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Schichtwechsel
Politische Metamorphosen in der Ukraine

M. Sapper, V. Weichsel, R. Lindner (Hg.)
528 Seiten
Berlin (BWV) 2010 [Osteuropa 2-4/2010]
Preis: 32,00 €
ISBN: 978-3-8305-1496-1

Coverbild

Editorial | 7

Kontinuität und Wandel
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Die Ukraine ist ein Zwischenland. Sie liegt zwischen Ost und West, Nord und Süd, Europa und Asien. Ihr Staatsgebiet – das zweitgrößte Europas – erstreckt sich von der feuchten Mischwaldzone im Norden über die Trockensteppe bis zur mediterranen Südküste der Krim. Für viele Jahrhunderte lag das Gebiet der heutigen Ukraine an der Scheidelinie zwischen sesshaften Ackerbauern und Reiternomaden. In der Ukraine liegt die Wiege der ostslawischen Orthodoxie. Später gehörten große Teile der heutigen Ukraine zu Polen-Litauen und damit zur katholisch-lateinischen Welt. Bis heute ist die Ukraine das Übergangsland zwischen den christlichen Konfessionen. Der Westen der Ukraine gehörte von den polnischen Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts bis zum Ersten Weltkrieg zum Reich der Habsburger, der Osten zum Russischen Zarenreich.
Doch mehr noch als diese oft betonten Gegensätze ist es die Einheit in der Vielfalt, welche die Ukraine so bemerkenswert macht. Das Klischee von der Ost-West-Spaltung hält der Prüfung nicht stand. Der Gegensatz zwischen der ukrainischsprachigen und der russophonen Ukraine wird oft überzeichnet. Lemberg hat seine Plattenbausiedlung und Charkiv seine katholische Kirche. Das Land entzieht sich den einfachen Zuschreibungen. Die Rotbuchen-Urwälder in den Karpaten gehören zu den letzten Flecken Europas ohne sichtbaren menschlichen Einfluss. In den devastierten Industrielandschaften im Donbass sind die natürlichen Ökosysteme weitgehend zerstört. Den schnauzbärtigen Bergarbeiter auf dem Titelbild assoziieren viele mit der Ukraine. Doch er ist nicht typischer für das Land als die Dame auf der Rückklappe. Sie gehört zur Frauenrechtsbewegung FEMEN. Hier fordert sie in markanter Verkleidung: Sei keine Hure, verkauf Deine Stimme nicht. Beide Bilder entstanden während des Wahlkampfs 2010.
Auch politisch gilt es, Widersprüche auszuhalten: Nach der Orangen Revolution versprachen Viktor Juščenko und Julija Tymošenko 2005 einen radikalen Neuanfang nach Jahren der autoritären Herrschaft. Fünf Jahre später herrschte große Ernüchterung: Nichts schien sich verändert zu haben. Die Bilanz hängt jedoch vom Maßstab ab. Misst man die Ukraine an Polen oder den baltischen Staaten, ist die Entwicklung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit enttäuschend. Politischer Wettbewerb findet in der Ukraine oft nicht nach festen Regeln statt. Die Regeln sind vielmehr Teil des Wettbewerbs. Eine Gruppe von Großunternehmern, die sogenannten Oligarchen, dominiert die ukrainische Politik. Viele politische Entscheidungen sind intransparent, die Korruption ist endemisch.
Vergleicht man die Ukraine allerdings mit den ostslawischen Nachbarn Belarus und Russland, so fällt die Bewertung anders aus: Während dort Präsidentschaftswahlen bloße Akklamation für den Kandidaten der Macht sind, standen in der Ukraine bereits bei den Wahlen 2004, deren Manipulation zur Orangen Revolution führte, zwei Kandidaten mit einer echten Chance auf Erfolg zur Auswahl. Die Parlamente in Minsk und Moskau verdienen den Namen nicht, den sie tragen. In Kiew hingegen bildet eine parlamentarische Mehrheit die Regierung, und politische Konflikte werden in der Verchovna Rada ausgetragen. Dies sind im postsowjetischen Raum Alleinstellungsmerkmale, mit denen die Ukraine sich schmücken darf.
Ökonomisch fällt die Bilanz düsterer aus: Die ukrainische Volkswirtschaft steht am Abgrund. Bereits in den 1990er Jahren erlebte sie eine Rezession, wie es sie im letzten Jahrhundert zu Friedenszeiten in keinem anderen Land der Erde gegeben hatte. Der Aufschwung des vergangenen Jahrzehnts endete jäh mit der Finanzkrise von 2008. Diese griff rasch auf die Realwirtschaft über. Der Staatsbankrott konnte nur mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds verhindert werden. Auch wenn sich eine Erholung abzeichnet, ist die Ukraine weiter enorm anfällig. Dies hat mehrere Gründe. Einer ist die hohe Abhängigkeit von den sprunghaften Rohstoffpreisen. Über die Hälfte der ukrainischen Ausfuhren entfallen auf die Grundstoffindustrie, vor allem auf Stahl. Entsprechend gering ist die Wertschöpfung im Land.
Viel schlimmer noch ist, dass die ukrainische Wirtschaft eine der energieintensivsten der Welt ist – und gleichzeitig vom Import teurer Energieträger aus Russland abhängig. Seit 2010 – fast zwanzig Jahre nach der Auflösung der Sowjetunion – zahlt die Ukraine für Erdgas aus Russland erstmals einen Preis, der nicht mehr unter dem europäischen liegt. Dies ist eine schwere Bürde. Doch der Reformdruck bietet Chancen: Der Energieverbrauch muss gesenkt und erneuerbare Energien müssen gefördert werden. Damit die Ukraine ihr großes landwirtschaftliches Potential nutzen kann, braucht sie mehr technische Expertise, besseres Management und eine verlässliche Agrarpolitik. Auch die sozialen Sicherungssysteme müssen dringend reformiert werden, damit sie die Beitragszahler tatsächlich gegen Einkommensausfälle durch Alter, Krankheit oder Arbeitslosigkeit schützen.
All dies findet nicht irgendwo in der Ferne statt. Seit der Osterweiterung der Europäischen Union gehört die Ukraine zu unseren Nachbarn. Was zwischen Užhorod und Luhans’k geschieht, geht uns unmittelbar an. Doch allzu oft wird die Ukraine noch immer aus der Ferne wahrgenommen. Die Korrespondenten der meisten internationalen Medien berichten über die Ukraine mitnichten aus Kiew, sondern aus Moskau oder Warschau. Dieser Band macht es anders: Er lässt neben deutschen und internationalen Experten viele Ukrainer zu Wort kommen: Journalisten und Historiker, Schriftsteller und Politikwissenschaftler.
Zusammen gehen sie den Metamorphosen des Politischen nach, den Wandlungen der öffentlichen Sache, zu der neben der Politik selbstverständlich auch die Kultur, neben der Ökonomie auch die Gesellschaft gehört. Sie richten ihren Blick zu einem Zeitpunkt auf die Ukraine, da das Land einen Schichtwechsel erlebt. Der neue ukrainische Präsident Viktor Janukovyč, so fürchten oder hoffen viele, werde als starker Mann das Land wieder näher an Russland rücken. Doch Janukovyč versprach im Wahlkampf nicht „Change“, sondern Stabilität. Und angesichts der Lage der Ukraine kann Janukovyč gar nicht anders, als die Ukraine nach allen Seiten offen zu halten. Für Moskau und für Washington – und für Brüssel sowieso.

Manfred Sapper, Volker Weichsel Schließen

Andreas Kappeler | 9

Das historische Erbe der Ukraine
Schichten und Elemente: Ein Essay
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Kenntnisse der Geschichte tragen zur Orientierung bei. Denn das historische Erbe bestimmt die Gegenwart und die Zukunft mit. Geschichte lässt sich als ein Bündel von inneren und äußeren Faktoren analysieren. Für die Ukraine sind elf Elemente des historischen Erbes von besonderer Bedeutung. Sie reichen von den naturräumlichen Bedingungen über die Orthodoxie, die im 10. Jahrhundert angenommen wurde, bis zu den Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Andere Elemente beziehen sich auf die Prägung der Ukraine durch Polen, Russland und Österreich, auf den Kosakenmythos und die Rolle der Juden. Schließen

Rainer Lindner | 33

Einheit über beide Ufer
Der Dnjepr als nationales Symbol der Ukraine
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Der Dnjepr ist mehr als ein großer Fluss in Europa. Er war der Ursprungsstrom der slawischen Orthodoxie, Heimatfluss der Kosaken, Handelsweg und Lebensader; bis heute ist er ein Wirtschaftsfaktor und Energiespender. Er war Staatsgrenze im 17. Jahrhundert zwischen Polen und Russland und wird bis heute oft als politische Trennlinie bezeichnet. Die Präsidentschaftswahlen Anfang 2010 haben diese vermeintliche politische Zweiteilung am Dnjepr relativiert; die scharfe Trennung in Ost- und Westukraine ist überwunden. Nationale Symbole wie der Dnjepr könnten zur Einheit der Ukraine beitragen. Schließen

Katharina Raabe | 49

Kosaken oder Kampfschildkröten
Die Ukraine lesen
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Ukrainische Literatur war jahrzehntelang Sache einiger Experten. Erst die Überwindung des Ost-West-Konflikts gab den Blick frei auf das geheimnisvolle literarische Gelände im Osten Polens. Das Erscheinen von Jurij Andruchovyčs Essays glich einem Paukenschlag. Hier war ein sprühender Erzähler und Ruinenbaumeister der Erinnerung am Werke. Lemberg und Czernowitz, die Karpaten und Ostgalizien tauchten aus dem Vergessen auf. Der historische Augenblick der Orangen Revolution förderte das Interesse an Literatur aus der Ukraine. In Andruchovyčs Windschatten nutzten Oksana Zabužko, Serhij Žadan und Ljubko Dereš die Gunst der Stunde. Unterdessen sind zwei Dutzend Werke erschienen. Das Goldgräberfieber ist vorbei. Nun wird sich erweisen, ob die ukrainische Literatur das Potential hat, international zu bestehen. Schließen

Das Politische

Gerhard Simon | 63

Demokratie und Nation
Voraussetzungen der Volksherrschaft
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Der ausgeprägte Regionalismus in der Ukraine stellt eine große Herausforderung für die Nationsbildung und die Demokratie dar. Er bedroht einerseits die Stabilität und führt immer wieder zu Blockaden. Andererseits zwingen die regionalen Spannungen zum Aushandeln und zu Kompromissen: Deshalb ist die Demokratie ohne Alternative. Weil Demokratie Streitkultur ist, braucht sie zur Ausbalancierung den Konsens. Nationale Identität ist eine Ressource für Konsens. Aber nur eine inklusive nationale Identität, die den politischen neben den ethnischen Faktoren weiten Raum gibt, leistet einen Beitrag zur Akzeptanz der regionalen Vielfalt, die nicht aufhebbar ist. Schließen

Ellen Bos | 77

Stabile Instabilität, dynamische Blockade
Das politische System der Ukraine
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Die mit der Orangen Revolution verbundenen Erwartungen auf durchgreifende politische und ökonomische Veränderungen haben sich nicht erfüllt. Die Kontinuität des Personals und der fehlende Grundkonsens über die politischen Spielregeln sind dafür verantwortlich, dass Blockaden, Stagnation und Korruption das System prägen. Schließen

Angelika Nußberger Caroline von Gall, | 89

Rechtsstaat ohne Masterplan
Recht und Gerichtswesen in der Ukraine
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Art. 1 der Verfassung definiert die Ukraine als Rechtsstaat. Ob dies der Verfassungswirklichkeit entspricht, muss an internationalen Kriterien gemessen werden. Danach sind in einigen Bereichen tatsächlich erhebliche Fortschritte zu konstatieren. Die Ukraine verfügt über ein modernes System des Grundrechtsschutzes. Auch hat sie eine Verwaltungsgerichtsbarkeit eingeführt. Doch die politischen Machtkämpfe verzögern die Konsolidierung der Rechtsstaatlichkeit. Schließen

Gwendolyn Sasse | 105

Stabilität durch Heterogenität
Regionale Vielfalt als Stärke der Ukraine
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Die Ukraine zeigt, dass regionale Vielfalt einen jungen Staat im Umbruch stärken kann. Vielfalt zügelt politische Exzesse und kann zur Korrektur einer autoritären Wende beitragen. Entgegen den theoretischen Annahmen tragen regionale Differenzen, die politische Mobilisierung und Konsensfindung strukturieren, somit zur Stabilität und Demokratisierung bei. Insbesondere die Einbindung der Krim als Autonome Republik in den ukrainischen Staat ist ein Muster für erfolgreiche Konfliktprävention. Schließen

Heiko Pleines | 123

Demokratisierung ohne Demokraten
Die Oligarchen in der ukrainischen Politik
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Die ukrainische Politik wird von einer Gruppe von Großunternehmern dominiert. Diese sogenannten Oligarchen haben in den 1990er Jahren riesige Vermögen angehäuft und große Industrieholdings geschmiedet. Sie stützten das autoritäre Regime des Präsidenten Kučma, daher sollte ihre Macht nach der Orangen Revolution beschnitten werden. Dies ist nicht gelungen. Nach wie vor beeinflussen sie intransparente politische Entscheidungen und verschaffen sich durch Korruption Wettbewerbsvorteile. Doch da die Oligarchen heute verschiedene politische Lager unterstützen, hat sich ihre Rolle verändert. Die machtpolitische Pattsituation oligarchischer Interessen könnte die Grundlage bilden für eine langfristige Demokratisierung. Schließen

Andrew Wilson | 135

Schildkröten in der Dämmerzone
Die Politik in der Ukraine und der Wandel
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Die Ukraine ist kein erfolgreicher Staat. Doch sie ist auch kein „Failed State“. Krisen kennzeichnen Politik und Wirtschaft. Tiefe und schnelle Reformen wären nötig, doch der Wandel vollzieht sich in Zeitlupe. Das Schlüsselproblem der politischen Stagnation sind die Eliten. Die Machtposition der Oligarchen ist ungebrochen. Doch die strukturellen Probleme der Ukraine, insbesondere die wirtschaftlichen, zwingen zum Handeln. Schließen

Heike Dörrenbächer | 145

„The Winner Takes It All”
Die Präsidentschaftswahlen und die Folgen
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Die Ukraine ist das einzige Land im postsowjetischen Raum, in dem erneut ein Machtwechsel friedlich und durch freie Wahlen stattgefunden hat. Doch der Wahlkampf hat gezeigt, dass die Demokratie in der politischen Kultur noch nicht verankert ist. Der neue Präsident Viktor Janukovyč hat die Machtverhältnisse im Parlament schnell verändert und mit Mykola Azarov einen Ministerpräsidenten ernannt, der ihm nahe steht. Damit dürfte die politische Blockade in der Ukraine zu Ende sein. Auch die Machtbalance der Interessengruppen könnte kippen. Schließen

Susan Stewart | 153

Das unsichtbare Zentrum
Regionale Unterschiede in der Ukraine
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Die Unterschiede zwischen dem Osten und dem Westen der Ukraine werden oft vereinfacht. Eine Untersuchung der historischen, ethnischen, sprachlichen und wirtschaftlichen Differenzen sowie der politischen Einstellungen zeigt ein komplexes Bild. Weder der Osten noch der Westen ist homogen, die Krim bildet in vielen Fragen eine Ausnahme, und die zentralen Gebiete spielen eine wichtige ausgleichende Rolle. Schließen

Matthias Morgner | 163

Reformbedarf
Kommunale Selbstverwaltung in der Ukraine
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Die Ukraine ist ein zentralistischer Einheitsstaat. Er besteht aus 24 Gebieten, der Autonomen Republik Krim sowie Kiew und Sevastopol’ als Städte mit Sonderstatus. Der dreigliedrige Verwaltungsaufbau aus Gebieten, Kreisen und Kommunen ist sowjetischen Ursprungs und dysfunktional: Es fehlt an einer klaren Aufgabenverteilung zwischen der staatlichen Verwaltung und der lokalen Selbstverwaltung. Kompetenzüberschneidungen sind die Regel. Das Subsidiaritätsprinzip ist unbekannt. Auch ist die fehlende Tradition der kommunalen Selbstverwaltung ein Hindernis für die Entwicklung vor Ort. Dies zeigt eine Analyse der Wasser- und Abwasserbetriebe. Der Regierung in Kiew ist klar, dass es einer strukturellen Reform bedarf. Schließen

Andrej Kurkov | 175

Die Naturgesetze der Ukraine
Von Politikern und Pragmatikern
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Die Ukraine ist ein rätselhaftes Land. Sie ist voll von toleranten, herzlichen und klugen Menschen. Doch an die Macht drängen andere Gestalten. In den letzten Jahren haben aber auch sie sich zum Besseren verändert: Sie beginnen sich mehr vor dem eigenen Volk zu fürchten. Und das ist gut so. In der bäuerlichen Tradition haben sie nach der Maxime agiert: Jede politische Entscheidung ist wie Gemüse – wenn man lange genug wartet, wird es von selber reif. Doch jede neue Generation ukrainischer Bürger ist gebildeter, als die vorherige Generation es war. Das gilt auch für Politiker. Dies ist das Gesetz der menschlichen Natur. Und die Naturgesetze werden selbst in der Ukraine zu 100 Prozent eingehalten. Schließen

Das Ökonomische

Serhij Žadan | 183 | Volltext

Straßenatlas der Ukraine
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Wir umrundeten alle Tore und Zäune, überquerten alle Bahndämme und ignorierten alle Signale in die Zukunft, die großzügig entlang der Strecke verteilt waren. Wir betrachten die Kampfbeulen an den geklauten VW, die algengrünen Tätowierungen auf den Armen der Männer und das kupferrote Morgenfunkeln im gefärbten Haar der Frauen, die ihre schweren schwarzen Fahrräder ins Nichts schieben, wir betrachten die Stalin-Porträts in den Fahrerhäusern, junge Mädchen, die in Lieferwagen schlafen, Tiere, die sich vorsichtig der Straße nähern, den Geruch des Lebens wittern und den Geruch des Todes verbreiten. Irgendwo hier beginnen auch die nächste Kleinstadt und ihr Revier. Schließen

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„Sieh mal“, sagte mein Fahrer, „das Motel. Hier stehen abends die Nutten.“
„Und wohin verschwinden die dann?“
„Gehen nach Hause.“
„Die kennt hier doch sicher jeder, die Stadt ist klein.“
„Hier kennt überhaupt jeder jeden. Nutte zu sein, ist noch harmlos.“

Okay, Nutte zu sein ist wirklich eher harmlos, auch im Donbas mit seinem traditionell proletarischen Wertesystem; sind wohl gerade nicht die besten Zeiten für die Kohleindustrie, der junge ukrainische Kapitalismus verschlingt sich selbst, also muss man Kompromisse machen, eigenes Territorium abtreten, Fremde hineinlassen. Die Industrieriesen sterben wie Dinosaurier und lassen Ruinenanmut und den herben Geschmack von Arbeitslosigkeit zurück. Das Revier durchläuft die sieben Vorhöfe der Produktionshölle und wird zum Totrevier, wenn die alten Fabrikhallen wie katholische Kirchen in Touristenhochburgen zu historischen Stätten und Orten des Show¬business werden. Das Totrevier muss fixiert, auf Filmen festgehalten, mit Videokameras aufgenommen werden, jedes zerfallene Gebäude und jede zugeschüttete Zeche, an der du vorbeikommst, muss beschrieben und katalogisiert werden. Im Totrevier liest du die Biographien des Proletariats, die an den Wänden der früheren Arbeiterkantinen hängen, du musst nur anhalten und dich zu diesen Wänden durchschlagen, im Gras am Wegesrand trittst du auf benutzte Spritzen und ausgeblichene Hundeschädel. Alles hängt vom rechtzeitigen Anhalten ab.
Mein Freund Christoph Lingg fotografiert ausschließlich Totrevier. Kühne Versuche, seine Aufmerksamkeit auf den dichten Rastafari-Rauch zu lenken, der über dem Metallkombinat hängt, oder auf den Geruch nach frischer Schmiere, der die Aprikosen am Zementwerk durchdringt, enden jedes Mal erfolglos. Christoph schaut verärgert und verständnislos – was soll denn daran interessant sein, die bewegen sich doch, warten wir lieber, bis sie nicht mehr atmen, oder beschleunigen wir wenigstens diesen Prozess, man kann ihn verstehen: Christoph ist aus Wien, der Stadt mit der toten Kultur, aber ohne Totrevier. Um einen abgefuckten Schacht zu fotografieren, muss er mindestens ein paar Staatsgrenzen überwinden, möglichst Richtung Osten. Er hat schon Industrieruinen in Ungarn, Rumänien und auf dem Balkan fotografiert, ist auf der Suche nach dem Geist der Verwesung nach Tschechien und in die Slowakei gereist, hat mühelos die völlig verlassenen Objekte in Polen und mit einigen Mühen sogar die in Deutschland (in Ostdeutschland, versteht sich) ausfindig gemacht. Er musste weiter östlich ziehen, denn wie östlich Ostdeutschland auch sein mag, es ist eben kein richtiger Osten, der Osten beginnt weiter weg, im Donbas ungefähr, hierher muss man kommen, um interessante Ruinen zu finden. Der Donbas ist nicht einfach Osten, er ist der wirkliche Ferne Osten, dahinter gibt es nur die Einöde und die hohen Berge Tibets, und der Raum reißt ab, dort gibt es ja kein Totrevier, und freien Warenaustausch erst recht nicht.
Wir fuhren gegen zwei Uhr morgens in Charkiv los und versanken bereits bei Tagesanbruch in einem Nebel, in dem die gesamte industrielle Infrastruktur verschwand und der das ganze Revier einhüllte, das tote und das lebendige und das ungeborene, den ganzen Donbas mit seinen tausend Vorstadtbahnhöfen und tausend gefluteten Stollen, mit seinen urwüchsigen Märkten, auf denen Industriegeheimnisse gehandelt werden, mit Motels, in denen tote Chauffeure nächtigen, mit seinen Flüssen, in denen der Schlamm funkelt, schwarz und glänzend wie arabisches Öl, und mit kleinstädtischen Innenhöfen, die im August von dürrem Gras überwuchert sind, das ist das marxistische Klondike, wo die Kohle bis in die Gräber reicht, die das Bestattungsinstitut aushebt, so dass man nach der Beerdigung im Sarg hochwertige Kohle nach Hause trägt, und wo leichte Drogen dasselbe kosten wie Coca-Cola, nur dass die hier im Unterschied zu den leichten Drogen keiner nimmt, weil sie schädlich ist. Von den Nutten gar nicht zu reden.

***

Das mechanische Durchqueren des Raumes macht die ganze Idee des Reisens zunichte. Landschaften muss man langsam und konzentriert ablaufen und dabei auf Kleinigkeiten achten, sie geben schließlich jeder richtigen Landschaft ihre Ausprägung. Wenn du unterwegs nicht einfach stehen bleiben kannst, wenn du vom Ausgangs- zum Endpunkt hetzt, verlierst du das Wichtigste, den Blick für Veränderungen, die sich zwischen den Punkten vollziehen und wegen derer sich das Reisen überhaupt erst lohnt. Das Wichtigste ist nicht die zurückgelegte Strecke, das Wichtigste sind die Unterschiede auf der Strecke, die meisten Reisen werden wegen dieser Unterschiede unternommen, zum Beispiel wegen der Unterschiede im Wechselkurs des Dollar. Deshalb vermeidet man am besten Gruppenreisen oder beschränkt die Teilnehmerzahl so weit wie möglich, denn es gibt nichts Totalitäreres als zum Beispiel die Eisenbahn mit ihren Bahnsteigwärtern und Polizeistationen, oder den internationalen Flugverkehr, wo sich höchstens Unterschiede in der Schärfe der Zollkontrolle beobachten lassen. Das Verkehrsministerium ist eine totalitäre Sekte, die gegründet wurde, um deine Bewegungsfreiheit einzuschränken; die Fortbewegung als solche bleibt zwar erhalten, aber befördert wirst du auf einer festgelegten Route mit einer festgelegten Anzahl von Haltepunkten, mit erzwungenen Unterbrechungen. Eigentlich müsste man nur zu Fuß reisen, um sich die Landschaften anzusehen und die anderen Reisenden kennen zu lernen; die Eisenbahn nimmt dir diese Möglichkeit, bei der Eisenbahn kommst du zu Fuß höchstens von Bahnsteig eins zu Bahnsteig zwei, und die Unterschiede kann nicht einmal der Bahnsteigwärter erkennen.
Wir versuchten, dieser Falle zu entkommen, und umrundeten alle Tore und Zäune, überquerten alle Bahndämme und ignorierten alle Signale in die Zukunft, die großzügig entlang der Strecke verteilt waren. Wenn man totes Revier sucht, hält man sich am besten vom Leben und seinen Anzeichen so weit wie möglich fern. Unterwegs können einem die unterschiedlichsten einfachen und massenhaften Lebenszeichen begegnen: Schnaps-, Kleider- oder Sklavenhandel; Vertreter des Gesetzes, von dem diese ihre ganz eigene Vorstellung haben; Pilger, die zu ihren heiligen Stätten trampen oder sich einfach auf und davon machen, sie sitzen unweit der Schranken, bis die Autoschlange einen weiteren nummernlosen Güterzug vorbei gelassen hat, sie drehen ihren Rosenkranz und schlagen auf ihre rituellen Trommeln, die mit dem Leder getöteter Haustiere bespannt sind; während sie sitzen, betrachten wir die Kampfbeulen an den geklauten VW, die algengrünen Tätowierungen auf den Armen der Männer und das kupferrote Morgenfunkeln im gefärbten Haar der Frauen, die ihre schweren schwarzen Fahrräder ins Nichts schieben, wir betrachten die leeren Zigaretten- und Schlaftablettenpackungen, mit denen der Schotter übersät ist, betrachten die Stalin-Porträts in den Fahrerhäusern, junge Mädchen, die in Lieferwagen schlafen, Tiere, die sich vorsichtig der Straße nähern, den Geruch des Lebens wittern und den Geruch des Todes verbreiten. Irgendwo hier beginnen auch die nächste Kleinstadt und ihr Revier.

***

An der Schnellstraße nach Rostov zieht sich von West nach Ost die erwartete Landschaft entlang, mit Zechen und Schornsteinen, alles wie im Fernsehen; und weil aus den Schornsteinen Rauch aufsteigt, bleibt uns nichts weiter übrig, als alle diese Objekte des Stolzes der einheimischen Industrie traurig zu betrachten, das Lebendige bleibt lebendig, je weiter wir nach Osten kommen, um so trauriger werden die Kegel, Christoph ist plötzlich wach – die Luft riecht nach totem Metall, wir fahren noch etwas weiter, und auf einmal öffnet sich vor uns das echte Stalingrad-Revier, genau das, was wir brauchen, auch wenn dieses Revier noch lebt; wir sind so weit, dass wir es erledigen können.
Das ist offenbar ein verarbeitendes Kombinat gewesen, ein ziemlich großes im Übrigen – zu den zerfallenen Gebäuden führt sogar ein Gleisstrang, seinerzeit konnte man sich hier verschanzen und leben und voller Jubel hochqualitative Produkte ausstoßen, jetzt sind die Klötze von Werkhallen und sonstigen Gebäuden mit Bäumen überwuchert, die Bäume wachsen auf den Dächern und schieben sich durch die Fenster, füllen die Spalten in den Wänden aus, tasten sich langsam bis zu den Schienen vor, bedecken die Reste der kaputten Leitungen. Der Hof wurde seinerzeit allerdings derart großzügig mit Benzin und Müll zugeschüttet, dass hier auf ewige Zeiten nichts mehr wächst, man kann also rumlaufen und sich endlos in die Reste von Reifengummi im Sand vertiefen, anhand der Umrisse und des Profils sein Alter bestimmen.
Wenn Gebäude verfallen, werden sie schutzlos, die Leitungen liegen blank und verheddern sich wie Schleierkraut, es zerbröckeln die alten roten Ziegelsteine, die aus den zerbombten Stadtvierteln herbeigeschafft worden waren, ganz unten treten plötzlich die Holzverschalungen zutage, Schicht für Schicht gleitet das Bauwerk ins Jenseits hinüber, als tauchte es ins Meer, das alle überflüssigen Details wegspült. Seinerzeit entfernte man die Motoren aus den Gebäuden wie Lungen aus Körpern, so dass die Industrieanlagen auf einmal nicht mehr atmen konnten, oder man warf die Motoren in den ölgetränkten Sand wie gesunkene und aus dem Meer geklaubte U-Boote, die an Land ersticken, aber das interessiert niemanden mehr, genauer gesagt, uns interessiert es, gerade in diesem traurigen Zustand interessiert es uns.
Gründlich schaut sich Christoph jede Ecke und jede einsturzgefährdete Wand an, genau deswegen ist er ja hierher gekommen, je einsturzgefährdeter eine Wand, umso besser, er fotografiert extra schwarz-weiß, obwohl die Bilder hier auch mit einem Farbfilm schwarz-weiß wären, so ist die Landschaft eben. Während Christoph arbeitet, steige ich die kaputten Treppen hinauf, und da sehe ich plötzlich irgendwo in hundert Metern Entfernung eine Regung, etwas von der großen Maschinerie hat trotz allem überlebt, Reste des Arbeitskollektivs, Reste der zerschlagenen Armee, die sich von ihrer Vergangenheit abschotten und irgendwie das Feuer in den Kesseln am Brennen halten. In Ruinen wühlen, nach etwas Brauchbarem suchen, das diesem kranken Industrieorganismus das Überleben sichert, echt ein trauriges Ende der großen Industrialisierung; schließlich kehren wir zur Schnellstraße zurück, Christoph fotografiert unseren Abgang, sogar wir verlassen diese tote Landschaft, was heißt das erst für Leute, die sich prinzipiell nicht für Industriebrachen interessieren.
Wohin hat es die Arbeiter verschlagen? Und wie haben sie das Eisen und das Büromaterial fortgeschafft? Mit der Eisenbahn wohl kaum, die Eisenbahn schränkt die Manövrierfähigkeit einer zurückweichenden Armee ein, über ihr totalitäres Wesen haben wir bereits gesprochen. Es blieb also nur eine Kolonne von Lastwagen, auf welche die Arbeiter, ihrer Arbeit, ihrer Zukunft und damit auch ihrer Vergangenheit beraubt, sorgfältig das Gemeinschaftsgut aufluden, in einer endlosen jenseitigen Evakuierung trugen sie Rechentafeln und Safes, Tische und Bildagitationsmaterial aus den Büros, rollten Brennstofffässer aus den Lagern, bauten das Denkmal in der Hofmitte ab und schlugen es in gelbes Papier ein. Dann schleppten sie die Lebensmittelreste aus der Kantine weg, kippten die Portwein- und Apfelsaftvorräte in den schwerölgetränkten Sand, um auf der Reise unnötigen Ballast zu vermeiden, sie brachten die Kranken und Verwundeten nach draußen, verstauten die Geschütze und Maschinengewehre, zerlegten die Werkbänke und Schreibmaschinen bis zur letzten Schraube, zu
guter Letzt trugen sie die Fahnen hinaus, rollten sie auf und wickelten sie in Segeltuch, schließlich setzte sich die Prozession langsam in Bewegung, Wagen um Wagen bog auf die Schnellstraße ein, zum Abschluss hupten sie alle und fuhren gen Osten – durch die hohen tibetischen Berge, durch Zeitlosigkeit und Verfall, durch die Dunkelheit und den Nebel der Ostukraine, um irgendwann in ihrem Vorhimmels-Jerusalem der Verarbeitenden Industrie oder an einem anderen Ort anzukommen.

***

Als Kind waren für mich die Städte Musterbeispiele für Ordnung, ich spreche hier natürlich nicht von der städtischen Ordnung, also von Kehrmaschinen, obwohl davon auch, mir geht es um die innere Abstimmung, die Logik der städtischen Bebauung und das Fehlen von Einöden im sandigen Körper der Kreisstädte. Mein Vater, der immer wieder Lastwagen von einem Ende der Ostukraine zum anderen überführte (Ostukraine ist ein ziemlich dehnbarer Begriff, aber immerhin genauer als zum Beispiel Ostdeutschland), nahm mich oft mit und gewöhnte mich dabei an die Entfernung, gemeinsam zählten wir die Kilometer, suchten Ortsschilder, fragten Passanten, halt, ich habe natürlich niemanden gefragt, ich versuchte mir zu merken, wann und wohin wir genau fuhren. Daraus ist in mir allerdings ein mehr als merkwürdiges Bild entstanden, meine Ostukraine mit unproportioniert lang gezogenen Kiefern an der Schnellstraße, mit unglaublich sonnigen Städten und wahnsinnig heißem Asphalt, auf den man aus dem Fahrerhaus hinunter sprang. Der Asphalt schmolz in der Sonne, und es war schön, auf den Schnellstraßen dahin zu rasen und unterwegs die Seelen der Unfallopfer aufzuscheuchen, dahin zu rasen, um schließlich die nächste aus dem Nichts auftauchende Ortschaft zu erreichen.
Die Ortschaften lagen auf flachen, endlosen Stücken Ebene, manchmal sah man ein Gewässer, Flüsse, über die von den Deutschen nach Kriegsende instand gesetzte Brücken führten, an den Ausfahrten gab es Tankstellen mit roten Zapfsäulen, die den Tankstand anzeigten, dann kamen die kleinen Straßen mit riesigen Sandmengen, Plattenbauten oder Einfamilienhäuser, viel weiße Farbe, Büros, Lagerhallen, Vorratsräume, Armeeeinheiten, zentrale Plätze mit kleinen Läden, Vergnügungsparks, Kulturpaläste, Denkmäler und auf Sockeln ausgestellte Militärtechnik, Kioske mit Zeitungen und Stadien mit Sportlern, alles war da, alles gruppierte sich um die Fabriken, Werke und Schächte, manchmal standen die Fabriken außerhalb, manchmal direkt in der Innenstadt, aber so oder so spürte man, dass sich das Leben dieser grasüberwucherten und staubversunkenen Orte nicht um die Stadien drehte, sondern um die Fabriken, was meines Erachtens auch völlig korrekt ist. Was für ein Leben kann sich um Kulturpaläste drehen? Haben Sie je solche Paläste gesehen? Haben Sie je so eine Kultur gesehen? Fabriken sind da eine ganz andere Sache, selbst wenn sie nicht übermäßig groß sind, haben sie doch das ganze hemmungslose Leben der Kinder des großen Überlebenskriegs geordnet, den wir übrigens mit weitem Vorsprung gewonnen haben, obwohl unsere Hauptgegner, wie ich vermute, von der Existenz der Regeln, nach denen gespielt wurde, nicht die geringste Ahnung hatten.
Die subkutane Gegenwart des Systems, die man als Siebenjähriger spürt, wird später zum vielleicht größten sexuellen Trauma, die Pioniere von heute haben gut reden, NATO, nein danke, in unserem Grundschulalter wurden wir mit etwas viel Globalerem und Gefährlicherem als NATO-Schiffen konfrontiert, bei uns ging es um ein globales Vernichtungssystem, ein System der realen Bedrohung, ganz in unserer Nähe, auf unseren Radiowellen, und daran hing die Zukunft von uns und unseren Eltern. In Wirklichkeit, das begreife ich jetzt, ging es nur um ein Raketenabwehrsystem, das wir als Viertklässler in einem gewissen Moment metaphysisch etwas überinterpretierten, und diese Metaphysik, sie ist wie Durchfall, ist immer da, lässt sich nicht vergessen, macht besser gesagt andauernd auf sich aufmerksam.
Wahrscheinlich habe ich dank meines Vaters weniger Kindheitserinnerungen an die Landeskunde als solche (die es eigentlich gar nicht gab) denn an Geographie und Naturkunde, wenn man die zerquetschten Fuchskadaver auf der Schnellstraße der Naturkunde zurechnen kann. Es ist ein schreckliches Gefühl, wenn plötzlich in der Abenddämmerung ein Tier gegen den Fahrzeugboden schlägt, das Gehirn wie gelbe Bauernbutter auf der schwarzen Oberfläche des ostukrainischen Asphalts verschmiert wird, das muss man erlebt haben, wenn man echte Kindheitserinnerungen haben will, auch wenn du dich überhaupt nicht an deine Kindheit erinnern willst, das musst du einfach selbst erlebt haben, damit dir später dieser Ton des zerkrachenden Schädels, der wie das Zerplatzen eines Fußballs klingt, nicht im Traum erscheint. Wenn du auf diesen schmalen, holprigen Straßen unterwegs bist wie Alkohol in den Venen, genauso wie vor 20 Jahren, vom Nirgendwo ins Nichts, Bewegung um der Bewegung willen, Raum um des Raumes willen, nimmst du ihn auf, und er nimmt dich auf, und keiner ahnt etwas von eurer gegenseitigen Abhängigkeit.

***

Die lebenden Helden der toten Industrie, die Personen aus den Werbebroschüren und Verbrechensregistern sind immer präsent, sie mustern dich vorsichtig, sehen in dir zu Recht einen Fremden, geben dir ziemlich reserviert die nötigen Auskünfte, denken sich hin und wieder etwas aus, kommen auf viel zu intime Dinge, als dass man darüber miteinander sprechen könnte, sie geraten schnell ins Vergessen, verschwinden im Dunkel des Gedächtnisses und erweitern es um ihre Anwesenheit, aber wenn du genau hinschaust, erkennst du sie wieder: die Invalidentypen, die früheren Kumpel des einstmals tiefsten Schachts in Europa, sie kommen sogleich auf ihre Invalidität zu sprechen und meinen damit vielleicht ihren Alkoholismus, sie wollen gemeinsam fotografiert werden. Da war der Veteran eines undefinierbaren Zivildienstes mit undefinierbaren Orden am Jackett, der zuerst unbekümmert alle Staatsgeheimnisse, angefangen von 1947, ausplauderte und dann, nachdem er unseren Fotoapparat entdeckt hatte, auf irgendeine dringende Arbeit verwies und uns vage den Weg andeutete; ein lang gedienter Kumpel, der alle Umstehenden lautstark wissen ließ, dass er auf dem Weg in die Kneipe sei und, plötzlich Vertrauen zu uns fassend, uns sein „garantiert rostfreies“ Silberarmband schenken wollte; ein ehrbarer Herr, der sich irgendwann gegen zwei Uhr nachts und nach dem dritten Liter eine Zigarre anzündete und, in seinen politischen Ansichten natürlich, Ähnlichkeit mit Castro annahm; die Kumpel eines illegalen Schachts, die uns den Weg in den dunklen Stollen versperrten und behaupteten, der Schacht sei stillgelegt (mit ihren Stimmen suchten sie den Motorenlärm zu übertönen); Anatolij Tymoščuk, ukrainischer Fußballnationalspieler, der uns auf einer der zentralen Donec’ker Straßen entgegen kam und der mit dieser ganzen Geschichte überhaupt nichts zu tun hat; der Security-Chef des Zementwerks, der sich zunächst gegen zwanzig grüne Scheinchen bereit erklärte, uns auf das Fabrikgelände zu lassen, nach einem Telefonat aber einen Rückzieher machte – ich will mal hoffen, dass es seine Berufsehre war, die sich da geregt hatte –; zwei Berufsschüler, die wir von einer namenlosen Siedlung zur nächsten mitnahmen und die uns freudig ihre ganze Lebensgeschichte erzählten, wenn es da ein Leben gab, bei diesen Berufsschülern; die arbeitslosen Bewohner einer anderen Siedlung, die schon um neun Uhr morgens auf dem Posten waren, das Bergwerk war zu, sie waren übrig geblieben und hatten einen langen Tag vor sich; Nutten, die ebenfalls schon um neun Uhr morgens an der Ringstraße standen und die auch hier jeder kannte; die Jungs von der Specnaz, mit Einschlägen an ihren Maschinengewehren; die Antiquitätenhändler, die auf einem Platz selbstgefertigte Gemälde aus dem 19. Jahrhundert verkauften; die Taschendiebe, die in der Bahnhofswirtschaft saßen und auf den Zug aus Kiew warteten; die Putzfrauen der Bergarbeiterklubs; die Verliebten auf den Spielplätzen; die Alkoholiker an den mitternächtlichen leeren Haltestellen; die Alkoholiker auf den Bahnhofsvorplätzen; die Alkoholiker in den Müllschluckern, im dürren Gras und an den Ufern der ausgetrockneten Gewässer, in den Kofferräumen der Autos und an den Fenstern der Vorortbahnen, in den Supermärkten und 24-Stunden-Wechselstuben, auf den gebührenpflichtigen Parkplätzen und in den gebührenfreien Toiletten, in den Kesselräumen und Bahnwärterhäuschen, auf den Flohmärkten und am Lenindenkmal, unter der Hand von Anatolij Tymoščuk und in Begleitung dreier Sergeanten, auf Banken, auf Gebärstühlen und in Särgen, auf dem Rücksitz unseres Autos und hinter seinem Lenkrad – eine erquickende Ergänzung zu allen Denkmälern und Ruinen, schwarzes, heißes Blut, das in den sehnigen Körpern keinen Platz findet und durch Wunden, Risse, Brüche und amputierte Gliedmaßen nach außen quillt, dankbare Gesprächspartner, die so ruhig und überzeugend sprechen können, dass schon deine Anwesenheit überstürzt und unberechtigt erscheint, die Straßenpropheten und Schaffner, die sich in den dichten Nebeln zurecht finden, wo sich Lebendes und Totes aufhält, das sich hintereinander versteckt und ineinander übergeht.

***

In den Fahrerhäuschen lagen immer Autoatlanten herum, eigentlich benutzte sie keiner, alle kannten den Weg, aber die Karten lagen da, und als Kind schaute ich sie mir an wie Illustrierte, fuhr mit den Fingern über die kurvigen roten Linien, die von einer Stadt zur nächsten führten, lernte die Namen von Flüssen und Seen, prägte mir die einzelnen Abzweigungen ein und zeichnete in meinem Gedächtnis klare Umrisse von meinem Territorium – dem Sonnenland, mit seinen drei Walen und der Schildkröte, mit seinen flachen Ufern, die ins Asowsche Meer abglitten, mit seinen Ebenen, Einöden, schwarzen Löchern, den Millionenstädten, den Tankstellen am Straßenrand, den Statuen in den Parks, mit großen Entfernungen, Wetterwechseln und der Eisenbahn, die irgendwo im Süden über die Grenze rollte; wenn ich an Grenze dachte, versuchte ich mir vorzustellen, was hinter der Stelle begann, bis zu der ich zuletzt gekommen war, meine Vorstellung hielt sich strikt an meine Erfahrung, alles, was sich außerhalb meiner eigenen Erlebnisse befand, kam mir zu abstrakt vor, es ließ sich mit nichts vergleichen. Meine Erfahrung befand sich in völligem Einklang mit den umliegenden Gegenden – die flachen Reliefs der Ostukraine, dank derer man Dutzende Kilometer nach allen Seiten blicken konnte, entsprachen vollkommen meiner Vorstellung von der Welt –, ich sah das, was man sehen konnte, und sehen konnte man vieles, fast alles. Deshalb riefen Dinge, die ich nicht selbst erlebte, bei mir kein besonderes Inter¬esse hervor, das Territorium, das außerhalb der Grenzen des Gesehenen lag, fand in meiner Vorstellung keinen Platz, es gehörte wohl eher zur Kategorie des Imaginären, Relativen, zu etwas, worüber man Bücher lesen oder Filme sehen konnte.
Über das richtige Leben konnte man keine Bücher lesen oder Filme sehen – das richtige Leben war da und musste gelebt werden.
Jetzt, wenn ich aus der nächsten Bergarbeiterstadt aufbreche, in der ich alle mit Lähmung geschlagenen Schächte gefunden, alle arbeitslosen und hoffnungslosen Einwohner kennengelernt habe, denke ich, dass selbst die relative Erweiterung meiner persönlichen Erfahrung an meinen kindlichen Vorstellungen von dem idealen Territorium, in dem ich lebte, wenig geändert hat. Es lässt sich immer noch durchschauen, man muss nur unterwegs anhalten. Also gehört das, was sich nicht durchschauen lässt, nicht dazu, es ist bereits eine andere Erfahrung, ein anderer Straßenatlas, ein anderes Totrevier, mit dem ich genau genommen nichts zu tun habe.
In einem Atlas ist das Wichtigste gekennzeichnet, die Umrisse, die er zeigt, findest du in der Realität wieder, er ist das genaueste aller Bücher, ich weiß nicht einmal, mit welchem anderen Buch man ihn vergleichen könnte, mit der Bibel würde ich einen Atlas zum Beispiel nicht vergleichen, die Bibel ist äußerst abstraktes Schriftgut, obwohl darin auch geographische Karten abgedruckt sein können, aber mit dieser Geographie hast du nichts zu tun, wegen ihrer Ferne und Unabhängigkeit. Es geht nicht einmal darum, dass es mit Hilfe der Bibel nicht möglich wäre, von Vorošylovgrad nach Dniprodzeržyns’k zu kommen, sondern dass diese Namen einfach nicht vorkommen. Ich bin schon immer überzeugt gewesen, dass die Religion regional gefärbt sein sollte, denn sonst ist es keine Religion, sondern McDonald’s.
Es ist wirklich ein merkwürdiges Gefühl, das eigene Bewusstsein mit Hilfe von Autoatlanten zu erweitern, du schneidest quasi deinen eigenen Körper auf und siehst zu, wie das Blut von der rechten auf die linke Seite fließt. So sind auch die Karten in einem Atlas – du siehst, wofür in dem Land, in dem du lebst, Platz ist, wie viele Straßen, Brücken es ausfüllen, du ahnst, wie viel Gras, Häuser und Vögel sich gleichzeitig auf diesem markierten flachen Gelände befinden, wie viele von ihnen hineinpassen und wie viele umständehalber hineinpassen würden, wenn diese Umstände einträten.
Ich ertappe mich die ganze Zeit bei dem Gedanken, dass ich es viel interessanter fände, lebende Objekte zu fotografieren; nicht dass mich die Ruinen und der ökonomische Niedergang in der Region fertig machen würden, es geht ja auch gar nicht um Niedergang, es sind einfach unterschiedliche Lebensprioritäten, den einen interessiert die lebendige Wirtschaft, den anderen die tote. Ich kann hier gar keinen Niedergang erkennen, und sei es nur, weil alle hier geblieben sind, die Arbeiter all dieser kaputten Bergwerke und verschwundenen Werkshallen, die Wirtschaft ist einfach nicht in der Lage, die fettesten Brocken der Realität zu vergiften, die meisten Prozesse, die uns bewegen, die uns von einer Ecke des Landes in die andere schieben, die uns nicht weit weg lassen und uns keinen Moment des Innehaltens gewähren, erfasst sie einfach nicht.
Wir brachen schließlich auf und rissen uns Spiegelungen der Landschaft aus der Luft ringsum, schwarz-weißes Totrevier, das trotz all seiner Erstarrung nicht tot wirkte. Beim Zurücklegen derselben Strecke werden jedes Mal dieselben Rezeptoren aktiviert, es ist, als würdest du deine Bordnotizen erneuern, die mit der Zeit gelöscht werden und verschwimmen, deshalb ist es gut, sie immer mal wieder aufzufrischen. Alles wird in einen Katalog eingetragen – du notierst und markierst jede Biegung, jeden Parkplatz, jedes Gebäude am Straßenrand, die Namen der Orte, die Lage der Wachposten, die Entfernung zwischen den Tankstellen und Raststätten, die Preise an den Tankstellen und in den Raststätten, die Arbeitszeiten der Tankstellenwärter und Nutten, die hier jeder kennt, jeden kaputten Lieferwagen mit nach außen gestülptem Inneren, jeden Tramper an der Kreuzung, jeden Leichenzug, den man nicht überholen kann, so dass der Eindruck entsteht, du würdest dauernd hinter Leichenzügen herfahren, die du nicht überholen kannst, und schauen, was nun dort beginnt, wo das Leben zu Ende ist.

***

Das nächste Mal trafen Christoph und ich uns an einem Bahnhof, ich saß ein paar Stunden rum und wartete auf meinen nächsten Zug, ich rief Christoph an, er kam und erzählte drauf los:
„Das wird ein tolles Projekt“, sagte er, „vor allem diese Objekte im Donbas. Schreibst du was drüber?“
„Über die Reise?“ fragte ich.
„Nein, über das Totrevier, nicht über die Reise.“
„Ich kann’s versuchen“, sagte ich. „Obwohl ich lieber etwas über die Reise im Ganzen schreiben würde.“
„Nein“, sagte Christoph und rechtfertigte sich, „mich interessiert das Totrevier.“
„Gut“, sagte ich. „Warum nicht. Dann eben über das Totrevier. Weißt du“, sagte ich, „ich reise hier gern herum. Aber weniger wegen der Industriebrache. Obwohl deswegen vielleicht auch.“
„Ja“, stimmte er zu. „Das ist klasse.“
„Schade, dass du nur tote Objekte fotografierst. Ich finde den Weg interessanter.“
„Die toten Objekte haben einen Vorteil – wenn sie tot sind, wiederholen sie sich nicht.“
„Der Weg hat auch einen großen Vorteil.“
„Und welchen?“
„Man kann ihn immer wieder zurücklegen.“


Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe, Tübingen

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Seit der Wende engagierte sich Polen besonders für die Ukraine. Darin kommen das Interesse an wirtschaftlicher und politischer Stabilität in der Nachbarschaft, historisch-kulturelle Verflechtungen sowie geopolitisches Kalkül zum Ausdruck. Die Ukraine war nahezu Teil der polnischen Staatsraison. Warschau sah seine Mission darin, die Ukraine in die NATO und die EU zu führen. Doch die Hürden sind hoch. In der bilateralen Kooperation in Wirtschaft und Politik sind die Ansprüche größer als die Ergebnisse. Ernüchterung macht sich breit. Polen bleibt zwar der Sachwalter der Ukraine, aber die Politik wird pragmatischer. Schließen

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Zaur Gasimov | 403

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Ėlla Libanova | 413

Qualität statt Quantität
Chancen der demographischen Entwicklung
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Die Ukraine ist in einer demographischen Krise. Die Einwohnerzahl sinkt, die Lebenserwartung geht seit fünf Jahrzehnten zurück, die Geburtenrate gewährleistet nicht einmal die Reproduktion der Bevölkerung. Eine Überalterung der Gesellschaft ist die Folge. Dazu kommt Arbeitsemigration. Da der Bevölkerungsrückgang nicht gebremst werden kann, sollten alle Anstrengungen darauf zielen, die Lebensqualität der Menschen zu erhöhen. Schließen

Olena Malynovs’ka | 427

An der Kreuzung
Migration aus, in und durch die Ukraine
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Grenzüberschreitende Migration ist ein bedeutender Faktor für die Entwicklung der ukrainischen Gesellschaft. Nach der Auflösung der Sowjetunion kehrten viele Menschen aus den postsowjetischen Staaten in die Ukraine zurück, darunter die unter Stalin deportierten Krimtataren. Umgekehrt verließen vor allem Juden das Land Richtung Israel. Diese ethnische Migration ist weitgehend abgeschlossen. Heute verlassen Millionen Ukrainer ihr Land, um in Russland, Ostmittel- und Südeuropa zu arbeiten. Ihre Überweisungen sind von großer volkswirtschaftlicher Bedeutung. Die sozialen Folgen sind jedoch fatal, da viele Arbeitsmigranten ihre Kinder zurücklassen. Die Bedeutung der Ukraine als Transitland von Migranten wird hingegen oft überschätzt. Die Grenzen sind heute weitgehend gesichert. Angesichts der demographischen Krise sollte sich die Ukraine daher vor allem um die Rückkehr der Arbeitsmigranten kümmern. Schließen

Kerstin Zimmer | 443

Abgründe und ihre Gründe
Fremdenfeindlichkeit und rechte Gewalt
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Lange galt die Ukraine als eine von Toleranz geprägte multiethnische Gesellschaft, als Vorbild im postsowjetischen Raum. Seit 2005 mehren sich die Berichte über antisemitisch und rassistisch motivierte Straftaten. Die Delikte reichen von Vandalismus über Körperverletzung bis Mord. Die meisten Opfer sind Roma und Juden. Immer häufiger richten sich die Gewalttaten auch gegen Menschen aus Asien und Afrika. Internationaler Druck veranlasst die ukrainische Regierung zu handeln. Schließen

Vitalij Atanasov | 461

Mythenbildung
Vom paradoxen Nutzen des Sowjeterbes
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Für Fremdenfeindlichkeit und Missstände aller Art machen ukrainische Politiker das sowjetische Erbe verantwortlich. Dieser Erklärungsversuch überzeugt zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kommunismus immer weniger. Die Fixierung auf die Vergangenheit hat den Zweck, von den strukturellen Problemen der Gegenwart abzulenken und das Scheitern der Reformen in der Ukraine zu verschleiern. Schließen

Karsten Hein | 469

Mitten unter uns
Aids in der Ukraine
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Nirgendwo in Europa sind so viele Menschen mit HIV infiziert wie in der Ukraine. Der Virus breitete sich durch in erster Linie durch Drogenkonsum aus. Aids hat in der Ukraine furchtbare Folgen für die betroffenen Menschen. Da meist die Ärmsten der Armen betroffen sind, fehlt es an elementarer medizinischer Versorgung. Die Gesellschaft stigmatisiert und isoliert die Kranken. Die internationale Hilfe reicht bei weitem nicht aus. Das gesellschaftliche Klima in der Ukraine muss sich ändern, damit der Umgang mit den Kranken menschenwürdiger wird. Schließen