machtantritt der NSDAP zeichneten sich deshalb Schwierigkeiten ab. Schließen

Intermezzo | 49

„Mein Rätebuch kursierte als Raubdruck“
Mit Oskar Anweiler auf einer tour d’horizon
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Den Erziehungswissenschaftler und Osteuropahistoriker Oskar Anweiler verbindet etwas Besonderes mit der Zeitschrift Osteuropa: Beide wurden 1925 aus der Taufe gehoben. Dies ist Anlaß, Anweiler auf einer biographischen tour d’horizon zu begleiten. Sie beginnt im multiethnischen Galizien, führt über den Hitler-Stalin-Pakt und den folgenden Krieg zur intellektuellen Auseinandersetzung mit Osteuropa in der Nachkriegszeit. Anweiler ist Zeuge des Neuaufbaus der Osteuropaforschung, diskutiert mit der Studentenbewegung über Staatskommunismus und Rätesystem, reflektiert die Bedeutung der Entspannung, den politischen Standort der Osteuropaforschung und denkt darüber nach, welche Folgen das Ende des Ost-West-Konflikts für das eigene Weltbild und sein akademisches Selbstverständnis haben. Interdisziplinarität und Komparatistik bleiben im Zentrum. Oskar Anweilers Leben und 80 Jahre Osteuropa haben etwas gemeinsam: Beide sind ein Spiegel der Zeit. Schließen

Dietrich Beyrau | 57

Ein unauffälliges Drama
Die Zeitschrift Osteuropa im Nationalsozialismus
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Im Moskauer „Sonderarchiv“ liegen bis heute Akten aus dem Auswärtigen Amt. Sie geben Aufschluß über die Arbeit der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas und der Zeitschrift Osteuropa von 1933 bis 1939 – beide wurden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten mißtrauisch beäugt. Den NS-Ostexperten galten sie als Institutionen der Weimarer Republik. Die Verantwortlichen der Gesellschaft und der Redaktion wie Otto Hoetzsch, Klaus Mehnert und Werner Markert ließen sich auf einen Balanceakt zwischen Ausspielen ihrer fachlichen Kompetenz und Anpassung an die neuen Machthaber ein. Die Annahme, als ehemalige „Verlängerung des Auswärtigen Amtes“ vor politischen Angriffen oder der eigenen Kompromittierung immun zu sein, erwies sich als Illusion. Die Lage der Osteuropa-Gesellschaft wurde immer prekärer. Prominente Repräsentanten wurden in die innere Emigration oder ins Exil getrieben, andere zahlten ihre Anpassung mit einer fatalen Nähe zu den Überzeugungen der NS-Ostexperten. Die Hintergründe der Auflösung der Gesellschaft und des Endes der Zeitschrift 1939 bleiben im dunkeln. Schließen

Ray Brandon | 87 | Volltext

„Politische Einstellung: Jude“
Wolfgang Johannes Leppmann (1902–1943)
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In der Weimarer Republik war Berlin Zentrum der Osteuropaforschung. Zum wissenschaftlichen Nachwuchs zählte Wolfgang Leppmann. Der Slawist und Historiker, Doktorand von Otto Hoetzsch, arbeitete bei der Deutschen Gesellschaft zum Studium Osteuropas und publizierte mehrfach in Osteuropa. Von 1931 bis 1934 unterstützte er Hoetzsch als wissenschaftlicher Assistent bei der Herausgabe der Quellenedition Die internationalen Beziehungen im Zeitalter des Imperialismus. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme geriet Leppmann, der sich selbst nicht als Jude betrachtete, dem Regime aber als solcher galt, ins Visier der NS-Rassenpolitik. Dem größten Teil von Leppmanns Familie und seinen Kollegen gelang die Flucht. Er selbst konnte sich nicht dazu entschließen. Als er deportiert werden sollte, tauchte er unter, wurde aber bald darauf entdeckt. Wolfgang Leppmann starb 1943 in Auschwitz. Schließen

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Spiegel der Zeit 1925-2005
Osteuropa: Traditionen, Brüche. Perspektiven
Berlin (12/2005)
Seite 87 - 100


Ray Brandon

„Politische Einstellung: Jude“
Wolfgang Johannes Leppmann (1902–1943)

Die· Suche galt eigentlich einem anderen. Ein vermutlich falscher Polizist sollte bei dem Einsatz vom 9. Dezember 1942 in der Mühlenstraße 42 in Berlin-Friedrichshain aufgespürt werden. Diesen Mann haben die Kripo-Beamten offenbar verfehlt, dennoch war der Abend nach den damaligen Verhältnissen nicht umsonst. Zwei Juden in der Illegalität – der Slawist Wolfgang Leppmann und ein junger Mann namens Max Gottheiner – gingen den Beamten ins Netz, zusammen mit Gertrud „Daisy“ Grochowski, der Frau, die ihnen Unterschlupf gewährt hatte.

* * *
Wolfgang Johannes Leppmann wurde am 22. Oktober 1902 als Sohn des Gerichtsmediziners und Gefängnisarztes Friedrich Leppmann (1872–1952) in Berlin geboren. Wie sein Name – und die seiner Geschwister Joachim, Ulrich und Andrea – vermuten läßt, wuchs er in einem stark assimilierten Haushalt auf. Er wurde evangelisch getauft; der berühmte Leipziger Wirtschafts- und Sozialhistoriker Alfred Doren war sein Patenonkel.

Hervorgegangen aus einer Bäckerfamilie im oberschlesischen Peiskretscham (heute Pyskowice in Polen) mit den Gebrüdern Hermann (1820–1899) und Salomon, hatten die Leppmanns mit Bildung und Intelligenz ihren Weg in die akademisch-bürgerliche Gesellschaft Berlins gemacht und einige berühmte Köpfe hervorgebracht. Salomons Enkel Franz (1877–1948) war in der Weimarer Republik ein einflußreicher Journalist und Autor, außerdem Lektor erst im Ullstein Verlag, dann leitender Lektor bei Propyläen. Hermanns Sohn Friedrich hatte eine medizinische Laufbahn eingeschlagen, genau wie sein älterer Bruder Arthur (1854–1921). Dieser, Geheimer Medizinischer Rat und Nervenarzt, arbeitete gelegentlich auch mit dem Chemiker, Serologen und Nobelpreisträger Paul Ehrlich zusammen. Der Sohn von Franz, wie sein Patenonkel – wenn auch nicht nach ihm – Wolfgang (1922–2003) genannt, sollte sich später in den Vereinigten Staaten als Literaturwissenschaftler einen Namen machen.
Wolfgang Johannes Leppmann besuchte zuerst das Kaiserin-Augusta-Gymnasium und dann das humanistische Mommsen-Gymnasium zu Charlottenburg, wo er im September 1922 Abitur machte. Sein besonderes Interesse für die Slawistik, das auch sein späteres berufliches Leben prägen sollte, scheint schon früh durch eine Verwandte geweckt worden zu sein. Eine Cousine seiner Mutter aus Kazan’ kam die Familie jeden Sommer zusammen mit ihrem Mann besuchen und beeindruckte Wolfgang offenbar tief. Jedenfalls erwischte man ihn schon in der Tertia dabei, lieber in einer russischen Grammatik zu lesen als seine Hausaufgaben zu machen. Die Literatur, seine zweite Leidenschaft, scheint zu Hause ebenfalls eine große Rolle gespielt zu haben. Sein Aufwachsen während des Ersten Weltkrieges und der Oktoberrevolution weckte sein Interesse an der Zeitgeschichte.
Wolfgang immatrikulierte sich zunächst an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin in den Fächern Geschichte, Slawistik und Philosophie. Nach dem ersten Semester ging er für ein Jahr nach Göttingen, dann für ein weiteres Semester nach Wien. Es folgten anderthalb Jahre in Prag an der deutschen und an der tschechischen Universität. Die Sprache dürfte dabei kein Problem gewesen sein: Er sprach neben Russisch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch und Serbisch auch Tschechisch. Dennoch entschied er sich 1926, vielleicht aus finanziellen Gründen, seine Studien in Berlin am Seminar für Osteuropäische Geschichte in der Dorotheenstraße abzuschließen. Ein solch „protrahiertes Studium“ war damals auch für wohlsituierte bürgerliche Kreise keineswegs der Normalfall.
Leppmann hörte bei Karl Brandi, Alexander Brückner, Eduard Hermann, Otto Hoetzsch, Nikolaj Fürst Trubeckoj, Hans Uebersberger und Max Vasmer. Wer seine Kommilitonen waren, wissen wir leider nicht. Das ist um so bedauerlicher, als gerade diese Generation sich seit Ende der 1920er als besonders anfällig für die Avancen des Sicherheitsdienstes der SS erweisen sollte.
Neben möglichen finanziellen und familiären Erwägungen gab es auch gute akademische Gründe für eine Rückkehr nach Berlin. Dank der hohen Zahl von Emigranten aus Rußland und der sich stetig verbessernden Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion war die Stadt zum international anerkannten Zentrum der Osteuropaforschung aufgestiegen. Anlaufstelle für alle, die sich für osteuropäische Angelegenheiten interessierten, war die Deutsche Gesellschaft für das Studium Osteuropas unter Führung des Berliner Universitätsprofessors und Reichstagsabgeordneten der Deutsch-Nationalen Volkspartei Otto Hoetzsch.
Neben seinen Studien und der Vorbereitung auf die Promotion unternahm Leppmann in Berlin erste publizistische Versuche. Im April 1928 erschien in der Zeitschrift OSTEUROPA, die damals von seinem Doktorvater Hoetzsch herausgegeben wurde, sein Aufsatz über das polnisch-tschechische Grenzproblem. 1929/30 folgten Artikel über die Entwicklung der Literaturgruppen in der Sowjetunion und den Schriftsteller Boris Pil’njak. Für seine Übersetzung von Georgij V. Vernadskijs Gosudarstvennaja gramota Rossijskoj Imperii 1820g. (Die staatliche Gerichtsverfassung des Rußländischen Reiches von 1820) konnte kein Verlag gefunden werden.


Laut seinen Promotionsunterlagen scheint Leppmann nicht gerade ein Musterstudent, aber engagiert und energisch gewesen zu sein. Seine Dissertation mit dem Titel Nikolai Stankevic und sein Kreis. Studien zur Moskauer Literaturbewegung 1830–1840 reichte er am 24. Juni 1929 ein, die mündliche Prüfung folgte am 20. Februar 1930. Allerdings gab Leppmann die Dissertation nie zum Druck frei. Er fürchtete, seine Thesen seien bereits überholt. Ob sie wirklich nicht mehr aktuell waren, läßt sich nicht mehr feststellen. Die Arbeit ist verschollen. Es sollte jedoch dreißig Jahre dauern, bis das Thema – unter fast identischem Titel – in der westlichen Forschung wieder aufgegriffen wurde.
Leppmann und Hoetzsch
Menschen, die Leppmann kannten, beschrieben ihn als treu, zuverlässig, charmant und humorvoll. Er zeichnete gut genug, um mittelalterliche Drucke zu kopieren, und zu feierlichen Anlässen amüsierte er die Festgesellschaft mit eigens verfaßten Gedichten. Außerdem besaß er die seltene Gabe, auch Nichtakademiker für seine speziellen Interessen zu begeistern. Dennoch schildert ihn sein Bruder Joachim eher als „Einzelgänger, fast möchte man sagen: Sonderling“. „Unbestimmtheit und Unentschlossenheit“ hätten Wolfgang lebenslang begleitet. Joachim machte dafür „eine Mischung von mangelndem Selbstvertrauen und übertriebener Gewissenhaftigkeit“ verantwortlich.
Sein Privatleben schützte Wolfgang jedenfalls tatsächlich gewissenhaft. Seine Beziehung zu Charlotte Schick, einer Bediensteten seiner Eltern, hielt Leppmann vor der Familie geheim. Am 28. Mai 1931 bekam das Paar einen Sohn, Klaus Peter. Da Leppmann als wissenschaftlicher Assistent nur wenig Geld verdiente und gut bezahlte Stellen während der Weltwirtschaftskrise kaum zu finden waren, kam eine Heirat für ihn nicht in Frage. Er zahlte jedoch für den Unterhalt des Jungen. Die Familie erfuhr von Peter erst nach dem Krieg.
Ebenfalls 1931 nahm Leppmann einige der bedeutendsten Aufgaben seiner kurzen Karriere in Angriff. Anstelle der Literatur rückte nun die Zeitgeschichte immer stärker ins Zentrum seines Interesses. Zwar verfaßte er als „reger Mitarbeiter“ weiterhin Aufsätze über literarische Themen für OSTEUROPA und legte am Seminar für Orientalische Sprachen an der Berliner Universität das Dolmetscherexamen für Russisch ab. Gleichzeitig begann er auch in der Zeitschrift für Osteuropäische Geschichte zu publizieren, unter anderem einen Überblick über die russische Geschichtswissenschaft in der Emigration. Am wichtigsten jedoch war die Zusammenarbeit mit Otto Hoetzsch, die er fortsetzte und ausbaute.
Im Juni 1930 hatte Hoetzsch sich in Moskau vertraglich verpflichtet, eine sowjetische Quellensammlung über die Ursprünge des Ersten Weltkrieges auf deutsch herauszubringen. Die Sowjets wollten damit die zentrale Rolle des Zarenstaates beim Ausbruch des Krieges propagieren; die Deutschen versprachen sich von der Reihe eine nachsichtigere Beurteilung der deutschen Kriegsschuld. Hoetzsch wiederum war es außerdem wichtig, die Freundschaft mit der Sowjetunion zu vertiefen, und sei es auch nur symbolisch. Für die Redaktion der Reihe stellte er seinen ehemaligen Doktoranden Wolfgang Leppmann an. Von 1931 bis 1934 erschienen die fünf Bände der ersten deutschen Reihe unter dem Titel Die internationalen Beziehungen im Zeitalter des Imperialismus. In jedem der fünf Bände würdigte Hoetzsch Leppmanns Beitrag zu dieser Edition. Dieser habe sich dem Projekt mit einer „unermüdlichen Hingabe“ gewidmet, Hoetzsch mit „kritischem Urteil“ zur Seite gestanden und die Durcharbeitung, Revision und Korrektur der Aktentexte mit „größtem Fleiß“ erledigt.
Zur selben Zeit beteiligte Leppmann sich maßgeblich an einer Arbeitsgemeinschaft der Slawisten an der Berliner Universität. Zumindest teilweise ging aus dieser Gruppe eine von der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT ZUM STUDIUM OSTEUROPAS (DGSO) herausgegebene Bibliographie, Die Sovet-Union 1917–1932, hervor, für die Leppmann Einträge über „Lenin“, „Prosa“ und „Nachschlagewerke“ zusammenstellte und kommentierte. Außerdem stand er der DGSO als Sachverständiger für Südostfragen zur Verfügung. Auch als Redner trat er in Erscheinung, vor allem im Dezember 1932, als er im Rahmen einer wochenlangen Ausstellung zum Thema Belletristik in der Sowjetunion täglich zusammen mit dem russischen Emigranten und Dichter Michael Gorlin Vorträge gehalten haben soll, wie Hoetzsch lobend erwähnt. Zeit für eigene Publikationen blieb ihm dabei nicht.

Marginalisiert, stigmatisiert, deportiert
Schon bald nach der Machtergreifung der NSDAP wurde Leppmann aus der DGSO herausgedrängt. Offiziell wurde seine Entlassung im Sommer 1933 mit den „neuen Bestimmungen des Beamtenrechts“ – des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 – begründet. Ab Mai galt der „Arierparagraph“ auch für jüdische Privatdozenten. Die Beendigung des Arbeitsverhältnisses hätte sich schnell vollziehen sollen. Hoetzsch ermöglichte jedoch Leppmanns Weiterbeschäftigung, bis die erste Reihe der Internationalen Beziehungen Ende 1933 abgeschlossen war. Hoetzsch selbst verlor seinen Posten an der Universität im Mai 1935; für die Nationalsozialisten galt er als „Salonbolschewist“.
Leppmann gelang es zunächst, beim Zentralinstitut für die Erforschung der Kriegsursachen und dessen Zeitschrift Berliner Monatshefte unterzukommen. Er fungierte dort als Sachverständiger für osteuropäische Fragen und publizierte einige längere Artikel über die polnische und tschechische Nationalbewegung vor dem Ersten Weltkrieg. Mit der Zeit jedoch wurden seine Aufsätze spärlicher, seine letzten beiden Beiträge für die Monatshefte erschienen Ende 1937 anonym.
Weder Leppmanns Arbeit an der Reihe Die internationalen Beziehungen im Zeitalter des Imperialismus noch seine Verbindung zum Zentralinstitut für die Erforschung der Kriegsursachen sollten als revanchistische Neigungen Leppmanns mißverstanden werden. Er neigte eher zur politischen Linken, ohne sich auf eine Partei festzulegen. Als „eine Art ‚Verkehrsgast‘“ nahm er jedoch wiederholt an den Treffen des Leuchtenburgkreises teil, der aus der Jugend der Deutschen Demokratischen Partei hervorging.
Angesichts der judenfeindlichen Politik und wachsender Bedrohungen im nationalsozialistischen Deutschland verließen immer mehr Angehörige Leppmanns ab 1934 das Land. Über verschiedene Stationen – von Iran über Italien und Schweden – gelangten Leppmanns Geschwister – mit Ausnahme des ältesten Bruders – und seine Eltern in die USA. Wolfgang Leppmann und Charlotte Schick ließen ihren gemeinsamen Sohn Mitte der 1930er Jahren in die Schweiz bringen. Sie blieben in Deutschland. Bei Wolfgang scheint eine Mischung aus Unterschätzung der sich entwickelnden Gefahr und purer Neugier für diesen Entschluß eine Rolle gespielt zu haben. Einerseits wird ihm nachgesagt, er habe geglaubt, seine für den Staat nützlichen Kenntnisse würden ihn vor Verfolgung schützen; andererseits wollte er offenbar „die Weiterentwicklung der Hitlerrevolution als Historiker mit eigenen Augen ansehen“. Dagegen verließen Kollegen wie Leo Loewenson, Raisa Bloch und Michail Gorlin, die ebenfalls im Umfeld von Otto Hoetzsch und der Zeitschrift Osteuropa gearbeitet hatten, das Land.
Ein dritter Grund mag in seiner Vertrautheit mit der russischen Emigration zu suchen sein. Viele seiner Kollegen in Berlin und an der Universität stammten aus Rußland. Er kannte ihr Leben außerhalb oder am Rande der Welt, aus der sie gekommen waren. Dieses Leben hatte Leppmann so beeindruckt, daß er sich sogar in einem großen Artikel damit beschäftige. Er wußte daher oder meinte zumindest zu wissen, was ihm bevorstand, wenn er seine Existenz in der Heimat, so schwierig sie sein mochte, aufgab. Die drohende Enge eines Lebens im Exil, unter Umständen mißtrauisch beobachtet von den Angehörigen der ihm Aufnahme gewährenden Gesellschaft, schreckte ihn womöglich ab.
Im Januar 1936 wurde ihm der Doktortitel auf formalem Wege entzogen. Die Universität nutzte sein Zögern, die Dissertation zu publizieren, um das laufende Promotionsverfahren für beendet zu erklären. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schlug Leppmann sich als Übersetzer und Privatdozent durch. Danach wurde er in der Kriegswirtschaft eingesetzt, 1940 bei einer Tiefbaufirma, wo er Zementsäcke trug, im Jahr darauf schaufelte er Kohle bei den Berliner Elektrizitäts-Werken.
Zwei weitere Familienmitglieder Leppmanns waren mit Wolfgang in Berlin geblieben, ein Onkel namens Wilhelm und ein Cousin, Josef Stern. Beide wurden deportiert. Wilhelm starb am 24. November 1942 in Theresienstadt. Josef Stern ist 1943 in Auschwitz verschollen. Im November 1942 erhielt auch Wolfgang die Aufforderung zur „Evakuierung“. Nach Rücksprache mit Charlotte Schick entschied er sich fürs Untertauchen. Seine ehemalige Freundin, die Wolfgang in dieser Zeit zur Seite stand, wandte sich ihrerseits an eine Freundin, Daisy Grochowski. Diese lehnte zuerst ab, weil sie bereits Max Gottheiner versteckte, änderte dann jedoch überraschend ihre Meinung.
Leppmann trennte „seinen“ gelben Stern von der Jacke und verließ seine Wohnung in der Küstrinerstraße in Charlottenburg. Die Nächte verbrachte er in Grochowskis Wohnung in der Mühlenstraße in Berlin-Friedrichshain. Mittags ging er aus dem Haus und kam erst spät abends wieder. Die fragile Situation dauerte keinen Monat.
Als Leppmann am Abend des 9. Dezember zu seiner Unterkunft zurückkehrte, bemerkte er die zwei Männer im Hausflur zu spät. Vielleicht zuckte er. Möglicherweise verriet sein Blick die Angst. Jedenfalls zog er ihre Aufmerksamkeit auf sich. Kaum hatte er Grochowskis Wohnungstür hinter sich geschlossen, klingelte es. Verunsichert zögerte Leppmann, bevor er Grochowski weckte, was den Verdacht der Kripo-Beamten nur erhärtete. Leppmann und Gottheiner flogen auf. Zusammen mit Daisy Grochowski wurden sie festgenommen.
Wäre Leppmann nicht Leppmann gewesen, hätte die Verhaftung im Versteck zu einer Zeit, als die NS-Vernichtungsmaschinerie bereits lief, unweigerlich die Überführung an die Staatspolizei und Deportation ins Lager nach sich gezogen. In der Tat verliert sich Gottheiners Spur unmittelbar nach der Verhaftung. Da Leppmann jedoch von der Kripo festgenommen wurde, wird vermutet, daß er auf Umwegen ins Zellengefängnis Moabit eingeliefert wurde – dort, wo sein Vater lange Jahre als Gefängnisarzt gearbeitet hatte. Die Wärter, heißt es, hätten auf Wolfgang aufgepaßt.
Um ihn von der Staatspolizei zu schützen, sei, so Leppmanns Familie, eine „fiktive Verdächtigung“ erhoben worden. In den Gerichtsakten findet man es genauer: Im Januar 1943 wurde Leppmann wegen seiner Beziehung zu Charlotte Schick der Prozeß gemacht – und blieb damit, ungewöhnlich zu diesem Zeitpunkt, vorerst im Zugriffsbereich der Justiz. Leppmann wurde wegen „Rassenschande“ zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt und in das „normale“ Gefangenenlager Rollwald im hessischen Nieder-Roden gebracht. Das hätte ihn retten können. Der dortige Kommandant stellte allerdings sofort fest, daß er es mit einem „Volljuden“ zu tun hatte, der laut Vollstreckungsplan nicht in dieses Lager gehörte. Er verlegte ihn am 6. Mai 1943 ins Stapogefängnis nach Darmstadt. Von dort aus wurde Leppmann auf Antrag der Stapostelle Berlin bei der Generalstaatsanwaltschaft in die Reichshauptstadt zurückgeschickt. Nach der Überweisung an die Gestapo wurde eine Schutzhaft-Karteikarte angelegt für den „Studenten der Philosophie“ Wolfgang „Israel“ Leppmann. Die „politische Einstellung“ meinte der Beamte mit einem Wort zusammenfassen zu können: „Jude“. Die Gestapo empfahl außerdem, Leppmann zu „evakuieren“. Dem Antrag wurde stattgegeben.

Wann und mit welchem Transport er nach Auschwitz deportiert wurde, ist unbekannt. Es könnte ein sogenannter Kleintransport gewesen sein, zu denen sich in der Regel keine Namenslisten mehr finden lassen. Deshalb liegt auch im dunkeln, wie lange er in Auschwitz blieb und wie er ums Leben kam. Gesichert ist nur eines: Ein SS-Oberscharführer sandte an Charlotte Schick die Mitteilung: „Wolfgang Israel Leppmann . . . ist am 14.9.1943 an den Folgen von Sepsis bei Phlegmone im hiesigen Krankenhaus verstorben. Die Leiche wurde . . . im staatlichen Krematorium eingeäschert. Die Sterbeurkunde erhalten Sie anliegend.“

Intermezzo | 101

Wo die Geschichte auf die Haut kriecht …
Katharina Raabe über Literatur aus dem Osten Europas
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Die Suhrkamp-Lektorin Katharina Raabe analysiert den Stoffwechsel zwischen Lesen und Welterfahrung. Sie enthüllt das Besondere an der osteuropäischen Literatur und benennt die Hürden, die zu überwinden sind, ehe sich Autoren wie Andruchovyč, Ćosić, Darvasi oder Stasiuk auf dem deutschen Buchmarkt etablieren können. Sachbücher über Osteuropa sind besonders schwierig durchzusetzen. Für die mentale Erschließung dieses Raums werden Bücher aus der Feder inspirierter Flaneurs immer wichtiger. In dem ihnen eigenen Genre verschränken sich geographische, politische und historische Ebenen. Zeitschriften wie Osteuropa werden ihre Bedeutung behalten, wenn es ihnen gelingt, Forum zu sein, auf dem Autoren Aktuelles stärker reflektierend und analytisch weiter ausgreifend erklären können, als dies Zeitungen gemeinhin gestatten, und wenn sie die anachronistische Dichotomie aus Wissenschaftszeitschrift oder Publikumszeitschrift überwinden. Schließen

Corinna R. Unger | 113

„Objektiv, aber nicht neutral“
Zur Entwicklung der Ostforschung nach 1945
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Ihrer nationalsozialistischen Belastung zum Trotz gelang es der Ostforschung nach 1945, sich in der Bundesrepublik wieder als wissenschaftliche Disziplin zu etablieren. Dies verdankte sie der Flexibilität ihrer Vertreter, die sich und ihre Forschung den neuen politischen Bedingungen anzupassen verstanden: Zum einen betonten sie den politischen Nutzen ihrer Arbeit für die Auseinandersetzung um die Oder-Neiße-Grenze und die Vertriebenenproblematik; zum anderen kam ihnen der Kalte Krieg gelegen, um die individuelle Belastung sowie die deutsche Verantwortung für die Verbrechen in Ost- und Ostmitteleuropa zugunsten der Beschäftigung mit der drohenden sowjetischen Expansion zu verdrängen. Erst im Laufe der 1960er Jahre legte das Fach seine bis dahin dominante deutschtumszentrierte, vielfach antikommunistische Ausrichtung ab. Schließen

Sebastian Lentz, Stella Schmid | 133 | Volltext

Blauer Riese
Das Osteuropa-Raumbild 1951–1955
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Von der Wiedergründung der Zeitschrift 1951 bis Ende 1955 erschien Osteuropa in blauem Gewand. Zu sehen war der Ausschnitt einer Weltkarte, die auf der Basis der Mercator-Projektion erstellt wurde. Diese hat den Nachteil, daß sie die Fläche nur am Äquator getreu abbildet, je näher die Darstellung an den Polen liegt, desto stärker wird die Verzerrung. Indien wirkt gegenüber dem nördlichen Sibirien lächerlich klein. Gewollt oder ungewollt vermittelt diese Karte verschiedene Bilder von Osteuropa. Sie könnte einen politischen Osteuropabegriff visualisieren, der neben der UdSSR auch China umfaßt. Gleichzeitig könnte sie im Kalten Krieg dazu gedient haben, die kommunistische Gefahr darzustellen. Nicht unwahrscheinlicher ist, daß es sich um ein bloßes graphisches Gestaltungsmittel handelt. Dafür spricht die holzschnittartige, beinahe expressionistische Anmutung der Darstellung. Schließen

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Spiegel der Zeit 1925-2005
Osteuropa: Traditionen, Brüche. Perspektiven
Berlin (12/2005)
Seite 133 - 138


Sebastian Lentz, Stella Schmid

Blauer Riese
Das Osteuropa-Raumbild 1951–1955

Karten· sind faszinierende multifunktionale Medien. Sie dienen einerseits dazu, Informationen zur räumlichen Orientierung zu fixieren und bereitzustellen; andererseits sind sie ein Speicher von Wissen, das über die basale räumliche Orientierung hinausgeht: Indem Karten Sachverhalte oder Themen verortet wiedergeben, machen sie Angebote zur Strukturierung von Welt bzw. zur Verständigung über solche Strukturierungen, die einer Orientierung im Sinne von Wertausrichtung entspricht. In kommunikativen Situationen wird Karten als vermittelndem Medium häufig ein quasi-objektiver Wert zugeschrieben – das was auf einer Karte verortbar ist, existiert, muß kaum noch hinterfragt werden.
Von der Wiedergründung der Zeitschrift 1951 bis Ende 1955 erschien OSTEUROPA in blauem Gewand. Zu sehen war ein Ausschnitt einer Weltkarte. Diese Karte wurde auf der Basis der sogenannten Mercator-Projektion erstellt. Im 16. Jahrhundert hatte Gerhard Krämer, latinisiert Mercator, sie zu dem Zweck entworfen, den Kapitänen auf See das Navigieren zu erleichtern.
Wir befinden uns im Entdeckungszeitalter. Die Europäer schicken ihre Schiffe über das Meer, und die Steuerleute haben große Mühe, an den Orten anzukommen, zu denen sie gelangen wollen. Das liegt daran, daß man seine Position auf dem Ozean nur reichlich ungenau bestimmen kann. Als Hilfsmittel dienen Sonne und Sterne, Winkelmeßinstrumente (Sextanten) und noch reichlich ungenau gehende Chronometer. Bei schlechtem Wetter, wenn eventuell mehrere Tage hintereinander eine exakte

Positionsbestimmung nicht möglich ist, bewegt sich das Schiff möglicherweise weit in eine ungewollte Richtung. Unter diesen Umständen ist eine Karte, die so konstruiert ist, daß jede Kurslinie, d.h. die Himmelsrichtung, in die der Kapitän fahren will, als Gerade, d.h. auch auf dem schaukelnden Schiff mit dem Lineal eingezeichnet werden kann, enorm hilfreich. Und Mercator liefert sie mit seiner winkeltreuen Projektion: Die Kurslinie ist zwar nicht die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten – man bewegt sich ja nicht auf einer planen Fläche, sondern auf einer Kugel –, aber auch dieser Zeitverlust ist angesichts der größeren Orientierungssicherheit zu vernachlässigen.
Doch ein Nachteil der Mercator-Karte besteht darin, daß sie die Fläche nur am Äquator getreu abbildet. Je weiter die Darstellung von dort nach Norden und nach Süden entfernt ist, desto stärker wird die Verzerrung. Die Pole schließlich liegen bei dieser Projektion im mathematischen Unendlichen, weswegen sie nicht dargestellt werden können. Grönland wird deshalb auf solchen Karten beispielsweise gegenüber Zentralafrika beinahe grotesk vergrößert. Oder nehmen wir das Beispiel des OSTEUROPA-Titelbildes: Indien wirkt gegenüber der Darstellung des nördlichen Sibirien beinahe lächerlich klein. Skandinavien, das auf der besagten Titelkarte nur zu einem kleinen Teil abgebildet wird, umfaßt insgesamt rund 750 000 qkm Fläche, während die auf der Abbildung nahezu gleich große Arabische Halbinsel 3,5 Millionen qkm groß ist. Solche Nachteile allerdings werden im Alltag der Seefahrt von damals durch die Vorteile der einfachen Handhabbarkeit bei weitem aufgewogen; und die extremen südlichen und nördlichen Breitengrade werden von den Segelschiffen der damaligen Zeit ohnehin nicht befahren.
Über ihren durchschlagenden Erfolg in der Seefahrt hinaus setzt sich die Mercator-Projektion auch in anderen Zusammenhängen durch. So wurden die von den Seekapitänen neu entdeckten Ländereien und späteren Kolonien auf solchen Karten verzeichnet und den Herrschenden zur Kenntnis gebracht. Auf diesem Weg wurden die „Bilder“ von Land-Meer-Verteilungen, die Bilder der Umfänge und Formen von Kontinenten und Meeren, ihre relativen Positionen zueinander immer wieder reproduziert, bis sie von den Benutzern als gegebene, als gewußte, als objektive und schließlich als vertraute Informationen hingenommen und als angemessene Repräsentation von „Welt“ akzeptiert wurden. Die Mercator-Karte ist damit ein hervorragendes Beispiel für den Erfolg einer Visualisierung. Sie konnte sich in verschiedenen Kommunikationskontexten über die Jahrhunderte hinweg behaupten, auch als ihr ursprünglicher Verwendungszweck längst nicht mehr gegeben war. Um nur ein Beispiel zu nennen: Die Weltkarte im Hintergrund der Tagesschau in Westdeutschland war bis in die 1970er Jahre hinein eine Mercator-Projektion. Als sie durch eine flächentreuere, aber auch abstraktere Kartendarstellung ersetzt wurde, erhielt die ARD zahlreiche Protest- und „Trauer“-Briefe von Fernsehzuschauern, denen der Abschied von ihrer gewohnten Welt-Abbildung schwerfiel.
Vor diesem Hintergrund ist die Verwendung der Mercator-Projektion auf dem Titelbild von OSTEUROPA in den Jahren 1951–1955 nichts Ungewöhnliches. Es ließe sich natürlich die These vertreten, daß das Titelbild in Mercator-Projektion und einer Beschriftung mit OST-EUROPA, die bis weit in den Orient und nach China reichte, einen politischen Osteuropabegriff visualisierte, der China und selbst die Länder der arabischen Halbinsel umfaßt, da dort die Entkolonialisierung teilweise unter kommunistischem

Vorzeichen stand. Neben dieser sozialsystemaren These ließe sich auch eine funktionalistische These vertreten: Monmonier berichtet, daß bei Vorträgen der rechtsradikalen John-Birch-Society in den USA gewöhnlich Mercatorkarten an der Wand hingen, auf denen China und die Sowjetunion als riesige rote Flächen abgebildet waren.
Solche Thesen der bewußten Verwendung lassen sich alleine anhand des Titelbilds natürlich nicht belegen. Mindestens ebenso wahrscheinlich ist, daß es recht banale Gründe waren, die bei der Auswahl dieses Bildes eine Rolle spielten: Möglicherweise war zur Gestaltung des Titels kein geschulter Kartograph, sondern „nur“ ein Graphiker verfügbar, wofür die holzschnittartige, beinahe expressionistische Anmutung der Darstellung spricht, die andererseits auch wieder auf einfache, zeittypische technisch-zeichnerische Mittel verweist.
Dabei waren längst andere Projektionen, flächentreuere Darstellungen verfügbar. Kartographen und Geographen waren sich seit langem über die Defizite von winkeltreuen Darstellungen größerer Erdausschnitte völlig im klaren und verwendeten meist flächentreue oder annähernd flächentreue Entwürfe, wie beispielsweise ein Blick in den ersten Diercke-Atlas nach 1945 zeigt: Zum Gebrauch an Schulen durch die Control Commission for Germany (B.E.) und das Office of Military Government for Germany (US) Educations Branch zugelassen war ein Atlas, der für größere Erdausschnitte nicht nur konsequent flächentreue Entwürfe verwendet und die verwendeten Entwürfe auch stets bezeichnet, sondern bereits auf Seite 4, d.h. vor dem eigentlichen Kartenteil, werden verschiedene Kartennetzentwürfe mit ihren Abbildungsqualitäten dargestellt.
Auch über die Gründe, warum die Mercator-Projektion 1956 vom Titelbild der OSTEUROPA verschwand, läßt sich nur spekulieren, da es leider offensichtlich keine Quellen gibt, die Aufschluß über die Motivation der Redaktion oder der DGO geben würden. Der damalige Präsident der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, Erich Wende, verwies in seinem Geleitwort zu Heft 1/1956 lediglich darauf, daß die Gesellschaft in Kürze neben OSTEUROPA drei weitere Zeitschriften (Osteuropa-Recht, Osteuropa-Wirtschaft und Osteuropa-Naturwissenschaft) herausgeben werde. Dies sei Anlaß, „den Umschlag der Zeitschriften graphisch zu verändern, um auf diese Weise die einzelnen Zeitschriften aufeinander abzustimmen“. Doch eine Vereinheitlichung wäre auch auf der Basis der Mercator-Karte möglich gewesen.
Eine These ist, daß der Verzicht auf dieses Titelbild sich aus einer stärkeren Sensibilität für die Verzerrungen der Projektion und ihre normativen Wirkungen speiste. Dann hätte man, wollte man die Verräumlichung von „Osteuropa“ durch kartographische Visualisierung fortführen, zu einer anderen Projektion übergehen können, statt ganz auf die Karte zu verzichten. Vielleicht wurde Klaus Mehnert als spiritus rector des Periodikums sich darüber klar, daß die Zeitschrift ein Titelbild verwendete, das für OSTEUROPA eine nicht gegebene räumliche Kontingenz suggerierte. „Osteuropa“ wandelte sich in diesen Jahren in den Perspektiven von Wissenschaft und Politikberatung von einem wahrgenommenen, gedachten und reproduzierten Raum hin zu einem a-räumlichen Systembegriff. „Osteuropa“ stand dann für die „Kommunistische Welt“, für ein Gesellschaftssystem, für Wirtschaftsprinzipien und eben nicht mehr für einen Raum und noch weniger für seine Regionen und Orte. Detaillierte geographische Informationen über Räume, Regionen und Orte, die aus der empirischen Feldforschung hätten gewonnen werden können, standen in diesen Jahren ja auch kaum zur Verfügung, fielen nur relativ selten zur Veröffentlichung an; kartographisch exakte Darstellungen waren schwierig zu gewinnen, wurden der Gemeinde selten vermittelt. Aus der Perspektive der westlichen Forscher mochte es gelegentlich so scheinen, als habe sich „das System“ wie ein schweres, undurchdringliches Tuch über das ganze Land gelegt und es verhüllt, so daß die Grund- und Aufrisse einer „räumlichen Realität“ nur noch schemenhaft im Relief dieses Tuchs wahrzunehmen waren.
Dieser politisch-systemare Osteuropabegriff herrschte in der Zeitschrift bis 1989 vor. In diesem Sinne ähnelt auch die geographische Transformationsforschung nach dem Urknall der politischen Zeitenwende dem Nachhorchen dieses Knalls in einem Raum, der einmal OSTEUROPA war – und der Nachhall dieses Knalls wird immer schwächer.
Die raumbetonte Forschung ebenso wie die Zeitschrift sind also eines ihrer verbindenden Elemente verlustig gegangen, des einfachen Raumcontainers „Osteuropa“. Nicht nur, daß die Möglichkeiten regional differenzierter Forschung es zunehmend schwieriger machen, einfache Karten zu differenzierten Erklärungen zu zeichnen. Auch das Bewußtsein, daß kartographische Darstellungen stets qualitative Kategorien produzieren und/oder reproduzieren, fordert dazu auf, den visualisierten Raumbegriff zu hinterfragen.
Wagt man dennoch weiterhin, Karten von Osteuropa und zu Osteuropa zu zeichnen, so steht man vor der Aufgabe, unterschiedliche soziale, politische und kulturelle Dimensionen dieses Begriffs angemessen zu repräsentieren. Thematisch-kartographische Darstellungen müssen der Tatsache gerecht werden, daß „Osteuropa“ ein kulturelles und politisches Konstrukt ist. Jede kartographische Visualisierung ist eine Vereinfachung, die dem Betrachter ein Verständigungsangebot macht, weil sie Komplexität reduziert. Eine große Herausforderung an die Kartographie ist es, die Ungenauigkeiten, die mit dieser Art von Reduktion geschaffen werden, angemessen abzubilden. Allerdings sind die Kartographen nur die eine Seite der Abbildung: Auch die Nutzer müssen sich über den Konstruktcharakter von Karten sehr viel klarer werden und mit ihnen verantwortungsbewußter umgehen. Die Zeit der Unschuld ist vorbei.

Intermezzo | 139

Der englische Einheitsjargon ist ein Holzweg
Bodo von Greiff über Zeitschriften, Wissenschaft und Politik
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Der Redakteur des Leviathan, Bodo von Greiff, singt das Loblied der Interdisziplinarität, spricht über die Überwindung der Weberschen Trennung von Wissenschaft und Politik, sinniert über den Zusammenhang von Sprache und Erkenntnis, diagnostiziert kindische Neigungen unter Autoren, analysiert die Herausforderungen des Zeitschriftenmachens zwischen Mäzenatentum und Werbung für Rückenstützen mit Lesebrillen und erinnert daran, daß auch die Vorfahrtsregeln im römischen Wagenrennen Erkenntnisgewinn haben können. Schließen

Thekla Kleindienst | 149

Zerreißprobe
Entspannungspolitik und Osteuropaforschung
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Die deutsche Osteuropaforschung hängt wie jede andere Wissenschaft von politischen Konjunkturen ab. Begünstigt durch den beginnenden Kalten Krieg wurde die bundesdeutsche Osteuropaforschung in den 1950er Jahren stark gefördert und konnte an institutionelle Strukturen und Forschungsmethoden der Zeit vor 1945 anknüpfen. Die Entspannungspolitik der 1960er und 1970er Jahre beeinflußte die Osteuropaforschung derart nachhaltig, daß das gesamte institutionelle und inhaltliche Gefüge, wie es sich in den 1950er Jahren etabliert hatte, ins Wanken geriet. Der langsame Abschied vom Paradigma der Ostforschung sowie eine thematische und methodische Ausdifferenzierung waren wichtige Schritte auf dem Wege der Verwissenschaftlichung der Osteuropaforschung nach 1945. Schließen

Heinz Brahm | 163

Drehscheibe der Osteuropaforschung
Das Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien
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Fünf Jahre sind seit der Schließung des Bundesinstituts für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOst) vergangen. Als Verbindungsstelle zwischen der Osteuropaforschung und der Bundesregierung war das interdisziplinär ausgerichtete BIOst ein Novum. In Gesprächsrunden mußten die Politikwissenschaftler, Ökonomen und Juristen ständig ihre Erkenntnisse abgleichen. Zwar arbeitete das BIOst für viele Ministerien, sein eigentlicher Ertrag liegt jedoch in der Forschung. Das Institut wurde weder von den Ressorts vereinnahmt, noch folgte es akademischen Konjunkturen. Es war ein offenes Haus, in dem Studenten arbeiteten und Journalisten Gesprächspartner fanden. Für die Wissenschaftler ergaben sich Einsichten durch Kontakte, die anderswo kaum möglich waren. Schließen