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Heft 5/2006


200 Seiten, 2 Farbkarten, 11 Abbildungen
Osteuropa 5/2006
Preis: 9,50 €

Coverbild

Ulrich Schmid | 5 | Volltext

Naši – Die Putin-Jugend
Sowjettradition und politische Konzeptkunst
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Seit Jahren ist die Putin-Administration bemüht, ihrer politischen Jugendarbeit ein modernes Image zu verpassen. Langfristiges Ziel ist die Schaffung einer patriotischen, regierungstreuen Jugendorganisation, die in der Gesellschaft für ein loyales politisches Klima sorgen soll. Nach den Mißerfolgen einer traditionellen Jugendpartei und der skandalträchtigen Bewegung Gemeinsamer Weg (Iduščie vmeste) wurde 2005 mit beträchtlichen finanziellen Mitteln die streng hierarchische Jugendorganisation der Unsrigen (Naši) ins Leben gerufen. Diese vereinigt Strukturen des sowjetischen Komsomol mit Aktivitäten, die deutlich von der dissidenten konzeptualistischen Kunst der 1970er und 1980er Jahre inspiriert sind. Schließen

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Heft 5/2006
Seite 5 - 18


Ulrich Schmid

Naši – Die Putin-Jugend
Sowjettradition und politische Konzeptkunst

Die· Bol’ševiki erkannten sehr bald nach der Oktoberrevolution, daß für die Sicherung ihrer Macht die Indoktrination der Jugend eine entscheidende Rolle spielte. Bereits am 4. November 1918 fand die Gründungsversammlung des Leninschen Kommunistischen Jugendverbands der UdSSR (Vsesojuznyj Leninskij Kommunističeskij Sojuz Molodeži), kurz Komsomol statt. Der Komsomol war nach den gleichen Prinzipien wie die KPdSU strukturiert und galt gewissermaßen als Vorschule für die Partei. 1933 bekräftigte Stalin die Schlüsselposition der Jugend im gesellschaftlichen Prozeß: „Die Jugend ist unsere Zukunft, unsere Hoffnung. Die Jugend muß uns Alte ablösen.“ Allerdings war unter Stalin klar, daß die Werte und Geschmackspräferenzen der „Alten“ den Generationswechsel schadlos überstehen sollten.
Eine nicht von oben gelenkte Jugendkultur, die sich an westlichen Stilrichtungen wie Jazz, Rock oder Pop orientierte, konnte sich deshalb erst in den 1950er Jahren entwickeln. Die sogenannten stiljagi hoben sich in Kleidung und Habitus deutlich vom offiziösen Design ab und reklamierten individuelle Gestaltungsräume für sich. Vom staatlichen Establishment wurden sie schnell als „dekadente Intellektuelle mit kleinbürgerlichen Neigungen“ abqualifiziert. Der Komsomol führte aktive Kampagnen gegen die stiljagi, in deren Verlauf auch Hosen und Haare der Nonkonformisten abgeschnitten wurden. Der ideologische Kampf gegen autonome Kulturansprüche der Jugendlichen wurde in den nachfolgenden Jahrzehnten zu einem Dauerthema.
Trotzdem erreichte die Anhängerschaft des Komsomol in den 1980er Jahren mit über 40 Mio. Mitgliedern einen Höchststand. Allerdings zeigten sich bereits während der Perestrojka erste Zerfallserscheinungen: Die Mitgliederzahl sank bis 1990 auf 30 Mio. Dazu kam die wachsende Konkurrenz von alternativen Gruppen. 1987 dominierte die sogenannte Neformaly-Debatte die gesellschaftliche Berichterstattung in den sowjetischen Medien. Gemeint waren damit informelle Vereinigungen, die sich außerhalb der Parteistrukturen für bestimmte Anliegen einsetzten. Diese Ziele mußten nicht unbedingt politisch sein, neformaly konnten sich auch einfach als Liebhaber einer Rockgruppe oder eines Musikstils zusammenschließen. Das Spektrum der neformaly war sehr breit und reichte von Heavy Metal über Hip-Hop bis zu den Hippies. Der Komsomol versuchte, Einfluß auf die neformaly zu nehmen und sie in seine eigene Organisation zu integrieren – allerdings ohne nennenswerten Erfolg.
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion löste sich der Komsomol im Oktober 1991 selbst auf. Vier Jahre später wurde er als Kommunistischer Jugendverband der Rußländischen Föderation (Sojuz kommunističeskoj molodeži RF) wieder ins Leben gerufen; allerdings fristet er heute im politischen Leben Rußlands ein marginales Dasein. Immerhin gratulierte die Duma dem Komsomol am 10. Juni 1998 in einer großzügigen Interpretation der Faktenlage zum 80jährigen Jubiläum. Gleichzeitig gab sie in ihrer Verlautbarung mit dem Titel „Über das 80jährige Bestehen des Komsomol und über die Verwendung der Komsomol-Erfahrung in der Jugendarbeit“ der Hoffnung Ausdruck, daß die Traditionen des Komsomol weiterleben werden.
Postsowjetische Jugendbewegungen
Die Weiterexistenz des Komsomol auf einer Schwundstufe zeugt nur vom Bankrott der kommunistischen Ideologie, nicht aber von einem Ende der politischen Jugendarbeit in Rußland. Die Kreml-Führung weiß genau, daß ihre gesellschaftliche Akzeptanz und damit ihr politisches Überleben in erheblichem Maß von der Loyalität der jungen Generation abhängen.
Kurz nach seinem Amtsantritt hatte Vladimir Putin versucht, einen „jungen“ Ableger seiner Partei Einiges Rußland (Edinaja Rossija) mit einer traditionellen Organisationsform ins Leben zu rufen. Am 9. September 2000 wurde die Partei Jugendeinheit (Molodežnoe edinstvo) gegründet, die am 11. Oktober 2002 eine offizielle Kooperationsvereinbarung mit der Regierungspartei schloß. Allerdings zeigte sich bald, daß die erhoffte Breitenwirkung dieser Jugendpartei ausblieb. Daran hat auch die im November 2005 erfolgte sowjetnostalgische Umbenennung in Junge Garde des Einigen Rußland (Molodaja Gvardija Edinoj Rossii) wenig ändern können.
Kremlnahe Polittechnologen faßten gleichzeitig unkonventionellere und effizientere Formen der politischen Jugendarbeit ins Auge. Im Juli 2000 wurde die Bewegung Gemeinsamer Weg(Iduščie vmeste) als regionale Organisation registriert, ein Jahr später als rußländische Organisation. Der Gemeinsame Weg erregte vor allem durch die zeichensetzende Inanspruchnahme des öffentlichen Raums Aufsehen. Im März 2000 wurde eine spektakuläre Demonstration auf dem Tverskoj-Boulevard organisiert: Moskauer Prostituierte gingen für den wegen einer Sexaffäre entlassenen Generalstaatsanwalt Jurij Skuratov auf die Straße. Am 7. November 2000 fand die erste Manifestation zur Unterstützung des Präsidenten statt. Es folgte 2001 der Aufbau eines kleinen „Gefängnisses“ mit einem „Häftling“ vor der US-Botschaft in Moskau, nachdem der ehemalige Kreml-Verwalter Pavel Borodin in New York unter Geldwäscheverdacht verhaftet worden war. Diese öffentliche Vorführung endete mit einer Zerstörung der amerikanischen Flagge.
Berühmt geworden sind die Aktionen gegen den Schriftsteller Vladimir Sorokin: Im Juni 2002 wurde vor dem Bol’šoj-Theater in Moskau eine gigantische Toilette aufgestellt, in die Sorokins Romane geworfen wurden. Bereits im Januar 2002 hatte der Gemeinsame Weg eine „Bucheintauschaktion“ organisiert, bei der Sorokins „Pornographie“ gegen die „nützliche Literatur“ des sowjetischen Kriegsautors Boris Vasil’ev eingetauscht werden konnte. Die Invektive gegen Sorokin gipfelte in einer Pornographieklage, die vom Gemeinsamen Weg beim Moskauer Bezirksgericht eingereicht wurde und zu einer grotesken juristischen Begutachtung von Sorokins Prosa führte.
Der Gemeinsame Weg erwarb in der Berichterstattung der Massenmedien bald den Beinamen „Putin-Jugend“, weil die Aktivisten in der Regel T-Shirts mit einem Putin-Porträt tragen. In Interviews haben die Verantwortlichen des Gemeinsamen Wegs eine finanzielle Unterstützung des Kreml stets abgestritten und auf das Sponsoring von Banken und Unternehmen verwiesen, die aber angeblich anonym bleiben wollen. Allerdings erhalten die Demonstrationsteilnehmer laut inoffiziellen Informationen 50 Rubel in die Hand; bei mehreren tausend Demonstranten ergeben sich Summen, die nicht durch einfaches Fundraising erwirtschaftet werden können.
Im Jahr 2004 geriet der Gemeinsame Weg in eine Krise. Ein Kadermitglied wurde der illegalen Verbreitung von Pornographie-Videokassetten überführt, außerdem gab es finanzielle Streitigkeiten zwischen der Petersburger Sektion und der Moskauer Zentrale. Überdies scheint sich der Gemeinsame Weg vor allem mit der Klage gegen Sorokin aus der Gunst des Kreml katapultiert zu haben: Vor dem Hintergrund der im Westen stark kritisierten „Italianisierung“ des rußländischen Mediensystems war ein Gerichtsverfahren, das sich auf einen literarischen Text bezog, dem internationalen Renommee Rußlands durchaus abträglich und wurde oft mit der Wiedereinführung einer ideologisch motivierten Zensur in Zusammenhang gebracht.
Vor diesem Hintergrund entschied der Kreml zu Beginn des Jahres 2005, den Gemeinsamen Weg durch eine neue Organisation mit dem Namen Unsere (Naši) abzulösen. Der eigentliche Grund waren aber die „bunten“ Revolutionen in Georgien und der Ukraine, deren Erfolg sich in erheblichem Maß einer politisch mobilisierten Jugend verdankte. Das Ziel der Transformation des Gemeinsamen Wegs in die Unsrigen besteht erklärtermaßen im Aufbau einer Massenbewegung, die bis zu 250 000 junge Menschen umfassen und ein regierungstreues politisches Klima für die Wahlen 2008 vorbereiten soll.




Dieses Programm ist durchaus ambitiös, wenn man in Rechnung stellt, daß ein großer Teil der rußländischen Jugend sich kaum für Politik interessiert. Eine Umfrage der Stiftung Öffentliche Meinung (FOM) im Juni 2005 ergab, daß die 18–35jährigen im Vergleich mit älteren Bevölkerungssegmenten sogar überdurchschnittlich oft eine apolitische Haltung einnehmen. Es wurden Fragen von verschiedener „Härte“ gestellt wie etwa „Glauben Sie, daß sich Menschen Ihres Alters für Politik interessieren?“ oder „Haben Sie mitunter den Wunsch, sich an Demonstrationen oder anderen politischen Aktionen zu beteiligen?“. Bei den Antworten schwankten die Ablehnungsraten zwischen 60 und 70 Prozent. Ein ähnliches Bild ergibt ein Blick auf das reale politische Engagement von 18–29jährigen: Im Dezember 1999 gehörten nur gerade 1,9 Prozent aller Jugendlichen einer politischen Partei und 1,3 Prozent einer Jugendorganisation an.
Naši: Patriotismus und Putin-Kult
Es wäre allerdings falsch, aus diesem Befund zu schließen, daß nationale Themen bei der Jugend auf keinerlei Resonanz stoßen. Im Gegenteil: Im Bewußtsein der jungen Generation gibt es eine deutliche Unterscheidung zwischen „Staat“ (gosudarstvo) und „Vaterland“ (otečestvo). Politische Partizipation an demokratischen Prozessen und emotionales Engagement für Rußland stellen zwei weitgehend getrennte Bereiche im Habitus der Jugend dar. Rußland erscheint im Bewußtsein der Jugendlichen im Vergleich zum Westen zwar oft als wirtschaftlich rückständig, zeichnet sich aber durch eine „höhere Kultur“ und „intensivere Gemeinschaft“ aus.
Auf diese Weise läßt sich auch der auf den ersten Blick paradoxe empirische Befund erklären, daß die Jugendlichen zwar den staatlichen Institutionen kaum trauen, gleichzeitig aber mit hohen Zustimmungsraten Putin unterstützen. Putin ist es mithin gelungen, sich im öffentlichen Diskurs der Jugend als charismatischer Führer zu etablieren – dazu gehört nicht zuletzt seine sorgfältige Selbstpräsentation als Judokämpfer. Seine Autorität als Präsident speist sich nicht so sehr aus seinen staatsmännischen Leistungen, sondern ist vielmehr das Resultat von medienwirksamer Prestigeakkumulation in politikfremden Bereichen. Anders formuliert: Putin profitiert von einer diffusen patriotischen Grundstimmung, ohne gleichzeitig Verantwortung für die mangelhafte staatliche Verwaltung tragen zu müssen.
Auf dieser Grundvoraussetzung baut die politische Strategie der Unsrigen auf. Die Jugendbewegung ist bisher vor allem durch die Organisation einer großen Parade zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes in Erscheinung getreten. Am 15. Mai 2005 versammelten sich über 50 000 Anhänger der Bewegung in einheitlichen T-Shirts auf dem gesperrten Leninprospekt, um die Veteranen des Großen Vaterländischen Kriegs zu ehren. Ähnliche Aktionen fanden auch in den Provinzstädten statt: In St. Petersburg wurden Kämpfe nachgestellt und eine Feldküche aufgebaut, in Voronež bildeten Jugendliche mit ihren Körpern die Jahreszahl 1945, in Novgorod fanden Konzerte statt, in Lipeck und Kursk wurden Exkursionen zu Kampfschauplätzen organisiert.
Im Juli 2005 fand ein zweiwöchiges Lager am Seliger See bei Tver’ statt, an dem über 3000 Jugendliche teilnahmen. Der Stundenplan war dicht gedrängt mit Vorlesungen, Seminaren, Sportveranstaltungen und Exkursionen. Wie das Lagerprogramm stolz vermerkt, standen für Schlaf nur sechs Stunden pro Tag zur Verfügung. Wichtig war dabei ein Angebot an vorgefertigter Emotionalität, bei dem das Gruppenerlebnis für die Beteiligten wichtiger war als die politische Ideologie.
Für die Aktionen der Unsrigen muß eine massive finanzielle Unterstützung durch die Administration des Präsidenten angenommen werden. Allein die Moskauer Mai-Demonstration und das Seliger-Lager kosteten nach Presseberichten über vier Millionen Dollar. Überdies empfing Präsident Putin nach dem Abschluß des Lagers persönlich eine Delegation von 56 „Kommissaren“ der Unsrigen auf seiner Landresidenz. Ein erstes Treffen mit dem Kader der Unsrigen hatte bereits am 1. Juni 2005 stattgefunden. Mit diesen persönlichen Kontakten erhält die Zusammenarbeit zwischen Putin und den Unsrigen eine neue Qualität. Während der Präsident vorsichtige Distanz zum Gemeinsamen Weg wahrte, verleiht er den Unsrigen eine Aura von offiziöser Anerkennung.


Komsomol-Tradition: Ehrenkodex, Sowjetkult und „Antifaschismus“
Die Organisation der Unsrigen weist einige Ähnlichkeiten zum sowjetischen Komsomol auf. So greift etwa die Herrschaftsstruktur der Unsrigen deutlich auf die Komsomol-Hierarchie zurück. Die Jugendarbeit der Unsrigen wird von „Kommissaren“ auf verschiedenen Ebenen (Föderation, Region, Ort) geleitet. Außerdem ist eine Arbeitsteilung in verschiedene Sektoren vorgesehen: Organisation von politischen Veranstaltungen, Medienanalyse und schließlich sogar eine interne Polizei. Bezeichnenderweise ist es den Unsrigen untersagt, Journalisten Interviews zu geben. Es herrscht eine gewisse Art von „omertà“, die auch in der Satzung des Komsomol ihren Niederschlag gefunden hatte: Jedes Mitglied war zur Wahrung militärischer und staatlicher Geheimnisse sowie zu „politischer Wachsamkeit“ verpflichtet.
Parallelen lassen sich auch bei der Ideologie der beiden Jugendbewegungen beobachten. Die Komsomolzen mußten „unablässig an der Steigerung des eigenen Bewußtseins arbeiten“, „Disziplin bei der Arbeit und im Staat“ wahren, „ehrlich und aufrichtig sein“ und „die erhaltenen Aufträge gewissenhaft ausführen“. Auch die Unsrigen verfügen über einen Kodex, der von den Mitgliedern „Patriotismus“, „strategisches Denken“, „gesellschaftliche Verantwortung“ und „Führungsqualitäten“ einfordert. Das ideologische Manifest der Unsrigen mündet in drei zentrale Ziele: die Bewahrung der Souveränität und der territorialen Integrität Rußlands, die Modernisierung des Landes und die Schaffung einer funktionierenden Zivilgesellschaft. Der Text macht gleichzeitig klar, daß diese Ziele nur von Putin erreicht werden könnten.
Die ganze Rhetorik der Unsrigen ist militarisiert; die Organisation hat sich ganz besonders dem Kampf gegen den „Faschismus“ verschrieben. Zwar steht in erster Linie Ėduard Limonov mit seiner Nationalbolschewistischen Partei (Nacional-Bol’ševistskaja Partija, NBP) im Visier der Unsrigen; gleichzeitig macht aber eine Broschüre mit dem Titel „Ungewöhnlicher Faschismus“ klar, daß auch liberale Politiker wie Irina Chakamada oder Grigorij Javlinskij für die Unsrigen „Faschisten“ sind. Bei diesem Kunstgriff läßt sich durchaus ein sowjetisches Deutungsmuster feststellen: Auch im sowjetischen Kontext war der Begriff „Faschismus“ eine politische Kampfvokabel, die je nach Belieben auf verschiedene Erscheinungen bezogen werden konnte. So wurde etwa 1936 im Kampf gegen die angebliche „trockistisch-sinovevistische Verschwörung“ auf die Hakenkreuzsymbolik zurückgegriffen.

Eine Neuauflage sowjetischer Hermeneutik läßt sich auch im Geschichtsbild der Unsrigen beobachten. Für mehr als ein Jahrzehnt stellte der sogenannte Kratkij kurs aus dem Jahr 1938 die maßgebliche offizielle Lesart der sowjetischen Geschichte dar. Diese Geschichtsklitterung, die Stalin als Garanten des „richtigen Kurses“ ins Zentrum stellte, wurde bis zu dessen Tod in 300 Nachdrucken mit einer Gesamtauflage von 42,8 Mio. Exemplaren verbreitet. Die gesamte Darstellung des Kratkij kurs ist von einem Determinismus getragen, der in jedem historischen Ereignis einen Fingerzeig für die künftige Entwicklung erblickt. Das Schlußkapitel des Buchs bietet eine Zusammenstellung der Erkenntnisse, die man aus der Geschichte der Kommunistischen Partei gewinnen könne. Dabei wird kein Zweifel daran gelassen, daß die „Lehren“ aus der Vergangenheit nicht nur hinreichende, sondern auch notwendige Bedingungen für den weiteren Gang der Geschichte darstellen:

Die Kraft der marxistisch-leninistischen Theorie besteht darin, daß sie der Partei die Möglichkeit gibt, sich in der jeweiligen Situation zu orientieren, den inneren Zusammenhang der rings um sie vor sich gehenden Ereignisse zu verstehen, den Gang der Ereignisse vorauszusehen und zu erkennen nicht nur, wie und wohin sich die Ereignisse gegenwärtig entwickeln, sondern auch, wie und wohin sie sich künftig entwickeln müssen.
Natürlich in weit weniger dogmatischer Form, aber gleichwohl deutlich erkennbar ist auch das Geschichtsverständnis der Unsrigen von der Vorstellung bestimmt, daß man „Lehren“ aus der Geschichte ziehen könne. An der organisationseigenen Höheren Verwaltungsschule (Vysšaja škola upravlenija) arbeitet der revisionistische Historiker Andrej Petrovič Paršev, der hauptberuflich im Rang eines Obersten an der Grenzschutz-Akademie (Akademija pograničnoj služby) unterrichtet und sich beispielsweise für eine positive Neubewertung von Stalins Geheimdienstchef Lavrentij Berija einsetzt. Für die Unsrigen hat Paršev eine Broschüre mit dem Titel Der rußländische Weg (Rossijskij put’) verfaßt, die den Gang der russischen Geschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart auf knapp 100 Seiten ad usum delphini darstellt.
Das Kernstück dieser Broschüre ist wie im Kratkij kurs das Schlußkapitel, in dem Paršev vier Krisenzeiten in der russischen Geschichte benennt und gleichzeitig auf vier Konstanten aufmerksam macht, die angeblich in einem kausalen Zusammenhang mit diesen Krisen stehen. Einen Niedergang der nationalen Größe Rußlands konstatiert Paršev während des Mongolenjochs, der Smuta, der Oktoberrevolution und in der heutigen Situation. Verantwortlich dafür sind laut Paršev folgende Faktoren: Schwächung der Zentralmacht, Dekadenz der Eliten, Entfremdung des Volks von der Macht und schließlich ausländische Einmischung. Die politischen Konsequenzen, die aus dieser Diagnose zu ziehen sind, liegen auf der Hand und laufen auf eine historiosophische Legitimierung von Putins populistisch-autoritärem Kurs hinaus.
Ein ähnliches Geschichtsbild findet man beim kremlnahen Polittechnologen Gleb Pavlovskij, der am 18. Juni 2005 in St. Petersburg vor den Unsrigen eine Rede hielt. Darin kritisierte Pavlovskij den offiziellen Umgangston Rußlands mit den Nachfolgestaaten Lettland und Ukraine als zu „höflich“; gleichzeitig wagte er die Aussage, daß die Sowjetunion im 20. Jahrhundert „das konsequenteste antifaschistische Imperium der Welt“ gewesen sei. Den naheliegenden Einwand, daß der Ribbentrop-Molotov-Pakt kaum zu dieser Einschätzung passe, wischte er mit den Worten beiseite, dieses „in der Tat problematische“ Ereignis halte man den Russen mit trotziger Hartnäckigkeit vor. Auch das sowjetische Wirtschaftsmodell habe sich zwar als Sackgasse erwiesen, das heiße aber nicht, daß der Weg falsch gewesen sei. Rußland stehe seit je mit seinen weltverbessernden Visionen in Konkurrenz zu den USA, die von einem ähnlichen Missionsgedanken beseelt seien, aber natürlich ganz andere Rezepte predigten. Für Pavlovskij ist also – ähnlich wie für Paršev – nicht das Sowjetregime die Katastrophe, sondern sein Zusammenbruch.
Die Ideologen der Unsrigen plädieren vor dem Hintergrund eines Staatsdarwinismus, der immer wieder die Schlüsselbegriffe „Konkurrenz“, „Überleben“ und „Sieg“ einsetzt, für eine Rückkehr Rußlands zum Supermachtstatus der Sowjetunion. Die Schlüsselthemen der Unsrigen sind aller Wahrscheinlichkeit nach das Ergebnis sorgfältiger polittechnologischer Überlegungen. Die Prominenz des Zweiten Weltkriegs entspricht dem Geschichtsbild einer Mehrheit der rußländischen Bevölkerung. In Serienuntersuchungen führte der „Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“ jeweils mit deutlichem Vorsprung die Nennungen zur Frage nach den wichtigsten Ereignissen des 20. Jahrhunderts für Rußland an (1989: 77 Prozent, 1994: 73 Prozent, 1999: 84 Prozent). An zweiter Stelle stand die Oktoberrevolution (1989: 63 Prozent, 1994 und 1999: 49 Prozent).
Lev Gudkov hat bei der Analyse der nationalen Identität der rußländischen Bürgerinnen und Bürger darauf hingewiesen, daß sich dieses Selbstbild nicht als System bestimmter Merkmale beschreiben lasse und auch nicht auf persönlicher Erfahrung beruhe. Vielmehr sei die rußländische Identität eine „negative“: Sie konstituiere sich aus der Ablehnung des Fremden, Bedrohlichen, das für die eigene Misere verantwortlich gemacht werde. Dieser Prozeß beruhe nicht auf persönlicher oder kollektiver Erfahrung, sondern sei das Resultat einer kognitiven Sozialisierung – d.h. die Bewertungsmuster würden durch den öffentlichen Diskurs vorstrukturiert.
Vor dem Hintergrund dieser Gegebenheiten erscheint die Verbindung von Kriegserinnerung und diskursiver Reanimation eines verschwommenen Faschismusbegriffs als geschickte PR-Strategie der Unsrigen. Die Jugendorganisation vereinnahmt jene Themen für sich, die ohnehin schon einen zentralen Ort im Bewußtsein der rußländischen Bevölkerung einnehmen. Gleichzeitig verleihen die Unsrigen ihren Mitgliedern eine nationale Identität, die hauptsächlich auf der Negation von „Feinden“ beruht. Dabei wird die komplexe politische Realität radikal auf zwei Pole reduziert: Dem verteufelten „Faschismus“ steht die Lichtgestalt Putin gegenüber, der mutig und entschlossen das Natterngezücht von links und rechts abwehrt.
Dieses simple Orientierungsraster wird zur Grundlage der gesamten politischen Tätigkeit der Unsrigen. Es ist bezeichnend, daß das Manifest der Jugendorganisation fast vollständig auf Inhalte verzichtet. Man findet kein Wort zu Wirtschafts-, Sozial- oder Bildungspolitik, nur ein Bekenntnis zu Putin. Der Name des Präsidenten ist das einzige Programm. Putin erscheint als Garant der Abwehr aller fremden Einflüsse, die von den Unsrigen unter der Kampfparole „Faschismus“ zusammengefaßt werden. Gudkov weist darauf hin, daß die negative Identität der rußländischen Bürgerinnen und Bürger die Nachfrage nach „populistischen, pseudocharismatischen Figuren wie Putin“ erst hervorbringe.
Politische Jugend und Konzeptkunst
Nun wäre es allerdings verfehlt, aus diesen Strukturähnlichkeiten zu schließen, daß die Unsrigen nur eine Neuauflage des Komsomol darstellten. Einen wichtigen Unterschied zum Komsomol markieren nämlich die öffentlich inszenierten Aktionen der Unsrigen, die – wie bereits die Veranstaltungen des Gemeinsamen Wegs – deutlich von der Moskauer Soz-Art inspiriert sind. Daß mit Vladimir Sorokin ein Begründer des Konzeptualismus im Fadenkreuz der Attacken der Unsrigen steht, ändert nichts an der Tatsache, daß man die politischen Aktionen der Jugendorganisation als Konzeptkunst deuten kann.
Im Zentrum der Soz-Art, die sich seit den 1970er Jahren in Moskau entwickelte, stand der Versuch, abstrakte Konzepte in ihrer Gegenständlichkeit sichtbar zu machen. Dabei orientierte sich die sowjetische Konzeptkunst an der westlichen Pop-Art: Andy Warhol hatte in seinen Kunstwerken die Überproduktion von Waren inszeniert und den Fetischcharakter der Konsumgesellschaft offengelegt. Die Moskauer Konzeptualisten versuchten demgegenüber, die Überproduktion von Ideologie in der Sowjetunion künstlerisch zu verarbeiten. Das grundlegende Verfahren sowohl der Pop-Art als auch der Soz-Art ist die Realisierung der Metapher. In der Soz-Art dominiert die ungebrochene Veranschaulichung ideologischer Inhalte: Die ursprüngliche Qualität des Gegenstands wird durch ein vom Künstler aufgesetztes Pathos des Ausdrucks überhöht. Dieser semantische Gestus wurde und wird oft als Satire mißverstanden. Der Soz-Art geht es allerdings um etwas anderes: Sie usurpiert gewissermaßen die expressive Energie, mit der ihre Objekte ideologisch aufgeladen wurden, und setzt sie für ihre eigenen, ästhetischen Zwecke ein.
Die politische Konzeptkunst des Gemeinsamen Wegs und der Unsrigen bedient sich eines ähnlichen semantischen Gestus. Allerdings werden Zweck und Mittel vertauscht: Während die Soz-Art mit der Reinszenierung von politischen Zeichen einen künstlerischen Zweck verfolgt, eignen sich die postkommunistischen Jugendorganisationen die konzeptualistische Formensprache der Soz-Art an und machen sie einem politischen Ziel dienstbar. Deutlich zeigt sich dies etwa in der Toilettenschüssel-Aktion, die als Realisierung der Metapher „Sorokins Bücher sind Scheiße“ gedeutet werden kann.
Die ästhetische Imitierung der Soz-Art kann aber auch komplexere Formen annehmen. Die kollektiven Aktionen der Unsrigen folgen einem ähnlichen Prinzip wie die berühmten Aktionen der Lianozovo-Gruppe, die in den 1960er Jahren in einem Moskauer Vorort ein Kunstreservat schuf. In beiden Fällen treten die beteiligten Personen nicht als schaffende Autoren auf, die einen bestimmten Sinnentwurf hervorbringen. Die Aktionskünstler sind vielmehr Teil des Kunstwerks selbst: Sie werden in eine bestimmte Konstellation gebracht und funktionieren gewissermaßen als Mosaikstein in einem Gesamtkunstwerk. Mit anderen Worten: Die Trennung zwischen Autor und Werk wird aufgehoben. Der Moskauer Kritiker Josif Bakštejn bringt diesen Zusammenhang auf die Formel: Um Künstler zu sein, muß man zu einer Figur werden. Diese Identifikation entspricht einem zentralen Inhalt der konzeptualistischen Ästhetik: Der Künstlerforscher steht nicht in einer nüchternen Distanz zu seinem Gegen-stand. Er versteht sich selbst als Teil jenes Sinnentwurfs, den er inszenieren, beschreiben oder analysieren will.
Die kollektiven Aktionen der Konzeptualisten bringen alle Teilnehmer in eine Situation, in der auf anstürmende Zeichen reagiert werden muß. Oft handelt es sich dabei um ritualisierte Zeichen, politische Symbole, ideologische Bilder. Gleichzeitig bauen sie in ihre Versuchsanlagen auch Elemente ein, die die Verständlichkeit erschweren und dadurch den Kunstcharakter vom Inhalt des Dargestellten auf den Prozeß der Rezeption verschieben. Ein interessantes Beispiel bietet die Aktion „Losung“ („Lozung“, 1980) von Andrej Monastyrskij: An einem Waldrand wurde eine weiße Stoffbahn mit verhüllten roten Buchstaben aufgehängt. Erst als sich alle Aktionsteilnehmer in genügendem Abstand von der Stoffbahn befanden, wurde die Hülle entfernt. Die Buchstaben auf der Stoffbahn waren zu weit entfernt, um von den Beteiligten noch gelesen werden zu können.
Diese Aktion inszenierte mithin das Eintauchen der Rezipienten in den Zeichenraum politischer Propaganda – dabei wurde aber paradoxerweise der zu kommunizierende Inhalt unverständlich. Derselbe Mechanismus läßt sich auch bei den Aktionen der Unsrigen zum sechzigsten Jahrestag des Kriegsendes beobachten: Wenn die Aktionsteilnehmer mit ihren eigenen Körpern die Jahreszahl 1945 bilden, bleibt die Gesamtaussage für sie selbst unlesbar. Anders als bei einer konventionellen politischen Demonstration „transportieren“ die Aktionisten nicht einen politischen Inhalt, sondern sie sind selbst das Zeichenmaterial dieses Inhalts. Bei der Jahreszahl 1945 kann man überdies kaum von einem Inhalt sprechen; es handelt sich hier um ein emotional aufgeladenes Symbol, dessen einzige Wirkung darin besteht, die Aktionsteilnehmer in einen von ihnen als wertvoll empfundenen Sinnzusammenhang zu bringen. Damit realisieren sie ihre Subjektivität in einem durchaus etymologischen Sinn: Sie unterwerfen sich einem Symbolgehalt, den sie selbst weder durchschauen noch kontrollieren.
Die Anlage der Aktion macht gleichzeitig deutlich, daß sich die Inszenierung vor allem auf die in-group bezieht. Dieser Aspekt zeigt sich besonders deutlich in der Tatsache, daß die Zahl 1945 ja nicht nur von den Aktionisten selbst, sondern auch von den umstehenden Zuschauern nicht gelesen werden kann. Für die Entzifferung ist eine extreme Außenposition nötig, die nur von einem Hubschrauber eingenommen werden kann. Damit fällt die Kommunikation eines Inhalts an Außenstehende als Hauptzweck der Aktion weg. Im Zentrum steht vielmehr das Bewußtsein der Teilnehmer, in einem holistischen Sinnentwurf eine notwendige Funktion auszuüben.
Eine wichtige Rolle spielt bei den politischen Aktionen der Unsrigen die Aneignung der kollektiven Wertschätzung, die in einem bestimmten Begriff steckt.

Im vorliegenden Fall wird die symbolische Energie, die sich in Rußland mit dem „Sieg über den Faschismus“ verbindet, auf die Jugendbewegung umgeleitet. Im Grunde wird hier dasselbe polittechnologische Verfahren angewendet, auf dem auch Putins Popularität beruht: Erfolge aus emotional aufgeladenen Bereichen wie Sport oder Krieg werden in den aktuellen politischen Diskurs eingespielt und suggerieren dort genau jene Qualitäten, die eigentlich aus dem Ursprungsbereich stammen: Kraft, Zuversicht, zielgerichtetes Handeln.
Dieser Übertragungsvorgang von symbolischer Energie aus einem Diskursbereich in einen anderen kann mit einem kantischen Begriff als „Subreption“ (wörtlich: Erschleichen) bezeichnet werden: Kant erklärt mit der Subreption das ästhetische Gefühl des Erhabenen, das sich nur scheinbar aus der „Achtung für das Objekt“ ergibt, in Wahrheit aber eine „Idee in unserem Subjekt“ bezeichnet. Subreption steht also für die Verschiebung einer emotionalen Empfindung, die eigentlich dem beobachtenden Ich zukommt, auf den beobachteten Gegenstand. Dem Objekt wird eine bestimmte Qualität zugeschrieben, die aber nicht in ihm, sondern im zuschreibenden Subjekt liegt. Kant erläutert diesen Prozeß im Hinblick auf das Gefühl des Erhabenen, das sich nur am Objekt (also etwa dem Anblick des Ozeans) entzünde, eigentlich aber die hohe Bestimmung der Menschheit meine.
Diese Subreption zeigt sich explizit im Slogan der großen Moskauer Demonstration zum Jahrestag des Kriegsendes. Die Unsrigen stellten die Veranstaltung unter den Titel „Unser Sieg“. Damit wurde eine Leistung, die gar nicht der Jugendorganisation zu verdanken ist, für die eigene Positionierung in der Gesellschaft vereinnahmt. Recht besehen handelte es sich bei dieser großangelegten Aktion um eine diskursive Verschiebung, die mit einem quid pro quo operierte: Die eigene Sache, nämlich der Sieg über die „Faschisten“ Chakamada und Javlinskij, wurde als Zelebrierung des Sieges über die „deutschen Faschisten“ vor 60 Jahren inszeniert. Die Unsrigen appellieren an ein simples Geschichtsbild, das in seinen wesentlichen Zügen sowjetisch geprägt ist, und präsentieren sich selbst in einer Kontinuität, die von der rußländischen Gesellschaft sofort verstanden und auch akzeptiert wird.
Insgesamt läßt sich festhalten, daß die typologischen Gemeinsamkeiten der politischen Konzeptkunst der Unsrigen mit der Soz-Art der 1970er und 1980er Jahre auffallend sind. Allerdings gibt es auch einen gewichtigen Unterschied. Der entscheidende Punkt ist die Zugehörigkeit der Akteure zu verschiedenen Generationen. Während die Moskauer Konzeptualisten in der Sowjetunion sozialisiert wurden und das politische System aus eigener Erfahrung kannten, gehören die Aktivisten der Unsrigen zu einer Generation, die nicht mehr auf dasselbe soziale Gedächtnis zurückgreifen kann. Deshalb werden Reinszenierungen von sowjetischen Habitusformen von der jüngeren Generation in der Regel auch akzeptiert. Als prominentes Beispiel läßt sich die Wiedereinsetzung der Stalin-Hymne durch Putin anführen, aber auch der autoritäre Führungsstil des Präsidenten oder seine aggressive Tschetschenienpolitik gehören in dieses Kapitel.
Ausblick
Es ist schwierig abzuschätzen, ob die Unsrigen in Zukunft tatsächlich die vom Kreml erhoffte Breitenwirkung in der rußländischen Jugend erzielen können. Dafür spricht die ausgesprochen professionelle Struktur der Organisation, die über eine klare Hierarchie, ein weitverzweigtes Netz in allen Regionen und über beträchtliche finanzielle Ressourcen verfügt. Negativ hingegen sind die Erfolgsaussichten zu bewerten, wenn man in Rechnung stellt, daß es enorm schwierig sein wird, eine dauerhafte Bindung der Jugend an den rußländischen Staat zu erreichen. Das praktizierte „Kaufen“ von Aktivisten ist höchstens im Sinne einer Anschubfinanzierung plausibel – wenn es den Polittechnologen aus dem Kreml nicht gelingt, die pekuniäre Anbindung der einzelnen Jugendlichen an die Unsrigen mittelfristig durch eine emotionale zu ersetzen, droht bei der ersten Budgetkürzung der Zerfall der Organisation.
Entscheidend für eine nachhaltige, wertprägende Beeinflussung der jugendlichen Befindlichkeit wird die Wirkungskraft der „Subreption“ sein, mit der die Unsrigen den Staat zum Vaterland umkodieren. Die Unsrigen sollen nach dem Kalkül des Kreml zur Keimzelle einer loyalen Grundstimmung in einer rußländischen Gesellschaft werden, die in einem unkritischen Patriotismus die Regierungspolitik bedingungslos unterstützt. In diesem Fall könnte die Schreckensvision des ukrainischen Autors Andrej Kurkov aus seinem jüngsten Roman Die letzte Liebe des Präsidenten wahr werden: Im Moskau des Jahres 2015 wird immer noch Putin regieren, und die Polittechnologen des Kreml werden die diffusen patriotischen Gefühle der Russen auf einen synkretistischen Komplex nationaler Überzeugungen richten, in dem etwa mit der Heiligsprechung Lenins durch die russisch-orthodoxe Kirche operiert wird.

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Heft 5/2006
Seite 39 - 58


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Die Millionengaben
Oligarchen und Fußball in der Ukraine

Marcel· Mauss fragt in seiner berühmten Studie über die Gabe nach der Kraft, die einem Geschenk innewohnt und bewirkt, daß es erwidert wird. Mauss zeigt anhand von Beispielen aus Polynesien, Melanesien und Nordwestamerika, daß in den meisten Fällen auch scheinbar altruistische Gaben einem Zweck dienen: Sie verleihen Prestige, dienen der Aufrechterhaltung von Sozialverhältnissen oder dem Eingehen neuer Verbindungen. Geschenke umfassen zudem nicht nur Wirtschaftsgüter, sondern auch symbolische Dinge, die eine eigene geistige Kraft entfalten können, die Geber und Empfänger miteinander verbindet.
Mauss Versuch, die Moral und die Logik des Gabentauschs zu verstehen, kann helfen, die Frage zu beantworten, warum einflußreiche und scheinbar rational kalkulierende Eliten aus Politik und Wirtschaft wie der ukrainische Oligarch Rinat Achmetov, Fußballvereine mit Millionensummen fördern, obwohl damit in den meisten Fällen kein direkter persönlicher wirtschaftlicher Nutzen verbunden ist. Denn entgegen weitverbreiteten Annahmen läßt sich mit Fußball nur in seltenen Fällen Geld verdienen, da aufgrund des kostenintensiven Wettstreits um die besten Spieler derzeit kaum ein europäischer Spitzenverein profitabel wirtschaftet. Es stellt sich demnach die Frage, welche Aufgaben die Millionengaben für den Fußball erfüllen sollen.
Wer dies am Beispiel des Verhältnisses von Oligarchen und Fußball in der Ukraine sowie in Rußland untersucht, ist mit dem Handicap konfrontiert, daß wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Literatur weitgehend fehlt. Insofern ist es erforderlich, das aus der Presse und dem Internet gewonnene Material über die beiden großen Fußballclubs der Ukraine, Dynamo Kiew und Schachtjor Donezk mit Hilfe des typologischen Vergleichs mit Clubs aus anderen europäischen Ländern zu ergänzen.
Das Engagement wirtschaftlicher und politischer Eliten in Spitzenvereinen des europäischen Profifußballs folgt unterschiedlichen Rationalitäten. Einzig auf finanziellen Gewinn ausgerichtete Strategien wie die des neuen Besitzers von Manchester United, Malcom Glazer, treffen auf Widerstand. Das Engagement für einen Verein eignet sich aufgrund der starken emotionalen Komponente des Fußballs dagegen gut als symbolisches Kapital, was Silvio Berlusconi als Präsident des AC Mailand mustergültig erkannt hat. Die Familie Agnelli führt den italienischen Rekordmeister Juventus Turin als Familienerbe und beweist so ihre Verbundenheit mit der Stadt Turin. Und der Fall von Roter Stern Belgrad zeigt, daß Fußball in Krisenzeiten auch als Ressource militärischer Mobilisierung genutzt werden kann.
In der Ukraine agieren die Oligarchen grundsätzlich aus ähnlichen Motiven. Jedoch kann ihr Handeln nur aus der Logik eines neopatrimonialen Staates mit starker regionaler und klientelistisch legitimierter Herrschaftsausübung verstanden werden. Die Analyse von Fallbeispielen aus der ukrainischen Vyša Liga, kontrastiert mit Verweisen auf die Situation in Russland, liefert Erklärungen für das Engagement von Oligarchen und somit eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn der Millionengaben für den Fußball. Als Oligarchen gelten Unternehmer, die für die rußländische oder ukrainische „Volkswirtschaft insgesamt von Bedeutung sind und die in einer Symbiose mit der politischen Führung auf politische Entscheidungsprozesse in ihrem Interesse Einfluß nehmen“.

Die Logik der Gabe: Elitenstrategien in Europas Fußball
Dem Engagement wirtschaftlicher und politischer Eliten im Profifußball können vielfältige Motive zugrunde liegen. In den wenigsten Fällen handelt es sich dabei um Strategien kurzfristiger Geldvermehrung. Vielmehr steht eine andere Logik hinter den Gaben.
Fußball als ökonomische Gewinnstrategie: Manchester United
Ein rein finanzieller Beweggrund scheint lediglich die feindliche Übernahme des börsennotierten englischen Fußballvereins Manchester United durch den amerikanischen Spekulanten Malcom Glazer veranlaßt zu haben. Glazer ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme unter den zahlreichen in europäische Fußballclubs investierenden Wirtschaftsakteuren. Der 76jährige gilt nicht als großzügiger Mäzen, sondern als Geizhals, der sich trotz eines Privatvermögens von geschätzten 800 Millionen Euro mit 20-Dollar-Hosen der Billigmarke JC Penney begnügt. Zudem bedeutet sein Einstieg bei Manchester United für den 126 Jahre alten Fußballclub keine finanzielle Besserstellung, sondern hat eine Verschuldung des bisher reichsten Fußballvereins der Welt zur Folge. Glazer ist bei der Anhängerschaft des Clubs verhaßt. Ihm wird nachgesagt, bis zur Übernahme des Vereins noch kein Spiel im Stadion Old Trafford gesehen zu haben. So ist jeder seiner seltenen Auftritte in Manchester von Fanprotesten begleitet. Mitunter wird eine an einem Galgen baumelnde Glazer-Puppe durch das Stadion getragen.
Gegen den Willen der Vereinsführung erwarb Glazer zwischen 2003 und 2005 einen Großteil der Aktien des börsennotierten Vereins. Nachdem es ihm gelungen war, seinen Anteil auf 75 Prozent zu erhöhen, nahm er das Recht in Anspruch, den Verein von der Börse zurückzuziehen. Später erwarb Glazer durch Zwangsabfindungen von Kleinaktionären, in den meisten Fällen treue United Fans, 100 Prozent des Unternehmens, so daß der berühmteste und populärste englische Fußballclub schließlich am 28. Juni 2005 Teil des Privatbesitzes von Malcom Glazer wurde. Durch die Berufung der Söhne Joel, Bryan und Avram in den Vorstand übernahm die Familie Glazer die Kontrolle über das Tagesgeschäft.
Glazer finanzierte den 1,2 Milliarden teuren Kauf von Manchester United zu einem Großteil mit Schulden. Diese Schulden schrieb er auf den bisher schuldenfreien Verein um, so daß Manchester United künftig eine jährliche Zinslast von 33 Millionen Euro begleichen muß. Das vereinseigene Stadion Old Trafford wurde als Kredit-Sicherheit verpfändet. Um die Schuldenlast zu tragen, mußten bereits 20 leitende Angestellte des Vereins entlassen und die Spielergehälter um 16 Millionen Euro gesenkt werden. Zusätzlich sollen die Eintrittspreise in den kommenden fünf Jahren von derzeit durchschnittlich 37 auf 66 Euro steigen.
Glazers Gewinnkalkulation könnte durch den massiven Widerstand der Fans von Manchester United in Gefahr geraten. Neben Protesten und Boykotten gründeten diese bereits einen neuen nicht-kommerziellen Verein, den FC United of Manchester, dessen Spiele in der zehnthöchsten englischen Spielklasse mehrere Tausend Zuschauer anlocken. Aufgrund der negativen Resonanz auf die neue Vereinsführung kündigte der bisherige Hauptsponsor Vodafone seinen auf vier Jahre laufenden und mit 52 Millionen Euro dotierten Vertrag. Auch der amerikanische Sportartikelhersteller Nike hat angekündigt, seinen bis 2012 laufenden Ausrüstervertrag zu überprüfen. Während Glazer mit einem ähnlichen Vorhaben beim amerikanischen Football-Verein Tampa Bay Buccaneers finanziellen Erfolg hatte, deutet sich an, daß ein allein auf kurzfristigen finanziellen Gewinn ausgerichtetes Engagement im europäischen Fußball auf massiven Widerstand stößt.
Fußball als Familienerbe: Juventus Turin
Für ein erfolgreiches Engagement scheint es dagegen von zentraler Bedeutung zu sein, daß zwischen den Fußballvereinen und ihren wirtschaftlichen und politischen Patronen mehr als nur eine finanzielle Verbindung besteht. Repräsentativ ist die Verbindung zwischen der Familie Agnelli und Juventus Turin, die seit drei Generationen besteht. Bereits in den 1920er Jahren unterstütze Edoardo Agnelli den Fußballclub seiner Stadt, später folgten ihm seine Söhne Giovanni und Umberto, die 2003 bzw. 2004 starben.
1923 ging Edoardo Agnelli eine Partnerschaft mit dem damals erfolglosen Verein ein und wurde dessen Präsident. Dank der finanziellen Unterstützung Agnellis wurde die Mannschaft erheblich verstärkt und mehrmals italienischer Meister, 1931 bis 1935 gar fünfmal in Folge. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Giovanni von seinem bei einem Flugzeugunglück verstorbenen Vater die Vereinsführung, die er wenig später seinem Bruder Umberto überließ. Giovanni und Umberto blieben bis zu ihrem Tode Ehrenvorsitzende des Vereins. Derzeit wird Juventus von Franzo Grande Stevens, einem der Familie Agnelli nahestehenden Rechtsanwalt geführt. Er gilt als Platzhalter für die kommende Generation der Agnellis, insbesondere für Umbertos Sohn Andrea und Giovannis Enkel Lapo Elkann, die künftig die Geschäfte von Juve führen sollen.
Juventus ist mit 28 Meistertiteln der erfolgreichste Verein Italiens. Das Engagement der Agnellis ist nicht nur auf diesen sportlichen Erfolg ausgerichtet, sondern gilt der gesamten Stadt. So fördert der Verein in seinen Jugendabteilungen die schulische Ausbildung seiner Talente. Aufgrund ihrer persönlichen Teilnahme galten die Agnellis zudem nicht nur als Sponsoren, sondern als Vereinsväter. Über sein Verhältnis zu Giovanni Agnelli erzählte Mannschaftskapitän Alessandro Del Piero, der seit 13 Jahren bei Juve spielt:

Der avvocato Gianni Agnelli, unser Übervater bei Juventus, hatte die Gewohnheit, mich morgens um sieben Uhr anzurufen und sich zu erkundigen, wie es mir geht. Er fragte immer: „Del Piero, habe ich Sie geweckt?“ Natürlich hatte er mich geweckt, um diese Zeit. Ich aber antwortete ihm: „Nein, avvocato, ich war gerade im Bad.“ Irgendwann antwortete ich ihm: „Ja, Sie haben mich geweckt.“ Wie Agnelli reagierte? Er rief fortan um acht an.


Giovanni Agnelli, ein promovierter Jurist, daher die Bezeichnung „avvocato“, galt, nachdem er 1963 die Geschäfte des Familienunternehmens Fiat übernommen und dieses zu einem der führenden Autoproduzenten Europas ausgebaut hatte, als erfolgreichster und einflußreichster Unternehmer Italiens. Neben dem Fußballverein Juventus sowie Fiat, Alfa Romeo, Ferrari und Lancia gehören auch die wichtigen Tageszeitungen La Stampa und Corriere della Sera zum Familienvermögen der Agnellis. Aufgrund ihres immensen Vermögens und dem damit verbundenen politischen Einfluß werden die Agnellis mitunter als die „inoffiziellen Monarchen Italiens“ bezeichnet.
Fußball als symbolisches Kapital: AC Mailand
Während Juventus Turin als Familienunternehmen von Generation zu Generation weitervererbt wird, dient der AC Mailand, der größte nationale Rivale von Juventus, seinem Präsidenten Silvio Berlusconi vor allem als Prestige-Objekt. Der Vorsitz beim international renommierten und enorm populären Club bot Berlusconi von Anfang an die Möglichkeit, sich als Siegertyp und Erfolgsmann und gleichzeitig als Vertreter des einfachen Volkes zu präsentieren. Der AC Mailand dient Berlusconi demnach als symbolisches Kapital, das in ökonomisches, soziales oder politisches Kapital umgewandelt werden kann.
Berlusconi, Sohn einer Mailänder Kleinbürgerfamilie, zeigte nach Aussagen seiner Lehrer als Jugendlicher keine Vorliebe für den Sport. Doch bereits als junger Bauunternehmer auf Sardinien sponserte er die örtliche Fußballmannschaft von Olbia, um die nötigen Baulizenzen zu erhalten. 1986 übernahm er die Geschäfte des damals in Folge illegaler Wettgeschäfte kriselnden AC Mailand, unterstützte diesen mit mehr als 20 Millionen Euro und führte ihn so zurück in die Riege der europäischen Spitzenclubs. Später nutzte er die Fußballspiele seines Clubs vor allem, um die Marktanteile seiner TV-Sender zu erhöhen und Stimmen für seine Partei Forza Italia zu sammeln.
Der Geschäftsführer des AC Mailand, Adriano Galliano, fungiert gleichzeitig als Vorsitzender der italienischen Liga, in dessen Aufgabenbereich auch die Leitung der Verhandlungen über die Vergabe der Fernsehrechte fällt. Anders als die medienscheuen Agnellis nutzt Berlusconi seinen AC Mailand für glamouröse Medieninszenierungen. So schwebten einmal vor Anpfiff eines Spiels die Spieler im Hubschrauber und zu den Klängen von Wagners Walkürenritt ins Stadion ein. Bei Heimspielen des AC Mailand werden Sportjournalisten gutaussehende junge Damen zur persönlichen Betreuung zugeteilt.
Laut La Stampa dient der AC Mailand Berlusconi „in erster Linie als Imagepflege, aber auch als Instrument für seine Geschäfte“. Berlusconi hatte bereits in den 1980er Jahren ein zwiespältiges Image, so kam er als Mitglied der mit der Mafia kooperierenden Geheimorganisation Propaganda 2 in den Verdacht krimineller Verstrickungen. Auch die Herkunft des Startkapitals für seine ersten unternehmerischen Versuche als Bauspekulant in den 1960er und 1970er Jahren ist bis heute ungeklärt. Viele der frühen Bauprojekte verliefen wenig erfolgreich, und die von Berlusconi aufgebaute Medienholding Fininvest galt Anfang der 1990er Jahre als hochverschuldet. Doch dank der Erfolge des AC Mailand, der Ende der 1980er Jahre zum weltbesten Fußballclub avancierte, gelang es Berlusconi, sich dennoch als erfolgreicher Unternehmer darzustellen. Fußball als symbolisches Kapital diente Berlusconi schließlich auch bei seinem Einstieg in die italienische Politik. Für die Parlamentswahlen 1994, die zur ersten Regierungsbeteiligung Berlusconis führte, gründete er eine Partei unter dem Namen Forza Italia, dem bekannten Slogan der Anhänger der italienischen Fußball-Nationalmannschaft. Während des Wahlkampfes dienten Fanclubs des AC Mailand vorübergehend als Parteizentren. Berlusconi versuchte erfolgreich, das mit dem Fußball verbundene symbolische und soziale Kapital in politisches Kapital umzuwandeln.
Fußball als Mobilisierungsressource: Roter Stern Belgrad
Das Beispiel Roter Stern Belgrad zeigt hingegen, daß Massenmobilisierung in Krisenzeiten auch militärisch genutzt werden kann. So rekrutierte der serbische Milizenführer Zljko Raznatovic, besser bekannt als Arkan, während des jugoslawischen Bürgerkrieges viele seiner Kämpfer aus der Anhängerschaft des Belgrader Fußballclubs Roter Stern, dem beliebtesten Verein Serbiens, der 1991 den Europapokal der Landesmeister, den Vorgängerwettbewerb der Champions League, gewonnen hatte.
Arkan arbeitete seit den 1970er Jahren als Auftragsmörder für den jugoslawischen Geheimdienst. Nachdem er europaweit wegen Mordes und Bankraubs gesucht wurde, kehrte er 1986 nach Belgrad zurück. Während die stark dem Titoismus verpflichtete Armee den Stadtrivalen Partizan Belgrad unterstützte, galt die Belgrader Polizei als Pate von Roter Stern. Der Club avancierte zum deutlich nationalistischeren Verein und wurde zur Heimstätte einer berüchtigten Hooligan-Szene. So schallten in den 1990er Jahren Fangesänge wie dieser durch die Stadien: „Die Axt in der Hand, den Dolch zwischen den Zähnen, Blut wird fließen heute Nacht.“ Damals war Arkan Vorsitzender der Fanclubs von Roter Stern Belgrad.
Nach den Unabhängigkeitserklärungen Sloweniens und Kroatiens 1991 fehlte es der serbischen Armee zunächst an kriegswilligen Rekruten. Arkan nutzte seine Position, um aus der Anhängerschaft des Vereins Rekruten für seine eigene Miliz, die Tiger, zu mobilisieren. Diese Einheit unterstand dem serbischen Geheimdienst und wurde auf einem Polizeistützpunkt in der eroberten kroatischen Stadt Erdut ausgebildet, wo Spieler von Roter Stern mitunter verwundete Soldaten besuchten. Zwischen 1992 und 1995 waren die Tiger für mindestens 2000 Morde verantwortlich, weshalb Arkan 1999 vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Völkermord angeklagt wurde. Zudem baute Arkan mit seinen Männern ein kriegsökonomisches System auf, das auf Plünderungen und Aktivitäten auf dem Schwarzmarkt gründete:

Wenn die in das gesäuberte Haus eines Moslems kamen, sind ein paar in die Küche gegangen und haben die Küchengeräte rausgetragen. Andere haben den Fernseher und den Videorekorder geholt. Wieder andere sind raus in den Garten und haben nach Schmuck gegraben. Man wußte sofort, wenn man Arkans Männer vor sich hatte. Sie hatten immer dreckige Fingernägel vom Buddeln.

Arkan stieg zu einem der reichsten Männer Serbiens auf. Nach dem jugoslawischen Bürgerkrieg gründete Arkan, der mit der bis heute populären Popsängerin Ceca verheiratet war, die Partei der serbischen Einheit (SSJ) und wurde Besitzer des Fußballvereins FK Obilic Belgrad, nachdem ihm ein erneutes Engagement bei Roter Stern verweigert worden war. Der Tiger wurde zum Vereinssymbol von Obilic, dessen Name an jenen serbischen Ritter erinnert, der vor der 1389 verlorenen Schlacht gegen die Türken ins gegnerische Lager geschlichen war und dort den feindlichen Sultan erstochen hatte. Die Anhängerschaft von Obilic besteht zu einem Großteil aus Angehörigen der ehemaligen Tiger-Milizen. Dank der finanziellen Unterstützung Arkans, bedrohten oder bestochenen Schiedsrichtern und eingeschüchterten gegnerischen Spielern errang Obilic 1998 die serbische Meisterschaft. Im Januar 2000 wurde Arkan Opfer eines Attentates, dessen Hintergründe bis heute nicht geklärt sind. Damit war Obilics Niedergang vorprogrammiert.
Die Beispiele aus England, Italien und Serbien verdeutlichen, daß Fußball den Eliten aus Politik und Wirtschaft als ökonomische Gewinnstrategie, als Familienerbe, als symbolisches Kapital oder als Rekrutierungsressource dienen kann. Nicht immer lassen sich diese vier Formen exakt trennen. Ähnliche Motive liegen auch dem Engagement der ukrainischen Oligarchen zugrunde, doch ist die Verbindung von Fußball und Oligarchentum in der Ukraine nur aus der speziellen Logik eines neopatrimonialen Staates mit klientelistischen Strukturen verständlich.


Ukraine: Klientelismus im neopatrimonialen Staat
Auch nach der Orangenen Revolution im Winter 2004 dominieren in der Ukraine klientelistische Strukturen. Zudem zerfiel die Revolutionskoalition nach nicht einmal einem Jahr, als Präsident Viktor Juščenko die Regierung seiner einstigen Mitstreiterin Julija Tymošenko entließ. Die ukrainischen Oligarchen festigen weiterhin ihre regionalen Herrschaftspositionen durch formelle und informelle Institutionen.
Herrschaft bedeutet nach Max Weber „die Chance, für einen Befehl bestimmten Inhalts bei angebbaren Personen Gehorsam zu finden“. Ukrainischen Oligarchen wie Rinat Achmetov, dem Besitzer des Fußballclubs Schachtjor Donezk, gelingt es, Politik und Wirtschaft in der Region Donbass in der östlichen Ukraine maßgeblich in seinem Sinne zu bestimmen, obwohl er lange Zeit über keine demokratische Legitimität verfügte. Es stellt sich also die Frage, welche Strukturen diese Form regionaler Herrschaftsausübung ermöglichen.
Eine mögliche Antwort auf diese Frage liefern die Begriffe Neopatrimonialismus und Klientelismus. Neopatrimonialismus läßt sich als eine Mischung aus zwei Formen der Herrschaftsausübung verstehen, einerseits dem legal-rationalen Herrschaftstyp, der zumeist mittels Bürokratien und formaler Regeln etabliert wird, und andererseits der patrimonialen oder geerbten Herrschaft, die durch Charisma, Tradition oder Solidarität bestimmt ist. Diese Parallelstruktur von Formen möglicher Herrschaftsausübung mündet in einer ständigen Unklarheit über die eigentliche Machtverteilung und produziert somit politische Unsicherheit. Diese wiederum bietet eine ideale Voraussetzung für rent-seeking, auf politischem Wege Wohlstand durch nicht-produktive ökonomische Aktivitäten zu erlangen.
Neopatrimonialismus beschreibt Formen der Herrschaftsorganisation, die meist über persönliche und informelle Kontakte funktionieren. Die Logik der persönlichen Beziehungen zum gegenseitigen Nutzen zwischen Patronen und Klienten werden im Begriff des Klientelismus zusammengefaßt. Klientelismus funktioniert dort als Mittel der Herrschaftsausübung, wo demokratische Legitimität allein zu schwach ist, um Befehle durchzusetzen. Die Oligarchen nehmen im klientelistischen System der Ukraine eine wichtige Zwischenposition ein. Sie fungieren als Broker. Mit ihrem ökonomischen, sozialen oder symbolischen Kapital üben sie Herrschaft über ein regionales Klientel aus, gleichzeitig sind sie aber auf das politische Wohlwollen der Kiewer Präsidialadministration sowie der Regierung angewiesen, denen sie ihrerseits wieder Klienteldienste wie Wahlkampfspenden oder die organisierte Mehrheit der Wählerstimmen in ihrer Region liefern müssen.
Die ukrainischen Oligarchen sicherten sich ihre Position an der Spitze regionaler Unternehmerverbände zumeist in der Frühphase der marktwirtschaftlichen Reformen Anfang der 1990er Jahre, als sie in einer rechtlichen Grauzone Gewinne erwirtschafteten und diese später in Unternehmensbeteiligungen oder die Übernahme staatlicher Betriebe investierten. Für die Einflußnahme auf relevante politische Entscheidungsprozesse nutzten sie sowohl legale Strategien, indem sie etwa politische Parteien gründeten oder mit politischen Netzwerken kooperierten, als auch illegale Mittel wie Korruption. Die Oligarchen instrumentalisierten die Doppelstrukturen des neopatrimonialen Staates, konnten sich von diesem aber nicht lösen, da die Profitabilität ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten von Vorzugsbehandlungen, etwa bei der Vergabe von Lizenzen und Aufträgen, abhängig blieb. Aus diesem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis entstanden klientelistische Beziehungen, an deren Spitze bis 2004 Präsident Leonid Kučma stand. Dieser berief regionale Politiker aus dem Umfeld der Oligarchen auf einflußreiche politische Posten in Kiew, wo sie den Unternehmern ihrer Region eine lukrative Vorzugsbehandlung gewährten. Im Gegenzug waren die Oligarchenverbände dafür verantwortlich, in ihrer Region ausreichend Stimmen für den Präsidenten zu sammeln.
Gleichzeitig befanden sich die Oligarchen wegen ihrer formal-rechtlich jederzeit angreifbaren Aktivitäten aus der Frühphase ihrer Kapitalakkumulation in einer unsicheren Position. Dies war ein Grund, weshalb sie in den letzten Jahren Parteien gründeten und heute als Mandatsträger im Kiewer Parlament Immunität genießen. Diese Immunität sichert Oligarchen vor rechtlichen Maßnahmen möglicher Gegenspieler. Seit der Einführung des Verhältniswahlrechts 1998 können sie durch ihre Partei auch die Stimmen für ihren jeweiligen Patron im Präsidentenamt kontrollierter eintreiben. Die Wahlkandidatur drängt den Oligarchen aber auch an die Öffentlichkeit, sein Erfolg wird nun nicht nur durch den eigenen ökonomischen Profit bestimmt, sondern er ist dazu verurteilt, dem Wähler etwas für seine Stimme zu liefern. Die massenwirksam inszenierte Unterstützung eines populären lokalen Fußballvereins wie Schachtjor Donezk oder die Präsidentschaft bei einem international renommierten Club wie Dynamo Kiew lassen sich auch als Dienst an der Wählerklientel verstehen.
Wahlen im neopatrimonialen Staat werden so zu einem klientelistischen Geschäft, bei dem die ukrainischen Wähler, von denen noch vor wenigen Jahren ein Viertel weniger als vier US-Dollar pro Tag verdiente, durch Gefälligkeiten zur Wahlentscheidung gedrängt werden. Die so auf nationaler, regionaler oder lokaler Ebene legal gewonnenen politischen Ämter ermöglichen es schließlich, die Regeln des wirtschaftlichen Wettbewerbs so zu manipulieren, daß die Amtsinhaber auch weiterhin materiellen Besitz anhäufen können. Dieser dient dazu, künftige Wählerklientel zu generieren und die Einflußsphären zu erweitern. Dieses klientelistische System basiert auf einem gewissen Grad an Reziprozität, denn um die Stimmen in seiner Region einzusammeln, muß der jeweilige Oligarch zumindest einen Teil seines erwirtschafteten Gewinns wieder der Region und seinen Wählern zugute kommen lassen.
Das finanzielle und persönliche Fußballengagement von zwei der mächtigsten Oligarchen der Ukraine, Rinat Achmetov und Hryhorij Surkis, folgt letztlich der klientelistischen Logik eines neopatrimonialen Staates. Es dient als Beitrag zur regionalen Herrschaftssicherung und zur Stimmenbindung. Doch in der Ukraine gibt es Besonderheiten in der Verflechtung von Wirtschaft, Politik und Sport, die sich von der Lage in Rußland unterscheiden.
Fußball zwischen Neopatrimonialismus und Klientelismus
„Gleichgültigkeit“, „Raffgier“ und „Unbarmherzigkeit“ sind die Eigenschaften, welche die rußländische Bevölkerung Oligarchen zuschreibt. Nachdem Vladimir Putin die Präsidentschaftswahlen 2000 mit oligarchenkritischen Parolen gewonnen hatte, wurden unliebsame Oligarchen verfolgt und mit der möglichen juristischen Aufarbeitung ihrer früheren Wirtschaftsaktivitäten politisch neutralisiert. Medienmogule wie Vladimir Gussinskij und Boris Berezovskij flohen ins westliche Ausland, der Putin-Kritiker Michail Chodorkovskij wurde zu acht Jahren Haft verurteilt.
Fallbeispiel Rußland: Die Vysšij divizion
Seit der neopatrimoniale rußländische Staat Wirtschaft und Gesellschaft rigider kontrolliert, versuchen Oligarchen verstärkt, ihr negatives Image aufzupolieren. So bemühen sie sich um den Schein einer transparenten Buchhaltung, fördern Jugendprogramme oder investieren in lokale Fußball- und Eishockeyteams. Auf diese Weise entwickelte sich die Vysšij divizion innerhalb weniger Jahre zu einer der finanzstärksten Ligen der Welt. Die sportliche Erfolgsbilanz der neureichen rußländischen Clubs ist bisher unausgewogen. Während Dynamo Moskau trotz einer Reihe ausländischer Starspieler die letzten zwei Spielzeiten nur im unteren Mittelfeld der Tabelle abschloß, gewann 2005 mit dem von Roman Abramovič geförderten ZSKA Moskau erstmals ein Verein aus Rußland den UEFA-Pokal.

Angesichts maroder Stadien und niedriger Zuschauerzahlen können die meisten rußländischen Vereine nicht kostendeckend wirtschaften, so daß allein 2003 von den 167 Millionen US-Dollar, die von Vereinen der Vysšij divizion ausgegeben wurden, 130 Millionen aus den Privatkassen der jeweiligen Club-Besitzer kamen. Diese beweisen damit gegenüber Putin und der Bevölkerung ihren Patriotismus sowie ihren Willen, in Rußland erwirtschaftete Gewinne nicht nur im Ausland zu deponieren. Mit dieser teilweisen Reinvestition der Gewinne versuchen die Oligarchen, das durch ihr negatives Image zerstörte Band zur rußländischen Bevölkerung zu flicken und ihre Position zu sichern.
Zu vermuten ist weiterhin, daß sportlicher Erfolg auch Anerkennung unter den anderen rußländischen Oligarchen zur Folge hat. Zu diesen gehören derzeit neben Abramovič, dem reichsten Mann Rußlands, Aleksej Fedoryčev, Leonid Fedun und Sulejman Kerimov. Die europäische Champions-League, in der bisher nur das von Abramovič erworbene Chelsea London regelmäßig spielt, ist das gemeinsame Ziel der rußländischen Fußballförderer, denn nur hier können internationales Renommee und Millionen-Einnahmen erzielt werden. Dafür investierte der Chemie-Unternehmer Fedoryčev 80 Millionen Euro in den Moskauer Club Dynamo, für den er einst selbst in der Reservemannschaft spielte. Fedoryčev hat angekündigt, in den nächsten Jahren weitere 125 Millionen Euro für die Renovierung des Dynamo-Stadions auszugeben. Der aus Dagestan stammende milliardenschwere Öl- und Goldhändler Kerimov, der auch ein Parlamentsmandat innehat, sponsert Saturn Ramenskoe mit 50 Millionen Euro und läßt für den 35 Kilometer südöstlich von Moskau gelegenen Verein eine neue Fußballarena errichten. Leonid Fedun, Vizepräsident von Lukojl, dem sechstgrößten börsennotierten Ölkonzern der Welt, fördert Rußlands populärsten Verein Spartak Moskau mit mehr als 90 Millionen Euro.
Im Gegensatz zur Ukraine konzentrieren sich die Fußball-Investitionen der rußländischen Oligarchen weitgehend auf Moskau. Unter der schwachen regionalen Herrschaft des Präsidenten Boris El’cin drängten Oligarchen vorübergehend in die rußländischen Regionen und übernahmen dort, wie Abramovič in der Region Čuchotka, Gouverneursposten. Diese Phase gilt jedoch als weitgehend abgeschlossen, denn die wichtigsten Privatisierungen in den Regionen sind vollzogen und infolge der Stärkung der sogenannten Machtvertikale unter Putin wurden die wirtschaftspolitischen Kompetenzen der Regionen stark eingeschränkt.
Fallbeispiel Ukraine: Schachtjor Donezk
In der Ukraine hat die Präsidialadministration in den letzten Jahren nur selten in die Belange der Regionen eingegriffen. Für die Region Donezk bedeutet dies, daß sich eine Gruppe Unternehmer an der Spitze der regionalen Wertschöpfungskette etablieren und ihre Geschäftstätigkeiten kontinuierlich ausbauen konnte. Führungsfigur dieses Donezker Industriellenclans ist Rinat Achmetov, laut Forbes mit 1,7 Milliarden US-Dollar der reichste Mann der Ukraine und Präsident des Fußballclubs Schachtjor Donezk.
Achmetov übernahm die Präsidentschaft bei Schachtjor im Jahr 1996 von der Donezker Unterweltfigur Achat Bragin, der bei einem Bombenattentat im Stadion zu Tode kam. Im gleichen Jahr fielen eine Reihe prominenter Unternehmer und Politiker der Region Attentaten zum Opfer, unter anderem Gouverneur Vladimir Ščerban. Der damals erst 29-jährige Achmetov profilierte sich in dieser Phase der Krise und Unsicherheit als neue regionale Führungsfigur. Er erwarb verschiedene Unternehmensbeteiligungen, die er sich zum Teil durch die 1995 von ihm selbst gegründete Donezker Stadtbank finanzieren ließ. Neben dem Elektrizitätsunternehmen Ob’’ėdnana energosystema Ukraïny (Vereinigtes Energiesystem der Ukraine) ist Achmetov vor allem im Stahl- und Kohlesektor tätig, doch gibt es bis heute keine genauen Angaben über die Zahl seiner Firmen und Beteiligungen.
Achmetov werden enge Beziehungen zum ehemaligen Premierminister Viktor Janukovyč nachgesagt, der von 1997 bis 2002 als Gouverneur der Region Donezk amtierte. Während Anfang der 1990er Jahre die anti-oligarchischen Kommunisten die Mehrheit der Stimmen im Donbass erringen konnten, gelang es dem Duo Achmetov-Janukovyč, seit Ende der 1990er Jahre eine Stimmenmehrheit für Janukovyčs Lager zu organisieren. Bei den Parlamentswahlen 2006 kandidierte Achmetov schließlich selbst erfolgreich für Janukovyčs Partei der Regionen, die mit über 30 Prozent der Stimmen zur stärksten Fraktion im nationalen Parlament avancierte und offiziell über 70 Prozent der Stimmen in der Region Donezk errang. Achmetov sicherte sich den Immunitätsstatus eines Abgeordneten, nachdem die Regierung des Janukovyč-Rivalen Juščenko Achmetovs Firmen von Steuerbehörden durchsuchen ließ und ihn im Zusammenhang mit ungeklärten Mordfällen vom Ende der 1980er Jahre ins Visier nahm.
Die zuverlässigen Wahlmehrheiten für die Partei der Regionen im Raum Donezk sind zum Teil das Ergebnis klientelistischer Verträge mit einzelnen Wählern. So schloß die Partei vor den Parlamentswahlen etwa 200 000 Verträge ab, in denen den Wählern Vergünstigungen für ihre Stimmabgabe garantiert wurden. Ähnliche Vereinbarungen wurden mit sozialen Gruppen wie den Afghanistan-Veteranen, den Tschernobyl-Opfern und den Gewerkschaften abgeschlossen. In den vom Donezker Clan kontrollierten Betrieben wurden vermutlich ganze Belegschaften zur Stimmabgabe für die Partei der Regionen gedrängt.
Achmetovs wirtschaftliche und politische Vorrangstellung wird von einer klientelistischen Politik gestützt, bei der sein breit angelegtes Mäzenatentum eine zentrale Rolle spielt. Achmetov und seine Firmen unterstützen wohltätige Organisationen der Region mit mehreren Millionen US-Dollar pro Jahr, sie organisieren Feste und finanzieren Bildungseinrichtungen. Achmetov geht als Patron demnach Verpflichtungen gegenüber seiner Klientel ein, die er mit Hilfe seiner herausgehobenen wirtschaftlichen Position finanzieren kann. Der Vorsitz beim Fußballclub Schachtjor Donezk ist Teil dieser klientelistischen Strategie regionaler Herrschaftssicherung, denn sie sichert ihm Sympathien und Anerkennung zahlreicher Fußballanhänger.
Seit 1996 investierte Achmetov mehr als 250 Millionen Euro in den von ihm geführten Verein, der in den letzten Jahren mit Dynamo Kiew den ukrainischen Fußball dominierte. So wurde Schachtjor 2002 und 2005 mit dem italienischen Trainer Nevio Scala und insgesamt sechs brasilianischen Spielern ukrainischer Meister. Achmetov ließ zudem eines der modernsten Trainingszentren Osteuropas errichten, förderte den Bau eines Internats für 3000 Fußballtalente aus der Region und ließ das Stadion renovieren. Derzeit baut der Verein ein mehr als 150 Millionen Euro teures Stadion für 50 000 Zuschauer.
Schachtjor Donezk gilt aufgrund seiner Verankerung in der Region als Bergarbeiterteam mit einer für ukrainische Verhältnisse großen Anhängerschaft. Achmetov stammt aus einer Bergarbeiterfamilie tatarischer Abstammung. Mit seinem Engagement bei Schachtjor beweist er seine Bodenständigkeit, sie dient ihm demnach nicht als Mittel der Distinktion, sondern um die Verbindung zu seiner Region und zu seiner Klientel hervorzuheben.
Selbstrepräsentation als Motiv
Sowohl in Rußlands Vysšij divizion als auch in der ukrainischen Vyša Liga ist die Verbindung von wirtschaftlichen Eliten und Fußball stark von den politischen Rahmenbedingungen beeinflußt. Jeweils geht es den Oligarchen um eine den eigenen Geschäftstätigkeiten förderliche Selbstrepräsentation, doch variiert ihre jeweilige Position im Herrschaftsgefüge. Die rußländischen Oligarchen, die in Moskauer Clubs investieren, agieren aus einer Situation der Schwäche, nachdem einige von ihnen in die Schußlinie der Präsidialadministration geraten sind. Ihr schlechtes Image und ihre kriminelle Vergangenheit drohen nun zu einer Gefahr für die eigene Stellung zu werden. Die Investitionen in Moskauer Fußballclubs sollen die „richtige“ patriotische Gesinnung demonstrieren und sich verdient machen, um die Position der Oligarchen zu sichern.
Oligarchen wie Rinat Achmetov agieren hingegen aus einer Position regionaler Stärke. Fußball dient ihm vor allem dazu, die Zahl seiner Klienten und somit seiner potentiellen Wähler weiter auszubauen. Fußball wird somit Teil der Funktionslogik eines regionalen Herrschaftssystems, für dessen Aufrechterhaltung der Patron beweisen muß, daß er sich um die Belange seiner Klientel kümmert. Achmetov stärkt in der neopatrimonialen Ukraine somit seine auf Charisma und Solidarität beruhende Stellung und durch Stimmengewinne auch seine formal-rechtliche Position. Die Erfolge seines zuletzt in der Champions League vertretenen Fußballvereins ermöglichen es ihm zudem auch international, als Teil der ukrainischen Elite anerkannt zu werden.
Die Geste des Gebens ist auch mit Macht verbunden, denn als Vereinspräsident bestimmt Achmetov selbst über die Verwendung seiner Gelder. In seiner Doppelfunktion als Mäzen und Präsident tritt er gleichzeitig in eine soziale Beziehung zu den am Wohl seines Vereins interessierten Fußballfans, die nicht frei von Eigeninteresse ist. Wie von Marcel Mauss nachgewiesen, verteilt auch Achmetov Geschenke in Erwartung von Gegenleistungen. Seine Gönnerhaftigkeit dient Achmetov zur Stärkung seiner eigenen Stellung als regionaler Patron, indem er gezielt auf Gefühle der Dankbarkeit und der Verbundenheit setzt und Wählerstimmen bindet. Andere Motive stehen hinter dem Engagement des Oligarchen Roman Abramovič bei Chelsea London und Hryhoryj Surkis bei Dynamo Kiew.




Fußball als symbolisches Kapital: Chelsea London und Dynamo Kiew
Der 1966 geborene Roman Abramovič wuchs als Waisenkind in der sibirischen Provinz auf, wo er von zwei seiner Onkel aufgezogen wurde. Nachdem er die Schule abgebrochen hatte, verdiente er sein Geld als Autohändler und verkaufte Plastikspielzeug. Ein wahrscheinlich mit Hilfe gefälschter Dokumente erworbenes Startkapital von 5000 Tonnen Heizöl diente ihm 1992 als Einstieg in das rußländische Ölgeschäft. In den kommenden Jahren errang er die Anteilsmehrheit über den profitablen Ölkonzern Sibneft’, die er im Jahr 2005 für 13 Milliarden US-Dollar verkaufte, was ihn zum reichsten Mann Rußlands werden ließ.
Boris Berezovskij, Rußlands mächtigster Oligarch der El’cin-Ära, führte Abramovič in den 1990er Jahren in die Moskauer Polit- und Wirtschaftselite ein. Abramovič galt als enger Vertrauter der El’cin-Tochter Tat’jana. Nach Putins Machtübernahme flüchtete Berezovskij nach London, als er wegen diverser Wirtschaftsvergehen anklagt wurde. Abramovič drohten ebenfalls staatsanwaltliche Ermittlungen, doch dank großzügiger finanzieller Zuwendungen wurde er Gouverneur von Čuchotka, gewann damit Immunität und arrangierte sich mit Putin und der Präsidialadministration. Als Antwort auf die Kritik, Abramovič würde sich zu wenig für Rußland engagieren, unterstützt er seit 2004 den ZSKA Moskau mit jährlich 15 Millionen Euro.
Um den jederzeit möglichen Verfolgungen durch die rußländischen Steuerbehörden zu entgehen, bündelte Abramovič sein Vermögen und seine Unternehmensbeteiligungen nicht in Rußland, sondern in der in London ansässigen Dachgesellschaft Millhouse Capital. In London kaufte Abramovič 2003 für 210 Millionen Euro den Fußballverein Chelsea London, zu dessen Anhängern viele als finanzstark geltende Vertreter der britischen Wirtschaftselite sowie bekannte Politiker der konservativen Tory-Fraktion gehören. Seit seinem Einstieg investierte Abramovič über 350 Millionen Euro in neue Spieler, wobei er in einem im europäischen Fußball einmaligen Einkaufsrausch beinahe jedem europäischen Starspieler ein Angebot machte und zum Teil als völlig überteuert geltende Ablösesummen zahlte. Chelsea gewann 2005 erstmals seit 40 Jahren wieder die englische Meisterschaft, scheiterte bislang aber in der Champions League.
Abramovič wird nachgesagt, er plane in London zu bleiben und dort auch seine drei Kinder ausbilden zu lassen. Die Zuwendungen für Chelsea könnten also dem in Rußland bedrohten Milliardär dazu dienen, sich das Wohlwollen seiner neuen Heimat zu verdienen. Für diese Vermutung spricht zudem, daß Abramovič kürzlich für 38 Millionen Euro einen Prachtwohnsitz in London erwarb. Sein Streben, Teil der gesellschaftlichen Elite Englands zu werden, zeigt sich auch im Kauf eines Londoner Hotels und eines Nachtclubs. Neben Grundstücken in England, Deutschland und Frankreich besitzt Abramovič zudem eine Boeing 767 sowie diverse Yachten, darunter die 100 Millionen Euro teure Pelorus, die als fünftgrößte Yacht der Welt gilt und mit schußsicheren Scheiben, einem Raketenabwehrsystem sowie einem Mini-U-Boot ausgestattet ist.
Die Fußballinvestitionen in London dienen Abramovič offensichtlich dazu, mit den reichlich vorhandenen finanziellen Mitteln Status und Ansehen zu erwerben. Er wandelt ökonomisches Kapital in symbolisches Kapital in der Hoffnung um, so den Einstieg in die gehobene Londoner Gesellschaft zu erreichen. Abramovičs immense Ausgaben für seinen als „Hobby“ bezeichneten Fußballclub folgen somit einem ökonomischen Kalkül.
Dynamo Kiew ist in Europa einer der bekanntesten und erfolgreichsten Vereine des postsowjetischen Raumes. Dynamo gewann 1975 und 1986 den Europa-Pokal der Pokalsieger und stellte einen Großteil der Spieler der sowjetischen Nationalmannschaft. Wie alle Dynamo-Klubs der Sowjetunion stand auch Dynamo Kiew seit den 1920er Jahren unter Führung des Innenministeriums und des KGB. Nach Oleg Blochin und Igor’ Belanov wurde 2004 mit Andrej Ševčenko ein dritter Spieler Europas Fußballer des Jahres, der von Dynamo Kiew kommt. Spiele in der Champions League, in der Dynamo 1999 bis ins Halbfinale vorstieß, verfolgen bis zu 90 000 Zuschauer im Zentralstadion von Kiew.
Der meist elegant gekleidete Hryhoryj Surkis erwarb den renommierten Verein 1993, förderte ihn mit zusätzlichen 100 Millionen Euro aus privatem Besitz und machte Dynamo so in den 1990er Jahren zum ukrainischen Serienmeister. Zudem ließ Surkis ein neues Trainingszentrum errichten. Zuletzt entspannte sich jedoch ein bisher noch nicht abgeschlossener Finanzskandal um die Geschäftstätigkeiten von Surkis und Dynamo Kiew. Nachdem ein ehemaliger Geschäftspartner behauptet hatte, betrogen worden zu sein und eine Reprivatisierung des Clubs forderte, sperrte ein Kiewer Gericht 2005 alle Dynamo-Aktien. Surkis, der in einer Arztfamilie in Odessa aufwuchs, amtiert gleichzeitig als Vorsitzender des ukrainischen Fußballverbandes und hat einen Sitz im Vorstand der Europäischen Fußballunion (UEFA).
Mit seinem Partner Viktor Medvedčuk steht Hryhoryj Surkis an der Spitze des Kiewer Oligarchenclans, der seinen Einfluß vor allem dem Besitz wichtiger Massenmedien verdankt. Medvedčuk, einst Chef der Präsidialadministration unter Leonid Kučma, sicherte sich zudem den Vorsitz der Sozialdemokratischen Partei der Ukraine, die seitdem zu einer Kiewer Oligarchenpartei transformiert wurde. Surkis und Medvedčuk haben eine unrühmliche Vergangenheit. Surkis erwarb in den frühen 1990er Jahren die meisten seiner Unternehmensbeteiligungen über Scheinfirmen, Medvedčuk war noch zu Sowjetzeiten für die Verbannung des bekannten ukrainischen Poeten Vasyl’ Stus in ein Straflager mitverantwortlich, wo dieser Mitte der 1980er Jahre in Einzelhaft starb.
Zu den Motiven für das Engagement des Kiewer Oligarchenclans beim örtlichen Fußballclub gehören wohl das mit dem Namen Dynamo verbundene Renommee sowie die enorme Popularität des Vereins und seiner Spieler. So reagierten prominente Ex-Spieler von Dynamo wie Andrej Ševčenko und Sergej Rebrov auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Surkis mit einem Offenen Brief für den Dynamo-Präsidenten. Trotz gegenteiliger Äußerungen von Surkis gilt Dynamo Kiew als lukratives Unternehmen. Dank der erfolgreichen Talentförderung konnten in den letzten Jahren Spieler im Wert von über 50 Millionen Euro ins westliche Ausland transferiert werden, wobei allein der Verkauf von Ševčenko an den AC Mailand 22 Millionen Euro einbrachte.

Tabelle 2: Ukrainische Fußballvereine und ihre Förderer (Auswahl)

Verein Oligarch Betätigungsfeld und Firmenbeteiligungen Umfang und Zeit-raum des finanzi-ellen Engagements
Dynamo Kiew Hryhoryj Surkis Medien, Landwirtschaft,Stromversorgung, 100 Mio. € seit 1993
Schachtjor Donezk Rinat Achmetov System Capital Management(Eisen, Stahl, Kohle) 250 Mio. € seit 1996

Fußballvereine dienen sowohl Abramovič als auch Surkis als symbolisches Kapital, jedoch zu unterschiedlichen Zwecken. Der in Rußland von juristischen Verfolgungen bedrohte Abramovič verfolgt mit dem Kauf des noblen FC Chelsea die Absicht, sich in die englische Gesellschaftselite einzukaufen und eine mögliche Auswanderung nach London vorzubereiten. Gleichzeitig beweist sein Engagement bei ZSKA Moskau, an dem das rußländische Verteidigungsministerium immer noch Anteile hält, seinen guten Willen gegenüber den rußländischen Machthabern. Der Medienoligarch Surkis profitiert als Präsident vom Ruhme Dynamo Kiews und im Konfliktfall von der prominenten Unterstützung der mit dem Verein verbundenen Persönlichkeiten. Das symbolische Kapital Fußball bietet ihm also persönlichen Schutz, auch über die Sphäre des Fußballs hinaus.
Beide Oligarchen versuchen demnach, symbolisches Kapital in soziales Kapital umzuwandeln. Ihr großzügiges Mäzenatentum ist nicht frei von Kalkül und folgt der ökonomischen Logik der Kapitalakkumulation. Entscheidend für den Erfolg dieser Strategie ist die Anerkennung des symbolischen Kapitals durch die als relevant betrachteten sozialen Gruppen. Diese läßt sich hier nicht nachweisen, doch scheint die Anerkennung zumindest angesichts der als besonders elitär geltenden Anhängerschaft des FC Chelsea sowie der breiten Popularität von Dynamo Kiew wahrscheinlich.
Oligarchen nutzen das symbolische Kapital Fußball für ihre soziale und ökonomische Karriere, doch wird Fußball sicher nicht komplett ihrem rationalen Kalkül untergeordnet. Bruno Latour hat angedeutet, daß Objekte uns nicht nur als tote Dinge zur Verfügung stehen, sondern in Verbindung mit menschlichen Akteuren selbst ein Aktionspotential besitzen. Latour zeigt dies am Beispiel des „Berliner Schlüssels“, dessen Charakteristikum darin besteht, daß er an beiden Enden jeweils einen Schlüsselkopf besitzt und nur herausgezogen werden kann, wenn die Tür wieder verriegelt wurde. Latours Argument läuft darauf hinaus, daß wir diesen Schlüssel nicht nur benutzen, sondern er uns auch zu sozialen Handlungen zwingt, in diesem Fall beispielsweise zum regelmäßigen Abschließen der Tür und somit dem Aussperren von Fremden.
Ein Fußballclub mit Tausenden enthusiastischen Anhängern ist nicht nur ein passives Ding, sondern ein lebendiges Gebilde, eine Gabe mit einer eigenen Kraft, die selbst Sinn und Wirkungen produzieren kann. Wenn der als sportbegeistert geltende Abramovič, der kaum ein Spiel seiner Mannschaft im Stadion verpaßt, den FC Chelsea kauft, dann handelt er nicht nur mit einem rational verfügbaren Kapital, sondern wird auch selbst von der emotionalen und sozialen Kraft eines Fußballvereins berührt. Inwieweit dies seine Handlungen beeinflußt, läßt sich nur schwer beurteilen. Vorstellbar wäre es aber, daß es Rückwirkungen auf die Wahl seines Wohnsitzes oder seiner Investitionsstrategien hat. Fußballvereine sind mehr als nur das bloße Instrument der Karrierestrategie eines Oligarchen.
Mit Ausnahme von Glazers Einstieg bei Manchester United ist die Verbindung bestimmter Oligarchen zu ihren Fußballclubs keineswegs zufällig oder rein geographisch bestimmt, sondern Typ und soziale Einbettung des Oligarchen sowie das Image der jeweiligen Fußballclubs spielen eine wichtige Rolle, wobei auch hier Kalkül und emotionale Verbindung kaum zu trennen sind. So engagiert sich das ehemalige Bergarbeiterkind Achmetov beim Bergarbeiterverein Schachtjor Donezk, der rußländische Oligarch Fedoryčev unterstützt die Mannschaft von Dynamo Moskau, in deren Reserve er selbst einst spielte, der elegant gekleidete Surkis kaufte den renommierten Verein Dynamo Kiew und das in die englische Oberschicht strebende frühere Waisenkind Abramovič fördert mit Chelsea den Verein eines Londoner Nobelviertels.

Ukrainische Oligarchen und Fußball im europäischen Vergleich
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 löste sich auch die bisherige Sportförderung auf. Waren Fußballvereine bisher meist dem Militär, der Polizei, einzelnen Ministerien oder Gewerkschaften unterstellt und von diesen finanziert, so gerieten nun selbst international renommierte Vereine in eine prekäre Situation, in der häufig Spielergehälter nicht mehr bezahlt werden konnten und das Fortbestehen des Spielbetriebs in Frage standen. In dieser Unsicherheit übernahmen Oligarchen wie Surkis bei Dynamo Kiew sowie Bragan bzw. sein Nachfolger Achmetov bei Schachtjor Donezk die Ausgaben der bedeutendsten ukrainischen Fußballvereine und wurden so de facto zu deren Besitzern.
Dieses Engagement ähnelt einerseits den Formen, wie wirtschaftliche und politische Eliten den Fußball in anderen europäischen Staaten unterstützen, verdeutlicht aber andererseits auch die Besonderheiten des ukrainischen Herrschaftsgefüges. Das Engagement im Fußball dient auch der direkten finanziellen Bereicherung. Doch wie beim im Falle von Glazers Übernahme von Manchester bleibt offen, ob Surkis Verbindung mit Dynamo Kiew profitabel ist, zumal keine transparenten Zahlen über Ausgaben und Einnahmen existieren. Der Erfolg der von Achmetov unterstützten Partei der Regionen im Osten der Ukraine bei den Parlamentswahlen am 26. März deutet zudem darauf hin, daß Fußball auch hier zur Massenmobilisierung genutzt werden kann. Roter Stern Belgrad hat gezeigt, daß in Krisenzeiten zivile Formen der Fanmobilisierung auch zu militärischen Zwecken hilfreich sein können.
Aufgrund unterschiedlicher Rahmenbedingungen unterscheidet sich die Verbindung von Wirtschaftseliten und Fußball in der Ukraine von denen in Westeuropa. Die Millionengaben für den ukrainischen Fußball dienen zwar ähnlich wie bei Berlusconis AC Mailand und Abramovičs FC Chelsea grundsätzlich der Umwandlung von symbolischem in soziales, ökonomisches oder politisches Kapital, doch folgt diese Kapitaltransformation in der Ukraine der Logik eines neopatrimonialen Staates mit klientelistischen Strukturen. Die starke Stellung der Regionen und der regionalen Oligarchenclans im Herrschaftsgefüge der Ukraine sowie die politischen Ambitionen der in diesen Clans versammelten Industriellen erfordern eine gesteigerte Verantwortung der Oligarchen für regionale Belange. Kurz gesagt: Wer im Donbass gewählt werden möchte, muß auch etwas für die Region oder für die Stadt Donezk tun. Zugute kommt den Oligarchen dabei, daß viele Wähler in den postsowjetischen Staaten ihren Wahlentscheidungen eher zweck- statt wertrationale Überlegungen zugrunde legen, daß ihnen spürbare Ergebnisse wichtiger sind als demokratische Verfahren. Rinat Achmetovs vielseitiges Mäzenatentum, in dessen Zentrum sein massenwirksames Engagement bei Schachtjor Donezk steht, dient demnach dem Dienst an der künftigen Wählerklientel und bewirkt, daß einige Risiken der Systemtransformation in der betreffenden Region abgemildert werden. Die mit dem Engagement bei einem populären Fußballverein entstehenden sozialen und emotionalen Verbindungen dienen grundsätzlich dazu, die eigene Einflußsphäre zu sichern. Die Umwandlung von symbolischem in soziales Kapital, in Verbundenheit und Solidarität, bestimmt demnach die patrimoniale und informelle Seite der Herrschaftsausübung im neopatrimonialen Staat.
Die relative Stärke der ukrainischen Oligarchen zeigt sich im Vergleich mit Rußland, wo die Oligarchen aufgrund ergiebigerer Rohstoffvorkommen zwar größere Vermögen anhäufen konnten, sich aber unter den veränderten politischen Bedingungen unter Präsident Putin in einer ungleich prekäreren Situation befinden. Angesichts der jederzeit möglichen Aufarbeitung des meist illegalen Eigentumserwerbs bemühen sich die rußländischen Oligarchen stark um Legitimität, wozu auch das massenwirksame Engagement bei Moskauer Vereinen gehört.
Die Millionengaben für den Fußball in der Ukraine erweisen sich als eine Form des Sozialvertrags mit Tausenden wahlberechtigter Fußballanhänger. Sie gewährleisten ein Minimum an Reziprozität zwischen der verarmten Bevölkerung und den millionenschweren Oligarchen und dienen dem persönlichen Charisma von Eliten im neopatrimonialen Staat. Die Gaben werden zu einem raffinierten Mittel regionaler Herrschaftsausübung und bewirken nebenbei eine weitere Professionalisierung und Steigerung des Niveaus des ukrainischen Fußballs.

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