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Die Macht der Musik
Mieczysław Weinberg: Eine Chronik in Tönen

Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.)
208 Seiten, Musik-CD, 60 Abbildungen
Berlin (BWV) 2010 [= Osteuropa 7/2010]
Preis: 22,00 €
ISBN: 978-3-8305-1710-8

Coverbild

Editorial | 3

Musik aus der Versenkung
Mieczysław Weinberg? Wer sich in Deutschland, Polen oder Russland umhört, erhält
überall dieselbe Antwort. Weinberg? Nie gehört! Selbst Fachleute runzeln fragend die
Stirn. Es ist paradox: Herausragende Interpreten wie Mstislav Rostropovič, David
Ojstrach oder Emil Gilel’s spielten Uraufführungen von Weinberg und schätzten seine
Musik. Das Jahrhundertgenie Dmitrij Šostakovič äußerte sich enthusiastisch über etliche
Werke aus der Feder von Weinberg, mit dem ihn über drei Jahrzehnte eine enge
Freundschaft verband. Mieczysław Weinberg schuf die Musik zu Klassikern des sowjetischen
Kinos, die Millionen Menschen sahen. Doch hinter dem bewegten Bild trat der
Komponist nie hervor. Es ist ein Rätsel, wie die Musik eines der kreativsten Komponisten
des 20. Jahrhunderts derart lange ignoriert werden konnte.
Heute ist das Bild klarer. Weinberg war ein Außenseiter. Er war ein polnischer Jude
und bereits ein herausragender Pianist, als er sich 1939 nach dem deutschen Überfall
auf Polen in die Sowjetunion rettete. Der Sowjetunion verdankte er sein Leben und
die Ausbildung zum Komponisten. Doch seine Musik wurde selten gespielt, das Gros
seiner Werke blieb zu seinen Lebzeiten (1919–1996) ungedruckt. Er war von einer
skrupulösen Bescheidenheit, beteiligte sich kaum am offiziösen Musikbetrieb, am
Verteilungskampf um Aufträge und Privilegien. Er kümmerte sich kaum um die
Verbreitung seiner Werke, sondern konzentrierte sich auf das Wichtigste: Er schrieb
Musik, wovon Hunderte Kompositionen Zeugnis ablegen.
Aber auch die musikalischen Rezeptionshürden waren hoch. Seine Musiksprache
wurzelt in der polnisch-jüdischen Musikkultur der 1920er und 1930er Jahre, die in
Krieg und Holocaust vernichtet wurde. In der Sowjetunion blieb sein musikalisches
Idiom den Zuhörern fremd. Und das Jüdische war aus politischen Gründen tabu. Im
Westen, selbst in Polen, galt sein Musikstil als zu altmodisch und inhaltsleer. Für viele
war Weinberg ein Epigone von Šostakovič. Dieses Urteil verrät mehr über die Gewohnheiten
der Hörer als über die Qualität des Komponisten.
Weinbergs Leben ist von der Signatur des 20. Jahrhunderts gezeichnet: von Krieg und
Massenmord. Seine Eltern und seine Schwester wurden Opfer des Holocaust, in der
Sowjetunion ließ Stalin Weinbergs Schwiegervater, den berühmten Regisseur Micho÷ls
ermorden. Er selbst geriet während der fabrizierten „Ärzteverschwörung“ in die Klauen
der Geheimpolizei, aus denen ihn nur Stalins Tod rettete. Der Krieg und der Holocaust
durchziehen sein Werk. Bei aller Anpassung an die ideologischen Vorgaben
vermied Weinberg jede Geste des dröhnenden Triumphes, sondern richtete den Fokus
auf das Leid und die Trauer und machte sich so zu einem Chronisten seiner Zeit.
Dass ein Komponist mit seiner Familie Opfer von Repression wird, ist kein Qualitätsurteil.
Was allein zählt, ist die Musik. In Weinbergs umfangreichem OEuvre gibt es in
nahezu jedem Genre Werke, die zu den besten zählen, die im 20. Jahrhundert geschaffen
wurden. Darin liegt die Macht seiner Musik: Sie ist es wert, gehört zu werden.
Und wer sie hört, wird sie nie mehr vergessen. Das 6. Streichquartett und die Sonate
für Bratsche und Klavier auf der CD in diesem Heft mögen ein Beitrag sein, dass
Weinberg endlich aus der Versenkung geholt wird.

Manfred Sapper, Volker Weichsel