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Mythos Europa
Prostitution, Migration, Frauenhandel

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Andrea Huterer (Hg.)
336 Seiten, 16 Abbildungen
Berlin (BWV) 2006,[= Osteuropa 6/2006]
Preis: 15,00 €
ISBN: 3-8305-1123-X

Coverbild

Andrea Huterer, Manfred Sapper,l Volker Weichsel | 5

Editorial
Mythos Europa
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Am Anfang war der Mythos. Und der Mythos handelt von Zeus, von Sex, Entführung und Gewalt. Was Roland Topors Vexierbild auf der Titelseite zeigt, ist der Ursprung Europas. In einen Stier verwandelt raubt der Göttervater Zeus die phönizische Königstochter Europa. Was im Mythos anklingt, hat eine beklemmende Aktualität gewonnen. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs sind viele Schranken gefallen, die den Austausch von Ideen und Gütern verhinderten, die Reisefreiheit und Freizügigkeit der Menschen zwischen Ost und West unmöglich machten. Nun sind Menschen, Ideen und Güter in Bewegung. Die neue Freiheit hat auch Schattenseiten. Zu den augenfälligsten gehört ein transnationaler west-östlicher Prostitutionsmarkt. Und wieder ist von Sex, Entführung und Gewalt die Rede. Die Rollen auf diesem Markt sind klar verteilt: Frauen aus Ostmittel- und Osteuropa bieten -- gemeinsam mit Frauen aus Südostasien, Südamerika und Afrika -- überall in Westeuropa sowie entlang der innereuropäischen Wohlstandsgrenze Sexdienste an; die meisten ihrer männlichen Kunden kommen aus Westeuropa. Weniger klar ist, wie dieses Phänomen zu bewerten ist und welche Ursachen es hat. Prostitution, Migration und Frauenhandel finden im Graubereich von Verdrängung, Tabuisierung, Schattenwirtschaft und Kriminalität statt. Deshalb sind verläßliche Zahlen über ihr Ausmaß nicht zu haben. Vor der Fußball-Weltmeisterschaft war von 40 000 Frauen die Rede, die extra zu den Spielen zusätzlich aus Osteuropa nach Deutschland hätten gelockt und verschleppt werden sollen, um sie zur Prostitution zu zwingen. Kaum war das erste Spiel angepfiffen, stellte sich heraus, daß davon keine Rede sein konnte. Nun ist nicht einmal mehr zu ermitteln, wie die Zahl in Umlauf kam. Wo die Fakten labil und die Daten instabil sind, ist es kein Wunder, daß die Debatte über Prostitution, Migration und Frauenhandel stärker von Weltbildern als von nüchterner Analyse geprägt ist. Vornehmste Aufgabe einer Zeitschrift wie Osteuropa, die wissenschaftliche Analyse mit der Verpflichtung zur Aufklärung verbindet, ist es, solche Weltbilder kritisch zu durchleuchten. Dreh- und Angelpunkt der Debatte über Sexarbeit und Frauenhandel ist die Frage, ob Prostitution freiwillig sein kann. Handelt es sich um eine moderne Form der Sklaverei, bei der skrupellose Menschenhändler ahnungslose Frauen aus Osteuropa mit falschen Versprechungen in ihre Fänge locken, um sie über die Grenzen nach Westeuropa zu schleusen und mit physischer Gewalt sowie ökonomischem Zwang in der Prostitution auszubeuten? Dies ist die Sicht der Abolitionisten, denen Prostitution per se als Ausbeutung der Frau gilt und die daher fordern, die Vermittler oder gar die Kunden von Prostituierten zu bestrafen, um so Sexsklaverei und Menschenhandel auszurotten. Oder haben wir es mit einer Form der Arbeitsmigration zu tun, die von dem sozialen Niedergang in einigen osteuropäischen Staaten und dem Wohlstandsgefälle zwischen Osteuropa und Westeuropa angefeuert wird. Anhänger dieser Haltung erhoffen sich von der gesellschaftlichen Anerkennung und staatlichen Regulierung der Prostitution eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Prostituierten. Beide Positionen sind, wie die Beiträge zu diesem Heft zeigen, verkürzt. Prostitution und Migration können freiwillig und selbstbestimmt, doch gleichzeitig auch mit Gewalt und Ausbeutung verbunden sein. Freiwilligkeit und Zwang hängen in den meisten Fällen zusammen. Hat eine Frau aus der Ukraine oder Rußland die Entscheidung getroffen, in Westeuropa in der Sexindustrie zu arbeiten, bedeutet dies keineswegs, daß sie nicht dennoch ausgebeutet werden kann. Ebenso weit wie die Beurteilung des ost-westlichen Prostitutionsmarkts klaffen die Konzepte zur Verbesserung der Situation der Frauen auseinander. Ist der Menschenhandel zu beenden, indem die Strafgesetze verschärft, organisierte Kriminalität bekämpft, Schleuserbanden und Zuhälterringe zerschlagen und die Grenzen besser kontrolliert werden? Oder verstärkt die polizeiliche Repression nur Gewalt und Ausbeutung, da sie weder die Nachfrage noch das Angebot austrocknen kann, die Arbeitsmigrantinnen im Prostitutionsgewerbe aber in ein illegales und damit jeglicher Kontrolle entzogenes Milieu abdrängt, um sie nach ihrer "Befreiung" rasch abzuschieben? Sind also vielmehr eine Legalisierung der Prostitutionsmigration und eine aktive Sozialarbeit Mittel zur Verbesserung der Lage der Frauen? Vieles spricht dafür, daß auch dies keine Alternativen sind. Der kriminologische Ansatz, wie ihn auch viele Frauenrechtlerinnen vertreten, läuft Gefahr, jede Prostitution, ja jede Migration als Menschenhandel zu definieren. Eine Politik, welche die Frauen in Osteuropa und anderen Weltregionen im Auge hat, muß, wie Julia O'Connell Davidson argumentiert, sich weniger um die Bekämpfung des "Menschenhandels" als um die Reduzierung der Armut in den Herkunftsländern der Migrantinnen und Migranten kümmern. Bei der Prostitutionsmigration von Ost nach West geht es nicht nur um Würde, Menschenrechte oder Wirtschaft. Der Diskurs über Prostitution hat auch spannungsgeladene symbolische und politische Dimensionen. Der Ort, an den die westeuropäischen Gesellschaften die Prostitution verweisen, ähnelt frappierend dem Rang, den "Osteuropa" im westeuropäischen Denken einnimmt. "Osteuropa" und die Prostitution stehen, wie Christiane Howe es nennt, für "das Verbotene, das Verruchte, das Ausgelagerte, das Andere, welches Sehnsüchte, geheime Wünsche, ungewollte Phantasien und Ängste auf sich zieht." "Osteuropa" steht für Drogen-, Waffen-, Frauenhandel; für illegale Milliardengeschäfte, Geldwäsche und Korruption; für extreme Armut und extremen Reichtum; für Geld, Sex und Gewalt. Es ist ein Dorado für schwere Jungs und leichte Mädchen. Darüber hinaus hat Prostitution, wie der "Fall Friedman" zeigte, immer auch enorme Sprengkraft. Von politischer Bedeutung ist nicht der jähe Absturz des Politikers und Fernsehmoderators, nachdem öffentlich geworden war, daß er Sex bei ukrainischen (Zwangs?)prostituierten gekauft hatte. Entscheidend ist, daß -- wie einige Monate später die sogenannte Visa-Affäre zeigte -- Zuhälter und Prostituierte ein integraler Bestandteil des Ukrainebildes und damit auch des Osteuropabildes in der deutschen Öffentlichkeit sind. Diese damit verbundenen Bedrohungsvorstellungen sind stets mobilisierbar und können das in einer demokratischen Revolution erworbene Image rasch verderben. Grund genug, diesem Zusammenspiel von Migration, Prostitution, Geschlechterverhältnissen und Machtbeziehungen historisch, gesellschaftlich, sozial, kulturell und politisch auf den Grund zu gehen. Schließen

Julia O'Connell Davidson | 7 | Volltext

Männer, Mittler, Migranten
Marktgesetze des "Menschenhandels"
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Die Debatte über Prostitution und Menschenhandel ist von zwei gegensätzlichen Positionen geprägt. Für Abolitionisten ist Prostitution per se eine Ausbeutung der Frau. Sie fordern, die Vermittler oder sogar die Kunden von Prostituierten zu bestrafen, um so Sexsklaverei und Menschenhandel auszurotten. Ihre liberalen und libertären Gegner betrachten hingegen Sex als eine Ware wie jede andere. Sie erhoffen sich von der gesellschaftlichen Anerkennung und staatlichen Regulierung der Prostitution eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Prostituierten. Beide Positionen sind verkürzt. Prostitution und Migration können freiwillig und selbstbestimmt, aber auch mit Gewalt und Ausbeutung verbunden sein. Eine Politik, die wirklich die Menschen in den Herkunftsländern im Auge hat, muß sich nicht um Bekämpfung des "Menschenhandels", sondern um die Reduzierung der Armut in den Herkunftsländern der Migranten kümmern. Schließen

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Mythos Europa
Prostitution, Migration, Frauenhandel
Berlin (6/2006)
Seite 7 - 20


Julia O'Connell Davidson

Männer, Mittler, Migranten
Marktgesetze des "Menschenhandels"

Feministische und religiös inspirierte Abolitionisten betrachten die männliche Nachfrage nach kommerziellem Sex seit langem als Hauptursache von Prostitution und damit verbundenen Formen von Mißbrauch wie sexuelle Ausbeutung von Kindern, Gewalt, „Menschenhandel“, mißbräuchliche und sklavereiähnliche Beschäftigung. Bis Mitte der 1990er Jahre stießen Forderungen, Männer, die Sex kaufen, zu kriminalisieren und zu reformieren, oftmals auf taube Ohren. Seit einigen Jahren scheinen jedoch immer mehr politische Entscheidungsträger auf das Problem aufmerksam zu werden. Seit Mitte der 1990er Jahre sind in den USA, Kanada und Großbritannien sogenannte john schools („Freier-Schulen“) entstanden, in denen Männer umerzogen werden sollen, die auf der Straße und an anderen öffentlichen Plätzen Prostituierte angeheuert haben. 1998 führte Schweden eine Gesetzgebung ein, die den Kauf von Sex kriminalisiert. Vor allem aber hat das zunehmende internationale Interesse an Phänomenen des „Menschenhandels“ die Einstellung zu Prostitution verändert und neue politische Strategien gefördert. Die Vorstellung, daß diejenigen, die kommerziellen Sex konsumieren, ein soziales Problem darstellen, bekommt immer mehr Anhänger. Ihr liegt die Annahme zugrunde, es sei die Nachfrage nach jungen und ausländischen Prostituierten, die Menschenhandel zu einem profitablen Geschäft mache.
So hat etwa der schwedische Ombudsmann für Gleichberechtigung, Claes Borgström, vor kurzem einen Boykott der Fußballweltmeisterschaft in Deutschland verlangt, da diese die Nachfrage nach Prostitution stimulieren und damit zu einem Anstieg des Menschenhandels und der Sexsklaverei führen werde. Die Sonderberichterstatterin der UN-Menschenrechtskommission gegen Menschenhandel, Sigma Huda, merkt in ihrem jüngsten Bericht an, daß „reguläre“ Prostitution in die Kategorie Menschenhandel falle, und erklärt, daß das effektivste Mittel, um die Nachfrage nach Menschenhandel zu senken, eine Kriminalisierung des Kaufs von sexuellen Dienstleistungen sei. Unter internationalen politischen Entscheidungsträgern kann man immer öfter die Meinung hören, es sei nötig, bei der „Nachfrageseite des Menschenhandels“ anzusetzen. In letzter Zeit ist eine Reihe von Studien zu diesem Phänomen in Auftrag gegeben worden. Obwohl die Vorstellung, daß „Menschenhandel“ durch die Nachfrage nach kommerziellen sexuellen Dienstleistungen stimuliert sein könnte, recht plausibel klingt, sind die Beziehungen zwischen ausbeuterischen und mißbräuchlichen Praktiken im Bereich Sexarbeit auf der einen und der Nachfrage nach kommerziellen sexuellen Dienstleistungen auf der anderen Seite komplexer, als gemeinhin im Anti-Menschenhandel-Diskurs angenommen wird.
Was ist die Nachfrageseite des „Menschenhandels“?
Bis Ende der 1990er Jahre gab es kein internationales Abkommen, das eine klare gesetzliche Definition des Begriffs „Menschenhandel“ anbot. Nach einer intensiven Debatte verabschiedete die UN-Vollversammlung im November 2000 das Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität (sog. Palermo-Konvention), von zwei Protokollen ergänzt wird, dem Zusatzprotokoll gegen die Schleusung von Migranten auf dem Land-, See- und Luftweg und dem Zusatzprotokoll zur Verhütung, Bekämpfung und Bestrafung des Menschenhandels, insbesondere des Frauen- und Kinderhandels (Palermo-Protokoll). In letzterem wird Menschenhandel folgendermaßen definiert:

[. . .] die Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderer Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Mißbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit oder Position der Verletzbarkeit, des Gebens oder der Annahme von Zahlungen oder durch Gewährung oder Entgegennahme von Zahlungen oder Vorteilen zur Erlangung des Einverständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Person hat, zum Zweck der Ausbeutung. Ausbeutung umfaßt mindestens die Ausnutzung der Prostitution anderer oder andere Formen sexueller Ausbeutung, Zwangsarbeit oder Zwangsdienstbarkeit, Sklaverei oder sklavereiähnliche Praktiken, Leibeigenschaft oder die Entnahme von Organen [. . .] (Art. 3a)

Das „Palermo-Protokoll“ trat im Dezember 2003 in Kraft. Bis Mitte 2006 hatten es 117 Staaten unterzeichnet, und es wird oftmals davon ausgegangen, daß das Protokoll die mit dem Begriff „Menschenhandel“ verbundenen Definitionsprobleme und politischen Streitpunkte zufriedenstellend gelöst habe. Dies ist nicht der Fall. Das Protokoll spiegelt durch seine Einbettung in das Übereinkommen gegen die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität und seine Verknüpfung mit einem Protokoll über Schleuserei eine Konzentration auf das Problem der „illegalen Immigration“ als wesentlichem Bestandteil des Sicherheitsrisikos, welches das internationale organisierte Verbrechen darstelle, wider und weniger eine Sorge um die Menschenrechte von Migranten. Das Protokoll gibt zwar eine Definition von „Menschenhandel“, die konstituierenden Merkmale dieses „Menschenhandels“ legt es aber nur ungenau fest. So werden etwa die Begriffe „sexuelle Ausbeutung“ (sexual exploitation) und „Ausnutzung der Prostitution anderer“ (exploitation of the prostitution of others) nicht definiert. Die mangelnde Präzision in diesen Punkten gestattete es zwar, daß das Protokoll „ohne Voreingenommenheit bezüglich der Frage, wie die Vertragsstaaten Prostitution in ihren jeweiligen Gesetzen behandeln“, verabschiedet werden konnte. Gleichzeitig machte er es praktisch unmöglich, die Nachfrageseite von „Menschenhandel“ im Bereich des kommerziellen Sexmarkts zu diskutieren, ohne in eine allgemeinere Debatte über das Für und Wider von Prostitution verwickelt zu werden, eine Debatte, die hochgradig polarisiert ist und ungeheuer emotional geführt wird.
Aus einer politischen Perspektive, die sich vereinfachend auf das Stichwort „abolitionistisch“ bringen läßt, stellt Prostitution eine Form männlicher sexueller Gewalt gegen Frauen dar. Nach dieser Position reduziert ein Markt für kommerzielle sexuelle Dienstleistungen Frauen und Mädchen unvermeidlich zu reinen Waren. Dementsprechend gibt es keinen Unterschied zwischen „erzwungener“ und „freiwilliger“ Prostitution. Eine Frau könne sich nicht freiwillig dazu hergeben, durch Prostitution entwürdigt zu werden, ebenso wie man nicht sinnvoll davon sprechen könne, eine Frau willige darin ein, sich selber in die Sklaverei zu verkaufen. Eine Frau als Prostituierte anzustellen, bedeutet nach dieser Logik per definitionem, diese Frau „auszubeuten“. Für kommerzielle Sexdienstleistungen zu zahlen, heißt demnach automatisch, einen Akt der „sexuellen Ausbeutung“ zu begehen. Interessengruppen, die diese Position verfechten, bestehen daher darauf, daß die Nachfrage nach kommerziellen Sexdienstleistungen den Menschenhandel stimuliere – denn gäbe es keinen Markt für Prostitution, dann gäbe es auch keinen Menschenhandel. Gruppen wie die Coalition against Trafficking in Women (Koalition gegen den Frauenhandel, CATW) und die European Women’s Lobby (Europäische Frauenlobby, EWL), in der nationale Dachorganisationen von Frauenorganisationen aus den EU-Staaten zusammengeschlossen sind, fordern unnachgiebig, daß der Staat Männer, die Sex kaufen, ebenso wie Vermittler, die Prostitution organisieren und/oder finanziell davon profitieren, bestrafen müsse.
Für die liberalen oder libertinären Vertreter des anderen Endes des politischen Spektrums ist diese Position natürlich inakzeptabel. Sie betrachten kommerziellen Sex als etwas, das sich unter moralischen und politischen Aspekten nicht wesentlich von jedem beliebigen anderen Dienstleistungsmarkt unterscheidet. Die Idee, den kommerziellen Sexmarkt vollständig auszurotten, um das Problem des Menschenhandels zu Prostitutionszwecken in den Griff zu bekommen, ist für sie ebenso drakonisch und verbohrt wie etwa die Idee, die Nachfrage nach Teppichen müsse eliminiert werden, um das Problem der Zwangs- und Kinderarbeit in der Teppichindustrie zu lösen. Durch diese Brille betrachtet entsteht das Problem des Menschenhandels zum Zwecke der Prostitution nicht durch eine Nachfrage der Konsumenten, sondern durch eine Nachfrage der Arbeitgeber nach Zwangsarbeit.
Protagonisten beider Seiten der „Sexsklaverei oder Sexarbeit“-Debatte übergehen häufig mit Schweigen, daß die Realität viel komplexer ist. Prostitution ist ein immens vielfältiges Phänomen – in Hinblick auf ihre soziale Organisation, Arbeitspraktiken/-bedingungen, Einkünfte sowie die unterschiedlichen subjektiven Bedeutungen, die sie für die Verkäufer und Käufer von Sex haben. Nicht nur die Umstände, unter denen Transaktionen zwischen Prostituierten und Kunden arrangiert und durchgeführt werden, sind sehr unterschiedlich, sondern auch Art und Umfang der Beteiligung von Vermittlern – einige Prostituierte arbeiten unabhängig, andere werden direkt oder indirekt von Vermittlern beschäftigt, manche gehen Arbeitsverträge ein, manche sind an Bordelle gefesselt und werden dazu gezwungen, sich zu prostituieren usw. Die Art der Beteiligung von Vermittlern ist nicht durch den jeweiligen Ort festgelegt, an dem Prostituierte arbeiten. Unabhängig davon, ob die Prostitution in geschlossenen Räumen oder im Freien stattfindet, können Prostituierte Opfer extremer Ausbeutung durch Vermittler sein oder aber völlig unabhängig arbeiten; zwischen diesen Extremen gibt es eine große Bandbreite. Der Grad der wirtschaftlichen Ausbeutung, der Prostituierte ausgesetzt sind, erstreckt sich über ein breites Kontinuum von absolut – wenn ein Vermittler alles Geld, das ein Individuum durch seine Prostitution einnimmt, beschlagnahmt – bis nicht existent – wenn eine Person, die sich prostituiert, ihren gesamten Verdienst für sich behält. Ebenso unterschiedlich sind die Erfahrungen, die Prostituierte mit Gewalt durch Vermittler oder aber durch Kunden machen. Obwohl ein Teil der auf dem Sexmarkt Beschäftigten – gleich ob Selbständige oder Angestellte – mit einem hohen Risiko von tätlichen Übergriffen leben müssen, gibt es durchaus auch Gegenbeispiele.
Der Begriff „Prostitution“ beschreibt also keine einheitliche Erfahrung. Die Arbeitsbedingungen einer erwachsenen Frau, die selbständig als Escort-Dame arbeitet, teils weil es ihrem eigenen, ganz persönlichen Interesse an anonymem Sex entspricht, teils weil sie damit mehr als 2000 Euro pro Woche verdienen kann, als „Sexsklaverei“ zu bezeichnen, kann nicht zufriedenstellen; ebenso wie es unbefriedigend wäre, im Falle einer Minderjährigen, die gekidnappt, eingesperrt und physisch dazu gezwungen worden ist, sich zu prostituieren, von einer „Sexarbeiterin“ zu sprechen. Aber das Problem wird auch nicht wirklich dadurch gelöst, daß man, wie dies viele Anhänger liberaler und libertinärer Ansichten tun, eine scharfe Trennlinie zwischen dem Vorgehen gegen Zwangs- und Kinderprostitution auf der einen und dem Umgang mit freiwilliger Prostituierung von Erwachsenen auf der anderen Seite zieht, indem man erstere gesetzlich verbietet und letztere reguliert oder toleriert. Denn der exakte Punkt zwischen diesen beiden Extremen, an dem Prostitution zur „freien Wahl“ wird, ist nicht leicht zu identifizieren. Egal, ob man nun von Sexarbeit oder einer beliebigen anderen Form von Arbeit spricht, die Linie zwischen Zwang und Einwilligung ist meist nicht eindeutig zu ziehen. Wenn Alternativen fehlen oder es große Anreize gibt, können Menschen sich auf etwas einlassen, das ihnen möglicherweise schadet und das sie unter anderen Umständen nicht tun würden.
Die Tendenz, die Analyse und Debatte auf die Frage zu verengen, ob Prostitution Sexsklaverei oder Sexarbeit ist, behindert eine ernsthafte Diskussion des komplexen Gemischs von Faktoren – einschließlich des Faktors Nachfrage –, die dem Problem der Zwangs- bzw. unfreien Arbeit auf dem Sexmarkt zugrunde liegen. Statt dessen kann man drei Typen von Nachfrage unterscheiden, die jeweils in verschiedener Weise mit dem Phänomen der erzwungenen bzw. unfreien Prostitution zusammenhängen.
Die Nachfrage nach kommerziellem Sex
Die Sexindustrie ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten rapide expandiert und hat sich massiv diversifiziert:

[D]ie Bandbreite des Geschäfts mit dem Sex umfaßt inzwischen: Live-Sexshows, alle möglichen Arten von pornographischen Texten, Videos und Bildern (gedruckt oder on-line); Fetischclubs; „Sextempel“ mit Lap-dancing und Wall-dancing, Escort-Agenturen; Telefonsex und Cybersex-Kontakte; „drive-through“-Striptease-Shows; und organisierte Sextouren in Entwicklungsländer.
Nie zuvor hat es in Europa ein größeres, vielfältigeres Angebot an käuflichem Sex gegeben als heute; kommerzieller Sex kann sowohl legal als auch illegal konsumiert werden, und die Grenzen zwischen kommerziellem Sex und anderen Formen des Konsums (Freizeit-, Tourismus- und Unterhaltungsangebote usw.) verschwimmen zunehmend. Heizt die Expansion dieses Markts den „Menschenhandel“ an?
Es gibt keine eindeutige Beziehung zwischen der Nachfrage von Konsumenten und spezifischen Formen von Beschäftigungsverhältnissen in der Sexindustrie. Theoretisch kann die Nachfrage nach einer beliebigen kommerziellen Sexdienstleistung ebenso gut von jemandem befriedigt werden, der selbständig und unter guten Bedingungen arbeitet, wie von jemandem, der Mißbrauch und sklavereiähnlichen Praktiken ausgesetzt ist. Und dennoch gibt es einige plausible Gründe für die Annahme, daß die rapide Expansion eines Marktes, der nur schwach reguliert, in hohem Maße stigmatisiert und in Teilen kriminalisiert ist, mitverantwortlich für die Zunahme mißbräuchlicher Arbeitspraktiken ist. In diesem Sinne ist eine wachsende Nachfrage von seiten der Konsumenten zweifelsohne einer der Faktoren, die zur Förderung des Phänomens Zwangsarbeit in der Sexindustrie beitragen. Das soll nicht heißen, daß jede Nachfrage heutzutage durch unfreie Arbeit befriedigt wird – insgesamt gesehen stellen sicherlich formal „freie“ Angestellte oder Selbständige die große Mehrheit der Beschäftigten im europäischen Sexsektor. Dennoch gibt dieser Zusammenhang Anlaß zur Sorge über die Expansion der Nachfrage nach kommerziellem Sex.
Wie erklärt sich die Nachfrage nach kommerziellem Sex? Sie wird, wie alle Formen von Konsumnachfrage, in starkem Maße durch soziale, kulturelle und historische Faktoren bestimmt. Sie ist zudem abhängig vom Angebot, von der Verfügbarkeit und von der Erschwinglichkeit. Man könnte fast sagen, daß eher das Angebot die Nachfrage erzeugt als umgekehrt. Es gibt beispielsweise in einer Gesellschaft kein absolutes oder vorgegebenes Niveau der Nachfrage nach Lap-dancern: Vor dem Aufkommen von Lap-dance-Clubs in den 1990er Jahren fehlte niemandem etwas. Doch mag ein Angebot auch eine notwendige Bedingung für Nachfrage sein, so ist es doch nicht in allen Fällen eine ausreichende Bedingung. Nachfrage muß vielmehr auch sozial „konstruiert“ werden, Menschen müssen zu der Vorstellung erzogen werden, daß sie ein bestimmtes Produkt wollen oder brauchen. Konsum ist eine Form von Zurschaustellung in doppeltem Sinne: Zum einen markiert er Identität und sozialen Status, zum anderen dient er dazu, an bestimmten Punkten ritualistisch und öffentlich unseren Weg durch Tag, Woche, Jahr, durch unser Leben zu markieren. Der Mensch wird z.B. genauso wenig mit dem Wunsch geboren, sich kommerzielle Sexdienstleistungen zu kaufen oder Lap-dance-Clubs zu besuchen, wie ihm das Bedürfnis in die Wiege gelegt wird, Lotto zu spielen oder Coca-Cola zu trinken. Er muß erst lernen sich vorzustellen, daß es Vergnügen bereiten kann, eine fremde Person dafür zu bezahlen, daß sie nackt vor ihm tanzt; ihm muß erst beigebracht werden, daß die Inanspruchnahme derartiger Dienste „Spaßhaben“ signalisiert, daß sie ein Marker für seine soziale Identität und seinen Status als „echter Mann“, „Erwachsener“, „Nicht-Schwuler“ oder was auch immer ist.
Märkte sind ein soziales Konstrukt und historisch bedingt. Die Bildung eines Marktes setzt „die kulturelle Konstruktion von Tauschobjekten, die kulturelle Konstruktion der am Tausch beteiligten Parteien und die kulturelle Konstruktion von Normen des Tauschs“ voraus. Diese Einsicht gilt für den Prostitutionsmarkt ebenso wie für jeden anderen Markt. Dennoch ist jedes einzelne der drei Elemente in bezug auf den Prostitutionsmarkt umstritten.
Umstritten ist etwa die These, daß man die Fähigkeit, einem anderen Menschen sexuelles Vergnügen zu bereiten, als Objekt betrachten könne, das man auf einem Markt veräußern kann. Feministische Abolitionisten, die Prostitution als Form männlicher sexueller Gewalt, als eine Art Vergewaltigung betrachten, lehnen die Idee vehement ab, daß sexuelle Dienstleistungen gleichsam von der Person abstrahiert auf einem Markt verkauft werden könnten, ohne daß dabei die weibliche Prostituierte Schaden erleide. Aber es sind durchaus nicht nur Leute aus diesem politischen Lager, die Schwierigkeiten haben sich vorzustellen, sexuelle Dienstleistungen seien nichts anderes als Objekte eines Markttauschs und Prostituierte mithin gewöhnliche Marktakteure. Obwohl Prostitution gemeinhin als Markt aufgefaßt wird – schließlich hat sich das Bild vom „ältesten Gewerbe der Welt“ eingebürgert, das unausrottbar sei –, haben die meisten Menschen doch eine ambivalente Einstellung zu ihr oder mißbilligen diesen Markt.
Sicherlich sind die am Tausch der „Ware“ Prostitution Beteiligten nicht in derselben Weise kulturell „konstruiert“ wie die Teilnehmer an anderen Märkten. Das immense Stigma, das der weiblichen Prostitution traditionell anhaftet, hat zur Folge, daß Frauen, die mit Sex handeln, typischerweise nicht als reine Marktakteure betrachtet werden. Statt dessen werden sie weithin als lasterhaft sowie sexuell und moralisch verdorben, als Überträgerinnen von Krankheiten, als gefallene oder verlorene Frauen oder defekte Opfer dargestellt und wahrgenommen. Viele betrachten auch diejenigen, die Sex kaufen, als pervers, und es gibt die wachsende Tendenz, den „Kunden“ als ein Individuum zu pathologisieren, das „sexgeil“ ist oder an einem anderen psychologischen Problem bzw. einer Persönlichkeitsstörung leidet.
All diese Diskurse über Prostitution finden gleichzeitig mit einer generell zu beobachtenden Sexualisierung und sogar Pornographierung der Konsumkultur statt, bei der sehr explizite sexuelle Bilder zur Vermarktung aller möglichen Produkte eingesetzt werden. Parallel dazu verwischt eine andere Grenze zunehmend: Seit langer Zeit besteht ein gesellschaftlicher Konsens darüber, daß der weiblichen Sexualität ein ökonomischer Wert innewohnt und daß dieser Wert in eine Ehe mit einem finanziell erfolgreichen Mann umgesetzt werden kann und sollte. Die Sexualität von Frauen wird somit implizit oder explizit als etwas verstanden, das einen Tauschwert hat, und dennoch wird sie im allgemeinen nicht als etwas wahrgenommen, das von der Person losgelöst und ohne moralischen Schaden als „Ware Prostitution“ gehandelt werden könnte. Die Sexualität der Frau ist „eine unvollständige Ware“. Dies hat für viele Frauen, die mit Sex handeln, eine Reihe negativer Konsequenzen. So besteht das Stigma, mit dem die Prostitution behaftet ist, fort – und damit auch das Risiko, Ablehnung, Feindseligkeit oder sogar Gewalt durch Familie und Gemeinschaft ausgesetzt zu sein. Zudem bleibt Prostituierten oftmals der Zugang zu grundlegenden Rechten einschließlich des Rechts auf Schutz und Gerechtigkeit versperrt. In vielen Ländern bedeutet die Tatsache, daß Sexualität eine „unvollständige Ware“ ist, darüber hinaus, daß es kein wirksames Regulativ gibt, das die Einhaltung von Verträgen erzwingen und diejenigen, die sexuelle Dienstleistungen anbieten, vor schlechten Arbeitsbedingungen und ausbeuterischen Beschäftigungsverhältnissen schützen würde. Aber auch in Ländern, in denen Prostitution legal und reguliert ist, wird der Prostitutionsmarkt nicht als ein Warentausch wie jeder andere und Prostituierte nicht als gewöhnliche Marktakteure betrachtet, was dazu führt, daß das Regulierungssystem Sexarbeitern häufig Beschränkungen und Unfreiheiten auferlegt, die es anderen Gruppen von Beschäftigten oder Bürgern nicht auferlegen würde.
Kurz gesagt bedeutet die Tatsache, daß Sexualität eine „unvollständige Ware“ ist, für die Prostituierten, daß sie sogar dort, wo ihr Tun nicht wirklich illegal ist, ausgeschlossen sind aus der „Gesellschaft“ im Sinne eines „sozialen, kulturellen und ethischen Systems, zu dem der Markt, das Rechtssystem und Vereine gehören, die zusammen für das Wohlergehen der Gemeinschaft verantwortlich sind.“ Dies hat sehr ernste Konsequenzen für ihren sozialen Status und ihr Wohlbefinden.
Eine mögliche Antwort auf dieses Problem ist, sich dafür einzusetzen, daß die Sexualität zu einer „vollständigen Ware“ wird, die Prostitution also zu einem ganz gewöhnlichen Dienstleistungsangebot. Ziel dieses Ansatzes wäre es, das Beziehungsgefüge von Objekten, Tauschpartnern und Normen auf diesem Markt jenem „anständiger Märkte“ anzupassen. Als Begründung führen die Anhänger dieser Lösung an, daß es Sexarbeitern so ermöglicht würde, ethisch und rechtlich in die Gesellschaft integriert zu werden – mit allen daraus resultierenden Vorteilen. Diese Strategie verfolgen viele für die Rechte von Sexarbeitern kämpfenden Aktivisten, die sich für eine Entstigmatisierung und Entkriminalisierung der Prostitution und die Anwendung der geltenden Arbeitsgesetzgebung auf den Sexsektor einsetzen. Ihre Argumentation beruht auf der These, daß die Prostitution, würde sie als anständiger, normaler Markt wie jeder andere betrachtet, sich auch an die Normen des Tausches auf den legalen und sozial akzeptierten Märkten angleichen würde.
Eine solche Position erscheint mir allzu optimistisch – sowohl in bezug auf die Möglichkeit, sexuelle Dienstleistungen zu gesellschaftlich akzeptierten oder sogar moralisch neutral bewerteten Tauschobjekten zu machen, als auch auf die erwarteten Konsequenzen. Auf Verbrauchermärkten – seien es nun solche für Sex, andere Dienstleistungen oder Güter – reproduzieren sich die Statushierarchien einer Gesellschaft, und dies bedeutet nun einmal unweigerlich, daß Ungleichheiten, die auf Klassen-, Rassen-, nationalen, Alters- und Geschlechtsunterschieden beruhen, symbolisch ausgespielt und in Konsumgewohnheiten verfestigt werden. Man braucht kein konservativer Moralapostel, Verfechter der Abschaffung der Prostitution oder Verächter von sexuellem Vergnügen zu sein, um ein leichtes Unbehagen etwa bei der Vorstellung zu verspüren, daß in einem Land wie Spanien, in dem es keine schwarzen weiblichen Politiker und nur eine Handvoll schwarzer weiblicher Fachleute gibt, in dem schwarze Frauen im Fernsehen und anderen Medien fast ausschließlich als Hausangestellte oder Prostituierte präsentiert werden und wo Rassismus gegenüber Afrikanern zum Alltag gehört, ein großer Markt entsteht, auf dem Frauen aus Westafrika ihre Dienste anbieten.
Noch gefährlicher erscheint mir jedoch die abolitionistische Antwort auf das Problem. Maßnahmen, die Männer davon abhalten sollen, Sex bei Straßenprostituierten zu kaufen und/oder dazu dienen, die sichtbarsten Formen von Prostitution zu unterdrücken, werden zunehmend als „Maßnahmen gegen Menschenhandel“ dargestellt und gerechtfertigt. Einmal abgesehen von den vielen Einwänden gegen eine solche Haltung aus den Reihen von NGOs, die sich für die Sicherheit, Menschenrechte und bürgerlichen Freiheiten von Frauen einsetzen, die in der Straßenprostitution arbeiten, ist klar, daß dies eine inadäquate Antwort auf den Zusammenhang zwischen der Nachfrage von Seiten der Konsumenten und Zwangsarbeit im gesamten Sexsektor ist. Die Nachfrage nach Straßenprostitution zu ersticken, wird die Nachfrage in anderen – legalen und illegalen – Segmenten des Markts, wo Zwangs- bzw. unfreie Arbeit ebenfalls ein Problem darstellt (Pornographie, Escort-Agentur-Prostitution, Lap- und Tabledance-Clubs, Internet-Webcam-Sex), mitnichten drosseln, sondern möglicherweise sogar noch steigern. Natürlich könnte man die Logik des „Bestraft den Käufer“-Ansatzes auf alle Formen des Sexgeschäfts ausweiten, also einen totalen Bann über alle Formen von sexualisierter Unterhaltung und Pornographie verhängen, bei der Schauspieler und Models beschäftigt werden, Razzien in Privatwohnungen veranstalten, private Bankkonten überprüfen, um sicherzugehen, daß niemand über das Internet Kontakt zu Sexarbeitern herstellt, und Telefone abhören, um zu verhindern, daß Telefonsex konsumiert wird. Aber die meisten Staaten würden wohl wegen des damit verbundenen Eingriffs in die bürgerlichen Freiheiten davor zurückschrecken. Angesichts der politischen und moralischen Probleme, die eine Politik der gesetzlichen Unterdrückung mit sich bringen würde, sollten diejenigen, die den kommerziellen Sexmarkt austrocknen wollen, vielleicht mit kreativeren und langfristigeren Lösungen aufwarten, statt auf strikte Sanktionierung zu setzen.
Die Nachfrage nach Arbeit
Vermittler, die Sexarbeiter in Bordellen, Nachtclubs, Escort-Agenturen und Lapdance-Clubs beschäftigen, sowie Zuhälter, welche die Prostitution einer anderen Person organisieren und davon finanziell profitieren, treffen ihre Entscheidungen über Beschäftigungspraktiken, Arbeitskontrolle und -organisation nicht in einem Vakuum. Wie alle Arbeitgeber entscheiden sie auf der Grundlage von Strategien, die in dem betreffenden sozialen, rechtlichen und institutionellen Kontext, in dem sie operieren, praktikabel und profitabel sind. Solche Entscheidungen sind eindeutig davon beeinflußt, ob es klare staatliche Standards für Beschäftigungsbedingungen an Orten wie Lapdance-Etablissements und – wo diese legal sind – Bordellen sowie regelmäßige und effektive Überprüfung und Kontrolle an legalen und „irregulären“ Arbeitsplätzen gibt. Zu bedenken ist auch, daß Zuhälter und andere im Sexgeschäft tätige Vermittler oft als widerwärtige und unmoralische „Fleischhändler“ angesehen werden. Tatsächlich gehören jedoch diejenigen, die Arbeitskräfte für das Sexgeschäft rekrutieren und/oder Arbeiter in dieser Branche beschäftigen, keiner sozial, moralisch oder politisch homogenen Personengruppe an und teilen nicht alle dieselbe Einstellung zu ihrer Wirtschaftstätigkeit. Einige wenige mögen verrückte Soziopathen sein, auf der anderen Seite findet man sicherlich auch Leute, die sich ethischen Geschäftsprinzipien stark verpflichtet fühlen. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es eine große Gruppe von „einfachen“ Leuten, die sich, wie dies in der Natur des Menschen liegt, einreden, daß ihr Handeln normal, natürlich, notwendig oder unvermeidlich und daher gerechtfertigt ist.
Soziale Normen spielen also eine wichtige Rolle für das individuelle Verhalten von Menschen als „Arbeitgeber“ im legalen wie im illegalen Segment des kommerziellen Sexmarkts. Diese Normen bilden sich in starkem Maße dadurch heraus, daß Menschen beobachten, was andere tun und wie weit sie der Staat damit durchkommen läßt. Es ist deprimierend zu beobachten, wie formbar die Moral der meisten Menschen ist, die auf einem beliebigen Markt tätig sind, und wie schnell sie Praktiken übernehmen, die sie zuvor als ausbeuterisch beurteilt hätten – vorausgesetzt, niemand gebietet ihnen Einhalt und andere handeln ebenso. Ein bezeichnendes Beispiel für eine solche Haltung liefern Interviews, die wir bei unseren Forschungen zur Arbeitgebernachfrage nach Migranten als Hausangestellte geführt haben: So stellte sich heraus, daß in Thailand ansässige Europäer, die in Europa nicht im Traum daran gedacht hätten, einen einheimischen Arbeiter 14 oder 15 Stunden pro Tag, sechs oder sieben Tage pro Woche, für ein Almosen für sich arbeiten zu lassen, in Bangkok ohne Gewissensbisse Hausangestellte unter solchen Bedingungen bei sich beschäftigten. Als Begründung gaben sie an, die lokalen Arbeitgeber täten dasselbe und die Behörden schritten nicht dagegen ein. Die meisten als Vermittler im Sexgeschäft tätigen Arbeitgeber denken nicht anders.
Im Zusammenhang mit „Menschenhandel“ ist ebenfalls zu bedenken, daß Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile gegen ethnische Minderheiten es für Arbeitgeber, sei es in der Sexindustrie, sei es in einem anderen Sektor, bedeutend leichter machen, sich einzureden, daß ausbeuterische Arbeitspraktiken gerechtfertigt seien. Der rassisch bzw. ethnisch „andere“ Arbeiter zählt nicht als vollwertiger Mensch und kann daher auf eine Art und Weise benutzt und mißbraucht werden, wie dies bei jemandem derselben Rasse oder Volkszugehörigkeit undenkbar wäre. Die Arbeits-migranten kommen aus einem verarmten, „unzivilisierten“, „rückständigen“ Land und können daher angeblich nicht dieselben Rechte, Freiheiten und denselben Respekt erwarten, wie sie einem einheimischen Arbeiter gebühren. Frauen und Mädchen aus Gruppen, die als sozial minderwertig gelten und sozial, politisch und wirtschaftlich marginalisiert sind, werden von Arbeitgebern wie Kunden ebenfalls für weniger wert erachtet und gelten demzufolge als „natürliche“ oder „ideale“ Besetzung für die untersten Positionen in der Sexindustrie.
Ähnlich wie im Falle der Nachfrage von seiten der Konsumenten lassen sich aus diesen Beobachtungen keine eindeutigen Implikationen ableiten. Soweit mangelnde Anwendung und Durchsetzung von Arbeitsstandards in der Sexindustrie dazu beitragen, daß eine Umgebung entsteht, in der es möglich und profitabel ist, sich unfreie Arbeit zunutze zu machen, stimme ich denjenigen zu, die fordern, den Sexsektor aus der Illegalität zu holen und ihn wie jede andere Industrie zu regulieren. Einschränkend muß jedoch hinzugefügt werden, daß aus verschiedenen Gründen der Gewinn, der sich daraus ziehen ließe, gering wäre. Der Sexsektor weist bestimmte Merkmale auf, die es sehr schwierig und sehr teuer machen, ihn effektiv zu regulieren – die „Unternehmen“ sind klein, die Anfangsinvestitionen gering, die Fluktuation von Arbeitskräften und Arbeitsstätten ist hoch, die Mobilität groß. Zudem sind Regierungen – ganz gleich ob im Sexsektor oder in jedem beliebigen anderen „schwer zu regulierenden“ Sektor – selten gewillt, in dem Umfang zu investieren, der nötig wäre, um einen angemessenen Schutz aller Arbeiter zu garantieren.
Darüber hinaus gibt es in vielen Ländern Gewohnheiten und Praktiken, die es schwierig machen, eine Regulierung durchzusetzen – etwa wenn Vermittler, die von der Organisation und Kontrolle der Prostitution profitieren, sich selbst nicht als direkte Arbeitgeber sehen, sondern Prostituierte als selbständige Unternehmer betrachten, die verschiedene Dienstleistungen bei diesem Vermittler kaufen und/oder von ihm Einrichtungen mieten. Dies ist ein Arrangement, das häufig der Verschleierung miserabler Arbeitsbedingungen und hochgradig ausbeuterischer Beschäftigungsverhältnisse dient. Gleichzeitig aber kann man nicht davon ausgehen, daß diejenigen, die Sex verkaufen, ein solches Arrangement ablehnen und ein reguläreres, direktes Beschäftigungsverhältnis bevorzugen würden – dem ist sicherlich nicht so. Viele von denen, die sich prostituieren, tun dies unregelmäßig. Sie benutzen Sex z.B. als Mittel, um Schulden abzuzahlen oder auf ein bestimmtes Ziel hin zu sparen, und es wäre gar nicht in ihrem Sinne, in ein dauerhaftes, sichtbares und direktes Arbeitsverhältnis eingespannt zu sein.
Die Sichtbarkeit, die so zentral für die Durchsetzung minimaler Arbeitsstandards und für den Schutz der Beschäftigten ist, bringt im Zusammenhang mit Prostitution noch andere Dilemmata mit sich. Auch hier gilt wieder: Arbeitgeber im Sexsektor sind, ähnlich wie beim Beispiel der Hausarbeit in Privathaushalten, oftmals an Migranten interessiert, weil ihre prekäre Situation, die von einem „unsicheren legalen Status im Gastland“ herrührt, sie anspruchsloser und flexibler hinsichtlich der Arbeitszeiten macht. Für viele Migranten, die käuflichen Sex anbieten, bedeutet jedoch eine größere Sichtbarkeit in dem Sinne, daß ihre Beschäftigungssituation einer stärkeren staatlichen Regulierung unterliegt, wahrscheinlich eher, daß sich für sie die Gefahr vergrößert, abgeschoben zu werden, als daß sie mehr Rechte und einen besseren Arbeitsschutz erhalten würden. Auch Prostituierte mit Staatsbürgerschaft oder Aufenthaltsgenehmigung, die mit dem Verkauf von Sex ihre Sozialhilfe aufbessern, laufen bei mehr Sichtbarkeit eher Gefahr, des Sozialbetrugs bezichtigt zu werden, als daß sie mehr Rechte genießen würden.
Dies verweist auf ein grundsätzlicheres Dilemma: Diejenigen, die Sex verkaufen, sind keine homogene Gruppe, und ihre Haltung zur „Prostitution“ ist sehr unterschiedlich, komplex und veränderlich. Gegenwärtig findet ein Großteil des Sexgeschäfts in einem nicht regulierten Graubereich als eine Art „Notwirtschaft“ statt, die außerhalb der Gesellschaft liegt. Daran ändert auch die Schaffung eines geregelten formalen Sektors nichts, da die Existenz eines legalen Sektors nicht zwangsläufig bedeutet, daß der illegale oder informelle Sektor verschwindet. Die Tatsache, daß Prostitution eine „unvollständige Ware“ ist, ist sicherlich mitverantwortlich dafür, daß diejenigen, die der Prostitution nachgehen, nach wie vor stigmatisiert und von Mißbrauch und Ausbeutung bedroht sind. Dies erklärt aber auch, warum diejenigen, die bereits aus der Gesellschaft ausgeschlossen sind – d.h. die Ärmsten der Armen, jugendliche Ausreißer, Drogenabhängige, Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung – gerade zur Prostitution als Mittel zum Überleben Zuflucht nehmen. Würde die Prostitution professionalisiert und in die „moralische“ Wirtschaft als eine legitime und „anständige“ Form der Arbeit integriert, wie dies einige Aktivisten, die für die Rechte von Sexarbeitern streiten, fordern, so wäre sie nicht mehr offen für solche Gruppen. Diese müßten Sex immer noch in einem dunklen, illegalen und ungeschützten Raum verkaufen. Hinzu kommt, daß viele Menschen, die der Prostitution nachgehen, weil sie heimat-, besitz- und rechtlos sind, in ihr keinen echten Beruf sehen, sondern lediglich eine Überlebensstrategie. Es ist keineswegs selbstverständlich, daß sie sich wünschen würden, als „Sexarbeiter“ in die Gesellschaft integriert zu werden, selbst wenn ihnen diese Option offenstünde. Nicht jeder, der käuflichen Sex anbietet, sieht sich selbst als einen „Sexarbeiter“ oder möchte als solcher wahrgenommen werden.
Schließlich trägt die Regulierung der kommerziellen Sexindustrie an sich nichts dazu bei, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilen gegen Migranten und ethnische Minderheiten entgegenzuwirken. In Wirklichkeit kann vielmehr das Bestreben, gesetzliche Arbeitsstandards in der Sexindustrie anzuwenden und durchzusetzen, mit dem Wunsch einhergehen, Migrantinnen aus dem Sektor zu verdrängen. Solange die Regierungen nicht das Problem der sozialen Ausgrenzung von Migranten und ihrer sozialen, politischen und ökonomischen Marginalisierung angehen, besteht die Gefahr, daß Regulierung lediglich dazu dient, bestehende rassische, ethnische und nationale Hierarchien in der Sexindustrie zu befestigen.
Aber noch einmal: Abolitionismus ist nicht die Lösung für die genannten Probleme, denn alle Versuche, den Prostitutionsmarkt zu unterdrücken, ganz gleich ob sie Sexarbeiter oder ihre Kunden ins Visier nehmen, führen fast zwangsläufig dazu, daß diejenigen, die Sex verkaufen, der Abwertung und den Gefahren des Schwarzmarktes ausgesetzt werden oder sich gezwungen sehen, mit anderen Methoden Geld zu verdienen, die ihnen weniger erstrebenswert erscheinen als die, ihren Körper zu verkaufen.
Die Nachfrage nach Migrationsgelegenheiten
Es gibt einen starken politischen Druck, „Menschenhandel“ als ein rein juristisches und polizeiliches Problem zu begreifen und ihn nicht in den Kontext des umfassenderen Problems der Migration zu stellen. Wenn man es jedoch als wichtigste Aufgabe betrachtet, die Nachfrage nach Zwangsarbeit, Sklaverei und Zwangsdienstbarkeit zu lokalisieren, zu erklären und zu bekämpfen, dann gibt es keinen moralischen oder analytischen Grund mehr, zwischen Zwangsarbeit zu unterscheiden, die von „illegalen Immigranten“ und „geschleusten“ Personen oder „Opfern von Menschenhandel“ geleistet wird. Sicherlich ist der bzw. die Prostituierte, der/die gemäß der Definition des „Palermo-Protokolls“ „gehandelt“ worden ist, für den skrupellosen, ausbeuterischen Arbeitgeber gerade deshalb attraktiv, weil er/sie isoliert ist und keine Chance hat, den Job zu quittieren oder eine Entschädigung für nicht gezahlten Lohn oder eine andere Form von Ausbeutung zu erstreiten. Aber „geschleuste“ Personen und Migranten ohne Aufenthaltsgenehmigung können ebenso leicht Opfer von Mißbrauch und Ausbeutung in der Prostitution (oder jedem anderen Sektor) werden. Mit anderen Worten, es gibt keine Nachfrage nach Arbeit bzw. Dienstleistungen von gehandelten Personen an sich, sondern nur nach billiger und ungeschützter Arbeit.
Die Reduzierung des Menschenhandels auf Schleuserkriminalität mag für diejenigen klar sein, deren politisches Hauptaugenmerk der Grenzkontrolle und der nationalen Souveränität gilt. Hingegen ist sie keineswegs offensichtlich für Menschen, denen in erster Linie daran liegt, die Rechte von Arbeitsmigranten zu stärken und zu schützen. Und wie viele Beobachter richtig bemerken, können Strategien, die darauf abzielen, Immigration zu kontrollieren und zu begrenzen, in Wirklichkeit die Märkte für „Menschenhandel“ und „Schleusertum“ noch anheizen und das Problem der Anwerbung irregulärer („gehandelter“, „geschleuster“ oder sonstiger) Migranten als billige und schutzlose Arbeitskräfte noch verschärfen. Neben der Nachfrage nach billiger Arbeit bzw. Dienstleistungen in Zielländern muß daher auch den Gelegenheiten zur Migration in den Herkunftsländern erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt werden.
„Menschenhandel“ wird oft beschrieben als eine Art moderner Sklavenhandel, und bei den meisten Menschen ruft das Wort Bilder von Frauen und Kindern hervor, die in ihrer Heimat geraubt und gewaltsam in ein anderes Land verschleppt werden. Die Forschung kommt jedoch im allgemeinen zu einem anderen Ergebnis, daß nämlich „Menschenhandel“ in der großen Mehrzahl der Fälle eine „korrumpierte“ Art von Migration ist, bei der sich ganz spezifische Migrationsprojekte – der Wunsch, durch Arbeitsmigration und die Annahme eines Jobs als Hausangestellter, in Landwirtschaft, Gastronomie oder Sexindustrie Ersparnisse anzusammeln oder seine Verwandten in der Heimat zu unterstützen; der Traum, seinen Kindern eine bessere Zukunft zu sichern, indem man sie zu Erziehung und Ausbildung ins Ausland schickt; das Bestreben, sein eigenes Leben durch eine „vorteilhafte“ Ehe zu verändern – in einen Albtraum verwandeln. Die überwiegende Mehrheit der Frauen und Mädchen aus Osteuropa, Afrika, Lateinamerika und Südostasien, die als Prostituierte in der Zwangsarbeit in westeuropäischen Ländern landen, wollten emigrieren – wenngleich nicht immer mit dem Ziel, als Prostituierte zu arbeiten, und natürlich wohl kaum mit der Absicht, Zwangsarbeit zu leisten.
Hinzu kommt, daß all diese Frauen und Mädchen gute Gründe für ihre Emigration haben. Nur in den seltensten Fällen wird daher eine öffentliche Debatte oder sogar persönliche Erfahrung der Gefahren, die mit illegaler Migration verbunden sind, solche Menschen davon abhalten können, dieses Risiko auf sich zu nehmen. Aus diesem Grund nennen Kritiker die Rückführung von „geschleusten“ Personen oder „Opfern von Menschenhandel“ „umgekehrten Menschenhandel“. Ein Beispiel: Die Analyse einer Stichprobe von 256 albanischen Kindern, die zwischen 1998 und 2000 von Italien nach Albanien rückgeführt worden waren, zeigte, daß 2001 „nur 98 der rückgeführten Kinder sich noch immer in Albanien aufhalten, während 155 erneut emigriert sind“. Diese Kinder waren zwar nicht unbedingt alle in die Prostitution geraten (einige aber möglicherweise sehr wohl); dennoch hilft diese Analyse zu erklären, warum es Fälle gibt, in denen sich sogar Kinder, die unter den armseligsten Bedingungen arbeiten mußten, ihrer Rückführung widersetzen. Von den 256 in ihre Heimat zurückgebrachten Kindern fanden danach nur sechs in Albanien eine Arbeit.
Ein ähnliches Resultat erbrachten Interviews mit 60 Jugendlichen aus Moldova, die in ihre Heimat zurücktransportiert worden waren: Fast alle, einschließlich derer, die im Ausland als Prostituierte gearbeitet hatten, wollten erneut ausreisen – zudem waren einige der Befragten bereits mehr als zweimal „gehandelt“ worden. Dieses Ergebnis kann nicht überraschen, wenn man bedenkt, daß mehr als 50 Prozent der Bevölkerung Moldovas unter einer Armutsgrenze von 11,50 US-Dollar pro Monat lebt und daß 30 Prozent der Einwohner unter 18 Jahre alt sind, wovon ca. 17 000 in trostlosen, unterfinanzierten Institutionen für „Sozialwaisen“ – also Einrichtungen für Kinder, deren Familien nicht in der Lage sind, sie zu unterstützen – leben, um nicht zu sagen: vegetieren. In Moldova wird Arbeitsmigration für Kinder und Erwachsene gleichermaßen als der einzig praktikable Weg zur Verbesserung der eigenen Lebenssituation gesehen, und Geldüberweisungen von Migranten belaufen sich auf etwa 50 Prozent von Moldovas Staatshaushalt. Da verwundert es nicht, daß Moldawier neben Albanern an der Spitze der Nationalitäten mit dem höchsten Anteil an Opfern von „Menschenhandel“ stehen, die von Strafverfolgungsbehörden und Nichtregierungsorganisationen im Sexgeschäft auf dem Balkan identifiziert wurden.
Angesichts der Tatsache, daß die Lebensbedingungen, denen viele Migranten zu entkommen suchen, dermaßen trostlos, brutal und entwürdigend sind, fällt es auch schwer zu verstehen, warum irgend jemand, dem ehrlich daran liegt, die Menschenrechte zu schützen und zu fördern, Maßnahmen zur Eindämmung der Nachfrage nach kommerziellem Sex auf Platz eins der politischen Agenda setzt. Viel wichtiger ist es, in den Zielländern eine humanere, nicht-diskriminierende und die Rechte von Migranten in den Mittelpunkt rückende Migrationspolitik zu fördern und vor allem Armut, globale Einkommensungleichheiten, Arbeitslosigkeit, geschlechtliche Diskriminierung, ethnisch-rassische Konflikte und politische Instabilität in den Herkunftsländern der Migranten zu bekämpfen.

Aus dem Englischen von Andrea Huterer, Berlin

Bärbel Heide Uhl, Claudia Vorheyer | 21

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Die Logik der internationalen Menschenhandelspolitik
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Zahlreiche internationale Staatenorganisationen haben sich in den letzten Jahren des Themas Menschenhandel angenommen. Sie erheben alle den Anspruch, die Menschenrechte zu schützen. Tatsächlich aber ist der politische Diskurs über Menschenhandel vor allem von kriminologischem Denken geprägt und dreht sich um die Stärkung und Verteidigung nationalstaatlicher bzw. supranationaler Grenzen. Damit wird weder den von Menschenhandel betroffenen Menschen geholfen noch werden die strukturellen Ursachen bekämpft. Schließen

Britta Schmitt | 33

Regulieren, tabuisieren, kriminalisieren
Ethisch-religiöse Wurzeln der Prostitutionspolitik in Europa
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Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs setzte der Frauenhandel von Osteuropa nach Westeuropa ein. Damit geriet Prostitution stärker ins Blickfeld von Öffentlichkeit und Politik. Einige EU-Staaten haben seitdem ihre Prostitutionspolitik geändert. Manche haben sich für Liberalität, andere für Repression entschieden. Der Vergleich von Schweden, Litauen, Polen, Italien, den Niederlanden und Griechenland zeigt, daß andere Auslegungen des christlichen Menschenbilds, die verschiedenen Konfessionen und historischen Entwicklungspfade sowie Auswirkungen der Sowjetideologie bis heute den gesellschaftlichen Umgang mit Prostitution prägen und ihren Niederschlag in der Gesetzgebung finden. Schließen

Veronica Munk | 55

Migration und Sexarbeit
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Immer mehr Frauen suchen weltweit fern der Heimat Arbeit. Prostitution ist eine davon. Legale Migration ist kaum möglich. Aufenthaltsrechtlich leben die Frauen illegal in der EU. Sie werden so in den illegalen Arbeitsmarkt gedrängt, was schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen fördert. Illegale Migrantinnen stellen unter den Prostituierten inzwischen die Mehrheit. Die meisten stammen aus Osteuropa. Das in der Öffentlichkeit vorherrschende Bild, daß sie Opfer von Frauenhandel seien, entspricht nicht der Realität. Bekämpfung des Frauenhandels darf nicht zur Bekämpfung der Prostitution führen. Statt dessen ist eine Verbesserung der Rechte der illegalen Sexarbeiterinnen erforderlich. Nur so lassen sich bessere Bedingungen für Arbeit und Gesundheit erreichen und Ausbeutung und Kriminalität in der Sexindustrie bekämpfen. Schließen

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Eliot Borenstein | 99 | Volltext

Nation im Ausverkauf
Prostitution und Chauvinismus in Rußland
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Die Prostituierte ist eine zentrale Figur der russischen Kultur. Sie ist Metapher für das traditionell als weiblich verstandene Rußland und dient den Medien und der Literatur täglich dazu, eine russische Identität zu schaffen. Das Geflecht von Kunst und Ideologie, das die metaphorische postsowjetische Prostituierte hervorgebracht hat, ist wie diese selbst: Es zielt in erster Linie auf Männer. Über das Symbol der Prostituierten wird Kritik geübt am Ausverkauf Rußlands an den Westen, dessen Kapitalismus seit 1989 auch in Rußland alles und jeden in eine Ware verwandelt habe. Vor allem bringt die postsowjetische Prostituierte aber die Angst russischer Männer zum Ausdruck, da sie machtvolle Verführerin ist und doch keinen Phallus hat. Schließen

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Mythos Europa
Prostitution, Migration, Frauenhandel
Berlin (6/2006)
Seite 99 - 122


Eliot Borenstein

Nation im Ausverkauf
Prostitution und Chauvinismus in Rußland

Als· Ende April 1997 ein paar Schiffe aus dem Westen im Hafen der ukrainischen Stadt Sevastopol’ anlegten, stand zur Begrüßung bereits eine Gruppe von Prostituierten Spalier. Was in Anbetracht der traditionellen Verbindung zwischen Landgang und bezahltem Sex zunächst nicht ungewöhnlich war – nur daß diese Frauen die Matrosen nicht mit offenen Armen, sondern mit Streikposten empfingen. Die Seeleute waren Teil der NATO-Operation Sea Breaze, einer Reihe von Truppenmanövern im Schwarzen Meer. Die NATO hätte sich keinen schlechteren Zeitpunkt und keinen problematischeren Ort aussuchen können: War die russische Regierung doch empört über die bevorstehende NATO-Osterweiterung. Hinzu kam der seit dem Zusammenbruch des Sowjetregimes schwelende Territorialkonflikt zwischen der Ukraine und Rußland um die mehrheitlich russischsprachige, von Chruščev 1954 der Ukraine „geschenkte“ Krim. Am „Rußland-Tag“, der an die Einverleibung der Krim ins russische Zarenreich durch Katharina die Große erinnert, berichtete die russischsprachige Zeitung Krymskoe Vremja über eine Gruppe Prostituierter, die zum Boykott der NATO-Seemänner aufgerufen hätten: „Sollen die sich doch von den Frauen der Offiziere bedienen lassen, die uns die NATO-Schiffe eingebrockt haben“, wurde eine der Aktivistinnen zitiert. „Wir für unseren Teil werden die ungebetenen Gäste mit Tomaten und verfaulten Eiern empfangen!“ Diese Worte sind fast zu schön, um wahr zu sein, und es beschleicht einen der Verdacht, daß der Reporter sie erfunden hat, um seiner Geschichte mehr Pfeffer zu geben. Doch ob erfunden oder echt – die Äußerung ist beispielhaft für eine Sexualisierung von Grenzen, die die Prostitution oftmals zur Metapher für internationale Beziehungen macht: die Prostituierte verweigert sich den NATO-Soldaten, so wie das Land diesen den Zugang zu seinem kostbaren und ungeschützten Warmwasserhafen hätte verweigern sollen.
Im vergangenen Jahrzehnt kam die Figur der russischen Prostituierten im symbolischen Kampf um Rußlands Seele immer wieder zum Einsatz. Der Zusammenbruch des rußländischen Staates, der Niedergang des Patriotismus sowie die Abwesenheit einer tragfähigen nationalen Idee bevölkern gemeinschaftlich die Bühne der rußländischen Medien und der Kulturindustrie mit Geschichten und Bildern von sexuell enthemmten jungen Frauen, die ihren Körper verkaufen und zahlungskräftigen Kunden ihre Dienste anbieten. Häufig wurden Medien und Kulturindustrie für den Prostitutions-Boom verantwortlich gemacht, der in den letzten Jahren der Perestrojka einsetzte, und den man der Tatsache zuschreibt, daß junge Frauen und Mädchen im ganzen Land so sein wollten wie die russischen Edelprostituierten auf der Leinwand. Und so schiebt man es auch auf die Perestrojka und die darauf folgenden Versuche einer „ökonomischen Schocktherapie“, daß das ganze Land nur noch von der Logik des Kaufens und Verkaufens beherrscht wird, und alles, was irgendeinen Wert hat, zynisch an den Meistbietenden verhökert wird.
Im folgenden soll es weniger um das soziale Phänomen der Prostitution gehen als vielmehr um ihre metaphorische Bedeutung. Prostitution und sexuelle Sklaverei sind im heutigen Rußland zweifellos sehr reale und ernste Probleme; kaum ein Monat vergeht, ohne daß irgendeine westliche Nachrichtenquelle von den physischen und psychischen Erniedrigungen all jener Frauen berichtet, die sich der wachsenden Zahl von Prostituierten in der ehemaligen Sowjetunion angeschlossen haben – sei es aus ökonomischer Verzweiflung oder aus der irrigen Annahme, daß ihnen das Verkaufen ihres Körpers zu einem „guten Leben“ verhelfen werde. Die Zeitungen sind voll von Berichten über naive junge Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion, die mit der Aussicht auf gutbezahlte Jobs ins Ausland gelockt wurden, nur um sich schließlich irgendwo in Europa oder im Nahen Osten als Sexsklavinnen in einem Bordell wiederzufinden. Doch auf die Prüfungen im Alltag ganz realer Prostituierter einzugehen, würde den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen, in dem es um Repräsentation und Konsum gehen soll, nicht um Alltag und individuelle Psychologie. Erörtert wird vielmehr, auf welche Art und Weise Rußland, russische Kultur und russische Identität (russkost’) von den Medien und der Kulturindustrie des Landes für das Publikum konstruiert werden. Millionen russischer Zuschauer und Leser haben ein ausgeprägtes Empfinden dafür, in welches Chaos ihr Land in den 1990er Jahren stürzte – nicht nur aufgrund ihrer täglichen Erfahrungen, sondern auch, weil Medien und Kulturindustrie spezifische Erzählmuster erzeugen, die dieses Chaos sowohl konstruieren als auch verstehen helfen – und auf Publikumswirksamkeit angelegt sind. Das Los der realen postsowjetischen Prostituierten ist schrecklich, aber davon handelt diese Geschichte nicht.
Streng genommen handelt sie nicht einmal von Frauen. In den meisten Fällen funktioniert das Geflecht von Kunst und Ideologie, das die metaphorische postsowjetische Prostituierte hervorgebracht hat, wie diese selbst: Es zielt in erster Linie auf Männer ab. Ein kurzer Blick auf die Funktion der Prostituierten in Rußlands kultureller Mythologie der Vor-Perestrojka-Zeit zeigt uns, daß die Prostituierte selten als eigenständiges Subjekt vorkommt. In der Regel dient sie als Folie für den männlichen Helden bzw. versinnbildlicht einen wichtigen Schritt in seiner moralischen oder psychologischen Entwicklung. Die postsowjetische Prostituierte ist da keine Ausnahme. Befrachtet mit einer Symbolik, die in einem eklatanten Mißverhältnis zu ihrem Status steht, wird sie zum Zeichen für die nationale Demütigung Rußlands – für die Verzweiflung eines Landes, das gezwungen ist, seine natürlichen und geistigen Ressourcen an skrupellose Abnehmer aus anderen Ländern zu verkaufen. Manchmal ist das Szenario auch optimistischer, und die Prostituierte repräsentiert den ungebrochenen Nationalstolz und die moralische Überlegenheit unter widrigen Umständen. Dies deckt sich mit der jahrhundertealten Tradition, Rußland weiblich zu codieren: als Frau, die mal als strenge und unduldsame Mutter Rußland auftritt und ihre Söhne zu ihrer Verteidigung zusammentrommelt, und mal als unschuldige Jungfrau, die von Eindringlingen aus Ost wie West geschändet wird. Trotz dieser durchgängigen symbolischen Feminisierung des Landes, und obwohl männliche Prostitution so gut wie nie thematisiert wird, repräsentiert die russische Prostituierte die nationale Demütigung nicht etwa als weibliche, sondern als eine männliche Erfahrung. Sie steht für die Ängste einer postsowjetischen Männlichkeit in der Krise, wobei der Verlust der imperialen Bedeutung, der Ansturm des Marktes und der Wettbewerb mit einem triumphierenden Westen gewissermaßen als sexuelle Demütigung des Mannes konstruiert werden. Und obwohl eine weibliche Prostituierte Rußland verkörpert, obwohl sie im Kontext einer spezifisch heterosexuellen gewalttätigen Geschäftswelt zum Opfer wird und ihre Geschichte sogar dem klassischen Muster einer melodramatischen Heldin entspricht, besteht ihr dunkelstes Geheimnis für die kulturelle Vorstellungswelt Rußlands doch darin, daß sie, zumindest symbolisch ein Transvestit ist. Das macht aus ihrer Geschichte allerdings noch kein Crying Game à la russe. Im Gegenteil: Während Jaye Davidson in Neil Jordans Film in der Rolle der Dil ihren Liebhaber schockt, indem „sie“ die Beine spreizt und den Blick auf einen Penis freigibt, bringt die postsowjetische Prostituierte die Angst russischer Männer gerade dadurch perfekt zum Ausdruck, daß sie – die machtlose Verführerin – eben keinen Phallus hat.
Die russische Prostituierte und ihre literarische Herkunft
xxx When out of the gloom of error
With the hot word of conviction
I drew out your fallen soul,
And, full of deep torture,
Wringing your hands, you cursed
The vice that had corrupted you.
...
Believe me: I listened, not unmoved,
I greedily caught every sound...
I understood everything, unhappy child!
All is forgiven and all is forgotten.
Come into my home
And be its mistress!
N. A. Nekrasov: „When out of the gloom of error“

Allem Anschein zum Trotz kann die postsowjetische Prostituierte in Literatur und Film auf eine tadellose Herkunft verweisen und ihren Stammbaum bis zu klassischen russischen Romanen, Kurzgeschichten und Gedichten zurückverfolgen. Die literarische Tradition Rußlands ist gefallenen Frauen gegenüber ausgesprochen tolerant, und behandelt sie häufig weniger als individuelle Figuren denn als Verkörperungen eines moralischen Dilemmas. Nikolaj Nekrasovs Gedicht Wenn aus der Verirrung Finsternis (Kogda iz mraka zablužden’ja, 1845) lieferte eine Vorlage für die Prostituierte in der Literatur, die bis zum heutigen Tage ihren Widerhall findet: Das lyrische Ich lauscht der Leidensgeschichte einer Prostituierten und ermöglicht ihre Erlösung, indem er ihr einen Heiratsantrag macht: „Und trete ein ganz keck und frei, zur Dame meines Hauses wirst Du“. Der Topos der gefallenen Frau verbindet zwei Hauptthemen der russischen Literatur miteinander: moralische Integrität und sozioökonomischen Status.
Dies trifft ebenso auf die postsowjetische Prostituierte zu. Gleiches gilt von der von Olga Matich entwickelten Typologie der gefallenen Frau und ihrer „männlichen Gegenstücke“: Weibliches Opfer und männlicher Täter, weibliches Opfer und männlicher Erlöser, weibliches Opfer/Erlöserin und männliches Opfer, sowie weiblicher Täter und männliches Opfer. Daß die gefallene Frau in den Kategorien von Leiden und Erlösung definiert wird, dürfte Leser russischer Literatur kaum überraschen, sind diese Themen doch von zentraler Bedeutung für die literarische Tradition im allgemeinen und Dostoevskijs Werk im besonderen. Matich erinnert an die zahlreichen Versuche russischer Helden, eine Prostituierte bzw. gefallene Frau zu „retten“, die für gewöhnlich als Opfer widriger Umstände dargestellt wird: Nechljudov und Katjuša Maslova aus Leo Tolstojs Auferstehung, der „Mann aus dem Kellerloch“ und Liza aus Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, und natürlich die Wandlung der Nastja Krjukova von einer Prostituierten zur utopisch-sozialistischen Schneiderin in Černyševskijs Was tun?. Der Impuls, solche Frauen zu retten, kann in einer Vielzahl von Motiven begründet sein – von einer Mischung aus Eitelkeit und falsch verstandenem sozialen Verantwortungsgefühl bis hin zu einem egoistischen Herrschaftsbedürfnis. Es ließe sich in der Tat argumentieren, daß die Erlösungsversuche nichts anderes sind als die Sublimierung einer anfänglich von der Prostituierten ausgelösten sexuellen in eine moralische Erregung: Ihre Notlage und nicht ihr Körper macht sie so verführerisch. Tolstojs Katjuša Maslova, die letzte in einer langen Reihe von Prostituierten in der russischen Literatur jenes Jahrhunderts, ist sich bereits 1899 so sehr über ihren seelischen und sexuellen Status im klaren, daß man beinahe denken könnte, sie sei mit Matichs Typologie vertraut gewesen. Sie beschließt, den Mann, der sie verführt und dabei ihr Leben zerstört hat, nicht so leicht davonkommen zu lassen: „Sie würde sich ihm nicht hingeben, ihm nicht gestatten, ihre Seele so zu benutzen wie er ihren Körper benutzt hatte.“ Bevor er den Erlösungsversuch unternehmen kann, muß der männliche Protagonist die Prostituierte gedanklich erst von einem Sexual- in ein Moralobjekt umwandeln.
Gleichwohl könnte die Prostituierte auch als Instrument der Erlösung und nicht so sehr als deren Objekt verstanden werden. Mit einer Ausnahme gründen die genannten Modelle auf einem sexuellen Rollentausch, der eine „soziale Degradierung“ des Mannes zur Folge hat. Das dritte Modell, das weibliche Opfer, das zugleich Erlöserin ist, kommt am prononciertesten in Dostoevskijs Werk zum Ausdruck. Obzwar Dostoevskij das Thema der Erlösung durch Leiden nicht erfunden hat, wurde es bald schon mit seinen Werken und den moralischen Imperativen der gesamten russischen Literaturtradition assoziiert. Seine Fokussierung auf weibliche Opferbereitschaft und Erlösung spielte eine entscheidende Rolle bei der Ausformung des Bildes von der sich aufopfernden russischen Heldin. In den Aufzeichnungen aus dem Kellerloch hat der Erzähler die Phantasie, daß er die Prostituierte Liza „erheben“ wird – eine Parodie jenes utopischen Idealismus, der in vergleichbaren Szenen bei Černyševskij zum Ausdruck kommt. Am Ende der Erzählung nimmt Liza, die sich der Degradierung des Erzählers bewußt wird, „in einer Art neuen Machtverteilung und Inversion des klassischen Erlöser-Modells die Rolle der Erlöserin ein“. Sonja aus Dostoevskijs Schuld und Sühne ist sicherlich insofern Opfer, als sie ihren Paß gegen den gelben Prostituierten-Schein tauscht, um ihre Familie aus dem Elend zu holen. Gleichwohl besteht ihre Rolle im Roman vor allem darin, den Helden dabei zu unterstützen, den Pfad von Sünde, Hybris und Mord zu verlassen. Es ist Sonja, der im Roman „die Rolle der christusähnlichen Erlöserin zufällt“.
Obwohl sich die Figur der leidenden Frau, die zugleich Opfer und Erlöserin ist, auch in der Sowjetzeit hartnäckig hielt – Solženicyns Matrjona ist vielleicht das berühmteste Beispiel –, war sie nach 1920 nur noch selten eine Prostituierte. Gewiß, sie tauchten noch in der Literatur auf, die Revolution und Bürgerkrieg dokumentierte – angefangen mit Kat’ka in Aleksandr Bloks Dvenadcat’ (Die Zwölf), jener Prostituierten, die die Genossen-Harmonie der revolutionären Soldaten gestört hatte – und die erst mit ihrem Tod wiederhergestellt wird – bis hin zu den Soldatenhuren in Isaak Babel’s Konarmija (Die Reiterarmee). Während der Phase der Neuen Ökonomischen Politik blühte die Prostitution als soziales und kulturelles Phänomen wieder auf: Ihre Verbreitung war eine Reaktion auf die erneut ins Recht gesetzten Kräfte des Marktes, und die Prostituierte spiegelte diese in Film und Literatur. Nun wurde die Prostitution als ein soziales Problem behandelt, das sich eher mittels Arbeit und Umerziehung als durch romantischen Idealismus ausrotten ließ. Wenn überhaupt, lag die Rolle des Erlösers nun beim Staat und bei den Ärzten, die im Namen einer aufgeklärten Wissenschaft handelten. Mit Beginn der 1930er Jahre wurde der Krieg gegen die Prostitution für gewonnen erklärt, und das Phänomen hörte offiziell auf zu existieren. Die Prostituierte verschwand von der Bildfläche und tauchte erst wieder auf, als Gorbačevs Perestrojka schon in vollem Gange war. Natürlich gab es weiterhin käuflichen Sex in Bahnhöfen, Devisenhotels und bei besonderen Anlässen für die Parteielite. Doch auch wenn es zahlreiche Beweise dafür gibt, daß die Prostitution als soziales Phänomen weiterhin existierte, so verstummte zumindest der Diskurs darüber: Für Kunst und Literatur eignete sich dieses Thema nicht mehr.
Perestrojka-Prostituierte

Daß so ein Film gemacht wird, kommt einem Aufruf zur Prostitution gleich. So was gehört verboten.
Ein Moskauer Polizist, 1989

Daß die Prostitution in der Sowjetunion kein Thema mehr war, war eine notwendige Folge ihrer angeblichen Ausmerzung als soziales Übel. Doch der Verlust ihres Stellenwerts verweist auch auf grundlegendere Merkmale der Sowjetkultur in der Zeit vor Glasnost. In einer Gesellschaft, in der Geld und Marktbeziehungen nicht die vorherrschenden Tauschmittel waren, mußte die metaphorische Macht der Prostitution begrenzt sein. Auch wenn das Land als weiblich dargestellt wurde, stand Mutter Rußland nicht vor dem Problem, ihre Dienste ausländischen Kunden anzubieten. Im Zweiten Weltkrieg – eindeutig die größte internationale Krise der Sowjetunion – galt es vielmehr, Mutter Rußland vor der Schändung durch einen gewalttätigen Eindringling zu schützen, nicht so sehr vor der Verführungskraft eines reichen Ausbeuters. Die Prostitution ist, sofern sie strafbar ist, das klassische Beispiel für ein „Verbrechen ohne Opfer“: Niemand kommt dabei direkt zu Schaden. Die Lösung moralischer Dilemmata unter Stalin – und selbst noch unter Brežnev – kostete durchaus Opfer, doch als Metapher ist die Prostitution gänzlich ungeeignet, wenn es etwa um die Denunziation von Freunden und Nachbarn bei den Behörden geht. Die gängige Metapher für den „Ausverkauf“ war eher faustischer denn sexueller Natur: Man verkaufte seine Seele, nicht seinen Körper. Eine der Herausforderungen, vor die sich die Kunst der Tauwetterperiode gestellt sah, war daher nicht nur die Beschäftigung mit den Opfern des Stalinismus, sondern auch mit denen, die aktiv daran mitgewirkt hatten, das Leben anderer Menschen zu zerstören.
Unter der oppositionellen Intelligencija der Nachstalinzeit war der „Ausverkauf“ an die Behörden und die Anpassung an die niederdrückenden Zwänge des Sowjetsystems eine Frage des Nachgebens gegenüber Erpressung – mit dem Verlust von Grundrechten oder Privilegien bei entsprechender Weigerung – bzw. schleichender Kompromisse – eine Reihe kleinerer Zugeständnisse führt den Betreffenden auf einen Weg, der irgendwann unweigerlich mit der totalen Kapitulation endet. Der Autor, der dieses Dilemma am besten auf den Punkt brachte, ja als Meister dieses Genres gelten kann, war zweifellos Jurij Trifonov. In seinem 1976 erschienenen Roman Dom na naberežnoj (Das Haus an der Moskva) erzählt er die Geschichte eines völlig normalen und sympathischen jungen Mannes, der während der Stalinzeit seinen Lehrer verrät; seine Novelle Obmen (Der Tausch) hingegen zeigt die banaleren Teufelspakte, die man während der Brežnev-Phase der „Stagnation“ einging: Nach und nach gibt die Hauptfigur all ihre Prinzipien auf, um ihre winzige Wohnung gegen eine größere einzutauschen.
Mit dem Anbrechen der Perestrojka änderten sich auch die vorherrschenden Metaphern. Und zwar nicht nur, weil der Staat rapide die Fähigkeit verlor, seine Bürger zu moralischen Kompromissen mit dem System zu zwingen, sondern auch weil nun für das System selbst Fragen von Geld und Marktbeziehungen rasch in den Vordergrund traten. Einer der prominentesten und umstrittensten Romanschriftsteller Rußlands scheint diese Veränderung früher als andere vorausgesehen zu haben: Zwischen 1980 und 1982 schrieb Viktor Erofeev an einem Roman namens Russkaja krasavica (Die russische Schönheit, dt. unter dem Titel Die Moskauer Schönheit), der erst 1990 in der UdSSR veröffentlicht werden sollte. Die obszöne Sprache des Romans – die vor dem Ende der 1980er Jahre in der UdSSR undruckbar war – und die drastischen Beschreibungen sexueller Gewalt brachten das Buch einer intellektuellen Leserschaft nicht gerade näher, während seine Erzählweise, der Bewußtseinsstrom, all diejenigen, die nur auf den Kitzel aus waren, eher abschreckte. Die Moskauer Schönheit erzählt die Geschichte eines schönen „Luxusluders“ namens Irina Tarakanova (wörtlich Irina Kakerlake), die – obgleich streng genommen keine Prostituierte – der kommunistischen Nomenklatura, Künstlern und deren Dunstkreis zu Diensten ist. Tarakanova ist die perfekte weibliche Verkörperung eines verderbten, merkantilen Rußlands an der Schwelle zur Perestrojka: Zu einer Zeit, die von Günstlingswirtschaft geprägt ist und in der Erfolg oder Scheitern nahezu ausschließlich von Beziehungen abhängen, bietet sie ihre Dienste an, ohne dafür Geld zu nehmen. Sie ist keine Prostituierte, aber eine Hure. Wie so oft in Erofeevs Werk schlummern auch in Die Moskauer Schönheit unter der modernen Erzähltechnik und der skandalträchtigen Gossensprache Themen aus literarischen Klassikern, die der Autor zu neuem Leben erweckt: Diesmal ist es die leidende, schöne „gefallene Frau“ als Symbol für Rußlands Erlösung. Erofeev ist einer der reflektiertesten postmodernen Autoren Rußlands, und sein Zugriff auf das Thema ist leicht als Parodie zu entschlüsseln. Irina Tarakanova steht eindeutig für das neue Rußland („Zwei Schicksale sollten sich entscheiden: Meines und das von Rußland.“). Sie ist überzeugt, daß sie Rußlands Seele retten wird, weil „Schönheit die Welt retten wird“ – wie Fürst Myškin in Dostoevskijs Der Idiot behauptet, was also stimmen muß.
Letztlich sollte jedoch kein Werk der „Hochliteratur“ wie Die Moskauer Schönheit das Bild der Perestrojka-Prostituierten prägen; diese Ehre fiel Interdevočka (Intergirl) zu. Viktor Kunins Roman aus dem Jahre 1988, der ein Jahr später von Petr Todorovskij verfilmt wurde, erzählt die melodramatische Geschichte von Tanja, die tagsüber als Hilfskrankenschwester und abends gegen Devisen als Prostituierte arbeitet. Obwohl sie ihr unlauter erworbenes Geld für Luxusartikel und teure Klamotten ausgibt, gilt ihre Hauptsorge den Freunden und der Mutter, einer gesundheitlich angeschlagenen Frau mittleren Alters. Nach zahlreichen Irrungen und Wirrungen heiratet Tanja einen ihrer Freier, einen schwedischen Geschäftsmann, der sie fern von Mutter und Heimat in ein Haus mit allen Annehmlichkeiten westlichen Vorstadtlebens und der ganzen Wärme eines skandinavischen Winters verpflanzt. Tanjas Beziehung zu ihrem Ehemann verschlechtert sich rapide, als sie zunehmend von Langeweile und Heimweh befallen wird. Trost findet sie nur in der Freundschaft zu einem sowjetischen LKW-Fahrer, der ihre einzige Verbindung zu ihrem alten Leben ist. Am Ende der Geschichte hat der LKW-Fahrer wegen seines Umgangs mit Tanja den Job verloren, die Mutter begeht Selbstmord, weil sie dem geheimen Leben ihrer Tochter auf die Spur gekommen ist, und die völlig aufgelöste Tanja selbst stirbt bei einem Verkehrsunfall.
Dieser rasend erfolgreiche Kassenschlager schreit förmlich nach einer politischen Lesart. Die Prostituierte steht symbolisch für die gesamte sowjetische Gesellschaft: „Metaphorisch gesprochen wird jeder und jede in die Prostitution gezwungen.“ Provokant ist eine andere Interpretation der Perestrojka-Prostituierten: Werke wie Interdevočka werfen ein Schlaglicht auf die Ängste der Intelligencija um die Kultur in einer Ära des globalen Marktes. Zweifellos „dominiert bei Interdevočka das Lexikon der Ökonomie, nicht das des Sex“. Der Roman selbst – mit einem kurzen Vorwort des russischen Sexologen Igor’ Kon versehen, der Kunins Werk für seinen sozialen Nutzwert lobt – ist, was seine Sprache angeht, bemerkenswert keusch. Er enthält weder obszöne Ausdrücke noch explizite Beschreibungen sexueller Handlungen. Die Prüfstelle für jugendgefährdende Schriften würde sich schwertun, den Film nicht für Jugendliche freizugeben. Doch gibt es in Interdevočka eine ganz andere Form von Geilheit:

eine Fixiertheit auf alle möglichen Marken und Warennamen, die jedesmal gnadenlos wiederholt werden, wenn von Kleidung, Autos, Make-up, Parfüm und dergleichen die Rede ist. Allesamt Westimporte, versteht sich – Waffen, mit deren Hilfe der korrupte materialistische Westen in das unschuldige Rußland eindringt, um es in Versuchung zu führen und zu erniedrigen.

Natürlich ist für all diese Lesarten von Interdevočka der Umstand entscheidend, daß Tanja eine Devisenprostituierte ist, die in ihrem Streben nach Dollars und Mark für den Rubel nur Verachtung übrig hat. Tatsächlich findet Tanja in einem ausländischen Wagen den Tod, dessen Name auf jenen Teil ihres Körpers verweist, mit dem sie ihren Lebensunterhalt verdient hat: ein Volvo. Wenn wir uns den häufigen Rekurs auf weibliche Symbole für Rußland vergegenwärtigen, wird Tanjas Geschichte zu einer offensichtlichen Allegorie für Rußlands Beziehung zum Westen: Reich an natürlicher Schönheit, verkauft sich Rußland an ausländische Freier, nur um anschließend von Heimweh und Reue überwältigt zu werden.
Obwohl Interdevočka letztlich nur ein Roman bzw. Film war, markiert das Werk einen Wendepunkt für die soziale Konstruktion der Prostituierten. Die Filmkritiker fürchteten, daß die Präsentation der mit importierten Klamotten ausstaffierten und im Luxus schwelgenden Hauptdarstellerin Elena Jakovleva Millionen junger Sowjetmädchen dazu verleiten würde, in die Fußstapfen ihrer Stiletto-Absätze treten zu wollen. Und obwohl man es sich zu einfach macht, wenn man die Schuld für alle sozialen Übel der Zeit bei den Medien sucht, ist doch unstrittig, daß die Zahl der Prostituierten in den Jahren nach Erscheinen des Films dramatisch in die Höhe schnellte. Ohne Frage gibt es klare sozioökonomische Gründe für dieses Phänomen, die nichts mit der korrumpierenden Macht von Film und Literatur zu tun haben, doch der Film lieferte ein leicht verdauliches Erzählmuster als Vorlage, das zu einer Verschärfung der Entwicklung beigetragen haben dürfte. Mehr als ein Jahrzehnt später warf man dem Film Interdevočka immer noch routinemäßig vor, an Rußlands Prostitutionsproblem schuld zu sein. 1999 brachte die Mai-Ausgabe der populären Filmzeitschrift Kino-Park einen Artikel unter dem Titel „Wie man Interdevočka der Prostitution bezichtigte“, in dem Professoren, Polizisten und sogar Prostituierte die These vertreten, Todorovskijs Film sei – trotz seines tragischen Endes – dafür verantwortlich, Mädchen vom rechten Pfad der Tugend abgebracht zu haben. Kurioserweise greift der Artikel dabei selbst auf die Metapher der Prostitution zurück, um zu erklären, wie ein Film über die Prostitution reale Mädchen und Frauen dazu bringen konnte, für ihren Lebensunterhalt anschaffen zu gehen: Er erklärt die Produzenten des Films zu Zuhältern, die die russische Öffentlichkeit auf den Strich schicken.

Nach 1991: Auf dem Markt

Es gibt Nationen und Kulturen, die einfach wissen, wie man Frauen kauft und verkauft... In der Theorie konnte die russische Hochkultur (kul’tura) das nicht ertragen. Kaufen und Verkaufen löste bei ihr Kultur-Krämpfe aus. Sie war auf einzigartige Weise un-geldgierig. Ohne vorherige gründliche Prüfung der Angelegenheit erklärte sie Frauen einfach für unbezahlbar. Aus diesem Grund hat die russische Kultur ein derart verkrampftes Verhältnis zur Prostitution.

Viktor Erofeev

Intergirl erschien nur zwei Jahre nach dem paradigmatischen Moment, der die Sexualität wieder zu einem wichtigen Bestandteil der russischen Öffentlichkeit machte: Als bei einer von Phil Donahue und Vladimir Pozner moderierten sowjetisch-amerikanischen Satelliten-Telefontalkshow eine Frau aus dem russischen Studiopublikum erklärte: „In der Sowjetunion gibt es keinen Sex.“ Ihre Worte waren nicht ganz ernst gemeint und wurden mit Sicherheit falsch verstanden – sie bezogen sich auf Sex als Thema in den Medien und der Unterhaltung, nicht auf die körperliche Betätigung –, doch sie wirkten wie eine Art Kampfansage: Denn in den vergangenen Jahren mühte sich Rußland nach Kräften, die Frau Lügen zu strafen. Talk-Shows, Filme, Romane und praktische Ratgeber begegnen dem russischen Konsumenten heute auf Tritt und Schritt, und wer in einer Großstadt lebt, hat die Auswahl zwischen zahlreichen Sexshops und kann alle erdenklichen Plastikspielzeuge und batteriebetriebenen Geräte mit nach Hause nehmen, die es zu Sowjetzeiten nie so recht geschafft hatten, als Produktkategorie in die Fünfjahrespläne aufgenommen zu werden. Und obwohl der Gesetzgeber immer wieder versucht, die Pornographie einzudämmen oder gleich ganz zu verbieten, sind einschlägige Magazine und Videos heute fast genauso leicht erhältlich wie ein Laib Schwarzbrot (wenn auch nicht ganz so billig).
Da die russische Kultur im Grunde gleichzeitig eine sexuelle wie eine Markt-Revolution erlebt hat (obwohl beide Behauptungen durchaus problematisch sind), ist der Sex-Diskurs unentwirrbar mit dem ökonomischen verbunden. Das hat zur Folge, daß Frauenkörper und weibliche Sexualität auf eine in der russischen Geschichte beispiellose Weise zu Waren gemacht wurden. Seit anderthalb Jahrzehnten erscheinen Stellenanzeigen, in denen attraktive junge Frauen für Sekretärinnenjobs gesucht werden, mit dem beiläufigen Zusatz, daß die Frauen „bez kompleksov“, also „frei von Hemmungen“ sein sollten – ein kaum verschlüsselter Verweis auf die horizontalen Pflichten der Sekretärin gegenüber ihrem Chef. Und genauso wie sich europäische und amerikanische Werbespots schöner Frauen bedienen, um Autos oder Bier zu verkaufen, greift die russische Werbung auf halbnackte, sexuell verfügbare Schönheiten zurück, um damit für die abwegigsten Dinge zu werben: Vor einiger Zeit warb ein Plakat für ein Kopiergerät, indem es eine Frau zeigte, die sich in aufreizender Pose auf dem Kopierer räkelte – darunter der Slogan „ona ne otkažet“ – ein Wortspiel, das suggeriert, daß weder das Kopiergerät versagen noch die Frau Nein sagen wird. Ähnlich sinnträchtig war eine West-Reklame aus dem Jahr 1999: Darauf war eine schöne Stewardeß zu sehen, die neben einem gutaussehenden männlichen Passagier sitzt. Sie hat ein strahlendes Lächeln aufgesetzt, und ihre von einem schwarzen Spitzen-BH kaum verhüllten Brüste quellen aus der aufgeknöpften Uniform. Obwohl der Mann ihr in die Augen sieht, zeigt das Logo der Zigarette geradewegs auf den Ausschnitt der Frau, und der Slogan über beiden Köpfen verkündet: „Alles ist möglich.“
Diese Reklame ist besonders bezeichnend, da sie eine Verbindung zwischen dem sexuellen Warencharakter der Frau und den quälerischen Beziehungen zwischen Rußland und dem Westen herstellt. Die Kleidung des Mannes und das Gesicht der Frau deuten stark darauf hin, daß beide Russen sind – doch das Kunstprodukt, das den beiden unbegrenzte Möglichkeiten eröffnet, erscheint in ausländischer Verpackung: Das Farbschema ist bei Marlboro abgekupfert – unbestrittene Lieblingsmarke bei den russischen Rauchern, die sie sich leisten konnten –, während der Name für sich spricht. West präsentiert einen relativ unkomplizierten Zusammenhang zwischen Sexualität, männlichem (russischen) sexuellen Erfolg und westlicher Konsumkultur. Ende der 1990er Jahre war dieses Idyll freilich eher die Ausnahme als die Regel. Auch hier spielt die Figur der Prostituierten wieder eine zentrale Rolle: Immer wieder stellvertretend für Rußland insgesamt verkauft sie ihre Dienste, sich selbst, und oft genug auch ihren Stolz.
Das Drama des postsowjetischen Rußland in punkto internationaler Prostitution vollzieht sich also stets auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Auf der empirischen Ebene gibt es eine ungehemmt wachsende Zahl hochbezahlter Callgirls, die den „neuen Russen“ und ausländischen Geschäftsleuten zur Verfügung stehen, einen Boom russischer „Versandhaus-Bräute“ sowie den einschlägig bekannten Handel mit Frauen aus der ehemaligen Sowjetunion, die in alle Welt verkauft werden. In allegorischer Hinsicht wird der „Export“ russischer Frauen unweigerlich mit der kurzsichtigen Verscherbelung russischer Ölreserven für den westlichen Verbrauch gleichgesetzt. Die russische Frau ist Teil einer Konstellation von Symbolen, die für die russischen Ängste vor einer zunehmenden Kommodifizierung stehen. In der russischen Vorstellungswelt erfüllt die Prostituierte, die westliche Freier bedient, weitgehend dieselbe Funktion wie das Baby, das von kinderlosen Paaren aus Amerika oder Europa adoptiert wird, oder die populären Großstadtmythen über Entführungsopfer, denen man Organe entnimmt und diese anschließend auf dem Schwarzmarkt der Transplantationsmedizin verhökert. In all diesen Fällen wird etwas nach allgemeinem Empfinden Intimes oder sogar Heiliges auf Gedeih und Verderb der Willkür des postkommunistischen globalen Marktes ausgeliefert, und Rußland wird zu einem Lager für menschliche Ersatzteile. Rita Prozorova, die Heldin in Sergej Pugačevs Roman Ty prosto šljucha, dorogaja! (Du bist einfach eine Schlampe, Schätzchen!), entkommt der sexuellen Sklaverei in der Provinz, nur um sich anschließend von Organhändlern in der Hauptstadt anwerben zu lassen. Sie entkommt nur, weil sie genügend Berichte im Fernsehen gehört hat, um die drohende Gefahr zu erkennen:


Bei irgendeinem Millionär in Chicago setzt die Herzklappe aus, und in Moskau oder Sankt Petersburg verschwindet ein Mensch. Genauso wird sie verschwinden, damit ihre Niere irgendwo in San Francisco amerikanisches Urin verarbeiten kann. Sterben, bloß damit in San Francisco einer pissen kann? Ihr könnt mich mal!

Ritas Flucht vor den Organhändlern ist parallel zu ihrer Flucht aus der Prostitution aufgebaut: Um nicht zum Opfer zu werden, schreckt sie auch vor Selbstmord nicht zurück.
Ritas Geschichte ist nur insofern ungewöhnlich, als sie selber als Actionheldin in Erscheinung tritt und zudem eine hoffnungslos unsympathische Figur ist: Der Roman beginnt damit, daß sie nacheinander ihre Mutter, einen Nachbarn und einen Polizisten umbringt, und das alles auf dreißig Seiten. Sie ist auch keine professionelle Prostituierte. Diese sind in der russischen Populärliteratur in der Regel weitaus anziehender, und ihre Geschichten zielen darauf ab, beim männlichen Publikum diverse widerstreitende Gefühle wachzurufen. Auf der sexuellen Ebene trägt die Geschichte der russischen Prostituierten zu einem wachsenden Minderwertigkeits- und Unsicherheitskomplex bei russischen Männern bei, für den die zahlreichen Publikationen und Sendungen, die sich vor allem an männliche Konsumenten richten, ein schlagender Beweis sind. Allein die Tatsache, daß es in Rußland Männermagazine und Softpornos gibt, deutet auf die Bedrohung durch ausländische Konkurrenz hin: Egal, wie sehr sie um Originalität bemüht sind: Erotika und Pornographie für den männlich-heterosexuellen Markt in Rußland können ihre ausländischen Ursprünge nicht leugnen. Der Playboy-Klon Andrej, das erste Hochglanz-Männermagazin in der ehemaligen UdSSR, entlarvte derlei Ängste gleich in seiner allerersten Ausgabe in einem Cartoon: Zwei Prostituierte präsentieren sich auf einer Moskauer Straße. Die erste, eine Russin, steht unter dem „M“ eines Metro-Schilds und betrachtet voller Entsetzen eine schwarze Frau, die an das „M“ eines McDonald’s-Schilds gelehnt steht. Solche Publikationen posaunen die Tugenden der russischen Frau in die Welt hinaus und wiederholen das Mantra russischer Männer, daß die Frauen nirgendwo so schön seien wie in Rußland. Doch sie bekräftigen auch die Gefahr, daß diese Frauen die Aufmerksamkeit reicher Ausländer erregen werden – durch angeschlossene Projekte wie Andrejs eigene Website. Ironischerweise zogen sich diese Publikationen, die anfänglich so schamlose Anleihen bei westlichen Vorbildern wie Playboy und Penthouse gemacht hatten, letzten Endes auf eine national-chauvinistische Haltung zurück, als Playboy und Penthouse ihre eigenen russischen Ausgaben auf den Markt brachten. Magazine wie Andrej erlebten dieselben Ängste wie ihre (männlichen) russischen Leser, als sie sich plötzlich ausländischer Konkurrenz gegenübersahen.
Wenn die Darstellungen in Medien, Pornographie, Literatur und Film als Indikatoren gelten können, dann droht der russischen Männlichkeit von überall her Gefahr, sowohl an der Heimatfront als auch seitens des Westens. Die 1990er Jahre sahen die Blüte einer Literatur, die den vermeintlich traurigen Zustand postsowjetischer Männlichkeit zum Gegenstand hatte: Lina Tarachovas Vospitat’ mužščinu (Wie man einen Mann großzieht, 1992), Vladislav Vladislavskijs Esli ty mužščina (Wenn du ein Mann bist, 1991) und Aleksandr Nikulins Mužskoj razgovor (Männergespräche, 1990) behaupten allesamt, daß es sich beim russischen Mann um eine gefährdete Spezies handelt. Diese Bücher sind zum Großteil pädagogischer Natur und darauf angelegt, der jüngeren Generation traditionelle männliche Werte zu vermitteln. Es sind Bücher für Jungen und ihre Lehrer. Sie sind offenbar die Reaktion auf eine Klage, die häufiger von russischen Frauen als von russischen Männern geäußert wird: Dem Vorwurf nämlich, daß das Sowjetsystem „infantile“ und „abhängige“ Männer hervorgebracht habe. Der prominenteste Vertreter dieser Sichtweise ist vielleicht kein geringerer als Viktor Erofeev, der Autor der Moskauer Schönheit, dessen Essaysammlung Männer (Mužščiny) (1997) Gelegenheitsarbeiten versammelt, die in solchen Magazinen wie Andrej und der russischen Ausgabe des Playboy erschienen. Die Artikel in Andrej waren ursprünglich in einer wöchentlichen Kolumne namens „Männerrechte“ erschienen, und die sechste Ausgabe aus dem Jahre 1995 brachte einen Artikel von Erofeev mit dem Titel Polet ‚oblaka v štanach‘ (Der Flug der ‚Wolke in Hosen‘). Nach einigen Seitenhieben auf den Feminismus und seine Gefahren – und reichlich selbstgefälligen Ausführungen zur westlichen Debatte über sexuelle Belästigung – setzt Erofeev den Leser davon in Kenntnis, daß „das Los der Männer in Rußland zwar anders aussieht, aber darum nicht weniger dramatisch ist“, weil der russische Mann nicht etwa nur unter Beschuß stehe, sondern schlichtweg nicht mehr existiere. Dank der Sowjetmacht – die, wie Erofeev zugibt, von Männern errichtet wurde – habe der russische Mann jene Ehre und Freiheit verloren, die das Gütezeichen wahrer Männlichkeit seien. Auch wenn der russische Mann immer noch Mensch (čelovek), „Kerl“ (mužik) und Ehemann (muž) sei, umschrieben all diese Begriffe letztlich doch nur begrenzte und unbefriedigende Rollen für den eigentlichen, „echten“ Mann.
Erofeev deutet an, welches Schreckgespenst die russische Männlichkeit plagt: das der westlichen Kultur und des westlichen Mannes. Wo der russische Mann bereits der Vergangenheit angehört, bleibt die russische Frau ganz und gar real: „Die Frau besteht aus Bedürfnissen. In Rußland haben wir tonnenweise Bedürfnisse. Darum ist Rußland eine Frau. Und die russische Frau macht sich keine Illusionen: Sie weiß, daß es in Rußland keine Männer gibt. Daher will sie raus aus Rußland.“ Einmal mehr ist diese sexuelle Drohung untrennbar mit einer ökonomischen verbunden: Einerseits beklagt sich der von Andrej beschworene russische Mann über die Konkurrenz westlicher Männer, andererseits sieht das Magazin Rußland von der konkurrierenden amerikanischen Popkultur bedroht und muß selbst darum kämpfen, seine Marktanteile gegenüber den aus Amerika importierten Männermagazinen zu behaupten, insbesondere gegenüber dem russischen Playboy, der sich inhaltlich nur geringfügig von der US-Version unterscheidet. Erofeevs Artikel setzt die beliebte These von den russischen Männern, die nichts taugen, in Beziehung mit dem – als problematisch empfundenen – Umstand, daß russische Frauen sich in den Westen „exportieren“. Mit ein paar Federstrichen verbindet der Autor der Moskauer Schönheit die Krise der russischen Männlichkeit mit den Themen Prostitution, internationale Geschäftswelt und Rußlands Beziehung zum Westen zu einem übergreifenden Diskurs über verletzten nationalen und männlichen Stolz.
Wie also versucht die russische Populärkultur jenes Gefühl von Demütigung und Verrat zu exorzieren, für das symbolisch die Prostituierte steht, die schamlos Grenzen überschreitet und Körperflüssigkeiten austauscht? Sie greift ganz einfach auf ein ausgelutschtes Klischee aus Prostitutionserzählungen zurück und gibt diesem einen nationalistischen Dreh: Attraktivität und Wert der Prostituierten werden dadurch belegt, daß der Westen dafür zu zahlen bereit ist – doch ihre Spiritualität und die letztendliche Überlegenheit des russischen Mannes offenbaren sich, wenn sie ihre Dienste um der Liebe und nicht um des Geldes willen anbietet. Im großen und ganzen verkehrt die Prostituierte nur mit ihren ausländischen Freiern auf einer geschäftlichen Ebene – dem russischen Helden schenkt sie sich ohne Gegenleistung.
Der Moment, in dem die Prostituierte aufhört, Geld zu nehmen, kommt oft tatsächlich einer Wiederherstellung der russischen Qualitäten des Helden gleich. 1993 produzierten der Regisseur Ivan Ščegolev und der Drehbuchautor Lev Korsunskij die eher plumpe Komödie Amerikanskij Deduška (Der amerikanische Großvater), der letzte Film des beliebten Schauspielers Evgenij Leonov. Dieser spielt einen Emigranten, der aus Brooklyn in seine russische Heimat zurückkehrt, um sich eine Grabstelle zu kaufen, seine Beerdigung zu planen und zu Hause im Kreise seiner Lieben zu sterben. Diese verfolgen freilich weitaus handfestere Ziele. Der unerklärlichen Logik einer Filmkomödie gehorchend, ist Leonov in den USA zu Reichtum gekommen – dafür ist Amerika schließlich da –, und so ist er bald von zahlreichen Schmarotzern umgeben, die versuchen, soviel Geld wie möglich aus ihm herauszuquetschen, bevor er das Zeitliche segnet. Im Laufe der Handlung begegnet Leonov auf dem Weg zu einem Hotelrestaurant einer Russin, die der Zuschauer unschwer als Prostituierte erkennt – sie trägt die typische „Uniform“: High Heels, Netzstrümpfe, Minirock und grelles Make-up. Leonov begreift aber nicht, daß es sich um eine Professionelle handelt: Er war zu lange im Ausland, um wissen zu können, daß es in Rußland heutzutage von Callgirls nur so wimmelt. Trotz seiner Amerikaerfahrung fehlt ihm offenkundig das Näschen dafür, eine Hure zu erkennen. Die Prostitution wird vielmehr implizit als rein russisches Phänomen gekennzeichnet. Da wir uns in einer Komödie befinden, zumal einer mit dem Wort „amerikanisch“ im Titel, hat das Ganze natürlich ein Happy-End. Und so kommt es anstelle eines tragischen Finales mit Begräbnis am Ende zu Leonovs Hochzeit mit der Prostituierten, die inzwischen schwanger ist. Leonov ist nach Hause gekommen, um zu leben, nicht um zu sterben.
In diesem Plot steckt eine ganze Menge Material: Spätestens seit der Russischen Revolution sind Emigration und Exil symbolisch mit Bildern des Todes verbunden worden, wobei die Fremde stets für das Land der Toten stand. Auch Interdevočka bedient sich dieser Tradition. Tanjas neue Heimat wird als Land gezeichnet, das sie zuerst lebendig begräbt und dann tatsächlich umbringt. Leonovs Happy-End ist die Kehrseite der Tragödie bei Interdevočka: Die Prostituierte findet ihr Glück, indem sie einen ausländischen Freier heiratet, der sich als Russe entpuppt. Sie trägt zu seiner Versöhnung mit den geldgierigen Verwandten bei, und die Neuvermählten bleiben in ihrer Heimat, um Kinder großzuziehen statt ins Ausland zu gehen und dort zu sterben. Hier unterstützt die Prostituierte die Wiedereingliederung in die russische Heimat und verhilft den „Familienwerten“ zu neuer Geltung – ein Gegenbild zum Exil und der bedrückenden Dominanz reiner Marktbeziehungen.
Eine ähnliche Rolle als „Fremdenführerin“ spielt die Devisenhure in dem Actionstreifen Vse to, o čem my tak dolgo mečtali (Alles, wovon wir so lange geträumt haben), auch wenn der Film tragisch endet. Ein junger Mann wird von einem alten Armee-Kameraden dazu verleitet, aus Westeuropa Drogen nach Rußland zu schmuggeln, ohne zu begreifen, daß es sich um ein abgekartetes Spiel handelt, bei dem er gefaßt und getötet werden soll. Obwohl er angewiesen wurde, ohne Pause durchzufahren, läßt er sich, angelockt von den Lichtern einer deutschen Stadt, auf den Besuch eines Striplokals ein, wo er sich sogleich zu einer platinblonden Stripperin hingezogen fühlt, die er für eine „echte Deutsche“ hält. Als es ans Zahlen geht, stellt sich natürlich heraus, daß sie Russin ist und, oh Wunder, Natascha heißt – in ganz Europa und im Nahen Osten laufen russische Prostituierte immer unter dem Namen „Natascha“. Es kommt zu einer tätlichen Auseinandersetzung, in deren Folge der Protagonist im Knast landet. Bald findet sich Natascha, die ihn zunächst als typischen zerlumpten Russen verachtet hatte, in einer für Frauen aus der Ex-UdSSR nur allzu vertrauten Rolle wieder: Sie bringt dem jungen Mann Päckchen ins Gefängnis. Nach einem Kickbox-Kampf, der für einen Mitgefangenen tödlich endet, gelingt ihm der Ausbruch, mit silberner Körperfarbe bemalt und mit nichts als einem Lendentuch bekleidet.
Bei ihrem Wiedersehen entpuppt sich Natascha als Fremdsprachensekretärin, die unter dem Versprechen, als Übersetzerin arbeiten zu können, ins Ausland gelockt wurde, wo man ihr den Reisepaß wegnahm und sie zur Sexsklavin machte. Dank ihr gelingt es dem Helden, seinem Leben eine Wende zu geben. Natascha bringt ihn in eine orthodoxe Kirche, wo er, von der Macht der Ikonen überwältigt, in Ohnmacht fällt. Er kehrt zurück nach Rußland und wird auf den Glauben seiner Väter getauft, unter den Augen einer nun etwas züchtiger bekleideten, selig lächelnden Natascha. Bald darauf wird diese schwanger, und das Paar schmiedet Pläne für eine glückliche Zukunft. Bevor sie und der Held jedoch ihr neues Leben beginnen können, wird Natascha von Gangstern erschossen.
Alles, wovon wir so lange geträumt haben ist ein Prostitutions-Melodram à la Dostoevskij, in dem die Heldin zur Erlösung ihres Geliebten beiträgt. Hier werden diese abgedroschenen Themen freilich in eine Welt der internationalen Geschäfte und der nationalen Ernüchterung übertragen. Als der Held noch in der Armee diente, träumten er und sein Freund von einem Leben in Saus und Braus, wie es nur im Westen möglich war. Doch als er in Deutschland ankommt, ist der Westen für ihn bloß ein Gefängnis. Seine Stellung im Leben ist zugleich typisch für so viele junge Russen, die nach der Entlassung aus der Armee ziellos und desillusioniert sind, als auch symbolisch für die russische Männlichkeit im allgemeinen. Gehörte er früher noch zu einer Organisation aus lauter Kameraden, die ihm einen gewissen Halt und ein Ziel gaben, so muß er nun selbst einen Platz für sich finden in einer rauhen, unwirtlichen Welt. Was Natascha angeht, so verlangt sie zwar von Ausländern Geld für ihre sexuellen Dienstleistungen, gibt sich dem Helden aber unentgeltlich hin und ermöglicht ihm so die Wiedereingliederung in die traditionelle russische Wertegemeinschaft.
Eine Prostituierte namens Natascha spielt auch eine entscheidende Rolle bei der Erlösung des Helden in Viktor Dosenkos Bestseller-Actionroman-Serie Bešenyj (Verrückter Hund) – der Spitzname des Protagonisten Savelij Govorkov. Die fünfte Folge, Mest’ Bešenogo (Die Rache des verrückten Hundes), setzt mit dem Begräbnis von Savelijs letztverstorbener Freundin Natascha ein. So gut wie alle Geliebten verwandeln sich nämlich schon bald in schöne Leichen, die von Bešenyj gerächt werden müssen – mit Ausnahme der minderjährigen Rozočka, die er schließlich heiratet. Direkt im Anschluß an die Beerdigung begegnet er einer schönen jungen Prostituierten, die so heißt wie seine Geliebte, und räsoniert über diesen an sich wenig bemerkenswerten Zufall. Natascha hat zwar ihren freien Tag, doch als sie ihm in die Augen sieht, ist ihr gleich klar, was er jetzt braucht. Sie weiß, was es heißt, einen geliebten Menschen zu begraben, hat sie doch selbst vor drei Jahren ihre kleine Tochter verloren, die von einem Betrunkenen überfahren wurde. Angesichts der Beerdigung der anderen Natascha kehren die Erinnerungen an den Tod der eigenen Tochter zurück: „Auf ganz und gar weibliche Weise spürte sie, daß er Hilfe brauchte, daß ihm etwas Tragisches widerfahren war.“ Sie nimmt ihn mit nach Hause, wo sie einen Cognac nach dem anderen kippen und auf die gefallenen Afghanistan-Veteranen anstoßen. Über kurz oder lang landen sie im Bett, und das hat für beide etwas Erlösendes: Die abgebrühte Natascha ist nervös und aufgeregt wie beim allerersten Mal, und Bešenyj wird von einer Epiphanie ereilt, wie sie in der modernen Literatur beispiellos ist: Als er anal in sie eindringt, ruft er ihren Namen und kommuniziert so mit dem Geist seiner verstorbenen Geliebten, während die lebendige Natascha den ersten Orgasmus ihres Lebens hat. Nun kann Bešenyj sich wieder seiner Mission widmen und Rußland vor seinen Feinden befreien – Natascha hingegen ist durch den Analsex mit ihm wie verwandelt. „Sie war innerlich ruhig und froh gestimmt: zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlte sie sich rein und unbeschmutzt.“
In den späten 1990ern war die Prostituierte mit Herz bereits wieder ein derart allgegenwärtiger Bestandteil der Populärkultur, daß sie sich als Zielscheibe für Satire geradezu anbot. Viktor Pelevins Roman Žizn’ Nasekomykch (Das Leben der Insekten, 1997) – eine Tierfabel, in der fast alle Hauptfiguren Insekten sind, die sich mit den Absurditäten des modernen Rußland herumschlagen müssen – bedient sich einer Prostituierten, um eines von Pelevins Lieblingszielen aufs Korn zu nehmen: den ultranationalistischen, pseudomystischen Diskurs über Rußlands Schicksal. Eine der Hauptfiguren, ein Amerikaner namens Sam Sucker, auf Geschäftsreise in Rußland, ist in Wahrheit ein Moskito, der nach Moskau gekommen ist, um Kostproben der dortigen Küche (sprich: russischen Bluts) zu sammeln. Kurz nach seiner Ankunft lernt er eine russische Fliege namens Natascha kennen, die Sams russische Kompagnons sogleich als Prostituierte ausmachen. Pelevin gelingt es hier, sowohl Interdevočka als auch Kornej Čukovskijs klassisches Kindergedicht Mucha-Cokotucha, in dem eine Fliege von einem Moskito gerettet wird, zu parodieren. Wie Tanja in Interdevočka ist auch Natascha eine Enttäuschung für ihre kranke Mutter – in diesem Fall eine ans Haus gefesselte Witwe, die die Überreste von Nataschas Vater verspeist hat, während sie darauf wartete, daß ihre Eier ausschlüpfen –, weil sie sich im Tausch für ein besseres Leben dafür entschieden hat, ihren Körper zu verkaufen. Nachdem Sam und sie in unberührter Natur miteinander geschlafen haben, flüstert Natascha ihrem ausländischen Kavalier eine naive Frage ins Ohr: „Sam... Stimmt es, daß es in Amerika jede Menge Scheiße gibt?“ Sam nickt begütigend und versichert ihr, daß er tatsächlich aus dem Land des Überflusses kommt. Doch wie so viele ihrer Vorgängerinnen nimmt auch diese Natascha ein tragisches Ende. Sie ist sich Sams Liebe derart sicher, daß sie sogar Englisch lernt, um sich auf den unvermeidlichen Abschied vorzubereiten („Please cheese and pepperoni“), doch Sam denkt nicht daran, sie mitzunehmen. Natascha ist untröstlich und begeht Selbstmord, indem sie sich an einem Streifen Fliegenfänger-Papier erhängt.
Nymphomanie: Die Prostituierte als „Seelenbarometer“

„Ich war einmal stolz auf mein Land. Dann wurde es verraten, zerstört und geschändet, wie eine billige Schlampe. Man hat zugelassen, daß es entweiht wurde. Was sich heute Rußlands Staat schimpft, ist nichts, auf das man stolz sein könnte, man schämt sich höchstens dafür. Dieses Land ist wie eine Prostituierte, die für jeden dahergelaufenen Kerl die Beine breit macht. Und sogar ihre Jungen frißt, wie ein Schwein!... Gut, das reicht. Machen wir weiter. Ich hatte Ideale. Keine besonders feinsinnigen Ideale, aber immerhin solche, die von jedem normalen Menschen respektiert wurden. Nun werden diese Ideale verhöhnt, verleumdet und in den Dreck gezogen, und jeder feige Hund, der vorher keinen Mucks gemacht hätte, kann jetzt öffentlich darauf spucken! Wenn ich das sehe, könnte ich die Leute umbringen! Aber dann müßte ich ganz schön viele umbringen...“

Dmitrij Ščerbakov, Nimfomanka: Bespoščadnaja strast’

Dies ist das Lamento von Sever Belov, dem Helden aus Dmitrij Ščerbakovs grellem Reißer Nimfomanka: Bespoščadnaja strast’ (Die Nymphomanin – Leidenschaft kennt keine Gnade), dem zweiten Teil einer Trilogie über eine sexsüchtige, doch hochmoralische Frau und ihren mit übermenschlichen Kräften ausgestatteten Ehemann, die es mit der russischen und tschetschenischen Mafia aufnehmen. Sever weiß, wovon er spricht: Er hat die besten Jahre seines Lebens damit zugebracht, ein Land zu retten, das gar nicht gerettet werden will, und seine Frau Mila ist eine Berufsprostituierte, deren „Krankheit“ – ein physisches Bedürfnis nach Vergewaltigung und Demütigung – sie jedes Mal wieder ins Bordell treibt, nachdem sie eben erst den Klauen ihres letzten Zuhälters entkommen ist. Sever erzählt die Geschichte seinem besten Freund, dem Chirurgen Pavel Kuzoslev, dessen Sorge um die Belovs dazu führt, daß er sich zum Psychoanalytiker weiterbildet, um Mila von ihrer Nymphomanie zu heilen und Sever von seiner „reaktiven Psychose“, die schon zu einem Selbstmordversuch geführt hat. Und wie reagiert der gute Doktor auf Severs Tirade? „Du schaust zuviel in die Glotze!“
Alle drei Teile von Dmitrij Ščerbakovs „Nymphomanin“-Trilogie („Die Nymphomanin“, „Die Nymphomanin – Leidenschaft kennt keine Gnade“, und „Die Nymphomanin – Die Liebe einer Hure“, datieren aus den späten 1990ern, und obgleich es keine Anzeichen dafür gibt, daß sie jemals die Beliebtheit von Interdevočka erreichen werden, bilden sie doch den postsowjetischen Prostitutionstext par excellence. Sämtliche oben diskutierte Themen spielen eine Rolle: Grenzüberschreitungen, ein feminisiertes Rußland und der Westen, die Prostituierte als Symbol für die russischen Rohstoffressourcen, der Fokus auf den männlichen Helden und vor allem die Prostituierte als christusähnliche Erlöserin. Im ersten Roman geht es um die Geschichte von Sever Belov und Mila, die beide nach einem Verkehrsunfall das Gedächtnis verloren haben. Als sie sich wieder begegnen, wissen sie nicht einmal mehr, daß sie zuvor ein Paar waren, doch sofort verbindet sie eine große Leidenschaft. Und noch etwas anderes: Beide verfügen über außergewöhnliche Fähigkeiten. Sie können eine Aura ausstrahlen, die verhindert, daß die Leute sich an sie erinnern; sie besitzen übernatürliche Kräfte und einen eisernen Willen; Belov kann Dutzende von Menschen mit bloßer Hand töten und bringt Mila diese Fähigkeit bald ebenfalls bei. Doch Mila kann noch etwas anderes: Als erotische Tänzerin treibt sie Männer wie Frauen in sexuelle Ekstase.
Nach dem Unfall findet Sever Arbeit als Mechaniker und wird bald von der örtlichen Mafia angestellt. Mila wird zur begehrtesten Prostituierten in einem Edelbordell, und so sehr sie sich auch selbst für ihre Beschäftigung verachtet, kann sie die Prostitution doch nicht aufgeben. Aus Gründen, die bis zum Ende des ersten Romans nicht ganz klar werden, hat sie ein unstillbares Verlangen danach, vergewaltigt und – physisch wie verbal – mißhandelt zu werden. Belovs Freund, der Arzt, beschreibt Milas Nymphomanie sogar als etwas Physiologisches: Wenn ihr Gehirn nicht die erforderlichen Impulse durch die Vergewaltigungen bekommt, wird es sich buchstäblich selbst zerstören. Als Sever und Mila sich ineinander verlieben – wie sich herausstellt, zum zweiten Mal –, zehrt es ernsthaft an ihrer Beziehung, daß Sever Mila nie genügt – obwohl seine übermenschlichen Kräfte sich auch aufs Schlafzimmer erstrecken – normalerweise sind die beiden die ganze Nacht zugange.
All dies spielt sich im Kontext eines virulenten Rassismus und einer beiläufigen Verachtung für demokratische Reformen ab. Severs Feinde im ersten Roman sind vornehmlich Tschetschenen und Georgier, die er routinemäßig als černožopaja maz’ („schwarzer Abschaum“) oder černomazy (die russische Entsprechung für „Nigger“) bezeichnet. Seine Lösung für das Tschetschenen-Problem ist einfach: Alle Tschetschenen aus Rußland ausweisen und die Grenzen zu Tschetschenien für immer dicht machen! Sein Urteil über die El’cin-Regierung ist ähnlich kompromißlos, wenn auch weniger hitzig: Beiläufig erwähnt der Erzähler 1991 als das Jahr, in dem der Kreml endgültig unter den „Einfluß amerikanischer Agenten“ geraten sei. Severs nationalistischer Stallgeruch, der bereits zu einem frühen Zeitpunkt verbreitet wird, wird noch weiter gestärkt, wenn der Leser erfährt, daß Sever in seinem früheren Leben Grenzsoldat war und seine ganze Mühe darauf verwendete, den Raub russischer Rohstoffressourcen zu verhindern. Dieses Detail ist besonders wichtig im Hinblick auf Severs Probleme mit Mila: Selbst nachdem er sie aus dem Bordell befreit hat, hat sie immer noch das körperliche Bedürfnis, mißbraucht zu werden, und zwar von mehr als einer Person. Severs einzige Lösung besteht darin, sein eigenes Bordell aufzumachen, in dem Mila die Hauptrolle spielt und er für ihren Schutz sorgt. Natürlich ist es ein freundlicheres, sanfteres Bordell, gleichsam ein Freudenhaus mit menschlichem Antlitz. Unter Sever und Mila verbessert sich das Leben der Prostituierten, die für sie arbeiten, ganz erheblich. Doch Sever, unser starker russischer Actionheld, muß letztlich auch für die Frau, die er liebt, den Zuhälter machen.
Gegen Ende des ersten Romans findet Pavel, Severs Chirurgen-/Psychoanalytiker-Freund, die Wurzel von Milas Nymphomanie. Vor dem Unfall war Milas Liebe zu Sever so stark, daß sie wie eine Droge wirkte: Ohne ihn ging es nicht. Während ihres Krankenhausaufenthalts nach dem Unfall hat ihr eine skrupellose Ärztin, die ihre weiblichen Patienten gern in die Prostitution treibt, ein Aphrodisiakum gespritzt, um ihr erotisches Potential auszuloten. Zu Milas Pech wird zur gleichen Zeit eine Gruppe junger Krimineller wegen kleinerer Verletzungen im selben Krankenhaus behandelt. Diese vergewaltigen Mila, während sie unter dem Einfluß des Aphrodisiakums steht. Gegen ihren Willen hat dieses Erlebnis sie erregt, doch inzwischen haßt sie sich dafür, weil sie weiß, daß irgendwo da draußen ihr Geliebter lebt, an dessen Namen sie sich zwar nicht erinnern kann, den sie aber betrügt. Unbewußt beschließt sie, daß sie seiner nicht wert ist, und daß die Welt ein schlimmer Ort voller böser Menschen ist, die böse Dinge tun. So wird es zu ihrem einzigen Lebensziel, sich vergewaltigen und mißbrauchen zu lassen und dadurch anderen Frauen dieses Schicksal zu ersparen. In den Worten des Doktors: „Milas System ist zu einer Art Barometer geworden, das auf die geistige Atmosphäre der Gesellschaft reagiert. Wenn sie von zuviel Bösem umgeben ist, versucht sie das Böse zu reduzieren . . . auf die einzige Weise, die sie kennt.“
Darüber hinaus ist Mila auf einzigartige Weise mit ihrem Heimatland verbunden. Bevor sie nach dem Unfall Sever wiederbegegnet, wird sie nach Paris gebracht, wo sie in einem Nachtclub als Tänzerin arbeiten soll. Doch sie muß sofort wieder nach Hause geflogen werden, weil sie fast buchstäblich an Heimweh stirbt. Sie kann Rußland nicht verlassen, weil es

das Land der Aufrichtigkeit ist, selbst das Böse ist hier aufrichtig, offen, und tut nicht moralisch. Im Westen ist das anders. Der Westen ist durch und durch verlogen. Das Böse ist überall, aber es gibt sich immer den Anschein von Respektabilität [. . .] Im Westen hat weder das Gute noch das Böse eine Seele. Dort lebt man nur für den momentanen Vorteil, der alle anderen moralischen Werte überlagert. Und dafür ist Mila ein zu empfindliches Instrument.

In den Osten kann sie freilich auch nicht gehen, denn dort sind die Menschen Tiere, denen jeglicher Sinn für Gut und Böse fehlt.
Mila ist quasi die alltägliche Apotheose der Prostituierten als Erlöserin: Ihre Libido ist das Kreuz, das sie zu tragen hat. In diesen Romanen ist es nicht die Schönheit, sondern die Nymphomanin, die die Welt retten wird. Ihr Status ist eine Quelle verqueren Stolzes: Mila ist weitaus moralischer als fast alle Menschen in ihrer Umgebung, und ihre Schönheit ist unübertroffen. Sogar ihre Demütigung dient einem höheren Zweck. Doch diese Demütigung teilt sie letztlich mit ihrem Mann. Sever steckt sowohl als Liebhaber wie auch als Patriot in der Zwickmühle: Der Gegenstand seiner Zuneigung ist zwar schön wie eh und je, suhlt sich aber im Schmutz und scheint weit davon entfernt zu gesunden.
Was heißt das also für die postsowjetische Prostituierte? Warum verwenden derart viele Künstler, Schriftsteller, Kritiker und Filmemacher sie als Vehikel, um ihre Gedanken zu Rußland, zur Männlichkeit und zum Westen auszudrücken? Die symbolische Prostituierte rekapituliert weitestgehend den Reiz und die Funktion der „echten“ Prostituierten: Der Kunde kann zur Befriedigung seiner Lust ihre Dienste erwerben, hat aber keine Garantie, daß er sich damit nicht große Unannehmlichkeiten einhandelt. Das russische Publikum konsumiert Geschichten von fiktiven Prostituierten aufgrund ihres schlüpfrigen Unterhaltungswertes und macht sich in der Regel nicht bewußt, daß diese als Vehikel für die Übermittlung bestimmter – und nicht immer willkommener – ideologischer Botschaften dienen. So verbreitet die metaphorische Prostituierte bestimmte Ideologien wie „textuell übertragbare Krankheiten“. Ob sie nun eine Quelle nationalen Stolzes ist oder lediglich Demütigung verursacht – sie ist ungemein effizient darin, ideologisches wie finanzielles Kapital einzubringen. Bedient sich die Werbung sexuell verfügbarer Frauen, um ihre an sich nicht besonders aufregenden Waren an den Mann zu bringen, so gehen die Produzenten der Kulturindustrie mit der postsowjetischen Prostituierten hausieren, um den Konsumenten damit ihre ganz eigene Vorstellung einer „russischen Idee“ zu verkaufen – die diese dann als Teil eines Unterhaltungspakets erwerben.

Aus dem Amerikanischen von Axel Henrici, Dresden

Karin Sarsenov | 123 | Volltext

Kann denn Reisen Sünde sein?
Drei russische Romane über mobile Frauen
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In der russischen Literatur ist eine Reiseerzählung zumeist eine Geschichte über männliche Identität. Weibliches Reisen und das Unterwegs-Sein russischer Migrantinnen ist literarisch kaum präsent. Zudem ist die Liebe zur Heimat, die Thema aller Reisgeschichten ist, ein männliches Thema, da die Heimat oft feminisiert und Patriotismus als heterosexuelle Liebe zu einer Frau präsentiert wird. Drei zeitgenössische, von Frauen geschriebene Prosastücke, die sich mit weiblicher Migration auseinandersetzen, greifen in diesen Diskurs ein. Sie spielen auf subtile und oft höchst raffinierte Weise mit der Stigmatisierung russischer Frauen als Prostituierte und entziehen so dem patriotischen Diskurs die Grundlage. Schließen

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Mythos Europa
Prostitution, Migration, Frauenhandel
Berlin (6/2006)
Seite 123 - 138


Karin Sarsenov

Kann denn Reisen Sünde sein?
Drei russische Romane über mobile Frauen

Weibliche· Migration wird in Rußland in einem kulturellen Raum verhandelt, der durch das Bild der „weiblichen Nation“ sowie durch die enge Verbindung zwischen Maskulinität und Mobilität bestimmt ist. Dies hat in den letzten Jahren für Hochglanzbilder und prickelnde Erzählungen von verletzlichen schönen Frauen „auf Achse“ gesorgt, deren Bewegungsspielraum auf die Wahl zwischen verschiedenen Männern begrenzt ist und die oft tragisch enden.
Wer das Nationale beschreibt oder definiert, verliert seine Unschuld. Nationalismus definiert die Zugangsbedingungen zu der Nation und schließt daher unweigerlich jene aus, die den Anforderungen nicht genügen. Der Nationalismus hat auch eine geschlechtsspezifische Dimension. Obwohl sich Männer und Frauen oft mit dem gleichen Eifer an der Schaffung einer Nation beteiligen, werden ihnen unterschiedliche symbolische Rollen zugewiesen. Frauen gelten als verantwortlich für den biologischen und kulturellen Fortbestand der Nation. Daher die Bedeutung, die ihrer Reinheit zugeschrieben wird. Sie zu erhalten und vor der Beschmutzung durch Fremde zu bewahren ist teils Aufgabe der Frau, teils des Mannes. Den Männern ist es zugewiesen, die Jungfräulichkeit der Nation zu verteidigen. Männer müssen also im Namen der Zukunft handeln. Frauen hingegen fungieren als kulturelle Transmissionsriemen, die die Verbindung zu einer idyllischen Vergangenheit aufrechterhalten müssen. Da sie zudem die Nation symbolisieren, sind sie genau jener Handlungsmöglichkeiten beraubt, die Männern zugebilligt werden.
Auf dieser symbolischen Konstellation beruhen die Bilder von der Nation als Mutter, Hure, Opfer oder Jungfrau. In der späten Sowjetunion stand die Prostituierte als Metapher für die Annäherung an den ehemaligen Feind aus dem Kalten Krieg. In Romanen, deren Hauptfiguren reisende Frauen sind, ist diese Metapher noch präsenter, da die russische Kultur – und nicht nur diese – Männern und Frauen ein anderes Verhältnis zum Raum zuschreibt.
Die Überwindung des Raums hat unterschiedliche Auswirkungen auf Menschen verschiedenen Geschlechts. Viele Kulturen schränken die Bewegungsfreiheit von Frauen ein und verleihen dem Mythos der „großen weiten Welt“ einen maskulinen Anstrich. Die „Seßhaftigkeit der Frauen und die Mobilität der Männer“ zählt zu den „gesicherten Erkenntnissen in der Geschichte des Reisens“. Lange Zeit galt es als verpönt, wenn Frauen ohne Begleitung reisten, wenn sie ritten, Fahrrad fuhren, flogen. Das Füßebinden in China, aber auch hochhackige Schuhe und enge Röcke dienten dazu, Frauen metaphorisch, aber auch ganz konkret an einem Ort festzuhalten.
Doch auf der anderen Seite gibt es auch zahlreiche Bräuche, die die weibliche Mobilität begünstigen. So sorgte in agrarischen Gesellschaften die verbreitete Sitte, daß Haus und Hof in männlicher Linie vererbt werden, dafür, daß die Braut ins Heimatdorf oder -land ihres Bräutigams zog. In Zeiten einer rasanten Urbanisierung sind Frauen, die nicht unter männlicher Obhut standen, stets in die Städte gezogen, um dort ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Heute sind nach verschiedenen Schätzungen zwischen einer Million und zwei Millionen Frauen auf dem globalen „Dienstmädchen-Markt“.
All dies spiegelt sich freilich in der literarischen Vorstellung vom Reisen nicht wider. Obgleich Millionen von Frauen sich auf weite und gefährliche Reisen begeben haben, gibt es kaum Geschichten über sie. In den großen Erzählungen der westlichen Kultur sind es seit Homers Odyssee stets männliche Helden, die fremde Räume erkunden und erobern, um dann in eine Heimat zurückzukehren, die in jeder Hinsicht weiblich kodiert ist: als Mutterland, als fruchtbare Muttererde, bewohnt von der Hüterin des heimischen Herds. Das Bild der wartenden Penelope und ihrer repetitiven Arbeit am Webstuhl hat auf Jahrhunderte die Vorstellung von angemessener weiblicher Arbeit bestimmt.

Das ideologische Konstrukt der „Frau an ihrem Platz“ sorgt dafür, daß Frauen, „deplaziert“ sind, also an manchen Orten unsichtbar, problematisch oder mancherorts sogar schlicht nicht anwesend sind.

Der für unsere Vorstellung von Heimat, Nation und Zugehörigkeit zentrale „Mythos der Reise“, den Irina Sandomirskaja „eine der grundlegenden Metaphern der europäischen Kultur“ nennt – ist erheblich von der Geschlechterdifferenz geprägt. Die Hemmnisse für die Mobilität von Frauen sind zumindest in jenem Teil der Welt, der mit Demokratisierung, Industrialisierung und anderen Facetten der Moderne in Berührung gekommen ist, größtenteils überwunden. Die mobilsten Gesellschaftsschichten sind heute diejenigen, die so reich sind, daß sie reisen können, und jene, die so arm sind, daß sie reisen müssen. Doch trotz aller glamourösen Bilder von reisenden Geschäftsfrauen und selbstbewußten Rucksacktouristinnen lassen sich Überbleibsel älterer Vorstellungen von weiblicher Mobilität unschwer erkennen:

Mobile Frauen haben so gut wie nie einen hohen Stellenwert – egal in welcher Kultur. Das geographische „Sich-Gehen-Lassen“ wird vielmehr als universelles Kennzeichen sexueller Zügellosigkeit angesehen – oder zumindest als Anlaß zur Sorge hinsichtlich ihrer Ehrbarkeit.

Im Russischen wie im Englischen, im Deutschen und im Französischen bedient man sich Worten der Bewegung, um jene Eigenschaften zu beschreiben, die eine Prostituierte von einer tugendhaften Frau unterscheiden. Die Hure ist die šljucha, eine, die sich herumtreibt (šljat’sja); sie ist auch die guljaščaja ženščina, eine Frau, die die Runde macht, ein Wanderpokal. Die englische Prostituierte geht als streetwalker ebenso auf den Strich wie die deutsche Bordsteinschwalbe. Und auch die französische Dirne fait le trottoir.
Die mobile Frau stellt daher mindestens zwei miteinander verbundene Vorstellungen in Frage: die dem Bild von der Nation eingeschriebene weibliche Passivität, Sittsamkeit und Reinheit sowie das kulturelle Tabu, das weiblicher Mobilität anhaftet und das Frauen, die ohne Begleitung reisen, sexuell stigmatisiert. In einigen russischen Romanen der späten 1980er und frühen 1990er Jahre, die in vielerlei Hinsicht unkonventionell, rebellisch oder zumindest parodistisch sind, sind diese traditionellen Vorstellungen im Bild der Migrantin präsent, die Sex mit vielen Männern hat oder ihren Körper verkauft.
Vladimir Kunins Interdevočka (Intergirl) aus dem Jahre 1987 unterstellt dem sozialdemokratischen Schweden einen germanisch-seelenlosen Materialismus, inklusive solch unplausibler Details wie Tankstellen, bei denen man Alkohol kaufen kann, und „Dienstjungen“, die den Kunden im Supermarkt den Einkaufswagen schieben. Trotz des skandalträchtigen Themas – Devisen-Huren waren in der sowjetischen Literatur personae non gratae – ist der Roman entschieden patriotisch in seinem Verständnis des Exils. Die weibliche Hauptfigur, die Sankt-Petersburg gen Schweden verläßt, wird entweder als hinterhältige „Mutterlandsverräterin“ oder als tragische „Emigrantin“ präsentiert. Zunächst ist Tanja eine Verräterin, die dem westlichen Konsumrausch zum Opfer gefallen ist. Im tragischen großen Finale des Romans wird sie dann doch noch zur rechtschaffenen Emigrantin, deren Liebe zur Heimat sie in den Selbstmord treibt. In der Kinoadaption wird ihre Erhebung in den Emigrantenstatus von einem russischen Chor unterstrichen, der das aus der Zarenzeit stammende Lied „Po dikim stepjam Zabajkal’ja“ (Durch die wilden Baikalsteppen) intoniert, das von einem Menschen handelt, der „um der Wahrheit willen leidet“. Tanjas weite russische Seele konnte sich nicht in die spießige, berechnende und materialistische schwedische Umgebung einfügen. Erst ihre Opferbereitschaft erlöst sie von ihren Sünden.
In Moskovskaja krasavica (Die Moskauer Schönheit) verarbeitet Viktor Erofeev seine traumatische Erfahrung aus der Brežnev-Zeit, als der von ihm zusammengestellte Literaturalmanach Metropol’ heftig angegriffen und als „geistige Pornographie“ bezeichnet wurde, woraufhin Erofeev aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Dazu erschafft Erofeev sich in dem Roman ein weibliches Alter ego. Das männliche Genie wird zu einer Frau, verwandelt sich aber wie zu erwarten nicht in ein weibliches Genie, sondern in eine Super-Hure, die den Nationalschatz zwischen den Beinen trägt und verkündet: „Jungs, schöne Frauen sind Nationaleigentum und nicht bloß irgendwas zum Verramschen.“ Insofern hebt sie sich positiv von ihrer Freundin Ksenja ab, die sich an einen französischen Zahnarzt „verkauft“ hat und sich nun für den Rest in einem Einfamilienheim vor den Toren von Paris langweilt.
Beziehen sich diese beiden Romane auf den Kalten Krieg, so behandelt Vladimir Sorokins Drama Serdca četyrech (Die Herzen der Vier, 1994) das Trauma des Zweiten Weltkriegs. Das Stück bringt die Nachkommen eines deutschen SS-Offiziers und einer jüdischen NKVD-Offizierin zusammen, die sich beide schwerer Kriegsverbrechen schuldig gemacht haben. Gunter leidet wegen der Vergehen seines Vaters an übersteigerten Schuldgefühlen, die sich vor allem in einem Hang zum Masochismus ausdrücken. Solche Gefühle sind Maša Rubinštejn, der abenteuerlustigen Tochter der NKVD-Offizierin, völlig fremd, und es gelingt ihr, den Ehemann mit ein bißchen freudianisch angehauchter Küchenpsychologie zu heilen. Obwohl das Stück in frivoler Weise mit den Werten der Intelligencija spielt, ist seine Metaphorik überraschend konventionell. Wieder wird Rußland als freizügige Frau dargestellt, deren Schönheit – wenig überraschend – in der Lage ist, „die Welt zu retten“.
Es gibt jedoch Alternativen zu diesen von Männern verfaßten Texten. Ljudmila Ulickaja, Nina Sadur und Marija Rybakova beschäftigen sich mit weiblicher Migration. Doch Vorsicht: Man kann nicht a priori davon ausgehen, daß es einen gemeinsamen weiblichen Standpunkt gibt. Auch die Annahme, daß Frauen von Haus aus keine sexistische Literatur schreiben würden, ist voreilig. Gleichwohl bietet das Thema der mobilen Frau Autorinnen eine Möglichkeit, das Thema Geschlecht und nationale Identität neu zu verhandeln.
Zweckehe mit einem Schweizer – Ljudmila Ulickajas Cju-jurich’
Ljudmila Ulickaja (geb. 1943) publiziert seit Ende der 1980er Jahre. Im Jahr 1993 erzielte sie erstmals größere Aufmerksamkeit, als sie für ihren zweiten Roman Sonečka mit dem Medici-Preis ausgezeichnet wurde. 2001 erhielt sie für ihren Roman Kazus Kukockogo als erste Frau den russischen Booker-Preis.
Ljudmila Ulickajas Erzählung Cju-jurich’ (Zü-ürich, 2002) handelt von Lidija, einer Frau „auf der Jagd“, deren Heiratsbemühungen auf einem undifferenzierten Wunsch nach gesteigertem sozialen Status, Intimität und Schutz gründen. Diesen Ehrgeiz teilt sie mit so mancher Frauenfigur der russischen Literatur und des russischen Films, angefangen mit der erfindungsreichen Ljudmila im Film Moskva slezam ne verit (Moskau glaubt den Tränen nicht, 1979) bis hin zur Figur der Zoja in Tatjana Tolstajas Erzählung Ochota na mamonta (Mammutjagd, 1997). In Ulickajas Erzählung ist die Beute allerdings um einiges interessanter als Zojas bärtiger Ingenieur in Tolstajas Erzählung: Es handelt sich, wie schon der Titel andeutet, um einen Schweizer. Allein dieser Umstand bringt eine Vielfalt nationaler Stereotypen ins Spiel. Lidija verfügt über eine Reihe von Eigenschaften, die sie positiv von ihresgleichen abheben. Sie legt großen Wert auf Reinlichkeit und arbeitet mit Akribie und Elan am Erreichen ihrer Ziele – alles Eigenschaften, die in der russischen Literatur gemeinhin Ausländern zugeschrieben werden, insbesondere solchen aus dem deutschsprachigen Raum. Die Erzählerin porträtiert Lidija mit einem gerüttelt Maß an Ironie, gleichwohl gelingt es diesem irgendwie unbeholfenen Mädchen, die Sympathie des Lesers zu gewinnen: Sprechen die detaillierten Beschreibungen von Lidijas minutiösen Vorkehrungen doch jeden Leser an, der über ein Minimum an pedantischem Ordnungssinn verfügt.
Das Vergnügen, an Lidijas geordneter Welt teilzuhaben, hält jedoch nicht lange vor. Ihre Fähigkeiten werden auf die Bemühungen ihrer Mentorin zurückgeführt, einer Lettin namens Emilia Karlovna, bei der Lidija in jungen Jahren als Haushaltshilfe gearbeitet hat. Die „deutschen Tugenden“ und die von Emilia übernommene Weltanschauung werden erstmals verdächtig, als wir erfahren, daß Emilia „ein klein wenig antisemitisch“ ist, daß ihr Vater während der Nazi-Herrschaft mit Feuereifer daran mitwirkte, sein Land „judenfrei“ zu machen, und daß ihr Ehemann Hauptmann beim NKVD war. Reinlichkeit und gute Manieren haben offenbar auch ihre dunklen Seiten.
Obwohl Lidijas Versuche, einen Ausländer zu heiraten, wenig mit dem Elend der Prostitution zu tun haben, wo oft Gewalt und Drogen im Spiel sind, hängt doch ständig der Schatten einer stigmatisierten sexuellen Zügellosigkeit über dem Text:

Es war eine internationale Ausstellung, aus der ganzen Stadt kamen illegale Devisenhändler und vollbusige Mädchen, Pionierinnen des internationalen Business, deren frische Ware in rosa Slips mit grobem Gummi verpackt war. Lidija konnte ganz beruhigt sein – niemand wäre auf die Idee gekommen, daß auch sie hier auf der Jagd war.
Lidijas Herkunft aus einer armen, verstreuten ländlichen Familie unterscheidet sich wenig von jener der erwähnten vollbusigen Mädchen. Um „anständig“ zu wirken, muß sie sich Emilias Tafelsilber ausleihen und ihren Gast mit auswendig gelernten Standardfloskeln aus dem Konversationslexikon unterhalten. Daß Anstand eine soziale Kategorie ist, wird hier mehr als deutlich. Lidijas künftiger Gatte Martin schmückt sich, wie bald klar wird, ebenfalls mit fremden Federn: Selbst aus ärmlichen Verhältnissen stammend, verdankt er seinen Reichtum in Wahrheit seiner Exfrau, von der er auch Distinktionsmerkmale wie Geschmack und Manieren erworben hat. Überdies erweist sich, daß Anstand, wenn nicht der Gegenbegriff, so doch ein Ersatz für Liebe ist. Emilias vorbildliches Auftreten als Ehefrau jenes russischen Offiziers, dessen Dienst für den Tod ihres Vaters verantwortlich war, wird nicht als Akt der Liebe, sondern als Resultat ihres vermeintlichen Anstands erklärt.
Gemeinhin nennt man eine Ehe wie die Lidijas Zweckehe. Doch so einfach ist die Sache nicht. Die Erzählung kommt nach einer auf den ersten Blick widersprüchlichen Erörterung von Lidijas Persönlichkeit zu dem Schluß, daß Lidija zugleich durchtrieben, unaufrichtig und von schlichtem Gemüt ist. Dies deckt sich mit ihrer Selbsteinschätzung, schlauer zu sein als jeder andere, den sie kennt, mit Ausnahme von Emilia – eine Aussage von geradezu überwältigender Schlichtheit. Lidijas Verständnis des Wortes „schlau“ erweist sich als ein Synonym für „berechnend“. Gleich nach ihrer Ankunft in Zürich stellt sie fest: „Doch hier waren alle genauso schlau, berechneten alles im voraus.“
In diesem Zusammenhang wird auch die uralte russische Klage über die spießig-materialistischen Werte der Europäer wiederaufgewärmt: „Lidija erkannte, daß das Glück hier in Zahlen ausgedrückt wurde“ (155). Trotz dieser „europäischen“ Begabung für das Berechnende muß sie auf der Suche nach einem Ehemann hinsichtlich ihrer Gefühle keine Kompromisse eingehen: Sie findet Martin attraktiv, vor allem im Vergleich zu den ungepflegten russischen Männern, die sie bislang kannte. Doch wenn die Erzählerin später erklärt, daß Martin sämtliche Qualitäten, die Lidija für ihn einnahmen, mit anderen Schweizer Männern gemeinsam hatte, wird klar, daß ihr erotisches Interesse eng mit ihrem Kampf um den sozialen Aufstieg verbunden ist.
Trotz der Bemühungen der Protagonisten, sich einen Anstrich von Wohlanständigkeit zu geben, zeigt sich die ganze Armseligkeit der seelischen Maskerade in den trostlosen Formulierungen, die für alles Sexuelle verwendet werden. Ein Beispiel:

Allein der Gedanke [daß Lidija bereit sein könnte, mit ihm zu schlafen, K.S.] erregte ihn. [. . .] Er mußte einen Moment warten, bevor er pinkeln konnte. (144)

Die letzten Szenen der Erzählung deuten ebenfalls darauf hin, wie oberflächlich das Gefühlsleben der Protagonisten ist. Der billige Firnis von Manieren, Geschmack und Hygiene – so wichtig für Lidijas Hingabe – ist, wie sich zeigt, schnell abgekratzt: Emilia erleidet eine Gehirnblutung, und ihre Tischmanieren fallen auf den Stand eines Kleinkinds zurück. Dieser Umstand reicht aus, daß Lidija Emilia die Zuneigung entzieht und keine Anstalten macht, der kranken Frau und ihrer Familie zu helfen.
Ljudmila Ulickajas Erzählung Cju-jurich’ postuliert somit, daß sich das Phänomen der weiblichen Heiratsmigration von Ost nach West nur als ökonomisches Kalkül verstehen läßt. Und doch reiht sie sich nicht in jenen primitiven Diskurs ein, der bestimmte Formen der Ehe zugunsten von anderen, „normaleren“ ächtet. Sie zeigt vielmehr die verzwickten Zusammenhänge zwischen verschiedenen Arten von Wünschen – amourösen, sexuellen, sozialen und finanziellen – und die Unmöglichkeit, das eine vom anderen zu trennen.
Die Erzählung problematisiert zudem den Begriff des Anstands: Diese Trophäe, die eine Frau berechtigt, ihren Platz auf der richtigen Seite der Trennlinie zwischen Madonna und Hure einzunehmen, wird ernstlich kompromittiert, indem sie mit Antisemitismus und Oberflächlichkeit in Verbindung gebracht wird. Die Prostitution erscheint zwar als Stigma, dem jede Frau nach Kräften zu entgehen suchen sollte, doch zugleich wirft die Erzählung auch die Frage auf, ob die Alternative äußerlicher Unbescholtenheit soviel besser ist. Obwohl die Erzählung größtenteils auf gängige Vorstellungen von der Kultur der deutschen Mittelschicht zurückgreift, zeigt sie doch auch, daß es die angeblich so „deutschen“ Charakterzüge auch bei Russen gibt. So stellt sie die Bedeutung des Nationalen in Frage und unterstreicht, daß Nationen erfundene Gemeinschaften sind.
Blut und Boden – Nina Sadurs Roman Nemec
Nina Sadur (geb. 1950) gehört ebenfalls der Generation von Schriftstellern an, die vor der Perestrojka nicht veröffentlichen konnte. Sie ist vor allem als Dramatikerin bekannt geworden, mit Stücken wie Pannočka (Pannotschka) und Čudnaja baba (Das Wunderweib – auch als „Die seltsame Frau“ oder „Ein absonderliches Weib“ aufgeführt), wurde aber auch für ihre Prosa gelobt (etwa für den Folklore-Zyklus Pronikšee (Durchdrungen, deutsch bislang unveröffentlicht).
Nina Sadurs Roman Nemec (Der Deutsche, 1997) beschreibt die Liebe einer russischen Frau zu einem Deutschen und greift dabei auf das Märchen Finist – jasnyj sokol (Finist, der edle Falke) zurück. Die Erzählung geht auf den antiken Mythos von Amor und Psyche zurück, aus dem in westlicher Überlieferung das Märchen Die Schöne und das Biest wurde. In all diesen Geschichten gibt es einen geheimnisvollen, nicht greifbaren Bräutigam. Der aktive Part fällt der Heldin zu, die unmögliche Aufgaben erfüllen muß, um wieder mit ihrem Liebsten vereint zu werden. Dies unterscheidet den Mythos von Amor und Psyche und die auf ihn zurückgehenden Märchen von all den auf Männer fokussierten Mythen und Märchen.
In Finist, der edle Falke kommt der Reise eine wichtige Bedeutung zu. Das Mädchen verläßt seine Heimat, und mit Hilfe der drei Baba Jaga-Schwestern erreicht es „das Dreimal-Zehnte Zarenreich, im Dreimal-Neunten Staat zugleich“, um den Zauber zu brechen, mit dem eine böse Königin Finist belegt hatte. Erfolgreich löst es seine Aufgabe, und der junge Mann begleitet das Mädchen nach Hause. Wenn Sadur sich entschließt, ihre Geschichte einer Reise mit Zitaten aus diesem Märchen zu unterfüttern, nährt dies die Erwartung, daß sie auch die heroische Handlung umdeutet, in deren Mittelpunkt eine Frau steht.
Neben den Bezügen zur Folklore greift der Roman auch den russischen nationalen Diskurs über die Rodina (Heimat, Mutterland) auf. Eine der gängigen Heimat-Erzählungen arbeitet mit der Reise-Metapher. Dabei wird immer eine kreis- oder ringförmige Bahn beschrieben, die mit der Rückkehr in das gelobte Land der verlorenen Heimat endet. Dieser kreisförmige Verlauf ist typisch für die sowjetische Dorfprosa, die die sogenannte „kleine Heimat“ (malaja rodina) auf Kosten der großen, anonymen, degenerierten Stadt feierte. Dem stehen Erzählungen über die Rodina, gegenüber, in denen die Reise nur in eine Richtung führt und negativ konnotiert ist – in ihnen reisen Verräter und Emigranten. Jene Geschichten, die von der Liebe zur Rodina handeln, arbeiten mit drei grundlegende „Mythen“: dem Mythos der Reise, dem Mythos des Bodens und dem Mythos des Blutes. Bei solchen Mythen handelt es sich um

kulturelle Gemeinplätze, wiederkehrende Erzählungen, die in einer bestimmten Kultur als natürlich angesehen werden, tatsächlich aber naturalisiert worden sind, und deren historische, politische oder literarische Ursprünge in Vergessenheit geraten oder verschleiert worden sind.

In der weitverzweigten Reise-Mythologie drücken nur jene Reisen eine Liebe zur Rodina aus, die kreisförmig verlaufen und das Mutterland als weiblich präsentieren. Der Mythos vom „Boden“ spielt auf die Fruchtbarkeit der heimischen Erde an. Die von ihr abhängigen Menschen sind in diesem Bild „Pflanzen“, die in ihren lebensspendenden Tiefen gedeihen, aber sterben müssen, wenn sie entwurzelt werden. Der Mythos vom „Blut“ beschreibt die Rodina in Begriffen der Körperlichkeit und behauptet, daß eine körperliche Verbindung zwischen all denen bestünde, die an diese Idee glauben.
In Sadurs Roman Der Deutsche, dessen Titel bereits ein nationales Thema erwarten läßt, kommen alle drei „Mythen“ zum Einsatz. Der Roman besteht aus Fragmenten, deren Zusammenhang sich erst bei näherer Betrachtung erschließt. Die Protagonistin Alexandra tritt zunächst als Ich-Erzählerin auf, ab und an wird aber auch in der dritten Person von ihr erzählt. Weder Ort noch Zeit der Handlung sind klar bestimmt. Sie werden beiläufig geliefert und können oft nur aus dem Kontext abgeleitet werden. Die Haupthandlung bildet eine Reise Alexandras ans Schwarze Meer und dann nach Berlin. Daneben gibt es eine parallele Erzählung, die auf dem Märchen basiert, aber in der Gegenwart spielt und in einem ländlichen Milieu angesiedelt ist.
Dennoch läßt sich eine Chronologie in dem Roman erkennen: Er beginnt mit einer Beschreibung des „Frühjahrs“, in der einige verstörende Aussagen zum Thema Homosexualität gemacht werden:

Und es gibt keinen einzigen Androgynen. Und keine Homosexuellen. Auch keine anderen sexuellen Minderheiten. Wenn doch, dann nur ganz wenige. Und sie werden wieder verfolgt, verurteilt, verprügelt, ins Gefängnis geworfen. Alle sind unverkennbar verschiedenen Geschlechts. Und das macht jeden heiß.

Dann kommt der „Sommer“. Die Erzählerin, „Tante Saša“, weilt am Schwarzen Meer, wo ein schwarzäugiger Kellner und ein kleiner Junge namens Kirill um ihre Gunst werben. Im Dezember besucht sie Berlin und lernt Gottfried kennen. Dann wartet sie von Januar bis April darauf, daß er anruft oder schreibt. Ihre männlichen Freunde leisten ihr dabei Gesellschaft – wie es scheint, hauptsächlich mit Saufgelagen beschäftigt. Der Roman endet mit einer neuen Fassung des Märchens: Die Erzählerin findet sich als Bedienstete im Haus von Frau Knut (der bösen Königin) wieder, wo auch ein junger Untermieter wohnt (der schöne junge Mann). Wie im Märchen muß die Erzählerin sich drei Nächte von der Bewacherin des Mannes erkaufen, bis er endlich aufwacht und sie erkennt: „Und so lebten sie glücklich, hatten keinen Blick für Welt und Zeit, schauten einander nur in einem fort in die Augen.“ (269)
In diese Struktur ist ein Leitmotiv eingefügt, das auf den ersten Blick keine Verbindung zu den anderen Handlungssträngen des Romans zu haben scheint. Doch wie so oft in Sadurs Werk trägt das Leitmotiv eine schwere symbolische Last, die von entscheidender Bedeutung für die Gesamtinterpretation des Romans ist. Dieses Leitmotiv – ein einsamer Mönch auf seiner Wanderung an der Peripherie Rußlands – widerspricht einigen Grundannahmen, von denen die Erzählung, in die es eingestreut wird, geprägt ist – etwa der Aussage, daß es keine Androgynen gebe.
Wie wichtig dieses Leitmotiv ist, wird auch dadurch signalisiert, daß der Roman nicht in das märchenhaften Happy End mündet. Zunächst wird ein neuer Schluß angehängt – das Mädchen wird älter, und ihr Bräutigam verwandelt sich nach und nach in einen Falken zurück. Und die Geschichte fängt wieder von vorne an: „Er hatte drei Töchter. Zwei waren gewöhnlich, die dritte mongoloid.“ (269) Anstelle des üblichen Märchenschlusses, bei dem sich alles in Wohlgefallen auflöst, steht ein Romanende, das vermuten läßt, daß die Geliebte des Falken ewig weiter nach ihm suchen wird – gleichsam ein Loblied auf die unaufhörliche Suchbewegung. In deutlichem Widerspruch zum heterosexuellen Kernthema des Märchens – ein Mädchen auf der Suche nach dem Geliebten – steht in Sadurs Version, wie sich herausstellt, ein Mönch im Mittelpunkt:

Über die Erde wandert, unaufhaltsam, ewig ein kleiner Mönch. Seine Hände und Füße sind wund bis aufs Blut. Die Zähne abgenutzt bis aufs Zahnfleisch. Geduldig wandert er, wandert unaufhaltsam durch ganz Rußland. Wandert dahin, bläst auf das graue Federchen, ergötzt sich daran. (270)

Die versehrte Erscheinung des Mönchs korrespondiert mit der Rache des edlen Falken für die Verletzungen, die ihm die Schwestern des Mädchens im Märchen zugefügt haben:

Nage, nage an einem Stein. Finde ihn und nage daran, bis deine Zähne abgenutzt sind bis auf das Zahnfleisch, bis Blut fließt. Und einen Metallstab schleife hinter dir her mit deinen schwachen Händen, zieh und schleife ihn, bis er vollkommen abgerieben ist, bis auf den Knauf, an dem du ihn hältst. Und eiserne Stiefel trage. Bis sie löchrig werden. Ganz und gar löchrig. Und das alles – drei Mal! (249f.)

Dieser wandernde Mönch ist mit höchst zweideutigen Geschlechtsmerkmalen versehen: Obwohl er ein Mann ist, erfahren wir von seiner „geschlechtslosen Weiblichkeit“ (205) und dem „fraulichen Rock“ seiner langen Robe (198). Dieses unbestimmte Geschöpf bewohnt einen Raum, in dem „stets [. . .] ein früher Frühling“ herrscht (220), was im Widerspruch steht zu den vollmundigen, wenngleich etwas wunderlichen Behauptungen vom Anfang, daß es im Frühjahr keine Androgynen gebe. Auf diese Weise schreibt der Roman einen grundlegenden Mythos heterosexueller Liebe um und ersetzt das sich vor Sehnsucht verzehrende weibliche Subjekt durch die entsexualisierte Figur des Mönchs.
In gleicher Weise wird die utopisch-zirkuläre Bahn der Rodina durch die Pilgerreise ersetzt, deren Ende offen ist. Obwohl die Mythologeme „Ring“ und „Boden“ zum Einsatz kommen, wird ihnen eine Bedeutung aufgezwungen, die sich radikal von der weiblichen Sicherheit von Heim und Herd unterscheidet. Ring und Boden werden statt dessen in einem Zwischenraum positioniert, an der Schwelle zwischen dem, was zugleich Rußland und doch nicht Rußland, bereits Frühling und doch noch nicht Frühling ist:

Am Rande Rußlands. An den fernen, fernen schmalen Rändern, wo gleich nicht mehr Rußland sein wird, wo es jeden Moment hinüberfließt in andere, fremde Lande. An diesen geduldigen, schmalen Rändern herrscht stets, Rußland ganz umfangend und einschließend in einen undurchdringlichen Ring, ein früher Frühling. Gerade ist dort der letzte Schnee geschmolzen, und die schwarze, glänzende Erde ist noch nicht erwacht, doch immer wandert ein geduldiger kleiner Mönch darüber hinweg. (220)

Der Ring ist zwar eindeutig „undurchdringlich“, aber die Art der Beschreibung, wie Rußland in andere Länder „hinüberfließt“, unterstreicht gleichzeitig seine Durchlässigkeit. Statt die Identität des Heimatlands und das Anderssein des Auslands zu bestätigen, verweist der Roman auf ein Kontinuum, das verbindet und nicht trennt.
Die Figur des Mönchs ruft hier noch einen anderen nationalen Mythos, besser gesagt: einen Gegen-Mythos auf: die Auffassung, Russen seien vom Wesen her „Nomaden“. Geht die Rodina-Mythologie auf die Konsolidierungsbemühungen der Moskauer Zentralmacht zurück, so gibt der Mythos des russischen Wanderers die traumatische Geschichte einer Fluchtbewegung wieder, weg von den Ungeheuerlichkeiten dieser Macht: Leibeigenschaft, religiöse Hegemonie und Zwangsrekrutierung. Vor allem bei slawophilen russischen Denkern und Historikern des 19. Jahrhunderts galt der Wanderer als „dominierender Persönlichkeitstypus der russischen Kultur“. Sadurs Roman stellt das kulturelle Erbe der vielgestaltigen sozialen Ränder der rußländischen und sowjetischen Gesellschaft dar – religiöse Sektierer, Pilger, Banditen, entlaufene Leibeigene und Gefangene. Hier wird das Schwarz-Weiß-Schema Rodina vs. Zagranica (Ausland) aufgehoben. Das Bild des Mönchs, der sich an der grauen Feder ergötzt, knüpft an die radikalchristliche Vorstellung von der „Wanderschaft im Namen Christi“ (Stranničestvo vo imja Christa) an, eine von vielen asketischen Taten, die die orthodoxe Kirche anerkennt.
Dieses idealisierte, vormoderne Verständnis des Russischseins als einer „transzendentalen Obdachlosigkeit“ (Čaadaev) mag jenen Russinnen, die fern der Heimat leben und Opfer einer sexistischen stigmatisierenden Rhetorik werden, auf den ersten Blick wenig nützen. Gleichwohl ersetzt der Roman die Märchen-Suche nach einem Bräutigam durch die religiöse Suche nach Gott – ein eher „geschlechtsloses“ Unterfangen –, und weigert sich so, die Frage nach der nationalen Identität auf eine geschlechtsspezifische Weise zu artikulieren.
Eine weitere Anspielung auf das Kontinuum zwischen Rodina und Zagranica in dem Roman ist die mehrdeutige Behandlung des „Blut“-Themas. In einem Abschnitt des Werks, der sich mit einem Berlin-Besuch der Erzählerin beschäftigt, versucht eine Männerbekanntschaft, sie davon zu überzeugen, daß sie beide viele Gemeinsamkeiten hätten:

Er wurde wütend und zeigte auf all die Dinge, die bei ihnen beiden ähnlich waren. („Sie sehen aus wie ich.“) Die gleichen hohen Wangenknochen, die schräg stehenden Augen. Und das Blut? Das Blut?! . . . Nein, nein, irgend etwas stimmt hier nicht. Weder das Blut noch die Zeichen der Armut im Gesicht, mein lieber stummer Deutscher (der du meine Sprache nicht sprichst und deshalb stumm bist). In diesem Leben wirst du nicht mein sein, ein paar Pfade haben sich verschlungen, etwas hat dich zu mir verschlagen. (251)

Hier wird eine physische Ähnlichkeit zwischen der von Armut gezeichneten Russin und dem zunächst völlig anders erscheinenden Deutschen konstatiert. Die Frage nach dem Blut, geradezu die Essenz nationaler Zugehörigkeit, provoziert heftige Ablehnung: Als diese nahe Verwandtschaft formuliert wird, reagiert die Erzählerin, indem sie den anderen zum Schweigen bringt und zu einem „stummen Deutschen“ (nemoj nemec) macht. Dennoch: die Ablehnung ist so heftig, daß daraus zu schließen ist, daß die Ähnlichkeit größer ist als die Differenz: Aufs Blut kommt es nicht an.
In gleicher Weise werden die grundlegende Stabilität und die lebensspendenden Eigenschaften der heimatlichen Erde in Frage gestellt:

Hinter Moskau, hinter allen Städten Rußlands liegt verödete Erde. Die sterbenden kleinen Dörfer können sich nicht darauf halten. (198)

Der Boden scheint seine Bewohner abzuweisen, denen es nicht gelingt, darin „Wurzeln zu schlagen“. Vielmehr werden sie in alle Himmelsrichtungen verstreut. Zu Beginn des Romans werden die tödlichen Eigenschaften des Bodens angedeutet, als die Erzählerin eine sumpfige Wiese betritt:

Versuche vorsichtig, in deine eigenen Fußstapfen zu treten, denk dir dabei das Wort „Erde“. Was ist diese Erde doch unverläßlich. Da lebst du und lebst, und auf einmal bleibst du urplötzlich stecken. Die Erde gibt nach. (190)

Nina Sadurs Roman Der Deutsche, dessen Titel an eine Reihe nationalistischer Bilder denken läßt, mit denen die Sowjetpropaganda im Zweiten Weltkrieg die Rodina gegen „die Faschisten“ in Stellung brachte, unterläuft letztlich genau die Kernsymbole jener Rhetorik. Der Roman legt zwei widersprüchliche Handlungen an. Die erste basiert auf einem Märchen und begreift Deutschland im Sinne der volkstümlichen Überlieferung als Reich des bösen Zaubers. Dieser Plot ist ausgeschmückt mit xeno- und homophoben und chauvinistischen Phrasen:

Berlin ist die Hauptstadt der Homosexualität. Es war diese Stadt, die mit ihrem unguten, unmenschlichen Auge die Dämonin Marlene Dietrich erschuf [. . .] Wie ich die Homosexuellen hasse! [. . .] Und dann gibt es da noch die Zeitung Trud. Ich habe sie abonniert und lese darin jeden Morgen beim Frühstückskaffee [. . .] Die reizendsten Leute ziehen bei uns aus [. . .] Und wenn jemand neu einzieht, dann nur Tschetschenen. Oder ein Tatare, der Direktor in einem Gemüseladen ist. Dazu dieser undurchsichtige Jude aus Lwow. (247)

Im scharfen Kontrast zu diesem Plot steht das Leitmotiv des Mönchs, das nationalistische Mythologeme – die Reise, den Ring, Blut und Boden – dekonstruiert und betont, daß Grenzen – also auch Geschlechtsunterschiede – grundsätzlich nicht genau festlegbar sind.
Die übliche assoziative Gleichsetzung von weiblicher Mobilität und moralischer Verderbtheit wird scheinbar zunächst durch die Protagonistin durchbrochen, die sich auf ein heroisch-patriotisches Unterfangen einläßt: Eine Frau begibt sich auf eine kreisförmige Reise und macht sich zum Subjekt einer affirmativen Geschichte über die Rodina. Dann jedoch diskreditiert sich die Erzählerstimme in dieser Geschichte zunehmend durch unmotivierte Ausbrüche und abfälligen Sprachgebrauch. Und nachdem das Mönchs-Leitmotiv die Kernsymbole der Rodina ausgehöhlt hat, destabilisiert der Roman schließlich den patriotischen Diskurs des Zentrums, indem er die ungerichtete Bewegung an der Peripherie lobpreist.
Die Prostituierte und der Papagei – Marija Rybakovas Anna Grom
Marija Rybakova (geb. 1973) wurde bereits in den großen Literaturzeitschriften publiziert und hat zwei Bücher veröffentlicht. Sie entstammt einer bekannten Literaten-Familie: Ihr Großvater ist Anatolij Rybakov, Autor des Romans Deti Arbata (Die Kinder vom Arbat). Im Gegensatz zu Ulickaja und Sadur hat Rybakova längere Zeit im Ausland verbracht.
Marija Rybakovas Roman Anna Grom i ee prizrak (Anna Grom und ihr Geist) erzählt die alte Geschichte unerwiderter Liebe und greift dabei auf ein bestechendes literarisches Mittel zurück: Das Buch ist als Briefroman angelegt – Briefe einer toten Russin an ihren deutschen Geliebten. In diesen Briefen – die zwischen dem dritten und vierzigsten Tag nach dem Selbstmord der Erzählerin durch den Strick datieren – wird die Geschichte der unerwiderten Liebe zu einem Latein- und Griechisch-Studenten namens Wilamowitz rekapituliert. Das Reise-Thema ist von zen-traler Bedeutung in diesem Roman: Die Handlung setzt ein, als Anna Grom Moskau in Richtung Deutschland verläßt, und in die Geschichte ihres Lebens im Westen werden immer wieder Passagen über ihre Reise im Jenseits eingestreut.
Der Roman ist akribisch genau nach der Chronologie des Lebens nach dem Tod strukturiert, wie sie in der Offenbarung der heiligen Theodora gegenüber Grigorij, dem Schüler des heiligen Vasilij Novyj dargestellt ist, einem Text aus der hagiographischen Tradition der Russisch-Orthodoxen Kirche. Theodora breitet hier en detail die zwanzig Versuchungen aus, denen sie in den drei Tagen nach ihrem Tod ausgesetzt war. Nach den Versuchungen fuhr sie in den Himmel auf, wo sie bis zum neunten Tage blieb. Danach fuhr sie hinab zur Hölle, wo man ihr die Schrecken der Unterwelt zeigte, bis zum vierzigsten Tage, an dem sie endlich ihre letzte Ruhestätte erreichte.
In Die Reise der Anna Grom wird die erste Phase der Versuchungen ausgelassen, die Erzählung beginnt erst am dritten Tag, zu dem Zeitpunkt, als die Seele im Himmel weilt. Während der Zeit im Himmel, also in den Tagen drei bis neun, befaßt sich die Erzählung mit Annas Leben in Rußland, ihrer Reise nach Berlin und mit ihrem Leben dort, bis ihr das Geld ausgeht. Am neunten Tag, dem Tag der Höllenfahrt, beschreibt sie ihre Kämpfe auf dem Berliner Arbeitsmarkt in eindeutig infernalisch konnotierten Begriffen.

Schwarzarbeit lüftet den Schleier über dem Abgrund des Bösen. Und je weiter der Schleier gelüftet wird, desto geringer ist die damit verbundene Erniedrigung. Ganz allmählich unterdrückt das Böse jegliche Empfindung, um so vor dem Hintergrund dieser Gefühllosigkeit selbst unkenntlich zu werden und den Namen des Bösen zu verlieren. (31, dt. 38)

Der Brief vom neunten Tag schließt mit Annas Bemerkung, daß sie sich am Seminar für klassische Philologie eingeschrieben habe.

So betrat ich den gepflegten Garten der deutschen Altphilologie – ohne damit zu rechnen, daß sich dieser Garten als Labyrinth entpuppen würde. Wenn man hindurchgeht, findet man sich nicht am Ausgang wieder, sondern im dunklen Dickicht eines undurchdringlichen Waldes, der immer die gleichen Namen trägt: Latein und Griechisch. (33; dt. 40)

Auf diese Weise wird die Zeit, die sie als Studentin am Seminar verbringt – und in der sie mit ihrem geliebten Wilamowitz zusammenkommt – mit dem Wandern der Seele im Abgrund der Hölle gleichgesetzt. Da die Ereignisse in Annas Leben entsprechend der Todeschronologie Theodoras arrangiert werden, hat Annas „Reise“ eine weitere, metaphysische Dimension. Hier wird die alte russische, in der Sowjetzeit nicht verschwundene Tradition aufgerufen, den Westen mit dem Totenreich zu vergleichen. Dies geschieht zum Beispiel in dem erwähnten Film Intergirl, wo die Heldin – eine Devisenprostituierte, die einen Schweden heiratet – ihrem Leben in einer düsteren schwedischen Landschaft auf tragische Weise ein Ende setzt.
Wenn bei Rybakova Anna im Zusammenhang mit dem Seminar für klassische Philologie an ein Labyrinth denkt und Wilamowitz als „kluge[n] Schlächter“ beschreibt, „der einen Stier absticht“ (111; dt. 129), so erinnert das an den Mythos von Theseus und Ariadne. Dort geht es ebenfalls um männliches Reisen: Theseus begibt sich mit anderen Jünglingen und Jungfrauen nach Kreta, wo sie als Tribut an den König Minos dem Stier Minotaurus zum Fraß vorgeworfen werden sollen. In einer Version des Mythos erhängt sich Ariadne, nachdem sie Theseus mit Hilfe ihres berühmten Fadens gerettet hat und danach von ihrem Geliebten zurückgelassen wurde. Ihre Geschichte ist die einer abgebrochenen Reise: Eigentlich sollte sie Theseus zurück nach Athen begleiten, doch seine Täuschung setzte ihrer Bewegung abrupt ein Ende. In Rybakovas Roman darf Ariadne ihre Reise nach dem Tod fortsetzen und verwickelt den Geliebten in den Faden ihrer Erzählung.
Schon in einem frühen Stadium der Erzählung wird jene Frage beantwortet, die für den Leser offenbar von zentraler Bedeutung sein soll:

Du hast mich nie gefragt, wieso ich nach Deutschland gekommen bin. Vermutlich hast Du den banalsten aller Gründe befürchtet und gedacht, ich könnte wegen des besseren Lebens, also des Geldes wegen gekommen sein. Und genau so war es ja auch, wozu sollte ich das verheimlichen? (10; dt. 13).

Die Erzählerin reagiert hier auf den westlichen nationalistischen Diskurs von der „Einwanderung in die Sozialsysteme“. Obschon die Erzählerin von einer Reihe Liebschaften unterschiedlicher Dauer mit wechselnden deutschen Liebhabern berichtet, führt sie doch ein Leben, das sich sehr von dem der archetypischen Devisenprostituierten unterscheidet, die ganz bewußt – im Tausch für ein sicheres und sorgenfreies Leben in der Fremde – sexuelle Dienste anbietet. Anna Grom arbeitet nachts in einer Postfiliale und besucht tagsüber an der Universität Griechischkurse. Gleichwohl sieht sie sich fortlaufend damit konfrontiert, daß sie in Schubladen gesteckt werden soll, auf denen alles Mögliche von Madonna bis Hure steht:

Woher sollte dieses Mädchen aus dem Ostblock, das kaum zwei Worte Deutsch konnte, gerade mal zwanzig Jahre alt, mit so einem komischen Kleid, mit einer Frisur, wie sie heute niemand mehr trug, woher sollte die wohl Leibniz kennen? Mädchen, die Leibniz kennen, sprechen Deutsch. Mädchen, die Leibniz kennen, steigen nicht zu jedem Erstbesten ins Auto. (15; dt. 19f.)

Mit solchen Betrachtungen beabsichtigt die Erzählerin nicht, den sexistischen Diskurs über die Migrantin als Prostituierte in Bausch und Bogen zurückzuweisen. Vielmehr zeichnet sie ein anderes Bild von der Prostituierten. Das Motiv der Prostituierten taucht unerwartet auf, im Anschluß an einen langen Vortrag über das regnerische Hamburg: „Abends leuchtete die berühmte Reeperbahn, auf der es immer noch Prostituierte gab.“ (91; dt. 106) Daran schließt sich die Wiedergabe einer Anekdote über Wilamowitz’ Onkel an, in der ein Papagei eine Rolle spielt. Um die Fähigkeit von Papageien zu erklären, sich jede beliebige Sprache anzueignen, nimmt die Erzählerin die Prostituierte als Metapher: „Der Papagei ging erstaunlich gleichmütig von einer Hand in die andere, wie eine Prostituierte von der Reeperbahn.“ (91f.; dt. 108)
Dieser spezielle Papagei weigert sich freilich, die Erwartungen seines Halters zu erfüllen. Statt vorgegebene Sätze zu wiederholen, gibt er peinliche Sprüche aus Vergangenheit und Zukunft des Besitzers zum besten. Der Papagei verlangt mehr als die zerstreute Aufmerksamkeit seines Herrn, und es gelingt ihm nach und nach, zu dessen einziger Obsession zu werden. Als die Nachrichten aus der Zukunft immer unangenehmer werden, verkauft der Onkel den Papagei schließlich.
Man kann diese vordergründig zusammenhangslose Anekdote als eine Art Rahmenhandlung betrachten; eine emblematische Geschichte, die für die Interpretation des gesamten Romans von Bedeutung ist. Das metaphorische Band zwischen der Prostituierten und dem Papagei verweist auf Anna: Da sie eine mittellose Immigrantin aus dem Osten ist, gilt sie im Handumdrehen als (potentielle) Prostituierte. Ihre Erfahrung in Sachen Spracherwerb, der, wie sie betont, in Windeseile vonstatten ging, verbindet sie mit dem Papagei. Doch genauso wie der Papagei reagiert auch sie in kreativer Weise auf ihren „Halter“ – Wilamowitz –, der über ihre Gefühle verfügt. In ihren Briefen konfrontiert Anna Wilamowitz mit den oft trostlosen Einzelheiten ihres Lebens in seinem Schatten, was weitgehend dieselbe Wirkung auf ihn ausgeübt haben dürfte wie die unangenehmen Stimmen aus der Vergangenheit auf seinen Onkel.
Die Assoziationskette Prostituierte-Papagei-Anna führt zu einer Umkehrung der Hierarchien in den Machtverhältnissen zwischen Migrantin und Einheimischem sowie zwischen Mann und Frau, die Anna fortlaufend kommentiert. Sie definiert sich selbst als Prostituierte/Papagei, als marginale, verdinglichte Existenz, die nur insofern toleriert wird, als sie die narzißtischen Bedürfnisse des männlichen Subjekts bedient. Durch die posthume Erzählung gelingt es ihr freilich, das semantische Feld um diese Metapher zu verändern. Indem sie völlig mechanisch und losgelöst von jedem Kontext die Aktivitäten des männlichen Subjekts – seien sie sexueller oder verbaler Natur – widerspiegelt, ist diese Prostituierte/dieser Papagei plötzlich in der Lage, ihre eigene sexuelle/textuelle Aktivität zu steuern und dadurch Aufmerksamkeit für sich selbst als eine eigenständige Person einzufordern.
Die Reise der Anna Grom ist ein vielschichtiger Roman, ein Kommentar zum Austausch zwischen deutscher und russischer Hochkultur, der sich zahlreicher Rätsel und Wortspiele bedient. Die Erzählung einer reisenden Frau wird umrahmt von intertextuellen Verweisen auf Reisen, die nicht verwirklicht wurden – Theodoras körperlose Reise, Ariadnes unterbrochene Reise. Die Erzählerin hat sich auf eine Reise begeben, die mit ihrem Selbstmord endet – ein Plot, der sich wenig von den altbekannten Tragödien über deplazierte Frauen unterscheidet. Doch indem sie ihre Geschichte mit diesem Selbstmord beginnen und nicht enden läßt, gelingt es ihr, das gängige Bild der Reise-Literatur von der fremdbestimmten Frau zu überwinden.
Resümee
Die Texte über mobile Frauen aus weiblicher Feder nehmen zwar auf den Diskurs über die nationale Zugehörigkeit und das Verhältnis der Geschlechter Bezug, leisten jedoch auf subtile Weise Widerstand. Zwar wiederholen sie viele der üblichen Merkmale von Geschichten über mobile Frauen: Bei Marija Rybakova stirbt die Heldin, bei Ljudmila Ulickaja stehen hinter der Reise der Protagonistin in den Westen materielle Motive, und bei Nina Sadur gilt die Ehe mit Ausländern als falscher Weg, vorzuziehen sei eine religiöse Suche in der Heimat. Alle drei Autorinnen bleiben jedoch zutiefst mißtrauisch gegenüber dem nationalistischen Bild von der Prostituierten, einem Stigma, das über jeder Frau schwebt, die aus ihrer Heimat zu einer Reise mit offenem Ende aufbricht. Ljudmila Ulickajas Geschichte Cju-jurich’ versieht die Alternative zur Prostitution – äußerliche Unbescholtenheit – mit antisemitischen Beiklängen und hinterfragt so die gängige Moral. Nina Sadurs Roman Nemec konzentriert sich auf Kernsymbole nationaler Zugehörigkeit und unterläuft den nationalistischen Diskurs, der für die Stigmatisierung deplazierter Frauen verantwortlich ist. Rybakova versieht in Reise der Anna Grom die tragische Geschichte einer Frauenreise mit einer unerwarteten posthumen Fortsetzung, in der die Geschichte aus einem ganz anderen Blickwinkel erzählt wird.

Aus dem Englischen von Axel Henrici, Dresden

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