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Tschernobyl
Vermächtnis und Verpflichtung

Astrid Sahm, Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
272 Seiten, 15 Farbkarten, 30 Abbildungen
Berlin (BWV) 2006,[= Osteuropa 4/2006]
Preis: 15,00 €
ISBN: 3-8305-1122-1

Coverbild

Astrid Sahm, Manfred Sapper, Volker Weichsel | 5

Editorial
Tschernobyl: Vermächtnis und Verpflichtung
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"Nie wieder!" Nach jeder von Menschen verschuldeten Katastrophe erklingt diese Maxime des Handelns. Doch Tschernobyl ist anders. Die Tragödie, die in der Nacht vom 26. auf den 27. April 1986 auf der Steuerwarte von Block 4 des 100 Kilometer nördlich der ukrainischen Hauptstadt Kiew gelegenen Atomkraftwerks ihren Ausgang nahm, hat diesem Gebot einen neuen Sinn verliehen. Für eine ganze Generation von Menschen, die in den radioaktiv kontaminierten Gebieten von Belarus, der Ukraine und Rußland leben, durchzieht es als Verbot den Alltag: Nie wieder diese Wiese betreten, nie wieder diesen Wald durchstreifen, nie wieder diesen Acker bestellen zu dürfen. 20 Jahre sind seit dem größten Reaktorunfall der Menschheit vergangen, und noch immer sind es zehn Jahre, bis die Hälfte des radioaktiven Isotops Cäsium-137 zerfallen sein wird. Eine Fläche von fast 150 000 km² in Belarus, der Ukraine und in Rußland, wo zum Zeitpunkt der Katastrophe über sieben Millionen Menschen lebten, ist verstrahlt. Diese Verbote, symbolisiert und sichtbar gemacht von den in trügerisch idyllischen Landschaften rostenden Warnschildern, sind nur ein kleiner Ausschnitt der Katastrophe. Die medizinischen, politischen, sozialen und kulturellen Auswirkungen des Unglücks sind omnipräsent. Sie haben die Ukraine, vor allem aber Belarus, wo ein knappes Fünftel der Bevölkerung in den kontaminierten Gebieten lebt, tiefgreifend verändert. Gleichzeitig sind diese Folgen des Reaktorunglücks weniger faßbar. Die drei ostslawischen Staaten durchleben seit Ende der 1980er Jahre einen derart umfassenden gesellschaftlichen Wandel, daß die Zuordnung einzelner Erscheinungen zu der Reaktorkatastrophe sehr schwierig ist. Dies öffnet Spekulationen und Verharmlosungen Tür und Tor. Eine davon ist die Rede von den vierzig Todesopfern, die der Unfall gefordert habe. An einer solchen Behauptung kann nur festhalten, wer den signifikanten Anstieg der Krebsrate in Belarus und der Ukraine, die erhebliche Zunahme von Schilddrüsenerkrankungen, die hochgeschnellten Raten der Säuglingssterblichkeit und der Fehlbildungen sowie alle anderen oft gleichzeitig auftretenden und einander wechselseitig verstärkenden psychischen und physischen Erkrankungen auf den allgemeinen gesellschaftlichen und ökonomischen Zusammenbruch zurückführt. Daß der Beweis für den Zusammenhang zwischen der Strahlenexposition und den Erkrankungen dennoch geführt werden kann, demonstriert Sebastian Pflugbeil in diesem Band. Das Leben mit diesen gesundheitlichen Folgen führt zur Hilflosigkeit und Resignation bei den Menschen in den verstrahlten Regionen. Durch die radioaktive Kontamination und die Umsiedlungen hat sich ihr Lebenswert radikal verändert, wie sich in den einfühlsamen Ausführungen von Alfredo Pena-Vega erkennen läßt. Diese Erfahrungen prägen, wie David Marples in diesem Band zeigt, gleichzeitig das Verhältnis der betroffenen Menschen zum Staat: Die Allmacht der Katastrophe bildet in dem am meisten betroffenen Belarus eine der mentalen Grundlagen der autoritären Herrschaft Aljaksandar Lukašėnkas. All das ist das Vermächtnis von Tschernobyl, das eine Armee aus Hunderttausenden von Katastrophenhelfern nicht "liquidieren“ und 20 Jahre "Sanierungspolitik“ nicht bewältigen konnten. Zugleich ist Tschernobyl Verpflichtung. "Habe, erwerbe, produziere, behalte nichts, was dich solche Fehler machen läßt!“ Dieser von Ludger Lütkehaus in Anlehnung an Günther Anders formulierte kategorische Imperativ nach Tschernobyl gilt in Osteuropa vor allem für Rußland. Dort arbeitet bis heute das Herzstück der sowjetischen Nuklearindustrie. Doch scheint gerade Rußland, wo einige der Verantwortlichen für die fatale Desinformationspolitik nach der Katastrophe vom 26. April 1986 weiter leitende wissenschaftliche ämter innehaben, aus Tschernobyl keine Lehren gezogen zu haben. Wie Robert Darst, Jane Dawson und Adam Stulberg in diesem Band zeigen, will Rußland nach dem Bedeutungsverlust des militärischen Nuklearpotentials nun seine "zivile“ Atomindustrie zum global player machen. Dies ist nicht nur in ökologischer Hinsicht bedenklich. Die Unterscheidung von ziviler und militärischer Atomkraft ist Wunschdenken. Technisch sind sie siamesische Zwillinge. Angesichts der Tatsache, daß Staaten, die über einen kommerziellen Nuklearkreislauf und das entsprechende Know-how verfügen, binnen weniger Wochen Atomwaffen herstellen können, stellt die Verbreitung der Atomkraft kein Proliferationsrisiko, sondern eine Proliferationsgewißheit dar. Dabei liegen die Alternativen auf der Hand. In ganz Osteuropa ist das Potential regenerativer Energien groß. Gezeitenkraftwerke oder Windparks auf Land oder vor der Küste können kommerziell betrieben werden, wenn der Staat die systematische Bevorzugung der Atomkraft durch riesige Investitionszuschüsse aufgibt. Noch viel größer ist freilich das Energieeinsparpotential. Zusammengenommen entkräften diese Optionen, wie Felix C. Matthes argumentiert, die These, die Reduktion von Kohlendioxidemissionen zur Verlangsamung des Klimawandels und der Ausstieg aus der nuklearen Stromgewinnung seien unvereinbare Ziele. Dies anzuerkennen, ist die Verpflichtung von Tschernobyl. Einigen Dörfern in Belarus widerfuhr 1986 ein Schicksal, das sie vier Jahrzehnte zuvor schon einmal durchgemacht hatten. 1944 wurden sie von deutschen Truppen dem Erdboden gleichgemacht. 1986 ließen die Leiter des sowjetischen Katastrophenmanagements sie in der Erde vergraben, um zu verhindern, daß Wind und Wasser die in hoher Konzentration auf diese Dörfer niedergegangenen Radionuklide verbreiten. Dies ist nur einer der zahlreichen Fäden der Verantwortung, die Deutschland mit Belarus und der Ukraine verbinden. Zu den größten Trägern der deutsch-belarussischen Partnerschaftsprojekte, die in der Folge der Katastrophe von Tschernobyl entstanden sind, gehört das Internationale Bildungs- und Begegnungszentrum (IBB) in Dortmund. Das IBB hat diesen Band großzügig unterstützt. Schließen

Guillaume Grandazzi | 7 | Volltext

Die Zukunft erinnern
Gedenken an Tschernobyl
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Tschernobyl hat das Wesen der Katastrophe verändert. Für Millionen von Menschen, die in den kontaminierten Gebieten leben, ist der Unfall der sichtbaren Gestalt des Geschehenen beraubt. Anders als nach dem Zweiten Weltkrieg ist es für die Menschheit unmöglich geworden, auf ein "Nie wieder!“ zurückzugreifen. Die Katastrophe ist in der Welt. Tschernobyl hat der Menschheit bewußt gemacht, was das Leben in der "Risikogesellschaft“ bringen kann. Die "Apokalypse-Blindheit“ des Menschen, die Günther Anders zu den wesentlichen Merkmalen des Atomzeitalters zählt, erschwert es, die Katastrophe zu verstehen und aus ihr zu lernen. Schließen

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Tschernobyl
Vermächtnis und Verpflichtung
Berlin (04/2006)
Seite 7 - 18


Guillaume Grandazzi

Die Zukunft erinnern
Gedenken an Tschernobyl

Wir· schicken uns an, der Katastrophe von Tschernobyl zu gedenken. Schon zum zwanzigsten Mal. Erst zum zwanzigsten Mal. Wahrscheinlich schenkt man diesem wichtigen Ereignis des 20. Jahrhunderts im Jahr 2006 unverhältnismäßig viel mehr Aufmerksamkeit, als es sonst jedes Jahr Ende April für einige Tage in den Medien und der Öffentlichkeit findet. An die Stelle der allgemeinen Gleichgültigkeit wird ein Interesse treten, das den zahlreichen Veröffentlichungen, Radio- und Fernsehsendungen und den vielfältigen Veranstaltungen zu verdanken ist, die in vielen Ländern Teil dieser Gedenkwut sein werden. Und warum auch sollten all jene, die seit Jahren die Folgen dieser Katastrophe zu erfassen versuchen, sowie jene, die über die gesellschaftliche und politische Entwicklung der osteuropäischen Staaten nachdenken, nicht die Gelegenheit ergreifen, durch die Konjunktur der Neugier, die ein solcher „Geburtstag“ und die mediale Mobilisierung rund um den Jahrestag weckt, um eine größere Öffentlichkeit zu sensibilisieren, zu informieren und zum Nachdenken anzuregen?
Doch das Gedenken wird sicher auch mit einer spektakulären Vermarktung des sozialen und historischen Gedächtnisses dieses Unfalls und, schlimmer noch, seiner Opfer, einhergehen. So hat kürzlich die große internationale Agentur Corbis die Urheberrechte an den Bildern von Igor’ Kostin erworben, dem wir die erste Aufnahme des aufgerissenen Reaktors verdanken und der als einziger Fotograf in den ersten Tagen nach dem Unfall regelmäßig am Kraftwerk war. Auch andere werden die Gelegenheit ergreifen, ihr Tschernobyl-Business aufzuziehen. Sobald die Gedenkveranstaltungen vorbei sind, wird ihr „Interesse“ an dieser Katastrophe rasch nachlassen und sich lukrativeren Zielen zuwenden. Zwar beruhen die meisten Initiativen keineswegs auf Heuchelei und kommerziellem Zynismus, doch kann man nicht umhin, sich nach dem Sinn und den Risiken dieser Fokussierung auf den Gedenktag des Unfalls zu fragen, die ja ein Verständnis der Katastrophe nicht unbedingt erleichtert. Denn Tschernobyl ist mehr als ein technischer Unfall, der sich vor zwanzig Jahren ereignete. Tschernobyl ist eine Katastrophe, die sich in der Gegenwart ausbreitet und die Zukunft bestimmt. Je weiter der Zeitpunkt des Unglücks zurückliegt, je mehr die Erinnerungen daran verblassen, je mehr Zeugen sterben, desto mehr Anzeichen gibt es für seine Aktualität und für die Gegenwärtigkeit dieser Katastrophe. Gerade diese Zeichen stellen ein Problem für das Gedenken an eine Vergangenheit dar, die nicht vergeht.
So bedeutet Gedenken nur allzuoft lediglich ein Erinnern an ein Ereignis. Das rituelle Beschwören des Unglücksdatums birgt die Gefahr, eine der wesentlichen Eigenschaften dieser völlig neuartigen Katastrophe zu verdecken: Im Gegensatz zu den Katastrophenerfahrungen der Vergangenheit gab es im Falle Tschernobyls für die meisten Opfer der radioaktiven Kontamination – mit Ausnahme des Betriebspersonals des Atomkraftwerks, der Feuerwehrleute und der Anwohner, die direkte Zeugen des Unfalls waren – kein kausal erlebbares, ursprüngliches Ereignis. Tschernobyl hat das Wesen der Katastrophe verändert: Es gibt kein Schlachtfeld, keine zerstörten Städte, doch eine für immer erstarrte Stadt – Pripjat – und ein Krieg ohne Feind, in dem die „Helden“ – etwa 800 000 sogenannte Liquidatoren – zugleich die Besiegten waren. Den Millionen Einwohnern der kontaminierten Gebiete fehlt bis heute ein Referenzpunkt, auf den sie ihr Gedenken richten können, denn der Unfall ist der sichtbaren Gestalt des Geschehenen beraubt.
Das Geschehen ist zunächst das tägliche Leben, die Tatsache, mit einem Schlag in eine Welt eingetaucht worden zu sein, in der neue Regeln und Verbote gelten. Der Alltag ist so neuartig, daß er selbst das Ereignis ist. In einem weiteren Sinne kann die Umsiedlungspolitik als das auslösende Ereignis gesehen werden. Anfangs wurden die Menschen aus der unmittelbaren Umgebung des AKW evakuiert, dann aus immer weiter entfernten Gebieten. Alle Betroffenen erlebten diese Umsiedlung als traumatische Entwurzelung. Tschernobyl meint somit die neue condition humaine für Millionen Überlebender, die dazu verdammt sind, in dauerhaft kontaminierten Regionen zu wohnen. Nur in diesem Sinne kann man Tschernobyl im Rückblick als Ereignis im Sinne Hannah Arendts verstehen, als eine Gründungstatsache, als einen Bruch in der Geschichte, der die ganze Menschheit mit einer qualitativen Veränderung ihrer Lebensbedingungen konfrontiert, als „anthropologischen Schock“.


Memorialisierung und Banalisierung einer Katastrophe
Wie soll man einer im Werden begriffenen Katastrophe gedenken? Die Jahrestage technologischer Katastrophen werden zumeist zum Anlaß genommen, die Geschichte dieser Tragödien neu zu schreiben und das Ausmaß der Folgen neu zu bestimmen. Diese Bilanz kann im Falle Tschernobyls immer nur vorläufig sein.
Die symbolische Organisation solcher Jahrestage offenbart die Zukunft der Katastrophen und der von ihr betroffenen Bevölkerung – und entscheidet über sie. Entsprechend wird der 20. Jahrestag des Reaktorunfalls in Tschernobyl von den internationalen Institutionen sorgfältig vorbereitet. Schon im Spätsommer 2005 haben sie den Ton vorgegeben und die Vorbereitung zahlreicher Gedenkfeiern angestoßen. Nur wenige Wochen zuvor hatten die Gedenkfeiern anläßlich der 60. Jahrestage der Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki 1945 stattgefunden, die uns daran erinnerten, wie die westliche Zivilisation ins Atomzeitalter und die Menschheit in die Ära ihrer eigenen Restlaufzeit eingetreten sind. Denn wenn das Atomzeitalter eine Geschichte hat, die sich nicht ignorieren läßt, dann ist Tschernobyl zweifellos eines ihrer zentralen Ereignisse, dessen Einzigartigkeit und paradigmatische Dimension wir nicht außer acht lassen dürfen. Die durch die radioaktiven Niederschläge verseuchten Gebiete bezeugen als riesiges Freiluftlaboratorium das, was Günther Anders vor fast genau fünfzig Jahren über die Atombombe schrieb: Was man „Experimente“ nenne, seien von nun an „Stücke unserer Wirklichkeit“ . Der Unfall von Tschernobyl war tatsächlich das Ergebnis eines mißlungenen Experiments, und er hat die Bewohner der kontaminierten Gebiete zu der schmerzlichen Feststellung gezwungen, daß die Folgen dieses Experiments Stücke ihrer Wirklichkeit sind. Er hat sie somit gleichsam zu neuen Versuchskaninchen des Atomzeitalters gemacht.
Zwanzig Jahre leben die Menschen in Belarus mit der Katastrophe, und die quälende Frage, die die Bewohner sich und natürlich auch den „aufgeklärten“ Experten auf der Durchreise stellen – „Können wir hier leben?“ – bleibt zumeist unbeantwortet. Sie stürzt denjenigen, der seine Meinung – für die Fragenden ein Urteil – abgeben soll, unweigerlich in tiefe Ratlosigkeit. Das Schicksal von mehr als acht Millionen betroffenen Menschen wird somit bis heute und zukünftig zu großen Teilen davon bestimmt, wie Experten die Lage beurteilen und diese immer wieder gestellte Frage beantworten. Und sähen sie sich dann aus Gründen der Vorsicht gezwungen zu sagen, man könne dort nicht leben, so stünden die Einwohner vor einer schrecklichen Alternative ohne jeden Entscheidungsspielraum: der doppelten Unmöglichkeit, an ihrem Ort zu wohnen und ihren Ort zu verlassen.
Indes unterscheidet sich der Diskurs, den die sogenannte scientific community pflegt – ein Begriff, der angesichts der tiefen Meinungsverschiedenheiten über die Folgen von Tschernobyl hier eigentlich verpönt sein sollte –, diametral von jenem der Behörden der betroffenen Länder und der internationalen Institutionen. Es ist hier nicht der Platz, die offizielle Bilanz der Unglücksfolgen und die als „endgültig“ bezeichneten Lösungen im einzelnen zu diskutieren, die das Tschernobyl-Forum im September 2005 im Hinblick auf den 20. Jahrestag veröffentlicht hat. Dieses Dokument ist jedoch auch jenseits der konkreten Fragen, die es anspricht, äußerst charakteristisch. Es zeigt auf, wie das Erinnern normiert werden soll, und zwingt uns, über unsere (Un)fähigkeit nachzudenken, Lehren aus Katastrophen zu ziehen. Es ist darüber hinaus ein beredtes Zeugnis von dem Verhältnis der wissenschaftlich-technischen Gesellschaft zu ihrer katastrophischen Entwicklung. Die Schlußfolgerungen von IAEA und WHO sollen „beruhigen“, indem sie zwar nicht die realen Folgen der Katastrophe relativieren, wohl aber das Bild dieser Folgen in den Augen der Öffentlichkeit und auch der Opfer. Es scheint, als habe man es hier, wie Yves Lenoir schon zehn Jahre nach dem Reaktorunfall schrieb, mit der „Optimierung einer Tragödie“ zu tun, das heißt einer gezielten Verharmlosung der durch die Radioaktivität ausgelösten Gesundheitsprobleme und der mit dem Leben in kontaminierten Gebieten verbundenen Gefahren. Die Berichte des Tschernobyl-Forums sind Teil einer bestimmten Informationsstrategie. Es handelt sich um Erzählungen , die eine bestimmte Version der – vergangenen und künftigen – Geschichte durchsetzen sollen, um die politischen Maßnahmen zur Bewältigung der Unfallfolgen und zur Wiederbelebung der Landwirtschaft und der Ökonomie in den betroffenen Gebieten zu legitimieren. Im Zentrum dieser Strategie stehen die trotz der bisweilen löblichen Absichten der Initiatoren und Akteure stark instrumentalisierten Sanierungsprogramme.
Selten wohl sind veröffentlichte Zahlen derart häufig nach unten korrigiert worden, ob es sich nun um eingetretene oder prognostizierte Todesfälle , diagnostizierte oder erwartete Krebserkrankungen oder auch um die Anzahl der Liquidatoren sowie der Einwohner der verstrahlten Gebiete handelt. Ich werde hier nicht die neuen „Daten“ nennen, die in den Medien ausreichend verbreitet wurden oder noch werden und einer immer schwerer aufzulösenden Kontroverse Nahrung bieten. Sie sind zu beleidigend für die Opfer, denen durch die Veröffentlichung dieser Informationen symbolisch Gewalt angetan wird, vergleichbar nur mit jener Gewalt, die sie erdulden mußten, als man sie vor gar nicht so langer Zeit der „Radiophobie“ bezichtigte. Zwar wurde dieser Begriff inzwischen fallengelassen. Doch wenn heute von „mentalen Gesundheitsproblemen“ und psychosomatischen Ursachen geredet wird, die vielen Krankheiten zugrunde lägen, so zeigt das, daß nur der Begriff aufgegeben wurde, das Argumentationsmuster aber – die gesundheitlichen Probleme, die im Zusammenhang mit dem Unfall stehen, zu psychiatrisieren – ist immer noch präsent. Man könnte dies als „Leugnen des nuklearen Holocausts“ bezeichnen, das um so gefährlicher ist, als es von den wichtigsten Instanzen der internationalen Öffentlichkeit als offizielle Wahrheit anerkannt wird. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die IAEA und ihren Direktor wenige Wochen, nachdem der Bericht des Tschernobyl-Forums veröffentlicht wurde, läßt kaum hoffen, daß sich diese mächtige Organisation eines Tages wegen der revisionistischen Standpunkte Gedanken macht, die sie – und zwar beständig – seit 1986 im Hinblick auf die Folgen der Katastrophe vertritt und auch in der internationalen Gemeinschaft durchsetzen konnte.
In seinem Bericht, den er der 60. Vollversammlung der Vereinten Nationen im November 2005 vorlegte, stellte Kofi Annan klar, worum es bei den Veranstaltungen zum 20. Jahrestag gehen soll:

Die Botschaft, welche die Organisatoren zu vermitteln beabsichtigen, wird eine entscheidende Rolle spielen. Nach der neuen Entwicklungsstrategie für Tschernobyl sollten die Gedenkkundgebungen auf die Zukunft gerichtet sein und darauf, Lösungen für die Probleme zu finden, mit denen die vom Unglück betroffenen Orte zu kämpfen haben. Um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft zu wecken und wachzuhalten, sind Lösungen für ein weiteres Vorankommen mindestens ebenso wichtig wie das Gedenken an die Opfer und die Verluste der Vergangenheit.

In seinen Schlußfolgerungen betonte er zudem, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen den internationalen Organisationen und den betroffenen Regierungen sei, um „die Opfer in Kämpfer zu verwandeln und Tschernobyl, bislang ein Symbol der Zerstörung, in ein Symbol des Durchhaltewillens und der Hoffnung.“
Aus Tschernobyl ein Symbol der Hoffnung machen – eine überraschende Idee. Dazu bedarf es mehr, als daß die wichtigsten Akteure des Katastrophenmanagements kooperieren. Dazu bedarf es der Komplizenschaft. Dies scheint bereits geschehen.
Dieser Vorschlag steht in deutlichem Gegensatz zu Kofi Annans früherem Appell. In einem symbolisch bedeutsamen Moment, als alle Blöcke des Reaktors im Jahr 2000 stillgelegt wurden und die Versuchung groß war, nun die Akte Tschernobyl zu schließen, rief der UNO-Generalsekretär weniger optimistisch dazu auf, das Vermächtnis von Tschernobyl anzunehmen:

„Tschernobyl“ ist ein Wort, das wir alle gern aus unserem Gedächtnis streichen würden. [. . .] Inzwischen glauben sicher viele, die Gefahr sei überstanden. Doch es gibt zwei Gründe, die uns verbieten, einen Schlußstrich unter die Tragödie zu ziehen. Erstens besteht, wenn man Tschernobyl vergißt, die Gefahr, daß sich derartige Industrie- und Umweltkatastrophen wiederholen. Und der zweite Grund ist der, daß mehr als sieben Millionen Mitmenschen nicht das Glück haben, vergessen zu dürfen. Immer noch leiden sie täglich unter den Folgen dessen, was vor vierzehn Jahren geschah. In Wahrheit verfolgt das Erbe von Tschernobyl uns immer noch, uns und unsere Nachkommen, und wird uns noch generationenlang verfolgen.

Hiroshima wurde zu einem Friedenssymbol, seit 1945 glaubte man an die Abschreckung. Das Jahr 1986 aber war ein Wendepunkt. Tschernobyl hat der Menschheit die Katastrophen bewußt gemacht, die das Leben in der „Risikogesellschaft“ mit sich bringen kann. Mit einem Schlag wurde klar, daß der Mensch schutzlos in der Welt ist und die Atomkraftwerke, die zuvor als die größte Errungenschaft des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts gefeiert wurden, waren plötzlich „Vorzeichen eines modernen Mittelalters der Gefahr“. Anders als nach dem Zweiten Weltkrieg kann man nicht mehr auf ein „Nie wieder!“ zurückgreifen. Tschernobyl scheint nur die katastrophische Entwicklung zu symbolisieren, die von nun an unseren Erwartungshorizont bestimmt, da die der Menschheit drohenden Gefahren immer konkreter, die Realitätsverweigerung zugleich jedoch immer intensiver wird. Somit wurde unsere Vorstellung von Zeit als linearer Zeit zerstört, weil sie der Realität nicht mehr gewachsen ist. Die Katastrophe von Tschernobyl läßt sich nicht auf einen Punkt in der Vergangenheit fixieren, wo man sie als schlimme, aber vernarbte Wunde des nuklearen Abenteuers betrachten dürfte. Sie zwingt uns, die Zeitachse umzukehren und ein Gedächtnis des Künftigen zu entwickeln, eine Erinnerung an die vom Atom kolonisierte Zukunft.

Unser Zeitalter sieht sich daher gezwungen, seine eigene Geschichte unablässig neu zu schreiben, um den Teppich der Zukunft auszurollen und sich seiner Vergangenheit immer wieder neu zu vergewissern, damit es nicht den Boden unter den Füßen verliert.

Die Angst, in der die Bewohner der kontaminierten Gebiete leben, könnte man als „stochastische Angst“ bezeichnen. Sie ähnelt dem, was der Psychoanalytiker Donald Winnicott in einem ganz anderen Zusammenhang als „Angst vor dem Zusammenbruch“ bezeichnet hat: die Furcht vor einem vergangenen Ereignis, das noch nicht erlebt worden ist. In dieser Hinsicht sind wir alle Bürger Tschernobyls, denn die kontaminierten Gebiete stehen für eine Welt, die durch die schöpferischen und produktiven Tätigkeiten des Menschen immer weniger bewohnbar wird und in der auch wir wahrscheinlich (über)leben lernen müssen; eine Welt, in der nicht nur die Zukunft unsicher ist, sondern auch der Alltag; eine Welt, in der die einfachsten und banalsten Tätigkeiten – essen, spazierengehen – zu potentiellen „Risikotätigkeiten“ werden. Diese Welt, in der wir zugleich Einheimische – wir haben sie geschaffen und bewohnen sie – und Fremde sind – wir fühlen uns verloren angesichts des völlig Neuen, mit dem sie uns konfrontiert – , droht jedem Land, das auf die Atomenergie setzt und sie durch Risikomanagement zu beherrschen glaubt. Doch immer mehr Menschen werden sich bewußt, wie immens die Bedrohung ist und wie ohnmächtig sie sind, dieser vorzubeugen oder sich zu schützen.
So werden Zukunftserwartungen zu Katastrophenerwartungen, ganz gleich ob eine einzige Katastrophe gewaltigen Ausmaßes droht, oder ob die Katastrophe sich heimtückischer, schleichender einstellt, als Katastrophe, die jeden Tag im Gange ist , an dem der wissenschaftliche und technische „Fortschritt“ und die Fortsetzung einer auf Produktivität ausgerichteten Entwicklung der Umwelt Schaden zufügen und die Natur in eine vergiftete und vergiftende, für den Menschen gefährliche Technonatur verwandeln.
Was haben wir aus Tschernobyl gelernt?
Tschernobyl, Symbol der Hoffnung? Am Ende seiner philosophischen Reise ins Land der Katastrophe, die ihn von Lissabon nach Auschwitz, nach New York und im August 2005 im Rahmen der 1. Europäischen Tschernobyl-Sommeruniversität schließlich auch nach Tschernobyl führte, erklärte Jean-Pierre Dupuy:

Die Hoffnung muß verbannt werden, denn das Wort ist zum Synonym für die naive Erwartung geworden, die Technologie werde uns retten, wie sie es ja auch, glaubt man, in der Vergangenheit immer getan habe. Ebendiese Hoffnung beschleunigt den Lauf der Menschheit zu einer großen Panik, der sich niemand mehr entziehen kann.

Auch der Durchhaltewille, zu dessen Symbol Kofi Annan Tschernobyl machen will, verweist wie die Hoffnung auf jenen „metaphysischen Stolz der modernen Menschheit“ (Dupuy). Es ist vor allem dieser Stolz, der es den Menschen bislang verbietet, sich auf die Geisteshaltung eines aufgeklärten Katastrophismus einzulassen, in der doch der Schlüssel für unsere Rettung liegen könnte. Der Durchhaltewille aber beruht auf der Überzeugung, mit einer technologisch-wissenschaftlichen Mobilisierung seien alle Probleme zu lösen, denen die Menschheit auf ihrem Fortschrittsmarsch begegnet, diesem „Förderband ins Unabsehbare“ (Peter Sloterdijk). Die Probleme sind jedoch genau jene Risiken und Katastrophen, die wir selbst produzieren und für die wir zumeist die Verantwortung tragen:

Daß man zeigt, wie sehr die Menschheit gegen die Katastrophen kämpft, indem sie ihnen vorbeugt und ihre Folgen zu mindern sucht, ändert nichts an der Tatsache, daß sie sie zu einem großen Teil selbst herbeiführt. Das ist der „Teufelskreis“, den der Name „Tschernobyl“ in höchster Ausprägung symbolisiert.

Die beruhigende und optimistische Botschaft, welche die offiziellen Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag von Tschernobyl aussenden werden, zeugt davon, daß wir aus dieser Katastrophe wenig gelernt haben. Gleichwohl: Der Eintritt ins Atomzeitalter wurde von so vielen begeistert bejubelt, die in ihm keine Erschütterung der Vernunft sahen, sondern einen weiteren Fortschritt im großen Projekt der Moderne – der Beherrschung der Natur und der Triumph des Rationalen. Der Reaktorunfall von Tschernobyl hat nun durchaus ins Bewußtsein gerückt, wie gefährlich der Wunsch ist, alles zu beherrschen. Sowohl der Osten als auch der Westen Europas wurden von einer Vertrauenskrise erschüttert. Denn ist das für unmöglich Gehaltene einmal Gewißheit geworden, so müssen die Modalitäten der kollektiven Vorstellungskraft überdacht werden. Die katastrophische Entwicklung, für die Tschernobyl steht, darf nicht mehr als bloße, negative Utopie abgetan werden.
Doch haben wir aus der Tatsache, daß die große Atomkatastrophe, die zuvor nur einige „Unheilspropheten“ angekündigt hatten, wirklich eine Lehre gezogen? Dies darf bezweifelt werden, denn vieles spricht dafür, daß unsere Gesellschaft zumindest eine ambivalente Haltung zur Katastrophe, wenn nicht gar ein Katastrophenbedürfnis hat.
„Feuermelder“ nannte Walter Benjamin die Intellektuellen, die Alarm schlugen und die Katastrophe des Mordes an den europäischen Juden aufzuhalten versuchten. Sie stießen auf Unglauben. Selbst nach Katastrophen scheint dieser Unglaube ungebrochen. Tatsachen können oft ebensowenig wie Worte eine Veränderung der Mentalität und der Einstellungen bewirken und die zerstörerische Dynamik bremsen:

Selbst Unfälle größten Ausmaßes [dürften] keine prinzipiellen Zweifel am Kurs und an der Gangart des zivilisatorischen Prozesses auslösen. [. . .] Zuletzt sind Bewußtseine härter als Tatsachen, und wer nicht hören wollte, als Hören noch möglich war, der wird sich auch gegen das Fühlen unempfindlich machen.

Tatsächlich berge, so Sloterdijk, das katastrophenpädagogische Denken „das Versprechen, daß sich auch größtes Unheil durch anschließendes Lernen auf ein menschliches Maß beziehen“ lasse, und sei daher zum Scheitern verurteilt, weil es auf dem fragwürdigen Postulat einer notwendigen Beziehung zwischen der Katastrophe und ihrem Verständnis, zwischen der Schwere des Ereignisses und den daraus gezogenen Lehren beruhe.
Die Inflation der Kommunikations- und Steuerungseinrichtungen verdeckt letztlich nur die Ohnmacht der Menschen und seine Unfähigkeit, die Katastrophe zu verstehen und aus ihr zu lernen. Sie trägt zur „Apokalypse-Blindheit“ bei, die, wie Günther Anders zeigte, ein wesentliches Merkmal des Atomzeitalters darstellt. Daher prognostizierte Sloterdijk schon 1989:

Noch lange werden die Opfer von Tschernobyl in fürchterlichen Agonien liegen, da wird sich die eifrige Didaktik wieder melden und sagen: Auch Tschernobyl war nicht schlimm genug, weil ja die Internationale der Weitermacher entschlossener denn je zusammenhält. Die unerbittliche Konsequenz hieraus kann nur sein, daß noch mehr passieren muß – bis wohin?

Daß so viele Unsicherheiten über die Folgen von Tschernobyl fortbestehen, liegt nicht so sehr am Mangel verfügbarer Erkenntnisse, sondern vielmehr daran, daß wir nicht glauben, was wir wissen. Die mit großem Kommunikationsaufwand genährte Fiktion beruht nicht auf Unwissen, sondern weit mehr auf Verdrängung. Diese Mechanismen des Leugnens haben „unseren Bezug sowohl zur Wahrheit als auch zur Wirklichkeit mit einem Mal außerordentlich problematisch gemacht“ . Auch wenn „das Leugnen der Wissenschaft, die im Gegenteil dazu da ist, uns vom Leugnen zu befreien, grundsätzlich fremd“ sein sollte, so illustriert doch der Bericht des Tschernobyl-Forums beispielhaft, wie Wissenschaft und Leugnen zusammengehen können.
Das Gedenken an Tschernobyl kündigt sich als Versuch zur Rettung dieser Fiktion an, die den Menschen an der Erkenntnis hindert, daß er, wenn er danach trachtet, sich die Erde untertan zu machen und die Natur zu beherrschen, doch nur sein Gefängnis vergrößert. Selbst jene Wissenschaftler, die die radioökologischen Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe auf die Biosphäre der kontaminierten und entvölkerten Gebiete positiv bewerten, kommen zu dem Schluß, daß die Anwesenheit des Menschen der Natur und der Artenvielfalt größeren Schaden zufügt als die schlimmsten Strahlenunfälle.
Doch das Gedenken an Tschernobyl wird über den offiziellen Diskurs hinaus vielleicht auch ein Anlaß sein, sich bewußt zu machen, daß für die Menschen in den kontaminierten Gebiete wie für

einen nicht unerheblichen Teil der Bewohner unseres Planeten das Ende der Welt schon eingetreten ist, und es ist wirklich nicht einzusehen, warum das Los, das sie getroffen hat, nicht eines Tages auch uns treffen sollte; es ist ja nicht so, als hätten wir uns im voraus gegen die Seuchen geimpft, die wir [produzieren] und exportieren und als wären sie, die wir doch zusammengebraut haben, nicht imstande, eines Tages als würdige Kinder ihrer Väter zu uns zurückzukehren.

Tschernobyl, Symbol des tragischen Schicksals der Menschheit? Die auf uns zukommende Katastrophe hat bereits ihr Denkmal. Es wurde 1997 in Kyoto nach der Unterzeichnung des Protokolls errichtet, mit dem sich die Industriestaaten verpflichteten, ihre Treibhausgas-Emissionen zu verringern. Auch dieses Denkmal, eine Skulptur, die als Botschaft der Erde an die Menschheit verstanden werden soll und sie auffordert, noch einmal bei Null anzufangen, verbreitet eine Botschaft der Hoffnung, nämlich daß die Menschen den in die Katastrophe führenden Weg noch verlassen könnten, daß man die Vergangenheit noch ausradieren und auf neuen Grundlagen beginnen könnte. Diese verlockende Vision einer bewohnbaren Welt, in der der Mensch, was er auch täte, nicht ständig Gefahr liefe, katastrophale Prozesse auszulösen, in der er ein Recht auf Irrtum hätte, erscheint jedoch weniger als mögliche Zukunft als vielmehr als das Heraufbeschwören einer endgültig vergangenen Vergangenheit. Tatsächlich hat Tschernobyl eine

Situation geschaffen, die zu denken gibt: Es hat bewiesen, daß ein von Minderheiten entworfenes Lebensprojekt, das vom „offiziellen“ abweicht, keine Chance mehr hat. [. . .] Nach Tschernobyl wäre eine individuelle Vorliebe für ein Leben ohne jede Verbindung mit den Informations- und Kommunikationssystemen oder ein Leben unter Verzicht auf die Technik, auf Geigerzähler und Gammaspektrometer, buchstäblich selbstmörderisch.

Der Figur des „armen Wilden“ in der Moderne entspricht in der Risikogesellschaft der des „überausgestatteten Hyperwilden“ (Georges Balandier) . Die Technik sei von nun an unser Schicksal, schrieb Günther Anders, und wir müßten uns fragen, „was die Technik aus uns gemacht hat, macht und machen wird, noch ehe wir irgendetwas aus ihr machen können“ . Und doch hielt auch dieser „verzweifelte“ Philosoph es für überaus wichtig, daß man dieses Schicksal zu meistern versucht, und er rief eher zur Aktion auf als zur Resignation, obschon er vermutete, das Projekt sei zum Scheitern verurteilt. Als einer der ersten erkannte er, daß die Moderne endete, als das Atomzeitalter begann, und daß die Menschen, die lange behauptet hatten, sie machten die Geschichte, in Zukunft vor allem gezwungen sein würden, sie zu erdulden.

Aus dem Französischen von Doris Heinemann, Köln

Rückblick

Ales’ Adamovič | 19

Nicht nur ein AKW
Ein Brief an Michail S. Gorbačev
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Der belarussische Schriftsteller Ales’ Adamovič kritisierte nach Tschernobyl die Verschleppungs- und Vertuschungspolitik der staatlichen Behörden. In seinem Brief an den damaligen Generalsekretär des ZK der KPdSU warnt er vor einer Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes. Die Tragik des Geschehens faßt er in die Worte: "Es ist nicht einfach nur ein Atomkraftwerk explodiert, sondern jener ganze Komplex von Verantwortungslosigkeit, Disziplinlosigkeit und Bürokratismus.“ Schließen

Vasilij Nesterenko | 27

Mauern der Ignoranz
Protokoll einer Katastrophe
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Sofort nach dem Unglück in Tschernobyl erkannten Wissenschaftler die ungeheuren Gefahren für die Gesundheit der Menschen. Die Politiker agierten nach der Devise: "Nur keine Panik!“ Sie vertuschten das Ausmaß der Katastrophe, blockierten den Schutz. Erst die erdrückenden Beweise und öffentlicher Druck änderten dies. Nichtsdestotrotz wurden oppositionelle Wissenschaftler entlassen. Einige errichteten parallel zum staatlichen System ein öffentliches Netz lokaler Meßstellen zur Strahlenkontrolle. Vasilij Nesterenko, ein Protagonist der Entwicklung, berichtet aus erster Hand. Schließen

Alla Jarošinskaja | 39 | Volltext

Lüge-86
Die geheimen Tschernobyl-Dokumente
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Alla Jarošinskaja stieß bei ihrer Suche nach der Wahrheit über Tschernobyl auf geheime Dokumente, die eine massive Vertuschung durch die sowjetische Führung und eine gezielte Desinformationspolitik offenbaren. Wider besseres Wissen verharmloste die Staats- und Parteiführung das Ausmaß der Kontamination, schickte Menschen in die verstrahlten Gebiete zurück, brachte belastete Nahrungsmittel in Umlauf und bot dem Ausland ein beschönigtes Bild des Geschehens. Schließen

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Tschernobyl
Vermächtnis und Verpflichtung
Berlin (04/2006)
Seite 39 - 56


Alla Jarošinskaja

Lüge-86
Die geheimen Tschernobyl-Dokumente

In· meinem persönlichen Tschernobyl-Archiv befinden sich Zeugnisse eines Verbrechens: Kopien von Schreiben der KPdSU und der sowjetischen Regierung, die bezeugen, daß man unverzüglich das Ausmaß und die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl zu vertuschen suchte. Diese Politik bezahlten Zehntausende von Menschen mit ihrem Leben und neun Millionen Menschen im kontaminierten Gebiet mit dem Verlust ihrer Gesundheit und Lebensqualität.
Eines dieser Geheimdokumente ist die Anweisung der Dritten Hauptabteilung des Gesundheitsministeriums der UdSSR vom 27. Juni 1986 „Über die verschärfte Geheimhaltung bei der Ausführung der Arbeiten an der Beseitigung der Folgen der Havarie im AKW Tschernobyl“. Die verhängnisvollen Punkte lauten:

4. Informationen über den Unfall sind geheimzuhalten. [. . .]
8. Informationen über medizinische Behandlungsergebnisse sind geheimzuhalten.
9. Informationen über den Grad der radioaktiven Verseuchung des an der Beseitigung der Folgen des Unfalls im AKW Tschernobyl beteiligten Personals sind geheimzuhalten. [. . .]
Der Leiter der Dritten Hauptabteilung des Gesundheitsministeriums der UdSSR Šul’ženko

Ein weiteres erschreckendes Schriftstück aus derselben Serie ist die „Erläuterung der zentralen militärärztlichen Kommission des Verteidigungsministeriums der UdSSR“ Nr. 205 vom 8. Juli 1987, die an die Militärkommissariate versandt wurde. Darin heißt es:
1. Zu den langfristigen Folgen, die durch ionisierende Strahlung hervorgerufen wurden und in einem kausalen Zusammenhang mit dieser stehen, zählen Leukämie oder Leukose, die 5–10 Jahre nach einer Bestrahlung mit Dosen von über 50 rad auftreten können. 2. Das Auftreten von starken somatischen Störungen sowie von Symptomen der Verschlimmerung chronischer Erkrankungen bei Personen, die zur Beseitigung der Unfallfolgen herangezogen wurden und die nicht an akuter Strahlenkrankheit leiden, ist nicht in einen kausalen Zusammenhang mit ionisierender Strahlung zu bringen. 3. Bei der Ausstellung eines Krankenscheins für erkrankte Personen, die zuvor zu Arbeiten am AKW Tschernobyl herangezogen wurden und sich keine akute Strahlenkrankheit zugezogen haben, sind [. . .] weder die Beteiligung an den genannten Arbeiten noch die summarische Strahlendosis [. . .] anzuführen.

Der Leiter der 10. Ärztlichen Beratungskommission Oberst des Medizinischen Dienstes Bakšutov

Das folgende Rundschreiben Nr. 423 vom 24. September 1987 wurde von der mit Tschernobyl befaßten Regierungskommission selbst herausgegeben: „Liste der Informationen über den Unfall im AKW Tschernobyl, die nicht in frei zugänglichen Druckerzeugnissen, in Radio- oder Fernsehsendungen bekanntgegeben werden dürfen“. In diesem Schreiben wurde auch die Geheimhaltung von „Informationen über Anzeichen einer Verschlechterung der physischen Arbeitsfähigkeit bzw. der Berufsunfähigkeit beim Betriebspersonal, das unter Spezialbedingungen im AKW Tschernobyl arbeitete, oder bei Personen, die zur Beseitigung der Unfallfolgen herangezogen wurden“, angeordnet.
Das waren keine leeren Worte. Solche Schreiben erzeugten Angst und Schrecken bei den Zeitungs-, Zeitschriften-, Radio- und Fernsehredaktionen. Ein allgemeines Stillschweigen über die tatsächlichen Ereignisse in Tschernobyl und Umgebung war die Folge. Statt dessen verkündeten Presse und Fernsehen auf das Zeichen des Kreml hin im Lande und weltweit, daß alles in bester Ordnung und die Gesundheit der Menschen in keiner Weise gefährdet sei.
Viele Jahre waren die streng geheimen Dokumente niemandem zugänglich. Erst 1991 gelang es mir, Einblick zu erhalten. Diese Gelegenheit erhielt ich als Abgeordnete des letzten Volksdeputiertenkongresses der UdSSR und Mitglied des Untersuchungsausschusses, der das Verhalten der Amtsträger nach dem Unfall im AKW Tschernobyl untersuchte. Über einige dieser Dokumente und über den verantwortungslosen Schriftverkehr der medizinischen Behörden in Moskau und Kiev schreibe ich erst jetzt zum ersten Mal – 20 Jahre nach der Atomkatastrophe in Tschernobyl.
Nachdem der Präsident der RSFSR im August 1991 die KPdSU per Dekret verboten hatte, begann die Übergabe ihrer Archive, und so erhielten wir endlich Zugang zu den Geheimprotokollen der Sitzungen der Einsatzleitungsgruppe des Politbüros des ZK der KPdSU unter Leitung des Ministerpräsidenten der UdSSR, Nikolaj Ryžkov, das mit dem Unfall im AKW Tschernobyl befaßt war. Aber die Bitte unserer Experten, zumindest eine einzige Arbeitskopie der Protokolle anfertigen zu dürfen, wurde abgelehnt.
An einem Dezembertag des Jahres 1991, als die UdSSR bereits in den letzten Zügen lag, sah ich, wie Archivmaterial der Abgeordneten aus dem Gebäude am Novyj Arbat, in dem die Ausschüsse und Komitees des Obersten Sowjet der UdSSR untergebracht waren, in einen Wagen geladen und an einen unbekannten Ort abtransportiert wurden. Mir wurde schlagartig bewußt, daß möglicherweise auch die Geheimprotokolle der Sitzungen der Tschernobyl-Einsatzleitungsgruppe des Politbüros weggebracht würden und daß sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden könnten. Auf diese Weise würde es den Ausschußmitgliedern unmöglich, diese außerordentlich wichtigen Dokumente zu lesen.
So beschloß ich, um jeden Preis Kopien dieser Protokolle anzufertigen. Ich ging ins Arbeitszimmer, in dem gewöhnlich unser Tschernobyl-Ausschuß tagte, öffnete den Safe und entnahm ihm einen schweren Packen Dokumente. Ich sah sie bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal. Beim Durchblättern begriff ich, daß es sich um einen Schatz von unschätzbarem Wert handelte, der den Vermerk „geheim“ bzw. „streng geheim“ sowie Stempel des Politbüros und Originalunterschriften der sowjetischen Führung trug.
Ich beauftragte unverzüglich das Kopierbüro mit der Anfertigung von Kopien von vierzig Geheimprotokollen mit insgesamt 600 Seiten Text. Bis zum nächsten Morgen sollten sie fertig sein. Zu dieser Zeit gab es in der UdSSR noch so gut wie keine Kopierer, zu den wenigen existierenden hatten die meisten Menschen keinen Zugang. Den Abgeordneten des gesamten Volksdeputiertenkongresses stand ein einziges Kopierbüro zur Verfügung.
Die UdSSR befand sich bereits in der Selbstauflösung, und der Volksdeputiertenkongreß hatte nur noch einige wenige Arbeitswochen. Noch hatte ich als Abgeordnete das Recht, jedes beliebige Dokument zu kopieren. Am nächsten Morgen jedoch teilten mir die Mitarbeiter des Büros verlegen mit, daß ihnen die Erlaubnis verweigert worden war, die Tschernobyl-Protokolle zu kopieren. Es stellte sich heraus, daß das Veto von einem gewissen Vladimir Pronin eingelegt worden war, der sich als Berater der Zweiten Geheimdienststelle des Obersten Sowjet der UdSSR auswies. Ich war schockiert: Also wurden alle Tätigkeiten der Abgeordneten im Gebäude des Obersten Sowjet unablässig von den Geheimdiensten beobachtet. Ich ging zum Leiter der Geschäftsordnungsabteilung des Sekretariats des Obersten Sowjet der UdSSR, Anatolij Burko, und erklärte ihm entrüstet, daß ich noch Abgeordnete sei und ein Anrecht auf diese Kopien habe.
Er aber erwiderte ungerührt, daß er das Kopieren dieser geheimen Dokumente nicht gestatten könne. Um eine Erlaubnis zu erhalten, müsse ich mich an die Institution wenden, die die Geheimhaltung beschlossen habe. Wohlgemerkt, das alles spielte sich nach dem Putsch im August 1991 ab. Boris El’cin hatte bereits die KPdSU verboten, und die Mitglieder ihres Politbüros, die am Putsch beteiligt gewesen waren, saßen im Moskauer Untersuchungsgefängnis des KGB Matrosskaja tišina (Matrosenstille). Die Geheimnisse dieser Organisation aber wurden von ihren Gehilfen im sterbenden Parlament der Sowjetunion weiterhin streng gehütet.
Ich nahm die Dokumente wieder an mich, kehrte in mein Arbeitszimmer zurück und setzte mich mit Vadim Bakatin, dem nach dem Putsch von Michail Gorbačev neu ernannten Chef des sowjetischen KGB, in Verbindung. Ich bat Bakatin, seine Untergebenen im Kreml anzuweisen, mir die Erlaubnis zu erteilen, die geheimen Parteidokumente zu kopieren. Die Antwort Bakatins erschütterte mich: „Ich kann Ihnen nicht helfen“, sagte er. „Das sind nicht unsere Kader, sie sind mir nicht unterstellt.“ So erfuhr ich per Zufall, daß im Innern des Parlaments eine geheime Organisation existierte, die alle Tätigkeiten der Abgeordneten beobachtete und die, wie Bakatin sagte, unmittelbar seinem Vorsitzenden unterstellt war. Dieser Vorsitzende aber, der Putschist Anatolij Luk’janov, war bereits hinter Gittern . . .
Kurz gesagt, mir wurde klar, daß niemand mir helfen würde. Doch konnte ich diese Dokumente auch nicht einfach wieder in den Safe zurücklegen und vergessen. Deshalb steckte ich sie in die Tasche und ging hinaus auf die Straße. Was nun? Copyshops gab es nicht. So ging ich zur Zeitung Izvestija. Dort befand sich das heißersehnte Kopiergerät. Zurück kam ich mit zwei Taschen – den Originalen und den Kopien der Dokumente.
Nachdem ich die Originale zurück in den Safe gelegt hatte, dachte ich nach: In diesem Land ist alles im Fluß. Wenn die Kommunisten am nächsten Tag wieder an die Macht kämen, was würde dann aus mir und meiner Familie werden, sollte ich diese Materialien abdrucken lassen? Sie würden sagen, daß dies alles nicht stattgefunden habe und ich mir alles ausgedacht hätte, und ich würde mich genau dort wiederfinden, wo jetzt die Putschisten saßen! Also öffnete ich erneut den Safe, entnahm ihm das erste Protokoll – und zwar das Original – und legte an seine Stelle die Kopie. So hoffte ich, mich und meine Familie vor Unannehmlichkeiten schützen zu können.
Jedesmal wenn ich diese geheimen Sonderdokumente lese, muß ich daran denken, daß das wichtigste und schrecklichste Isotop, das der Rachen des Reaktors ausspuckte, im Periodensystem der chemischen Elemente fehlt: die Lüge–86. Der Betrug ist ebenso global wie die Katastrophe selbst.
Lüge Nr. 1 – über die radioaktive Kontaminierung
Die erste Sitzung des Tschernobyl-Einsatzleitungsgruppe des Politbüros fand am 29. April 1986, drei Tage nach dem Reaktorunfall, statt. Vom 4. Mai an erhielt die Einsatzleitungsgruppe ständig neue Informationen über die Einweisung von Bewohnern der verseuchten Gebiete ins Krankenhaus.

Geheim. Protokoll Nr. 5. 4. Mai 1986. Es waren anwesend: die Mitglieder des Politbüros des ZK der KPdSU, Genossen N.I. Ryžkov, E.K. Ligačev, V.I. Vorotnikov, V.L. Čebrikov; die Kandidaten für das Politbüro des ZK der KPdSU, Genossen V.I. Dolgich, S.L. Sokolov; der Sekretär des ZK der KPdSU, Genosse A.N. Jakovlev; Innenminister Genosse A.V. Vlasov [. . .] Bericht des Genossen Ščepin [des Ersten stellvertretenden Gesundheitsministers der UdSSR – A.J.] über die Hospitalisierung und Behandlung der Bevölkerung, die einer Strahlenbelastung ausgesetzt war. Zur Kenntnisnahme: Bis zum 4. Mai wurden insgesamt 1882 Personen ins Krankenhaus eingewiesen. Untersucht wurden insgesamt 38 000 Personen. Bei 204 Personen, darunter 64 Kinder, wurde eine Strahlenkrankheit unterschiedlichen Grades festgestellt. Der Zustand von 18 Personen ist als ernst zu bezeichnen.

Geheim. Protokoll Nr. 7. 6. Mai 1986. [. . .] Nach Stand vom 6. Mai, 9 Uhr, wurden insgesamt 3454 Personen ins Krankenhaus eingewiesen. 2609 davon befinden sich in stationärer Behandlung, darunter 471 Kinder. Nach präzisierten Angaben leiden 367 Personen an der Strahlenkrankheit, darunter 19 Kinder. Bei 34 dieser Personen ist der Zustand ernst.

Den Protokollen nach zu urteilen stieg die Zahl der ins Krankenhaus eingelieferten und an schwerer Strahlenkrankheit leidenden Personen mit jedem Tag an. Die Zahl ging allmählich in die Tausende.

Geheim. Protokoll Nr. 12. 12. Mai 1986 [. . .] In stationärer Untersuchung und Behandlung befinden sich 10 198 Personen, wovon 345 Personen Symptome der Strahlenkrankheit aufweisen. Darunter sind 35 Kinder.

Wie ist zu erklären, daß die Einsatzleitungsgruppe ständig neue Nachrichten erhielt, die Medien aber über die Tausende von Strahlenopfern berichteten? Gibt es eine Wahrheit für die Herren und eine für die Sklaven?
Nachdem die Zahl der ins Krankenhaus eingewiesenen Personen aus den kontaminierten Gebieten auf über 10 000 angestiegen war, begannen die Krankenhäuser ab dem 13. Mai 1986 reihenweise verstrahlte Menschen einfach zu entlassen. Je mehr Menschen unter der Strahlenkrankheit litten, desto gesünder wurde das sowjetische Volk. Die Lösung dieses Rätsels der wundersamen „Heilung“ Tausender verstrahlter Personen findet sich ebenso in den Dokumenten.

Geheim. Protokoll Nr. 9. 8. Mai 1986. [. . .] Das Gesundheitsministerium der UdSSR bestätigte die neuen Grenzwerte der zulässigen radioaktiven Strahlenbelastung der Bevölkerung, die um den Faktor 10 höher sind als die vorherigen (siehe Anhang). In besonderen Fällen können die neuen Grenzwerte auch um den Faktor fünfzig höher sein als die bisherigen.

Zur Verdeutlichung: Die neuen Grenzwerte überstiegen sogar die zulässigen Strahlenwerte für den Personenkreis, der in den Maschinenhallen des AKW arbeitete, um das Fünffache. Weiter heißt es im Protokoll:

Auf diese Weise wird die gesundheitliche Unbedenklichkeit für die Bevölkerung jeder Alterstufe sogar im Falle eines Anhaltens der gegenwärtigen Strahlenbelastung für die kommenden zweieinhalb Jahre garantiert.

Diese Normen galten ebenso für Schwangere und Kinder. So wurden Tausende Strahlenopfer auf einen Schlag ohne jegliche Behandlung auf wundersame Weise „geheilt“. Man hätte genauso eine Richtlinie verabschieden können, die die normale Körpertemperatur vom 1. Mai an statt bei 36,6 bei 38 oder in „besonderen Fällen“ bei 39 Grad ansetzt.
Zweifelsohne diente die Anhebung der zulässigen Strahlendosen auf das Zehn- bis Fünfzigfache der vorher zulässigen Dosen durch die sowjetische Parteiführung der Verheimlichung des tatsächlichen Ausmaßes der radioaktiven Kontamination der Menschen. Und dieser ideologische Schachzug hatte großen Erfolg.
Um dieses Ziel zu erreichen, war dem Kreml jedes Mittel recht. Es waren noch keine drei Monate seit der Evakuierung der Menschen aus der „schwarzen“ Zone – wie der Erste Sekretär des ZK der Kommunistischen Partei der Ukraine, Volodymyr Ščerbic’kyj, die 30 Kilometer umfassende Evakuierungszone in geheimen Schreiben nannte – vergangen, da leitete die Staatsführung hastig die Reevakuierung, in die Wege.

Geheim. An die Sonderabteilung [Geheimdienstabteilung] der Geschäftsstelle des Ministerrats UdSSR zurückzuleiten. Protokoll Nr. 29. [. . .] 23. Juni 1986. [. . .]
Begutachtung einer möglichen Rückkehr von Kindern und Schwangeren in die Gebiete, in denen die Strahlenbelastung 2–5 Milliröntgen pro Stunde beträgt.
1. Die Reevakuierung (Rückkehr) von Kindern und schwangeren Frauen in alle Orte, in denen die berechnete Gesamtdosis innerhalb des ersten Jahres 10 rem nicht übersteigen wird (insgesamt 237 Orte), ist zu gestatten. [. . .] wo die berechneten Strahlendosen (ohne Einschränkung des Konsums kontaminierter Lebensmittel) 10 rem übersteigen, ist die Reevakuierung ab dem 1. Oktober 1986 zu gestatten [. . .] (174 Orte) [. . .]
Izraėl’, Burenkov, Aleksandrov

Dabei hatte der Leiter des Staatlichen Komitees für Hydrometeorologie, Jurij Izraėl’, in einem geheimen Bericht einen Monat zuvor folgendes erläutert:

Gebiete mit einer Strahlenbelastung von über 5 Milliröntgen pro Stunde [. . .] sind als für die Bevölkerung gefährliche Wohnorte einzustufen. [. . .] In Gebieten mit einer Strahlenbelastung von weniger als 5 Milliröntgen ist eine strenge Kontrolle der radioaktiven Strahlenbelastung von Lebensmitteln, insbesondere von Milch, in die Wege zu leiten.

Ein Vergleich dieser Stellungnahme mit einem geheimen Vortrag des Kommandanten der Kampfmitteltruppen des Verteidigungsministeriums der UdSSR Vladimir Pikalov auf der Sitzung des ZK der KPdSU vom 15. Juni 1987 ist äußerst aufschlußreich. In diesem Vortrag merkte er an, daß

im „roten“ Wald durch Baumschlag und das Zuschütten mit Sand die Strahlenbelastung von 5 Röntgen pro Stunde auf 7,5 Milliröntgen pro Stunde gesenkt werden konnte. Dieser Wert übersteigt die zulässigen Grenzwerte immer noch um das Fünfzehnfache.

Als „rot“ wurde der abgestorbene Wald in der Nähe des AKW bezeichnet. Das bedeutet, daß schwangere Frauen und Kinder in diesen eigentümlichen „roten“ Wald hätten reevakuiert werden können! Ohne jeglichen Skrupel wurden mit einem Federstrich Schwangere und Kinder in das atomare Ghetto, in die „schwarze Zone“ zurückgejagt.
20 Jahre nach der Katastrophe stieß ich bei der Durchsicht meines Tschernobyl-Archivs auf ein sensationelles Dokument, das in direktem Zusammenhang mit den Geheimprotokollen steht und aufs neue die ungeheure Dimension der Verlogenheit und verbrecherischen Haltung der Staatsführung bestätigt. Hierin ist zum ersten Mal von den konkreten Dosen die Rede, denen die Menschen in den ersten Monaten nach der Katastrophe im AKW Tschernobyl ausgesetzt waren.
Am 26. Mai 1987 hatte der Gesundheitsminister der Ukrainischen Sowjetrepublik, Anatolij Romanenko, dem Gesundheitsminister der UdSSR, Evgenij Čazov, in einem Schreiben „Über die Umsetzung der Anordnung des Gesundheitsministeriums der UdSSR Nr. 527-dsp vom 13.4.1987“ unter der Nr. 428 mit den Vermerken „geheim“ und „nicht zur Veröffentlichung“ folgendes mitgeteilt:

In den Kreisen mit einer erhöhten Strahlenbelastung in den Gebieten Kiev, Žytomyr und Černygov leben 215 000 Einwohner, darunter 74 600 Kinder. Es wurden 39 600 Erkrankungen festgestellt, die vorher nicht erfaßt waren. Bei Personen mit unterschiedlichen somatischen Erkrankungen wurde eine dynamische Beobachtung angeordnet. Ihre Behandlung wird ambulant und stationär durchgeführt. Insgesamt wurden innerhalb eines Jahres 20 200 Menschen ins Krankenhaus eingewiesen, darunter 6000 Kinder.

Jetzt folgt das eigentlich Bemerkenswerte:

In den ersten Monaten nach dem Unfall im AKW Tschernobyl wurde bei allen Kindern eine dosimetrische Untersuchung der Schilddrüse durchgeführt. Bei 2600 Kindern (3,4 Prozent) wurde eine Konzentration von Jodradionukliden von über 500 rem festgestellt.

Dieses entsetzliche Schreiben stammt vom 13. April 1987. Die Anhebung der zulässigen Strahlendosen um das Zehn- bis Fünfzigfache durch das Politbüro galt zu diesem Zeitpunkt bereits ein knappes Jahr. Dies bedeutet, daß die Zahl der Kinder, die eine gesundheitsgefährdende Dosis aufgenommen hatten, viel größer war. Sogar zurückhaltende medizinische Schätzungen sprechen von einem hohen Schilddrüsenkrebsrisiko ab 100 rem.
Die Frage ist, bei wie vielen Kindern in der Ukraine und anderen Sowjetrepubliken, die Opfer radioaktiver Strahlung wurden, eine Konzentration von unter 500 rem in der Schilddrüse gemessen wurde. Solche Detailangaben sucht man leider in offen zugänglichen Quellen bis heute vergeblich.
Ein weiteres Schriftstück aus dem fortgesetzten geheimen Schriftverkehr sei hier zitiert. Es handelt sich um einen Bericht von Čazov an das ZK der KPdSU vom 11. November 1987 Nr. 3634, erneut mit den Vermerken „geheim“ und „nicht zur Veröffentlichung“. Er teilt darin folgendes mit:
Bis zum 30.9.1987 wurde bei 620 016 Menschen eine Vorsorgeuntersuchung durchgeführt. Zum Zwecke einer genaueren Untersuchung und Diagnostizierung von Erkrankungen, die bei der Vorsorgeuntersuchung festgestellt wurden, die aber in keinem Zusammenhang mit einer Verstrahlung stehen, wurden 5213 Menschen ins Krankenhaus eingewiesen.

Der ukrainische Gesundheitsminister Romanenko berichtete Čazov, daß sich binnen eines Jahres bei über zweieinhalbtausend Kindern eine Konzentration von 500 rem an radioaktivem Jod in der Schilddrüse angesammelt habe – was man als Krebs bezeichnen kann. Čazov teilt dem ZK mit, daß „keine Erkrankungen festgestellt worden seien, die mit der Strahlenbelastung in Zusammenhang gebracht werden können“! Wenn nicht eine solche Dosis, was dann kann mit der Strahlenbelastung „in Zusammenhang gebracht“ werden? War es dem ZK der KPdSU etwa genehmer, eine solche „Wahrheit“ zu hören?
Werfen wir nun einen Blick auf den Entwurf des Beschlusses „Über die Ausführung der Resolution XXVIII des Parteitages der KPdSU zur politischen Bewertung der Katastrophe im AKW Tschernobyl und des Fortschreitens der Beseitigung der Folgen“ vom 28. Dezember 1990, den das Sekretariat des ZK der KPdSU an den neuen Generalsekretär der ukrainischen KP, Volodymyr Ivaško, sandte. In diesem Geheimdokument heißt es:

Die Unfallfolgen wirken sich nach wie vor auf die Geburtenrate und die Lebenserwartung aus. So ist in der Belarussischen Sowjetrepublik in den letzten vier Jahren die Geburtenrate um zehn Prozent gesunken, während gleichzeitig die Sterberate der Bevölkerung aufgrund bösartiger Tumore angestiegen ist. In den Gebieten Mahilaŭ und Homel’ hat sie innerhalb der letzten fünf Jahre sogar um über 19 Prozent zugenommen.

Angesichts dessen, daß diese Zahlen dem ZK der KPdSU bekannt waren, sind die offiziellen Einschätzungen der Strahlendosen nichts als blanker Zynismus.
Einige Jahre nach dem Unfall mußte selbst das Akademiemitglied Prof. Leonid Il’in – dessen Konzept „35 rem in 70 Jahren“ traurige Berühmtheit erlangte – zugeben, daß

selbst wenn es gelingt, die Strahlendosis in 35 Jahren auf 7 rem zu senken, anstelle der 166 000 Menschen, deren Evakuierung zum jetzigen Zeitpunkt anvisiert ist, zehnmal so viele zu evakuieren wären. Es handelt sich dabei um die Umsiedlung von über anderthalb Millionen Menschen [. . .] Die Gesellschaft hat das Risiko und den Nutzen einer solchen Aktion abzuwägen.

Während ich seiner damaligen Rede zuhörte, überlegte ich, wer sie eigentlich hielt – ein Arzt, der jedes einzelne Leben achtet, oder ein Buchhalter, der mit Leben wie mit Dominosteinen hantiert: ein Leben hierhin, ein anderes dorthin, was macht das schon aus? Später mußte selbst er zugeben, daß

1 600 000 Kinder einer besorgniserregenden Strahlenbelastung ausgesetzt sind, so daß hinsichtlich des weiteren Vorgehens eine Entscheidung getroffen werden muß.
Lüge Nr. 2 – über die Unbedenklichkeit der Lebensmittel
Die geheimen „Rezepte“ des Politbüros für die Verwertung radioaktiv belasteten Fleisches und verseuchter Milch gehören zu den bemerkenswertesten Stellen des Kreml-Bestsellers über Tschernobyl.

Geheim. Protokoll Nr. 32. 22. August 1986, Punkt 4. [. . .] Zur Kenntnis gegeben wird die Mitteilung des Genossen V.S. Murachovskij, daß Empfehlungen und Maßnahmen hinsichtlich der agrarindustriellen Produktion in den in unterschiedlicher Höhe mit langlebigen Isotopen kontaminierten Gebieten ausgearbeitet worden sind.

Den Weisen im Kreml kann schwerlich verborgen geblieben sein, daß die Kühe radioaktive Milch gaben – schließlich grasten sie auf Weiden, die mit einem Curie Cäsium-137 pro km2 „gedüngt“ waren. Im selben Protokoll, Punkt 10 heißt es:

Es wird als zweckmäßig betrachtet, gelagertes und für den Verkauf im laufenden Jahr bestimmtes Fleisch mit einem erhöhten Gehalt an radioaktiven Stoffen in die staatlichen Reservebestände zu überführen.

Streng geheim. Beschluß des Politbüros des ZK der KPdSU vom 8. Mai 1986. Mitschrift des Genossen V.S. Murachovskij [. . .] Der Sekretär des ZK der KPdSU M.S. Gorbačev. [. . .] Beim Schlachten von Rindern und Schweinen wurde festgestellt, daß sich durch das Abwaschen der Tiere mit Wasser und das Entfernen der Lymphknoten zum Verzehr geeignetes Fleisch gewinnen läßt.

Geheim. Anhang zu Punkt 10 des Protokolls Nr. 32 [. . .] Das Fleisch von Schlachtvieh aus den Gebieten, die von der radioaktiven Strahlung aus dem AKW Tschernobyl betroffen sind, enthält teilweise radioaktive Stoffe in Mengen, die die zulässigen Grenzwerte überschreiten. Gegenwärtig lagern in den Kühllagern der Fleischindustrie einer Reihe von Gebieten der Belarussischen und Ukrainischen SSR sowie der Rußländischen Föderation ungefähr 10 000 Tonnen radioaktiv kontaminierten Fleisches [. . .]. Für den Zeitraum August bis Dezember dieses Jahres wird ein zusätzlicher Ausstoß von 30 000 Tonnen solchen Fleisches erwartet.


Es folgt eine erschütternde Empfehlung:

Um eine größere Konzentration von radioaktiven Stoffen im menschlichen Organismus infolge des Konsums kontaminierter Lebensmittel zu vermeiden, empfiehlt das Gesundheitsministerium der UdSSR eine maximale Verteilung des kontaminierten Fleisches über das ganze Land und die Verarbeitung dieses Fleisches in Wurstprodukten, Konserven und Halbfertigprodukten in einem Verhältnis von 1:10 zu normalem Fleisch. [. . .] Für die Verwertung dieses Fleisches zum Zwecke des Verzehrs und für die Gewährleistung einer den Anforderungen des Gesundheitsministeriums der UdSSR entsprechenden Produktion, d.h. der Einhaltung seiner zehnfachen „Verdünnung“ mit nicht kontaminiertem Fleisch, ist seine Verarbeitung in den Fleischkombinaten in der Mehrzahl der Gebiete der Rußländischen Föderation (außer Moskau), Moldovas, der transkaukasischen Sowjetrepubliken, des Baltikums, Kazachstans und Zentralasiens unerläßlich.
Der Vorsitzende der Ministeriums für Agrarindustrie
[Gosagroprom] der UdSSR V.S. Murachovskij

Die Praxis sah dann noch etwas anders aus. 2002 berichtete der ehemalige Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Versorgungsstelle des ZK der KPdSU, A.P. Povaljaev, der Zeitung Spasenie über das tatsächliche Vorgehen:

Das Fleisch des in Tschernobyl geschlachteten Viehs war ungenießbar, da der Gehalt an Cäsium-137 die nach den damaligen Vorschriften zulässigen Grenzwerte um das Vier- bis Fünffache überstieg. Wir verteilten es auf die Kühlhäuser und begannen mit der Lieferung von Portionen an die fleischverarbeitenden Kombinate mit der Anweisung, dieses Fleisch dem nicht kontaminierten Fleisch in einem Anteil von 20 Prozent beizumengen. Durch das allgemein angewandte Prinzip der „Verdünnung“ sollte eine zulässige Konzentration erreicht werden.

Der ehemalige ZK-Wirtschaftsleiter „vergaß“ dabei ein nicht unwesentliches Detail zu erwähnen: Das Politbüro hatte angeordnet, das ganze Land – außer Moskau und Leningrad – mit diesem Fleisch zu versorgen.
Ein weiterer Anhang des Protokolls Nr. 32 enthielt folgende Information:

Seit 1. August gilt auf dem gesamten Gebiet der UdSSR für den Gehalt von radioaktiven Stoffen in der Milch ein zulässiger Grenzwert von 10-8 Curie pro Liter. [. . .] Die Produktion aus den genannten Gebieten ist nicht für den Export bestimmt.

Ist die Milch nicht „sauber“, so erhöht man einfach die zulässigen Werte, und schon wird aus kontaminierter Milch „saubere“. Aber für den Export ist diese Milch dann doch nicht geeignet – die radioaktiven „Nahrungsmittel“ sind lediglich für die eigene Bevölkerung bestimmt.
Erst fünf Jahre nach dem Unfall und auf Anfragen von Abgeordneten leitete die Staatsanwaltschaft der UdSSR endlich ein Strafverfahren wegen „der Zurückhaltung von Informationen gegenüber der Bevölkerung“ mit der Folge einer „beträchtlichen Verstrahlung“ derselben sowie wegen des Vertriebs kontaminierter Produkte ein.
Der Stellvertretende Generalstaatsanwalt der UdSSR V.I. Andreev gab auf meine Anfrage als Abgeordnete folgende Auskunft:

Von 1986 bis einschließlich 1989 wurden in den genannten Gebieten 47 500 Tonnen Fleisch und zwei Millionen Tonnen Milch hergestellt, deren Kontaminierungsgrad die zulässigen Grenzwerte überschritt. Die genannten Umstände führten zu einer Kontaminierung der Lebensmittel mit radioaktiven Stoffen im ganzen Land und können sich negativ auf den Gesundheitszustand der Bevölkerung auswirken. [. . .] Die genannten Umstände gefährdeten ungefähr 75 Millionen Menschen [. . .] und hatten eine erhöhte Sterblichkeit, ein verstärktes Auftreten von bösartigen Tumoren, Mißbildungen, Erb- und somatischen Erkrankungen sowie eine Einschränkung der Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung zur Folge. [. . .] Allein bei den 1,5 Millionen Menschen (darunter 160 000 Kinder unter 7 Jahren), die sich zum Zeitpunkt des Unfalls in dem am stärksten mit Jod-131 kontaminierten Gebiet aufhielten, betrug die Strahlendosis in der Schilddrüse bei 87 Prozent der Erwachsenen und bei 48 Prozent der Kinder 30 rem, bei 11 bzw. 35 Prozent zwischen 30 und 100 rem und bei zwei Prozent der Erwachsenen und 17 Prozent der Kinder über 100 rem.

Doch dann zerfiel die Sowjetunion. Es blieb weder die Staatsanwaltschaft der UdSSR noch der Generalstaatsanwalt. Während selbst in Bulgarien ein Gerichtsverfahren gegen diejenigen geführt wurde, die Informationen über die Strahlenbelastung verheimlicht hatten, wurden dort, wo die globale Katastrophe ihren Ausgang genommen hatte, die Verantwortlichen für das Desaster von Tschernobyl nicht zur Rechenschaft gezogen – nicht solange die Partei die alleinige Macht hatte, die dazu aufrief, „die Propagandamaßnahmen zur Aufdeckung der verlogenen Lügenmärchen der bourgeoisen Medien und der Geheimdienste über die Ereignisse in Tschernobyl zu verstärken“, und auch nicht, als die Demokratie Einzug gehalten hatte: Die Staatsanwaltschaften der Nachfolgestaaten der UdSSR bewahren die Grabesstille.
Lüge Nr. 3 – über die Pressemitteilungen
Fast 20 Jahre nach der Katastrophe fiel mir ein einzigartiges Dokument mit dem Vermerk „Streng geheim. (Arbeitsmitschrift.) Einzelexemplar“ über die Sitzung des Politbüros des ZK der KPdSU vom 29. April 1986 in die Hände. Möglicherweise war dies die erste oder eine der ersten Sitzungen, auf denen der Atomunfall in Tschernobyl besprochen wurde – am dritten Tag nach der Explosion. Die Sitzung wurde von Michail Gorbačev persönlich geleitet. Alle Mitglieder des Politbüros waren anwesend. Es hat den Anschein, als sei hier zum ersten Mal darüber entschieden worden, welche Informationen über den Unfall innerhalb der Sowjetunion und ins Ausland weitergegeben werden sollten. Nach dem Bericht von Politbüromitglied V.I. Dolgich über den „leuchtenden Krater“ des zerstörten Reaktors, über „das Abwerfen von Säcken aus den Hubschraubern“ („zu diesem Zwecke wurden 360 Menschen und zusätzlich 160 Freiwillige mobilisiert, aber es gab Arbeitsverweigerungen“) und über die drei „Wolkenzungen“ – die „westliche, nördliche und südliche“ – wurde die Informationspolitik diskutiert.
Gorbačev erklärte: „Je ehrlicher wir uns verhalten, desto besser“. Aber kurz darauf sagte er:

Wenn wir die Öffentlichkeit informieren, sollten wir sagen, daß das Kraftwerk gerade renoviert wurde, damit kein schlechtes Licht auf unsere Ausrüstung geworfen wird.

Wo bleiben hier Perestrojka, Glasnost’ und Neues Denken? Beim Tschernobyl-Unfall kamen sie jedenfalls nicht zum Tragen. Diese Informationspolitik spielte eine erhebliche katalytische Rolle beim Zerfall des kommunistischen Imperiums.
Anhand der Mitschrift des Protokolls läßt sich das Schachern der Politbüromitglieder deutlich nachvollziehen. Sie diskutierten darüber, wie man die Welt und das eigene Volk am besten betrügen konnte.

A.A. Gromyko: Es ist unabdingbar, [. . .] die Bruderstaaten mit mehr Informationen zu versorgen und auch Washington und London bestimmte Informationen zukommen zu lassen. Auch die sowjetischen Botschafter hätten mit entsprechenden Erläuterungen versorgt werden müssen.
V.I. Vorotnokiv: Und was soll mit Moskau geschehen?
M.S. Gorbačev: Vorläufig muß noch nichts unternommen werden. Boris El’cin beobachtet die Lage.
G.A. Aliev: Aber vielleicht sollte man unser Volk informieren?
E.K. Ligačev: Man sollte wohl besser keine Pressekonferenz einberufen.
M.S. Gorbačev: Es ist wahrscheinlich zweckmäßig, eine Information über den Gang der Liquidationsarbeiten herauszugeben.
A.N. Jakovlev: Die ausländischen Korrespondenten werden bestimmt nach Gerüchten suchen. [. . .]
N.I. Ryžkov: Wir sollten drei Mitteilungen verfassen: eine für unsere Leute, eine für die sozialistischen Staaten und eine für Europa, die USA und Kanada. Nach Polen könnte man jemanden schicken.
M.V. Zimjanin: Wichtig ist anzumerken, daß es keine atomare Explosion gegeben hat, sondern lediglich einen Austritt von Strahlung infolge eines Unfalls.
V.I. Vorotnikov: Wir könnten sagen, daß die Abdichtung beim Unfall zerstört wurde.
A.F. Dobronin: Richtig. Reagan hat doch bestimmt schon Fotos vor sich liegen.
M.S. Gorbačev: [. . .] Sind alle mit den vorgeschlagenen Maßnahmen einverstanden?
Mitglieder des Politbüros: Einverstanden.
M.S. Gorbačev: Der Beschluß ist angenommen.
Die Stimmung bei dieser Politbürositzung und ihre Beschlüsse spiegelten sich deutlich in der weiteren Arbeit des Tschernobyl-Gremiums des ZK wider. Die Presse wurde nicht zu ihren Sitzungen zugelassen. Ein einziges Mal, am 26. Mai 1986 (Protokoll Nr. 18), wurden die Redakteure der landesweiten Moskauer Zeitungen eingeladen. Dort wurde ihnen folgende Anweisung erteilt:

Das Hauptaugenmerk ist auf die Maßnahmen zu richten, die das ZK der KPdSU und die Regierung zur Gewährleistung normaler Arbeits- und Lebensbedingungen der evakuierten Bevölkerung sowie zur Beseitigung der Unfallfolgen ergreifen. Es sollte ausführlich auf die aktive Beteiligung der Werktätigen an der Umsetzung der genannten Maßnahmen eingegangen werden.

Fast auf jeder Sitzung der Gruppe wurde über irgendeine Pressemitteilung für die Printmedien, das Fernsehen oder eine Pressekonferenz diskutiert. Jeder Text wurde per Abstimmung bestätigt und ein konkretes Veröffentlichungsdatum festgelegt.

Geheim. Protokoll Nr. 1. 29. April 1986. [. . .] Zum Thema Regierungsmitteilungen. Die für die Veröffentlichung in der Presse bestimmte Regierungsmitteilung unterliegt der Genehmigungspflicht. Dasselbe gilt für den Text der Mitteilung an die Staatsführungen einer Reihe von kapitalistischen Staaten über den Unfall im AKW Tschernobyl und Maßnahmen zur Beseitigung der Folgen sowie für den Text für die Staatsführungen der sozialistischen Staaten über den Stand der Liquidationsarbeiten im AKW Tschernobyl.

Am selben Tag wurde dieselbe Frage im Politbüro des ZK der KPdSU diskutiert. Dabei wurde u.a. beschlossen,

einen Bericht über den Verlauf der Liquidationsarbeiten im AKW Tschernobyl an die Bevölkerung unseres Landes, an die Staatsführung der Bruderparteien in den sozialistischen Staaten sowie an die Staatsoberhäupter und Regierungschefs der anderen europäischen Staaten, der USA und Kanadas vorzubereiten (Texte sind beigefügt).

Es geschah so, wie es Regierungschef Nikolaj Ryžkov auf der Politbürositzung zum Thema Tschernobyl vorgeschlagen hatte. Die eigene Bevölkerung erhielt eine Information – oder vielmehr Desinformation –, die Brüder im sozialistischen Denken eine zweite und die „Kapitalisten“ eine dritte Variante. Einer der Vorschläge enthält sogar konkrete Anweisungen:

An die sowjetischen Botschafter in Sofia, Budapest, Berlin, Warschau, Bukarest, Prag, Havanna und Belgrad. Dem Genossen Živkov (Kádár, Honecker, Jaruzelski, Ceauşescu, Husák, Castro, Žarković) oder ihren Stellvertretern ist dringend ein Besuch abzustatten und [. . .] folgendes mitzuteilen: [. . .]. Erläutern Sie, daß die Staatsführungen der USA und einiger westeuropäischer Staaten analoge Informationen erhalten. Ergänzen Sie, daß unseren Freunden bei Bedarf zusätzliche Informationen weitergeleitet werden.
Eine interessante Abstufung – „zusätzliche Informationen“ werden „unseren Freunden weitergeleitet“. Und was war mit denen, die keine Freunde waren?

Geheim. Protokoll Nr. 3. 1. Mai 1986. [. . .] In die an Tschernobyl angrenzenden Gebiete ist eine Gruppe sowjetischer Korrespondenten mit dem Auftrag zu entsenden, Material für Presse und Fernsehen vorzubereiten, das als Beweis für die Rückkehr zur Normalität in diesen Gebieten dienen soll.

Geheim. Protokoll Nr. 9. 8. Mai 1986 [. . .] 4. Über den Fernsehauftritt der Genossen A.I. Vorob’ev und E.E. Gogin. Angesichts der Verbesserung der Lage beim AKW Tschernobyl ist es zweckmäßig, den Auftritt zu unterlassen.

Der Izvestija-Journalist N. Matukovskij aus Belarus startete einen Versuch, die Staatsführung zu zwingen, der Notlage der Bevölkerung in den radioaktiv verseuchten Gebieten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Sein Schreiben ist den geheimen Protokollen beigefügt.

Geheim. An die Fernschreiberinnen. Dieses Telegramm darf niemandem außer dem Chefredakteur gezeigt werden. Die Kopie ist zu vernichten. [. . .] Information. Ich gebe Ihnen zur Kenntnis, daß die Strahlenbelastung in Belarus deutlich zugenommen hat. In vielen Kreisen [rajon] des Gebiets Mogilev wurde eine radioaktive Verseuchung festgestellt, die deutlich über der in den Kreisen liegt, über die wir berichtet haben. Nach den heutigen medizinischen Kenntnissen ist der Verbleib der Menschen in diesen Kreisen mit lebensbedrohlichen Risiken verbunden. Ich habe den Eindruck gewonnen, daß unsere Genossen die Orientierung verloren haben und nicht wissen, was sie unternehmen sollen, um so mehr da die Moskauer Instanzen nicht glauben wollen, was geschehen ist [. . .] Ich teile Ihnen dies per Telex mit, da uns jegliches Telefonat zu diesem Thema streng untersagt wurde.
8. Juli 1986 N. Matukovskij

Hier nun ein Beleg dafür, wie sorgfältig Pressekonferenzen für sowjetische und ausländische Journalisten vorbereitet wurden:

Geheim. 4. Juni 1986 [. . .] Anhang zum Protokoll Nr. 21. Direktiven für die Erläuterung der wichtigsten Fragen auf der Pressekonferenz, die die Ursachen und den Verlauf der Beseitigung der Folgen des Unfalls im vierten Block des AKW Tschernobyl betreffen [. . .] 2. Bei der Erläuterung des Verlaufs der Liquidationsarbeiten im AKW Tschernobyl ist die erfolgreiche Umsetzung großangelegter technischer und organisatorischer Maßnahmen zur Unfallfolgenbeseitigung darzulegen. [. . .] 4. Es ist auf die Unhaltbarkeit der Vorwürfe und Einschätzungen einzelner öffentlicher Persönlichkeiten wie auch der Presse in einer Reihe kapitalistischer Staaten hinzuweisen, die von einem beträchtlichen ökologischen und materiellen Schaden durch die Verbreitung geringer Mengen radioaktiver Stoffe durch die Luftströmung aus der Zone um das AKW Tschernobyl ausgehen.

Daraus folgte zwangsläufig der Entschluß,

die Propagandamaßnahmen zur Aufdeckung der verlogenen Lügenmärchen der bourgeoisen Medien und der Spezialdienste über die Ereignisse in Tschernobyl zu verstärken.

Diese Anordnung aus einem geheimen Zirkular des ZK der KPdSU vom 22. Mai 1986 geistert in unterschiedlichen Fassungen in nachfolgenden Dokumenten herum. Irgendwie mußte ja schließlich mit der Strahlung verfahren werden. Ein Beispiel findet sich in einem geheimen Schreiben des Ersten Sekretärs der KP der Ukraine, Volodymyr Ščerbic’kyj, an den Kreml:

Die öffentliche Meinung wird aufmerksam beobachtet. Es findet eine regelmäßige Information des Parteiaktivs und der Bevölkerung statt, die Lügengeschichten der bourgeoisen Propaganda und unterschiedlichste Gerüchte werden aufgedeckt.

Die Liste der Belege für den Betrug ließe sich endlos fortsetzen – so betrifft Lüge Nr. 4 die Anlage der neuen Stadt Slavutič auf einem „Zäsiumfleck“, Lüge Nr. 5 die Rede von den „sichersten Reaktoren der Welt“. Und dieser Betrug ist von den Herren des Kreml selbst in Geheimprotokollen, Mitschriften, Anhängen und Briefwechseln minutiös dokumentiert worden – in der Gewißheit, daß davon niemals irgend jemand erfahren würde.
Die Geheimdokumente bestätigen eine alte Weisheit: Zur Selbsterhaltung erzeugt ein totalitäres System notwendigerweise immer aufs Neue das Böse und muß dieses ebenso zwangsläufig wieder vertuschen. Nach den geheimen Erschießungen der Kinder im Keller des Ipat’jev-Hauses in Ekaterinburg, deren „Schuld“ einzig und allein darin bestand, daß sie in eine Zarenfamilie hineingeboren worden waren, wurden Millionen von uns ohne Gerichts- und Ermittlungsverfahren erschossen, in Konzentrationslager und psychiatrische Anstalten gesteckt. Wir wurden auf der Demonstration in Novočerkassk getötet, als „schwarze Tulpen“ nach Afghanistan geschickt, in Tbilissi mit Nervengas vergiftet, in Baku und Vilnius von Panzern überrollt. Tschernobyl verkörpert das langsame Sterben im radioaktiven Abfall, das vorläufige traurige Ende der langen Kette von Verbrechen, die das System am eigenen Volk beging, das es jahrzehntelang systematisch auszurotten versuchte. Die Gorgone Medusa, die ihre eigenen Kinder fraß, ließ sich nur besiegen, indem man ihr den Kopf abschlug. Doch ihr Schwanz zuckt noch immer.

Aus dem Russischen von Andrea Schindel, Berlin

Intermezzo | 57 | Volltext

Der Wodka sollte unsere Schilddrüsen reinigen
Igor’ Kostin über seine Tschernobyl-Fotos
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Igor’ Kostin machte die vermutlich einzig erhaltene Aufnahme des Unglücksreaktors in Tschernobyl aus der Nacht des Unfalls. Seitdem kehrt Kostin immer wieder nach Tschernobyl zurück, um das Geschehen und den Stillstand zu dokumentieren. Er war in den ersten Tagen nach der Havarie mit den Katastrophenhelfern auf dem Dach des Nachbarreaktors, er hat die Evakuierung der Menschen aus der 30-Kilometer-Zone dokumentiert und die sichtbaren und unsichtbaren Folgen der Kontaminierung eingefangen. Schließen

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Tschernobyl
Vermächtnis und Verpflichtung
Berlin (04/2006)
Seite 57 - 62


Der Wodka sollte unsere Schilddrüsen reinigen
Igor’ Kostin über seine Tschernobyl-Fotos

Christine Daum: Herr Kostin, Sie haben das erste Foto gemacht, daß von der Katastrophe in Tschernobyl entstanden ist. Wie ist es dazu gekommen?

KOSTIN: Ein Freund, der Hubschrauberpilot ist, hat mich mitten in der Nacht angerufen und gesagt: Komm schnell, in Tschernobyl ist etwas los! Da ist etwas passiert! Von Kiev nach Tschernobyl sind es etwa 45 Flugminuten. Der Hubschrauber machte einen unheimlichen Lärm, daher hatten wir Ohrenschützer auf und redeten nichts auf dem Weg. Als wir uns Tschernobyl näherten, sah ich plötzlich das Ausmaß der Katastrophe, den brennenden, offenen Reaktor: eine unheimliche, magische Szene. Dazu war es ganz still, wie auf einem Friedhof – ich hörte ja nichts wegen der Ohrschützer.
Ich nahm sofort meine Kamera. Ich wußte nicht, was ich tat. Ich öffnete einfach die Hubschraubertür und begann zu fotografieren. Wir waren in diesem Moment vielleicht 50 Meter über dem offenen Reaktor. Ich nahm eine Kamera, eine mit einem Motor, ich drückte auf den automatischen Auslöser und nahm zwanzig, dreißig Bilder auf. Plötzlich versagte die Kamera. Ich nahm eine andere. Auch diese Kamera blieb nach fünf Bildern stehen. Eine Kamera nach der anderen ging kaputt. Ich sagte: Tut mir leid, die Kameras sind nicht in Ordnung. Ich kann nicht arbeiten. Wir flogen eine Runde um den Reaktor und dann zurück nach Kiev.
Auf dem Rückflug hatte ich plötzlich einen Kloß im Hals. Mir wurde schlecht. Ich bekam Husten und mußte mich übergeben. Das hatte nichts mit dem Fliegen im Hubschrauber zu tun, damit hatte ich nie Probleme. Als ich im Labor dann die Filme entwickelt hatte, sah ich, daß nur die ersten sechs oder sieben Aufnahmen auf dem Film waren. Der Rest war schwarz. Das kam von der Strahlung. Sie hat die Motoren der Kameras zerstört und die Filme. Alle Kameras waren am Ende defekt.

C.D.: Das einzige Foto, das von den wenigen vom Tag der Explosion übriggeblieben ist, haben Sie dann an Ihre Agentur weitergegeben. Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS hat das Foto aber gar nicht veröffentlicht. Wie war das für Sie? Sie haben Ihr Leben riskiert, als Sie dieses Bild machten – und dann wird es nicht veröffentlicht!

KOSTIN: Es war ein wenig anders. Ich arbeitete für die Nachrichtenagentur Novosti, die damals größte Agentur. Eine Erlaubnis, in Tschernobyl zu fotografieren, hatte ich jedoch erst ab dem 5. Mai. Daß ich vorher nach Tschernobyl gefahren bin, das war illegal und verboten. Die ersten Aufnahmen, die ich machte, wurden natürlich nicht veröffentlicht und auch den ausländischen Agenturen nicht zur Verfügung gestellt. Das ärgerte mich natürlich maßlos, aber was sollte ich tun?
Das Regime versuchte damals mit allen Mitteln, die Wahrheit über Tschernobyl zu verheimlichen, über den Unfall selbst, über das Ausmaß der Tragödie und darüber, wie viele Menschen durch den Unfall zu Schaden gekommen sind. Das wurde alles verschleiert und ist deshalb bis heute schwer festzustellen.

C.D.: Warum sind Sie in den ersten Tagen nach dem Unglück, als Sie bereits von der Gefahr wußten, immer wieder zu dem offenen Reaktor zurückgekehrt?

KOSTIN: Die Nachricht über den Unfall in Tschernobyl verbreitete sich in der ganzen Welt wie ein Lauffeuer. Die Katastrophe von Tschernobyl betraf ja tatsächlich ganz Europa: Frankreich, Deutschland, Norwegen, die Schweiz, alle waren betroffen. Aber niemand wußte genau, was da passiert war, wir hatten nur sehr wenige Informationen.
Als Reporter verstand ich sofort, daß man etwas tun muß. Man mußte etwas über die Katastrophe herausfinden, über die die ganze Welt sprach. Sollte ich in Kiev sitzen, eine Satire schreiben, Kaffee trinken und nichts tun? Wie hätte ich das tun können? Es war meine Arbeit, dorthin zu fahren, und ich habe meine Arbeit gemacht. Ich mußte dorthin. Es war meine Pflicht, von dort zu berichten.

C.D.: Welches ist für Sie das wichtigste Bild, das Sie in all den Jahren von Tschernobyl gemacht haben?

KOSTIN: Als der vierte Reaktor explodiert ist, fielen die Trümmerteile und das verseuchte Graphit auf das Dach des dritten Reaktors. Und dieser Müll mußte dort weggeräumt werden. Die Strahlung war unheimlich hoch dort. Die Dosis, die für den Menschen tödlich ist, sind 500 Röntgen, dort aber betrug die Strahlung 15 000 Röntgen. Das ist unvorstellbar hoch. Das hatte die Zivilisation vorher noch nicht erlebt! Zuerst hat man versucht, dort oben mit Robotern zu arbeiteten, mit deutschen und einem japanischen. Aber die fielen sofort aus, weil Computer bei der Strahlung nicht funktionieren.
Ich habe gesehen, wie die Roboter da oben herumgeeiert sind und sich nicht orientieren konnten, als sie den verseuchten Schutt wegräumten. Einer ist direkt in das Loch gefahren, wo er den Müll abwerfen sollte, und abgestürzt.
Danach hat man Leute da rauf geschickt, einfache Soldaten haben da oben gearbeitet. Ich war dort mit ihnen, und sie werde ich mein Leben lang verehren. Diese Fotos sind für mich die wichtigsten, die ich gemacht habe. Denn diese einfachen Soldaten haben die Drecksarbeit gemacht. Sie sind meine Helden. Ihnen, von denen keiner spricht, will ich mit meinen Bildern ein Denkmal setzen.
Es gab dort oben eine Sirene, die ging alle 40 Sekunden. Dann mußten die Soldaten wieder runter. Sie warfen eine Schaufel Schutt in den Reaktor und kamen wieder zurück. Sie bekamen 100 Rubel Prämie und wurden weggeschickt. Und diese Streifen, die Sie hier unten auf den Bildern sehen, das ist von der Radioaktivität.
Und als alles beendet war, erhielten sie ein paar Dankesworte, und sie wurden Roboter Petja und Wasja genannt, aber es waren Arbeiter! Vor ihnen werde ich mein Leben lang auf den Knien liegen für ihre Heldentaten. Ich war lange mit ihnen zusammen. Ich war fünfmal oben auf dem Dach des Reaktors. Es ist schwer darüber zu reden. Aber das sind meine Helden.

C.D.: Wie lange waren Sie selbst dort oben auf dem Dach des dritten Reaktors?

KOSTIN: Hier diese Jungs, die Sie hier sehen. Sie erhielten eine Urkunde, eine Armeeurkunde. Die Urkunde und 100 Rubel und sie wurden weggeschickt. Sie waren nur einmal auf dem Dach. Ich war fünf Mal dort oben. Ich habe fünf Urkunden!

C.D.: Wie lange haben Sie während der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl gearbeitet und fotografiert?

KOSTIN: Ich war nach der Katastrophe praktisch ein Jahr dort, nicht die ganze Zeit über, aber immer wieder. Ich fotografierte in Tschernobyl und fuhr dann für drei, vier Tage nach Kiev in die Redaktion, um die Bilder zu entwickeln. Wenn ich nach Kiev kam, war mir immer schlecht. Uns wurde gesagt, wir sollten Wodka trinken. Denn die Radioaktivität sollte sich zuerst in den Schilddrüsen sammeln. Und der Wodka sollte sie reinigen. Das wurde uns dort regelrecht als Rezept gegeben: ein halbes Glas Wodka auf zwei Stunden in Tschernobyl. Ich glaube nicht, daß das wirklich viel Sinn hatte, aber ich habe das jedes Mal gemacht, wenn ich nach Kiev zurückkam. Ich hab eine Flasche Wodka getrunken und dazu Wasser. Und danach schien mir der Organismus gereinigt.
Ende 1986 wurde ich ins Krankenhaus geschickt. Ich bat darum, daß ich erst nach dem Neujahrsfest in die Klinik muß. Am zweiten Januar kam ich dann in die Moskauer Klinik Nr. 6, die auf Strahlenkrankheiten spezialisiert ist. Daran möchte ich heute nicht mehr erinnert werden.

C.D.: Warum ist Tschernobyl zu Ihrem Lebensthema geworden?

KOSTIN: Das ist keine einfache Frage. Eine ganze Zeit war es tatsächlich so, daß ich ohne Tschernobyl nicht leben konnte. Schon nach zwei, drei Tagen mußte ich wieder hin. Das war wie ein Magnet. Und das nicht nur ein Jahr lang, sondern viele Jahre.
Siebzehn Jahre lang habe ich die Katastrophe und ihre Folgen dokumentiert, in Rußland, der Ukraine und Belarus. Ich war an allen Orten und habe alle Aspekte der Katastrophe fotografiert, die man aufnehmen kann. Ich war im Epizentrum der Katastrophe. Ich habe in den Reaktor gesehen, er war fünfzig Meter unter mir. Ich habe die Farben und ein unglaubliches Licht gesehen. So etwas hatte ich noch nie vorher gesehen – niemand in der Welt hatte das zuvor gesehen.
Aber ich verstand Tschernobyl auch anders. Das, was ich dort gemacht habe, das ist Geschichte, Geschichte, die mit dem Objektiv geschrieben ist. Das war der wichtigste Grund für mich, immer wieder dorthin zurückzukehren. Ich spürte, da spielt sich Geschichte ab, und damit mußte sich jemand ernsthaft beschäftigen. Meine Bilder sind wie eine Gebrauchsanweisung für die nächsten Generationen, daß so etwas nicht wieder geschehen sollte.
Meine Position heute ist: man sollte über andere alternative Energiequellen nachdenken, die nicht so gefährlich sind. Sonst passiert die nächste Katastrophe. Und das sollten wir nicht zulassen. Die Präsidenten und die Kanzler können sich davor schützen, aber die einfachen Leute können das nicht.

C.D.: Es gibt Experten, die behaupten, man könne heute in den verseuchten Gebieten wieder leben. Was denken Sie darüber?

KOSTIN: Es ist ein Verbrechen, zu behaupten, daß man dort wieder leben könnte, wie das die IAEA tut. Ich kann diesen Experten eine Wohnung in der 30-km-Zone umsonst besorgen, wo sie dann mit ihren Familien leben können. Wenn sie dort eine Zeitlang sind, sollen sie entscheiden, ob sie dort leben wollen.

C.D.: Sie haben die Biotope fotografiert, die dort neu entstanden sind. Sie kennen die Zone der verseuchten Gebiete seit zwanzig Jahren. Wie schätzen Sie das ein, was sich da entwickelt hat? Gibt es da noch etwas jenseits des Todes?

KOSTIN: Es gibt keine Entwicklung und keinen Fortschritt. Ich war vor vier Monaten da, vor vier und vor zehn Jahren. Die Häuser sind verlassen, die Dörfer vergraben. Die Straßen wachsen zu. Einen Fortschritt wird es da nicht mehr geben, weder in zehn noch in zwanzig oder in 100 Jahren. Das ist einfach tot.
Vor fünf Jahren kam ein Mädchen kam zu mir, das damals 18 war. Sie wollte unbedingt Tschernobyl sehen. Sie war dreieinhalb, als das Unglück passierte, heute ist sie 23. Also nahm ich sie mit. Wir sind in ihre Wohnung in Pripjat gefahren, wo ihre Familie gelebt hat. Das war, als wenn man ein Grab besucht. Es war wie ein ausgetrockneter See, alles war mit Gras bedeckt und überwachsen. Es gibt dort keinen Fortschritt, keine Veränderung, nur Verfall.

Christine Daum | 63

Der Kriegsreporter und der Architekturfotograf
Die Tschernobyl-Fotos von Igor’ Kostin und Robert Polidori

Der Umgang mit der Katastrophe

Alfredo Pena-Vega | 71

Leben in einer Welt der Verbote
Eine Vergangenheit, die nicht vergeht
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20 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl befinden sich mehr als dreitausend Städte und Dörfer in Belarus in Zonen, in denen die radioaktive Kontamination ein Gesundheitsrisiko darstellt. Dies wird für viele weitere Jahre so bleiben. Doch die Gesundheitsprobleme sind nur die sichtbare Seite der "Post-Tschernobyl“-ära. Das Ausmaß dieser Katastrophe ist so groß und so vielgestaltig, daß viele Menschen auch nach 20 Jahren noch nicht fähig sind, sich die wahren Dimensionen der Tragödie zu vergegenwärtigen. Das Leben hat sich in seiner biologischen, psychischen, sozialen und kulturellen Dimension verändert. Diese Veränderung ist ebenso unsichtbar wie die Strahlung, doch sie bleibt in jedem Wort, in jeder ängstlich angespannten Geste spürbar. Schließen

Sebastian Pflugbeil | 81

Alle Folgen liquidiert?
Die gesundheitlichen Auswirkungen von Tschernobyl
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20 Jahre nach der Katastrophe bemühen sich IAEA und WHO darum, Tschernobyl als Bagatellfall zu den Akten zu legen. "Kein Grund zur Beunruhigung“ ist ihr Resümee. ärzte und Patienten in der Tschernobyl-Region sehen das ganz anders: Die Krebsrate hat deutlich zugenommen, Schilddrüsenerkrankungen häufen sich, die Säuglingssterblichkeit ist hochgeschnellt, genetische Schäden und Fehlbildungen nehmen zu. Am schlimmsten betroffen sind die sogenannten Liquidatoren und ihre Kinder. Es ist nicht von der Hand zu weisen, daß dies auf die Strahlenbelastung infolge der Reaktorkatastrophe zurückzuführen ist. Schließen

Astrid Sahm | 105

Auf dem Weg in die transnationale Gesellschaft?
Belarus und die internationale Tschernobyl-Hilfe
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Die Katastrophe von Tschernobyl sichert Belarus ungeachtet der weitgehenden politischen Isolation des Landes auch 20 Jahre nach der Reaktorexplosion ein erstaunlich hohes Maß an internationaler Aufmerksamkeit und Unterstützung. Dabei wird in der internationalen Tschernobyl-Hilfe kein einheitlicher Ansatz verfolgt. Ebenso wie die Bewertung der Katastrophenfolgen unterschiedlich ausfällt, wird auch die Bedeutung der Hilfe für Belarus kontrovers diskutiert. Es stellt sich somit die Frage, ob die internationale Tschernobyl-Hilfe lediglich die Spaltung der belarussischen Gesellschaft reproduziert oder ob sie das Land auf dem Weg zur transnationalen Gesellschaft unterstützt. Schließen

David Marples | 117

Diktatur statt Ökologie
Krisenmanagement in Lukašėnkas Belarus
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Das Lukašėnka-Regime hat großes Interesse daran, die Nachwirkungen von Tschernobyl herunterzuspielen. Angesichts der kaum zu bewältigenden medizinischen und sozialen Probleme ist es für das Regime einfacher, die Folgen des Unfalls für überwunden zu erklären. Dies beugt auch Widerständen gegen den geplanten Bau eines Atomkraftwerks vor. Wissenschaftler, die Folgeschäden von Tschernobyl offenlegen, werden mundtot gemacht, da sie der Autorität des Diktators schaden. Diese wird paradoxerweise dadurch gestärkt, daß er sich den Opfern als starker Führer präsentiert und nostalgische Erinnerungen an die Sowjetzeit wachhält. Schließen

Jochen Aulbach | 131

Der Sarkophag
Schrotthülle oder Millionengrab?
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Nach der Katastrophe von Tschernobyl wurde 1986 in großer Eile und unter extremen Bedingungen ein Betonmantel über der Reaktorruine errichtet, um die Umwelt vor der Radioaktivität zu schützen. Sehr bald wurde deutlich, daß dieser Sarkophag ein Provisorium war und saniert werden müsse. über die Finanzierung und die Abschaltung der Reaktoren in Tschernobyl entbrannte ein Streit zwischen der EU und der Ukraine. Erst 1997 beschlossen die EU und die G7 mit der ukrainischen Regierung den Bau eines neuen Schutzmantels. Doch das Kernproblem des Sarkophags ist nicht gelöst. Für die Entsorgung seines hochstrahlenden Inhalts gibt es bis heute keine Strategie. Schließen

Björn Slawik | 139

Wunder oder Wahn?
Das AKW Leningrad und der rußländische Atomsektor
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Zwanzig Jahre nach Tschernobyl verlängerte die rußländische Atomaufsichtsbehörde die Betriebsgenehmigung des AKW Leningrad. Damit bleiben die ältesten Reaktoren des Tschernobyl-Typs am Netz. Unweit von St. Petersburg war das AKW Leningrad Anfang der 1970er Jahre als erstes atomares Großkraftwerk der Sowjetunion errichtet worden. Das verantwortliche Ministerium verwirklichte es trotz Sicherheitsbedenken. Neben der Erzeugung von Elektrizität diente es wohl auch militärischen Zwecken. Das Kraftwerk ist ein repräsentatives Element des sowjetischen Atomsektors und illustriert die Kontinuität der Atompolitik in Rußland. Schließen

Atomkraft und ihre Alternativen

Lutz Mez | 155

Auslaufmodell?
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Die EU-Staaten stehen unterschiedlich zur Atomenergie. Sieben Staaten nutzen sie, zwei haben ihre Reaktoren stillgelegt, sechs betreiben den Ausstieg. Die übrigen zehn haben keine Atomprogramme. Vermutungen, daß es nach der Osterweiterung der EU zu Standortverlagerungen von West nach Ost kommen würde, sind unbegründet. Aus Sicherheitsgründen werden acht Reaktoren stillgelegt. Die EU und westliche Geber stellen dafür über eine Milliarde Euro zur Verfügung. Gleichzeitig sollen eingemottete Atomkraftwerke fertiggestellt werden. Ein Reaktor ist in Bau, neue sind geplant. Wegen der Liberalisierung der Stromwirtschaft ist der Neubau von Atomkraftwerken kaum mehr zu finanzieren. Von einer Renaissance der Atomkraft in der EU kann keine Rede sein. Schließen

Felix Christian Matthes | 169

Atomenergie und Klimawandel
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Die Debatte über den Klimawandel hat die Atomenergie wieder hoffähig gemacht. Der Nutzen der Atomenergie wiegt die damit verbundenen Risiken jedoch nicht auf. Auch alternative Energieträger und effizienterer Energieeinsatz können die CO2-Emissionen verringern. Deshalb ist es möglich, gleichzeitig die globale Erwärmung aufzuhalten und aus der Atomenergie auszusteigen. Schließen

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In Ostmittel- und Osteuropa gibt es große Potentiale erneuerbarer Energien. Sie werden nur zu einem Bruchteil genutzt. Das Erbe der Planwirtschaft – wie niedrige Energiepreise, überkapazitäten in der Stromerzeugung und ein Denken in Großprojekten – erschwert die Nutzung. Vielfach gilt Kernenergie als High-tech, deren Beherrschung Prestige und Image sichert. Diesen symbolischen Wert genießen erneuerbare Energieträger in Osteuropa nicht. Es mangelt an Bewußtsein, daß erneuerbare Energien die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen reduzieren, die Versorgungssicherheit erhöhen und positive Arbeitsmarkteffekte haben. Der EU-Beitritt hat in Ostmitteleuropa die Rahmenbedingungen erheblich verbessert, um erneuerbare Energien intensiver als bisher zu nutzen. Schließen

Adam N. Stulberg | 199

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Tschernobyl, die Auflösung der UdSSR und der wirtschaftliche Niedergang in den 1990er Jahren führten zu einem Niedergang des Nuklearsektors in Rußland. Nach widersprüchlichen Reformen unter El’cin versucht das Putin-Regime, die Branche wieder zu zentralisieren, um die nationale und internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Ziel ist es, den Nuklearkomplex neben dem Gas- und Ölsektor zu einem Pfeiler zu machen, auf dem die angestrebte "Energiegroßmacht“ Rußland basieren soll. Doch eine neoinstitutionalistische Analyse zeigt: Die Zentralisierung führt zu Steuerungsverlusten. Diese begrenzen die Chancen, daß der Nuklearsektor eine strategische Bedeutung gewinnen kann. Schließen

Robert G. Darst, Jane I. Dawson | 221

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Im Juni 2004 ging Rußland mit dem Vorschlag an die Öffentlichkeit, ein Endlager für Atomabfälle aus der ganzen Welt zu errichten. Technisch und sicherheitspolitisch wäre ein zentrales Endlager wünschenswert. Doch ob Rußland die nötigen Sicherheitsstandards erfüllt, das radioaktive Material umweltverträglich lagern und gegen Mißbrauch und terroristische Angriffe schützen kann, ist fraglich. Auch sind moralische Zweifel angebracht, da Rußlands Regierung den Widerstand der Bevölkerung gegen ein solches Endlager bisher ignoriert. Je stärker Rußland bereit ist, mit der internationalen Gemeinschaft zusammenzuarbeiten, desto eher lassen sich diese Defizite ausgleichen. Schließen

Natalija Zorkaja | 235

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Die Haltung der rußländischen Öffentlichkeit zu Tschernobyl ist widersprüchlich und paradox. Für fast die Hälfte der Menschen ist der Jahrestag der Katastrophe einer der wichtigsten Gedenktage 2006. Gleichzeitig nennt auf die Frage nach den bedeutendsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts nicht einmal ein Zehntel Tschernobyl. Das Ereignis ist ins Unterbewußtsein abgeglitten, in dem es sich mit diffusen ängsten vor einem neuen Atomunfall und radioaktiver Verstrahlung mischt. Eine echte Aufarbeitung hat nicht stattgefunden, und die Medien bieten statt einer tiefgehenden Analyse platte Katastrophenszenarien. Schließen

Otfried Nassauer | 239

Siamesische Zwillinge
Kernenergie und Kernwaffen
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Die Welt verbraucht immer mehr Energie. Öl und Gas sind endliche Ressourcen. Die Kernenergie steht möglicherweise vor einer Renaissance. Doch die zivile Nutzung der Kernenergie ist technologisch janusköpfig. Sie kann militärischen Zwecken dienen und zur Verbreitung von Kernwaffen führen. Mit dieser Proliferation sind große sicherheitspolitische Risiken verbunden. Das globale Nichtverbreitungssystem von Kernwaffen steckt in einer Krise. Zwischen dem Versuch, die nukleare Bewaffnung weiterer Staaten zu verhindern und die Nutzung der zivilen Kerntechnik auszubauen, gibt es einen unlösbaren Widerspruch. Schließen