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Osteuropa 1/2010
Preis: 10,00 €

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Briefe aus dem Gefängnis

Ljudmila Ulickaja Michail Chodorkovskij | 27 | Volltext

„Am wichtigsten ist die Selbstdisziplin . . .“
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„AM WICHTIGSTEN IST DIE SELBSTDISZIPLIN . . .“
BRIEFWECHSEL: LJUDMILA ULICKAJA – MICHAIL CHODORKOVSKIJ


1.
15.10.08

Sehr geehrter Michail Borisovič!

Es hat sich eine Möglichkeit ergeben, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen, worüber ich mich sehr freue. In meiner Familie gibt es zwei Großväter, die zusammengenommen über zwanzig Jahre gesessen haben, und auch meine Sechziger-Jahre-Freunde haben ihr Scherflein beigetragen. Dazu kommt, dass dieses Thema für die russische Literatur ganz wesentlich ist – für mich so wesentlich, dass ich letzten Monat sogar ein Vorwort zum Buch Durch die Gefängnisse von Ėduard Limonov geschrieben habe, den ich für eine sehr vielseitige, aber fragwürdige Figur halte. Außerdem betreue ich zur Zeit ein Buch für Kinder mit dem Titel Verbrechen und Strafen, in dem es um dasselbe Thema geht – die Geschichte der Gefängnisse, Formen von Strafen und dergleichen. Wenn wir wirklich zusammenfinden – was ich mir sehr wünsche –, dann wäre es das, worüber ich gern mit Ihnen sprechen würde. Wie Sie wissen, gibt es ja zwei Standpunkte: Solženicyn meinte, dass die Gefängniserfahrung den Menschen abhärtet und an sich wertvoll ist, Varlam Šalamov hingegen, ein weniger glücklicher Lagerinsasse, war der Ansicht, dass sie für das normale menschliche Leben nutzlos ist und sich außerhalb des Gefängnisses nicht anwenden lässt.
In Julij Daniėl’s letzten Lebensjahren war ich mit ihm befreundet, und obwohl er nur ungern von jener Zeit sprach, gewann ich damals den Eindruck, dass sie für ihn eine wichtige Prüfung gewesen war, die auf eine bereits vorhandene andere Erfahrung traf, nämlich die der Front. Aber für Sie ist noch nicht die Zeit gekommen, sich daran zu erinnern, für Sie geht es um Ihre reale Gegenwart. Wie werden Sie damit fertig? Haben Sie nicht das Gefühl eines bösen Traums? Ich wüsste gern, ob sich Ihr Wertesystem verändert hat: Welche Dinge, die Ihnen in Freiheit wichtig erschienen, haben im Lager ihren Sinn verloren? Gibt es neue innere Antriebe, überraschende Erfahrungen?
Dieser Brief – verzeihen Sie! – ist eine Art Herantasten: Sie sind jemand, über den ständig geredet wird, für die einen ein Kämpfer und politischer Aktivist, für die anderen ein Schreckgespenst, doch in jedem Fall wird Ihre Situation unentwegt diskutiert, und das Interesse an Ihnen lässt nicht nach. Anna Achmatova sagte über Brodskij, als dieser verbannt wurde: „Sie machen unserem Rotschopf eine Biographie.“ Ihnen „macht“ man wirklich eine Biographie, und ich wünschte, wir könnten darüber in der Vergangenheitsform sprechen. Auch das ist ein Grund, warum ich Ihnen gern begegnen und mich mit Ihnen unterhalten möchte.
Hochachtungsvoll

Ljudmila Ulickaja


2.
15.10.08

Sehr geehrte Ljudmila Evgen’evna!

Vielen Dank für Ihren Brief und Ihre Unterstützung. Ich verstehe, woher Ihr Interesse kommt. Ein Interesse, muss man sagen, das typisch ist für einen bedeutenden Teil unserer Intelligenz. Leider, denn Gefängnis ist nicht die beste Erfahrung. In dieser Hinsicht ist mir Šalamov näher als Solženicyn. Ich denke, der Unterschied im Standpunkt der beiden hat damit zu tun, dass Solženicyn eine autoritäre, also gefängnisartige Regierungsform zulässig fand. Doch als „Humanist“ meinte er, dass ein Angehöriger des Staatsapparates die Peitsche auch auf seinem eigenen Rücken erfahren müsse. Diese Haltung verdient Respekt, aber ich teile sie nicht.
Das Gefängnis ist ein Ort der Antikultur, der Antizivilisation. Hier ist Gutes böse, Lüge Wahrheit. Pack erzieht Pack, und anständige Leute sind zutiefst unglücklich, weil sie innerhalb dieses abscheulichen Systems nichts tun können.
Nein, das ist übertrieben, natürlich können sie etwas tun und tun es auch, aber es ist schlimm mit anzusehen, wie jeden Tag nur Einzelne es schaffen, während Dutzende menschlicher Schicksale untergehen. Und wie langsam und mit wie vielen Rückschlägen Veränderungen vorankommen.
Mein Überlebensrezept lautet verstehen und verzeihen lernen. Je besser und tiefer du verstehst, dich in einen anderen hineinversetzt, desto schwerer wird das Verurteilen und desto leichter das Verzeihen.
Am Ende geschieht manchmal ein Wunder: Ein Gebrochener richtet sich auf und wird ein Mensch im eigentlichen Sinne. Die Gefängnisaufseher fürchten das sehr und begreifen gar nicht, wie es dazu kommt und warum. Mich aber beglücken solche Fälle. Meine Anwälte haben so etwas mehr als einmal gesehen.
Natürlich wäre es ohne den Rückhalt in der Familie, ohne ihre Unterstützung noch viel schwerer. Aber das ist ebenso ein Vorteil wie ein Unglück für den, der in reifem Alter ins Gefängnis kommt: er hat Familie, Freunde, ein Rückzugsgebiet.
Die wichtigste Voraussetzung hier ist die Selbstdisziplin. Entweder du arbeitest an dir, oder du verkommst. Deine Umgebung versucht dich einzusaugen, dich aufzulösen. Natürlich ist man manchmal deprimiert, aber das kann man überwinden.
Überhaupt geht es mir persönlich besser, je härter die äußeren Bedingungen sind. Am besten kann ich in der Isolationshaft arbeiten, dort habe ich das Gefühl des direkten, unmittelbaren Widerstands gegen eine feindliche Kraft. Unter nach hiesigen Maßstäben normalen Umständen ist es schwerer, sich ständig zu mobilisieren.
Entschuldigen Sie, ich schreibe sozusagen „Randbemerkungen“. Ohne nachzudenken. Morgen ist wieder ein Gerichtstermin.
Gern würde ich den Dialog mit Ihnen fortsetzen.
Mit großer Hochachtung

M.


[. . .]

5.
18.11.08

Sehr geehrter Michail Borisovič!
Ihr Brief hat mich überrascht: Das halbe Leben lang basteln wir an unseren Vorurteilen und Klischees, dann nehmen sie uns die Luft, und Jahre später, wenn sie zusammenbrechen, sind wir froh über die Befreiung. Ich rede vorerst nur von meinen Vorstellungen. Mit der Zeit, hoffe ich, werden wir auch zu den Ihren kommen.
Also. Ihre Eltern waren solide, gesunde „Sechziger“ – Ingenieure, Praktiker, ehrlich und anständig; Ihr Vater, eine Gitarre in der einen und ein Glas in der anderen Hand, fröhlich und lebhaft, und Ihre Mutter, immer und überall bereit, Gäste aufzunehmen oder einer Freundin in einer schwierigen Lage zu helfen. Auch ihr Verhältnis zur Sowjetmacht war klar: Sie kann uns mal . . . Die Kinder der „Sechziger“, die in der neunten Klasse Schreibmaschinenkopien von Solženicyns Archipel Gulag und Orwells 1984 lasen, wandten sich angeekelt von der Macht ab und schrieben bestenfalls ihre Dissertation, arbeiteten als Ärzte oder Fahrstuhlführer oder beteiligten sich an der sozialen Bewegung, die später als „Dissidenz“ bezeichnet wurde. Manche dieser Kinder saßen als Erwachsene in den 1970er und 1980er Jahren im Gefängnis oder im Lager, ein Teil emigrierte in den Westen. Sie aber blieben davon irgendwie verschont, passten sich an den damaligen Mechanismus an, fanden Ihren Platz darin und arbeiteten effektiv. Besonders rührend ist die Unschuld, mit der ein junger Mann wie Sie bereit war, auch für die Rüstung zu arbeiten, weil man ja die Heimat verteidigen musste.
Zwei Jahrzehnte Altersunterschied schließen eine Situation aus, die man sich leicht ausmalen könnte, wären wir gleich alt. Als ich mit meinem Reise-Berechtigungs¬schein in der Tasche voller Abscheu ins Komsomol-Komitee der Fakultät ging, um meine Beurteilung abzuholen, saßen dort entweder eingefleischte Karrieristen oder Idioten – und ich musste ihnen die Frage beantworten, wer in Bulgarien Sekretär des ZK sei. Das war in den 1960er Jahren, und Sie saßen Anfang der 1980er dort, oder im Büro nebenan. Zweifellos gehörten Sie zu einem Kreis von Menschen, mit denen ich, gelinde gesagt, nicht befreundet war.
Und nun stellt sich heraus – und das hat mich an Ihrem Brief erstaunt – dass der eine oder andere dieser Leute in den 1980er Jahren vielleicht positive Motive hatte. Dort saßen zum Beispiel Sie, ein begabter junger Mann, der Betriebsdirektor werden wollte, auf sinnvolle und richtige Weise etwas produzieren, vielleicht auch Waffen zum Schutz der Heimat. Und Sie erlebten dort, in Ihrer Umgebung, „Progressive“ wie El’cin und „Rückwärtsgewandte“ wie Ligačev. Sie befanden sich im Inneren des Systems, und Sie fanden dort Ihren Platz und scharten eine Mannschaft um sich. Sie schreiben, die Ideologie habe Sie nie interessiert, wichtig sei Ihr „Führungsstreben“ gewesen. Aber dieses Streben ist doch nur eine höflichere Definition von Karrierismus. Karrierismus meine ich nicht als Schimpfwort. Karriere gehört für einen normalen Mann zum Leben unbedingt dazu. Und heute auch für Frauen. Nur schien mir immer, dass ein anständiger Mensch die Spielregeln in diesem System nicht akzeptieren kann. Doch Sie waren ja gerade ein Junge aus einer anständigen Familie. Wie konnten Sie dann als „gläubiger“ Komsomolze aufwachsen, ohne den geringsten Zweifel, wer Freund war und wer Feind? Offenbar ging das also doch. Ich habe keinen Grund, Ihrer Analyse zu misstrauen. Demnach war meine absolute Ablehnung gegen alle parteigebundenen oder parteinahen Personen ein Vorurteil. In den 1980er Jahren hatte sich die Führung des Landes bereits von jeglicher Ideologie verabschiedet (und nicht nur sie, alle, bis hinunter zur Kindergärtnerin). Es blieb nur eine leere Hülle.
Jetzt sehe ich, dass mein Bild nicht vollständig war. Vielleicht sogar ganz falsch. Mein Abscheu gegen das Sowjetsystem war so groß, dass ich es für ausgeschlossen hielt, dass man sich in diesem spätkommunistischen Milieu an irgendwem orientieren, jemandem vertrauen konnte. Sogar ein Idol finden. El’cin war für mich nur ein gewöhnlicher Parteifunktionär, und als damals alle meine Freunde zum Weißen Haus liefen, saß ich zu Hause und fragte mich traurig: Warum habe ich keine Lust, mit den anderen zur Demonstration zu gehen?
Nach ein paar Tagen sagte ich mir: Wenn es eine Lustration gibt, wie die Entnazifizierung in Deutschland nach dem Krieg, dann werde ich daran glauben. Es gab einen großen Enthusiasmus, den ich nicht teilen konnte. Eine Lustration gab es nicht: Fast alle hohen Beamten blieben und wechselten allenfalls den Posten, nur wenige wurden verjagt.
Mir ist klar, dass El’cin Charisma hatte, große Pläne und gute Absichten. Aber es endete schlecht – er legte das ganze Land dem KGB in die Hände. Schöne „saubere Hände“ waren das. Das räumen auch Sie ein, wie mir scheint, auch wenn Sie es mit anderen Worten ausdrücken.
Wie schätzen Sie heute, zehn Jahre später, die Person El’cins ein? Und falls sich Ihre Einschätzung geändert hat – wann ist das passiert?
Eine Zeitlang glaubte ich, Gajdars Reformen könnten ein funktionierendes Wirtschaftssystem schaffen, aber er hat es nicht geschafft. Sein Buch über den Fall des Imperiums ist hochinteressant und erklärt vieles, aber leider erst im Nachhinein.
Hatten Sie damals ein bestimmtes Reformkonzept oder waren Sie vollauf zufrieden mit den großen Möglichkeiten, die sich für Unternehmer eröffneten? Zweifellos waren Sie ja ein sehr guter Direktor eines riesigen Betriebs.
Und schließlich die heikelste Frage. So heikel, dass Sie nicht antworten müssen, dass ich die Frage auch wieder zurückziehe. Zu einem bestimmten Zeitpunkt bekamen Leute, die El’cin nahe standen, große Teile des Kuchens ab – zur Verwaltung oder als Eigentum. Dieser ersten Verteilung folgte eine Reihe von „Umverteilungen“. Die zum Teil sehr brutal verliefen. Damals waren Sie bereits „Betriebsdirektor“. Wo verlief für Sie in dieser Zeit die Grenze des Erlaubten?
Ach ja, und was Voltaire angeht: Der hat mit seinen Ideen die ganze Welt verrückt gemacht, aber die Kinder, die er mit seiner Dienerin hatte, ließ er in ein Waisenhaus bringen. Oder war das Rousseau? In jedem Fall scheint das eine Art Naturgesetz zu sein: Je erhabener die Ideen, desto hässlicher die Lebenspraxis . . .
Noch etwas. Eine Korrektur meiner Frage: Welche der Ideen aus Ihrer Jugend, als Sie davon träumten, „Betriebsdirektor“ zu werden, haben Sie sich bewahrt? Welche verloren? Ich meine natürlich Ihr Wertesystem.
Ich zähle Sie nicht mehr zu den Oligarchen, seit ich in einer Strafkolonie für Minderjährige, die ich zusammen mit befreundeten Psychologinnen besuchte, einen von Ihnen finanzierten Computerraum entdeckte, und als ich später in verschiedenen Zusammenhängen auf Spuren Ihrer Stiftung Offenes Russland stieß. Vor einigen Jahren, Sie waren bereits verhaftet, war ich im Lyzeum Koralovo, lernte Ihre Eltern kennen und fand eine unglaublich wundervolle Insel für Waisen und Halbwaisen vor. Dergleichen hatte ich noch nirgendwo in Europa gesehen. Auch das ist Ihr Werk.
Sie schreiben, ein Wendepunkt in Ihrem Verhältnis zur Regierung sei die Zerschlagung von NTV gewesen. Tatsächlich hat jeder Mensch „seinen Rubikon“. Doch bis dahin sind Sie mit dieser Staatsmacht, die zusehends jeden Anstand verlor, ja ganz gut zurecht gekommen. Und noch eine direkte Frage: Hatten Sie das Gefühl, dass dieser Prozess umkehrbar war? Wäre NTV erhalten geblieben, hätte sich Ihre Beziehung zum Kreml wieder einrenken können?
Verzeihen Sie, vielleicht ist einiges in diesem Brief zu hart geraten. Aber das „goldene Zeitalter“ ist vorbei. Die Illusionen sind dahin. Zum Überlegen bleibt wenig Zeit. Ich habe das akute Gefühl, dass die Zeit implodiert. Und ich will, solange es nicht zu spät ist, „zum Wesentlichen“ vordringen. Das hat zwar noch nie jemand geschafft, aber vielleicht kann ich ihm zumindest möglichst nahekommen.
Noch ein Thema möchte ich gern mit Ihnen erörtern: Das Privatleben unter dem Druck der Gesellschaft. Wie bewahrt man seine Würde, seine Werte . . . Wie verändern sich diese Werte? Verändern sie sich überhaupt? Die spezifischen Erfahrungen, die ein Mensch im Lager macht, lassen sich nicht mit unseren hier vergleichen. Das nur als Ankündigung, worüber ich noch gern mit Ihnen reden würde, wenn es möglich ist.
Ich wünsche Ihnen Gesundheit, Festigkeit und Ruhe.
Hochachtungsvoll

Ljudmila

[. . .]

Der vollständige Briefwechsel ist erschienen in: OSTEUROPA, 1/2010, S. 7–19.

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