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Geschichtspolitik und Gegenerinnerung
Krieg, Gewalt und Trauma im Osten Europas

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
456 Seiten, 35 Abbildungen
Berlin (BWV) 2008 [= OSTEUROPA 6/2008]
Preis: 24,00 €
ISBN: 978-3-8305-1494-7

Coverbild

Volker Weichsel, Manfred Sapper | 5

Editorial
Ambivalenzen der Erinnerung
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Der Osten Europas war Schauplatz einer Gewaltentfaltung ohnegleichen. Der „Drei-ßigjährige Krieg“ im 20. Jahrhundert hat in der Erinnerung der Völker tiefe Wunden hinterlassen. Zwei Weltkriege, Revolution und Bürgerkrieg, Umstürze und Diktatu-ren, Holodomor und Großer Terror, die nationalsozialistische Besatzung, die Vernich-tung der Juden, der Gulag, Grenzkriege und nationale Konflikte, Deportationen, eth-nische Säuberungen folgten aufeinander oder überlagerten sich. Mitunter sind sie kaum trennbar verwoben. Es gibt keine Sprache, welche die Gewalterfahrung dieser Abfolge aus Sterben und Tod auf einen Nenner bringen könnte. Die Fakten dieses „Jahrhunderts der Extreme“ sind zunehmend Allgemeingut Euro-pas. Doch jede Nation interpretiert die eigene Erfahrung auf ihre Art. Jede Nation hat ihr eigenes 20. Jahrhundert. Häufig steht die Erinnerung einer Nation im Widerspruch zu der einer anderen. Wo Widersprüche aufeinander stoßen, ist der Konflikt nicht fern. Dies zeigte im Frühjahr 2007 der Streit um die Verlagerung des sowjetischen Krieger-denkmals aus dem Zentrum Tallinns auf einen Friedhof. Es kam zu Ausschreitungen in Estland, Agitation in Russland und diplomatischen Spannungen zwischen den Nach-barn. Besonnene Beobachter wie Karl Schlögel warnen vor voreiligen Urteilen: Die Zeit sei noch nicht reif, um allen historisch Involvierten – den Soldaten der Roten Armee, die ihr Leben für die Befreiung von der deutschen Besatzung gaben, und den Esten, die zum Opfer einer neuen Besatzung wurden – Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Streit um den auf dem Titelbild zu sehenden „Bronzesoldaten“ in Estland ist kein Einzelfall. Konflikte um das Erinnern und Gedenken haben Konjunktur – gerade in Zeiten der Europäisierung und Globalisierung. Wie die Länderstudien im vorliegen-den Band beweisen, sind Geschichte und Erinnerung überall in Ostmitteleuropa und Osteuropa allgegenwärtig. Die Folgen sind ambivalent. Einerseits ist seit 1989 eine stürmische Aneignung, Aufarbeitung und Neubewertung der Vergangenheit zu be¬obachten. Tabus sind gefallen, weiße Flecken verschwunden. Das historische Wissen über das, was in Chatyn’ und Katyn geschah, auf den Solovki, in Janów, Kaunas und Bełżec, ist gewachsen. Andererseits tobt der Kampf um die Bewirtschaftung der Vergangenheit. Geschichte ist eine Münze mit politischem Tauschwert. Politiker, Regierungen, Verwaltungen setzen sie für eigene Zwecke ein. Geschichte und Erinnerung sind Ressourcen der Macht. Sie dienen der Legitimitätsschöpfung, der Mobilisierung von Menschen, der Integration und Identitätsstiftung. Häufig sind Geschichtspolitik und Konflikte über Erinnerung nichts anderes als politische Auseinandersetzungen im historischen Ko-stüm. Bei diesem Kampf um Deutungshoheit sind mitunter gar Versuche zu beobach-ten, Geschichte zu homogenisieren, sie auf eine gültige Wahrheit festzulegen, zu mythologisieren, ideologisieren, neue Tabus zu verhängen. Dagegen ist Einspruch zu erheben. Doch widersprüchliche Geschichtsbilder und kon-kurrierende Erinnerungen sind notwendige Voraussetzungen für Aufklärung und die Herausbildung einer pluralistischen Geschichtskultur. Schließen

György Konrád | 7

Aufruhr
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Ob Zukunft Erinnerung braucht? Wozu sollen diese vielen schäbigen Geschichten taugen? Wozu sollte ich meinen Rucksack mit Steinen füllen? Ob Zukunft Erinnerung braucht? Sie ist nötig wie für die Füße das Gehen. Ansonsten verkümmern sie. Wer sich nicht erinnert, der leidet an Bewusstseinsschwund. Allmählich, ob sie nun wollen oder nicht, teilen die Europäer ihre Erinnerungen miteinander. Rückblickend erkennen sie, dass Wahnvorstellungen und künstliche Affären zum Tod von Millionen geführt haben. Denkfehler, irreale Phantastereien, mangelnde Selbsterkenntnis können die Hölle entfesseln. Schließen

Karl Schlögel | 13

Orte und Schichten der Erinnerung
Annäherungen an das östliche Europa
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Ostmittel- und Osteuropa war die Kernzone der Weltkriegs- und Revolutionsepoche. Hier tobte in präzedenzloser Form die Gewalt. Die Region geriet zwischen die Fronten von Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus, sie war der Hauptschauplatz von Kriegen, sozialer und ethnischer Säuberungspolitik, des Genozids an den Juden, der Kriegführung der verbrannten Erde und großer erzwungener Bevölkerungs- und Fluchtbewegung. Es gibt keine Sprache, die all das auf einen Nenner bringen könnte. Erst wenn all jene namenlosen Millionen Opfer dieser Gewaltentfaltung benannt sind, kann ernsthaft von einer europäischen Erinnerung gesprochen werden. Schließen

Helmut König | 27

Erinnern und Vergessen
Vom Nutzen und Nachteil für die Politik
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Der Gedächtnisbegriff ist zu einer zentralen Kategorie der Politik und der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung geworden. Erinnerung ist kein natürlicher Prozess, sondern abhängig von sozialen Bedingungen. Erinnerung und Vergessen als gleichrangige Akte und Vermögen des Gedächtnisses sind Gegenstand gezielten Handelns politischer Akteure. Seit der Antike dient der Bezug auf die Vergangenheit dazu, die politische Ordnung zu stabilisieren und zu legitimieren, kollektive Identitäten zu bilden und Loyalität zu sichern. Von besonderer Bedeutung ist Erinnerungspolitik nach politischen Umbrüchen. Je nach Zeit und Kontext erweisen sich Erinnern und Bestrafen oder Vergessen und Vergeben als geeignet, der Macht der Vergangenheit zu entkommen. Schließen

Harald Welzer, Claudia Lenz | 41

Opa in Europa
Befunde einer vergleichenden Tradierungsforschung
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Die Neubewertung des Zweiten Weltkriegs, des Holocaust, der Besatzung, der Kollaboration und des Widerstands sind überall in Europa zentrale Themen öffentlicher Debatten. Die Tradierung von Geschichte und die Konstruktion von Vergangenheitsbildern spielen eine wichtige Rolle für die Selbstvergewisserung von Individuen, Gruppen und Nationen. Die offizielle Erinnerungs- und Gedenkkultur, die sich dabei etabliert, kann erheblich von den privaten Erinnerungen abweichen. Dies ist in Deutschland der Fall, wo die Enkel gute Omas und Opas erfinden, um sich der negativen Identitätszumutung zu erwehren. Auch in Serbien und Kroatien haben junge Menschen Probleme, Vergangenheit als Identitätsressource zu nutzen. Demgegenüber kann die junge Generation in vielen westeuropäischen Staaten problematische Aspekte ihrer Nationalgeschichte akzeptieren, weil dort die nationale Identität keine Fragen aufwirft. Schließen

Boris Dubin | 57

Erinnern als staatliche Veranstaltung
Geschichte und Herrschaft in Russland
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In Russland beansprucht der Staat das Monopol auf die Schaffung der Geschichte und die Weitergabe der Erinnerung. Jede Bewertung von vergangenem und aktuellem Geschehen, die von der offiziellen Linie abweicht, wird als feindlich wahrgenommen. Dies zeigt sich exemplarisch an der Memorialisierung des Großen Vaterländischen Krieges. Das Erinnerungssymbol vom „Sieg im Krieg“ wurde in der Brežnev-Zeit mit der gesamten Macht des sowjetischen Staates geschaffen. In der Putin-Ära wurde es reaktiviert. Es dient der Schaffung eines Kollektivs, der Definition des Feindes und der Legitimation der Herrschaft. Der Konsens über die Bedeutung des Sieges für Russland ist so breit, dass sogar Skepsis angebracht ist, ob das Familiengedächtnis ein Ort für eine Gegenerinnerung an den GULag ist. Schließen

Stefan Troebst | 67

1945
Ein (gesamt-)europäischer Erinnerungsort?
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Immer wieder ist die Rede von einer europäischen Erinnerungskultur. Mal wird sie als ein Produkt geschichtspolitischen Identitätsmanagements von Seiten der EU gedacht, mal als Angleichung nationaler Gedächtnisse. Doch ist eine einheitliche Erinnerungskultur denkbar? Eine Probe aufs Exempel stellt der zentrale Erinnerungsort „1945“ dar. Die nationalen Gesellschaften Europas erinnern dieses Datum sehr unterschiedlich, gar gegensätzlich. Doch die Erinnerungskulturen sind so fluide, dass jederzeit mit einem Paradigmawechsel zu rechnen ist. Schließen

MEMORIAL | 77

Nationale Geschichtsbilder
Das 20. Jahrhundert und der „Krieg der Erinnerungen“. Ein Aufruf
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Das 20. Jahrhundert hat in der Erinnerung der Völker Ost- und Ostmitteleuropas tiefe Wunden hinterlassen: Revolutionen, Diktaturen, Weltkriege, die nationalsozialistische Unterwerfung und der Holocaust sind unvergessen. Jede Gesellschaft erinnert und verarbeitet die eigene Erfahrung auf ihre Art. Häufig steht die Erinnerung eines Volkes im Widerspruch zu der eines anderen. Begegnet man diesen Widersprüchen verständnis- und verantwortungsvoll, können sie das Geschichtsbewusstsein jeder Gesellschaft bereichern. Doch es bedarf einer Plattform, um den Dialog über konfliktträchtige Themen zu führen. Memorial ruft dazu auf, ein Internationales Geschichtsforum zu bilden. Schließen

Länder

Peter Oliver Loew | 85

Helden oder Opfer?
Erinnerungskulturen in Polen nach 1989
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Die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts dominieren die Erinnerungskulturen in Polen bis heute. Nach 1989 verringerte sich die Deutungshoheit des Staates. Versuche der national-konservativen Regierungen unter Ministerpräsident Jarosław Kaczyński, sie im Rahmen einer „Geschichtspolitik“ zurückzuerobern, sind vorerst gescheitert, nicht zuletzt an einer immer stärker pluralisierten und regionalisierten historischen Erinnerung. Schließen

Christiane Brenner | 103

Das „totalitäre Zeitalter“?
Demokratie und Diktatur in Tschechiens Erinnerungspolitik
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Vergangenheitspolitik ist Zukunftspolitik. Für diesen Zusammenhang ist das Gespür in Tschechien wie in anderen ostmitteleuropäischen Staaten besonders ausgeprägt. Daher löste das Jahr 1989 einen regelrechten Geschichtsboom aus. In Tschechien etwa bemühte man sich um die „Wiederentdeckung“ der demokratischen Tradition der Ersten Republik. Viel kontroverser noch als diese Suche nach positiven Wegmarken der eigenen Geschichte war die Debatte über eine Neubewertung der Vertreibung und Aussiedlung der Deutschen aus der Tschechoslowakei. Seit einigen Jahren wird nun um die Schaffung eines Geschichtsbildes gerungen, das die doppelte Diktaturerfahrung der tschechischen Gesellschaft seit 1938 zusammenführt. Schließen

Carmen Scheide | 117

Erinnerungsbrüche
Baltische Erfahrungen und Europas Gedächtnis
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Der Umbruch von 1989 bis 1991 führte nicht nur zur politischen Neuordnung Europas. Auch das „europäische Gedächtnis“ ist seither in Bewegung. War der „Zivilisationsbruch Auschwitz“ Referenzpunkt für die Aufarbeitung der Vergangenheit in Westeuropa, so steht in Ostmitteleuropa die Auseinandersetzung mit den kommunistischen Diktaturen im Mittelpunkt. Daraus resultieren erinnerungspolitische Konflikte, wie die Debatte um die Gleichsetzung des Nationalsozialismus und des Kommunismus durch die lettische Politikerin Sandra Kalniete und der Streit über die Verlagerung des sowjetischen Ehrenmals in Tallinn 2007 zeigen. Schließen

Karsten Brüggemann | 129

Denkmäler des Grolls
Estland und die Kriege des 20. Jahrhunderts
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Im April 2007 löste die Umsetzung des „Bronzesoldaten“ in Estlands Hauptstadt Tallinn Straßenkrawalle und diplomatische Konflikte mit Russland aus. Der Streit wurde zum Symbol für die gegensätzlichen Vergangenheitsbilder in Ost und West. 2004 hatte ein Gedenkstein für estnische Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg in deutscher Uniform gekämpft hatten, international Aufsehen erregt. Nun plant Estlands Regierung, ein Denkmal zur Erinnerung an den Sieg im Freiheitskrieg 1918–1920 zu errichten. Damit geht der Denkmalstreit in die 3. Runde. Schließen

Katja Wezel | 147

„Okkupanten“ oder „Befreier“?
Geteilte Erinnerung und getrennte Geschichtsbilder in Lettland
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Nachdem Lettland 1991 die Nationalstaatlichkeit wiedererlangt hatte, taten sich die Letten schwer, die in Lettland wohnenden Russen in Staat und Gesellschaft zu integrieren. Die Konflikte um die Staatsbürgerschaft sind heute weitgehend gelöst, doch die Gesellschaft ist weiter gespalten. Dies zeigt sich in aller Deutlichkeit an der Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Die Russen feiern wie zu So¬wjetzeiten alljährlich den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg. Für Letten markiert hingegen das Kriegsende den Beginn einer gewaltsamen Okkupation. Beide Seiten verehren ihre Helden und brandmarken die der anderen als Verbrecher. Schließen

Alvydas Nikžentaitis | 159

Die Epoche der Diktaturen
Erinnerungskonkurrenz in Litauen
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Litauen verfügt über eine junge Gedächtniskultur mit einem hohen Konfliktpotential. Insbesondere die Erinnerung an den Hitler-Stalin-Pakt und den Zweiten Weltkrieg, als Litauen zwischen alle Fronten geriet und Litauer als Soldaten auf verschiedenen Seiten kämpften, bietet Anlass zu Streit. Auch zwischen Juden und Litauern sowie Polen und Litauern gibt es widersprüchliche Erinnerungen. Doch gerade die litauisch-polnischen Beziehungen der Gegenwart zeigen, wie konfliktträchtige Erinnerungskonkurrenz entschärft werden kann. Schließen

Wilfried Jilge | 167

Nationalukrainischer Befreiungskampf
Die Umwertung des Zweiten Weltkrieges in der Ukraine
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Solange die Ukraine zur Sowjetunion gehörte, bestimmten die Symbole und Praktiken des Mythos vom Großen Vaterländischen Krieg das Gedenken an den Krieg. Seit der Unabhängigkeit verändert sich die ukrainische Erinnerungskultur. Zwar bleibt der Zweite Weltkrieg ein zentrales Thema. Doch Nationalhistoriker deuten ihn aus nationalukrainischer Sicht neu. In den Mittelpunkt der staatlichen Geschichtspolitik und der öffentlichen Erinnerungskultur rückt der Untergrundkampf der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA). Deren Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht und die Verwicklung in den Judenmord sind in der Öffentlichkeit weitgehend tabu. Die Identitätsstiftung und Konsolidierung der Nation gelingen nur, wenn diese weißen Flecken der Geschichte der Nationalbewegung verschwinden. Schließen

Imke Hansen | 187

Die politische Planung der Erinnerung
Geschichtskonstruktionen in Belarus zwischen Konflikt und Konsens
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Geschichte und Gedächtnis sind in Osteuropa ein zentrales Feld politischer Konkurrenz. Dies gilt insbesondere für die autoritär regierten Staaten, in denen es keinen pluralistischen Ideenwettbewerb gibt, sondern wo ein Regime und eine unterdrückte Opposition um die Formung des kollektiven Gedächtnisses ringen. In Belarus formt die offizielle Erinnerungspolitik des Lukašėnka-Regimes in sowjetischer Tradition den Sieg über die deutschen Besatzer im Großen Vaterländischen Krieg zum Gründungsmythos des heutigen belarussischen Staates. Die Opposition hingegen sieht die Wurzeln der belarussischen Staatlichkeit im Großfürstentum Litauen. Seit einiger Zeit sind jedoch Ansätze einer Annäherung zu beobachten. Schließen

Gedenkstätten, Museen, Schulbücher

Andrij Portnov | 197

Pluralität der Erinnerung
Denkmäler und Geschichtspolitik in der Ukraine
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Die Rede von den „zwei Ukrainen“, einem ukrainischsprachigen Westen und einem russischsprachigen Osten, mag für manche Bereiche gelten. Geschichtspolitik und Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg lassen sich jedoch nicht in diese Dichotomie pressen. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurden in der Ukraine zahlreiche neue Denkmäler errichtet. Die regionalen Eliten fanden hier ein dankbares Betätigungsfeld. Obwohl fast jedes Denkmal und das dahinter stehende Geschichtsbild für sich genommen einseitig und autoritär ist, ergibt sich aus der Verschiedenheit der Gedenkorte ein gewisser Pluralismus. Die vielgestaltige Erinnerungskultur sorgt für gesellschaftliche Stabilität, da keine Bevölkerungsgruppe systematisch ausgegrenzt wird. Schließen

Delphine Bechtel | 211

Von Lemberg nach L’viv
Gedächtniskonflikte in einer Stadt an der Grenze
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Lemberg gehörte in seiner Geschichte zu verschiedenen Großreichen. Seine multiethnische Bevölkerung bestand vor allem aus Polen, Juden und Ukrainern. Westliche Historiker und Emigranten verklären die Stadt als multikulturelle Metropole. Tatsächlich war Lemberg immer – unter polnischer Herrschaft, unter NS-Besatzung, in der Sowjetunion und jetzt als Zentrum der Westukraine – Schauplatz einer aggressiven Macht- und Identitätspolitik, die jeweils Teile der Einwohner ausgrenzte. Eine differenzierte Aufarbeitung der Vergangenheit findet nicht statt. Die lokalen Eliten betreiben eine Erinnerungspolitik, in der fragwürdige Traditionen der ukrainischen Nationalbewegung heroisiert und Juden und Polen ein zweites Mal eliminiert werden. Schließen

Astrid Sahm | 229

Im Banne des Krieges
Gedenkstätten und Erinnerungskultur in Belarus
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Kriegsdenkmäler sind in Belarus allgegenwärtig. Sie bezeugen, dass unter Präsident Lukašenka das sowjetische Erbe weiterhin die Erinnerungslandschaft dominiert. Die Heroisierung der Kriegshelden zielt heute wie damals auf die Schaffung nationaler Identifikationsfiguren. Allerdings finden sich auch Darstellungen der Vernichtungserfahrungen des belarussischen Volkes, am prominentesten in der Gedenkstätte Chatyn’. Seit 1992 wurde zudem das öffentliche Gedenken an einzelne Opfergruppen und insbesondere an die Opfer des Holocaust in Belarus möglich. Die Erinnerung an die stalinschen Repressionen wird hingegen weiter unterdrückt. Gleichwohl ist ein Wandel der belarussischen Erinnerungskultur im Gange. Schließen

Leanid Levin | 247

„Die Landschaft ist Co-Autor meiner Gedenkstätten...“
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Der Name des 1936 geborenen Architekten Leanid Levin ist in der belarussischen Öffentlichkeit untrennbar mit der Gedenkstätte für die von der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg vernichteten belarussischen Dörfer in Chatyn’ verbunden. Kriegsdenkmäler wurden in der Folgezeit zu seinem Lebensthema, obwohl das breite Spektrum seines Schaffens auch Wohnviertel, Büro- und Wohnhäuser, Messegebäude, U-Bahn-Stationen und Parkanlagen umfasst. Seit 1992 ist Levin zudem Vorsitzender des Verbands der jüdischen Gemeinden und Organisationen, der 2003 gemeinsam mit dem Dortmunder Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk im ehemaligen Minsker Ghetto die er¬ste Geschichtswerkstatt zur Aufarbeitung der weißen Flecken des Zweiten Weltkriegs in Belarus eröffnete. 2008 wurde er für seine Versöhnungsarbeit mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Schließen

Elena Temper | 253

Konflikte um Kurapaty
Geteilte Erinnerung im postsowjetischen Belarus
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Belarus gehört zu den wenigen postkommunistischen Staaten, in denen sich die amtliche Geschichtsdeutung nicht mit der nationalen Konzeption der Geschichte deckt. Die Spaltung des belarussischen Geschichtsbildes in ein nationales und ein antinationales hat zu einer geteilten Erinnerungskultur in der Gesellschaft geführt. Dies zeigt der Konflikt um Kurapaty, einen Ort stalinistischer Massenerschießungen. Schließen

Valters Nollendorfs | 267

Achse der Erinnerung
Krieg und Okkupation in lettischen Denkmälern
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Wie die Letten den Zweiten Weltkrieg und die Besatzung durch die Nationalsozialisten und die Sowjetunion erfuhren, können sie erst seit der Unabhängigkeit öffentlich artikulieren. Seitdem sind zahlreiche Denkmale für die Opfer des sowjetischen Terrors entstanden. Weitgehend verschwiegen wird die lettische Beteiligung am Holocaust und am Sowjetregime. Die öffentliche Debatte offenbart, dass viel Zeit und eine differenzierte Aufarbeitung der Geschichte nötig sind, um Vorurteile zu überwinden und die Wunden zu heilen, die Krieg und Gewalt gerissen haben. Diese Aufarbeitung ist Voraussetzung für die Versöhnung der lettischen und der russischsprachigen Bevölkerung. Schließen

Krzysztof Ruchniewicz | 285

Geschichtsstunde
Der Zweite Weltkrieg im polnischen Schulbuch
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Schulbücher vermitteln historisches Wissen und prägen die kollektive Erinnerung. Sie verraten viel über herrschende Geschichtsbilder. In Polen ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und die totalitäre Erfahrung von zentraler Bedeutung. Angesichts der Versuche der Regierungen unter Jarosław Kaczyński, durch eine besondere Geschichtspolitik die polnische Erinnerung auf eine Lesart festzulegen, stellt sich die Frage, wie erinnerungspolitische Streitthemen wie der Ribbentrop-Molotov-Pakt, Katyń oder der Holocaust in den polnischen Schulbüchern behandelt werden. Die Schulbücher halten der Kritik stand. Die Autoren haben sich der Geschichtspolitik nicht unterworfen. Die Geschichtsbücher sind problemorientiert angelegt und behandeln neben heroischen Seiten der polnischen Geschichte auch schmerzhafte Punkte wie Jedwabne. Schließen

Elfie Siegl | 307

Versöhnung über Gräbern
Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Russland
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Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. betreut seit dem Ersten Weltkrieg die Gräber gefallener deutscher Soldaten. 1984 konnte er erstmals auch in der Sowjetunion aktiv werden. Erst 1992 aber wurde ein Kriegsgräberabkommen zwischen Deutschland und Russland unterzeichnet. Trotz der allmählichen Annäherung bleiben deutsche Soldatenfriedhöfe für viele ältere Menschen in Russland ein Stein des Anstoßes, für andere ein Politikum. Die praktische Versöhnungsarbeit zeigt jedoch erste Resultate. Schließen

Xavier Galmiche | 317

Modelle und Modalitäten der Geschichte
Toužim: eine doppelte Stadtgeschichte in Böhmen
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Böhmen ist eine der ältesten germanoslawischen Kontaktzonen. An konkurrierenden deutschen und tschechischen Deutungen der Heimatgeschichte zeigen sich daher exemplarisch unterschiedliche geschichtspolitische Ansätze. Die tschechische Stadtgeschichtsschreibung betreibt eine Hyperhistorisierung, um die Vergangenheit einst deutsch besiedelter Orte in einer tschechischen nationalen Großerzählung zu verorten. Sudetendeutsche Heimatgeschichten zeichnen hingegen ein dekontextualisiertes Bild von einer verlorenen kleinen Heimat. Schließen

Erinnerungsorte in Musik und Literatur

Dorota Szwarcman | 327

„Und Gott verbarg sein Antlitz“
Polnische Kompositionen über Krieg und Gewalt
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Obwohl Polen wie kaum ein zweites Land im 20. Jahrhundert unter Kriegen, Völkermord und Vernichtung litt, gab es in der Nachkriegszeit kaum musikalische Werke, in denen an die Opfer totalitärer Gewalt erinnert wurde. Dafür waren das ästhetische Diktat des Sozrealismus und ideologische Restriktionen verantwortlich. Kompositionen von Witold Lutosławski und Andrzej Panufnik blieben Einzelfälle. Nach dem Tauwetter vergrößerte sich die Palette der musikalischen Ausdrucksformen. Unterdessen findet die Erinnerung an die in Katyn ermordeten polnischen Offiziere und an die Opfer des Holocaust ihren kompositorischen Niederschlag. Nach dem Schock über Jedwabne schufen Marta Ptaszyńska, Piotr Moss und Krzysztof Knittel bemerkenswerte Werke. Schließen

Natascha Drubek-Meyer | 341

Opfer und „Leichenverbrenner“
Das „jüdische Thema“ in tschechischer Literatur und Film
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Das Schicksal der Juden im 20. Jahrhundert ist ein zentrales Thema in der tschechischen Literatur und im Film. Nach dem Krieg dominierte zunächst ein ideologischer Zugang. In den 1960er Jahren gewannen psychologisch-identifikatorische und selbstkritische Haltungen an Bedeutung. Bücher und Filme zum „jüdischen Thema“ wurden ein Mittel der indirekten Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Regime. In den Ambivalenzen des fiktionalen Umgangs mit dem „jüdischen Thema“ spiegelt sich das zwiespältige tschechische Verhältnis zur eigenen Nation. Schließen

Jūratė Landsbergytė | 357

„Herr, unser Land brennt!“
Baltikum: Widerstand aus dem Geist der Musik
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Der Einfluss der sowjetischen Diktatur auf die Musik des Baltikums spiegelt sich im baltischen Minimalismus wider. Einen Meilenstein stellt die Entwicklung der Intonationszelle dar, in der folkloretypische Elemente und Intonationen mit modernen Kompositionstechniken verschmelzen. Der baltische Minimalismus ist ein Stil des Widerstands. Kompositionen sind der Philosophie der Zeit, der Geschichte und Erinnerung sowie religiösen Sphären gewidmet. Seine bedeutendsten Vertreter sind Arvo Pärt, Bronius Kutavičius und Pēteris Vasks. Insbesondere in Litauen hat sich eine vielfältige Musikkultur herausgebildet, die durch eine eigenständige Klangfarbe verbunden ist. Schließen

Claudia Sinnig | 373

Klio, Muse der Geschichte
Litauische Lyrik unter doppelter Besatzung, 1939–1942
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Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beendet in der litauischen Lyrik eine neoromantische Innerlichkeit. Er löst eine Rückwendung zu Nationalromantik und Proletkult aus, mit denen die Übergabe von Vilnius durch die UdSSR im Oktober 1939 und auch die zunächst als Befreiung vom Smetona-Regime empfundene Invasion der Roten Armee im Juni 1940 gefeiert wurden. Auch als im Herbst 1940 die gewaltsame Sowjetisierung einsetzt und im Juni 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf die UdSSR ein litauischer Aufstand gegen die sowjetische Besatzung ausbricht, greifen die Klagen, Anklagen und Aufrufe auf die tradierte Rhetorik und Stilistik zurück. Erst die wiederholte, tiefe Enttäuschung, die Gewaltexzesse und die völlige Ausweglosigkeit unter der deutschen Okkupation, in der sich bald die erneute sowjetische Besatzung ankündigte, brachten der litauischen Lyrik eine zeitgemäße Universalität, neue Sujets und Motive. Sie wendete sich von der nationalen Identität ab, hin zu einem universellen Humanismus. Die poetologischen Zusammenhänge und Übergänge insbesondere zwischen Neoromantik und sozialistischem Realismus sind fließend und bislang kaum erkundet. Schließen

Cornelius Hasselblatt | 417

Distanz, Verbitterung, Groteske
Erinnerungskulturen in der estnischen Prosa
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Vier estnische Autoren der Nachkriegszeit haben jeweils eigene Formen gefunden, die traumatischen Jahre 1944 bis 1953/1956 literarisch zu verarbeiten. Jaan Kross nähert sich dem Erlebten aus großer Distanz und mit Humor, während die sperrigen, unzugänglichen Textkollagen von Ene Mihkelson von Verbitterung zeugen. In Viivi Luiks kindlich-naivem Bericht tritt der Terror nur indirekt zutage. Andrus Kivirähks Zugang zur Vergangenheit führt über die Satire. Schließen