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Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
192 Seiten, 34, z.T. farbige Abb.
Berlin (BWV) 2008 [= Osteuropa 3/2008]
Preis: 18,00 €
ISBN: 978-3-8305-1433-6

In der russländischen Werbung haben Motive aus dem Zarenreich und der Sowjetzeit Konjunktur. Dabei spielt die Werbung nicht nur mit Klischees und Erinnerungsorten, sondern übernimmt von der SocArt auch den kreativen Umgang mit offiziellen Bildern und Losungen. So bedient die Werbung ebenso wie das neue Genre der antireklama die Großmachtnostalgie vieler Menschen und nimmt sie gleichzeitig ironisch aufs Korn.

In den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland spielen die 1920er Jahre eine herausragende Rolle. Der Vertrag von Rapallo vertiefte die Kooperation. Doch die Aktivitäten der Komintern und des sowjetischen Geheimdienstes OGPU, in Deutschland einen kommunistischen Umsturz zu fördern, führten zur Konfrontation. Höhepunkt war 1925 der „Tscheka-Prozess“ in Leipzig gegen einen enttarnten Agenten. Moskau reagierte prompt: Aus drei Berliner Studenten, die als Touristen in der UdSSR weilten, wurden „Terroristen“, in einem Schauprozess wurden sie der Spionage angeklagt und zum Tode verurteilt. Der Fall ist ein Lehrstück für die absurde Rationalität eines fabrizierten Verfahrens.

In der Presselandschaft des Russischen Berlin steht die Avantgarde-Zeitschrift Vešč für den Dialog zwischen sowjetischen, emigrierten und westeuropäischen Künstlern zu einem Zeitpunkt, da sich die schöpferischen Kräfte Russlands in Berlin einen Kommunikationsraum außerhalb des eigenen Landes geschaffen hatten. Insofern war Vešč nicht nur ein Sprachrohr des Konstruktivismus, sondern bot ihren Herausgebern El Lissitzky und Ilja Ehrenburg überdies ein Forum, mit dessen Hilfe sie ihre Visionen im Austausch mit sowjetischen Künstlern und Vertretern westlicher Avantgarde-Strömungen weiterentwickeln konnten

Der Mythos hält sich auch nach dem Zusammenbruch der UdSSR: In den ersten zwei Jahrzehnten nach der Oktoberrevolution hätten die Bol’ševiki eine Wohnungspolitik betrieben, die sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung ausrichtete. Tatsächlich aber war das oberste Prinzip die rationale Organisation der Gesellschaft nach verwaltungstechnischen Prinzipien zum Zwecke der Stärkung der Staatsmacht. Ungeachtet der innenpolitischen Umbrüche – Kriegskommunismus (1917–1921), Neue Ökonomische Politik (1921–1928), Industrialisierung und Kollektivierung (1928–1941) – änderte sich das grundsätzliche Verhältnis zwischen Staatsmacht und Bevölkerung, sowie Organisation und Inhalt der Wohnungspolitik nicht.

Die Stadt Harbin an der Ostchinesischen Eisenbahn war ein Symbol der Expansion des Russischen Reiches nach Fernost. In den 1920er Jahren entwickelte sich die wegen ihrer europäischen Architektur „Paris des Ostens“ genannte Stadt zu einem der Zentren der russischen Emigration. Die Besetzung der Mandschurei durch Japan und die Eingliederung des Gebiets in die Volksrepublik China bereiteten dem russischen Harbin ein Ende. In den 1950–1970er Jahren wurde Harbin zu einer gewöhnlichen chinesischen Industriestadt. Seit den 1990er Jahren erlebt der historische Stadtkern Harbins nach Jahrzehnten des Niedergangs eine Renaissance. Doch der Erhalt des architektonischen Ensembles dient vor allem den Interessen der Tourismusindustrie. Es dominieren Imitation und Kitsch.

Die postjugoslawische Belletristik marginalisiert die realen Kriegshandlungen der 1990er Jahre und nimmt dennoch Stellung zum Krieg. Die Erzählungen von Dalibor Šimpraga und Miljenko Jergović handeln weder von Opfern noch von Tätern, sie schüren kein Mitleid. Šimpraga und Jergović legen vielmehr die alltägliche und die staatlich verordnete Sprach-Gewalt bloß, in die sich ethnische Säuberungen und Massenmorde auf subtile Weise einschreiben. Ihre Erzählzyklen können als allegorische Formen der Kriegskritik, aber auch als Infragestellung des Menschlichen am Menschen selbst gelesen werden.

Die neuere Kulturtransfer- und Verflechtungsgeschichte richtet ihr besonderes Augenmerk auf Randregionen und kulturelle Interferenzen. Damit betritt sie das Feld der Osteuropäischen Geschichte. Wenn beide gemeinsam das Verständnis Osteuropas als historische Peripherie hinterfragen, kann die herkömmliche Unterscheidung zwischen „allgemeiner“ (west)europäischer Geschichte und regionalen Rand- und Sondergeschichten überwunden werden. Jüngere Arbeiten entwerfen bereits an osteuropäischen Beispielen eine komplementäre Geschichte Europas.

Nicht nur in Ost- und Ostmitteleuropa dient Geschichte wieder vermehrt der nationalen Selbstvergewisserung. Pluralität und kulturelle Differenz bleiben dabei weitgehend ausgeblendet. Die historischen jüdischen Lebenswelten im Osten Europas lassen dagegen andere Kategorien als die nationale Meistererzählung in den Vordergrund treten: Sie waren gekennzeichnet durch Mehrsprachigkeit, Migration und Kulturkontakte, die mit permanenten Übersetzungsprozessen einhergingen. Sie entsprachen somit bereits postmodernen Befindlichkeiten unserer Tage.

Der Begriff „Lebenswelt“ ist zu einem der zentralen Konzepte der historisch-anthropologischen Forschung geworden. Allerdings wird er oft unreflektiert gebraucht. Von einem konsensualen Lebenswelt-Begriff lässt sich angesichts seiner komplexen Herkunft und Vielfältigkeit nicht sprechen. Produktiv ist es, mit individuellen Lebenswelten zu arbeiten.

Geschlechtergeschichte und die Geschichte Osteuropas sind Erkenntnisinstrumente. Beide Disziplinen zeichnen sich durch Kritik an normativen Meistererzählungen aus. Um aber eine Essentialisierung dieser Narrative zu vermeiden, sollten Mehrdeutigkeiten als analytisches Potential genutzt werden.

Die Osteuropäische Geschichte hat kaum zur Theorie- und Begriffsbildung der Allgemeinen Geschichte beigetragen. Zu oft beschränkte sie sich darauf, Konzepte und Methoden, die an westeuropäischen Fällen entwickelt wurden, anzuwenden. Eine komparative Analyse des Faschismus in Osteuropa, der Öffentlichkeit und der Legitimation von Herrschaft in sozialistischen Gesellschaften zeigt, dass die Osteuropäische Geschichte originelle Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Politischen leisten kann.
