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Machtmosaik Zentralasien
Traditionen, Restriktionen, Aspirationen

Manfred Sapper, Volker Weichsel, A.Huterer (Hg.)
648 Seiten, 40 Abbildungen, 23 Karten
Berlin (BWV) 2007 [ = Osteuropa 8-9/2007]
Preis: 32,00 €
ISBN: 978-3-8305-1217-2

Coverbild

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Andrea Huterer | 7

Editorial
Mosaiksteine
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Zentralasien ist paradox. Seine Vergangenheit ist nahe, seine Gegenwart fern. Jeder, der das Mosaik an der Mir-e-Arab Medrese in Buchara auf dem Titelbild und die Kuppel der Medrese als Vollbild in der Rückklappe sieht, kann historisches Wissen über die Seidenstraße abrufen. Ohne die große Tradition – die städtischen Hochkulturen an den Oasen, die riesigen Steppenreiche, die Blüte des Islam am wichtigsten Handelsweg zwi-schen Ost und West und die Multikulturalität zwischen Wüsten und Hochgebirgen – ist Zentralasien nicht zu verstehen. Doch der Glanz des Gewesenen lässt alles andere verblassen: Das heutige Zentralasien ist weitgehend terra incognita.
In dieses Dunkel richten die Autoren des vorliegenden Bandes ihre Scheinwerfer. Dazu folgen sie zunächst den Pfaden der Herrschaft in den fünf autokratisch verfassten Staa-ten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Vergleichen-de Analysen und exemplarische Studien zum Regimetypus, den Funktionen des Führer-kults und zur Elitenrekrutierung zeigen: Wer die autoritäre Herrschaft auf eine vermeintliche orientalische Tradition zurückführt, unterliegt einem Geschichtsdeterminismus. Dieser geht ebenso in die Irre wie die geschichtsvergessene Annahme, Demokratie könne mit Geld erkauft oder der Hilfe einiger ausländischer Nichtregierungsorganisationen in kurzer Zeit herbeigefördert werden. Die wahren Wurzeln des zentralasiatischen Autoritarismus liegen in der Sowjetzeit. Ihn zu überwinden ist nicht unmöglich, aber es bedarf eines günstigen internationalen Umfelds.
Genau dieses ist nicht gegeben. Es ist kein Zufall, dass das politische Klima in den fünf Staaten in dem Maße restriktiver geworden ist, in dem Zentralasien in den letzten Jahren von der Peripherie zum Drehkreuz der Großmächte geworden ist. Ganz gleich, ob es um die Energieressourcen oder um Überflugsrechte und Militärbasen geht: Die konkurrierenden Aspirationen Russlands, Chinas und der USA erweitern den Hand-lungsspielraum der herrschenden Präsidenten und ihrer Entourage. Dies zeigte sich in aller Deutlichkeit nach dem Massaker im usbekischen Andischan im Jahr 2005. Als Washington Taschkent wegen Menschenrechtsverletzungen kritisierte, sank der Stern der USA rapide. Moskau und Peking, die den zentralasiatischen Staaten nicht nur geographisch, sondern auch politisch näherstehen, standen bereit, die Lücke zu füllen. Dem kann die Europäische Union nur wenig entgegensetzen.
Dabei wäre das Kooperationsmodell der EU genau das, was Zentralasien bräuchte. Die fünf Staaten sind infrastrukturell auf nahezu allen Feldern der Politik voneinan-der abhängig. Wie existentiell diese Interdependenz ist, zeigt sich an einer der größten menschengemachten Umweltkatastrophen: der Austrockung des Aralsees. Diese zei-tigt klimatische Veränderungen mit verheerenden gesundheitlichen und sozioökono-mischen Folgen, die nur durch Kooperation zwischen den Staaten am Oberlauf der wichtigen Flüsse und den Unteranrainern zu lindern wären.
Die physischen, politischen und thematischen Karten in den Einschüben dieses Ban-des visualisieren diese Zusammenhänge und geben einen Überblick über den Natur-, Kultur- und Politikraum Zentralasien. Bei den Karten wie im ganzen Band war es oberstes Ziel, den Zugang zu Neuem für den Leser so leicht als möglich zu machen. Daher sind die Eigennamen in jener Form gehalten, die dem deutschen Leser die ver-trauteste ist. Eine originalgetreue Übernahme der landessprachlichen Formen – etwa usbekisch Qu’qon für Kokand – wäre hingegen einer Exotisierung gleichgekommen. Schließen

Wege in die Moderne

Jörg Stadelbauer | 9

Zwischen Hochgebirge und Wüste
Der Naturraum Zentralasien
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Die fünf postsowjetischen Staaten Zentralasiens weisen geographische Strukturmerkmale auf, die dazu beitragen, dass manche Entwicklungsprozesse schwieriger als in anderen Weltregionen auflaufen. Naturräumliche Gegensätze, zunehmende Wasserknappheit, die Folgen von Ressourcenverschwendung und eine wachsende Bevölkerung werfen Probleme auf, denen mit dem derzeitigen Umwelt- und Wirtschaftsmanagement nur unzureichend begegnet werden kann. Schließen

Bert Fragner | 27

Hochkulturen und Steppenreiche
Der Kulturraum Zentralasien
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Zentralasien ist seit alters her ein Gebiet strukturierter Multikulturalität. Die Spannung – manchmal auch Symbiose – zwischen hoch spezialisiertem, viehzüchtendem Reiternomadentum und sesshaften Hochkulturen prägte die Physiognomie Zentralasiens bis in die Neuzeit. Gewaltsame Konflikte führten zu weiträumigen Völkerwanderungen. Die Symbiose produzierte die legendäre Seidenstraße, einen Höhepunkt transkultureller Koexistenz. Die Spezifika der Region wurden allerdings seit dem 18. Jahrhundert überformt, als zunächst der westliche Teil Zentralasiens unter chinesische, im 19. Jahrhundert dann der östliche Teil unter russische Herrschaft geriet. So sind die Grenzen der heutigen Nationalstaaten Produkt der imperialen Konkurrenz und der sowjetischen Nationalitätenpolitik. Schließen

Annette Krämer | 53

Islam in Zentralasien
Blüte, Unterdrückung, Instrumentalisierung
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Zentralasien war seit der arabischen Expansion im siebten Jahrhundert immer wieder ein wichtiges Zentrum der islamischen Welt. Besonders im vierzehnten Jahrhundert gaben mystische Strömungen aus der Region bedeutende Impulse. Für mehrere Jahrhunderte prägte diese sufische Tradition ganz Zentralasien. Der Bruch kam mit der Eingliederung in die Sowjetunion. Moskau setzte mal auf Repression, mal auf Kontrolle des Islam. Dennoch lebte in den Gesellschaften Zentralasiens neben dem offiziellen ein „paralleler“ Islam weiter. Als in der Perestroika der Druck nachließ, blühte das religiöse Leben wieder auf. Nach ihrer Unabhängigkeit gaben sich alle zentralasiatischen Staaten einen islamischen Anstrich. Seit Mitte der 1990er Jahre wird der Islam aber wieder stärker gegängelt. Vor allem in Usbekistan wird Islam immer öfter mit Terror gleichgesetzt. Schließen

Uwe Halbach | 77

Das Erbe der Sowjetunion
Kontinuitäten und Brüche in Zentralasien
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Die Sowjetunion wirft in Zentralasien weite Schatten. Trotz der Auflösung der UdSSR und der Unabhängigkeit der fünf zentralasiatischen Sowjetrepubliken war das Jahr 1991 keine Stunde Null. Zwar postulierten die politischen Eliten eine kulturelle „Wiedergeburt“ und politische Neuorientierung unter nationalstaatlichen Vorzeichen. Doch sowjetische Traditionen wirken fort. Insbesondere die Breschnjew-Ära ist bedeutsam. Diese „bleierne Zeit“ war in Zentralasien von Dynamiken charakterisiert, die für die Entwicklung der Region bis heute relevant sind. In jahrzehntelangen Amtszeiten der kommunistischen Führer bildeten sich gesellschaftliche, kulturelle und politische Trends heraus, die Politik, Wirtschaft und Gesellschaft der Staaten prägen. Schließen

Ingeborg Baldauf | 99

Tradition, Revolution, Adaption
Die kulturelle Sowjetisierung Zentralasiens
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Die sowjetische Kulturpolitik in Zentralasien unterlag über die Jahrzehnte starken Wandlungen. In den 1920er Jahren dominierte ein emanzipatorischer Kulturansatz, der das sozialistische mit dem nationalen Projekt verknüpfte und sich mit Modernisierungsbestrebungen der zentralasiatischen Intelligenzija traf. Die stalinistische Kulturrevolution unterbrach diese Entwicklung. Sie ersetzte kulturellen Pluralismus durch sowjetischen Paternalismus, Standardisierung und Folklorisierung. Unter der Oberfläche hielten sich jedoch bis zum Zerfall der UdSSR Elemente einer originär zentralasiatischen Alltagskultur, traditionelle Werte, Sitten und Rituale. Schließen

Pfade der Herrschaft

Andreas Heinemann-Grüder, Holger Haberstock | 121

Sultan, Klan und Patronage
Regimedilemmata in Zentralasien
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Die farbigen Revolutionen in der Ukraine und Georgien nährten Erwartungen auf eine Demokratisierung in Zentralasien. Diese blieb jedoch aus. Die Herrschaftssysteme gelten als semiautoritär oder sultanistisch. Kirgisistan, Usbekistan und Turkmenistan demonstrieren, vor welchen Dilemmata diese Regime stehen. Sie produzieren kaum Stabilität und Legitimität, so dass sie alle Regimewechsel durch Wahlen oder Nachfolgekrisen fürchten. Den Sicherheitsapparaten kommt dadurch eine Schlüsselrolle zu. In Zentralasien kristallisiert sich eine Mischung aus dem putinschen und dem chinesischen Modell als wahrscheinlichstes Herrschaftsszenario heraus. Schließen

Marlène Laruelle | 139 | Volltext

Wiedergeburt per Dekret
Nationsbildung in Zentralasien
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Nach der Erlangung der Unabhängigkeit standen die zentralasiatischen Staaten vor der Aufgabe, sich eine nationale Identität zu schaffen. Im Unterschied zu den europäischen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, wo breite Volksbewegungen die nationale Eigenständigkeit erstritten hatten, ging die Nationsbildung in Zentralasien von oben aus. Die autoritären Herrscher kreierten für die Titularnationen identitätsstiftende Symbole, nationale Helden und Traditionen. Um eine jahrhundertealte Staatlichkeit zu konstruieren, die eigene Nation zu glorifizieren und die Herrschaft des Regimes zu legitimieren, übergehen die Machthaber historische Brüche und die problematische jüngste Vergangenheit. Die ideologische Gleichschaltung schließt jede alternative Geschichtsinterpretation aus. Schließen

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Machtmosaik Zentralasien
Traditionen, Restriktionen, Aspirationen
Berlin (8-9/2007)
Seite 139 - 154


Marlène Laruelle

Wiedergeburt per Dekret
Nationsbildung in Zentralasien

Der· Zerfall der Sowjetunion bescherte den zentralasiatischen Staaten urplötzlich eine Unabhängigkeit, die sie keineswegs eingefordert hatten. Doch dass im Gegensatz zu den baltischen Ländern oder der Ukraine keine Unabhängigkeitsbewegung existierte, die durch breite Volksmassen oder Dissidentengruppen getragen worden wäre, bedeutet nicht, dass es in Zentralasien überhaupt keine Ansprüche auf eine nationale Identität gegeben hätte. Während der Perestroika bestimmten Forderungen nach einer stärkeren Berücksichtigung nationaler kultureller Eigenheiten sehr wohl die öffentliche Debatte. So setzten sich beispielsweise Intellektuelle dafür ein, dass die Sprachen der Titularnationen den Status von Staats- und Amtssprachen erhalten, eine Forderung, die mit den zentralasiatischen Sprachgesetzen von 1989 erfüllt wurde. Auch manches tabuisierte Ereignis der Geschichte durfte in dieser Zeit der Liberalisierung wieder gewürdigt werden. Helden, die totgeschwiegen worden waren, weil sie in der Vergangenheit gegen die Russen gekämpft hatten, wurden ebenso dem Vergessen entrissen wie die zentralasiatischen Kommunisten der Jahre 1920–1930, die später den stalinistischen Repressionen zum Opfer gefallen waren.
Die neuen Machthaber, die in Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan auch die alten Parteichefs waren, betrachteten aber jene Intellektuellen, die während der Perestroika für eine andere, eigene Geschichte gestritten hatten, rasch als Konkurrenten: Die einen hatten eine demokratische Ordnung eingefordert und sich deshalb irgendwann gegen den amtierenden Präsidenten ausgesprochen; andere verfügten über eine große symbolische Legitimität und unterstrichen dadurch ex negativo, dass die Männer an der Spitze der nun unabhängigen Staaten sich in der Umbruchszeit als Parteichefs der jeweiligen Sowjetrepublik gegen den Wandel gestemmt hatten. Diese Männer der ersten Stunde wurden entweder ausgeschaltet und ins Exil getrieben (im Falle von Usbekistan und Turkmenistan) oder auf unauffälligere Weise kaltgestellt (wie z.B. der Schriftsteller Tschingis Aitmatow in Kirgisistan oder der Lyriker Olschas Suleimenow in Kasachstan). Heute hat sich ein Mantel des Schweigens über die intellektuellen und politischen Auseinandersetzungen der zweiten Hälfte der 1980er Jahre gelegt.
Die Schaffung neuer Gedächtnisorte und nationaler Symbole
Die Gesellschaften der zentralasiatischen Staaten hatten beim Auseinanderbrechen der UdSSR durchaus das Bewusstsein einer nationalen Identität. Dabei handelt es sich aber nicht um ein vorsowjetisches Erbe, das in der Perestrojka eine „Wiedergeburt“ erlebte – auch wenn eine solche von den zentralasiatischen Machthabern gerne herbeigeredet wird. Viel mehr handelt es sich um ein sowjetisches Erbe. So ging die Schaffung identitätsstiftender Symbole nicht ohne eine gewisse Willkür ab. Turkmenistan und Usbekistan etwa schafften in den 1990er Jahren das kyrillische Alphabet als Symbol der Russifizierung ab. Allerdings führten sie nicht die traditionelle arabische Schrift ein, sondern ein lateinisches Alphabet, ähnlich dem, das in den späten 1920er und 1930er Jahren auf Moskauer Geheiß bereits schon einmal gegolten hatte. Auch in Kasachstan und Kirgisistan steht diese Frage regelmäßig auf der Tagesordnung. In Tadschikistan dagegen, wo unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung kurz eine Rückkehr zum persischen Alphabet erwogen wurde, scheint das Thema im Moment nicht aktuell zu sein.
Auch in der Toponymie spiegelt sich die Herausbildung nationaler Identität. Die russischen und sowjetischen Namen zahlreicher Straßen und Plätze wurden ersetzt. In Turkmenistan und Usbekistan geschah dies sehr rasch, während die drei anderen Staaten sich Zeit ließen. Die Leninstatue auf dem zentralen Platz von Bischkek musste erst 2003 einer geflügelten Freiheitsstatue weichen, die das nationale Symbol einer strahlenden Sonne in die Höhe reckt. Das Lenindenkmal steht heute etwa hundert Meter weiter hinter dem Nationalmuseum.

Generell verblieben die „Gedächtnisorte“ an alter Stelle und wurden nur umgewidmet. So steht statt eines Lenin auf dem Karl-Marx-Platz von Taschkent nun Tamerlan auf dem nach ihm umbenannten Platz; und in Duschanbe wurde sein Double zunächst durch den persischen Schriftsteller Ferdousi ersetzt, der jedoch rasch als gar zu politisch und „islamisch“ galt, weshalb er 1999 zugunsten von Ismail Samani das Feld räumen musste.
Die Nationalmuseen wurden entweder neu erbaut oder von Grund auf umgestaltet. Kirgisistan scheint dabei am unbefangensten mit seiner sowjetischen Vergangenheit umzugehen: Es hat den Großteil des früheren Fundus beibehalten und nur eine Abteilung zur staatlichen Unabhängigkeit hinzugefügt. Im kasachischen Almaty wurde ebenso wie im tadschikischen Duschanbe das Museum vollständig umkonzipiert, während das neue Museum in Astana gänzlich der ideologischen Linie des unabhängigen Staates Kasachstan huldigt. Turkmenistan wiederum hat sich einen pompösen Neubau mit drei Abteilungen geleistet: Altertum – mit einer überaus wertvollen Sammlung –, turkmenische Volkskunde –Trachten, Schmuck, Wohnformen – und turkmenische Unabhängigkeit. Diese Abteilung ist ausschließlich dem Turkmenbaschi gewidmet, dem „Haupt aller Turkmenen“, wie sich der 2006 verstorbene Präsident Nijasow nennen ließ. Andere Geschichtsepochen gibt es nicht.
In der usbekischen Hauptstadt eröffnete 1996 die Regierung mit viel Brimborium das neue Timuridenmuseum, Weiheort einer ewigen usbekischen Nation, in dessen Zentrum die Wiederaufwertung der zu Staatsgründern erklärten Dynastie steht. Es gibt kaum Originalexponate, sondern fast ausschließlich Kopien und Nachbildungen, deren Hauptzweck die patriotische Erziehung der Jugend ist. Das seit Ende der 1990er Jahre geschlossene Historische Museum konnte erst 2004 seine Pforten wieder öffnen, als das Geschichtsbild der Kuratoren nach mehreren Änderungen endlich den Vorstellungen Präsident Islam Karimows entsprach. Teilweise wurden Gedächtnisorte auch aus dem Nichts geschaffen. So gilt in Kasachstan das Gebiet von Semei (Semipalatinsk) als wichtiger Ort nationaler Geschichte, weil zwei berühmte Schriftsteller dort zur Welt kamen: Abai Kunanbajew und Muchtar Auesow.

Das 1995 anlässlich des 150. Geburtstages des Schriftstellers eröffnete Abai-Museum dient gleichsam als Mekka der kasachischen Kultur. Es stilisiert den Dichter und Gelehrten Abai zum islamischen Heiligen und seine Familie zu Nachfahren der ersten Propheten.
Alle fünf zentralasiatischen Staaten wollen an eine angeblich „vorsowjetische“ Identität anzuknüpfen, die untergegangen sei. Wenn es davon keine Spuren gibt, wird kurzerhand eine nationale Tradition erfunden, in dem Orte, Symbole und Ereignisse aus dem historischen Kontext gerissen und in eine nationale Geschichte eingerückt werden. Neuentdeckte nationale Symbole bekommen in Form von Flaggen und Wappen einen offiziellen Status: Die kasachische Flagge zeigt eine Sonne und darunter einen auffliegenden Steppenadler, die kirgisische eine Sonne, in die das Dach einer Jurte – Träger der nationalen Kosmogonie – eingelassen ist, die turkmenische u.a. fünf traditionelle Teppichmuster, die für die fünf größten Stämme des Landes stehen. Zum offiziellen Bilderkanon Kasachstans gehört darüber hinaus ein Reiter in vollem Galopp, Kirgisistan liebt die Jurte als dekoratives Element, und in Usbekistan feiern „traditionelle“ Gewänder fröhliche Urständ bei Hochzeiten und sonstigen Festen. Darüber hinaus kreiert jeder Staat sein „altüberkommenes“ Kunsthandwerk, das nicht nur Touristen verführen soll, sondern auch die einheimische Bevölkerung, die an dieser „Erfindung von Traditionen“ gleichfalls Anteil hat. Wie der Rest der Welt erschafft sich Zentralasien ein Territorium und verherrlicht eine Vergangenheit, die vor dem Verschwinden zu bewahren sei.
Schwieriger Umgang mit der jüngsten Vergangenheit
Ausgeklammert aus dieser Identitätsbildung bleiben die Kolonialzeit und die sowjetische Periode. Die gegenwärtigen Machthaber haben sich allesamt aus der sowjetischen Nomenklatura herübergerettet und ziehen es vor, nicht an diese Kontinuität zu rühren, aus Angst, der Widerspruch zu ihren aktuellen Legitimationsrhetorik könne allzu augenfällig werden. So bleiben paradoxerweise Bezüge zum 20. Jahrhundert, die durchaus für eine Glorifizierung geeignet wären, im Schatten. Zu nennen wäre hier etwa der Dschadidismus vom Beginn des 20. Jahrhunderts, dessen intellektuelle Vordenker der Moderne eine pantürkische Identität vertraten. Eine solche entspricht nicht dem Geschmack der herrschenden Regime, da diese ihre Legitimation aus dem Nationalstaat beziehen und deshalb jede regionale Identität ablehnen. Ebenso wenig mögen sie sich auf die in den 1930er Jahren liquidierten Kommunisten mit ihrem Traum von einem islamischen Sozialismus und ihrem allzu großen Enthusiasmus beim Aufbau des Bolschewismus berufen. Die Basmatschi wiederum, eine Oppositionsbewegung der 1920er und 1930er Jahre, kollidieren aufgrund ihrer allzu fundamentalistischen Positionen – sie forderten unter anderem die Wiedereinführung der Scharia – lassen sich schlecht für die Ideologie von Staaten instrumentalisieren, die den Laizismus auf ihre Fahnen geschrieben haben. Schließlich finden diese historischen Ereignisse und Personen auch deshalb kaum Eingang in den offiziellen Kanon, weil sich ihrer die nationalistischen oder islamisch-nationalistischen Oppositionskreise bedienen.
Zwiespältig ist auch die Haltung der zentralasiatischen Machteliten gegenüber der zaristischen Kolonisation. Das Zurückdrängen zentralasiatischer Traditionen, die Dominanz der russischen Sprache und Kultur sowie die wirtschaftliche Ausbeutung der lokalen Bodenschätze sind Grund genug, diese Zeit zu verdammen. Doch die großen Volksaufstände gegen das Russische Reich werden zwar in den Schulbüchern als Momente des „Kampfes für die nationale Befreiung“ dargestellt, nehmen jedoch im öffentlichen Gedenken noch keinen breiten Raum ein. Allein Turkmenistan hat bereits 1990 zum Gedenken an den gloriosen Widerstand im Kampf gegen die Russen in Gök-Tepe 1881 einen Nationalfeiertag (12. Januar) eingeführt. Was die russisch-sowjetische Periode als historischen Gegenstand betrifft, so bleibt sie ein heißes Eisen, zwingt die Beschäftigung damit doch dazu, sich einer schwierigen kollektiven Erinnerungsarbeit zu stellen sowie der Aufarbeitung der politischen und sozialen Umbrüche, die Zentralasien im 20. Jahrhundert erschütterten. Andererseits hält man in den fünf zentralasiatischen Staaten aber das Gedenken an zwei große symbolische Momente der Sowjetzeit wach: an die Eroberung des Weltraums und an den „Großen Vaterländischen Krieg“ (der 9. Mai ist unverändert Feiertag in ganz Zentralasien). Außerstande, eine eindeutige Position zur UdSSR zu beziehen, sehen sich die „neuen“ Machthaber genötigt, auf weiter zurückliegende Geschichtsepochen zurückzugreifen. Hierbei beruft man sich lieber auf nationale Heroen und „unpolitische“ Schriftsteller als auf Intellektuelle, die auch politisch aktiv waren, etwa auf Vertreter der nationalkommunistischen und dschadidistischen Eliten der 1920er Jahre.



„Nationale“ Herrscherdynastien und heldenhafte Staatsgründer
Der usbekische Staat stellte unmittelbar nach der Erlangung der Unabhängigkeit Tamerlan und dessen timuridische Nachfolger (15. Jahrhundert) ins Zentrum seines Erinnerungsdiskurses. 1994 verfasste Präsident Karimow selbst ein Buch über die mächtige Dynastie, und eine ganze Reihe usbekischer Historiker schreibt gegen das im Westen überlieferte Bild von Tamerlan als blutrünstigem Herrscher an, indem sie ihn als besonnenen Staatsmann und Feldherrn, als großzügigen Förderer der Künste, bedeutenden Bauherrn und in religiösen Fragen toleranten Herrscher zeichnen. Einige bedeutende Literaten und Wissenschaftler werden gleichfalls als usbekische Geistesgrößen vereinnahmt, wenngleich Tadschikistan und Kasachstan dieselben Figuren für ihren nationalen Pantheon reklamieren. Umkämpft sind insbesondere Avicenna, al-Termezi, al-Chwarizmi und al-Farabi: Ihre glänzenden Namen sind ein Aushängeschild, mit dem sich der Rest der muslimischen Welt wunderbar an die Rolle Zentralasiens für die kulturelle Blüte des mittelalterlichen Islam erinnern lässt. Auch hat die usbekische Regierung das Grab des Imam al-Buchari in der Nähe von Samarkand restauriert und 1998 zur offiziellen Pilgerstätte erklärt. Um eine andere große Figur, den berühmten Sufi-Gelehrten Ahmad Jassawi (1103–66), streitet sich Usbekistan mit Kasachstan: Die Grabmoschee befindet sich in der kasachischen Stadt Turkestan, die im Jahr 2000 mit viel Prunk den 1500. Geburtstag des Hodscha feierte; das Timuridenmuseum in Taschkent jedoch zeigt ein Modell des Mausoleums, ohne dessen geographische Lage zu erwähnen, so dass der Eindruck entsteht, es handele sich um ein usbekisches Nationalmonument.
Tadschikistan, das nach der Erklärung der Unabhängigkeit sogleich im Bürgerkrieg versank (1992–1997), hatte Mühe, sich für eine nationale Symbolfigur zu entscheiden. Den Zuschlag bekam schließlich auch hier ein Staatsmann, in diesem Falle der Begründer der ersten persischen muslimischen Dynastie, der bereits erwähnte Ismail Samani. Diese Entscheidung ist allerdings nicht unproblematisch, befindet sich sein Grab doch in Buchara; ein Umstand, der unterstreicht, dass die persische Kultur der Samaniden nicht auf das heutige Staatsgebiet Tadschikistans beschränkt war, dass im Gegenteil die großen Städte dieser Kultur, Buchara und Samarkand, im heutigen Usbekistan liegen. Aus dieser Zwickmühle hilft der Zoroastrismus als „Alternative“ zur samanidischen Dynastie: Seine Wiederaufwertung ermöglicht es, die für die tadschikische Identität heiklen Fragen der Rolle des Islam und des Verhältnisses zu Usbekistan zu umgehen.

Der Islam ist für die Staatsmacht aus mindestens drei Gründen ein Problem: zum ersten wegen der religiösen Gegensätze zwischen sunnitischen Tadschiken und schiitisch-ismailitischen Pamiri, den Bewohnern des Autonomen Gebiets Berg-Badachschan, zum zweiten weil er ganz Zentralasien gemeinsam ist und somit nicht zur Propagierung einer spezifisch nationalen Identität taugt, sondern im Gegenteil die Erinnerung an das gemeinsame kulturelle Erbe wachhält; zum dritten und vor allem aber deshalb, weil ihm in Gestalt des Islamismus eine mögliche politische Konkurrenz erwächst. So hat Präsident Emomali Rachmon – der im März 2007 die slawische Endung seines Namens Rachmonow abgelegt hat – den Zoroastrismus widersinnigerweise als die „nationale Religion“ der Tadschiken bezeichnet und Zarathustra als „ersten Propheten“ des tadschikischen Volkes. Gleichzeitig wurde eine bizarre arische Ideologie aus der Taufe gehoben, die zwar mit dem germanisch-arischen Mythos von einst nichts zu tun haben will, gleichwohl aber stark ethnozistisch aufgeladen ist. Zum 15. Jahrestag der staatlichen Souveränität erklärte Staatspräsident Rachmon das Jahr 2006 per Dekret zum „Jahr der arischen Kultur“, was international für Unruhe sorgte.
In Turkmenistan ließ die krankhafte Megalomanie des 2006 verstorbenen Präsidenten Nijasow immer weniger Platz für den Kult einer Gründerdynastie oder irgendwelche Nationalhelden. Unmittelbar nach der Erlangung der Unabhängigkeit hatte sich die turkmenische Staatsmacht auf das Altertum fokussiert und angesichts der vielen archäologischen Funde im Lande die berühmten Parther (3. Jahrhundert v. Chr. bis 3. Jahrhundert n. Chr.) deutlich aufgewertet, die freilich auch der Iran für sich beansprucht. Auch berief man sich gern auf die Ogusen, ein im 9. und 10. Jahrhundert in der Region lebendes Turkvolk, und die Seldschuken (11./12. Jahrhundert). Unter den Literaten wurde der Dichter Machtumkuli zur wichtigsten Größe. In den letzten Jahren jedoch wurden all diese historischen Epochen und Figuren durch den Kult des Turkmenbaschi verdrängt, der sich als Nachfahr Alexanders des Großen ausgab und die Abstammung seines Volkes bis auf Adam und Eva zurückführte.
Am schwierigsten stellt sich die Institutionalisierung einer Gründerdynastie oder eines Nationalhelden als Kristallisationspunkt der nationalen Identität in Kasachstan dar, wo mehrere historische Epochen bzw. Figuren von ihrer Bedeutung her in Frage kämen. So bevorzugen bestimmte Intellektuellenkreise Dschingis Khan. Doch nicht nur wegen seiner legendären Grausamkeit, sondern auch deswegen, weil er von der Mongolei ebenfalls als Gründungsvater beansprucht wird, ist er als Identifikationsfigur problematisch. Erschwerend kommt hinzu, dass mit ihm der nomadische Ursprung der kasachischen Identität in den Vordergrund rücken würde, während die Regierung es bevorzugt, die Kasachen als seit Urzeiten sesshaftes Volk zu stilisieren. So hat sich Präsident Nasarbajew nach anfänglichem Zögern inzwischen dafür entschieden, offiziell die sesshafte und städtische Vergangenheit des kasachischen Volkes zu propagieren und damit Experten zu widersprechen, denen zufolge umherziehende kasachische Stämme sich erst vergleichsweise spät auf dem jetzigen Territorium Kasachstans angesiedelt haben. Auch das kasachische Khanat des 15. Jahrhunderts gilt nun als entscheidende Etappe der Staatsgründung, da durch den Zusammenschluss der verschiedenen Horden die Vorstufe eines kasachischen Staatsgebildes entstanden sei. Zudem schuf sich das unabhängige Kasachstan einen Pantheon von Großkhanen des 17. und 18. Jahrhunderts mit Abylai Khan an der Spitze.
Kirgisistan schließlich lehnt es im Gegensatz zu den anderen zentralasiatischen Staaten ab, eine bestimmte Gründungsepoche festzulegen. Nach offizieller Lesart hat sich das kirgisische Volk in mehreren Etappen und unterschiedlichen Gebieten allmählich herausgebildet. Gleichwohl feierte das Land 2003, gestützt auf alte chinesische Quellen, denen zufolge bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. ein kirgisisches Gemeinwesen bestand, „2200 Jahre kirgisischer Staatlichkeit“. Als Ersatz für fehlende Gründungsdynastien oder -heroen hat sich das Land Manas, den Helden des großen gleichnamigen Nationalepos, zur Symbolgestalt auserkoren. An den Universitäten beispielsweise gibt es den Fachbereich „Manasologie“, und auch die Akademie der Wissenschaften hat eine einzig dieser Versdichtung gewidmete Sektion eingerichtet. Dabei wird Manas nicht mehr als mythische, sondern als reale Gestalt betrachtet, und das Epos wird weniger unter ästhetischen Gesichtspunkten denn als historische Quelle behandelt, die es erlaubt, die Geschichte des kirgisischen Volkes von seinen Ursprüngen an nachzuzeichnen.
Konstruierte nationalstaatliche Kontinuität
Die von den Bolschewiki betriebene Schaffung von Nationen der Usbeken, Kirgisen, Tadschiken, Turkmenen und Kasachen auf ethnischer Grundlage trieben die zentralasiatischen Staaten nach ihrer Unabhängigkeit weiter voran. Alle fünf Staaten verstehen sich als Nationalstaat der Titularnation. Dass es einen solchen Staat in diesen Grenzen und mit dieser Bevölkerung niemals zuvor in der Geschichte gegeben hat und seine Grundlagen von der Sowjetunion geschafften wurden, wird nicht thematisiert. Ale fünf Staaten sind vielmehr bemüht, eine historische Kontinuität der „Staatlichkeit“ zu konstruieren. Allesamt postulieren sie, die jahrhundertealte Ansässigkeit ihres Volkes auf dem jeweiligen Territorium sei Unterpfand ihrer heutigen nationalstaatlichen Legitimität. Die Machthaber sind deshalb darauf bedacht, mit großer Prachtentfaltung Jahrestage zu zelebrieren, die möglichst weit zurückliegen, worin sie übrigens die UNESCO systematisch unterstützt. So feierte Usbekistan 1997 das 2500-jährige Bestehen Bucharas und Chiwas, Kirgisistan beging 2000 das 3000-jährige Jubiläum von Osch, 2002 blickte erneut Usbekistan auf die 2700-jährige Geschichte von Schachrisabs zurück, im selben Jahr feierte Kasachstan das 2000-jährige Bestehen von Taras usw.
Dieser kurze Abriss der Identitätsbildung und Schaffung nationaler Symbole in Zentralasien dokumentiert einige Gemeinsamkeiten zwischen den fünf Staaten der Region: Alle sind bestrebt, ein laizistisches nationales Gedächtnis zu entwickeln, jeden öffentlichen Bezug auf den Islam zu vermeiden und eine pantürkische Identität zu leugnen, welche die zu Zeiten der Sowjetunion getroffene und nach deren Ende beibehaltene politische Option, sich als Nationalstaat zu entwerfen, infrage stellen würde. Ebenso pochen alle darauf, dass ihre Nation ohne Unterbrechung existiert habe und seit Menschengedenken auf dem jeweiligen Territorium ansässig gewesen sei – daher die Passion für Archäologie und in Tadschikistan die fieberhafte Suche nach einer arischen Identität , daher das diskrete Ausblenden der sowjetischen Vergangenheit, in der die heutigen Grenzen erst gezogen wurden, sowie all jener historischen Epochen, die sich nicht nahtlos in das gewünschte Bild einfügen lassen.
Präsidentenpropaganda
Der autoritäre Charakter der postsowjetischen Regime in Zentralasien wirkt sich auf das geistige Leben und damit auch auf die Schaffung neuer nationaler Symbole aus. So haben die Präsidenten nicht nur das Feld der Politik, sondern auch das der Identität besetzt. Die Überhöhung der Nation dient den Machthabern als kulturalistisches Deckmäntelchen, mit dem sie ihr autoritäres Regime rechtfertigen. Die neue nationale Identität wird von oben lanciert, ohne dass die Staatsmacht das Volk damit einladen würde, sich am Staatsaufbau zu beteilen, ebenso wenig wie sie den einzelnen Bürger dazu animiert, sich für das Gemeinwesen zu engagieren. Die ins Maßlose gesteigerte Glorifizierung der Nation entbehrt jedes staatsbürgerlichen Ziels, ja sie leistet vielmehr einer „Verabschiedung aus der Politik“ Vorschub. Der Fokus auf das Nationale soll jeden Versuch unterbinden, die Legitimität der gegenwärtigen Regime infrage zu stellen.
Ganz in sowjetischer Tradition haben die Präsidenten ihre „Gedanken“ zu Unabhängigkeit, Wirtschaft, Demokratie und Nation veröffentlicht – in Büchern mit Auflagen, die in die Hunderttausende gehen und in einigen Staaten einen Großteil, in anderen sämtliche Regalmeter der Buchhandlungen füllen. Usbekistans Präsident Islam Karimow hat offiziell ein knappes Dutzend Werke verfasst, der 2005 gestürzte kirgisische Präsident Askar Akajew ebenso wie sein amtierender kasachischer Amtskollege Nursultan Nasarbajew je ein halbes Dutzend. Auch die Rhetorik der Politikwissenschaften hat sich ungeachtet des scheinbaren Systemwandels wenig verändert; weiterhin dient diese Wissenschaft den ideologischen Interessen der Staatsmacht, auch wenn sie nun statt des Klassenkampfes die nationale Unabhängigkeit propagiert.
Die grenzenlose Glorifizierung der staatlichen Eigenständigkeit scheint dabei in einem proportionalen Verhältnis zur Schwierigkeit zu stehen, die Existenz des neuen Staates tatsächlich zu legitimieren. In pathetischen Ansprachen werden deshalb Güte, Gastfreundschaft und Großherzigkeit des jeweiligen Volkes über den grünen Klee gelobt, und die Zukunft des Landes erscheint in den lichtesten Farben. Ein Glanzstück dieses postsowjetischen Kauderwelsch bot Präsident Nursultan Nasarbajew 1997 mit seiner Schrift Kasachstan – 2030, in der er den Bürgern seines Landes jene strahlende Zukunft ausmalte, die sie in 30 Jahren erwarten würde, sofern sie, versteht sich, seine Politik unterstützten. In offiziellen Kreisen ist das Buch inzwischen zum unumgänglichen Standardwerk avanciert, aus dem bei allen erdenklichen öffentlichen Anlässen zitiert wird, ja es hat eine Monographien-Reihe „angestoßen“, die ihrerseits den Titel Kasachstan – 2030 trägt. Plakate mit ebendiesem Slogan schmücken die städtischen Straßen, insbesondere in der neuen Hauptstadt Astana, verschiedene Ministerien haben sich die Umsetzung des einen oder anderen Punktes aus dem Programm Nasarbajews zu eigen gemacht.
In ihren Werken werden die unvermindert schreibwütigen Präsidenten nicht müde, die Notwendigkeit einer Ideologie für jede Gesellschaft zu betonen. Die marxistische war selbstverständlich eine irrige, die neue dagegen kann, da national, nur die rechte und wahre sein. Die Nation, die im Begriff steht, „wiedergeboren“ zu werden, fiebert nach einer Erklärung ihres Platzes in der Weltgeschichte und erwartet vom „Vater der Nation“, dass dieser ihnen den Weg in die Zukunft weise. Deshalb zeigen sich die Staatsoberhäupter auch so überaus interessiert an der Geschichte. Sie ist symbolischer Rohstoff und knetbare Masse, die jede beliebige Neuerschaffung der nationalen Identität erlaubt. Alle haben sie mindestens ein Standardwerk zur einheimischen Historie geschrieben: der usbekische Präsident 1997 („Usbekistan an der Schwelle zum 21. Jahrhundert“), der kasachische und der tadschikische 1999 („Im Strom der Geschichte“ respektive „Die Tadschiken im Spiegel der Geschichte“) und der vormalige kirgisische 2003 („Die kirgisische Staatlichkeit und das Nationalepos ,Manas‘“).
Der frühere turkmenische Präsident Nijasow, der sich Turkmenbaschi nennen ließ, begnügte sich mit einem einzigen Werk, freilich mit einem, das in seinen Augen alle anderen zu ersetzen vermochte: Ruchnama (pers. „Buch der Seele“). Es erschien 2001 auf Turkmenisch und 2002 auf Russisch und ist praktisch das einzige zugängliche Buch im ganzen Land. Nijasows Größenwahn machte es möglich, dass die Ministerien regelmäßig Ruchnama-Tage veranstalteten; dem Werk ist ein Feiertag gewidmet (der 12. September); seit 2004 wird, wer den Führerschein machen will, auch über seine Kenntnisse des Ruchnama geprüft usw. Die Lektüre dieses „zweiten heiligen Buches nach dem Koran“ beuge, so beschied der Präsident zu Lebzeiten, im übrigen auch Krankheiten vor. Diese Mischung aus Personenkult und extremem Nationalismus kam auch darin zum Ausdruck, dass Nijasow im April 2001 klassische und zeitgenössische Musik, Theater, Ballett und Oper verbieten ließ, da sie „dem Geist des turkmenischen Volkes widersprechen“.

Ideologische Gleichschaltung und geschönte Geschichte
Um ihre neue Lesart der Geschichte zu verbreiten, bedienen sich die autoritären Regime der Schulen und Hochschulen. Hier lassen sich die Botschaften des im Aufbau befindlichen Nationalstaats am besten unters Volk bringen. In Turkmenistan und Usbekistan wird bereits in der Grundschule das Gedankengut des Präsidenten unterrichtet. In den drei anderen Staaten wird die Beherrschung des offiziellen Sprachgebrauchs erst an der Universität und in der öffentlichen Verwaltung obligatorisch.
Turkmenistan bietet auch hier wieder die schauerlichste Groteske. Das Ruchnama dient landesweit als Fibel, mit ihm allein lernen die Kleinen lesen und schreiben. Zu den neuen Schulfächern gehören „Die Politik des Turkmenbaschi“, „Ruchnama“ und „Die nationalen Traditionen“. Nach dem Ende der Sowjetunion gab es zunächst ein von den zuständigen Behörden und der Zensur abgesegnetes Geschichtsbuch, doch auch dieses wurde per Präsidentendekret im September 2000 verboten und seine 25 000 Exemplare eingestampft, weil es nach Nijasows Urteil die Herkunft und den nationalen Charakter der Turkmenen verschwieg. Die Lehrer müssen also mit dem Ruchnama als einzigem Geschichtsbuch auskommen, auf Zeitungsausschnitte oder andere hie und da zusammengeklaubte Informationen zurückgreifen und eigene Texte abfassen. Der Geschichtsunterricht basiert auf den megalomanen Inhalten des Präsidentenœuvres, das eine turkmenische Nation lobpreist, die seit Urzeiten an der Spitze des weltweiten Fortschritts steht. Die jüngere und jüngste Vergangenheit ist praktisch inexistent: Zwischen der Schlacht von Gök-Tepe 1881, deren Andenken ein Feiertag gewidmet ist, und der Unabhängigkeitserklärung von 1991 haben die Schüler ein einziges historisches Ereignis zu lernen, nämlich den Zweiten Weltkrieg bzw. die patriotischen Taten des turkmenischen Volkes in diesem Krieg. Die Zugehörigkeit zum Russischen Reich und zur UdSSR dürfen zumindest theoretisch nicht behandelt werden.
In Usbekistan geht es ein wenig gemäßigter zu, doch ist die ideologische Durchdringung des Lehrplans auch hier massiv. So werden Präsident Karimows Werke in verschiedenen Fächern behandelt, und Schüler, die sich dagegen sperren, gefährden ihre Schullaufbahn. Es gibt zwar keine als solche deklarierten „Karimow-Fächer“. Die Lehre des Präsidenten wird etwas subtiler als in Turkmenistan unterrichtet. Dennoch durchzieht sie alle Disziplinen. Die gesamten 1990er Jahre hindurch mussten die Lehrer im Übrigen ohne neue Schulbücher bestreiten: Die sowjetischen blieben in Gebrauch, wobei ihr Einsatz durch ministerielle Weisungen und eine Liste der Themen, die nicht mehr behandelt werden durften, streng geregelt war. So hatten die Schüler aus den Geschichtsbüchern jene Seiten herauszureißen, auf denen die Zeit des Kommunismus abgehandelt wurde, und Lenin wie Stalin durften nicht mehr erwähnt werden. 2001 hatten Schüler und Lehrer auf Befehl von oben alle Bücher abzugeben, die in der Sowjetunion vom Verlag Prosweschtschenije herausgegeben worden waren, unabhängig davon, ob es sich um Geschichts- oder um andere, z.B. auch naturwissenschaftliche Bücher handelte. In welchem Umfang russischsprachige Werke aus zaristischer und sowjetischer Zeit aus den usbekischen Bibliotheken verschwunden sind, lässt sich nur schwer überblicken, in manchen Dorfbüchereien gibt es sie bereits überhaupt nicht mehr, in den städtischen haben sie nur noch einen kläglichen Platz, und selbst in den Bibliotheken der Hauptstadt gibt es Regale, die systematisch von ihnen gesäubert wurden.
In Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan hat der Staat neue Geschichtsbücher herausgegeben, meist nach einer Ausschreibung. Diese dem Anschein nach demokratische Handhabung hat allerdings eine scharfe Selbstzensur der Autoren zur Folge und entpuppt sich dank der Selektion als exzellentes Kontrollverfahren. Patriotismus ist oberste Pflicht im Geschichts- und im Staatsbürgerkundeunterricht. So wird in Kirgisistan gerade ein Fach mit dem Namen „Geschichte der kirgisischen Staatlichkeit“ auf den Weg gebracht. Geschichte wird in allen drei Staaten generell nur aus der Perspektive der Titularnation gelehrt, die ethnische Vielfalt als Gegenstand unterschlagen. Die Beschäftigung mit der russischen und sowjetischen Vergangenheit wird zurückgedrängt zugunsten weiter zurückliegender Epochen, die sich leichter zurechtbiegen und verherrlichen lassen. Die Figur des Präsidenten wird nach paternalistischem Modell überhöht, die staatliche Unabhängigkeit als der natürliche Endzustand eines linearen Geschichtsprozesses dargestellt. Deutlicher wird die ideologische Gleichschaltung an den Universitäten und in den Akademien Kirgisistans, auch wenn sie nicht die Ausmaße wie in Usbekistan oder Turkmenistan erreicht.
Der damalige turkmenische Präsident Saparmurad Nijasow sagte ab Mitte der 1990er Jahre der gesamten Wissenschaft den Kampf an. 1997 schloss er die Akademie der Wissenschaften und gliederte das Historische Institut dem Präsidialapparat an. Auch ließ er das Manuskript einer mehrbändigen, zuvor von ihm selbst in Auftrag gegebenen monumentalen Geschichte Turkmenistans beschlagnahmen und verschwinden. Das turkmenische Bildungssystem war bis zum Tod des Turkmenbaschi durch eine starke Verkürzung der Ausbildungszeiten an Schule und Universität gekennzeichnet. Seit 2002 umfasste die allgemeine Schulbildung nur noch neun Schuljahre. Das Studium bestand im allgemeinen aus zwei Studien- und zwei Praxisjahren. 2002 sperrte Nijasow den russischen Fundus der Nationalbibliothek und 2005 den Zugang zu allen Bibliotheken des Landes. Der neue, im Februar 2007 gewählte Präsident Gurbanguly Berdymuchammedow will nun offenbar das alte Schul- und Studiensystem wiederherstellen. In Usbekistan ist die Lehre Karimows (die „Karimologie“, wie sie ironisch genannt wird) in allen Universitäten Pflichtgegenstand. Sie wird in eigens dafür eingerichteten Kursen gelehrt und gehört zum jährlichen Prüfungsprogramm. Hinzu kommt ein Kurs in „nationaler Geistigkeit“, der die nationalen Gefühle stärken und den Stolz auf die usbekische Kultur festigen soll. Kurz, die politische Durchdringung von Schule und Universität, die während der Perestroika nachgelassen hatte, hat in Usbekistan und Turkmenistan wieder das Ausmaß erreicht, das sie in der UdSSR gehabt hatte, wenn sie dieses nicht noch überschreitet. Jeder Student oder Forscher, der gegen die nationalpolitische Korrektheit verstößt oder die Legitimität der Einflussnahme der politischen Macht auf den Wissenschaftsbetrieb infrage stellt, setzt seine Karriere heute wieder aufs Spiel.
In Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan wird an den Hochschulen nach russischem Vorbild das Fach „Kulturologie“ gelehrt, dessen Hauptaufgabe darin besteht, den verordneten staatlichen und kulturellen Nationalismus zu verbreiten und die Einzigartigkeit der Titularnation herauszustellen. So betont das meistverwendete kasachische Kulturologie-Lehrbuch den unvergleichlichen Charakter der Kasachen, ihre große religiöse Toleranz, ihre außergewöhnliche Anpassungsfähigkeit an die Moderne, die globale Rolle des Landes als „Drehscheibe“ zwischen Ost und West usw. Dass der Kulturologie ebenso wie der Politologie in den Nachfolgestaaten der UdSSR eine solche Aufmerksamkeit zukommt, lädt förmlich dazu ein, die Rolle dieser neuen Disziplinen mit derjenigen zu vergleichen, die zu kommunistischer Zeit der Marxismus-Leninismus und der Dialektische Materialismus spielten. Die Kontinuitäten sind nicht nur institutioneller, sondern auch intellektueller Natur. Wie einst lernen die Studenten, für ihr Fortkommen in Studium und Beruf „politisch korrekt“ zu denken und zu reden, gleichzeitig aber auch „national korrekt“. Sie werden dazu erzogen, den Nationalstaat in einer primordialistischen Logik ethnischer Zugehörigkeit zu denken, wie sie ihnen von der offiziösen Geschichtswissenschaft und vom Präsidenten vorgegeben wird. Forschung und Wissenschaft bleiben also auch in diesen drei etwas liberaleren Staaten im Würgegriff der Politik. Ähnlich wie in der UdSSR haben akademische Publikationen die klugen Ansichten des Staatsoberhaupts über die Nation zu preisen und seine Geschichtsinterpretation mit zusätzlichen Details zu unterfüttern. Für Kasachstan gilt dies in stärkerem Maße als für Tadschikistan; in Kirgisistan ist die ideologische Gängelung in diesem Punkte am wenigsten ausgeprägt.

Aus dem Französischen von Eveline Passet, Berlin

Paul Georg Geiß | 155

Andere Wege in die Moderne
Recht und Verwaltung in Zentralasien
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Die Politikwissenschaft untersucht vor allem Wahlen, Parteien oder die Beziehung zwischen Staat und Gesellschaft. Das gilt auch in Bezug auf Zentralasien. Sie beachtet zu wenig das Rechtssystem und die Verwaltung. Der Vergleich der sowjetischen und postsowjetischen Staaten Zentralasiens ergibt: Nur Kasachstan hat Recht und Verwaltung reformiert und scheint sich von einem neopatrimonialen Staat zu einem bürokratischen Entwicklungsstaat zu verändern, wie er in Südostasien typisch ist. Schließen

Beate Eschment | 175

Elitenrekrutierung in Kasachstan
Nationalität, Klan, Region, Generation
Mehr

In Westeuropa werden politische Ämter durch Wahlen besetzt. Doch wie rekrutiert sich die Elite in Zentralasien? Ist Nationalität der entscheidende Faktor oder spielen Klans eine große Rolle? Welche Bedeutung hat die Region und welche die Generation? Das Beispiel Kasachstan zeigt exemplarisch, dass keiner dieser Faktoren für sich genommen die Elitenrekrutierung in Zentralasien erklären kann. Auch ändert sich ihre Bedeutung: Anfang der 1990er Jahre war der Gegensatz zwischen Russen und Kasachen wichtiger, als er heute ist. Die „Klanzugehörigkeit“ bestimmte in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre zumindest die gesellschaftliche Wahrnehmung. Und die Generationenfrage gewinnt mit zunehmendem Alter der herrschenden Elite an Bedeutung. Schließen

Cornelius Graubner, Alexander Wolters | 195

Kirgisischer Feldversuch Demokratie
Zwischen Schattenstaat und Tulpenrevolution
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Die „Tulpenrevolution“ in Kirgisistan wird häufig als Ergebnis ausländischer Einmischung betrachtet. Populär ist auch die These, es habe sich um eine Auseinandersetzung von Klans gehandelt. Beides überzeugt nicht. Die kirgisische Politik ist vielmehr von Klientelpolitik geprägt. Macht erlangt derjenige, der es versteht, im kirgisischen Schattenstaat den Zugang zu Ressourcen zu kontrollieren und zu verteilen. Dies zeigen die zentralen Interessenkonflikte, die in dem zentralasiatischen Staat seit 2005 ausgefochten werden. Der Einfluss westlicher Demokratieförderung kann in einem solchen System nicht allzu groß sein. Schließen

Michael Denison | 209

Führerkult in Turkmenistan
Überwachen und überzeugen
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In Zentralasien ist der Führerkult das wichtigste Instrument der politischen und kulturellen Kontrolle. National im Inhalt, ist er in der Praxis sowjetisch. Der bizarre Exzess um den „Vater aller Turkmenen“, Nursultan Nijasow, hatte mehrere Funktionen: Er sicherte dem Führer die Macht, den Eliten das Wohlwollen und den Zugang zu finanziellen Ressourcen und diente der sozialen Integration und politischen Sozialisation der Bevölkerung. Nach „Turkmenbaschis“ Tod entwickelt sein Nachfolger Berdymuchammedow einen ähnlichen Kult. Schließen

Gunda Wiegmann | 225

Staatsversagen in Tadschikistan
Lokales Regieren nach dem Bürgerkrieg
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Tadschikistan versank nach seiner Unabhängigkeit in einem Bürgerkrieg. Der Wiederaufbau von Staatlichkeit gestaltet sich schwierig. In den Dörfern der Regionen, die ehemals die Opposition unterstützten, stellen lokale Autoritären, Nichtregierungsorganisationen und internationale Organisationen öffentliche Güter bereit. Schwierig ist die Lage in den Regionen, in denen die Anhänger des Regimes in Duschanbe beheimatet sind. Dorthin gelangt weniger internationale Hilfe. Die Vereinten Nationen versuchen, durch Projekte auf lokaler Ebene die Staatsbildung von unten zu fördern. Doch die Wiederherstellung einer zentralen Staatlichkeit ist unerlässlich. Schließen

Matteo Fumagalli | 237

Usbekische Zwickmühle
Staatsnationalismus und Auslandsusbeken
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Nach dem Zerfall der Sowjetunion ging in Zentralasien die Angst vor ethnischen Konflikten um. Alle neuen Staaten beheimaten große Bevölkerungsgruppen, die einer Ethnie angehören, die Titularnation eines Nachbarstaates ist. Die größte dieser Gruppen sind die Auslandsusbeken. Doch Usbekistan begreift sich gar nicht als Schutzstaat der Auslandsusbeken. Vielmehr betrachtet das Regime in Taschkent die Auslandsusbeken als Staatsbürger der Nachbarstaaten oder gar als potentielle islamistische Terroristen. Auch die Auslandsusbeken in Kirgisistan sind von dem autoritären Usbekistan enttäuscht. So schlecht ihre politische, wirtschaftliche und kulturelle Situation auch ist, in Kirgisistan können sie zumindest ihren Unmut äußern. Schließen

Sébastien Peyrouse | 245

Rückkehr und Aufbruch
Zentralasiatische Migrationsströme
Mehr

Nach der Auflösung der UdSSR verließen Millionen von Russen Zentralasien. Seit Mitte der 1990er Jahre wandern Zentralasiaten als Arbeitskräfte nach Russland. Die Migration bietet Chancen und Risiken. Russland gewinnt Arbeitskräfte, doch durch wachsende Xenophobie droht gesellschaftliche Destabilisierung. Die Migranten überweisen Einkommen nach Hause. Dieser Geldzufluss erzeugt Wohlstand und Stabilität. Doch der Bevölkerungsschwund führt auch zu sozialen Verwerfungen. Schließen

Roy Allison | 257

Blockaden und Anreize
Autoritarismus und regionale Kooperation
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Regionale Kooperation in Zentralasien scheiterte bislang an nationalen Rivalitäten und Desinteresse. Die autoritären Herrscher sind nicht bereit, Souveränitätsrechte abzugeben und ihre Macht zu gefährden. Westlicher Demokratisierungsdruck und islamischer Fundamentalismus drängen die Machthaber zur Kooperation. Doch transregionale Organisationen wie die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit betrachten sie primär als Instrumente zur Herrschaftsstabilisierung. Russland hat seit den „farbigen Revolutionen“ als Schutzmacht gegen Demokratisierung an Bedeutung gewonnen. Schließen

Drehkreuz der Großmächte

Anna Matveeva | 277

Traditionen, Kalküle, Funktionen
Russlands Rückkehr nach Zentralasien
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Nach der Auflösung der UdSSR spielte Zentralasien keine Rolle mehr in Russlands Außenpolitik. In Putins zweiter Amtszeit hat sich das verändert, Russland verfügt wieder über die finanziellen Mittel und Instrumente. Zentralasien ist zu einer wichtigen Bühne geworden, auf der Russland sicherheitspolitische und ökonomische Interessen verfolgt und in einer Mächtekonkurrenz mit China und den USA steht. Dabei kann es auf sowjetische Netzwerke und Praktiken zurückgreifen. Putins Rollenmodell und Russlands „gelenkte Demokratie“ kommen den Interessen der autoritären Herrscher Zentralasiens entgegen. Allerdings ist ihre Bereitschaft gering, sich einem Moskauer Diktat zu unterwerfen. Schließen

Eugene B. Rumer | 295

Peripherie, Zentrum, Problemfall
Die Zentralasienpolitik der USA
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In den 1990er Jahren war Zentralasien für die USA vor allem eines: Peripherie. Washington tat sogar alles, damit dies so bleibt. Die Region sollte eine großmachtfreie Zone werden. Doch daran hatten weder China noch Russland noch die zentralasiatischen Staaten ein Interesse. Ganz so zurückhaltend waren dann auch die USA nicht: Sie beteiligten sich am Wettlauf um das kaspische Öl. Die Enttäuschung über das Scheitern amerikanischer Demokratisierungsbemühungen sowie eine realistischere Einschätzung der Ölressourcen im Kaspiraum ließen allerdings das Interesse Ende der 1990er Jahre wieder merklich sinken. Die Wende kam mit dem 11. September 2001. In kurzer Zeit wurde Zentralasien zum Aufmarschgebiet für den Kampf gegen den Terror. Doch die Freundschaft zwischen den zentralasiatischen Autokraten und Washington hielt nicht lange. Sie zerbrach mit dem brutalen Einsatz usbekischer Sicherheitskräfte in Andischan. Washington forderte Aufklärung, Taschkent fühlte sich brüskiert, Moskau und Peking profitierten von dem Zerwürfnis. Schließen

Gudrun Wacker | 313

Neue alte Nachbarn
China und Zentralasien
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China hat historische, ethnische und religiöse Verbindungen zu der Region an seiner westlichen Grenze. Seit dem Ende der Sowjetunion steht für Peking in den Beziehungen zu den neuen Nachbarstaaten die Bewahrung der regionalen Stabilität im Vordergrund, da diese Frage sich auf Chinas Nordwesten, die Autonome Region Xinjiang-Uighur, auswirkt. China setzt im Verhältnis zu allen zentralasiatischen Republiken auf gute politische und wirtschaftliche Beziehungen und pflegt diese durch eine rege Besuchsdiplomatie. Gleichzeitig hat es die sicherheitspolitische Zusammenarbeit nicht nur auf bilateraler, sondern auch multilateraler Ebene intensiviert. Als Rahmen für Letztere dient China die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit, in der Russland und vier der fünf zentralasiatischen Staaten Mitglied sind. Schließen

Andrea Schmitz | 327

Interessen, Instrumente, Einflussgrenzen
Die Europäische Union und Zentralasien
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Seit 2001 hat die Europäische Union ein wachsendes Interesse an Zentralasien entwickelt. Grund sind die Energiereserven der Region sowie sicherheitspolitische Kalküle. Die präventive Sicherheitspolitik der EU zeichnet sich dadurch aus, dass sie die Zusammenarbeit an die Achtung der Menschenrechte und demokratischer Mindeststandards knüpft. Die Erfolgsaussichten des europäischen Ansatzes sind jedoch gering. Mit Russland und China sind zwei Staaten in der Region aktiv, deren Einfluss in der Region erheblich größer ist als der der EU. Allenfalls in der Rolle eines Gegengewichts zu den beiden regionalen Großmächten kann sich die EU einen gewissen Handlungsspielraum erobern. Schließen

Rainer Freitag-Wirminghaus | 339

Vom Panturkismus zum Pragmatismus
Die Türkei und Zentralasien
Mehr

Die Türkei sieht in den turksprachigen Nationen Zentralasiens gerne Brudervölker. Als diese Anfang der 1990er Jahre die staatliche Unabhängigkeit erlangten, träumten Politiker in Ankara von einer politischen panturkischen Einheit. Diese Blütenträume platzten rasch. Die Türkei übte viel weniger Anziehungskraft auf die zentralasiatischen Staaten aus, als Ankara gehofft hatte. Gleichwohl ist die Türkei ökonomisch in der Region sehr präsent, und die kulturellen Kontakte haben sich vertieft. Dass Ankara aber mittlerweile der Realpolitik Vorzug vor der Fixierung auf vermeintliche Brüdervölker gibt, zeigt sich in der Energie- wie in der Sicherheitspolitik. In diesen beiden entscheidenden Bereichen haben sich die türkischen Interessen in den Südkaukasus verlagert. Dort ist neben dem kulturell und politisch eng mit der Türkei verbundenen Aserbaidschan auch Georgien zu einem wichtigen Partner geworden. Gleichwohl versucht Ankara auch in Zentralasien weiter seine Rolle zwischen Russland und den USA zu finden. Schließen

Nicole J. Jackson | 357

Sicherheitskooperation in Zentralasien
Der Kampf gegen Drogenhandel und Terrorismus
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Drogenhandel und Terrorismus sind zentrale Bedrohungen für Zentralasien. Um sie zu bekämpfen, suchen die Regierungen die Zusammenarbeit in der Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit und der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit. Doch eine effektive Kooperation, die über symbolische Militärmanöver hinausgeht, scheitert daran, dass die Machthaber einander misstrauen, die Bedrohungslage unterschiedlich wahrnehmen und bilateralen Beziehungen den Vorzug geben. Die Staaten sind Teil des Problems: Eine repressive Innenpolitik der Regime schürt islamischen Extremismus und Korruption. Die Unterwanderung durch organisiertes Verbrechen lähmt die staatlichen Behörden. Schließen

Gernot Erler | 369

Erfahrung und Interesse
Das EU-Engagement in Zentralasien
Mehr

Seit Juni 2007 hat die EU eine Zentralasienstrategie. Damit will sie ihre Beziehungen zu den Ländern der Region ausbauen. Die EU hat das Interesse, dort Sicherheit und Stabilität zu fördern, die Menschenrechtslage zu verbessern, die wirtschaftliche Kooperation zu vertiefen sowie Energieressourcen aus dem Raum zu importieren. Die EU bietet Erfahrungen in der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit und Know-how an. Das Wassermanagement ist ein erstes Politikfeld, auf dem sich grenzüberschreitende Kooperation empfiehlt. Schließen

Imke Dierßen | 377

Ohne Konsequenz
Menschenrechtspolitik gegenüber Usbekistan
Mehr

Im Mai 2005 starben Hunderte Menschen im usbekischen Andischan, als Sicherheitskräfte eine Demonstration auflösten. Die EU verhängte daraufhin Sanktionen gegen Usbekistan, entschied sich jedoch auch, mit Taschkent im Dialog zu bleiben. Dabei orientierte sie sich nicht an transparenten Kriterien. Das schwächt die Kohärenz, Konsistenz und Konsequenz der eigenen Menschenrechtspolitik. Schließen

Martha Brill Olcott | 389

Ohne Linie
Der Westen und Usbekistan nach Andischan
Mehr

Nach dem 11. September 2001 öffnete sich Usbekistan den USA für militärische Kooperation. Die Annäherung kühlte ab, als die Bush-Regierung aus dem „Krieg gegen Terror“ zu einem proklamierten „Feldzug für Demokratie und Freiheit“ weltweit überging. Das Blutvergießen usbekischer bewaffneter Verbände in Andischan im Mai 2005 wirkte als Wasserscheide. Seitdem liegen die gravierenden Wertedifferenzen zwischen Usbekistan und dem Westen offen. Russland und China stärken das Karimow-Regime. Der Vorwurf, der Westen messe autoritäre Regime je nach Rohstoffbedarf und strategischen Interessen mit zweierlei Maß, stellt die USA und die EU vor eine Aufgabe: Erforderlich ist eine konsistente Politik. Schließen

Jörn Grävingholt | 401

Ohne Gewähr
Demokratieförderung in Zentralasien
Mehr

Seit dem Zusammenbruch der UdSSR versuchen westliche Staaten, internationale Organisationen und Nichtregierungsorganisationen Demokratie in Zentralasien zu fördern. Zur Entstehung und Konsolidierung von Demokratien haben sie nicht beigetragen. Die implizite Annahme, Zentralasien auf dem Weg zur Demokratie unterstützen zu müssen, ist irreführend. Die zentrale Herausforderung besteht darin, Demokratie in Nicht-Demokratien zu fördern. Es gibt gute Gründe dies zu tun, sofern Ziele realistisch formuliert und Mittel angepasst eingesetzt werden. Schließen

Bernd Kuzmits | 417

Grenzüberschreitende Kooperation
Afghanistan und seine nördlichen Nachbarn
Mehr

Der Amudarja markiert einen Großteil der Grenze zwischen Afghanistan und seinen nördlichen Nachbarn Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan. Bis zum Ende der Sowjetunion war diese Grenze kaum passierbar und bildete eine Scheidelinie unterschiedlicher Entwicklungswege. Heute ist Sicherheit die erste Devise der zentralasiatischen Grenzpolitik. Doch allmählich entstehen Ansätze grenzüberschreitender Kooperationen. Schließen

Felder der Politik

H. Rempel, S. Schmidt, U. Schwarz-Schampera, S. Röhling, K. Brinkmann | 433

Die Rohstoffe Zentralasiens
Vorkommen und Versorgungspotential für Europa
Mehr

Zentralasien rückt weltweit ins Blickfeld der Energieverbraucher. Eine Analyse des Versorgungspotentials und der Förderprognosen zeigt, dass Zentralasien künftig mehr Erdöl und Erdgas, Kohle und Uran fördern wird. Öl und Gas könnten einen Beitrag zur Diversifizierung der Energieimporte der EU leisten. Kohle wird eher in der Region verbraucht werden und Uran primär nach Russland geliefert. Ihren wachsenden Importbedarf an Energierohstoffen wird die EU kaum durch Zentralasien decken können. Schließen

Roland Götz | 449

Mythos Diversifizierung
Europa und das Erdgas des Kaspiraums
Mehr

Die Erdgasvorkommen des Kaspischen Raums haben nicht nur im Westen, sondern auch in der Region große Erwartungen geweckt. Während Europa mit ihnen die Hoffnung verbindet, seine Erdgasimporte weiter regional diversifizieren zu können, möchten sich die Staaten der Region von Russland emanzipieren. Doch für eine Umorientierung der Erdgasexporte Richtung Westen müsste eine Reihe von Bedingungen erfüllt werden. Voraussichtlich wird Aserbaidschan zu größeren Gasexporten nach Europa in der Lage sein, während Turkmenistan und Kasachstan vor allem Russland und China beliefern werden. Europa sollte sich nicht auf einen politisch gesteuerten „Diversifizierungswettlauf“ mit Gazprom einlassen. Schließen

Kirsten Westphal | 463

Wettlauf um Energieressourcen
Markt und Macht in Zentralasien
Mehr

Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan sind von strategischer Bedeutung für die Weltenergiemärkte. Der Wettlauf um Ressourcen und Pipelines steht oft unter dem Schlagwort des Great Game. Dieser Rekurs auf die imperialistische Vergangenheit verstellt den Blick auf aktuelle Entwicklungen. Zwar dominieren Geopolitik, Machtfragen und Marktbeherrschung. Ordnungspolitische Alternativen der EU, die auf multilaterale Kooperation, internationales Recht und Marktmechanismen setzen, laufen ins Leere. Doch die Gründe sind nicht nur in internationaler Machtprojektion und der Politisierung der Energiefrage zu suchen. Sie bestehen darin, dass die autoritären Regime Zentralasiens auf Nichteinmischung in innere Angelegenheiten beharren und mit Russland und China dankbare und politisch bequeme Abnehmer finden. Schließen

Gundula Bahro, Inge Lindemann | 479

Teuer bezahlter Reichtum
Umweltzerstörung am Kaspischen Meer
Mehr

Das Kaspische Meer in Zentralasien ist das größte, abflussfreie Binnenmeer und liegt in der ältesten Ölregion der Welt. Das Gebiet ist bekannt wegen seines Ressourcenreichtums, besonders an Störfischen, von denen der schwarze Kaviar gewonnen wird, und den Erdöl- und Erdgasvorkommen. Zunehmende Umweltzerstörung macht das Kaspische Meer heute zu einem gefährdeten Lebensraum. Schließen

Ernst Giese, Jenniver Sehring | 483

Konflikte ums Wasser
Nutzungskonkurrenz in Zentralasien
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Die Eigenstaatlichkeit der ehemaligen sowjetischen Republiken Zentralasiens hat die Wasserprobleme in der Region verschärft. Die nationalen Entwicklungsstrategien der fünf Staaten führten zu widerstreitenden Nutzungsansprüchen. Neben den klassischen Verteilungskonflikten rückt immer mehr der sektorale Konflikt zwischen Bewässerung und Energieproduktion in den Vordergrund, der zwischen Ober- und Unteranliegern verhandelt werden muss. Diese konträre Interessenskonstellation erhält dadurch Brisanz, dass sich Russland, China und Iran einmischen. Alle haben geostrategische Interessen und einen enormen Energiebedarf. Schließen

Jenniver Sehring | 497

Die Aralsee-Katastrophe
Ein Nachruf auf das multilaterale Krisenmanagement
Mehr

Der Aralsee ist Schauplatz einer der größten, je von Menschen verursachten Umweltkatastrophen. In nur 50 Jahren verlor er neun Zehntel seines Wassers. In einem Gebiet größer als das Deutschlands leiden knapp vier Millionen Menschen unter Salzstürmen mit Pestizidrückständen. Die Kindersterblichkeitsrate ist eine der höchsten der Welt. Auch Typhus, Hepatitis und Krebserkrankungen treten überproportional häufig auf. Hinzu kommen gravierende sozioökonomische Probleme. Alle Rettungsversuche der letzten 15 Jahren scheiterten, das multilaterale Krisenmanagement hat versagt. Die Staaten an Amudarja und Syrdarja, die den Aralsee speisen, entnehmen entgegen allen Selbstverpflichtungen weiter riesige Wassermengen für die Landwirtschaft. Schließen

Ansgar Gilster, Henriette Hättich | 511

Niedergang, Stagnation, Aufstieg
Bildung und Gesundheit in Zentralasien
Mehr

Die Sozialsysteme der zentralasiatischen Staaten gerieten nach der Auflösung der UdSSR in eine tiefe Krise. Die Talsohle scheint durchschritten. Bis heute zehren die Staaten vom sozialpolitischen und infrastrukturellen Erbe der Sowjetunion. Die Alphabetisierungsraten sind hoch, gleichzeitig sind die Einrichtungen ineffizient und unterfinanziert. Die Regierungen wissen um die Probleme und zeigen Reformbereitschaft. Die Rahmenbedingungen sind besser denn je: Das Bruttoinlandsprodukt steigt. Entwicklungsindikatoren wie die Lebenserwartung zeigen nach oben. Um den Aufstieg von unterentwickelten zu modernen Gesellschaften zu schaffen, sind Investitionen und Reformen erforderlich. Gesundheit und Bildung sind die Voraussetzung für jegliche Entwicklung. Schließen

Marcus Bensmann | 531

Viel Zensur, wenig Freiheit
Medien in Zentralasien
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Die Staaten Zentralasiens rangieren in puncto Pressefreiheit weltweit im unteren Drittel. Die Regime kontrollieren das Fernsehen und gängeln die Medien. Das Internet ist nur wenigen zugängig. In Kasachstan und Kirgisistan gibt es dennoch eine recht vielfältige Presse und oppositionelle Blätter. Anders in Usbekistan. Hier hat das Regime nach der Niederschlagung des Aufstands in Andischan 2005 ausländische Medien des Landes verwiesen und ihren lokalen Kräften die Arbeit verboten. Letzte Nischen von Pressefreiheit wurden damit beseitigt. In Turkmenistan hat es diese nie gegeben. Nur in Nordkorea waren 2006 die Bedingungen für unabhängige Medien noch schlechter. Schließen

Falk Bomsdorf | 543

Ziel und Mittel: Toleranz
Nathan der Weise in Zentralasien
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„Es gibt nichts Gutes, außer: man tut es!“ Erich Kästners Devise stand Pate bei einem ungewöhnlichen Projekt: In Zentralasien die Substanz der Toleranz aus dem Geist der Aufklärung zu vermitteln. Mit von der Partie war der Klassiker Nathan, der seine Weisheit in Usbekistan und Kirgisistan entfaltete. Schließen

Klaus Mangold | 549

Potential & Perspektiven
Zentralasien im Fokus der deutschen Wirtschaft
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Der Handel zwischen Deutschland und Zentralasien hat in den letzten Jahren zugenommen. Die Region ist wegen ihrer Rohstoffe und als wachsender Absatzmarkt für die deutsche Wirtschaft attraktiv. Kasachstan ist der Haupthandelspartner Deutschlands in Zentralasien. Um das Potential der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zu erschließen, sind politische Stabilität, Investitionssicherheit, Transparenz und Rechtsstaatlichkeit in der Region notwendig. Schließen

Andrea Schneider, Jörg Stadelbauer | 559

Auf der Hochweide in Kirgisistan
Lokaler Tourismus und Regionalentwicklung
Mehr

Wenige Touristen besuchen Zentralasien. Primär sind es Kulturtouristen an den historischen Stätten der Seidenstraße. Dabei kann Tourismus auch zur Entwicklung abgelegener Regionen beitragen. In Kirgisistan gibt es das Projekt Community Based Tourism, das einen Fremdenverkehr praktiziert, der an Nachhaltigkeit und Traditionen orientiert ist. Touristen teilen im Hochgebirge die Lebensweise der Bewohner, lernen ihren Alltag, ihre Traditionen und Fertigkeiten kennen. Das schafft Arbeit und Entwicklung. Schließen

Evelyn Moser | 567

Kampf gegen Windmühlen
Straßenkinder in Kirgisistan
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Vor allem in den größeren Städten Kirgisistans gehören Straßenkinder zum Alltagsbild. Sie schlagen sich mit Gelegenheitsjobs, Betteln oder Diebstählen durch und unterstützen dadurch oft noch ihre Eltern. Viele der Kinder ziehen die Unabhängigkeit eines solchen Lebens einem Dasein im Kinderheim vor. Der Staat reagiert auf die Straßenkinder überwiegend repressiv. Schließen

Bühne der Aufarbeitung

Rudolf A. Mark | 571

Die Hungersnot in Kasachstan
Aufarbeitung der stalinistischen Verbrechen
Mehr

Die Hungersnot gehörte zu den großen „weißen Flecken“ der sowjetischen Historiographie Kasachstans. Seit der Unabhängigkeit des Staates ist diese Katastrophe Gegenstand der historischen Forschung – auch als ein nationales Projekt. Die Hungersnot wurde lange als „Betriebsunfall“ oder als „Verletzung leninscher Prinzipien“ erklärt. Mit wachsender Distanz zur Sowjetzeit wird sie als Teil der gewaltsamen Nivellierungs- und Disziplinierungspolitik des als totalitär verstandenen stalinschen Systems interpretiert. Schließen

Meinhard Stark Wladislaw Hedeler, | 589

Das Grab in der Steppe
Das Straflager Karaganda in den 1930er Jahren
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Das Karagandinsker „Besserungsarbeitslager“ in Kasachstan war einer der größten Lagerkomplexe des Gulag. Von 1930 bis 1959 leisteten hier 800 000 Häftlinge Zwangsarbeit. Sie kultivierten das öde Land und schufen die Voraussetzungen dafür, dass hier eines der größten Abbaugebiete der UdSSR für Steinkohle, Mangan und Kupfer entstand. Viele Inhaftierte fanden den Tod. Anfangs starben auch viele Kasachen, die sich gegen die Vertreibung von ihrem Weideland wehrten. Das Lagerarchiv sowie Erinnerungen von Überlebenden geben einen Einblick in die bedrückenden Lebens- und Arbeitsbedingungen, das Chaos der Aufbaujahre, in Organisation, Struktur und Produktion des Lagers. Schließen

Jörn Happel | 605

Shukrullos Erinnerungen
Ein usbekisches Leben im 20. Jahrhundert
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Der usbekische Dichter Shukrullo Yusupov behandelt in seinen Erinnerungen jene Umbrüche, die das sowjetische Regime in Zentralasien auslöste und die bis heute Folgen haben: die Kollektivierung der Landwirtschaft, den Traditionsbruch durch den zweifachen Wechsel des Alphabets, Deportationen, Inhaftierung und Lager. Die Erinnerungen eröffnen Einblicke in die individuelle Verarbeitung dieser Umbrüche und gestatten es, die historischen Vorgänge zu rekonstruieren. Schließen

Bücher und Zeitschriften

Albrecht Rothacher | 617

Blütenlese
Publikationen über Zentralasien
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Literatur über Geschichte, Politik und Gesellschaft der Staaten Zentralasiens existierte nach dem Ende des Ost-West-Konflikts kaum. Unterdessen liegen zahlreiche Arbeiten vor, die es gestatten, die Entwicklung von Politik und Kultur in diesem Raum zu verstehen. Schließen