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Heft 9/2006
Schwerpunkt: Die Gemeinschaft undemokratischer Staaten


160 Seiten, 2 Farbkarten
Osteuropa 9/2006
Preis: 9,50 €

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Dmitrij Furman | 3 | Volltext

Ursprünge und Elemente imitierter Demokratien
Zur politischen Entwicklung im postsowjetischen Raum
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Das politische System in Rußland ist nicht einzigartig. Auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion haben sich diverse Regime etabliert, in denen hinter einer demokratischen Fassade die Macht in den Händen des jeweiligen Präsidenten konzentriert ist. Ein Vergleich der ostslawischen Staaten mit denen in Mittelasien und im Kaukasus ergibt nicht nur, daß diese imitierten Demokratien denselben Ursprung haben, sondern daß sich diese Ein-Mann-Regime auch derselben Elemente und Praktiken politischer Herrschaft bedienen. Der vermeintlichen Macht und Stabilität zum Trotz sind sie in ihrem Kontrollanspruch, ihrer Legitimationsschöpfung und ihrer sozioökonomischen Leistungsfähigkeit dysfunktional und tragen den Keim des eigenen Untergangs in sich. Schließen

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Heft 9/2006
Schwerpunkt: Die Gemeinschaft undemokratischer Staaten
Seite 3 - 24


Dimitrij Furman

Ursprünge und Elemente imitierter Demokratien
Zur politischen Entwicklung im postsowjetischen Raum

Alle· ehemals kommunistischen Staaten hatten beim Zerfall des „sozialistischen Lagers“ und der UdSSR gleichlautende Ziele verkündet: Demokratie und Marktwirtschaft. In der Praxis aber ist ihre Entwicklung sehr uneinheitlich verlaufen. Die grundlegenden Unterschiede zwischen Rußland und den ostmitteleuropäischen Staaten einschließlich des Baltikums liegen auf der Hand. In den Ländern Ostmitteleuropas entstanden demokratische Rechtsstaaten westeuropäischen bzw. nordamerikanischen Typs. Verschiedene politische Kräfte unterwerfen sich einheitlichen Spielregeln und lösen einander regelmäßig an der Macht ab. In Rußland hingegen regieren „alternativlose“ Präsidenten, die rechtliche und demokratische Institutionen lediglich zur Tarnung nutzen und die Macht an designierte Nachfolger übergeben. Wer jedoch Rußland nur mit diesen Ländern vergleicht, gerät leicht in Versuchung, die Eigenart der postsowjetischen Entwicklung und des politischen Systems dieses Landes zu überschätzen.
Dieses System ist nämlich durchaus nicht einzigartig. Systeme desselben Typs bestehen in vielen asiatischen und afrikanischen Ländern. Auch für die postkommunistische Welt ist Rußlands politische Entwicklung nicht einmalig, ja noch nicht einmal außergewöhnlich. Ähnliche Systeme lassen sich in allen Staaten der GUS beobachten, mit Ausnahme von Moldova und der drei Länder (Georgien, der Ukraine und Kyrgyzstan), in denen sie ihren Lebenszyklus bereits hinter sich haben.
Die politischen Entwicklungspfade der GUS-Staaten und die daraus resultierenden politischen Systeme miteinander zu vergleichen, ist eine Aufgabe von kolossaler Komplexität. Der vorliegende Artikel versucht nicht mehr als eine erste, skizzenhafte Annäherung an einen solchen Vergleich. Folgendes will ich darin aufzeigen:

· die Rußland und den anderen GUS-Staaten gemeinsamen Voraussetzungen für die Entstehung von Systemen des genannten Typs,
· die allgemeine Logik, die deren Entwicklung und
· deren Ver- und Zerfall zugrundeliegt,
· die Perspektiven, die sich beim Fall solcher Regime auftun,
· die Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen Prozessen innerhalb der GUS sowie Möglichkeiten äußerer Einwirkung.
Voraussetzungen für das Entstehen „imitierter Demokratien“
Trotz der enormen Diversität politischer Systeme in der modernen Welt gibt es offensichtlich zwei dominante, am weitesten verbreitete Typen: zum einen die in den höchstentwickelten Ländern fest verankerten und auch in vielen weniger entwickelten, früher der „Dritten Welt“ zugerechneten Staaten existierenden wirklichen Demokratien; zum anderen Systeme, die man in Ermangelung eines allgemein anerkannten Begriffes als „gelenkte“ oder „imitierte“ Demokratien bezeichnen kann, also solche, in denen hinter einer rechtsstaatlichen und demokratischen Fassade die Macht in den Händen des Präsidenten konzentriert ist. Solche Systeme bestehen in Rußland und den meisten übrigen GUS-Staaten, aber auch in vielen anderen Ländern.
„Imitierte Demokratien“ unterscheiden sich von undemokratischen Systemen anderer Typen: nichtkonstitutionellen Monarchien, die sich auf Tradition stützen; unverhohlenen Diktaturen, welche die Armee als Machtbasis verwenden und auf eine demokratische Fassade verzichten können; sowie totalitären Systemen, in denen die Scheindemokratie auf ein Minimum begrenzt ist, da ihnen ihre eigene Ideologie als Alternative zur Demokratie dient. Allerdings kamen auch die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts, die kommunistischen und in geringerem Maße auch die faschistischen, nicht ganz ohne eine demokratische Fassade aus. Es gab Wahlen, wenn auch alternativlose, es gab Verfassungen, wenn diese auch grundsätzlich außerrechtliche Bestimmungen enthielten (etwa die über die KPdSU als „führende und richtungweisende Kraft“), es gab Parlamente, wenn sie auch alle Entscheidungen einstimmig absegneten. Die kommunistischen Regime bezeichneten sich als „sozialistische“ bzw. „Volksdemokratien“. Diese systematische Heuchelei der totalitären Regime zeugt davon, daß die totalitären Ideologien selbst in ihrer Blütezeit keine vollkommene Alternative zur demokratischen Legitimation bieten konnten. Heute sind die meisten undemokratischen politischen Regime „imitierte Demokratien“. Dies legt die Vermutung nahe, daß in der heutigen Welt besondere Voraussetzungen für die weite Verbreitung dieses Typs vorliegen.
Mit der zweifelhaften Ausnahme des islamischen Fundamentalismus gibt es heute keine ernstzunehmenden ideologischen Alternativen zur demokratischen Gesellschaftsordnung mehr. Die Demokratie ist die einzige verbleibende Legitimationsform politischer Macht. Traditionalistische, undemokratische Regime wie in Saudi-Arabien sind Relikte, die durch günstige Umstände am Leben erhalten werden, aber kein attraktives Modell für andere Länder abgeben. Auch die totalitären kommunistischen Systeme in Nordkorea und Kuba sind Überbleibsel aus dem 20. Jahrhundert, dem Zeitalter der totalitären Ideologien. Militärdiktaturen sind schon ihrem Wesen nach temporäre Ausnahmezustände. Mit der Zeit verwandeln sie sich entweder in reale oder – wenn der Diktator gelenkte Wahlen oder Volksabstimmungen organisiert – in Scheindemokratien.
Doch das Fehlen von Ideologien, die ein undemokratisches Regime legitimieren könnten, und die allgemeine Verbreitung einiger demokratischer Ideen und Grundsätze bedeuten nicht, daß alle Gesellschaften demokratiefähig sind. Eine funktionierende Demokratie erfordert entweder bestimmte kulturelle Voraussetzungen oder ein relativ hohes gesellschaftliches und kulturelles Entwicklungsniveau.
Wer eine Norm akzeptiert, sie aber nicht befolgen kann, beginnt, sich selbst und andere zu betrügen und ihre Befolgung zu imitieren. Wo sowohl eine ideologische Alternative zur Demokratie als auch die kulturellen und psychologischen Bedingungen für eine funktionierende reale Demokratie fehlen, können politische Systeme entstehen, wie sie auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion verbreitet sind: undemokratische Regime, die Demokratie nachahmen. Genau diese Voraussetzungen lagen in den Ländern der GUS zu Beginn ihrer postsowjetischen Entwicklung vor.
Universeller demokratischer Diskurs
Zur Zeit des Übergangs vom Kommunismus zum Postkommunismus gab es in den Republiken der ehemaligen Sowjetunion so gut wie keine Alternative zur Idee der Demokratie.
Bestimmte demokratische Ideen und Grundsätze hatten sich dank der kommunistischen Ideologie eingebürgert. Die Vorstellung, die Macht müsse vom Volk ausgehen, gewählt sein und „dem Volk dienen“, waren für die Menschen in der UdSSR ebenso selbstverständlich wie die Notwendigkeit von Wahlen und einer Verfassung. Eine natürliche Form des Protests gegen die Sowjetmacht war die Anprangerung des Demokratiemangels, der Hinweis auf die Diskrepanz zwischen den verkündeten Grundsätzen und der Wirklichkeit. Deshalb wurde nach dem Fall des Sowjetregimes überall der Versuch unternommen, zu einer echten Demokratie überzugehen, indem die formellen Institutionen der sowjetischen Demokratie mit realer Substanz gefüllt werden sollten.
Auch später entstanden keine ideologischen Alternativen zur Demokratie: In allen GUS-Ländern bewegt sich die Auseinandersetzung zwischen den Präsidenten und der Opposition im Rahmen eines demokratischen Diskurses. Faktisch wird nur eine ideologische Begründung der autoritären Regime in der GUS vorgebracht: Gejdar Aliev, Askar Akaev, Nursultan Nazarbaev, Saparmurad Nijazov und – in abgeschwächter Form – Vladimir Putin sprechen ständig davon, „unsere Länder“ seien für eine vollwertige Demokratie noch nicht reif und befänden sich noch auf dem Weg dorthin, daher solle man sie nicht mit westlichen Maßstäben messen und drängen, sonst drohe die gesamte Entwicklung zu scheitern. In keinem Land der GUS würde der Herrscher auch nur auf die Idee kommen, ganz auf demokratische Legitimation zu verzichten. Zwar können Wahlen auf ein Ritual reduziert werden, aber ohne dieses Ritual kommt kein Regime aus. Zwar können Verfassungen als Feigenblatt dienen, aber ohne ein solches Feigenblatt traut man sich nicht unters Volk.
Doch trotz dieses universellen demokratischen Diskurses gab es in den zwölf Ländern der GUS in den 15 Jahren seit dem Ende der Sowjetunion nur fünf Fälle einer friedlichen, verfassungsgemäßen Machtübergabe an die Opposition. Drei davon entfallen auf Moldova, dessen Entwicklung sich grundlegend von jener der anderen Länder unterscheidet. In den zwei anderen Fällen machten sich die neuen Präsidenten sofort daran, ein eigenes „alternativloses“ Regime zu errichten: Aljaksandar Lukašėnka als Nachfolger von Vjačeslav Kebič in Belarus und Leonid Kučma als Nachfolger von Leonid Kravčuk in der Ukraine. Die durchgehende Berufung auf demokratische Werte geht Hand in Hand mit einer durchgehend undemokratischen Entwicklung. Demokratische Grundsätze sind zwar akzeptiert, werden aber nicht befolgt. Woran liegt das?
Präzedenzlosigkeit
Dieser Sachverhalt kann nicht mit dem „schweren sowjetischen Erbe“ erklärt werden. In den ostmitteleuropäischen und baltischen Ländern sind trotz der kommunistischen Vergangenheit demokratische Gemeinwesen entstanden. Die Gesellschaften in den kommunistischen Ländern entwickelten sich in dieselbe Richtung wie der Rest der Welt, wenn auch langsamer und auf eigentümliche Weise. Deshalb waren beim Fall dieses Systems alle ehemals kommunistischen Länder im großen und ganzen demokratiebereiter als zum Zeitpunkt seiner Entstehung.
Die mangelnde Demokratiebereitschaft der vom Kommunismus befreiten Länder der GUS hat weniger mit dem Erbe dieses Systems zu tun als mit tieferen kulturellen und historischen Gründen. Ohne auf die grundlegendsten kulturellen Faktoren einzugehen, die der Demokratisierung der GUS-Länder im Wege stehen, möchte ich hier einige auf der Hand liegende Umstände aufzählen.
Zunächst einmal konnte keines dieser Länder, anders als die ostmitteleuropäischen Staaten, beim Aufbau eines postsowjetischen demokratischen Systems auf historische Demokratieerfahrungen zurückgreifen. Die Demokratisierungsbemühungen nach 1917 waren so kurzlebig und erfolglos gewesen, daß die postsowjetische Erfahrung praktisch als der erste Versuch gelten kann.
Hingegen haben einige Länder, vor allem Rußland und Uzbekistan, eine starke autoritäre Tradition, die im Bewußtsein ihrer jeweiligen Bevölkerung verankert ist. Im historischen Rückblick läßt sich Rußlands Größe nicht von Persönlichkeiten wie Ivan dem Schrecklichen, Peter dem Großen und Stalin trennen. Der usbekische Nationalstolz kristallisiert sich um die Gestalt Tamerlans.
Keines der GUS-Länder kann ein klares Demokratiemodell aus seiner Geschichte schöpfen; aber auch unter kulturell verwandten Ländern finden sich keine Vorbilder. Selbstverständlich übte und übt das Vorbild der europäischen und amerikanischen Demokratien einen kolossalen Einfluß aus. Doch sind diese Staaten kulturell sehr weit von den GUS-Ländern entfernt und haben daher nicht dieselbe Vorbildfunktion wie sie Finnland und Schweden für Estland und Lettland hatten. Für die turksprachigen islamischen Länder der GUS kann zwar das Beispiel Türkei eine bestimmte Rolle spielen, doch ist die Türkei nicht gerade eine vorbildlich stabile und entwickelte Demokratie. Überdies konkurriert das türkische Modell mit denjenigen der anderen islamischen Länder. In kultureller Hinsicht sind die GUS-Staaten immer noch weitgehend von Rußland abhängig, das wahrlich nicht als Beispiel für eine geglückte Demokratisierung dienen kann.
Es ist vollkommen natürlich, daß die Präzedenzlosigkeit der Demokratie, der Mangel an Demokratieerfahrung und das Fehlen klarer Vorbilder eine Demokratisierung erschweren. Noch komplizierter aber wird dieser Prozeß dadurch, daß er zeitlich mit zwei anderen, ebenfalls sehr schwierigen Übergängen zusammenfällt.
Dies ist zum einen der Übergang von einem sozialistischen Wirtschaftssystem zur Marktwirtschaft. Der mehr als zwei Generationen währende Sozialismus hatte die Menschen von marktwirtschaftlichen Institutionen und Privateigentum entwöhnt. Daher war die Einführung des Marktes in den GUS-Staaten eine fast ebenso unerhörte Aufgabe wie die Demokratisierung.
Zum zweiten ist es der Übergang vom sowjetischen Imperium zu modernen Nationalstaaten: für die Bevölkerung der GUS-Staaten, anders als für die Ostmitteleuropas, ebenfalls ein Novum (auch hier wieder mit Ausnahme einiger erfolgloser Versuche während des rußländischen Bürgerkriegs).
Zählt man den raschen und unerwarteten Zerfall der UdSSR hinzu, wird klar, daß die Völker der GUS 1991 Menschen ähnelten, die plötzlich ins Wasser geworfen werden, obwohl sie nicht schwimmen können und Schwimmende zuvor nur von fern beobachten konnten. Selbst wenn sie verstehen, daß sie schwimmen müssen, und sich redliche Mühe geben, können solche Menschen leicht in Panik und Verzweiflung geraten.
Die politischen Regime in den GUS-Staaten
Beim Fall der UdSSR erklärten alle GUS-Staaten, demokratische Rechtsstaaten errichten zu wollen. Auf dem gesamten Gebiet der GUS entstand ein Chaos, das in abgeschwächter Form dem Zustand des Russischen Reiches nach dem Ende der Zarenherrschaft glich. Die schreckliche wirtschaftliche Lage, die in den GUS-Ländern zu Beginn der 1990er Jahre entstand, braucht wohl ebensowenig erwähnt zu werden wie die Kriege, Aufstände und Coups, die zu dieser Zeit das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion erschütterten. In einigen Ländern lösten sich die staatlichen Strukturen so vollständig auf, daß Kriminelle an die Macht kamen: Sangak Safarov in Tadžikistan, Tengiz Kitovani und Džaba Ioseliani in Georgien sowie Suret Gusejnov in Azerbajdžan.
Angesichts dieser Lage war das Verlangen der Bevölkerung nach „Ordnung“ vollkommen natürlich. Die Einstellung der gesamten GUS-Bevölkerung läßt sich an den Ergebnissen einer Umfrage in Kazachstan aus dem Jahr 1998 ablesen. Gefragt wurde, welches System die Probleme der kasachstanischen Gesellschaft zu lösen vermag. 4,4 Prozent der Befragten nannten als Antwort den Kommunismus, 7,3 Prozent den Sozialismus, 5,9 Prozent den Kapitalismus, 2,8 Prozent die „Demokratie westlichen Typs“ und 2,3 Prozent den Islam. 56,9 Prozent antworteten: „Egal, Hauptsache, es herrscht Ordnung.“
Die Menschen verspüren eine Nostalgie nach den ruhigen Zeiten vor der Revolution, die allerdings nicht in bewußte Versuche einer Wiederherstellung des sowjetischen Systems mündet – denn die kommunistische Ideologie ist tot – und auch nicht zur Verbreitung anderer antidemokratischer Ideologien führt, die in der modernen Kultur schlicht nicht mehr vorhanden sind.
Ein gewisses Maß an Chaos ist bei jedem politischen und gesellschaftlichen Systemwechsel natürlich. Ebenso natürlich ist das Aufkommen einer nostalgischen Verklärung der verschwundenen Ordnung. Eine solche Überbewertung der Vergangenheit entsteht in allen Ländern, die antikommunistische Revolutionen hinter sich haben. Doch je nach Intensität dieser Nostalgie (und der sie hervorrufenden Schwierigkeiten) stellen sich grundsätzlich verschiedene Folgen ein.
In Ländern, die besser als die Staaten der GUS auf eine demokratische Entwicklung vorbereitet waren, führt dies zu einer Wahlniederlage der radikalen Kräfte, die in den Jahren der Revolution an der Macht waren, und zum Machtantritt gemäßigter, mit der alten Elite verbundener Figuren, die der kommunistischen Ideologie abgeschworen haben. Die markantesten Beispiele sind der Wahlsieg von Algirdas Brazauskas über die Sąjūdis-Bewegung in Litauen und die Abwahl von Lech Wałęsa zugunsten von Aleksander Kwaśniewski in Polen. Dieser erste demokratische Machtwechsel verwandelt die Herrschaft siegreicher Demokraten definitiv in eine Herrschaft der Demokratie und des Rechts und führt zur Herausbildung eines Systems, in dem turnusmäßige Regierungswechsel die Norm sind.
Liegen dieselben Faktoren in einem etwas anderen Verhältnis vor – ein wenig mehr revolutionsbedingte Anarchie, ein etwas stärkerer Ruf nach einem Ende dieser Anarchie und eine etwas geringere Demokratiebereitschaft –, so zeitigt dies ganz andere Folgen. Statt regelmäßiger Regierungswechsel und einer Stärkung der Demokratie durch den Wahlsieg von Erben der „vorrevolutionären“ Vergangenheit erfolgt die Festigung des bestehenden Regimes. Ein Machtwechsel wird dadurch ausgeschlossen, das Regime selbst nimmt „vorrevolutionäre“ autoritäre Züge an: Es entstehen „imitierte Demokratien“. Grundlage dieser Systeme sind die Manipulation der öffentlichen Meinung und die Fälschung der Willenserklärungen des Volkes. Doch ohne eine entsprechende Nachfrage aus der Gesellschaft, ohne ihre Zustimmung zu Manipulation und Fälschung könnten solche Systeme nicht entstehen.
Selbstverständlich hätte die ungewisse Krisensituation Anfang der 1990er Jahre in verschiedenen GUS-Staaten zu verschiedenen Ergebnissen führen können; die schließlich entstandenen „imitierte Demokratien“ waren nicht der einzig mögliche Ausgang. Doch die Chancen der GUS-Länder, zu wirklichen Demokratien zu werden, waren damals wohl minimal. Am besten standen sie wahrscheinlich in der Ukraine und Belarus, wo immerhin friedliche Machtwechsel stattfanden. Daß dort keine demokratischen Rechtsstaaten entstanden, hing ganz entscheidend mit den Persönlichkeiten Kučmas und Lukašenkas zusammen. „Imitierte Demokratien“ waren das wahrscheinlichste und natürlichste Resultat dieser Konstellation. Der Charakter der Machthaber, ihr Werdegang (Boris El’cins Antikommunismus und Lukašenkas Kommunis-mus-Nostalgie, Ter-Petrosjans Intellektualität und Rachmonovs „Schlichtheit“) und die Schattierungen ihrer Ideologien gaben den jeweiligen Regimen eine bestimmte Färbung, hatten jedoch kaum Einfluß auf deren Wesen und Entwicklungslogik.
Von der Entwicklungslogik zur Handlungslogik
Das Bedürfnis der Bevölkerung, die Revolutionswirren zu überwinden, begünstigt die Entstehung „imitierter Demokratien“. Ein weiterer Faktor ist jedoch die Handlungslogik, von der sich die Präsidenten leiten lassen. Ein Ein-Mann-Regime, das Demokratie nur imitiert, kann nicht auf rechtlichem Wege eingeführt werden. Es wird mit ungesetzlichen Mitteln durchgesetzt. Je weiter aber ein Präsident sein Regime auf diese Art ausbaut, desto sicherer drohen ihm nach dem Verlust der Macht rechtliche Konsequenzen.
In Rußland hatte El’cin ohne ein entsprechendes Mandat des Volkes (oder sogar trotz eines genau gegensätzlichen Mandats) mit der Unterzeichnung des Belovežer Abkommens den Zerfall der UdSSR besiegelt. Allein dadurch erschwerte er sich die Abgabe der Macht bereits ungemein. Denn jetzt konnte es sich die Opposition nicht nehmen lassen, ihn für die „Zerstörung eines großen Staates“ verantwortlich zu machen; wäre sie an die Macht gekommen, wäre ihm ein Gerichtsprozeß wohl kaum erspart geblieben, wobei die Anklagepunkte von Kompetenzüberschreitung bis hin zu Hochverrat gereicht hätten. Wäre El’cins persönliche Sicherheit bei einem Abtritt im Jahr 1992 oder Anfang 1993 vielleicht noch gewährleistet gewesen, so war dies nach der blutigen Auflösung des Parlaments im Oktober 1993 schlicht nicht mehr möglich.
Dieselbe Logik scheint auch in den Handlungen und Motiven anderer Staatsoberhäupter durch. Der Maßnahmenkatalog eines Präsidenten, der sich zur Errichtung eines „alternativlosen“ Regimes entschlossen hat, beinhaltet die Abschaffung der gültigen Verfassung und die Einführung verfassungswidriger Gesetzgebung, Manipulationen von Wahlergebnissen und Volksentscheiden, Druck auf die Gerichte, an den Haaren herbeigezogene Strafprozesse gegen politische Gegner usw., bis hin zum „mysteriösen“ Verschwinden Oppositioneller und deren Ermordung.
Neben Verbrechen, die unmittelbar der Festigung des Regimes dienen, wurden auch im Zuge der Privatisierungen zahlreiche Straftaten begangen. Da die Behörden gänzlich unbeaufsichtigt agierten, arteten diese Vorgänge unvermeidlich in eine Plünderung des Staatseigentums aus, an dem auch die Präsidenten persönlich und ihr jeweiliges Umfeld beteiligt waren. Deshalb gilt: Je weiter das Ein-Mann-Regime gefestigt und ausgebaut wird, desto schwieriger wird es für den Präsidenten, vom einmal gewählten Weg wieder abzuweichen, und desto wahrscheinlicher wird es, daß ihn und seine Getreuen nach seinem Abgang Prozesse, Haft und Ruin erwarten – es sei denn, er übergibt die Macht an einen vorsorglich ausgewählten Nachfolger und sichert sich Immunität vor rechtlichen Verfolgungen. Es ist sehr leicht, diesen Weg zu beschreiten, aber fast unmöglich, ihn wieder zu verlassen.
Die Ein-Mann-Regime durchliefen in den verschiedenen GUS-Ländern ähnliche Phasen und entwickelten sich in ähnlichen Formen. Betrachten wir einige dieser Phasen näher.
Konflikte mit den Parlamenten und Auflösung unkontrollierbarer Parlamente
El’cins blutiger Konflikt mit dem Parlament im Jahr 1993 war der wichtigste Meilenstein in der Entwicklung eines autoritären Regimes in Rußland. Es war aber nicht die einzige Auseinandersetzung dieser Art in der GUS. In der ersten Hälfte der 1990er spielten sich in allen Ländern der GUS Konflikte zwischen den Präsidenten und den Parlamenten ab – mit Ausnahme Turkmenistans, wo das Parlament von Anfang an vollkommen dem Präsidenten unterstellt war.
Der Grund für diese Konflikte war, daß die ersten Parlamente noch zu Michail Gorbačevs Zeiten gewählt worden waren, als die Behörden nur minimalen Einfluß auf die Wahlen ausübten und die Gesellschaft von einer Welle der Demokratie ergriffen war. Die Parlamente waren noch nicht „lenkbar“, die Abgeordneten hatten eine hehre Vorstellung von ihrer Mission, und die Parlamentspräsidenten waren von der hohen Bedeutung ihrer Funktion überzeugt.
Die Parlamente waren das größte Hindernis auf dem Weg zur Festigung der Präsidialmacht und zur Errichtung eines autoritären Systems. Die Auseinandersetzungen zwischen den Präsidenten und den Parlamenten wurden dadurch verschärft, daß in den GUS-Staaten noch die alten sowjetischen Verfassungen – mit zahlreichen Korrekturen – Gültigkeit hatten und die Aufteilung der Kompetenzen zwischen den Gewalten völlig unklar war. In dieser Situation eskalierte der Konflikt zwischen Präsidenten und Parlamenten in Anarchie. Die Abgeordneten standen den Wählern näher als die Präsidenten und deren Entourage. Daher konzentrierte sich in den Parla-menten allerorts die Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den marktwirtschaftlichen Reformen. Allerdings war das Verlangen nach Ordnung stärker als der Protest gegen die Reformen, weshalb die Bevölkerung in den Konflikten zwischen Präsidenten und Parlamenten eher die Präsidenten unterstützte: Diese standen für Ordnung, wogegen die Parlamente das Chaos der Demokratie symbolisierten.
Nur in Rußland spielte sich ein solcher Konflikt in blutiger Form ab. In Kazachstan löste der Präsident das Parlament ohne Gewaltanwendung auf, dafür gleich zweimal in Folge (1993 und 1994). Auch in Kyrgyzstan (1995) und Belarus (1996) wurde das Parlament aufgelöst. Moldova, mit seiner generell sehr eigenwilligen politischen Entwicklung, ist das einzige Land, in dem der Konflikt zwischen den Präsidenten (zuerst Mircea Snegur, dann Petru Lucinschi) und dem Parlament in einer Niederlage der Präsidialmacht und der Errichtung einer parlamentarischen Republik mündete.
Beseitigung alter Weggefährten
Ein Teilaspekt von Boris El’cins Auseinandersetzung mit dem Parlament war sein persönlicher Konflikt mit dessen Vorsitzendem Ruslan Chasbulatov und dem Vizepräsidenten des Landes, Aleksandr Ruckoj, der sich auf die Seite des Parlaments geschlagen hatte. Auch dazu gab es in anderen Ländern Parallelen: In Kazachstan kollidierte Nursultan Nazarbaev mit dem Parlamentspräsidenten Serikbolsyn Abdil’din und setzte den Vizepräsidenten des Landes, Ėrik Asanbaev, ab. In Kyrgyzstan und Uzbekistan prallten die Präsidenten Askar Akaev und Islam Karimov mit ihren jeweiligen Vizepräsidenten, Feliks Kulov und Šukurullo Mirsaidov, zusammen. In Azerbajdžan gab es einen Konflikt zwischen Gejdar Aliev und dem Vorsitzenden des Parlaments, Rasim Kuliev. Und in Belarus überwarf sich Aljaksandar Lukašenka mit vielen seiner einstigen Unterstützer.
Alle diese Konflikte laufen nach ein und demselben psychologischen Muster ab. Dieses ist typisch für die Entstehungsphase autoritärer Regime. Zunächst ist der Präsident von Menschen umgeben, die mit ihm zusammen um die Macht gekämpft haben und ihn als Ersten unter Gleichen statt als Chef ansehen. Unvermeidlich verdrängt das entstehende autoritäre System diese Figuren, da sie sich schwer tun, sich von Mitstreitern zu Gefolgsleuten zu wandeln. (Bei allen offensichtlichen Unterschieden laufen diese Konflikte nach dem gleichen Muster ab wie der zwischen Hitler und Röhm sowie die zwischen Stalin und später Chruščev und den anderen Mitgliedern des Politbüros.)
Verabschiedung neuer Verfassungen
Der Sieg über das Parlament ermöglicht es dem Präsidenten, eine neue Verfassung durchzusetzen, die ihm weitestgehende Befugnisse einräumt und die Kompetenzen der anderen Gewalten einschränkt. Dank dieser Verfassungen können die Ein-Mann-Regime funktionieren, ohne ständig gegen verfassungsrechtliche Bestimmungen zu verstoßen. Sie erhalten dadurch quasirechtliche Formen. Die Präsidenten bemühen sich sogar, sich vor bloß denkbaren Gefahren zu schützen: So ist in den Verfassungen von Turkmenistan und Uzbekistan zum Beispiel gar kein Amtsenthebungsverfahren für den Präsidenten vorgesehen, während dieses in Rußland und Kazachstan bis zur Undurchführbarkeit erschwert ist.
Bezeichnenderweise ist in keiner Verfassung eines GUS-Staates das Amt eines Vizepräsidenten vorgesehen: Die Präsidenten sind nicht mehr bereit, neben sich einen weiteren vom Volk gewählten Amtsträger zu dulden, und wollen bei der Auswahl ihres Nachfolgers freie Hand behalten.
Da die Bestimmungen der neuen Verfassungen den Ein-Mann-Regimen genehm sind, tendieren diese zu einer „Sakralisierung“ dieser Texte. Dies steht in krassem Widerspruch zum leichtfertigen Umgang derselben Präsidenten mit den vor der Verabschiedung der neuen Gesetze gültigen Verfassungsnormen. Ein-Mann-Regime sind grundsätzlich keine Rechtsstaaten. Nach jeglichen „Spielregeln“, auch solchen, die der Präsident selbst eingeführt hat, könnte irgendwann jemand anderer gewinnen. Deshalb bleibt auch eine auf Anweisung des Präsidenten aufgesetzte Verfassung eine bloße Form, die jederzeit geändert oder einfach zur Seite gefegt werden kann.
So begrenzten zum Beispiel alle Verfassungen zunächst die Amtsdauer des Präsidenten. Später wurden die entsprechenden Artikel geändert. In Tadžikistan etwa wurde 1999 eine Verfassungsänderung verabschiedet, die die Amtsdauer von fünf auf sieben Jahre verlängerte; 2003 erlaubte es eine weitere Änderung dem Präsidenten, zweimal sieben Jahre zu regieren. Auch in Uzbekistan und Belarus wurden Verfassungsänderungen beschlossen, welche die Amtsdauer des Präsidenten verlängerten und seine unbegrenzte Wiederwahl ermöglichten.
Ein markantes Beispiel für den Umgang der Präsidenten mit den Verfassungen liefert Kazachstan. Dort verabschiedete das Parlament 1993 eine Verfassung, die Nazarbaev nicht genehm war. Daraufhin löste er die Volksvertretung verfassungswidrig auf. Doch auch mit dem neugewählten Parlament war der Präsident nicht zufrieden und löste es 1994 wiederum auf. 1995 wurde unter Mißachtung der Verfassung eine Volksabstimmung über die Verlängerung der Amtsdauer des Präsidenten bis 2000 durchgeführt, etwas später in einem weiteren Referendum eine neue Verfassung angenommen, die im Präsidialapparat konzipiert worden war und für diesen daher eigentlich ideal hätte sein müssen. Angesichts einer für ihn günstigen politischen Konjunktur beschloß Nazarbaev bereits 1998, nicht das Ende der ihm per Volksentscheid zugebilligten Amtszeit abzuwarten, sondern er rief Neuwahlen aus, was sowohl gegen die neue Verfassung als auch gegen das Ergebnis der Volksabstimmung verstieß. Darüber hinaus wurden mehrere Verfassungsänderungen verabschiedet, die unter anderem die Altersbeschränkung für das Amt des Präsidenten aufhoben und seine Amtszeit verlängerten. Somit war und ist Nazarbaev unter drei Verfassungen im Amt – und hat gegen alle drei verstoßen.
Methoden der Machtsicherung
Die Verfassung kleidet das Ein-Mann-Regime äußerlich in relativ stabile Formen. Doch um es aufrechtzuerhalten, bedarf es der systematischen Unterbindung jeglicher Versuche oppositioneller Kräfte, das Regime zu destabilisieren. Potentielle Gefahren müssen rechtzeitig erkannt und abgewendet werden. Die vielfältigen Methoden und Maßnahmen, mit denen in den GUS-Staaten politische Stabilität erzeugt und aufrechterhalten wird, können hier nicht erschöpfend dargelegt werden. Deshalb seien nur die wichtigsten genannt.

· Kontrolle über die Medien. Am wichtigsten ist hier das Fernsehen als das effektivste Massenmedium mit der größten Reichweite.

· Verabschiedung zweckdienlicher Wahl- und Parteigesetze. Die Registrierung von Parteien wird behindert oder gar verweigert. Hohe Prozenthürden erschweren den Einzug bestimmter Parteien ins Parlament. Des weiteren werden Gesetze verabschiedet, die es ermöglichen, unerwünschte Kandidaten von Wahlen auszuschließen. So ermächtigte ein Erlaß des Präsidenten von Kazachstan aus dem Jahr 1998 die Gerichte, jeden Kandidaten von den Wahlen auszuschließen, der innerhalb eines Jahres vor dem Wahltag einen Verstoß gegen das Verwaltungsrecht begangen hatte. Daraufhin wurde Nazarbaevs wichtigster Rivale, Akežan Kažegel’din, aus dem Rennen genommen.

· Kontrolle über die Wahlkommissionen und systematische Wahlmanipulation. Alle Ein-Mann-Regime in der GUS manipulieren Wahlergebnisse. In Ländern wie Turkmenistan und Uzbekistan ist „Manipulation“ inzwischen das falsche Wort, da die Wahlen dort so unfrei und ritualisiert sind, daß es dafür keinen Bedarf gibt. In anderen Ländern nutzt das Regime während des gesamten Wahlkampfs und der Wahlen, einschließlich der Stimmauszählung, aktiv seine „administrativen Ressourcen“. Manipuliert wird selbst dann, wenn klar ist, daß das tatsächliche Ergebnis der Abstimmung den Wünschen des Präsidenten entspricht, denn die Verantwortlichen vor Ort konkurrieren darum, welcher Bezirk das beste Resultat vorweisen kann. So stimmte zwar sowohl bei der Volksabstimmung von 1996 als auch bei den Wahlen im Jahr 2006 ohne Zweifel eine Mehrheit der Belarussen für Lukašenka, ebenso zweifellos aber waren die Ergebnisse trotzdem manipuliert.

· Gründung von Pro-Präsidenten-Parteien. Alle zu Beginn der 1990er in der GUS existierenden Parteien waren unabhängig von den jeweiligen Machthabern entstanden. Ist aber ein Präsident Mitglied in einer Partei, die er nicht selbst gegründet hat und die in Ideologie und Programmatik von ihm unabhängig ist, so wird ihm diese unvermeidlich die Hände fesseln. Deshalb di-stanzieren sich die Staatsoberhäupter meist in einem frühen Stadium ihres Regimes von allen Parteien und gerieren sich als Präsidenten des ganzen Volkes. Die Ausnahmen sind Turkmenistan und Uzbekistan, deren Präsidenten auf der Grundlage der KPdSU-Parteiorganisationen sofort „eigene“, vollkommen unter ihrer persönlichen Kontrolle stehende Parteien gründeten.

Doch mit der Zeit steigt das Bedürfnis nach Parteien als Mechanismen zur Loyalitätsprüfung, Personalauswahl und zusätzlichen Steuerung. Es werden Pro-Präsidenten-Parteien gegründet, deren Ideologie und Programm sich im wesentlichen auf die Unterstützung des Regimes beschränkt. In Rußland ist dies Edinaja Rossija (Einiges Rußland), in Kazachstan Otan (Vaterland), in Azerbajdžan Yeni Azerbaycan (Neues Azerbajdžan) und in Tadžikistan Hizbi Demokrati-Chalkii Todžikiston (Demokratische Volkspartei).
Dabei kann durchaus mit Pseudo-Mehrparteiensystemen experimentiert werden. So gibt es in Kazachstan neben Otan zwei „zusätzliche“ Präsidentenparteien (die Bürgerliche und die Agrarpartei). Auch können neue entstehen (Asar, „Alle Zusammen“). So wird die Illusion einer breiten Parteienvielfalt erzeugt. Auch in Uzbekistan gibt es ein Mehrparteiensystem, in dem die Parteien einander in Loyalitätsbekundungen an den Präsidenten zu überbieten suchen.
Privatisierung und Macht
Die Errichtung und Aufrechterhaltung eines Ein-Mann-Regimes ist nicht nur ein politischer Prozeß. Er hat auch soziale und ökonomische Aspekte. Die Privatisierung von Staatseigentum in fast allen GUS-Staaten in den 1990er Jahren hatte soziale, wirtschaftliche und eine politische Bedeutung. Auch sie diente der Festigung des Ein-Mann-Regimes. Da es so gut wie überhaupt keine gesellschaftliche Kontrolle über die Privatisierungen gab, gerieten diese zu einer von zahlreichen Rechtsbrüchen begleiteten „Verteilung“ von Staatseigentum durch die Exekutive. Daher lag es im Interesse der neuen Eigentümer, die Machthaber gütig zu stimmen: Davon hing ab, ob man zum Millionär „ernannt“ wurde. Außerdem waren sie daran interessiert, das Regime aufrechtzuerhalten: Nach einer Machtübernahme durch die Opposition konnten Privatisierungen rückgängig gemacht werden (was nach den „farbigen Revolutionen“ in Georgien und der Ukraine teilweise auch geschah). Dies gab den Präsidenten Kontrollmittel über die Eigentümer in die Hand: Beim leisesten Anzeichen von Illoyalität konnten die Präsidenten Ermittlungsverfahren zu deren Wirtschaftstätigkeit oder zu Unregelmäßigkeiten während der Privatisierungen (die sie damals selbst gefördert hatten) anordnen und ihre Gegner so aufgrund rein wirtschaftlicher Vergehen verfolgen. Solche Prozesse um reale oder imaginäre Straf- bzw. Wirtschaftsdelikte liefen in Rußland (gegen Boris Berezovskij, Vladimir Gusinskij und Michail Chodorkovskij), Kyrgyzstan (gegen Feliks Kulov), Azerbajdžan (gegen Rasul Kuliev), Kazachstan (gegen Akežan Kažegel’din, Galymžan Žakijanov und Muchtar Abljazov) und Belarus (gegen Andrej Klimov u.a.).
Ein-Mann-Regime können kein normales rechtliches Umfeld für eine Marktwirtschaft aufbauen. Sie sind aber auch gar nicht daran interessiert, denn das käme einem Verlust ihrer Kontrolle über die Wirtschaft gleich, was ihnen wiederum die Kontrolle über die Gesellschaft als ganzes, einschließlich der Politik, entziehen könnte.
Kontrolldynamik und Eigendynamik
Mit Hilfe dieser und anderer Mittel werden Ein-Mann-Regime errichtet und gefestigt. Die Logik ihrer Handlungen treibt die Präsidenten zur Errichtung einer immer größeren Kontrolle über die Gesellschaft.
Am wichtigsten ist es, die Alternativlosigkeit des Präsidenten zu betonen. Dies führt unweigerlich zur Ausdehnung der Kontrollsphäre und der Beseitigung aller Alternativen in immer mehr Bereichen. Von der Bekämpfung wirklicher Gegner geht der Präsident zur Schaffung solcher Bedingungen über, unter denen erst gar keine Gegner aufkommen können; aus der Bekämpfung realer Gefahren wird bald ein Kampf gegen potentielle oder sogar imaginäre Bedrohungen. Neben dem alternativlosen Präsidenten entstehen erst ein alternativloses Parlament, dann alternativlose Medien usw. Sehr deutlich ist diese Logik in Rußland zu beobachten, wo das präsidiale Regime seit 1991 höchst erfolgreich seine Kontrolle über die Gesellschaft ausgeweitet hat. Doch auch die anderen Regime verfahren ähnlich.
Diese Entwicklung hat inzwischen eine Eigendynamik entwickelt und verläuft fast ohne Zutun der Präsidenten. Die Bürokratie treibt sie voran, da sie daran interessiert ist, die Macht des Präsidenten zu festigen. Jeder vom Präsidenten ernannte Beamte bemüht sich, möglichst heftig seine Loyalität zu bekunden und Gefahren für das Regime möglichst wachsam abzuwenden.
Dennoch können sich diese Regime offensichtlich auch in eine andere Richtung entwickeln. Unter innerem Druck von der Opposition und äußerem Druck aus dem We-sten kann die Kontrolle über die Gesellschaft in einigen Ländern anscheinend nach Erreichen eines bestimmten Niveaus erschlaffen; der Hang zum Machterhalt kann sich in solchen Situationen in Zugeständnissen an Opposition und Demokratie äußeren. Dies geschah in der Ukraine, wo Kučma, am Sieg seines designierten Nachfolgers zweifelnd (und diesem vielleicht nicht ganz trauend), die präsidialen Befugnisse nicht mehr ausweiten, sondern die Kompetenzen des nächsten Präsidenten im Gegenteil durch entsprechende Verfassungsänderungen beschneiden wollte. Auch in Uzbekistan und Kazachstan gab es solche Perioden der „Liberalisierung“.
Eine solche „Liberalisierung“ und „Demokratisierung“ ist immer Fassade, stets geht es dabei darum, das Wesen des Ein-Mann-Regimes zu tarnen und seine Lebensdauer zu verlängern. Dennoch können dadurch günstige Bedingungen für einen Regimewechsel und einen Übergang zur Demokratie entstehen.

Machttransfer als Krise
Alle Präsidenten müssen sich mit dem Älterwerden auseinandersetzen und ihre eigene Sicherheit sowie die ihrer Familien und Getreuen gewährleisten, indem sie die Macht an eine Person ihres Vertrauens weitergeben. Dabei riskieren sie jedesmal eine politische Krise, da eine Machtübergabe immer den Konflikt zwischen den mit verschiedenen Nachfolgekandidaten verbundenen „Parteien bei Hofe“ zuspitzt und auch die Opposition ermutigt. Natürlich neigen die Präsidenten dazu, die Macht an diejenigen zu übergeben, denen sie am meisten vertrauen: ihren Kindern. Ein-Mann-Regime tendieren ganz natürlich zu Quasimonarchien.
Bislang gab es in der GUS erst zwei Fälle einer Machtübergabe an einen vom Präsidenten designierten Nachfolger: in Rußland und in Azerbajdžan. In Rußland stand El’cin kein „geeignetes“ Familienmitglied zur Verfügung, in Azerbajdžan jedoch ging die Macht vom Vater auf den Sohn über. In Kazachstan, Turkmenistan und Uzbekistan ist eine Machtübergabe innerhalb der Familie sehr wahrscheinlich; in Kyrgyzstan wurde sie von der „Tulpenrevolution“ vereitelt.
Eine Machtübergabe ist immer mit einer Krise verbunden. Ihr Ausgang kann unterschiedlich sein. Sie kann schlicht mißlingen, wodurch ein Regimewechsel möglich wird. Nicht jedes als Nachfolger oder Nachfolgerin designierte Familienmitglied bringt die für eine Aufrechterhaltung des Regimes notwendigen Eigenschaften mit. Zudem macht eine Machtübergabe an die eigenen Kinder allzu deutlich, daß das Regime einer rechtlichen Grundlage entbehrt, und entzieht dem Nachfolger die notwendige Legitimität. Wenn jedoch die Macht, wie in Rußland geschehen, an einen relativ „neuen“ Mann übergeben wird, der nicht mit den „Sünden“ des Vorgängers in Verbindung gebracht wird, vermag sich das Regime zu festigen und zu „verjüngen“. Eine solche Verjüngungskur hält allerdings nicht lange.
Die Lebensspanne autoritärer Regime unterliegt ähnlichen Rhythmen wie die eines Lebewesens. Zu Beginn ist das Regime schwach und unstrukturiert. Dann wird es immer stärker und bekommt klarere Umrisse. Doch auf die Blütephase folgen Alterung und Verfall.
Der Niedergang „imitierter Demokratien“
Die Faktoren, die zum Niedergang und Fall „imitierter Demokratien“ beitragen, lassen sich in zwei große Gruppen einteilen: solche, die eher mit der Binnenentwicklung der Regime zusammenhängen, und solche, die eher mit der Entwicklung der Gesellschaften zu tun haben. Beginnen wir mit den Faktoren, die sich aus dem natürlichen Alterungsprozeß der Regime ergeben und unabhängig von jeglicher gesellschaftlichen Entwicklung zum Tragen kommen.
Ein wichtiger Faktor ist das Versiegen des Feedbacks. Ein autoritäres Regime ist ein System, in dem den Machthabern allmählich jeder Sinn für die gesellschaftlichen Prozesse abhanden kommt. Je mehr die Wahlen sich in ein Ritual und eine Fiktion verwandeln, je mehr die Medien unter die Kontrolle des Regimes geraten, desto dünner wird der Informationsfluß über die Stimmung der Bevölkerung. Der Präsident umgibt sich mit Menschen, die seine eigenen Ansichten und Vorstellungen über sich und das Land teilen. Ganz natürlich entstehen Persönlichkeitskulte. Besonders groteske Ausmaße hat dieser Vorgang in Turkmenistan angenommen. Aber auch Aliev, Nazarbaev, Karimov, Lukašenka und andere Präsidenten haben ihre eigenen Kulte. Indem sie sich selbst zu alternativlosen Herrschern machen, beginnen die Präsidenten, selbst an die angeblich besonderen Eigenschaften zu glauben, mit denen diese Alternativlosigkeit rechtfertigt wird.
Ebenso wie das Umfeld des Präsidenten und die von ihm kontrollierten Medien ihn im Glauben an seinen kolossalen Intellekt und seine besonderen Vorzüge bekräftigen, so bestärken sie ihn auch in der Vorstellung, das Land entwickle sich unter seiner Herrschaft auf das prächtigste, und das Volk lebe im Wohlstand und liebe seinen Präsidenten. Die besonderen Kenntnisse, die der Präsident von seinen Geheimdiensten erhält und die der Gesellschaft nicht zugänglich sind, betreffen nur hochspezifische Teilaspekte der Wirklichkeit. Im wesentlichen macht der Präsident von denselben verzerrten Informationen Gebrauch, die das von ihm geschaffene System auch dem Rest der Gesellschaft liefert: Er sieht dieselben Fernsehprogramme und liest dieselben Zeitungen.
Daß die Machthaber in den GUS-Staaten in einer Welt der Illusionen leben, konnte man an dem bizarren Gemisch von Reaktionen während der „farbigen Revolutionen“ beobachten: Die Präsidenten erklärten diese Revolutionen mit boshaften Intrigen aus dem Ausland, gaben sich sicher, daß eine solche Revolution in ihrem Land aufgrund ihrer außergewöhnlichen Qualitäten und ihrer Beliebtheit beim Volk unmöglich seiwäre (so Akaev noch wenige Tage vor seiner Flucht) und fürchteten gleichzeitig, es könne doch auch sie treffen, da auch in ihrem Land geheime Kräfte am Werk seien.
Kriminalisierung und Kontrollverlust
In „imitierten Demokratien“ spielt die Korruption offensichtlich eine größere Rolle als in undemokratischen Regimen anderen Typs. Ihre Unehrlichkeit ist systemimmanent, da die systematische Verletzung aller verkündeten Grundsätze und verabschiedeten Gesetze zu ihrem Wesen gehört. Dies unterscheidet unsere Präsidenten von traditionellen Monarchen, Militärdiktatoren und selbst totalitären Herrschern, die keiner demokratischen Tarnung bedürfen.
Der Präsident ist von den Behörden vor Ort abhängig, die bei Wahlen und Volksabstimmungen seinen Sieg zu gewährleisten haben; von den Richtern, die die notwendigen Urteile gegen seine Widersacher fällen sollen; von den „Oligarchen“, die theoretisch die Opposition finanzieren könnten; von den Generälen, die sich theoretisch in einer kritischen Lage weigern könnten, die Opposition niederzuschlagen; von den Geheimdiensten, die sich insgeheim mit der Opposition verbünden könnten. Da ihm aber die Beziehung zu seinen Untergebenen fehlt, die Militärdiktatoren aus der Armeedisziplin, totalitäre Herrscher aus ihrer ideologischen Verbindung mit dem Machtapparat und Monarchen aus der traditionellen Loyalität schöpfen, ist der Präsident gezwungen, seinen Anhängern materielle Vorzüge zu bieten, sie also zu bestechen. So werden Korruption und Kriminalisierung zu einem Teil des Systems.
Dies aber bedeutet einen zunehmenden Verlust der Kontrolle über Staat und Gesellschaft. Die Korruption zersetzt das Kommunikationssystem innerhalb des Staatsapparats. Paradoxerweise nimmt die reale Kontrollfähigkeit des Präsidenten umso mehr ab, je mehr er seine Macht festigt. Laufen die Erlasse des Präsidenten den Interessen des Apparats zuwider, kann dieser sie einfach ignorieren.
In einer Krise bricht ein System, das nur durch materielle Interessen zusammengehalten wird, wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Wie die „farbigen Revolutionen“ gezeigt haben, verfügen die Präsidenten über keine echten, überzeugten Anhänger. Im Unterschied zu demokratisch gewählten Präsidenten waren Ševardnadze, Kučma und Akaev in schwerer Stunde auf sich allein gestellt. Selbst El’cin, dem es gelang, die Macht an einen designierten Nachfolger zu übergeben, war sehr schnell von allen vergessen.
Das Überleben des Schwächsten
Die Korruption zieht den Niedergang der Staatselite nach sich. Doch sie ist nicht der einzige Grund für diesen Verfall: Auch das für diese Regime typische System sozialer Mobilität trägt dazu bei. Niemand wird jemals eine unkontrollierbare, prägnante Persönlichkeit zum Stellvertreter oder unmittelbaren Untergebenen ernennen, die den Vorgesetzten überstrahlen könnte. Daher führt die systematische Dominanz des bürokratischen Typs sozialer Mobilität zu einer systematischen Verschlechterung der Qualität der Elite.
In „imitierten Demokratien“ nimmt das bürokratische Mobilitätsprinzip überhand und verdrängt andere Mechanismen. Zu Beginn der 1990er Jahre, als sich das System noch nicht voll ausgebildet hatte, gab es viele Möglichkeiten, ohne die Sanktion der Staatsspitze in die Elite vorzudringen. Diese Möglichkeiten wurden in allen GUS-Staaten von zahlreichen „selbsternannten“ Aufsteigern genutzt. Doch diese Kanäle wurden bald versperrt. Seitdem werden alle markanten Persönlichkeiten, selbst wenn sie den Präsidenten unterstützen, aus dessen Umfeld entfernt. Abgeordnete werden zwar formell gewählt, in Wirklichkeit jedoch ernannt wie andere Beamte auch. Die Plätze an der Spitze der Wirtschaftshierarchie sind bereits besetzt, unkontrollierbare „Oligarchen“ werden beseitigt. So bleiben in der Führungsriege nur die übrig, die von den obersten Machthabern eingesetzt werden. Dies führt zu einem systematischen Niedergang der gesamten Elite.
Legitimationsverlust
Der natürliche Drang der Präsidenten, ihre Kontrollsphäre auszuweiten, führt dazu, daß demokratische und rechtsstaatliche Institutionen immer unübersehbarer zur Fiktion werden. Die vollkommen voraussehbaren Wahlen verwandeln sich in ein Ritual, ihr Ausgang ist nicht mehr offen.
Dabei verfügen die „imitierten Demokratien“ jedoch über keine Legitimationsquelle außerhalb von Wahlen. Ohne den Selbstbetrug der Gesellschaft und ihren Betrug durch die Machthaber haben diese Systeme keine Daseinsberechtigung. Sobald aber die Kontrolle einen bestimmten Grad erreicht, ist dieser Betrug nicht mehr möglich.
Denn je größer die Kontrolle des Regimes über die Gesellschaft und je voraussehbarer die Wahlergebnisse, Gerichtsurteile, Medienberichte, desto mehr büßen die Herrscher an Legitimität ein. Diese Verfallserscheinungen würden auch ohne jegliche gesellschaftliche Veränderung eintreten. Doch die Gesellschaft entwickelt und verändert sich.
Gegen Ende der Gorbačev-Ära und zu Beginn der postsowjetischen Periode ging auf die Gesellschaften in den GUS-Staaten eine Lawine unerwarteter und unverständlicher Veränderungen nieder. Diese verstärkten das Bedürfnis nach einer „starken Hand“ und schufen einen psychologischen Nährboden für „imitierte Demokratien“. Doch vieles von dem, was damals neu und bedrohlich erschien, ist inzwischen zur Normalität geworden. Die Menschen haben sich an Privateigentum und Marktpreise, an die Abwesenheit einer starren offiziellen Ideologie, an eingeschränkte, aber doch vorhandene politische und bürgerliche Freiheiten gewöhnt. Sie haben gelernt, unter den neuen Bedingungen zu leben, haben sich angepaßt. Dies ist einer der wichtigsten Gründe dafür, daß das Bruttoinlandsprodukt überall in der GUS wächst und der Lebensstandard nicht mehr sinkt. Einerseits ist dies den Ein-Mann-Regimen bis zu einem gewissen Grade förderlich, da es als Beleg für ihre Effektivität gilt und das Risiko spontaner Proteste senkt. Andererseits reduzieren dieselben Prozesse aber auch das Bedürfnis der Bevölkerung nach einer „starken Hand“.
Der Faktor Gewöhnung wird durch den natürlichen Generationenwechsel noch verstärkt. Menschen, die noch durch die UdSSR geprägt waren und irgendeine Erinnerung an den stalinistischen Terror hatten, empfanden bereits die spätsowjetische Zeit als milde und liberal, die Liberalisierung unter Gorbačev hingegen als uferlose und gefährliche Freiheit. Für die Jüngeren sind die liberaleren Bedingungen unter den heutigen Regimen etwas Natürliches und Normales. Die in der postsowjetischen Zeit herangewachsene Generation ist psychologisch zweifellos demokratiebereiter als die sowjetische.
Das Anwachsen der Opposition gegen die Ein-Mann-Regime hat auch entscheidend mit Veränderungen in der gesellschaftlichen Struktur zu tun. In den vergangenen Jahren ist eine neue bürgerliche Elite herangewachsen, die zwar immer noch vom Staat abhängig ist, aber viel weniger, als es die alte Nomenklatura war. Ein Teil dieser Elite wünscht sich einen Rechtsstaat als Schutz vor behördlicher Willkür.
Ein weiteres neues Phänomen ist die Überwindung von Spaltungen innerhalb der Opposition. Anfangs standen dem präsidialen Regime zwei verschiedene Oppositionsgruppen gegenüber, die einander haßten und das Regime im Vergleich zur jeweils anderen Gruppe als das kleinere Übel betrachteten. Dies waren einerseits die Kommunisten und ihre ideologischen und strukturellen Erben und Ableger, zum anderen die antikommunistischen Demokratiebewegungen.
Allmählich ändert sich die Lage. Einerseits findet überall, wenn auch je nach Land in unterschiedlichem Maße, eine Transformation der „linken“ Oppositionsbewegungen statt: Indem diese sich von kommunistischen Dogmen verabschieden, begeben sie sich – in anderer Form und unter anderen Bedingungen – auf den Weg, den vor ihnen bereits die ehemaligen Kommunistischen Parteien in Ostmitteleuropa beschritten. Andererseits ist eine gewisse Ernüchterung der antikommunistischen Bewegungen zu beobachten. Gekoppelt mit dem allgemeinen Druck durch die Machthaber ermöglicht dies eine Annäherung zwischen oppositionellen Gruppen verschiedener Couleur auf der Grundlage allgemeiner demokratischer Forderungen. Die Grabenkämpfe gleich machtloser Oppositionsparteien weichen dem gemeinsamen Kampf gegen das Regime um die Einführung neuer „Spielregeln“. Mehr oder weniger organisierte und stabile Allianzen zwischen Sozialisten und Kommunisten einerseits und demokratischen Kräften andererseits sind in Kazachstan, der Ukraine und Belarus entstanden. Auch in Rußland ist eine entsprechende Tendenz sichtbar.
Es gibt noch eine Reihe weiterer Faktoren, die zur Schwächung der Ein-Mann-Regime beitragen und Opposition hervorrufen: In der Bevölkerung nimmt der Überdruß über jene Männer zu, die schon seit Jahrzehnten die Zügel in der Hand haben, dazu kommen das Beispiel Ostmitteleuropa und der hohe Entwicklungsgrad der demokratischen Staaten.
In einigen GUS-Staaten können diese Faktoren zu einer gewissen Liberalisierung beitragen. Allerdings wird der Übergang der GUS-Staaten zur Demokratie von tiefen politischen Krisen begleitet sein. Denn er ist gleichbedeutend mit einem Machtverlust der Präsidenten (oder von deren designierten Nachfolgern), die allen Grund haben, sich mit sämtlichen Mitteln an die Macht zu klammern, und Systeme geschaffen haben, die einen friedlichen und gesetzmäßigen Machtantritt der Opposition praktisch ausschließen. Es ist leichter, sich einen traditionellen Monarchen vorzustellen, der eine Konstitution einführt, oder einen Diktator, der die Armee in die Kasernen zurückschickt (für beides gibt es zahlreiche historische Beispiele), als einen Präsidenten, der sich ein Ein-Mann-Regime aufgebaut hat und sich dann entscheidet, es seinen eigenen Interessen und Instinkten zuwider und seinen Freunden und Anhängern zum Trotz eigenhändig zu zerstören und so den Sieg seiner Gegner herbeizuführen. Beispiele für eine „Revolution von oben“ hat es in der GUS bislang nicht gegeben. Hingegen sind bereits drei „imitierte Demokratien“ infolge einer „Revolution von unten“ gefallen.
Der Fall der „imitierter Demokratien“ und die Perspektiven
Bis heute sind auf dem Gebiet der GUS drei als „imitierte Demokratien“ aufgetretene Regime von Revolutionen gestürzt worden. Dies erlaubt einige allgemeine Schlüsse über den Fall solcher Regime. Alle GUS-Länder haben Regime desselben Typs, mit ein und derselben Funktionsweise und Entwicklungslogik. Entsprechend ähneln sie sich auch in ihrem Zusammenbruch: Die Revolutionen folgen einem einheitlichen Szenario.
Zunächst einmal waren die drei erfolgreichen Revolutionen und einige mißlungene Versuche (in Azerbajdžan, Belarus, Kazachstan und Armenien) mit Wahlen verbunden. Dies ist natürlich kein Zufall. Wahlen und andere Elemente von Demokratie gehören ebenso zum Wesen dieser Systeme wie die Tatsache, daß es sich dabei um Fassaden handelt. Der Widerspruch zwischen den deklarierten Grundsätzen und der Wirklichkeit ist systemimmanent. Dementsprechend sind Krisen des Systems Folge einer äußersten Verschärfung dieses Widerspruchs und münden in dessen Aufhebung.
Die Machthaber führen bei den Wahlen ständig Regie und fälschen deren Ergebnisse, und die Gesellschaft findet sich stillschweigend damit ab. Irgendwann aber zieht sie ihr Einverständnis zurück und vereitelt einen erneuten Fälschungsversuch. Die Menschen gehen auf die Straße und fordern eine Überprüfung der offiziellen Wahlergebnisse. Ein Menschenauflauf auf den Straßen kommt einer Gewaltandrohung gleich. Ein Nervenkrieg beginnt. Der Ausgang des Konflikts hängt von tausend unvorhersehbaren Faktoren ab; im Endeffekt gibt es aber nur drei mögliche Auswege.
Im ersten Fall scheuen die Machthaber vor Gewaltanwendung zurück und geben nach, wie in der Ukraine, Georgien und Kyrgyzstan geschehen. Im zweiten Fall scheitert die Gewaltanwendung, da die Armee den Gehorsam verweigert. Dieser Fall ist bis jetzt noch nicht eingetreten, es wird aber wahrscheinlich noch dazu kommen. Im dritten Szenario geben die Machthaber nicht auf und jagen die zahlenmäßig zu schwachen und unzureichend organisierten Demonstranten auseinander.
Die ersten beiden Szenarien führen zum Fall des Regimes. Das dritte schiebt diesen nur auf. Es kann keinen Zweifel darüber geben, daß jeder Wahlgang in Azerbajdžan, Kazachstan, Armenien und Belarus von neuen Versuchen der Opposition begleitet sein wird, die Wahlfälschungen zu vereiteln; der endgültige Ausgang ist vorherbestimmt. Früher oder später wird ein solcher Versuch zum Erfolg führen.
Revolutionen im Anschluß an Wahlen bzw. an Wahlfälschungen sind in „imitierten Demokratien“ ein natürliches Szenario. Es liegt allerdings auf der Hand, daß sie nicht in jedem Land stattfinden können. Notwendige Vorbedingungen sind die Existenz einer legalen Opposition, ein gewisser Spielraum für gesellschaftliche Selbstorganisation und relativ freie Wahlen.
Ab einem gewissen Grad an Härte kann ein solches Szenario nicht mehr zum Einsatz kommen. In Turkmenistan oder Uzbekistan zum Beispiel wäre eine solche Entwicklung kaum denkbar. In diesen Ländern sind die Wahlen so ritualisiert, daß mit ihnen keinerlei Erwartungen mehr verbunden werden. Jegliche legale gesellschaftliche Organisation ist unmöglich geworden. Dies gibt den entsprechenden Regimen einen gewissen Stabilitätsvorsprung, bedeutet aber auch, daß ihr Ende unerwartet und nahezu zweifellos blutig ausfallen wird.
Die „farbigen“ Revolutionen sind ein Modell, das in liberaleren Regimen zum Tragen kommen kann; das Gegenstück dazu sind die Ereignisse im uzbekischen Andižan.
Entwicklungsvarianten
Der Fall der „imitierten Demokratien“ ist nur eine Frage der Zeit. Er kann jedoch zu unterschiedlichen Resultaten führen. Wie bereits angesprochen, ergibt sich der Fall des Regimes aus zwei Prozessen, die zwar miteinander verflochten sind, analytisch jedoch voneinander abgegrenzt werden müssen. Dies ist zum einen der von systemimmanenten Gründen bedingte Verfall des Regimes und zum anderen die Entwicklung der Gesellschaft, für die der politisch vorgegebene Rahmen zu eng wird. Welche Konsequenzen der Zusammenbruch hat, hängt vom relativen Gewicht jedes der beiden Faktoren ab.
Bricht das System vor allem deswegen zusammen, weil die Gesellschaft über das Regime hinausgewachsen ist, entsteht eine Demokratie. Dies ist in der Ukraine und – weniger eindeutig – in Georgien der Fall.
Ist der Zusammenbruch jedoch Folge des internen Verfalls des Regimes und hat die Gesellschaft dabei noch nicht das Entwicklungsstadium erreicht, das eine stabile Demokratie gewährleisten könnte, so beginnt ein Zyklus einander abwechselnder und gleich instabiler anarchischer Demokratien und Diktaturen, wie in der jüngsten Geschichte vieler Länder der „Dritten Welt“ zu beobachten ist.
Dies ist der zwar nicht unvermeidliche, aber doch wahrscheinliche Ausgang der Entwicklung in Kyrgyzstan. Durch den Sturz des Akaev-Regimes ist das Land gewissermaßen zur Ausgangslage von 1990/91 zurückgekehrt. Es ist durchaus denkbar, daß dort nach der derzeitigen Periode chaotischer Demokratie eine neue „imitierte Demokratie“ ähnlich der Akaevs entsteht, genau wie in Indonesien nach dem Sturz von Präsident Sukarno eine neue autoritäre, „imitierte Demokratie“ unter General Suharto errichtet wurde.
Möglichkeiten äußerer Einwirkung
Die GUS ist nicht nur ein Raum, in dem Länder mit Regimen ein und desselben Typs koexistieren und sich parallel zueinander entwickeln. Es ist außerdem das Gebiet des ehemaligen Russischen Reiches und der UdSSR. Die GUS-Staaten sind historisch und kulturell miteinander verbunden, vor allem durch Rußland und die russische Sprache. Die GUS ist außerdem eine internationale Organisation, die der Einheit dieses Raumes eine Form verleiht und insgeheim, als „latente“ Funktion, dem Erhalt der „imitierten Demokratien“ dient.
Die engen Verbindungen zwischen den GUS-Ländern führen dazu, daß Prozesse und Ereignisse, die in jedem dieser Staaten stattfinden, einen unermeßlich größeren Einfluß auf die anderen Länder ausüben, als Prozesse und Ereignisse in Ländern außerhalb der GUS. „Farbige Revolutionen“ beflügeln die Opposition und beunruhigen die Machthaber in jedem Land, während die erfolgreiche Bewältigung einer Krise und die reibungslose Machtübergabe an einen Nachfolger, wie in Rußland und Azerbajdžan, die Präsidenten inspirieren und der Opposition als Warnung dienen. Aus diesem Grund haben die Präsidenten aller GUS-Länder, ganz gleich wie sie sonst zueinander stehen, ein Interesse am Machterhalt ihrer Kollegen und Nachbarn und können in schwerer Stunde mit deren Beistand rechnen. In gewisser Weise ist die GUS der antirevolutionären Heiligen Allianz der gekrönten Häupter Europas in der Zeit nach Napoleon vergleichbar. Es ist ein Bündnis der Präsidenten gegen die Oppositionsbewegungen, in dem Rußlands Präsident natürlich eine zentrale Rolle zukommt. In kritischen Lagen, wenn ihre Macht wackelt, wenden sich die Präsidenten der GUS-Länder an Rußland als ihren natürlichen Verbündeten und werden es auch weiterhin tun.
Andererseits sind die demokratischen Länder – mal mehr, mal weniger – bestrebt, die Demokratie auf dem Gebiet der GUS heimisch zu machen, indem sie autoritäre Regime in Schach halten und die demokratische Opposition unterstützen. Deshalb wendet sich jede demokratische Opposition automatisch gegen Rußland und richtet sich prowestlich aus. In der GUS setzt sich – wenn auch auf einem neuen Niveau, mit geringerer Intensität und sanfteren Mitteln – das Ringen fort, daß seinerzeit auf dem Gebiet des „sozialistischen Lagers“ stattfand. Doch obwohl die GUS ein „Schlachtfeld“ zwischen Rußland und dem Westen ist, können beide meines Erachtens das Geschehen in den GUS-Staaten nur sehr eingeschränkt beeinflussen.
Rußland kann den Präsidenten der anderen GUS-Länder nur verhältnismäßig bescheidene Hilfe anbieten. Das postsowjetische Rußland ist viel schwächer, als es die UdSSR war, es hängt viel mehr von der Außenwelt ab, und ihm fehlt die zu Sowjetzeiten wirksame ideologische Motivation. Daher kann es den postsowjetischen Regimen keine „brüderliche Hilfe“ der Art antragen, wie sie die UdSSR in Ungarn 1956 und in der Tschechoslowakei 1968 leistete. Die „farbigen Revolutionen“ haben gezeigt, daß Rußland nicht imstande ist, die benachbarten Regime in einer Krisensituation zu retten.
Doch auch die Einflußmöglichkeiten des Westens sind begrenzt. Natürlich können die als vorbildliche Demokratien geltenden führenden demokratischen Länder die postsowjetischen Präsidenten von allzu harten autoritären Maßnahmen abhalten, da ihr Urteil für diese Herrscher eine gewisse Legitimationsfunktion besitzt. Doch angesichts einer echten Gefährdung des Regimes tritt dieser Faktor in den Hintergrund. So war zwar der verstorbene azerbajdžanische Präsident Gejdar Aliev durchaus prowestlich ausgerichtet; trotzdem wäre es unvorstellbar gewesen, daß er um seines Ansehens im Westen willen von der Machtübergabe an seinen Sohn Abstand genommen hätte.
Zudem war der Demokratisierungsdruck von außen niemals konsequent und kann es wohl auch nicht sein. Die Behörden in den GUS-Ländern können ihn auf ein Minimum reduzieren, indem sie die Schreckgespenster der Destabilisierung und des Extremismus beschwören. In Rußland berief sich das Regime sehr erfolgreich auf die Gefahr einer Machtergreifung durch („rot-braune“) Kommunisten und russische Nationalisten. In Zentralasien ist es der islamische Radikalismus, der diese Rolle spielt.
Diese Gefahren sind keine reine Erfindung. Doch werden sie weitgehend durch die Ein-Mann-Regime selbst erzeugt. Wo keine regelmäßigen Machtwechsel stattfinden, wo die Bevölkerung ihre Unzufriedenheit nicht friedlich und legal zum Ausdruck bringen darf, wird der Protest natürlich mithin in extremistische Bahnen gelenkt.
So erzeugten und erzeugen in Rußland die Beibehaltung radikaler Bausteine in der Ideologie der Kommunistischen Partei und der Radikalismus der neuen Jugendbewegungen tatsächlich das Risiko, daß im Falle eines Siegs der Opposition ein noch deutlicher autoritäres Regime als das jetzige errichtet wird. Es ist aber klar, daß die radikalen Tendenzen in der rußländischen Politik eng mit dem Wesen des gegenwärtigen Regimes zusammenhängen, das es sowohl für „linke“ als auch für „rechte“ Oppositionsbewegungen unmöglich gemacht hat, auf legale und unblutige Weise an die Macht zu kommen. Indes hat in Moldova, dem einzigen GUS-Staat, in dem kein Ein-Mann-Regime entstanden ist und ein legaler und friedlicher Machtantritt der Opposition nicht ausgeschlossen ist, der Wahlsieg der Kommunisten keineswegs ein autoritäres Regime geschaffen. Im Gegenteil, er hat ein auf turnusmäßigen Regierungswechseln beruhendes System gefestigt und die Transformation der Kommunistischen Partei beschleunigt.
Stehen Rußland und Moldova für zwei gegensätzliche Arten des Umgangs mit der Gefahr eines kommunistischen Radikalismus, so verkörpern Tadžikistan und Uzbekistan zwei Methoden der Bekämpfung eines islamischen Extremismus. In Tadžikistan ist die islamische Bewegung trotz eines langen und brutalen Bürgerkriegs nicht extremistisch geworden und integrierte sich nach Friedensschluß in die Gesellschaft. Allem Anschein nach besteht in Tadžikistan heute keine „islamistische“ Bedrohung. Sollte sie aufkommen, so nur infolge einer Transformation von Rachmonovs Regime. Ganz anders in Uzbekistan. Zweifellos ist die Gefahr eines islamischen Radikalismus dort heute weitaus größer als zu Beginn der 1990er Jahre, als die demokratische Opposition noch nicht unterdrückt wurde. Ebenso offensichtlich ist es, daß die Überwachung jeglichen Ausdrucks islamischer Frömmigkeit durch Islam Karimovs Regime die Ausbreitung des islamischen Extremismus förderte. Wenn jemand polizeilich verhört oder entlassen werden kann, nur weil er regelmäßig die Auflagen des Islam erfüllt, ist eine Radikalisierung der Muslime schlicht unvermeidlich.
Die Ein-Mann-Regime schaffen einen Teufelskreis: Sie selbst generieren die Gefahr der Destabilisierung und des Extremismus, so daß die demokratischen Staaten sie als das „kleinere Übel“ ansehen und angesichts des Vorgehens des Regimes und der Niederschlagung der Opposition ein Auge zudrücken. Dadurch kann die Gefahr der Destabilisierung und des Extremismus noch anwachsen.
Eine zielgerichtete Einwirkung der demokratischen Staaten auf die politische Entwicklung der GUS-Länder kann nur begrenzt Früchte tragen und nur in besonderen Krisenmomenten eine entscheidende Rolle spielen. Eine Demokratisierung der GUS-Staaten kann auch gar nicht Folge äußeren Einflusses sein, sondern sich nur aus internen Prozessen ergeben. Der wichtigste Einfluß, den die demokratischen Staaten ausüben, hat nichts mit bewußten politischen Entscheidungen zu tun. Er besteht in ihrer Vorbildfunktion. So wie das Beispiel der freien Länder die kommunistischen Regime aushöhlte, so üben auch jetzt die Erfolge der demokratischen Staaten, die europäische Integration und die Aufnahme der neuen postkommunistischen Demokratien Ost- und Ostmitteleuropas in die EU einen Demonstrationseffekt aus, der die Ein-Mann-Regime in den GUS-Ländern untergräbt.

Aus dem Russischen von Mischa Gabowitsch, Berlin

Petra Stykow | 25

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Unternehmerverbände und Staat in Rußland
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Rußländische Unternehmerverbände werden selten als relevante politische Akteure wahrgenommen, jedoch ist diese Annahme aufgrund empirischer Befunde zu differenzieren: Zum einen hängt das Potential von Verbänden weithin von den staatlich bereitgestellten Gelegenheitsstrukturen ab und ist insofern veränderlich, wie die vergangenen zwei Jahrzehnte zeigen. Zum anderen sind Verbände spezifische Einflußressourcen jener komplexen Netzwerke aus Personen, "Cliquen" und Organisationen, die den politischen Prozeß in Rußland bestimmen. Putins Strategie der autoritären Modernisierung birgt die Gefahr einer dysfunktionalen Verstaatlichung der gesellschaftlichen Interessenrepräsentation. Schließen

Jens Siegert | 43

Die Pipeline, der Protest und der Präsident
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Hans-Georg Wieck | 57 | Volltext

Demokratieförderung in der Sackgasse
Europa versagt in Belarus
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Mit der Charta von Paris legte die KSZE 1990 die Grundlagen für eine demokratische Wertegemeinschaft in Europa. Doch die Transformation in Osteuropa zu Demokratien ist ins Stocken geraten. Die Doktrinen eines "starken Staates" und "gelenkter Demokratie" haben Konjunktur. In Belarus erteilt das autoritäre Regime Lukašenka jeglichen Reformbestrebungen eine Absage. Die deklamatorische Solidarität der Europäischen Union mit der unterdrückten demokratischen Bewegung im Lande reicht nicht aus. Gefordert ist eine proaktive Unterstützung der demokratischen Alternative zum autoritären Unrechtsstaat. Schließen

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Heft 9/2006
Schwerpunkt: Die Gemeinschaft undemokratischer Staaten
Seite 57 - 72


Hans-Georg Wieck

Demokratieförderung in der Sackgasse
Europa versagt in Belarus

In· Belarus beherrscht Präsident Aljaksandr Lukašėnka mit seinem Präsidialamt und einer von ihm abhängigen Verwaltung und Justiz das politische und gesellschaftliche Geschehen. Die Oppositionsparteien und freien Medien werden verfolgt und nur als Randerscheinungen geduldet. Das Regime mißachtet europäische Kriterien für demokratische Verfassungen und Menschenrechte. 1996 beseitigte Lukašėnka die demokratische belarussische Verfassung, 2004 verschaffte er sich durch eine weitere Verfassungsänderung die Möglichkeit einer unbegrenzten Wiederwahl.
Als einziges Land in Europa ist Belarus nicht Mitglied des Europarats. Die Europäische Union und die OSZE (Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa) verhängten 1997 politische und wirtschaftliche Sanktionen und erneuerten diese nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen im März 2006.
1997 war eine OSZE-Berater- und Beobachtergruppe in Minsk mit dem Auftrag eingerichtet worden, die Bildung demokratischer Institutionen zu unterstützen und die Einhaltung von OSZE-Kriterien auf den Gebieten der Demokratie und Menschenrechte zu beobachten. Bei der Gipfelkonferenz der Staats- und Regierungschefs der OSZE-Staaten im November 1999 in Istanbul erkannte Präsident Lukašėnka die international verankerte Verpflichtung zur Transformation zur Demokratie durch seine Unterschrift an.
Im Widerspruch zu diesen Verpflichtungen hat sich Lukašėnka dem Drängen der EU auf demokratische Reformen und die Beachtung der Menschenrechte besonders auf politischem Gebiet widersetzt. Die politische und gesellschaftliche Opposition ist seiner Willkür schutzlos ausgesetzt und bedarf mehr als nur der deklamatorischen internationalen Solidarität und Unterstützung.
Die EU und einzelne europäische Regierungen unterstützten die Reformprojekte der OSZE-Mission in Belarus in den Jahren 1997–2001, können diese Unterstützung aber seit der Abschwächung des OSZE-Mandats 2003 nicht mehr fortsetzen. Nur ein Bruchteil der finanziellen Mittel, die über das Gemeinschaftsprogramm TACIS zur Förderung der Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit und marktwirtschaftlichen Transformation in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion für Belarus vorgesehen sind, wird für Demokratie- und Menschenrechtsprojekte ohne Beteiligung der belarussischen Regierung eingesetzt.
Aus Sicht der politischen und gesellschaftlichen Opposition in der belarussischen Zivilgesellschaft mangelt es weniger an europäischer Solidarität mit den bedrängten demokratischen Kräften in Belarus als vielmehr an einer effizienten Umsetzung dieser Solidarität in eine tatsächliche Unterstützung.
Diese Kritik ist berechtigt. Im vorliegenden Aufsatz werden Wege gewiesen, wie die EU ihrer politischen Verpflichtung zur Förderung der Demokratisierung in Belarus wirkungsvoller und aussichtsreicher nachkommen kann als bisher. Die Voraussetzung hierfür ist, daß die europäische Staatengemeinschaft in weit stärkerem Maße als bisher auf eine enge Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft setzt statt wie bisher auf einen erfolglosen Dialog mit dem Lukašėnka-Regime.
Die Forderung nach einem konzeptionell durchdachten, proaktiven Engagement für die politischen Ziele der belarussischen Zivilgesellschaft richtet sich auch an die einzelnen EU-Mitgliedstaaten, die diese seit Jahren vorgebrachte Forderung bislang nur zögerlich und mit beschränktem finanziellem und politischem Engagement aufgegriffen haben, obschon es an offiziellen Erklärungen der Solidarität mit der Zivilgesellschaft und Kritik am Lukašėnka-Regime nicht mangelt. Denn ungeachtet ihrer politischen Solidarität mit den Zielen der Opposition in Belarus – wie in anderen Ländern Osteuropas – favorisieren die Europäische Union und die meisten Mitgliedstaaten bislang den Dialog mit den entsprechenden Regierungen, um diese zu substantiellen Reformen auch auf dem Gebiet der Menschenrechte und der Demokratie zu bewegen.
Demokratieförderung in Osteuropa: die Rolle der KSZE/OSZE
Als Zielvorgabe für die Demokratisierung der ost- und ostmitteleuropäischen Staaten dienten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus die Dokumente der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) zur Menschlichen Dimension und zu den Menschenrechten, die im Juni 1990 in Kopenhagen bzw. im November 1990 in Paris unterzeichnet wurden.
In der Charta von Paris bekannten sich die Regierungen der osteuropäischen Staaten zu einer demokratischen Ordnung und verpflichteten sich, entsprechende Reformen durchzuführen. Die Charta regelt Schlüsselfragen der gesellschaftlichen und politischen Ordnung sowie die Sicherung der Stellung des einzelnen in der Zivilgesellschaft. Ein Zusatzdokument enthält Einzelheiten wie etwa zur Einrichtung eines Büros für Freie Wahlen (ab 1992 Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte, ODIHR – Office for Democratic Institutions und Human Rights).
Das Kopenhagener Dokument über die Menschliche Dimension der KSZE vom Juni 1990 betont u.a. die Bedeutung fairer und freier Wahlen. Diese international eingegangene Verpflichtung haben einige Nachfolgestaaten der Sowjetunion jedoch nicht oder nur in einem formalistischen Sinne eingelöst. Internationale Wahlbeobachter haben nur beschränkte Möglichkeiten, eventuelle Unregelmäßigkeiten im Laufe des Wahlverfahrens zuverlässig feststellen zu können.
Eine effektive Kontrolle des gesamten Wahlprozesses ist nur auf dem Wege eines vernetzten einheimischen Wahlbeobachtungsverfahrens möglich. Ein solches System läßt sich angesichts der fehlenden finanziellen und organisatorischen Voraussetzungen in den postsowjetischen Staaten nur mit internationaler Hilfe aufbauen.
In Belarus hat Lukašėnka nach den Präsidentschaftswahlen im Jahre 2001, bei denen ein weitverzweigtes Netz einheimischer, unabhängiger Wahlbeobachter vorhanden war, auf administrativem und gesetzlichem Wege deren Handlungsspielraum systematisch eingeengt, ja ihre Tätigkeit praktisch unmöglich gemacht.
In ähnlich substantieller Weise wie die freien Wahlen werden in den Dokumenten von Paris und Kopenhagen die Komplexe „Demokratische Ordnung“, „Unabhängigkeit der Rechtsordnung“, „Minderheitenschutz“ und „Marktwirtschaft“ behandelt.
Die Rolle der OSZE bei der Unterstützung der Transformation hin zu Demokratie hat sich im letzten Jahrzehnt verändert. Bei der Umwandlung der KSZE in eine permanente Organisation – die OSZE u.a. mit einem Ständigen Rat – blieb es beim Konsensprinzip: Maßnahmen der OSZE können nur im Einvernehmen zwischen den teilnehmenden Regierungen beschlossen werden, minus einer Stimme, nämlich der des betroffenen Landes. Sobald sich daher in einzelnen Staaten, vor allem in Osteuropa, politischer und also auch amtlicher Widerstand gegen eine Demokratisierung regte, büßten die OSZE und ihre Organe ihre Handlungsfähigkeit auf diesem sensitiven Gebiet weitgehend ein. Damit sind eine erhebliche Verwässerung der Glaubwürdigkeit und eine Schwächung der Durchsetzungsfähigkeit der OSZE eingetreten, was die Gefahr in sich birgt, daß die angestrebte Wertegemeinschaft in Europa zu einer Interessengemeinschaft reduziert wird.
Als politisches Gegengewicht zu dem nur beschränkt handlungsfähigen Ständigen Rat hat sich die Parlamentarische Versammlung der OSZE erwiesen, in der tatsächlich mit Mehrheitsentscheidung kritische Entschließungen zu den Demokratiedefiziten in einzelnen Mitgliedstaaten verabschiedet werden.
Seit 1992 ist die OSZE unglücklicherweise gezwungen, vorwiegend Krisenmanagement zu betreiben. Demgegenüber ist die Unterstützung der Demokratisierung in Osteuropa in den Hintergrund gerückt.

Demokratiedefizite in Osteuropa
Die politische Führung von Belarus steht in Osteuropa nicht allein mit dem Bemühen, den demokratischen Transformationsprozeß in ihrem Sinne umzulenken und Konzepte wie die des „starken Staates“ und der „gelenkten Demokratie“ durchzusetzen. Am Ende haben wir es mit autoritären Systemen zu tun, in denen oppositionelle Kräfte allenfalls geduldet, meist aber verfolgt werden.
Deutlicher noch als in Rußland manifestiert sich in Belarus die Tendenz hin zu einem neosowjetischen, autoritären Obrigkeitsstaat. Der 1994 auf der Grundlage einer demokratischen Verfassung gewählte Aljaksandr Lukašėnka setzte sehr schnell alles daran, die Gewaltenteilung aufzuheben und im November 1996 durch ein manipuliertes Referendum eine Verfassung zu oktroyieren, die alle Macht in der Person bzw. dem Amt des Staatspräsidenten konzentrierte. 2004 ließ er durch ein weiteres Referendum die unbegrenzte Wiederwahl des jeweils amtierenden Präsidenten legitimieren. Moskau folgte allen diesen verfassungspolitischen Kapriolen, während der Westen – die Europäische Union, der Europarat, die Parlamentarische Versammlung der OSZE, aber auch die Vereinigten Staaten – Sanktionen gegen das Regime verhängte und die Umsetzung genuiner demokratischer Reformen in Verfassung und Gesellschaft anmahnte.
Auch dort, wo es vor allem dank US-amerikanischer Hilfe beim Aufbau effizienter einheimischer Wahlbeobachtungsstrukturen die sogenannten „Blumenrevolutionen“ gab – in Georgien und in der Ukraine –, hapert es heute an der Entfaltung weiterer demokratischer Reformen in Staat und Gesellschaft. In Georgien setzen sich clangestützte Seilschaften durch und fördern einen autoritären Regierungsstil, der angesichts der starken Einflußnahme Rußlands auf die inneren Prozesse in gewissem Umfang verständlich ist. In der Ukraine wurde nach dem überzeugenden Wahlsieg von Präsident Viktor Juščenko im Dezember 2004 die neue Verfassung, welche die Rechte des Parlaments zulasten des Präsidenten stärkt, zu einem Hemmschuh für eine Demokratisierung in den Bereichen Gesetzgebung, Verwaltung und Wirtschaft. Nach dem Sieg der pro-rußländischen Kräfte in den Parlamentswahlen 2006 haben wir es in der Ukraine mit einer Kohabitation widerstreitender politischer Kräfte zu tun, die Reformen nach den EU-Kriterien unwahrscheinlicher und ein Eingehen auf rußländische Interessen wahrscheinlicher werden lassen
Solange es keine begründete Hoffnung auf eine EU- und NATO-Mitgliedschaft gibt, bleiben die demokratischen und marktwirtschaftlich orientierten Kräfte in der Ukraine und in anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion in der Defensive, weil ja nur eine solche Perspektive als glaubwürdige Alternative zur sonst unvermeidlich erscheinenden Anbindung an die Rußländische Föderation und letztlich zu einer strategischen Abhängigkeit von Moskau den Reformkräften den nötigen Aufwind im Lande geben kann. Der Weg nach Europa mag langwierig sein, aber ein glaubwürdiges Signal ist erforderlich, daß die Mitglieder der Europäischen Union diesen Gürtel von Ländern zwischen Ostsee und Schwarzem Meer, zwischen der Rußländischen Föderation und den heutigen Ostgrenzen der EU als Staaten anerkennen, die bei Erfüllung der Voraussetzungen durchaus Mitglieder der EU werden können. Ein Blick in die Geschichte dieser Völker unterstreicht ihre jahrhundertealte Zugehörigkeit zum westeuropäischen Kulturkreis. Die Defizite in der demokratischen Transformation beruhen vor allem auf der Unwilligkeit der autoritären Regierungen, diesen Pfad zu beschreiten, bzw. auf Unterdrückungsmaßnahmen gegen eine Bevölkerung, die sich in einer repressionsfreien Situation eher westwärts als ostwärts orientieren würde.
Defizite der deutschen Demokratieförderung in Osteuropa
Angesichts der düsteren Aussichten für eine Transformation zur Demokratie in fast allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion scheinen die deutschen Regierungsstellen und politischen Bildungseinrichtungen, darunter die politischen Stiftungen, resigniert zu haben. So ist leider zu konstatieren, daß sie bei ihren Bemühungen auf eine umfassende, konkrete und systematische Förderung demokratischer Kräfte in Osteuropa weitestgehend verzichten.
Die TRANSFORM-Programme der Bundesregierung sind praktisch beendet worden und konzentrierten sich ohnehin vornehmlich, wenn nicht ausschließlich, auf die Reform staatlicher Einrichtungen und gesetzlicher Regelungen. Das angesehene Deutsch-Russische Forum, das u.a. mit der Gestaltung des Petersburger Dialogs der Zivilgesellschaften beauftragt wurde, wird auf beiden Seiten als Dialogforum für die staatlich geförderten Einrichtungen angesehen und eignet sich eben nicht als Runder Tisch für gesellschaftliche Kräfte mit unterschiedlichen Interessen in den jeweiligen Staaten. Einzelne Ressorts verfolgen Einzelprojekte auf dem Wege der technischen Kooperation. Der Handlungsspielraum von politischen Stiftungen und NGOs in Osteuropa bewegt sich in den Grenzen, die ihnen die eigenen Ziele, die bereitgestellten Mittel und der Grad, in dem die betreffenden Regierungen ihre Aktivitäten hinnehmen, setzen.
Selbst humanitär motivierte Hilfsprogramme wie die für Opfer der Tschernobyl-Katastrophe stoßen in einem Lande wie Belarus auf erhebliche Schwierigkeiten. Mißtrauisch werden Aktivitäten von Menschenrechts- und anderen Nichtregierungsorganisationen wie dem Deutsch-Russischen Austausch oder kirchlich gestützten Strukturen wie dem Diakonischen Werk oder Renovabis beobachtet. Das seit Jahren in Minsk von der Deutsch-Belarussischen Gesellschaft in der von Deutschland finanzierten Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte (IBB) durchgeführte „Minsker Forum“ kann zwar weiterhin stattfinden, aber das belarussische Außenministerium siebt die deutschen Teilnehmer bei der Visaerteilung nach genehmen und nichtgenehmen Teilnehmern und nimmt selber an dem Forum nicht mehr teil.
Doch das Problem liegt auch auf seiten der NGOs und Stiftungen. Seit den politischen Umbrüchen an der Wende zu den 1990er Jahren haben die deutschen politischen Stiftungen kein strategisches Konzept für die großen Bildungsaufgaben bei der Förderung von demokratischen Reformkräften in den Zivilgesellschaften Osteuropas entwickelt. In der Regel engagieren sie sich punktuell, um Präsenz zu zeigen, personelle Netzwerke aufzubauen und um Unterlagen für die eigene Beurteilung der Entwicklung in diesen Gebieten des „gemeinsamen Hauses Europa“ zu erarbeiten. Diese begrenzten Zielsetzungen müssen angesichts der Dimension der zu bewältigenden Aufgabe als unzureichend eingestuft werden. Ein strategisches Konzept würde Perspektiven dieser Länder auf der Basis der gemeinsamen Werte, wie sie im November 1990 in Paris verankert wurden, identifizieren, abgestimmte Programme, ja gemeinsame Einrichtungen mit anderen politischen Stiftungen beinhalten und Instrumente entwickeln, mit denen die noch schwachen demokratischen und gesellschaftlichen Kräfte systematisch gestärkt werden können (Medien, Politikberatung, Aufbau von Wahlbeobachtungsnetzwerken, internationale Vernetzung).
Das mangelnde strategische Engagement ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, daß die politischen Stiftungen weder von der Bundesregierung noch vom Deutschen Bundestag Ermutigung und finanzielle Unterstützung bei der Entwicklung einer strategisch angelegten, finanziell aufwendigen Konzeption für die Demokratieförderung in Osteuropa erfahren haben.
Ansätze zu einer solchen Konzeption in Belarus auf europäischer Ebene hat es durchaus gegeben. Während meiner vierjährigen Tätigkeit als Leiter der OSZE-Berater- und Beobachtergruppe in Minsk habe ich an zahlreichen internationalen Konferenzen von Stiftungen aus westlichen Ländern teilgenommen, die ihre Programme für Belarus in den Bereichen Demokratie, Menschenrechte und Ausbildung diskutierten und sich über die Lage vor Ort austauschten. Beobachter von Regierungen waren dabei, gelegentlich auch Vertreter von Ministerien oder Botschaften, die Kooperationsprogramme mit Belarus durchführten. Vereinzelt nahmen Vertreter politischer Stiftungen teil.
Ansätze zu Strategien für die substantielle Beratung der politischen und gesellschaftlichen Kräfte in Belarus mit dem Ziel, die Transformation zur Demokratie aus der belarussischen Gesellschaft selbst wiederzubeleben, gab es auch in Verbindung mit den Aktivitäten der OSZE-Berater- und Beobachtergruppe in Minsk. Ihren Niederschlag fanden diese in der Abschlußerklärung des Istanbuler OSZE-Gipfels im November 1999, die auch von den Präsidenten der Rußländischen Föderation und Belarus’ unterzeichnet wurde. Die Erklärung nennt ausdrücklich die politischen Oppositionsparteien als Dialogpartner der belarussischen Regierung – eine Opposition, die sich in einem Beratenden Ausschuß zur Ausarbeitung einer Verhandlungslinie erfolgreich vereinigt hatte. Die Projekte der OSZE-Mission wurden finanziell von mehreren Regierungen, darunter der Bundesregierung, unterstützt.
Nachdem diese Tätigkeit der OSZE Ende 2001 auf Drängen von Lukašėnka zum Erliegen gekommen war, wurde die Demokratieförderung und insbesondere die Unterstützung der politischen Opposition in Belarus von der Bundesregierung, von der Europäischen Union, von den politischen Stiftungen in keiner strategischen Dimension fortgeführt, sondern nur mit Kleinstprojekten von marginaler politischer Bedeutung. Die politische Struktur der Opposition in Belarus konnte von Lukašėnka ungestört zerschlagen werden.
Kooperation mit der Opposition statt Dialog mit dem Regime
Die EU, die Bundesregierung und mehrheitlich auch die politischen Stiftungen setzten bei ihrem Bestreben, Schritt für Schritt demokratische Reformen und gleichzeitig damit eine Verbesserung der bilateralen Beziehungen zu erreichen, auf den Dialog mit Lukašėnka und seinem Machtapparat. Eine neue Strategie für die Kooperation mit den politischen Oppositionskräften wurde nicht entwickelt. Bei der mit einigem Aufwand betriebenen Förderung der Zivilgesellschaft standen unpolitische Themen im Vordergrund. Diese Situation hat sich bis 2006 nicht substantiell verändert. Auch die Europäische Kommission strich das Land Belarus von der Prioritätenliste für Programme auf dem Felde „Demokratie und Menschenrechte“ (bis Oktober 2005). Allerdings gab es Appelle der EU an die belarussische Regierung, demokratische Reformen einzuleiten, damit bilaterale EU-Belarus-Programme im Rahmen des Konzepts der Europäischen Nachbarschaftspolitik (ENP) ausgearbeitet werden können. Diese Appelle blieben jedoch ohne positive Resonanz.
Seit einiger Zeit zeichnen sich immerhin erste Initiativen für ein stärkeres Engagement der politischen Stiftungen sowie der Europäischen Kommission in Belarus ab, die auf eine direkte Förderung der belarussischen Zivilgesellschaft und eine Kooperation mit der politisch-gesellschaftlichen Opposition setzen. Die Frage ist jedoch, ob man über diesen zaghaften Anfang hinauskommen wird. Dies läßt sich nur schwer prognostizieren. Auf jeden Fall werden die USA das Demokratiedefizit weiterhin zum Anlaß nehmen, um die bedrängte Opposition im Lande aktiv zu unterstützen.
Die politische und gestalterische Zurückhaltung innerhalb der europäischen Staatengemeinschaft mag außenpolitische Gründe haben. Ein wichtiger Gesichtspunkt ist sicherlich die Rücksichtnahme auf Interessen der Rußländischen Föderation. Neben konzeptionellen Mängeln in den Stiftungen und Amtsstuben spielt sicherlich auch die Überlegung eine Rolle, ob die Demokratieförderung in Belarus und anderen osteuropäischen Ländern nicht falsche Erwartungen hinsichtlich einer zukünftigen EU-Mitgliedschaft und einer substantiellen finanziellen Unterstützung bei den inneren Reformen wecken könnte. Manche mögen auch die Demokratiefähigkeit der Nachfolgestaaten der Sowjetunion prinzipiell in Frage stellen. Ungeachtet der international eingegangenen Verpflichtung der osteuropäischen Staaten zur Umsetzung von demokratischen Reformen zögern westliche Institutionen, im Falle gegenläufiger Entwicklungen in einzelnen Ländern wie z.B. in Belarus, die Kräfte der politischen Opposition und direkt zu fördern.



Fehlende Konzepte für eine Förderung der Zivilgesellschaft in Belarus
Das Denken in staatlichen Kategorien und in solchen der internationalen Beziehungen hat die Oberhand. Das Denken und Handeln in Kategorien grenzüberschreitender gesellschaftlicher Strukturen auch auf dem Gebiet der Demokratie und Menschenrechte scheint demgegenüber unterentwickelt zu sein. Der bisherige Mangel an deutschen wie europäischen Gesamtkonzepten wird von den demokratischen, regimekritischen Kräften in Rußland und in Belarus leicht als Verbeugung der Europäischen Union und der EU-Mitgliedstaaten, nicht zuletzt auch Deutschlands, vor den herrschenden Autokraten in Moskau und Minsk, als Hintansetzung demokratischer Werte gegenüber politischen oder wirtschaftlichen Staatsinteressen angesehen.
Es wäre zu wünschen, daß die politischen Stiftungen in Sachen systematischer Demokratieförderung in Belarus gemeinsam an einem Runden Tisch den Fragenkomplex gründlich studieren und gemeinsame Konzepte für eine nachhaltige und wirksame Demokratieförderung vereinbaren würden. Eine Abstimmung mit Regierung und Parlament wäre unverzichtbar. Ob das dabei helfen würde, zu einer Konzeption zu gelangen, die den Namen auch verdient, zu einer Konzeption, die sich nicht auf die Kooperation mit der Regierung des in Frage stehenden Landes stützen würde, sondern im wesentlichen auf die demokratisch ausgerichteten Teile der Zivilgesellschaft, ist eine offene Frage.
Es mag vielleicht den USA leichter fallen als den europäischen Nachbarn von Rußland und Belarus, das eigene politische Prestige und finanzielle Mittel für eine politisch und strategisch ausgerichtete Förderung der Zivilgesellschaft in Belarus einzusetzen und dafür außenpolitische und wirtschaftliche Nachteile sowie das Risiko in Kauf zu nehmen, scharfe Kritik aus Moskau und Minsk wegen angeblicher Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Landes zu ernten. Während es der EU und ihren Mitgliedstaaten bei ihrem politischen und finanziellen Engagement in Osteuropa um den verbindenden demokratischen Wertekatalog im „gemeinsamen Haus Europa“ geht, spielen bei den USA auch andere, nämlich strategische Ziele eine Rolle. Gerade deswegen sollte die eigenständige europäische Politik in Sachen Demokratieförderung nicht im Bereich des Verbalen verbleiben, sondern gestalterisch wirken.
Wie dem auch sei, für die politische Opposition in Belarus stellt die im wesentlichen verbale Solidarität der eigenen Nachbarn in Europa und der europäischen Institutionen (EU, Europarat, Parlamentarische Versammlung der OSZE) eine schmerzhafte Erfahrung dar. Es scheint, daß unsere politischen Meinungsbildner und Entscheidungsträger dafür eine geringe Sensibilität entwickelt haben.
Demokratieförderung in Osteuropa à l’americaine und à l’européenne
Die europäische Demokratieförderung ist kurzfristig gesehen bislang nicht ergebnisbezogen orientiert, sondern hebt auf Langzeitwirkungen ab. In einem Aufsatz zur Rolle politischer Bildungsarbeit und Förderung der Zivilgesellschaft bei der Demokratieförderung in Ostmitteleuropa stellt Matthias Freise fest:

Politische Bildung und ihr englisches Pendant Civic Education nehmen unter den Instrumenten externer Demokratieförderung in den postsozialistischen Gesellschaften Ostmitteleuropas eine herausgehobene Stellung ein. Konzentrierte sich die Arbeit ausländischer Organisationen anfangs auf die Beratung zur Implementierung demokratischer Wahlverfahren, Verfassungen und Rechtssysteme sowie auf die Parteienlandschaften, ist spätestens seit Mitte der 1990er Jahre die Zivilgesellschaft in das Zentrum externer Förderanstrengungen gerückt. Dahinter steht folgende Annahme: Demokratische Institutionen und Verfahren reichen keineswegs aus, ehemalige Autokratien in liberal-demokratische Systeme zu überführen. Es braucht viel mehr als das: eine politische Kultur, die durch demokratische Werte und Verhaltensmuster geprägt ist und somit dem neuen demokratischen System Legitimität verleiht; ein starkes Vereins- und Verbandswesen, das die demokratische Konsolidierung stützt sowie ein hohes Maß an bürgerschaftlichem Engagement. Und dies läßt sich nur mit Hilfe politischer Bildungsarbeit erreichen.

Der inhaltlichen Aussage ist grundsätzlich zuzustimmen. Es muß aber betont werden, daß erfolgreiche politische Bildungsarbeit mit den Menschen und Einrichtungen anderer Länder nur auf dem Wege des Dialogs und nicht nach einem von außen verordneten, quasi-schulischen Unterrichtsverfahren erfolgen sollte.
Die USA haben mit der in den 1980er Jahren mit amtlichen Mitteln geschaffenen Stiftung National Endowment for Democracy und deren Unterorganisationen wie dem International Republican Institute (IRI) und dem National Democratic Institute for International Affairs (NDI) eine Institution geschaffen, deren Aufgabe es ist, in nicht demokratischen Staaten durch gezielte Förderung eine freie Presse, eine unabhängige Justiz sowie selbständige politische Parteien zu stärken und demokratische Konzepte für die Zivilgesellschaft und für die staatlichen Institutionen zu entwickeln. Der von diesen Instituten geförderte Aufbau von landesweiten unabhängigen Wahlbeobachtersystemen ist von entscheidender Bedeutung für das politische Ringen der demokratischen Kräfte in einem autoritär geführten Land. Die US-Einrichtungen aktivieren für diese Aufgabe in Osteuropa auch Fachleute aus dem ostmittel- und südosteuropäischen Raum und waren mit dieser Methode bislang recht erfolgreich.
Einen kritischen Blick auf die Herangehensweise der deutschen politischen Stiftungen an das Problem der Demokratieförderung in Osteuropa im Vergleich zur Strategie US-amerikanischer foundations wirft Winfried Schneider-Deters:

Wo sich der Konflikt zwischen einem autokratischen Regime und einer demokratischen Opposition durch die eklatante Mißachtung des Wählerwillens in einem unerträglich gewordenen Maße revolutionär zuspitzte, gilt es selbstkritisch einzuräumen, daß die amerikanische Konfrontationsstrategie [der Unterstützung einheimischer Partner-NGOs in deren Opposition zu den demokratisch nur bedingt legitimierten Regimes] als opportun und die auf Ausgleich gerichtete Haltung der deutschen politischen Stiftungen [i.e. die Befürwortung der Zusammenarbeit zwischen Staat und NGO-Sektor] eher als opportunistisch einzuschätzen ist. Dieser Befund gilt für die Entwicklung in Georgien im Herbst 2003 und die Ukraine im Winter 2004 gleichermaßen. Dem spontanen Protest verhalfen dort von amerikanischen Institutionen geschulte Gruppen zum Sieg; deutsche politische Stiftungen spielten hingegen keine Rolle.

Dieser Einschätzung ist voll zuzustimmen. Im Lichte der erfolgreichen „Blumenrevolutionen“ in der Ukraine und Georgien entwickelte die deutsche Bertelsmann-Stiftung zusammen mit der US-amerikanischen NGO Open Society eine Belarus-Initiative mit dem Ziel, die EU noch vor den Parlamentswahlen in Belarus 2004 und den Präsidentschaftswahlen 2005 zu einer proaktiven Politik gegenüber der dortigen Zivilgesellschaft zu bewegen. Die Initiative führte aber weder in der EU noch in Berlin oder bei den politischen Stiftungen zu einer nachhaltigen Verstärkung des strategischen Engagements für eine direkte Demokratieförderung in Osteuropa bzw. Belarus. Einige Aktivitäten wurden gestartet, z.B. die Förderung von auf Belarus gerichteten Radio- und Fernsehprogrammen und die Durchführung von Besuchsreisen belarussischer Politiker und spezifischer Gruppen in die EU. Belarus wurde, wie dem Autor inoffiziell bekannt wurde, auch wieder auf die Prioritätenliste der Europäischen Kommission für Projekte auf dem Gebiet Demokratie und Menschenrechte gesetzt.
Die kritische Beurteilung des autoritären Regimes nach den manipulierten Präsidentschaftswahlen im März 2006 durch die europäischen Institutionen und ein entsprechendes Echo in den Parlamenten und bei den Regierungen von EU-Mitgliedstaaten steht außer Frage. Den mutigen Demonstrationen junger Menschen gegen die Fälschung der Wahlergebnisse wird Respekt gezollt und die strafrechtliche Verfolgung von Demonstranten, Wahlbeobachtern und Präsidentschaftskandidaten scharf verurteilt. Sanktionen gegen Schlüsselpersonen im Regierungssystem wurden beschlossen. Aber es bewegt sich kaum etwas bei der Antwort auf die Frage, wie der unterdrückten Opposition wirksam geholfen werden soll. Die Zeit drängt, denn im Januar 2007 werden Kommunalwahlen stattfinden, und die Opposition bereitet ihre Teilnahme daran vor. Einige der ostmitteleuropäischen Länder wie Polen und Litauen, die vor wenigen Jahren selbst durch den politischen Befreiungskampf gingen, drängen die europäischen Institutionen zu wirksameren Maßnahmen, während sie gleichzeitig offen mit amerikanischen NGOs zusammenarbeiten.





Die OSZE auf Konfrontationskurs mit Belarus
In Belarus hatte die OSZE-Berater- und Beobachtergruppe von 1998 bis 2001 ein relativ weitgehendes Handlungsmandat. Auf der Grundlage des Belarus-Passus in der erwähnten Erklärung der Präsidenten und Regierungschefs auf dem Istanbuler OSZE-Gipfel 1999 konnte die Gruppe eine Reihe wichtiger demokratiefördernder Maßnahmen durchführen. Zu den Ergebnissen ihrer Arbeit zählen

▪ der Aufbau eines weitverzweigten Netzes unabhängiger belarussischer
Wahlbeobachter;
▪ eine Vereinbarung mit der Regierung über Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition über eine begrenzte demokratische Reform mit einer unterstützenden Funktion der OSZE-Mission;
▪ die Bildung eines ständigen „Beratenden Ausschusses der politischen Oppositionsparteien“;
▪ die kontinuierliche Förderung unabhängiger Medien;
▪ die Bildung einer Belarus-Troika aus Abgeordneten des Europäischen Parlaments sowie der Parlamentarischen Versammlungen der OSZE und des Europarats;
▪ eine Übereinkunft zwischen der Europäischen Kommission, dem OSZE-Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) und der OSZE-Berater- und Beobachtergruppe in Belarus über ein Demokratieprogramm mit einem Jahresetat von etwa einer Million Euro.

Diese Maßnahmen wurden z.T. gemeinsam mit der belarussischen Regierung durchgeführt. Nationale Regierungen (z.B. Deutschland, die Niederlande, Großbritannien, Kanada) stellten finanzielle Mittel für die Projekte zur Verfügung.
Diese positive Entwicklung brach jedoch ab, als sich die Regierungen in Europa ebenso wie das OSZE-Sekretariat von Lukašėnka beeindrucken ließen, als dieser dem Westen im Jahre 2001 zu verstehen gab, der damalige Leiter der OSZE-Berater- und Beobachtergruppe in Minsk, Botschafter Wieck, habe sein Mandat überschritten. Der belarussischen Erklärung über die Verletzung des Mandats widersprach allein der US-Außenminister auf der OSZE-Außenminister-Tagung in Bukarest im November 2001. Nachdem die OSZE eine substantielle Einschränkung des OSZE-Mandats in Belarus akzeptiert hatte, wurde im Januar 2003 ein neuer Leiter des künftigen OSZE-Büros (OSCE Office) in Minsk entsandt.
Der Stein des Anstoßes für die ablehnende Haltung von Präsident Lukašėnka gegenüber der OSZE-Mission war ganz offenbar der Aufbau des Netzwerkes einheimischer Wahlbeobachter. So wurde kurz vor den Präsidentschaftswahlen in einer Sonderausgabe der staatseigenen Zeitung Sovetskaja Belarussija dem damaligen US-Botschafter Michael Kozak und dem Leiter der OSZE-Mission Wieck öffentlich vorgeworfen, sie organisierten nicht nur die Wahlbeobachtung, sondern auch einen Aufstand am Abend des Wahltages (9. September 2001).
Ausweg aus der Sackgasse: eine proaktive europäische Belarus-Politik
Die EU, die Regierungen der Mitgliedstaaten, aber auch der Europarat verfolgten weiterhin die Strategie, Fortschritte in der Demokratisierung des belarussischen Staates auf gütlichem Wege im Dialog mit Lukašėnka herbeizuführen. Gleichzeitig sahen und sehen sie sich wegen des fortdauernden und im Zusammenhang mit den Wahlen von 2005 und 2006 sogar noch verschärften staatlichen Unterdrückungskurses dazu gezwungen, weitere Sanktionen gegen das Regime zu verfügen, etwa die Sperrung von Konten und die Verweigerung von Einreisevisen für Regierungsmitglieder. Heute kann das OSZE-Büro in Minsk Projekte nur noch mit Genehmigung der Regierung umsetzen und davon unabhängig nur noch Lageberichte an den Ständigen Rat der OSZE erstatten. Die europäischen Institutionen, in erster Linie der Ständige OSZE-Rat, die EU und der Europarat haben sich in bezug auf die Demokratieförderung in Belarus in eine politische Sackgasse manövriert. Sie befinden sich in einem Dilemma: Entweder sie halten den Dialog mit Lukašėnka aufrecht und verzichten wegen anderer Interessen auf die praktische Umsetzung weitreichender Konzepte zur demokratischen Transformation in Belarus, oder aber sie führen konsequent konzeptionell abgestimmte Direktprogramme mit den politischen und gesellschaftlichen Oppositionskräften innerhalb der Zivilgesellschaft durch und riskieren eine weitere Verschlechterung der Beziehungen mit der belarussischen Regierung.
In Deutschland ist weder bei den politischen Stiftungen noch an wissenschaftlichen Instituten wie der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) oder in den politischen Parteien ein Bemühen zu erkennen, eine Strategie der systematischen und proaktiven Förderung der politischen und gesellschaftlichen Opposition in Belarus auszuarbeiten. Dies scheint immer noch ein Tabu zu sein. In Deutschland haben offenbar Regierung und Parlament ebenso wie politische Stiftungen und wissenschaftliche Institute nach wie vor vage Vorbehalte gegenüber den Strategien, die von den US-amerikanischen Organisationen unter dem Dach des National Endowment for Democracy auf der Grundlage des am 20. Oktober 2004 von Präsident Bush unterzeichneten Belarus-Gesetzes („Belarus Democracy Act“) des amerikanischen Kongresses durchgeführt werden. Seit August 2006 liegt dem US-Kongreß auf der Grundlage des 2004 verabschiedeten Rahmengesetzes ein Haushaltsvorschlag in Höhe von mehr als 40 Mio. US-Dollar für Demokratieförderung in Belarus in den Jahren 2007–2008 vor.
Gleichzeitig applaudieren die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten nach den Erfolgen einer effektiven einheimischen Wahlbeobachtung in Ländern wie Georgien und der Ukraine, deren Aufbau und Wirken über Jahre hinweg durch amerikanische NGOs finanziell und konzeptionell gefördert worden waren. Europa begrüßte die demokratische Wende in den genannten Ländern und würde es zweifellos auch in Belarus begrüßen, wenn die amerikanischen Anstrengungen und die Bemühungen der politischen Opposition in Belarus zum Erfolg führen würden. Aber schon das Studium der Arbeitsweise der US-Einrichtungen und der Methoden einheimischer Wahlbeobachtung in Ländern unter autoritären Regimen ist bislang unterblieben. Keine deutsche politische Stiftung hat je ein solches Projekt für Belarus oder irgendein anderes Land in Osteuropa entwickelt. Erstmals schrieb die Europäische Kommission im Frühjahr 2006 Projekte auf diesem Gebiet aus, die von NGOs im EU-Raum mit Partner-NGOs in Belarus ohne Einschaltung der belarussischen Regierung durchgeführt werden können.
Das OSZE-Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte (ODIHR) widersetzte sich lange den amerikanischen Bemühungen und denen von Nichtregierungsorganisationen in Belarus und anderen postsowjetischen Ländern, die solche Programme entwickeln wollten. Erst 2002 gab das Büro schließlich einen Leitfaden für eine einheimische Wahlbeobachtung heraus, den NGOs in Belarus und anderen postsowjetischen Ländern benutzen können.
Die Europäische Union sollte sich von der Furcht vor negativen rußländischen Reaktionen emanzipieren. Rußland entscheidet ohne Konsultation mit der EU oder einzelnen Mitgliedstaaten über seine Belarus-Politik, und dasselbe Prinzip muß auch für die EU und ihre Mitgliedstaaten gelten. Es darf in Europa keine machtpolitischen und ideologischen Reservate für Moskau oder auch für die Europäische Union geben. Wenn die Belarussen über die Staatsform von Belarus in freien und fairen Wahlen entscheiden können sollen, so ist es unabdingbar, daß die dortige Zivilgesellschaft die längst überfällige direkte Hilfe durch offizielle Einrichtungen und über zivilgesellschaftliche Kanäle erhält, um solche Wahlen politisch durchzusetzen. Der belarussischen Herausforderung sollten sich die EU als ganzes und die Regierungen der Mitgliedstaaten mit der Entwicklung einer eigenen Handlungsstrategie und -politik stellen und nicht mit abwartender Skepsis auf den Erfolg der amerikanischen Anstrengungen warten.
Es ist zu bedauern, daß der Europäische Rat – die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten – in dieser Frage keine gemeinsame Richtlinie, keine gemeinsame politische Doktrin für die Zusammenarbeit mit den Zivilgesellschaften in Osteuropa im allgemeinen und in Belarus im besonderen vereinbart hat, die den OSZE-Kriterien für pluralistische Demokratien, Rechtsstaatlichkeit und Achtung der individuellen Menschenrechte entspricht. An Vorschlägen für umfassende Aktionsprogramme mangelt es nicht. Sie kommen u.a. von privaten Stiftungen wie der Bertelsmann-Stiftung und von der Vereinigung Menschenrechte in Weißrussland e.V., aber auch von litauischer und polnischer Seite. Doch werden solche Programme im europäischen Kontext vornehmlich unter taktischen Gesichtspunkten diskutiert. Man ist bereit, etwas zu machen, um gegenüber der bedrängten Opposition in Belarus irgend etwas vorzuweisen zu haben und um im Vergleich zu den weitergehenden US-Programmen nicht ganz mit leeren Händen dazustehen. Auch zeigt man damit sein Bestreben, dem Drängen vor allem der Polen und Litauer nachzugeben. Mit einzelnen Maßnahmen aus diesen Aktionsplänen wird ein Zeichen gesetzt, das allerdings weitgehend wirkungslos bleibt, weil die Maßnahmen nicht Teil eines umfassenden Programms sind, sondern lediglich einzelne Teile eines Puzzles, die mehr oder weniger willkürlich zusammengesetzt sind, weil sie aus offenen Ausschreibungen hervorgehen.
Radio- und Fernsehprogramme aus dem Ausland, die nicht alle Teile des Landes, vor allem nicht Minsk erreichen, sind zwar ein guter Anfang, aber im ganzen dennoch ineffektiv. Mit einer solchen Politik ist es unmöglich, ein Vertrauensverhältnis zwischen einem Belarus-Team der EU und ihrer Mitgliedstaaten und einem Team der belarussischen politischen und gesellschaftlichen Oppositionskräfte herzustellen. Dies jedoch ist die Grundvoraussetzung für eine gemeinsame politische Strategie.
Es ist an der Zeit, einen solchen europäisch-belarussischen Arbeitskreis zu bilden, dessen Aufgabe es wäre, ein gemeinsames Programm zu erarbeiten. Bedauerlicherweise unterlassen es die politischen Parteien und die nationalen Parlamente in Europa, von den Regierungen eine proaktive Politik einzufordern und zivilgesellschaftlichen Strukturen die Mittel an die Hand zu geben, die erforderlich sind, um sich in Belarus wirksam im Sinne der Demokratieförderung zu engagieren. Die Europäische Union sollte die Denkanstöße zu einer solchen Politik, die von Polen und Litauen ausgehen, aufgreifen und in eine europäische Doktrin „Freie und faire Wahlen für Belarus“ einbeziehen. Europa hat in Belarus einen Ruf verloren – das Versprechen, sich aktiv für demokratische Reformen in allen Teilen Europas einzusetzen, wie es mit der Charta von Paris im Jahre 1990 und der Gipfelerklärung von Istanbul 1999 gemeinsam gegeben worden war. Diesen Ruf gilt es wiederzugewinnen.
Ein politisches Belarus-Programm für Deutschland und Europa
Voraussetzung für eine effektive Demokratieförderung in Belarus ist ein erfahrener Koordinator auf europäischer und ebenso auf nationaler Ebene. Der erste Schritt eines solchen Koordinators in Deutschland könnte in der Bildung eines Koordinationsausschusses, etwa eines Runden Tisches der deutschen politischen Stiftungen und anderer zu beteiligender Einrichtungen bestehen. Die politischen Stiftungen verfügen zwar über beachtliche Erfahrung auf dem Gebiet des politischen Dialogs in Transformationsländern, haben aber bislang kaum wirksame Instrumente entwickelt, um demokratische Institutionen und Zivilgesellschaften in autoritären Staaten wie Belarus koordiniert und nachhaltig zu fördern. Diese Defizite gilt es zu beheben.
Aufbauen läßt sich auf den Erfahrungen, die im Zuge der breitgefächerten humanitären Hilfe für Belarus nach der Tschernobyl-Katastrophe von 1986 gemacht wurden. Den Ansatz für ein deutsches Belarus-Programm könnte u.a. die durch die Bundesregierung geförderte Tätigkeit von NGOs, von deutschen und belarussischen Initiativgruppen bilden, die auf den Gebieten Bildung, Gesundheit, kommunale Selbstverwaltung und Marktwirtschaft zur Entwicklung von Bürgerverantwortung und Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Diese Entwicklungskooperation auf dem Weg über die Zivilgesellschaft ist zu begrüßen, aber sie ist kein Substitut für das, was auf politischer Ebene in der Kooperation mit der Opposition in Belarus zu geschehen hat und wofür weiter unten konkrete Beispiele gegeben werden. Nur auf einem solchen Wege können im Lande selbst die politischen Voraussetzungen für freie und faire Wahlen geschaffen werden. Die amerikanischen NGOs sind aus guten Gründen primär auf diesem politischen Gebiet tätig. Sie bauen bei ihrer Arbeit auch auf Freiwillige aus Ländern Ostmitteleuropas, u.a. aus der Ukraine, der Slowakei und Polen.
Nach Auffassung der belarussischen Opposition ist die von den USA gewährte Unterstützung eigentlich etwas, das man in erster Linie von der Europäischen Union und ihren Mitgliedstaaten erwartet hatte. Aber die Hilfe von dieser Seite blieb – abgesehen von Einzelmaßnahmen einzelner Mitgliedstaaten und von dem kohärenten Programm der OSZE-Berater- und Beobachtermission 1998–2001 – aus.
Wie könnte ein europäisches Demokratieprogramm für Belarus aussehen?
Ein politisches Richtlinienpapier des Europäischen Rates zur Demokratieförderung in Belarus sollte folgende Punkte enthalten:

Ein Beauftragter der EU für Belarus ist zu ernennen, dem

▪ das Management eines Demokratiefonds;
▪ die Bildung einer europäischen Beratergruppe für Belarus;
▪ die Bildung einer Gruppe von Vertretern der belarussischen politischen und gesellschaftlichen Opposition und deren Beratung durch die europäische Gruppe;
▪ die Koordinierung und Genehmigung von Belarus-Projekten;
▪ die Beobachtung der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Belarus und deren Bewertung in Kooperation mit dem Politischen Ausschuß der EU;
▪ die Kooperation mit internationalen und nationalen Nichtregierungsorganisationen (z.B. Amnesty International, International Helsinki Federation for Human Rights; politische Stiftungen in Deutschland und anderen Ländern);
▪ die Kooperation mit dem Europarat und der OSZE sowie mit anderen an der Transformation von Belarus interessierten Ländern sowie
▪ die Initiierung von Studien über die demokratische Transformation in Belarus und
▪ die Betreuung der belarussischen Medien

obliegen sollte.
Diese Zusammenstellung der vielfältigen Aufgaben eines Koordinators macht die Komplexität des Problems deutlich.





Welche konkreten Aufgaben wären anzupacken?
1. Ausstrahlung von TV- und Radioprogrammen in russischer und belarussischer Sprache mit einer landesweiten Reichweite und auf Frequenzen, zu denen die Bürgerinnen und Bürger Zugang haben; Übernahme der wichtigsten Programme ins Internet;
2. Förderung regionaler und lokaler Zeitungen in Belarus;
3. Bildung von beratenden Ausschüssen der Opposition für kontinuierliche Beratungen mit dem zukünftigen Europa-Beauftragten für Belarus und seiner Beratergruppe. Hierzu wären wichtige Repräsentanten der politischen Parteien und Mitarbeiter von gesellschaftlichen Organisationen sowie im Exil lebende Politiker einzuladen;
4. Unterstützung bei der Ausarbeitung von Grundsatzpapieren für die Zukunft von Belarus und für Regierungsprogramme;
5. europaweite Belarus-Informationsveranstaltungen;
6. Erstellung von Informationsmaterial für Belarus über die Entwicklungen in Europa;
7. Ausbildung von Bürgerinnen und Bürgern für Wahlkampf/Wahlbeobachtung;
8. Unterstützung beim Aufbau eines einheimischen Netzes von Wahlbeobachtern und Kontaktpersonen für exit-polls (Beobachter, Juristen, Mediensprecher);
9. Veranstaltung von internationalen Sponsoren-Treffen;
10. Schaffung von Ausbildungsmöglichkeiten für Belarussen in Europa;
11. Betreuung von politisch Verfolgten.

Sobald sich in Zukunft das belarussische autoritäre Regime für eine genuine demokratische Transformation öffnet, ist die Kooperation des Belarus-Beauftragten und seiner Berater auf Regierungsvertreter und staatliche Strukturen auszudehnen. Unter den heutigen Bedingungen wird jedoch vorläufig ein Großteil der hier diskutierten Tätigkeiten des Belarus-Beauftragten der EU und seiner Berater außerhalb des Landes abgewickelt werden müssen, insbesondere die Zusammenarbeit mit der politischen und gesellschaftlichen Opposition.
Durch eine vertrauensvolle Zusammenarbeit sollte erreicht werden, daß die belarussische Opposition jederzeit politische Verantwortung in Belarus übernehmen kann. Es ist müßig, darüber zu spekulieren, wann der erhoffte Kurswechsel in Belarus eintreten wird. Wichtig ist es, daß der Bevölkerung fortlaufend ein umfassendes Bild der Situation vermittelt wird und daß eine politische und gesellschaftliche Opposition in der Lage ist, im Lande Vertrauen zu gewinnen und im entscheidenden Moment handlungsfähig zu sein.
Die Europäische Union wiederum sollte jederzeit in der Lage sein, in einem solchen Falle unverzüglich erste finanzielle Starthilfe und wirksame politische Unterstützung zu leisten. Gleiches gilt für den Europarat und die OSZE sowie für nationale Regierungen und Nichtregierungsorganisationen.

Olaf Leiße | 73

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Stefan Auer | 85 | Volltext

Der verlorene Schatz der Revolution
Hannah Arendt und die Revolutionen 1956, 1968 und 1989
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Hannah Arendt hat erstaunlich früh von der Legitimitätskrise des sowjetischen Imperiums gesprochen. Diese Weitsichtigkeit war allerdings mit einer Kurzsichtigkeit bei der Beobachtung aktueller Ereignisse im kommunistischen Osteuropa gekoppelt. Die blutigen Ereignisse des Ungarnaufstands 1956 spielte sie etwa herunter. Sie schrieb von ihnen, als habe sie das im Auge, was erst 1989 stattfand. Gleichwohl sind Arendts theoretische Erkenntnisse über das Verhältnis von Macht und Gewalt zentral für das Verständnis des Ungarischen Volksaufstandes sowie der politischen Bedeutung, welche die kollektive Erinnerung an dieses Ereignis im Jahr 1989 und bis heute hat. Schließen

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OSTEUROPA 9/2006, S. 85-98


STEFAN AUER
DER VERLORENE SCHATZ DER REVOLUTION
HANNAH ARENDT UND DIE REVOLUTIONEN 1956, 1968 UND 1989

HANNAH ARENDT HAT ERSTAUNLICH FRÜH VON DER LEGITIMITÄTSKRISE DES SOWJETISCHEN IMPERIUMS GESPROCHEN. DIESE WEITSICHTIGKEIT WAR ALLERDINGS MIT EINER KURZSICHTIGKEIT BEI DER BEOBACHTUNG AKTUELLER EREIGNISSE IM KOMMUNISTISCHEN OSTEUROPA GEKOPPELT. DIE BLUTIGEN EREIGNISSE DES UNGARNAUFSTANDS 1956 SPIELTE SIE ETWA HERUNTER. SIE SCHRIEB VON IHNEN, ALS HABE SIE DAS IM AUGE, WAS ERST 1989 STATTFAND. GLEICHWOHL SIND ARENDTS THEORETISCHE ERKENNTNISSE ÜBER DAS VERHÄLTNIS VON MACHT UND GEWALT ZENTRAL FÜR DAS VERSTÄNDNIS DES UNGARISCHEN VOLKSAUFSTANDES SOWIE DER POLITISCHEN BEDEUTUNG, WELCHE DIE KOLLEKTIVE ERINNERUNG AN DIESES EREIGNIS IM JAHR 1989 UND BIS HEUTE HAT.

Im· Oktober 2006 jährte sich der ungarische Volksaufstand zum fünfzigsten Mal. Das veritable „europäische Jahr“ 1956 brachte die erste große Krise des sowjetischen Imperiums. Dies bietet Anlaß, sich mit dem Denken Hannah Arendts und ihren Einsichten in das Wesen des Totalitarismus und die Substanz des Politischen zu befassen. Obwohl Arendt nicht viel über den Volksaufstand 1956 in Ungarn und noch weniger über den Prager Frühling 1968 geschrieben hat, sind ihre Erkenntnisse über das Verhältnis von Macht und Gewalt und die Möglichkeit revolutionärer Umbrüche für beide Ereignisse wichtig. Noch mehr gilt das für das Ende des Kommunismus 1989.
Ein solch unhistorisches Unternehmen, drei Ereignisse, die mehr als dreißig Jahre auseinander liegen, unter einem Blickwinkel zu betrachten, wird auf die gleichen Vorbehalte stoßen, mit denen auch Hannah Arendt konfrontiert war. Die meisten Historiker fanden ihre Darstellungen verzerrt, da sie mehr an Ideen als an „Fakten“ interessiert war. Politikwissenschaftler konnten nicht damit umgehen, daß sie sich weigerte, scharf zwischen analytischen und normativen Feststellungen, zwischen Beschreibungen dessen, „was ist“ und dem, „was sein sollte“, zu unterscheiden.
Revolutionen faszinierten Arendt und beunruhigten sie zugleich. Die Faszination rührte daher, daß sich in Revolutionen das Politische in Reinform zeigt. Revolutionen waren für sie jene magischen Momente in der Menschheitsgeschichte, in denen Männer und Frauen gemeinsam handeln und so in der Lage sind, die Grenzen ihrer biologischen Existenz zu überschreiten und Idealen der Freiheit nachzustreben. Nur durch solches politisches Handeln würden, so Arendt, Menschen ihr Potential ausschöpfen. Und Revolutionen galten ihr als die entscheidenden Ereignisse der jüngeren Geschichte, weil in ihnen „der politische Bereich wieder in seiner alten Autonomie zur Geltung kam.“ Was Arendt an Revolutionen beunruhigte, war die Tatsache, daß sie nur allzuoft äußerst blutig verliefen. Und wo Gewalt im Spiel ist, gibt es wenig Raum für Politik.
Dies scheint eine seltsame These zu sein, geht es in der Politik doch hauptsächlich um Konflikte, die auch gewaltsam ausgetragen werden. Hannah Arendt sah dies anders. Was den Menschen zu einem politischen Wesen mache, sei seine „Fähigkeit zu handeln und zu sprechen“, wobei „das Sprechen [. . .] eine andere Art des Handelns“ sei. Gewalt sei hingegen „im Unterschied zur Macht stumm; Gewalt beginnt, wo das Sprechen endet.“ Daher könnten Revolutionen, die sich auf Gewalt verlassen, niemals die Voraussetzungen für Freiheit schaffen. Arendt war überzeugt, daß Macht niemals „aus den Gewehrläufen“ kommen könne. Macht und Gewalt gelten ihr als Gegensätze: „[W]o die eine absolut herrscht, ist die andere nicht vorhanden.“
Revolutionäre Bewegungen, die sich die Eliminierung der Freiheit zum Ziel gesetzt hatten, untersuchte sie nicht zuletzt in ihrem bedeutenden Werk „Über die Revolution“. Eine der zentralen Einsichten Arendts, die sie in „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ darlegte, war, daß der Nationalsozialismus und der Stalinismus von totalitären Bewegungen mit radikalen revolutionären Zielen installiert wurden. Selbstverständlich sind einige Aspekte dieser klassischen Studie über den Totalitarismus nicht mehr zu halten. Wenn Arendt etwa andeutet, die Entstehung des Totalitarismus habe etwas mit der Enttäuschung des europäischen Bürgertums zu tun, das bereit war, die „heroischen“ Ziele einer totalitären Bewegung zu akzeptieren, so kann dies nicht überzeugen. Die Tatsache, daß das Bürgertum allzu oft von engen, selbstsüchtigen Interessen geleitet war, erklärt nicht, warum es der nationalsozialistischen Ideologie erlag. Zudem ist diese Erklärung nicht auf Rußland anwendbar, wo, wie Arendt bemerkte, eine atomisierte Gesellschaftsordnung erst von der totalitären Bewegung geschaffen werden mußte, statt eine Voraussetzung für ihre Entstehung zu sein. Auch Arendts Skepsis gegenüber der entstehenden internationalen Menschenrechtsbewegung scheint überholt. Schließlich ist auch ihre These, eine totalitäre Herrschaft könne nur in bevölkerungsreichen Staaten aufrechterhalten werden, durch das stabile nordkoreanische Regime widerlegt. Diese Liste ließe sich fortsetzen.
Wichtiger ist jedoch, wie viele der Arendtschen Erkenntnisse relevant geblieben sind, nachdem sich mit dem Zusammenbruch des Kommunismus die Archive in Rußland geöffnet haben. Das gilt etwa für die Rolle der Ideologie. Historiker der revisionistischen Schule wie Sheila Fitzpatrick hatten der Bedeutung der Ideologie keine sonderliche Bedeutung beimessen wollen. In den letzten Jahren hat sowohl die Politikgeschichte als auch die Alltagsgeschichte anhand neuen Archivmaterials zeigen können, daß Arendts Position richtig ist.
„Totgesagte leben länger“ – Totalitarismus als Modell
Die Kritiker des totalitären Paradigmas betonten immer wieder, daß es nicht hilfreich sei, die Geschichte aus der Perspektive heutiger politischer Ansichten zu betrachten und zu beurteilen. So bemühten sich revisionistische Osteuropahistoriker seit den 1970er Jahren, ihre Forschung aus dem Kreuzfeuer der vom Kalten Krieg angeheizten Auseinandersetzung zu nehmen, indem sie sich auf Gesellschaftsgeschichte und später auf die Alltagsgeschichte konzentrierten. Sie wollten wissen, wie normale Menschen in unnormalen Zeiten lebten. Dabei waren sie überzeugt, bessere Erkenntnisse über die innere Dynamik der kommunistischen Regime gewinnen zu können als die Anhänger des totalitären Paradigmas. Darüber hinaus wandten sie sich strikt gegen die Behauptung, es bestünden keine fundamentalen Unterschiede zwischen dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus, zwischen dem bolschewistischen und dem nationalsozialistischen revolutionären Projekt.
Diese Versuche erinnern an den Raucher, der behauptet, nichts sei leichter als das Rauchen aufzugeben – schließlich habe er das schon viele Male gemacht. Wieder und wieder wurde Totalitarismustheorie für tot oder irrelevant erklärt. Und immer wieder entstand sie mit neuer Vitalität. Wir erleben seit einigen Jahren eine „dritte Welle“ der neueren Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus. Die erste Welle ging in den 1970er und 1980er Jahren von den regimekritischen osteuropäischen Intellektuellen aus, die Hannah Arendt, Albert Camus und George Orwell entdeckten. Da ihre Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus mit dem Aufstieg der revisionistischen Sowjetunionforschung im Westen zusammenfiel, wurden sie dort weitgehend ignoriert. Die zweite Welle folgte auf den Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums 1989–1991. Nun interessierten sich fast alle westlichen Universitätsprofessoren für das Totalitarismus-Konzept. Eine gewisse Rolle spielte dabei der Einfluß ostmittel- und osteuropäischer Intellektueller auf den westeuropäischen Diskurs. Die dritte Welle löste der 11. September 2001 aus. Was schwammig als „Krieg gegen den Terror“ bezeichnet wurde, wird von vielen als Krieg gegen einen neuen Totalitarismus gedacht, der in der Ideologie des islamischen Fundamentalismus verankert sei.
„Natalität“ und die Möglichkeit der Freiheit
Eine andere gängige Argumentation gegen das Totalitarismus-Paradigma lautet, es würde die innere Dynamik totalitärer Regime unterschätzen, die Totalitarimus-Theorien könnten Veränderungen in totalitären Staaten nicht erfassen. Hannah Arendt war tatsächlich recht pessimistisch, als sie Ende der 1940er Jahre The Origins of Totalitarianism schrieb. Aber sie hatte dennoch die Hoffnung, daß totalitäre Gesellschaften auch von innen in Frage gestellt werden könnten. Sie war sogar überzeugt, daß totalitäre Regime nichts Bleibendes errichten können: „Totale Herrschaft gleich der Tyrannis trägt den Keim ihres Verderbens in sich.“ Ein totalitärer Staat könne die Gesellschaft nie vollständig atomisieren und absolute Kontrolle über alle Bürger erlangen. Daher könne es immer einen neuen Anfang geben, die Möglichkeit eines solchen Anfangs sei ein wesentlicher Bestandteil der conditio humana:

Initium ut esset, creatus est homo – ‚damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen’, sagt Augustin. Dieser Anfang ist immer und überall da und bereit. Seine Kontinuität kann nicht unterbrochen werden, denn sie ist garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen.

Mit diesen Sätzen endet die 1955 – also ein Jahr vor dem Ungarischen Volksaufstand – erschienene, gegenüber dem Original erweiterte deutsche Ausgabe der Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft.
Viel klarer formuliert Arendt das Konzept des Neuanfangs und seine Bedeutung für die Revolution, für die Freiheit und für das Ideal des Politischen aber in ihren späteren Schriften, in Vita Activa , Über die Revolution und in den Fragmenten, die in dem Band Was ist Politik? versammelt sind. Ebenso wie man die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft „besser von hinten als von vorn liest“ , so ist auch Arendts gesamtes Werk am besten zu verstehen, wenn man ihre früheren Arbeiten im Lichte ihrer späteren Erkenntnisse liest.
Arendts Verständnis des Politischen ist entscheidend von ihrem Studium des Totalitarismus beeinflußt. Eines der Grundanliegen ihrer politischen Theorie ist die Frage, wie der politische Bereich erhalten werden kann, der einzige Ort, an dem Menschen als freie Bürger handeln können. Nachdem Arendt den Nationalsozialismus und den Stalinismus als politische Regime eines völlig neuen Typs identifiziert hatte, die die totale Vernichtung der Freiheit und die Eliminierung jedes politischen Raumes anstrebten, war sie um die Erhaltung des Begriffs der Freiheit bemüht. Dazu wandte sie sich dem antiken Griechenland zu. Für die Griechen sei es, so Arendt, selbstverständlich gewesen, daß frei sein nicht einfach bedeutete, frei von Beschränkungen zu sein. Diese negative Freiheit sei eine Erfindung des modernen Liberalismus. Freiheit habe für die Griechen bedeutet, daß man in der Lage ist, etwas Neues anzufangen:

Daß Freiheit des Handelns gleichbedeutend ist mit dem Einen-Anfang-Setzen-und-Etwas-Beginnen, ist innerhalb des griechischen politischen Bereichs am besten dadurch illustriert, daß das Wort ‚archein’ sowohl anfangen wie herrschen heißt.

Arendt schreibt über „die Verkoppelung von Frei-Sein und Beginnen“, und sie begreift Freiheit als etwas, was in direktem Gegensatz zum Versuch der „totalen Herrschaftsformen“ steht, „die Spontaneität des Menschen auf allen Gebieten prinzipiell zu vernichten.“ Diese Einsicht in die Bestrebungen des totalen Staates deutet auch auf seine Grenzen hin. Denn eine solche Herrschaftsordnung, die auf deterministischen Annahmen über die Geschichte der Menschheit beruht, befindet sich in einem permanenten Kampf gegen die pluralistische Natur menschlicher Gesellschaften:

Denn gegen die mögliche Festlegung und Erkennbarkeit der Zukunft steht die Tatsache, daß die Welt sich durch Geburt täglich erneuert und durch die Spontaneität der Neu[an]kömmlinge dauernd in ein unübersehbar Neues hineingerissen wird.

Arendts Interesse gilt hier zweifellos nicht alleine der biologischen Reproduktion:

Der Neubeginn, der mit jeder Geburt in die Welt kommt, kann sich in der Welt nur darum zur Geltung bringen, weil dem Neuankömmling die Fähigkeit zukommt, selbst einen neuen Anfang zu machen, d.h. zu handeln.

Dank dieser Fähigkeit kann politische Macht sogar in äußert repressiven Regimen entstehen und die Geschichte niemals enden. Diese Art von Freiheit und diese Art von Macht, die Arendt im antiken Griechenland aufspürte, traten in der Neuzeit bei Revolutionen oder immer dann zu Tage, wenn Menschen sich zusammentaten, um durch gemeinsames Handeln politische Ziele zu erreichen. Ein zentraler Aspekt von politischer Macht in diesem Sinne ist, daß sie nicht auf Gewalt beruht.
Die Ungarische Revolution von 1956 zeigte klar die Grenzen des sowjetischen totalitären Systems sowie jeder anderen Herrschaftsordnung auf, die vor allem mit gewaltsamen Mitteln aufrechterhalten wird. Gleichzeitig hat der Aufstand auch die Grenzen der Vorstellung gezeigt, daß Macht das Gegenteil von Gewalt sei. 20 000 Tote und die Niederlage des Aufstands sprechen für sich.
Dies ist der Grund, warum Arendt sich mit revolutionären Räten beschäftigte. In ihnen sah sie eine Art kooperativer Macht, die spontan in politischen Krisenzeiten entsteht und sich die Hierarchie des herrschenden Regimes ersetzen kann, ohne selbst hierarchische Strukturen aufzubauen. Für Arendt war die Bildung von Räten, nicht die Wiedererstehung von Parteien ein klares Zeichen für einen demokratischen Aufbruch gegen die Diktatur, für die Erhebung der Freiheit gegen die Tyrannei.
Die Realität der revolutionären Räte – sei es in der Pariser Kommune von 1871, in Rußland im Jahre 1905 und 1917 oder in Ungarn im Jahre 1956 – sah jedoch anders als Arendts idealisierte Vorstellung aus. Besonders ihre Behauptung, die Arbeiterräte seien vor allem an politischer Emanzipation statt an der Verbesserung ihrer materiellen Lage interessiert gewesen, ist problematisch. Aber genauso wie sich Arendts Gedanken über die Rätedemokratie als eine fruchtbringende Quelle von Anregungen für eine normative demokratische Theorie erwiesen haben , können uns ihre Schriften über Revolutionen vielleicht mehr darüber sagen, wie Revolutionen hätten sein sollen als wie sie tatsächlich verlaufen sind.
Anscheinend hat Arendt niemals aufgehört, über eine Revolution zu schreiben, die nie stattgefunden hat. Ihr berühmtes Buch Über die Revolution feiert die Amerikanische Revolution von 1776 und bemüht sich, sie vom Schatten ihrer besser bekannten Schwester, der Französischen Revolution von 1789, zu befreien. Wie schon Tocqueville so betont auch Arendt, daß die amerikanischen Revolutionäre wesentlich erfolgreicher den Boden für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit vorbereiteten als die französischen, weil sowohl ihrer Forderungen als auch ihre Methoden weniger radikal waren. Die amerikanischen Revolutionäre verhielten sich außergewöhnlich zurückhaltend, so daß die Revolution gewaltarm blieb. Kein Wunder, daß dem viele Historiker mit dem Argument widersprachen, die Revolution könne nicht vom Bürgerkrieg getrennt werden, es sei viel mehr Blut vergossen worden, als Arendt uns glauben machen will. Ähnlich verhält es sich mit Arendts Bericht über die Ungarische Revolution von 1956. Liest man Arendts Äußerungen heute, könnte man den Eindruck gewinnen, dies sei die erste samtene Revolution in Ostmitteleuropa gewesen:

Positiv gesehen war das Erstaunlichste hier, daß aus einer Volksaktion kein Chaos entstand und keine Anarchie. Es kamen keine Plünderungen der Läden vor, überhaupt keine Eigentumsdelikte, und dies in einem Lande, dessen niedriger Lebensstandard und großer Warenhunger notorisch sind. Es gab auch keine Morde, denn in den wenigen Fällen, in denen die Menge zu direkter Aktion schritt und höhere Offiziere der Geheimpolizei öffentlich aufhängte, hat sie sich bemüht, gerecht zu sein und auszuwählen, und nicht einfach jeden aufzuhängen, der ihr in die Hände geriet.

Als Arendt über den ungarischen Volksaufstand schrieb, stand sie vor einem Dilemma, mit dem in ähnlicher Weise auch Immanuel Kant – in bezug auf die Französischen Revolution – konfrontiert gewesen war: Wie ist es möglich, die Ziele der Revolutionäre zu billigen oder sie sogar zu teilen, ihre Mittel aber als illegitim abzulehnen? Eine der Möglichkeiten, einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden, besteht darin, die Haltung eines uninteressierten Zuschauers einzunehmen. Kant sah es als erfreulich an, daß sich viele außenstehende Beobachter über das Ereignis freuten, und er betrachtete diese Entwicklung als ein erfreuliches Zeichen moralischen Fortschritts. Dies war etwa die Argumentation im „Streit der Fakultäten“, in dem Kant der Französischen Revolution Beifall zollte, obwohl er ständig darauf hinwies, ziviler Ungehorsam könne nie rechtens sein. „Ein solches Phänomen in der Menschheitsgeschichte vergißt sich nicht mehr“, bemerkte Kant zustimmend.
Arendt vollführt einen ähnlichen Drahtseilakt: Wie ist es möglich, Revolutionen als magische Momente der Politik zu feiern, wenn mit ihnen Gewalt einhergeht, was einen Rückfall in den vorpolitischen Bereich bedeutet? Dies könnte leichter fallen, sobald diese Geschehnisse zu Geschichten werden, über die die Menschen sprechen, über die sie ihre Meinung austauschen und an die sie sich öffentlich in angemessener Weise erinnern können. Auf diese Weise können sogar blutige Ereignisse in den Bereich der Politik transferiert werden, in dem Sprechen Handeln ist.
Politik als öffentliches Gedächtnis – „Das vergißt sich nicht“
Echtes politisches Handeln sollte nicht nur gepriesen werden, weil es Gesellschaften zum Besseren zu verändern kann. Es ermöglicht vor allem jedem Einzelnen, sein einmaliges Freiheitspotential zu verwirklichen. Um es noch deutlicher auszudrücken, als es Arendt in bezug auf die Führer der Amerikanischen Revolution getan hat: Der moderne Mensch kann nur durch politisches Handeln Unsterblichkeit erlangen. In einem Brief an Arendt, den Karl Jaspers unmittelbar nach den Ereignissen in Ungarn schrieb, evoziert er Kant: „Das vergißt sich nicht.“ Ein Jahr später schrieb Arendt über die Ungarische Revolution als ein „wirkliches Ereignis, das nicht an Sieg oder Niederlage gemessen werden [kann], seine Größe beruht und ist gesichert in der Tragödie, die sich in ihm entfaltete.“
Arendts Einschätzung der Bedeutung, die die Erinnerung an 1956 hat, erwies sich als bemerkenswert weitsichtig. Arendt mag die Fähigkeit des Regimes unterschätzt haben, nach 1956 die öffentliche Erinnerung an die Ereignisse zu unterdrücken. Daß diese erzwungene Stille lebenswichtig für den Erhalt des Regimes war, hat sie aber in aller Klarheit gesehen. Das Ereignis war so wichtig, daß die Geschichte Ungarns seit 1956 als Perzeptionsgeschichte des Aufstands gelesen werden kann. So wie die Unterdrückung der Erinnerung an das Jahr 1956 ein elementarer Bestandteil der kommunistischen Ordnung war, so war auch die feierliche Umbettung des Leichnams von Imre Nagy, der 1958 wegen „konterrevolutionären Verhaltens“ in seiner Zeit als ungarischer Ministerpräsident hingerichtet worden war, im Juni 1989 ein klares Anzeichen für das Ende des Regimes. Als es nach der Implosion des kommunistischen Regimes im Jahre 1989 möglich wurde, offen und frei über die Bedeutung des Jahres 1956 zu diskutieren, artikulierten viele Parteien ihre Programme, indem sie ihr Verhältnis zu diesem Ereignis darlegten.
Bevor es soweit kam, zeigte das Regime viele Jahre seine totalitäre Seite, die Arendt vielleicht nicht in aller Klarheit gesehen hat. Es liegt in der Natur eines totalitären Herrschaftssystems, daß es Ideologie zu Realität machen kann. So erklärte z.B. die kommunistische Kádár-Nomenklatura, bei dem Ereignis von 1956 habe es sich nicht um einen Volksaufstand gehandelt, sondern um eine Konterrevolution, also um ein Nicht-Ereignis. Zudem sorgte sie für seine „Nichtexistenz“, indem sie es aus dem öffentlichen Gedächtnis löschte:

Das Nicht-darüber-Sprechen war ein wichtiges Mittel, die Geschichte anders darzustellen. In der offiziellen kommunistischen Chronologie verloren bestimmte Daten, Ereignisse und Personen ihre Verständlichkeit. Sobald ein Thema von der offiziellen Geschichtsschreibung bewilligt worden war, verlor es seine Historizität. [. . .] Historische Ereignisse und Akteure sanken dadurch, daß sie tabu waren, in den Bereich der Nichtexistenz hinab, wurden zu Nichtereignissen, Nichtproblemen, Unpersonen.

So gesehen diente die physische Vernichtung des wichtigsten Volkshelden von 1956, Imré Nagy, als Rechtfertigung einer speziellen Interpretation jenes Ereignisses. So wie zu stalinistischen Zeiten die Zahl der hingerichteten Opfer der Säuberungen die nicht nachlassende Wachsamkeit der Partei beweisen sollte, so war die Exekution von Imré Nagy im Jahre 1958 das letzte Beweisstück für die ungarische Historiographie, welche behauptete, 1956 habe eine Konterrevolution stattgefunden und Nagy sei ein Verräter gewesen. Dies ist der Schlüssel zum Verständnis des Paradoxons des sogenannten „Gulaschkommunismus“, der in Ungarn nach der teilweisen Liberalisierung des Regimes Anfang der 1960er Jahre entstand. An der Oberfläche schien Kádárs Ungarn in politischer und wirtschaftlicher Hinsicht recht liberal zu sein, besonders im Vergleich zu anderen Ländern des sowjetischen Imperiums. Gleichwohl basierte das Regime auf Einschüchterung. János Kádár hatte die Autorität eines Mörders. Trotz der Unterdrückung der öffentlichen Erinnerung wußten viele von seiner Verantwortung für den Justizmord an seinem Konkurrenten, aber niemand durfte ihn je erwähnen Es ist bezeichnend, daß das erste frei gewählte Parlament bemüht war, die öffentliche Erinnerung in ein Gesetz zu gießen. Bereits in seiner ersten Sitzung im Mai 1990 verkündete es:

Der 23. Oktober, der Tag des Ausbruchs der Revolution von 1956 und des Beginns des Freiheitskampfes und auch der Tag der Verkündung der ungarischen Republik im Jahre 1989, soll von jetzt an ein Nationalfeiertag sein.

Ein anderer Versuch, die öffentliche Erinnerung zu kodifizieren, war die Eröffnung des umstrittenen Museums „Haus des Terrors“ im Jahre 2002, das die Ereignisse des Jahres 1956 sehr einseitig präsentiert. Ob irgendein legislativer Akt oder ein Museum in einem demokratischen Gemeinwesen „die historische Bedeutung“ eines Ereignisses „kodifizieren“ kann, sei dahingestellt. Besonders problematisch ist, daß der Zusammenhang zwischen dem Jahr 1956 und dem Jahr 1989 in Ungarn oft allzu eng gesehen wird. Vernachlässigt wird dabei, welche Rolle der Wandel der internationalen Lage beim Niedergang des Kommunismus im Jahre 1989 spielte, insbesondere die Rolle der Sowjetunion.
Grenzen des sowjetischen Imperialismus
Arendt hat gesehen, daß das sowjetische Imperium von seinen Rändern, d.h. durch die erst nach dem Zweiten Weltkrieg einverleibten Länder Ostmitteleuropas herausgefordert werden würde. Ebenso war ihr klar gewesen, daß die Aufrechterhaltung des Imperiums eng mit der Aufrechterhaltung des kommunistischen Regimes im Mutterland verbunden war. Sobald das Regime offenbarte, das es das Imperium aufgeben könnte, untergrub dies seine Position im Mutterland. Dies mußte Michail Gorbačev einige Jahrzehnte später erfahren. Es sei daran erinnert, daß ein zentraler Aspekt der Perestrojka das Neue Denken in der sowjetischen Außenpolitik war, wozu der Verzicht auf die Brežnev-Doktrin von der begrenzten Souveränität der Staaten des Warschauer Pakts gehörte.
Arendt hatte auch in vieler Hinsicht recht, was das Verhältnis zwischen Macht und Gewalt in den Revolutionen in Ostmittel- und Osteuropa betraf, welche dem Scheitern von 1956 folgten. Mit guten Gründen kann man behaupten, daß der Erfolg zum großen Teil davon abhing, wie weit sie dem „Arendtschen Modell“ der Revolutionen nahekamen. Sowohl die Revolutionäre wider Willen als auch die Großmächte mußten nach und nach ihre eigenen Lektionen über die Dynamik politischer Macht und die Grenzen eines Regimes lernen, das ausschließlich auf der Androhung von Gewalt beruhte. Die gewaltlosen Revolutionen von 1989 wurden dadurch ermöglicht, daß sogar die Machthaber in Moskau diese Arendtsche Lehre akzeptierten.
Einer der erstaunlichsten neuesten Funde in den Archiven ist, daß sogar Chruščev und Kádár sich zumindest bis zu einem gewissen Grade bereits 1956 dieser Grenzen bewußt waren. Kádár warnte seine sowjetischen Partner ausdrücklich vor der Invasion. Nicht nur, weil diese „destruktiv wäre und zu Blutvergießen führen könnte“, sondern auch wegen der sich daraus ergebenden politischen Konsequenzen. Kádár sagte voraus, die „Moral der Kommunisten [werde] auf null reduziert“ und „die Autorität der sozialistischen Ländern untergraben.“ Obwohl Kádár seine Prophezeiung bis zu einem gewissen Grade „widerlegte“, indem er die Entwicklung in Ungarn gut drei Jahrzehnte lang aufhielt, können diese Dekaden in der Rückschau als permanente Legitimitätskrise der kommunistischen Herrschaft in Ostmittel- und Osteuropa charakterisiert werden. Die Meilensteine dieser lange währenden Legitimationskrise sind bekannt: den Ereignissen von 1956 in Ungarn und Polen folgten der Prager Frühling von 1968 und die Gründung der Charta 77 in der Tschechoslowakei, denen wiederum die Solidarność-Bewegung in Polen folgte.
Die Tatsache, daß der Prager Frühling von 1968 in der Tschechoslowakei stärker dem Arendtschen Modell der gewaltlosen Macht in Aktion entsprach, bedeutete, daß er sogar eine noch ernstere Herausforderung der sowjetischen Herrschaft war als der Aufstand in Ungarn 1956. Was die Durchführung der militärischen Operation betrifft, so war der sowjetisch angeführte Einmarsch in der Tschechoslowakei viel leichter und kostete weniger Menschenleben als die Unterdrückung des Ungarischen Aufstands. Die Restauration der Legitimität des kommunistischen Regimes in der Tschechoslowakei war jedoch wesentlich schwieriger. Die Tschechoslowakei lieferte 1968/69 ein beeindruckendes Beispiel „zivilen Kampfes zur nationalen Verteidigung“. Obwohl die Tschechen und Slowaken besiegt wurden, hinderten sie „acht Monate lang die Russen daran, ihr politisches Ziel zu erreichen – ein Regime, das den sowjetischen Wünschen nachkam.“ Außerdem hatte die Unterdrückung des Prager Frühlings sogar noch mehr als die Invasion in Ungarn im Jahre 1956 unbeabsichtigt zur Folge, daß die kommunistische Ideologie im Westen delegitimiert wurde. Arendt betrachtete die sowjetisch angeführte Intervention in der Tschechoslowakei als ein Zeichen der Schwäche, welche den weiteren Niedergang des sowjetischen Imperiums kennzeichnete:

Nackte Gewalt tritt auf, wo Macht verloren ist. Die russische Lösung des tschechischen Problems zeigte deutlich einen entscheidenden Machtverlust des russischen Regimes an… Man kann Macht durch Gewalt ersetzen, und dies kann zum Siege führen, aber der Preis solcher Siege ist sehr hoch; denn hier zahlen nicht nur die Besiegten, der Sieger zahlt mit dem Verlust der eigenen Macht.

Tatsächlich bezeichnete kein Geringerer als Michail Gorbačev den Prager Frühling als das Ereignis, das ihm die Grenzen der Gewalt als einer Quelle politischer Macht verdeutlichte. Diese Einsicht hilft zu verstehen, warum die „Colts nicht rauchten“ als sich der Zerfall des sowjetischen Imperiums abzeichnete. Die Sowjetunion hätte sehr wohl die militärische Kapazität gehabt, dies zu verhindern. Doch die politische Führung hatte den Glauben ihrer Vorgänger verloren, daß Macht mit Gewalt aufrechterhalten werden kann.
Es sei jedoch daran erinnert, daß sich der Erfolg der gewaltlosen Revolution in Ostmitteleuropa zum großen Teil nicht auf Gorbačevs Klugheit gründete, sondern vielmehr auf seine Bereitschaft, die Konsequenzen seiner Fehleinschätzung zu tragen. Tatsächlich mag man einwenden, der friedliche Kollaps des Kommunismus sei durch eine Reihe fataler Fehlurteile der kommunistischen Eliten ermöglicht worden. Ebenso wie der Marxismus gerade durch die Vorhersage des bevorstehenden Zusammenbruchs seinen Teil zur Stabilisierung der liberalen Demokratie und des kapitalistischen Wirtschaftssystems beigetragen hat, war der Glaube an die Unbesiegbarkeit des kommunistischen Systems ein wichtiger Faktor bei seinem endgültigen Untergang im Jahre 1989:

Hätte das Politbüro der sowjetischen Kommunistischen Partei die Konsequenzen der Wahl Gorbačevs zum Generalsekretärs der Partei vorhergesehen, so wäre er wahrscheinlich nicht gewählt worden (statt dessen wäre er vielleicht sofort erschossen worden), und dies wiederum hätte der Geschichte der Sowjetunion vielleicht eine ganz andere Wendung gegeben.

Die Tatsache, daß kaum jemand den Kollaps des Kommunismus vorhersehen konnte, erklärt vielleicht seinen gewaltlosen Charakter. Sowohl die kommunistischen Eliten als auch die oppositionellen Bewegungen waren entschlossen, eine weitere Konfrontation wie die im Jahre 1956 in Ungarn zu vermeiden, aber ihre Ziele waren völlig unterschiedlich. Gorbačev und die reformistischen kommunistischen Kader in Polen und Ungarn glaubten, durch den Verzicht auf Gewalt würden sie ihre politische Position stärken und die Zukunft des Sozialismus sichern. Für die oppositionellen Bewegungen hingegen bestand das Ziel darin, immer mehr Raum für eine glaubwürdige Politik zu schaffen, die seit dem Scheitern des Prager Frühlings mit immer weniger Bezügen auf den Marxismus artikuliert wurde. Obwohl die kommunistischen Eliten vielleicht die negative „Arendtsche“ Lektion über die Grenzen der auf Gewalt beruhenden Macht gelernt hatten, unterschätzten sie die Herausforderungen, politische Macht durch „vereintes Handeln“ zu erlangen, und ließen ungewollt den Erfolg der oppositionellen Bewegungen zu.
Die Zukunft von 1956
Fünfzig Jahre nach dem ungarischen Aufstand bleiben seine Bedeutung und Beziehung zu den neueren postkommunistischen Entwicklungen in Ungarn und Europa größtenteils umstritten. Das ist nicht verwunderlich: „Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen.“ Man kann im Nachhinein leicht sagen, daß sich Menschen wie János Kádár täuschten, als sie dachten, sie könnten die Zukunft dadurch determinieren, daß sie die Vergangenheit unter Kontrolle hielten. Als die Reformkommunisten versuchten, sich als Sozialdemokraten neu zu erfinden, entpuppte sich der Versuch, die öffentliche Erinnerung an 1956 zu unterdrücken, als kontraproduktiv. Nagy galt nun trotz – oder gerade wegen – der jahrzehntelangen Dämonisierung als perfekter Demokrat. Vielleicht ist er durch seinen Tod populärer geworden, als er es hätte werden können, wenn er am Leben geblieben wäre, denn der Tote konnte Menschen mit radikal anderen politischen Überzeugungen nicht daran hindern, ihn als ihren Helden zu beanspruchen. Nach 1989 konnten Antikommunisten, Liberale und sogar Konservative behaupten, die Ziele von 1956, die Ziele von Imré Nagy, seien ihre Ziele gewesen.
Aber 1989 war nicht einfach eine Wiederholung von 1956 und hätte es auch gar nicht sein können. Sogar Arendt wäre wohl über die postkommunistischen Entwicklungen in Ungarn und im gesamten Ostmitteleuropa enttäuscht gewesen. Obwohl die Revolutionen von 1989 Arendt und ihren Glauben an die Möglichkeit eines Neuanfangs rechtfertigten, führten sie ungeachtet der antipolitischen Rhetorik und der anfänglichen Begeisterung für das Konzept der Zivilgesellschaft nicht zu einer neuen Form von Rätedemokratie. Bedeutet dies, daß das Erbe von 1956 aus dem Gedächtnis verschwinden wird? Am Vorabend des fünfzigsten Jahrestages der Revolution gibt es keine Anzeichen dafür, daß dies geschieht.
Was sehr wohl geschehen könnte ist, daß die öffentlichen Feiern zum Gedenken an die Ereignisse das Jahres 1956 dem Erbe mehr Schaden zufügen werden als die vierzig Jahre erzwungen Schweigens. Um eine engstirnige Instrumentalisierung von 1956, wie sie im „Haus des Terrors“ versucht wird, zu verhindern, sollte man sich an den offenen Charakter aller wirklich politischen Projekte erinnern. „Der verlorene Schatz der Revolution“ , um Arendts unvergeßliche Formulierung zu gebrauchen, wird vielleicht niemals gefunden werden, aber dies sollte uns nicht daran hindern, es zu versuchen.

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